nackt

wie wild der wind sich zwischen wellen
aus trockenbunten blättern wirft
als gelte es mit schnellen
hastig ins geäst gelachten stößen
und fingern aus geballter watte
dem baum das kleidchen zu entreißen
den rindenkörper zu entblößen
auf dass ein winter ihn begatte.

und deine hand vergaß

die winkel meiner lippen
gen himmel auszurichten

deine namen zu vernehmen
die ihnen entglitten
unbedacht
als wären sie halt

mein augenfeuer neu zu schüren
auf dass es stern dir sei
und richtung

in die stille meines hauptes
dein gelächter zu pflanzen.

und deine hand vergaß

sich mit meinen sehnenden fingern
zu bekleiden.

Regenbogenelefanten

Peter und Felix waren den Elefanten bereits dreieinhalb Tage gefolgt. Es war ihrer erste Safari, und keiner der beiden wusste, was zu tun war, wenn sie wirklichen Gefahren ausgesetzt waren. Doch bisher war alles gut gegangen. Sie hatten sich ruhig verhalten, in Büschen gesessen und die Elefantenherde beobachtet, als gäbe es in ihrer Mitte einen Schatz zu entdecken.

„Regenbogenelefanten.“, hatte der Einheimische in überraschend verständlichem Deutsch ihnen erklärt. „Das sind Regenbogenelefanten.“ Dann war er, mit einem wissenden Grinsen auf den Lippen verschwunden, irgendwo in der Menschenmenge eines Basars, aus dem ihn weder Rufe noch Verfolgungsversuche zurückzuholen vermochten.
„Regenbogenelefanten.“, murmelte Peter nun und schüttelte den Kopf. Er hatte von ihnen gehört. Eine alte Geschichte. Eine Legende.
Regenbogenelefanten waren von herkömmlichen afrikanischen Elefanten nicht zu unterscheiden. Zumindest nicht für Uneingeweihte. Es sei denn, sie gebaren Kinder. Regenbogenelefantenkinder waren bunt, schillerten nach ihrer Geburt in den verrücktesten Farben und glichen sich erst nach und nach, innerhalb mehrerer Wochen, an das eintönige Grau der Älteren an. Regenbogenelefantenbabys waren, wollte man den Legenden glauben, das Schönste, was Mutter Natur hervorgebracht hatte, und wer eines erblickte, würde Zeit seines Lebens nie wieder unglücklich sein.
„Regenbogenelefanten.“, seufzte Felix und strich sich einen Ast aus dem Gesicht. Zum dritten Mal, doch war es egal. Ihm war langweilig.

Seit Mittag hatte sich die Herde nicht mehr weiterbewegt. Die hochschwangere Elefantenmutter stand in ihrer Mitte und wurde von riesigen Leibern vor allem Äußeren geschützt. Es würde jeden Augenblick so weit sein, sagten sich Peter und Felix bereits seit Stunden.

Plötzlich: ein Geräusch. Peter sprang auf, zückte sein Fernglas. „Es geht los!“, raunte er Felix zu.
Tatsächlich. In der Herde war Unruhe entstanden. Viel war nicht zu sehen, doch die Bewegungen waren hektischer, nervöser, als noch Sekunden zuvor.
Felix nickte. Nun ging es los.

Sie hielten Wache. Wechselten sich ab. Immer einer starrte durch das Fernglas, beobachtete die Elefantendame. Der andere schlief, besorgte Nahrung. Hielt Ausschau nach Gefahren. Nach anderen.
Die Nacht war erfüllt von den merkwürdigsten Geräuschen. Die Elefantendame stöhnte. Das Kalb in ihr wollte heraus.
Peter schüttelte müde den Kopf. Es war noch nicht soweit.

In der zweiten Nacht schliefen sie beide. Felix war bei der Wache eingenickt, ein Speichelfaden lief sein Kinn hinab. Sie schnarchten leise, und manchmal schien es, als würden sich die Rhythmen ihrer Geräusche zu einer faszinierenden Komposition ergänzen.

Als die Sonne aufging, erwachte Peter. Sprang auf. Zückte sein Fernglas.
„Es ist soweit.“, flüsterte, stieß Felix mit dem Fuß an. „Es ist soweit!“
Felix knurrte.
„Steh auf!“, flüstere Peter etwas lauter und trat – nicht ganz ohne Absicht – etwas fester zu.
Felix riss die Augen auf.
„Wasnlos?“
„Es ist soweit.“, wiederholte Peter und zeigte zur Herde.

In diesem Augenblick teilte sich der Block grauer Leiber und gab die Sicht frei. Auf die Elefantendame. Und ihr Kalb. Ihr Baby.
Peter schossen die Tränen in die Augen. „Nicht doch.“, sagte Felix mit belegter Stimme und reichte ihm ein Taschentuch.
Das Regenbogenelefantenbaby stand bereits auf eigenen Füßen. Nicht sehr sicher, doch es stand. Der Rüssel der Mutter blieb in steter Nähe, berührte es, gab Gleichgewicht. Ein erster Schritt.
„Es läuft!“, rief Peter beglückt.
„Schhhhht.“, mahnte Felix und wischte sich eine Träne von der Wange.

