MiSt – Rockfabrik Ludwigsburg – Schon wieder

Für Spontanes bin ich immer zu haben. Wenn mich also Kollege T gegen Mittag fragt, ob ich am Abend auf das Konzert einer mir völlig unbekannten Band gehen möchte, ist meine Grundtendenz zunächst ein Ja. T selbst hatte die Musikformation am Vortag entdeckt, war daher kaum wissender als ich. Immerhin kannte er einen Namen: Delain. Angeblich „symphonic metal“, was auch immer das bedeutet. Dem myspace-Profiläußeren folgend würde ich behaupten: Metallisch-Gothische Klänge mit viel Keyboardmelodie und Frauenstimme. Within Temptation lässt grüßen. Oder After Forever. Oder Epica. Oder Xandria. Oder Leaves Eyes. Oder …
Ich sagte zu.

Es war lange nach 19 Uhr, als wir uns endlich von Arbeitgefilden befreien und in Ts Auto setzen konnten – auf nach Ludwigsburg in die Rockfabrik. Den Eingang zu sehen, fiel diesmal leichter; schließlich herrschte Tageslicht: Doch einen Parkplatz zu finden, war nicht leichter als bei meinem letzten Besuch. Glücklicherweise auch nicht schwerer.
Umso komplizierter hingegen wurde uns der Zugang zum Gebäude gemacht. Auf einem an die Tür geklebten Zettel stand in großen Lettern „Eingang“ und darunter in kleiner Schrift, dass sich ebenjener oben befinde. Also liefen wir die Parkdeckauffahrt hoch, folgen anderen Hochläufern und fanden rasch den Eingang zum Floor 2 der Rockfabrik, zum kleineren Raum, in den, so wurde mir vom Türsteher erzählt, bis zu 300 Leute passen. Heute seien es wohl etwa 200, meinte ebenjener Türsteher, kein Vergleich zu den 1200, die auf dem unterne Floor Platz finden.
Dennoch war es voll, eigentlich sogar voll genug. Denn obwohl sich die Menge nach hinten hin geringfügig lichtete, war der Raum doch bis an den Rand gefüllt. Die übliche Cola wurde heute im Plastikbecher geliefert, und zum ersten Mal bemerkte ich die schmalen, eckigen Säulen, die den Blick nach vorn, zur Bühne ein wenig beschränkten.

Auf der Bühne standen beim letzten Mal noch Tische und Stühle; nun bot sie Platz für eine Formation namens LastDayHere aus Slowenien, die mich beim myspacigen Reinhören zwar sehr an Nickelback erinnert hatte, aber nun ordentlich rockten. Und vor allen Dingen taten sie, was eine Vorband tun sollte: Sie wärmten das Publikum auf. Tatsächlich verging keine Minute, ohne dass der Sänger seinen Song um diverse Mitmachaufforderungen erweiterte und es tatsächlich schaffte, die Meute zu bewegen. Die Musik war ein wenig eintönig, aber gut; an der klanglichen Qaulität der Lokation hatte ich nichts auszusetzen. Konzerte in der Rockfabrik sind offensichtlich besuchbar, dachte ich.

In der Umbaupause tat T das, was sich als Raucher gehört. Er markierte den Rockfabrikeingang mit Asche und von Papier ummanteltem Schaumstoff. Zunächst sprach uns ein LastDayHere-Groupie an, ob wir denn große Delain-Fans sein, was wir grinsend verneinten. Vor 24 Stunden hatte keiner von uns jemals von dieser Band gehört. Und von LastDayHere erst recht nicht. Der Türsteher kam hinzu und erzählte Geschichten. Interessante. Von einem anderen Hinzugeseller erfuhren wir, dass es 21.05 Uhr losgehen und 22.20 Uhr enden würde. Theoretisch jedenfalls.

Plötzlich klapperte eine Eisentür, und die gesamte Delain-Band stand vor uns, hochgeführt von einem hiesigen Auskenner, bereit, die Bühne zu erstürmen. Wir waren auch bereit, drängten uns an dem Hauptakt des Tages vorbei Richtung Eingang. Der Gitarrist sprach mich an, aber da ich nicht wusste, ob das nun Niederländisch, Englisch oder Deutsch war, verstand ich nichts, zuckte mit den Schultern und ging rein. Denn nun sollte es losgehen. Und es ging.

