geflecht

ich hatte dich nicht erwartet, nicht dich, nicht heute, nicht hier, nicht in meiner nähe, meinen blicken, meinen armen. mein lächeln harrt seiner geburt, als die erkenntnis mich liebkost, das wissen sich aus dem sehen befreit, durch das denken wuchert und in mein fühlen blüht, als ich zwischen den momenten dich entdecke, dich finde, dich empfinde.

ich hatte dich nicht erwartet, nicht zu erwarten gewagt, nicht zu hoffen gewagt, hatte deine namen mit stille belegt, mit reglosem schweigen, das hoffte, kein warten zu sein, hatte deine wärme aus meinem wünschen getilgt, dein antlitz mit trüber ferne belegt, mit lautlosem abschied, der alles morgen dämpfte.

ich hatte dich nicht erwartet, nicht hier, außerhalb meiner gedanken, jenseits meiner träume, wo ich dein gedeihen nicht tilgen, dein gleißen nicht zu schmälern vermag, nicht hier, jenseits meiner mitten, wo ich mich haltlos um dich drehe, nicht hier, jenseits meiner worte, wo mein flüstern immerfort zu deinem leib gerinnt.

ich berühre, berühre dich, greife, doch kann nicht begreifen, fasse, doch kann nicht erfassen, was mich aus innersten tiefen empor-, aus weglosem sehnen hinaufträgt, mich allem wollen entreißt und dem puren jetzt darbietet, das meine sinne mit sich reißt, allem staunen entzieht und jener atemlosigkeit vermacht, die lippenwärme und feucht schillernden augen zueigen ist.

„ich hatte dich nicht erwartet.“, will ich flüstern, doch dringt nur schweigen aus meinem versiegelten mund, nur stille – und ein geflecht aus uns.

Sein Name

Und dann kam der Tag, an dem mir bewusst wurde, dass ich seinen Namen nicht kannte. Wir teilten uns ein Büro, mittlerweile seit bestimmt sieben, vielleicht sogar acht Monaten, und ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie er in den Raum gekommen war, mir die Hand gereicht und sich vorgestellt hatte. Werner, hatte er gesagt, glaube ich. Oder Jeremy. Oder Olaf. Oder etwas ganz anderes. Vielleicht Rüdiger. Hassan. Michelle. Keine Ahnung.

Wir teilten das Büro, doch nicht unsere Freizeiten. Verließ er die Arbeit, war es, als sei er über den Rand meiner Welt gesprungen, nur um am nächsten Morgen in altbekannter Namenlosigkeit vor seinem Rechner zu sitzen. Ich grüßte, mochte ihn, verstand mich gut, tauschte gar Scherze und zuweilen Privates aus. Seine Freundin hieß Johanna, war Dozentin für Bildende Kunst und vor vier Wochen bei ihm eingezogen. Er sammelte Matchboxautos aus den 80ern und ekelte sich vor Topflappen. Seine Mutter nannte er immer „Mami“, wofür er sich schämte, obwohl ich es niedlich fand. Und wenn sie ihn besuchte, kaufte er stets eine Sonnenblume, weil es ihn an seine Kindheit erinnerte, die er in einem Örtchen unweit von Wiesbaden verbracht hatte, irgendwo, wo im Garten immer zahlreiche Sonnenblumen gestanden und in seiner stillen Verzückung gebadet hatten.

Oh, ich wusste vieles von ihm, kannte den Namen seiner letzten beiden Arbeitgeber, wußte, welche Schuhgröße sein bester Freund hatte, hätte ohne nachzudenken zehn Alben aufzählen können, die in seinem Regal standen. Ich kannte seinen Lieblingsfußballverein und wusste, dass er sich ärgerte, einst einen Bayern-Schal geschenkt bekommen zu haben, kannte seine Hausnummer und sein Autokennzeichen, sein Sternzeichen und das seines Bruders.

Nur seinen Namen kannte ich nicht.

Ich hatte nie darauf geachtet, doch als mir klar geworden war, dass ich seinen Namen vergessen, ja, mir niemals gemerkt hatte, fiel es mir schwerer, mit ihm zu sprechen, ihn zu rufen, wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gab oder in der Firmenküche Kuchen bereitstand. Ich fühlte mich unbehaglich, wenn ich mit anderen Kollegen über ihn redete, wenn ich meiner Frau von ihm erzählte, ja sogar, wenn er in den Feierabend schritt und nichts weiter als ein „Bis morgen!“ von mir erwartet wurde.