Als die Herde weiterzog, ließen sie Peter und Felix zurück, in ihrem Busch versteckt, die Ferngläser vor die Augen gepresst – und selig lächelnd.
„Das war vielleicht das Schönste, was ich je sah.“, sagte Peter nun schon zum vierten Mal. „Das Schönste.“
Felix nickte. „Aber es ist nicht bunt. Das Baby ist nicht bunt.“
Peter nahm das Fernglas herunter und schüttelte mit dem Kopf. „Nein, nicht bunt. Ein ganz normales graues Elefantenbaby. Kein Regenbogenelefant.“ Er seufzte. „Leider kein Regenbogenelefant.“ Er machte eine kurze Pause und lächelte zufrieden. „Und trotzdem.“
„Trotzdem.“, wiederholte Felix und nickte nochmals.

Er blickte ein letztes Mal auf den neugeborgenen Elefanten, dessen Schritte längst nicht mehr unsicher und holprig wirkten, seufzte kurz und nahm das Fernglas ebenfalls herunter.
„Zeit zu gehen.“, sagte er.
„Zeit zu gehen.“, sagte Peter und packte seine Ausrüstung zusammen.

Nur wenige Hundert Meter entfernt pupste ein Elefantenbaby, und für einen Augenblick schillerte die entweichende Luft in allen Farben des Regenbogens.

Polaroid

Auch das dritte Bild war verwackelt.
„Vielleicht ist die Kamera kaputt.“, meinte ich und wusste, dass es nicht stimmte. Ich hatte einen ganzen Film damit verbracht, sie auszuprobieren, Schnappschüsse zu machen und mich davon zu überzeugen, dass die Kamera in bestem Zustand war. Trotzdem richtete ich sie auf Peter und betätigte den Auslöser.

Es dauerte einen winzigen, spannungsgeladenen Aufgenblick, dann begann die Kamera zu arbeiten. Wie hatte ich das vermisst, dieses Geräusch von Mechanik, dieser Beweis einer maschinell ausgeführten Tätigkeit, die ich bis heute nicht völlig begriffen hatte. Wie hatte ich es vermisst, dem weißen Polaroidfoto zuzuschauen, wie es langsam aus dem Inneren des Apparates ins Freie geboren wurde. Wie hatte ich es vermisst, ihm das Gezeugte zu entreißen und und wild wedelnd darauf zu warten, dass sich allmählich Formen und Farben auf dem belichteten Papier herausbildeten.

Ich lächelte, Peter schaute genervt. Nicht nur auf dem Foto, sondern auch in Wirklichkeit. Wie niedlich er aussah, wenn sich seine Stirn in Falten legte, wenn seine Mundwinkel nach unten sanken, wenn er die Backenzähne aufeinanderpresste.

„Scharf!“, rief ich und hielt Peter sein Abbild vor die Augen. Er nickte, betrachtete sich selbst, seine abweisende Miene, festgehalten mit einer Kamera, die vor 20 Jahren als modern gegolten hätte, ließ ein winziges Schmunzeln aufblitzen und versuchte dann, seinen Unmut wiederzufinden und sich in ihm zu vergraben. Es gelang ihm nicht ganz. Zu gut kannte ich ihn, um nicht zu bemerken, dass sein Portrait ihn aufgeheitert hatte. Und dass er sich Sorgen machte. Nicht wegen mir, sondern wegen des Fotos. Wegen der drei verwackelten Fotos. Wegen des Stuhls.

Die Fotos waren nicht verwackelt. Nicht völlig. Nur der Stuhl war unscharf darauf zu sehen, als hätte man eine stuhlförmige Milchglasscheibe vor ihm positioniert. Als wären Nebel aufgezogen, um sein wahres Antlitz zu verhüllen. Als wäre er eine Art Vampir, den zu fotografieren nicht möglich war. Doch es war ein Stuhl. Ein schlichter Holzstuhl. Ein Bertil, vor einer Stunde bei Ikea erworben und innerhalb weniger Minuten montiert. Ein Stuhl aus Kiefer, Schrauben und Leim. Ein Stuhl.

Ich fotografierte ihn ein viertes Mal. Der Apparat gebar, und ungeduldig wedelte ich das Polaroidfoto hin und her, auf und ab. Unscharf.

Die Konturen meiner Strickjacke, die ich auf dem Stuhl abgelegt hatte, waren klar und eindeutig. Das Kachelmuster des Küchenfußbodens war in Perfektion abgebildet. Selbst die Stehlampe hinter dem Stuhl war, obgleich außerhalb des Bildzentrums stehend, noch schärfer zu sehen als der hölzerne Stuhl, dessen Kanten schwammigen Wesen aus fernen Galaxien glichen, als bestünde die Welt eigentlich aus Aquarellfarbe und für den Stuhl wäre zu viel Wasser benutzt worden.