Die Musik war gut. Nicht überragend, nicht überwältigend, aber gut genug, um jubeln und sich dem Schlagzeugtakt anvertrauen zu können. Gut genug, um die Band zu mögen. Gut genug, um sogar eine ungefähr 70-Jährige angelockt zu haben. T meinte später, dass die Sängerin zuweilen nicht ausreichend Stimme besessen hätte, und ich ergänzte, dass das Schema der Songs sich bemerkbar glich. Doch das war egal, denn die Band wusste zu gefallen. Das lag nicht nur an klanglicher Eingängigkeit, nicht nur daran, dass die metallischen Passagen sehr dazu verleiteten, das eigene Haupthaar durch die Gegend wirbeln zu lassen, nicht nur daran, dass wieder und wieder [aber nicht übertrieben häufig] das Publikum zum Hey-Schreien, zum Klatschen oder gar zum Headbangen aufgefordert wurde, sondern auch an der Sängerin.

T meinte, dass kleine Clubs wie dieser den Vorteil besaßen, dass sich die Bands nicht hinter Effekten verstecken konnten. Doch diese Band brauchte auch nichts dergleichen; es gab ja die Sängerin.

Ich mag, wie ich vermutlich schon häufiger erwähnte, Frauen, die headbangen können, finde sie schon aus Prinzip ästhetisch. Die Delain-Sängerin war zusätzlich auch bei Stillstand mindestens ansehnlich und schaffte es, auf unglaublich sympathische Weise zu lächeln, zu reden und zu gestikulieren. Kurz gesagt: Wow.
Ich verzichtete freiwillig darauf, meinen Kopf zu schütteln, nur um ihr dabei zusehen zu können.

Wenige Minuten nach Zehn gab es dann die erste Zugabe. Der erwähnte Plan wurde befolgt. Zwei Lieder, die sich ähnelten, doch trotzdem gefielen. Und dann war es vorbei. Artig bedankte man sich, und ich fragte mich, ob die Sängerin nach jedem Konzert derart begeistert vom Publikum war, oder ob das heutige besondere Leistungen vollbracht hatte.

Die Antwort kam rasch, denn nachdem die begeisterte Meute immer wieder lautstark Zugabe skandiert hatte, gab es eine kurve Verwirrung auf der Bühne – und einen weiteren Song, der mit einem verdutzten „Das war gar nicht geplant.“ eingeleitet wurde.

Dann jedoch war es vorbei, und während mich T freundlicherweise nach Hause chauffierte, freute ich mich, zu einem spontanen Ja fähig gewesen zu sein und die Rockfabrik auch als gutfindbare Konzertlokation kennengelernt zu haben.

MiSt: Die Röhre

Es sei erwähnt, dass die Beiträge der Reihe „MiSt – Morast in Stuttgart“ keineswegs einer chronologischen Ordnung unterliegen. Es ist also durchaus möglich, dass ein Text von frühlingshaften Temperaturen erzählt und der nächste Winterbekleidung beinhaltet.

Die Maklerin, die mir vor etwa zwei Monaten meine Wohnung vermittelte, hatte behauptet, dass es in Stuttgart kaum regnen würde. Seitdem erlebte ich jeden der durchaus zahlreichen Regentage mit besonderer Intensität, immer ihre Worte im Hinterkopf hörend.

Zum Glück mag ich Regen, und daher störte es mich auch nicht, dass Nieselregen den Tag befüllte, an dem ich mit kollegialer Begleitung die Stuttgarter Loaktion namens „Röhre“ suchte. Unweit des Hauptbahnhof sollte sie sein, also mitten im Zentrum gelegen, perfekt erreichbar mit allerlei Arten öffentlichen Personennahverkehrs. Doch obwohl Kollege T ihre genaue Position zu kennen glaubte und ich in weiser Voraussicht googlige Karten befragt hatte, verirrten wir uns.

