Die Schnecke

Ich ging gerade durch den Park, als mir eine Schnecke begegnete. Es war eine hübsche Schnecke, das musste ich zugeben. Trotzdem hätte ich sie bestimmt übersehen, wenn sie mich nicht angesprochen hätte.
„Hey!“, rief sie zu mir nach oben und riss mich aus meinen Gedanken. Ich schaute nach vorn, nach hinten, ja sogar nach oben.
„Hey!“, rief die Schnecke noch einmal, und endlich begriff ich: So langsam und weich wie dieses „Hey!“ ausgesprochen war, konnte es nur eine Schnecke gewesen sein, die mich rief. Ich blickte nach unten, und da war sie: Eine hübsche Weinbergschnecke, zu voller Pracht entfaltet, in den ersten Strahlen der Frühlingssonne badend.
„Hallo?“, sagte ich vorsichtig.
Die Schnecke lächelte mich an. Schnecken lächeln mit ihren Fühlern, das ist ja bekannt, und dieses Exemplar lächelte besonders liebevoll. Ich lächelte zurück, so gut ich konnte.
„Hast du Lust auf ein Wettrennen?“, fragte die Schnecke langsam. Mein Gehirn dachte zu schnell, und ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, was die Schnecke überhaupt gefragt hatte.
„Na klar.“, antwortete ich, so langsam wie möglich.
„Bis zur Birke und zurück.“, sagte die Schnecke gedehnt. „Wer zuerst dort ist, gewinnt.“
Ich lächelte. Nicht nur die Schnecke war hübsch, auch ihre Art des Redens gefiel mir. Wenn sie redete, schien die Zeit einen Bogen um uns zu machen und ihre Bedeutung zu verlieren.
„Okay.“, sagte ich und wir stellten uns nebeneinander auf. Die Birke war nicht weiter als 23 Meter entfernt, und ich meiner Jugend hatte ich diverse Medaillen für Kurz- und Langstreckenlaufleistungen erworben. Gegen eine Schnecke zu gewinnen, sollte kein Problem sein.
‚Vielleicht sollte ich ihr einen Vorsprung lassen.‘, dachte ich noch, da vernahm ich die Stimme der Weinbergschnecke erneut:
„Auf die Plätze.“
Ich stellte mich hin. Lockerte Arme, Beine, nahm das Ziel ins Visier. Ich würde gewinnen, so viel stand fest.
„Fertig machen.“
Ich hockte mich hin. Meine Hände lagen an der imaginären Startlinie. Mein Po ragte in den Himmel. Mein rechtes Knie war angewinkelt und würde mich in Sekundenbruchteilen aus meiner Startposition hinausschleudern und höchsten Laufgeschwindigkeiten übergeben.
„Los!“, rief die Schnecke und rannte los. Und ja, sie rannte. Der Klang ihrer Stimme war nicht nicht verhallt, da hatte sie bereits einen Satz gemacht, die Startlinie überquert und war mehrere Zentimeter dem Ziel entgegengeeilt.
Ich war beeindruckt. Mit einer solchen Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Verdutzt vergaß ich loszulaufen und starrte der Weinbergschnecke hinterher, wie sie Millimeter für Millimeter zurücklegte, über die winzigen Kiessteinchen kroch und eine feuchte Glitzerspur hinterließ.
Das Glitzern zog mich in seinen Bann. Wie hypnotisierte starrte ich auf das sanfte Funkeln, während am Rande meines Blickfelds die Schnecke langsam davonkroch.
‚Es ist nur Schleim, den die Schnecke braucht, um sie fortzubewegen‘, sagte ich mir.
‚Es ist nichts besonderes!‘, sagte ich mir.
‚Lauf los!‘, sagte ich mir.
Und ich lief los.
Nicht so schnell wie erwartet, doch in ordentlichem Tempo, und nach eins, zwei Schritten hatte ich die Weinbergschnecke eingeholt.
Ich sah zu ihr hinab. Sie lächelte noch immer, und als sie mich bemerkte, zwinkerte sie mir zu.
Ich stolperte. Ich hatte nicht gewusst, dass Schnecken zwinkern können, und nun überraschte es mich komplett. Und nicht nur das: Das Schneckenzwinkern sah so niedlich aus, dass ich mich am liebsten augenblicklich in das kleine Kriechtier verliebt hätte. Doch ich hatte ein Wettrennen zu gewinnen.
Ich fing mich, tat einen weiteren Schritt und war sofort wieder gleichauf mit der Weinbergschnecke, die noch immer lächelte. Und mich erneut anzwinkerte.
Diesmal war ich vorbereitet. Ich stolperte nur ein kleines bisschen und wollte gerade überholen, als mir das Schneckengehäuse auffiel. Nie hatte ich etwas Perfekteres gesehen als dieses Schneckenhaus.
Meine Blicke folgten der Spirale, glitten über Grau und Braun und waren sofort gefangen. Wie konnte etwas so Unscheinbares so makellos, so wunderschön, sein?
Die Fibonacci-Zahlen fielen mir ein, 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, und wieder wurde ich langsamer, hielt inne, konnte mich nicht von dem Schneckenhaus, von der Spirale lösen, die langsam von mir davonkroch.
‚Reiß dich zusammen!‘, rief ich mir zu. ‚Du willst doch gewinnen!‘
Ich schüttelte mich kurz, dann machte ich mich bereit weiterzulaufen. Weiterzulaufen, zu überholen und endlich zu gewinnen.
Ich orientierte mich, schaute, wo sich die Schnecke befand, um nicht versehentlich auf ihr wunderschönes Gehäuse zu treten, schaute noch einmal, weil mich der Anblick der davonkriechenden Weinbergschnecke erfreute, schaute noch einmal, weil die Schnecke es schaffte, zugleich niedlich und elegant zu wirken, schaute noch einmal, weil mich die permanente Bewegung des kleinen weichen Schneckenkörpers beeindruckte, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie sie es schaffte, sich auf diese Weise fortzubewegen und dabei noch so bezaubernd auszusehen, weil ich mich an den kleinen Fühlern erfreute, die die Augen neugierig allen Richtungen entgegenreichte, weil die Weinbergschnecke eine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte, die mich sanft und warm umarmte und schließlich voll und ganz erfüllte, weil ich nicht anders konnte, als mich nun hinzusetzen, gemächlich auf dem Kies Platz zu nehmen und zufrieden zu beobachten, wie die Weinbergschnecke langsam zur Birke kroch.