„Vielleicht kommt der Fokus mit der Farbe nicht klar.“, murmelte ich zweifelnd, rannte rasch ins Arbeitszimmer, kramte in einer der zahlreichen Schubladen, hielt triumphierend die Digitalkamera hoch und eilte in die Küche zurück. Peter war verschwunden, hatte vermutlich die Lust verloren. War auf dem Klo oder so. In schneller Folge schoss ich fünf, sechs Bilder vom Stuhl – und allesamt waren sie scharf.
Unglaublich.

„Peter, schau dir das an!“, rief ich, doch bekam keine Antwort. Ich ergriff die Polaroidkamera, richtete sie auf den Stuhl, drückte ab. Es surrte, brummte. Ich wartete, wedelte. Unscharf.

Allerdings hatte sich die Farbe des Stuhles geändert. Das helle Kiefernholz hatte auf dem Foto einen dunkleren Farbton angenommen, als wäre die Polaroidkamera nicht nur nicht imstande, seine Konturen ordnungsgemäß darzustellen, sondern hätte auch die Fähigkeit verloren, die Farben der Wirklichkeit entsprechend zu reproduzieren. Allerdings nicht alle Farben. Nur die des Stuhls.
Ein Schauer lief mir über den Rücken.

„Peter!“, rief ich, und hoffte, dass er die Panik in meiner Stimme nicht hörte. „Peter, sieh dir das an!“
Peter reagierte nicht. Gab keinen Laut von sich. War nicht zu sehen. Arschloch!, dachte ich, da fiel mein Blick auf die Mikrowelle. Auf die gläserne Scheibe der Mikrowelle, in der sich der Stuhl spiegelte. Oder eben nicht spiegelte.

Ich lief ins Bad. Kein Peter weit und breit zu sehen. Ich zuckte mit den Schultern, griff mir den Kosmetikspiegel und kehrte zum Stuhl zurück. Schaute ihn an. Erst so, dann durch den Spiegel.
Keuchte.
Selbst das Spiegelbild des Stuhles war verschwommen.
Das konnte doch nicht sein!

Ein Vampirstuhl!, durchzuckte es mich, und vor zwei Minuten hätte ich diesen Gedanken noch herrlich lächerlich gefunden. Doch jetzt nicht mehr.
Peter! Wo war Peter?
„Peter!“, rief ich, verzweifelt, den Tränen nah. Doch Peter schwieg. War wie vom Erdboden verschluckt. Oder von einem Stuhl.

Misstrauisch betrachtete ich das Möbelstück. Schüttelte den Kopf. Das war doch alles albern!
Vielleicht war der Stuhl ja ein der Sarg eines Vampires gewesen, hatte dessen negative Energien aufgesaugt und war nun selbst … Ich unterbrach meine Gedanken.
Peter. Ich musste Peter finden.
Stellte man Särge überhaupt aus Kiefer her? Verwendete man dazu nicht Eiche? Und waren die Bretter nicht eigentlich zu schmal, um später aus ihnen einen Stuhl…
„Schnauze!“, schrie ich mich an. „Schnauzeschnauzeschnauze!“

Ich drehte mich um, rannte durch die Wohnung, suchte nach Peter. Im Schlafzimmer, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, erneut im Bad, öffnete die Wohnungstür, rannte ins Erdgeschoss, auf die Straße, entdeckte niemanden, keinen Peter, keine Menschenseele, absolut niemanden. Vielleicht hatte ich ihn übersehen, dachte ich, stürmte zurück. Vielleicht in dem hohen Sessel im Arbeistzimmer. Vielleicht war er – aus welchem Grund auch immer – gerade im Kleiderschrank. Jedes Zimmer durchforstete ich, suchte Peter, öffnete Schränke und Schubladen, schaltete Lampen an und aus, riss das Fenster auf, rief seinen Namen, wieder und wieder, rannte in die Küche zurück, weil ich ein Geräusch zu hören glaubte – und hielt dann inne.

Keuchte. Außer Atem. Fassungslos. Verständnislos.
Was geschah hier? Wo war Peter? Was war das für ein bescheuerter Stuhl?

Mir drehte sich alles. Die Welt drohte in meinem Kopf zu kollabieren, und ich setzte mich.
Auf den Stuhl.

Das Paket

Das Paket konnte noch nicht lange dort stehen. Vor einer halben Stunde hatte ich noch den Müll herausgebracht, hatte die Wohnungstür geöffnet, war die sieben Stufen hinuntergelaufen, hatte mich durch die Haustür begeben, die fünfeinhalb Meter Fußweg zurückgelegt, den Beutel mit dem bereits unangenehm riechenden Inhalt in die erstbeste Tonne geworfen und war zurückgelaufen, zurück in meine Wohnung, zurück in meine Küche, wo der Wasserkocher bereits seinen Betrieb eingestellt hatte und geduldig darauf wartete, mir einen heißen Morgentee zuzubereiten. Sicherlich war ich gerade aufgestanden gewesen, hatte trotz wasserintensiver Reinigung noch das eine oder andere Krümelchen Müdigkeit in meinen Augenwinkeln kleben, doch bezweifelte ich, dass ich selbst bei absoluter geistiger Abwesenheit imstande gewesen wäre, dieses Paket zu übersehen.