Sein Schreibtisch war stets aufgeräumt und sauber, und kein Brief, kein unnützer Zettel, kein Ausweis und keine Mitgliedskarte wagten es, darauf herumzuliegen, und mir seinen Namen zu verraten. Seine Mailadresse war eine Zahlenkombination, Kollegen nannten ihn Kobold, weil sein rotes Haar vor allem in Sommermonaten gut zur Geltung kam.

Ich fand es gemein und hütete mich vor derartigen Spitznamen. Und dennoch kam ich immer häufiger in Situationen, wo ich seinen Namen gebraucht hätte. Der scherzhaft vorgetragene Begriff des „Mithäftlings“ kam bei meinem Chef nicht so gut an, und jedes andere Synonym barg schon eine zu große Tendenz, aufzufallen und meine Unkenntnis bloßzustellen.

In meinen Gedanken wurde er zu „der Namenlose“, und scherzhaft bildete ich mir ein, es sei tatsächlich so: ‚Er hat gar keinen Namen!‘, dachte ich, bis ich mir Gründe dafür auszudenken begann. Krude Ideen wirbelten durch meinen Kopf, von Waisenhaus bis Ausserirdischer, und irgendwann hielt ich an der Vermutung fest, dass er zwar einen Namen besaß, doch niemand es wagte, ihn auszusprechen. Tatsächlich, seitdem ich darauf achtete, hatte ich niemals jemanden seinen echten Namen sagen hören. Du-weißt-schon-wer, nannte ich ihn nun, nach dem finsteren Gegenspieler Harry Potters.

Doch Du-weiß-schon-wer wurde meinen Gedanken alsbald zu kompliziert, und ich dachte, wenn ich an ihn dachte, nur noch an Voldemort. Und immer kicherte ich innerlich, weil ich mich dabei angenehm albern fand. Aber Voldemort war zu lang, und so hieß er für mich alsbald nur noch Voldi.

Eine Zeitlang ging das gut, dann erwachten Kindheitserinnerungen an einen unhübschen Fernseh-Puppendrachen, und aus Voldi wurde Poldi. Wenig zufrieden war ich mit diesem nun ermittelten Namen, war mein Kollege doch alles andere als ein Poldi. Aber als dann die Fußballweltmeisterschaft begann, war plötzlich der Name Poldi in aller Munde, bekam einen anderen Beiklang. Und es dauerte nicht lang, dass Poldi in meinen Gedanken Lukas hieß, seinem Fußball spielenden Spitznamensvetter folgend.

Lukas war ein Name, mit ich leben konnte. „Guten Morgen.“, grüßte ich ihn und ergänzte innerlich ein gelächeltes „Lukas“. Lukas blieb Lukas, egal, wie er wirklich hieß, und ich freute mich, endlich einen Namen gefunden zu haben, der zu ihm passte. Freunden erzählte ich von Lukas, der dazu neigte, zwei unterschiedlich farbige Socken anzuziehen, um eine Art Miniaturrebellion auszuführen. Meinem Sohn erzählte ich von Lukas, dessen Matchboxsammlung ihn allerdings wenig interessierte. Selbst meinem Lieblingsbäcker erzählte ich von Lukas, weil er jeden Morgen ein Käsebrötchen aß.

Vor den Kollegen hatte Lukas immer noch keinen Namen. Und doch besaß er ihn, in meinem Kopf, und jedes Gespräch, das ihn zum Inhalt hatte, fiel mir plötzlich leichter.

Es dauerte nicht lange, das bekam Lukas einen Spitznamen. Luke. Nicht sehr kreativ, ich weiß, doch es schien mir, als sei dies der richtige Spitzname für ihn, als passte er noch ein bisschen besser zu ihm.

Luke wusste von alledem nichts, und selbst als ich ihn eines Tages mit „junger Padawan“ anredete, verzog er keine Miene. Und so sollte es auch bleiben, denn nun hatte ich eine Möglichkeit gefunden, ihn mit Namen anzusprechen. Nicht mit seinem Namen, natürlich, aber mit irgendeinem. Aus Padawan wurde Pad, aus Pad iPad, daraus für kurze Zeit Ei, bis er genervt mit den Augen rollte, wenn ich ihn so nannte. Das Rollen machte ihn zu Rolli, zu Rolf, zu Zuckowski, zu Zucker, zu Sweety. Seine Augenrollfrequenz nahm zu, und ein männlicherer Name musste her. Ich nannte ihn Sylvester, nach Sylvester Stallone, aber gleichzeitig auch nach der Trickfilmkatze, die den frechen Vogel Tweety jagt, dessen Name wiederum fast wie Sweety klingt.