3 Gedanken zu „Die Schnecke“

  1. Du bist die letzte Zeit wieder so kreativ. Das finde ich gut!
    Wieder mal ein sehr schöner Text. Ich finde es toll, wenn Menschen mit Worten Bilder malen können, und du kannst das.
    Bei den Fibonacci-Zahlen musste ich grinsen. Sicherlich für den Gros der Menschheit keine alltägliche Assoziation, die Schönheit der Natur zu bestaunen und erstmal an Mathe zu denken und deshalb noch erfreuter und erstaunter zu sein. Würde mir aber auch so gehen 😉

    1. Mmh. Ich kreiere jeden Tag einen Comic – und würde behaupten, ich wäre desöfteren kreativ.
      Aber du hast recht; ich schrobte lange keine veröffentlichten Texte mehr…

      Wegen Fibonacci musste ich erst googlen. Ich dachte zuerst an den Logarithmus.

    2. Ja, dass du täglich Comics veröffentlichst weiß ich. Das allein ist schon ein hoher Grad an Kreativität, aber dann noch dazu Texte zu schreiben erhöht diesen nochmal. So halt. Wenn von deinem Standpunkt aus „jeden Tag ein Comic“ normal ist, sind halt „Texte dazu“ eine zusätzliche Kreativität.

      Und pst, sowas verrät man doch nicht ;-> Mensch 😀

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