5 Uhr 30 kam noch keine Post, stellte ich fest. Die halbvolle Tasse Tee war längst erkaltet und ich stand in Wintermantel, Schal und andere gesellschaftlich akzeptierte Körperverhüllungen gekleidet in der Tür und betrachtete das Paket, das meinen frisch geputzten Schuhen so unerwartet Widerstand geleistet hatte. Es konnte noch nicht lange dort stehen, stellte ich fest. 5 Uhr 30 kam noch keine Post, stellte ich fest. Meine Nachbarn, allesamt im Rentenalter, wären niemals imstande gewesen, dieses Monstrum von einem Paket anzuheben und in frühester Morgenstunde geräuscharm vor meiner Tür abzustellen, stellte ich fest. Meine Nachbarn hätten niemals ein Paket für mich angenommen, stellte ich fest und grinste säuerlich.

Woher stammt also dieses Paket, wunderte ich mich. Doch nicht sehr lange, denn das Paket selbst, dessen fast absurdes Äußeres, lud viel mehr zur Verwunderung ein. Es war groß, überaus groß, nahm fast die gesamte Breite des Türrahmens ein und ging mir teilweise bis zum Bauchnabel. Teilweise. Denn das Paket war kein Paket, das der üblichen Achteckigkeit, der altbekannten Sechsflächigkeit frönte, nein es hatte zahllose Flächen unterschiedlichster Form und Größe und weigerte sich, auch nur annähernd quaderförmig zu sein. Fast war es, als wäre das Paket von einem Wahnsinnigen entworfen worden, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit auszuloten.

Das Paket war pink. Und damit meine ich nicht das Pink, das kleine Mädchen und Jugend erstrebende Mittvierziger gerne als Kleiderkoloration wählen, nicht jenes Pink, dem eine gewisse kecke Mädchenhaftigkeit beiwohnt, jenes Pink, das ich zwar noch nicht für hübsch erachtete, dessen Existenz ich aber keineswegs bedauerte. Nein ich meinte Pinkpink. Überpink. Grellpink. Ein Pink, das mich anschrie, meine Augen auspeitschte, eines, das selbst nach dem Wegsehen noch im Blick nachglomm, das sich sogar auf meine Zunge gelegt, meine Geschmacksnerven beeinflusst zu haben schien. Echtes Pink.

Und dann die Schleife. Sie war keine Schleife, sondern die Karikatur einer Schleife, die Groteske einer Schleife, ein monströses Konstrukt, das lächerlich und beeindruckend zugleich war, das schaffte, mich schmunzeln zu lassen, während mir das Herz vor Schreck beinahe stehen …

Das Paket bewegte sich.

Nein, das konnte nicht sein! Pakete bewegten sich nicht. Selbst derart abstruse Pakete wie das vor meiner Tür bewegten sich nicht. Nie-mals!

Das pinkfarbene Papier riss auf. ‚Kein Dinosaurier!‘, dachte plötzlich und ohne Grund. ‚Bitte lass es kein Dinosaurier sein!‘
Vorsichtshalber trat ich einen Schritt zurück.

„Tadaa!“, rief der Kerl, der soeben auf dem unförmigen Paket sprang und breite die Arme aus. Verdutzt starrte ich ihn an. Sein Anzug war pink. Normal pink. Nicht überpink, grellpink, kreischpink, sondern normal pink. Wie man es kennt. Er grinste und schob sich die zerzausten Haare aus der Stirn.

„Ich komme gleich zur Sache:“, sagte er und sein Grinsen verbreiterte sich proportional zu meinen den Gesetzen des Entsetzens frönenden Pupillen.
„Du schläfst zu wenig. Viel zu wenig. Es ist jetzt…“, Er hielt inne, schaute auf sein linkes Handgelenk, wo er mit Filzstift ein paar zeigerähnliche Linien hingekrakelt hatte. „… viel zu früh, und du bist schon wach.“
Er starrte mich an, blickte mir ins Gesicht, und ich konnte die Augenringe spüren, die unter meinen Sehorganen hingen, fühlte die Schlafsandreste in meinen Augenwinkeln, spürte bereits jetzt die Kraftlosigkeit, die sich im Laufe des Nachmittags in meinem Körper ausbreiten würde, erkannte jede einzelne Sekunde fehlenden Schlafes.
„Wann bis du ins Bett gegangen?“, fragte er mich. „Um elf? Um zwölf?“
„Halb eins.“, murmelte ich. Das war korrekt. Dass ich anschließend noch mindestens zwanzig Minuten gelesen hatte, verschwieg ich jedoch.

