Der Ritter in meinem Schrank

Der Ritter in meinem Schrank ächzte leise. Er war alt und seine Rüstung sah alles andere als bequem aus. Außerdem befand er sich in meinem Kleiderschrank, was zugegebenermaßen nicht der bequemste Ort für Besucher im Allgemeinen und Metallanzugträger im Speziellen war. Doch war er es, der plötzlich im Schrank gestanden hatte, als wäre er schon immer dort gewesen. Und er war es auch, der dort bleiben wollte, ganz gleich, wie viele freundliche Worte ich für ihn fand oder wie viele Schokokekse ich ihm anbot. Mehr als drei hatte ich sowieso nicht.

„Wie bist du überhaupt in meinen Kleiderschrank gekommen?“, fragte ich unbeteiligt, so, als hätte ich es nicht schon dutzende Male vergebens versucht, als würde ich mir nicht seit dreiundvierzig Minuten den Kopf darüber zerbrechen, wie ein Ritter in rostiger, aber dennoch beeindruckend massiver Gewandung plötzlich in mein Zimmer kam.

Der Ritter in meinem Schrank ächzte erneut. Vielleicht seufzte er auch. Oder seine Rüstung knarrte. Ich kannte ihn noch nicht lang genug, um das bereits auseinanderhalten zu können. Erst seit dreiundvierzig Minuten. Vierundvierzig, um genau zu sein.

„Das ist eine lange Geschichte.“, meinte der Ritter. Seine Stimme klang überraschend hell aus dem Helm heraus, so dass ich mich für einen Moment lang wunderte, wer überhaupt mit mir redete.
„Eine lange lange Geschichte.“, sagte der Ritter, und ich fühlte die Schwere, die hinter diesen Worten lang, die Jahre, Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, die auf seinen blechbemantelten Schultern lasteten.

„Willst du einen Keks?“, bot ich ihm an.
Er blickte mich verwundert an, betrachtete die beiden verbliebenen Kekse und nickte dann. Ich reichte ihm den Teller.

Der Ritter setzte sich. Ächzend. Seufzend. Knarrend.
„Es war die Hexe.“, sagte er dann und biss vom Keks ab.

„Was für eine Hexe?“, wollte ich fragen, doch da war er bereits verschwunden.

Ich suchte den ganzen Nachmittag im Kleiderschrank, in meinem Zimmer, schließlich sogar im ganzen Haus nach ihm, doch fand ihn nicht. Nicht ihn, nicht seine Rüstung, nicht seinen Keks.
Nur einen rostigen Fleck auf meiner Lieblingsjacke.

„Mami wird mir das nicht glauben.“, seufzte ich und aß den letzten Keks.