Aus Sylvester wurde Syl, wurde Sid, wurde – keine Ahnung, warum – Peter, wurde Pete. Pete blieb eine Weile, bis ich es Leid wurde, ihn mit einem englischem Namen anzureden. Etwas Hiesigeres musste her, etwas, das in Kürze und Merkbarkeit mit Pete konkurrieren konnte, das zu ihm, zu Pete, passte, dass altbekannt und dennoch erfrischend modern war. Ich zerbrach mir den Kopf, doch die Ideen ließen mich im Stich.

Das Buch „Beliebte Babynamen“ half auch nicht weiter. Die meisten Namen waren Mist, passten nicht, waren zu lang, zu fremdartig, zu bedeutungsschwanger, zu hässlich. Ich war bereits beim Buchstaben T angelangt, als Pete mich ansprach.

„Sag mal.“, und hier, an dieser Stelle, wo mein Name eingesetzt werden könnte, vernahm ich eine fühlbare Pause. Pete wirkte unsicher. „Haben wir einander eigentlich jemals vorgestellt?“
Ich starrte ihn an, unfähig auch nur ein Wort zusagen. Dann schüttelte ich den Kopf, langsam, zögerlich, mir meiner Lüge bewusst.
Pete reichte mir die Hand und grinste. „Ich bin Peter. Wie heißt du?“
„Äh … Lukas.“, antwortete ich und schlug ein.

Ich heiße nicht Lukas.

Ganz anders

„Nein, wir machen alles ganz anders!“, rief Peter und fuchtelte hektisch mit den Armen. „Ganz ganz anders!“
Ich seufzte, ganz leise nur, denn sowohl meine Lust als auch meine Geduld dürften mittlerweile in irgendeinem Fundbüro angekommen sein. Ich hatte sie jedenfalls bereits vor Stunden verloren.
„Wie denn?“, fragte ich und dachte ‚Ganz anders.‘
„Na, ganz anders!“, rief Peter und fuchtelte noch hektischer mit seinen Körperauswüchsen, fast so, als hätte ich ihn beim Versuch unterbrochen, flügge zu werden.
„Ach so.“, meinte ich. Die Ironie, die aus diesen beiden Silben nur so triefte, blieb unbemerkt. Peters Denken und Handeln hatte sich ganz dem „anders“ verschrieben, das er nun schon so lange proklamierte – das unglücklicherweise sekündlich seine Form zu ändern schien.
„Ich hab’s!“, rief Peter. Sein Gesicht erstrahlte zum geschätzten dreiundzwanzigsten Mal, als eine neue Genialität seinen Geist heimsuchte. Ich ersparte mir ein weiteres Seufzen. Der Vorrat für die nächsten Wochen war bereits aufgebraucht.
Mein Gesicht war ein Fragezeichen, und es gelang mir, mein erblühendes Desinteresse so zu kneten, dass es nach außen hin wie Geduld wirkte. Ich wartete, dass Peter fortfuhr, doch seine Stirn knitterte schon wieder bedrohlich.
„Wir müssten eigentlich nur…“, begann Peter, unterbrach sich, begann erneut. „Eigentlich sollten wir…“ Er atmete ein, aus, wieder ein.
„Nein, wir machen alles ganz anders!“, rief er dann triumphierend, als wäre, was soeben geäußert hätte, eine Idee.
„Wie anders?“, fragte ich und bereute es sofort.
„Na, ganz anders!“, erklärte Peter. Sein Gesicht gleißte, und ich wünschte, seine Begeisterung würde nicht immer wieder auf dem Weg zu mir verenden, so wie meine Fragen nach Details immer wieder an Peters Hörorganen zerschellten.
„Wie wär’s denn…“, setzte ich an, doch Peter unterbrach mich. „Ich weiß es!“, rief er, „Jetzt weiß ich es!“
Ich zog die Augenbrauen hoch.
„Es ist eigentlich ganz einfach. Erstaunlich, dass wir bisher nicht drauf gekommen sind! Dabei lag es die ganze Zeit direkt vor unserer Nase.“ Er sah mich an und grinste. „Wir waren einfach betriebsblind.“
„Also…?“, sagte ich. Für eine komplette Frage hatte ich keine Kraft mehr.
Peter fuchtelte mit den Armen und verkündete fröhlich:
„Wir machen alles ganz anders!“
Ich nickte. Genau das hatte ich erwartet.
„Ganz ganz anders.“, ergänzte Peter und strahlte vergnügt vor sich hin.