„Halb eins?!?“, schrie der Anzugmensch und streifte sich letzte Paketpapierreste ab. „Halb eins?!? Das ist zu spät! Ich meine, jetzt ist es gerade mal …“ Er sah wieder auf seine aufgemalte Uhr. „viel zu früh, und du bist bereits wach!“
„Ich…“, setzte ich an.
„Und so geht das seit Tagen!“, rief der Anzugmann.
„Ich…“
„Seit Wochen!!“
„Aber…“
„Du brauchst Schlaf. Jetzt. Sofort. Auf der Stelle.“, sagte der Anzugmann und beruhigte sich ein bisschen.
„Aber ich muss doch arbeiten!“
„Nicht jetzt. Nicht für die nächsten Stunden.“, widersprach der Anzugmann.
„Ich schlafe morgen länger.“, versprach ich.
Der Anzugmann schüttelte den Kopf. Wurde ernst. Und leise.
„Schau dich an. Schau dich ganz genau an. Du brauchst Schlaf. Viel Schlaf. Nicht nur ein bisschen, sondern viel. Und zwar jetzt.“ Er seufzte. „Ich sage das als Freund, weil ich dir helfen will, weil ich möchte, dass es dir gutgeht. Schau dir doch an, wohin du gekommen bist: Du stehst morgens um …“ Er sah auf seine nicht existierende Uhr. „Äh… ganz schön früh auf dem Flur und hast Halluzinationen.“
„Halluzinationen? ich habe keine Hallu…“
„Und was bin ich?“
„Du bist e-echt?“
„Und dieser pinkfarbene Anzug?“
„Echt.“
„Und dieses überpinke Paketpapier?“
„Auch echt.“
„Und diese wahrlich abstruse Schleife?“
„Die ist ebenfalls echt.“, meinte ich und war mir meiner Sache äußerst sicher.
„Und dieser überaus nutzvolel, aber auf jeden Fall halluzinierte Gummihammer?“, fragte der Anzugmann.
„Ech-„, begann ich. „Welcher Gummihammer?“
„Der hier!“, rief der Anzugmann triumphierend und zog aus der Innentasche seines Jackets einen drei Meter großen überpinkfarbenen Gummihammer.
Ich begann zu zweifeln. Das konnte doch nicht echt sein, oder?
Der Hammer drehte sich ein Stück und raste dann direkt auf mich zu. Der Anzugmann lachte irssinig, dann traf mich eine Wucht aus pinkfarbenem Gummi und ich fiel in Ohnmacht.

Ich erwachte in meinem Bett. Schaute auf den Wecker. „8 Uhr 15. Zeit zum Austehen.“, sagte ich, gähnte kurz und lächelte. Heute hatte ich endlich mal gut geschlafen.

Felix

„Felix.“, sagte sich Felix zum dritten Mal innerhalb der letzten Stunde. „Felix kommt aus dem Lateinischen und heißt glücklich.“

Felix hingegen kam aus Essen und war alles andere als glücklich. Nicht, weil er aus Essen kam. Essen war eine mittelmäßig hübsche Stadt, in der man sich ebenso wohl fühlen konnte wie in Magdeburg oder Tübingen. Und dass Essen ebenso wie Pforzheim und Darmstadt Ziel immer gleicher Wortwitzigkeiten war, störte ihn auch nicht. Eher im Gegenteil: Felix lachte gerne. Selbst wenn er den Witz schon kannte.

Im Augenblick jedoch fühlte er sich nicht so, als läge ein Lachen auf der Lauer. Und wenn, dann nur eines von denen, die galgenhumorige Traurigkeit mit sich herumschleppten, also besser im Verborgenen blieben.
Glücklich sollte er sein, nicht traurig. Er hieß schließlich schon so.

„Felix, altes Haus!“, grüßte ihn Ludwig, der Indianer. Ludwig war kein Indianer, doch trug er stets einen prächtigen Federschmuck auf dem Kopf und verzichtete, sobald Sonne nur erahnbar war, auf Oberbekleidung.
„Hugh!“, sagte Felix und merkte, wie sich sein Gemüt ein wenig aufhellte. Ludwig war in Ordnung. Er bezahlte nie, roch manchmal etwas streng, konsumierte zu viele Kräuter, deren Namen Felix nicht einmal aussprechen konnte – doch er war in Ordnung. Vielleicht steckte tatsächlich ein wenig Indianerblut in ihm; wer wusste es schon.

„Wie geht es dir?“, fagte Ludwig, und zum ersten Mal begriff Felix, dass Ludwig zu den wenigen Menschen gehörte, die eine solche Frage stellten, weil sie an der Antwort interessiert waren – nicht daran, Konversation zu betreiben.
„Nicht so gut.“, sagte Felix und hoffte, Ludwig möge nicht nach dem Grund dafür fragen. Es gab nicht einen Grund, es gab Hunderte. Doch allesamt waren sie winzig, unsinnig, fast albern, nicht bedeutsam genug, um den eigenen lateinischen Vornamen zu vernachlässigen.
Ludwig aber schwieg, nickte nur. Der USB-Stick an der Plastikkette um seinen sonnengegerbten Hals klapperte fröhlich.

„Was wir brauchen“, verkündete er nach einer Weile mit wissender Miene, „ist eine Friedenpfeife.“
Felix wunderte sich. Friedenspfeifen rauchte man doch, um Kriegsbeile zu begraben, Stämme zu einen und zukünftiges Blutvergießen zu verhindern. Was hatte das mit ihm, Felix, dem Unglücklichen, zu tun?
Und überhaupt: Er rauchte doch gar nicht. Weder Pfeife, noch Zigarette, noch Shisha. Gar nicht. Noch nie und niemals.
Ludwig nickte bedächtig, und der USB-Stick klapperte.
„Das Ritual will es so.“, meinte er. Felix beschloss, nicht zu fragen. Ludwig war ein sonderbarer Kerl, und wenn man ihn twas fragte, wusste man anschließend weniger als zuvor.

Ludwig führte Felix an eine Fußgängerampel.
„Schließ die Augen. Atme sieben Mal flach und tausendmal tief. Bewege dich nicht.“
Und als Felix ihn fragend anschaute, ergänzte er: „Das Ritual will es so.“

Felix seufzte. Schloss die Augen. Atmete flach. Atmete tief. Die Ampel sprang auf Grün, er hörte Menschen an ihm vorübergehen, doch er bewegte sich nicht. Er zählte. Atmete. Zählte.
Gedanken fielen von ihm ab. Sorgen.
Das Ritual. Felix schmunzelte. Zählte weiter.

Tausend.
Felix öffnete die Augen. Ludwig grinste ihn an und hielt eine Trillerpfeife hoch.
„Die Friedenspfeife.“
Felix begriff nicht. Öffnete den Mund, um zu fragen.
„Die ist für inneren Frieden. Den Seelenfrieden.“, erklärte Ludwig, und sein Grinsen wurde noch breiter.

Felix zweifelte. Ludwig veralberte ihn doch. Dieser lächerliche Indianerimitator hatte ihn die ganze Zeit veralbert! Die schwarzen Wolken, die sein Gemüt vernebelt, ihn fast verlassen hatten, kehrten zurück. Felix, der Unglückliche, seufzte.
Ludwigs Miene wurde ernst. Er reichte Felix die Trillerpfeife.
„Blas hinein.“, sagte er und sein Tonfall duldete keine Widerrede.
„Blas hinein. Das Ritual will es so.“

Felix nahm die Trillerpfeife und bließ vorsichtig hinein. Ein leiser Ton entsprang, verkümmerte ihm Verkehrslärm.
Ludwig nickte auffordernd, und der USB-Stick an der Plastikkette um seinen Hals klapperte fröhlich.
„Das Ritual will es so.“, sagte Felix und stieß so fest er konnte die gesamte Luft seiner Lungen in die winzige Pfeife.

Ein Trillern ertönte, laut und grell, schrill und gellend, Menschen drehten sich verwundert um, Ludwig hielt sich grinsend die von Federn umkränzten Ohren zu, und aus Felix Mund barsten Krach und Lärm, trillerten Ton und Töne zum Himmel empor, ließen sich von Wänden zerschmettern, von Bäumen aufsaugen, von rauschenden Autos übertönen.

Und dann war es vorbei.
Felix atmete ein, atmete aus, sah Ludwigs Federhaupt hinter der nächsten Straßenecke verschwinden – und war glücklich. „Danke.“, rief er Ludwig hinterher und lachte.
Sorgsam verwahrte er die Friedenspfeife in seiner Tasche. ‚Vielleicht brauche ich sie noch einmal.‘, dachte Felix der Glückliche und ging nach Hause.

Multimillionär!

„Multimillionär!“, rief ich und lachte, als hätte ich schon wieder meinen Goldfisch gefrühstückt. Hatte ich aber nicht. Diesbezüglich war ich mir ziemlich sicher.

Worin ich mir außerdem sicher war: mein Berufswunsch.

Ich hatte gerade meinen siebenunddreißigsten Geburtstag hinter mir gelassen und steuerte nun mit rasanter Geschwindigkeit nicht nur auf die Vierzig zu, sondern auch durch Hamburg, das ironischerweise genau die Stadt war, in der ich meine Kindheit verbrachte und in der mir die Frage erstmals begegnet war:
„Na, was willst du werden, wenn du groß bist?“

Ich hatte keine Antwort gewusst, doch nachgedacht. Lange. Sehr lange, um genau zu sein. Meine Freunde wollten Politiker werden. Arzt. Astronaut. Schauspieler. Einer sogar Bestattungsunternehmer. Ich hingegen … wusste es nicht.

Das ärgerte mich. Nicht sehr, denn in meiner Familie waren alle klein gewachsen. Bis ich also tatsächlich groß wurde, würde noch eine geraume Weile vergehen. Wenn es überhaupt dazu kam.
Dennoch ließ mich die Frage nicht los.

Im Herbst des Jahres 1994 war ich sechseinhalb Wochen davon überzeugt gewesen, endlich meinen Traumberuf gefunden zu haben, endlich zu wissen, was ich denn eines Tages, lieber früher als später, werden wollte: Elefantenbesichtiger.
Ich hatte mir sogar eine Dauerkarte für den Tierpark gekauft, sozusagen als Investition in die Zukunft, und bis ich feststellte, dass niemand einen Elefantenbesichtiger einstellen wollte, ja, dass es wohl noch nicht einmal einen Beruf gab, der so hieß, verging eine Weile.

Selbst danach hing ich noch ein bisschen an meinem täglichen Besichtigen, bis mir der Elefantenbulle Kashmir einen genervten Blick zuwarf und ich mir überlegte, ob es nicht an der Zeit war, mir einen richtigen Beruf zu suchen. Der Posten des Maulwurfbesichtigers war schon vergeben, vermutete ich. Maulwürfe können keine genervten Blicke werfen.

Also grübelte ich. Darin hatte ich Übung, doch wenn mir jemand den Posten eines Grüblers angeboten hätte, hätte ich abgelehnt. Bloß weil man etwas gut konnte, hieß das noch lange nicht, dass man es zu seinem Beruf machen musste. Oder wollte. Oder sollte. Außerdem konnte ich nicht gut grübeln. Auf einer Skala von eins bis Karotte war ich maximal ein bleistiftiger Grübler. Semibleistiftiger, um genau zu sein.

„Was willst du werden?“, fragte ich mich immer wieder und ergänzte im Geiste „wenn du groß bist“.
Ich wusste es nicht. „Elefantenbesichtiger!“, fiel mir dann ein, und bis ich mich daran erinnerte, dass dieser Berufszweig keiner war, hatte ich oft schon eine Dauerkarte für den Tierpark gekauft. Zuweilen sogar mehrmals innerhalb eines Tages.

Ich wusste es nicht. Wusste es nicht. Wusste es nicht.

An meinem siebenunddreißigsten Geburtstag bat ich einen Freund, mich zu messen. Ein Meter neunundfünfzig. Das war nicht sehr groß, beschloss ich, und dass mir noch ein wenig Zeit bis zur Entscheidung blieb.

„Was willst du werden, wenn du groß bist?“, fragte ich mich und schüttelte mit dem Kopf.
Bis ich das Wörterbuch fand. Aufschlug. Das erste Wort verlas, das ich sah: Multimillionär.

„Multimillionär!“, rief ich begeistert, sprang auf und ab und fuhr zum Tierpark, um mir eine Dauerkarte zu kaufen. Man konnte nie wissen.

„Multimillionär!“, rief ich und lachte, als hätte ich schon wieder meinen Goldfisch gefrühstückt. Doch Herr von Flusensieb III. schwamm heiter in seinem Aquarium, während ich durch Hamburg brauste, als wüsste ich, wohin ich fuhr.
Multimillionär – das war endlich mal ein richtiger Berufswunsch. Multimillionär – das klang nach etwas. Mit einem Beruf wie diesem konnte man sich sehen lassen. Multimillionär – das wollte ich werden!

Begeistert parkte ich mein Moped in der Agathenstraße, rannte zum nächstbesten Supermarkt, riss die Frankfurter Allgemeine aus dem Kühlregal und bezahlte sie. Und nicht nur das! Ich gab sogar Trinkgeld.

„Ich kann es mir leisten!“, jauchzte ich der verblüfften Kassiererin zu, die sämtliche sieben Trinkgeldcents unbetrachtet in der Kasse verschwinden ließ. Ich sprang auf die Straße, wich zwei krokettenfarbenen Volvos aus und schlug die Zeitung auf.

In den Stellenangeboten jedoch stand nichts, was mein Augenmerk erregte. Politiker wurden gebraucht. Ärzte. Astronauten. Schauspieler. Sogar ein Bestattungsunternehmer. Aber kein Multimillionär. Dabei stand ich doch zur Verfügung! Ich war hier! Bereit! Großzügig! Und ich besaß eine Dauerkarte für den Tierpark!

Enttäuscht von Welt und Leben ließ ich die Zeitung fallen und ging zu meinem Moped zurück. Was wollte ich werden, wenn ich groß war? Ein Niemand! Ein lächerliches Stück Nichts!

Grübelnd kurvte ich durch die Stadt. Was wollte ich werden? Ich wusste es nicht. Mein siebenunddreißigster Geburtstag lag hinter mir, und ich steuerte unaufhaltsam auf die Vierzig zu. Und auf den Tierpark.

Ich bremste scharf. Stieg ab. Kaufte eine Dauerkarte.

Elefantenbulle Kashmir entdeckte mich sofort, kaum dass ich das Gehege erreicht hatte. Er wirkte erfreut. Ich schmunzelte müde, hob kraftlos grüßend den Arm, setzte mich auf die Bank, die mir einst zur zweiten Heimat geworden war, und gab mich meinen Gedanken hin.

Was wohl Herr von Flusensieb III. von alledem hielt?, fragte ich mich nach einer Weile und spürte plötzlich, dass ich seit der letzten Mahlzeit nichts gegessen hatte. „Ein Currywurststeak – das soll es sein!“, rief ich aus und mit neuem Enthusiasmus bestückt stand ich auf. Kashmir zwinkerte mir zu. ‚Nanu?‘, dachte ich. Und ‚Nanu?‘ dachte ich ein zweites Mal, als ich am Zaun des Elefantengeheges einen Zettel entdeckte. Der war neu.

„Elefantenbesichtiger gesucht! Supere Bezahlung!“ hieß es dort in liebevoll arrangierten Lettern.
„Elefantenbesichtiger!“, rief ich begeistert und fühlte mich plötzlich ganz groß.

Unsichtbar

„Ich bin nicht hier.“, sagte ich und hielt mir die Augen zu.
„Doch, ich kann dich sehen.“, sagte Peter. Zumindest glaubte ich, dass es Peter war, der sprach. Sicher konnte ich mir nicht sein. Ich hielt schließlich meine Augen zu.

Vielleicht war es ja gar nicht Peter. Vielleicht hatte in dem kurzen Zeitraum, in dem ich nun meine Hände vor die Augen hielt, ein außerirdischer Stimmenimitator nicht nur Peter lautlos vertilgt, sondern nun auch seine Position eingenommen, um mich zum Narren zu halten.

Doch so leicht konnte ich nicht zum Narren gehalten werden. Solange ich meine Augen zuhielt, war ich nicht sichtbar, nicht für Peter, nicht für den schrecklichen peterverschlingenden Stimmenimitatoraußerirdischen, nicht für mich selbst. Und solange ich meine Hände nicht entfernte, konnte mir nichts passieren.

Ich atmete auf, ganz leise, denn wer wusste schon, wie gut die Hörorgane des peterverschlingenden Stimmenimitatoraußerirdischen waren. Wenn sie nur vergleichsweise so gut waren wie seine Fähigkeit, Peters Stimme zu imitieren, konnte ich leicht in Schwierigkeiten geraten, wenn ich zu viele Geräusche von mir gab.

Ich hielt die Luft an. Vorsichtshalber. Lange würde ich das nicht durchhalten, das war mir klar. Aber auf diese Weise würde ich ein paar wertvolle Sekunden gewinnen, um mein weiteres Vorgehen zu planen.

„Alles klar?“, fragte der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische mit einer Stimme, die so überzeugend peterisch klang, dass ich beinahe genickt hätte. Doch ich durfte mich nicht bewegen. Wenn die Bewegungswahrnehmung des peterverschlingenden Stimmenimitatoraußerirdischen genau so gut war wie seine Fähigkeit, Peters Stimme zu imitieren, steckte ich in Schwierigkeiten, sobald ich auch nur daran dachte, meine Reglosigkeit aufzugeben.

Doch wie lange würde ich meine Hände vor den Augen und die Luft in meinen Lungen halten können? Wie lange, bis der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische mich fand, verschlang und dann so tat, als wäre er ich? Wie lange?

Moment, mahnte ich mich zur Ruhe. Vielleicht war der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische gar kein peterverschlingender Stimmenimitatoraußerirdischer. Vielleicht war dort draußen noch immer Peter, der sich wunderte, wo ich geblieben war. Vielleicht.

Vielleicht musste ich einfach die Hände von den Augen nehmen und sähe Peter, Peter, wie ich ihn seit Jahren kannte, Peter, wie er leibte und lebte, Peter, wie er aussähe, wenn der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische ihn verschont hätte. Vielleicht.

Vielleicht aber war der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische auch ein Gestaltwandler, vielleicht sah er Peter so erschütternd ähnlich, dass noch nicht einmal ich, der sein bester Freund war, ihn vom echten Peter unterscheiden könnte. Vielleicht.

Und noch schlimmer: Vielleicht hatte der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische Peter nicht gerade eben, nicht in dem Augenblick, da ich meine Augen mit meinen Händen bedeckte, verschlungen und ersetzt, sondern viel früher, vielleicht sogar schon vor Monaten! Vielleicht hatte ich mit einem Peter gespielt, der längst kein Peter mehr war, sondern ein peterverschlingender gestaltwandelnder Stimmenimitatoraußerirdischer, der seinen Platz eingenommen hatte.

Ich spürte Panik in mir aufsteigen. Was sollte ich tun? Was sollte ich nur tun? Die Luft wurde knapp, meine Arme wurden schwer, Schweißperlen formten sich auf meiner Stirn. Konnte der peterverschlingende gestaltwandelnde Stimmenimitatoraußerirdische auch nur ansatzweise so gut riechen wie er Peters Stimme imitieren konnte, dann würden nur noch wenige Augenblicke vergehen, bis er mich gefunden hatte.

Ich hatte keine Wahl! Ich musste atmen! Ich musste mich bewegen, die Hände von den Augen nehmen, mich sichtbar machen!

Noch einmal mahnte ich mich zur Ruhe. Vielleicht war alles in Ordnung, Peter noch immer Peter, ich außerhalb jeder Gefahr und die Welt frei von peterverschlingenden gestaltwandelnden Stimmenimitatoraußerirdischen. Vielleicht war jede Sorge unberechtigt, jede Furcht unnötig.

Ich nahm die Hände von den Augen, schleuderte die verbrauchte Luft aus meinen Lungen, atmete tief ein und blickte zu Peter. Er war nicht da. Weder er noch ein peterverschlingender gestaltwandelnder Stimmenimitatoraußerirdischer.

Die einzige Person, die hier war, war ich selber. Allerdings doppelt.
„Hallo!“, lächelte der michverschlingende gestaltwandelnde Stimmenimitatoraußerirdische, und es klang, als redete ich mit mir selbst.