Immerhin war eins klar: Die Röhre ist ein kleiner Club, der in eine Brücke eingelassen ist, dementsprechend auch röhrenförmigen Charakter besitzt. Allein dieses Wissen schränkte das Suchfeld ein, und alsbald stießen wir auf ein paar Schwarzgewandete, die offensichtlich zum gleichen Konzert wollten wie wir, jedoch ungeachtet des Wetters kurzbeinlig und -ärmlig bekleidet waren.

Wir folgten unauffällig, und als wir einen schmalen, aber betonierten Pfad durch einen kleinen, wild wuchernden Park begangen hatten, trafen wir auch schon auf die überall zu findenden Raucher, die den Eingang zum Club mit Zigarettenstummeln markierten.

Letzte Instanz sollte auftreten, eine Band also, die durchaus gemischtes Publikum lockt, dementsprechend meine Studien zur Existenz einer Schwarzen Szene in Stuttgart nicht unbedingt vorantreiben würde. Der Eingang führte in einen Vorraum, in dem sich gleich rechts der Merchandisebereich befand. Noch vor diesem konnte ich mittels Türsteherbefragung die Garderobe ausmachen und freute mich, meine winterliche Oberbekleidung und den Rucksack in bewachende Obhut geben zu können. Die Kleidungsstücke wurden sämtlich auf Bügeln abgelegt, die wiederum stilecht und platzsparend an stählernen Ketten hingen.

Vom nicht sehr großen Vorraum gingen links und rechts die Toiletten ab, die, wie ein späterer Besuch zeigen sollte, keineswegs zu Stuttgarts Sehens- und Riechenswürdigkeiten zählten.

Eine Treppe führte in den Hauptraum, der zunächst mit dem Barbereich begann. Ich erinnere mich nicht daran, was ich für meine Cola bezahlte, doch weiß, dass die Plastikbecher Pfandgut waren und dass die Barleute, selbst als irgendetwas am Boden zerschellte, ungewohnt gute Laune hatten.

Während sich also links der Getränkeausschank befand, existierte rechts die umzäunte Klang- und Lichtsteuerei. Vor dieser begann dann der eigentlich Rumsteh- beziehungsweise Rumhüpfbereich, und tatsächlich standen bereits zahlreiche Konzertbesucher wartend herum. Niemand hüpfte.

Die Röhre wirkt klein, und ich bin kein guter Publikumsmassenschätzer, doch reicht sie für mainstreamferne Bands durchaus aus. Gut gefüllt ergeben sich Menschenmengen, die imstande sind, angenehmste Konzertstimmung zu erbringen. Auch die Bühne war nicht sehr groß, schien gerade ausreichend zu sein für die immerhin sieben Instanzler zu sein, die nachher selbst mich Konzertrumsteher und „Die-neuen-Sachen-mag-ich-nicht-so“-Sager zur begeisterten Körpermovation treiben würden.

Zunächst jedoch lärmte die Vorband herum, eine zweiköpfige Formation, deren Namen ich nicht verstand und mich in Anbetracht ihrer Darbietung auch nicht sehr interessierte. Es war unangenehm, was da von der Bühne tönte, und damit meine ich nicht nur die 0815-Keyboard-Samples und den schiefen Gesang. Ich hatte bei jedem Liedimitat das Gefühl zu wissen, wohin der Song eigentlich gehen sollte – ohne dass dieses Ziel auch nur ansatzweise in Sichtweite gewesen wäre.

Ich nutzte die Zeit zur Lokationsbeschauung. Die Röhrenförmigkeit und die Brückeninnerei waren offensichtlich und sorgten für ein abgewrackt-bauhausig-fabrikiäres Flair, das mir durchaus behagte, war es mir doch aus zahlreichen anderen Clubs bereits bekannt. Ich konnte mir gut vorstellen, hier Abende mit Schneeschnieberei und Kopfschüttelei zu füllen, auch wenn das Programm der Röhre anscheinend eher Technoorientierung zeigte.

Letzte Instanz fetzten. Ich hatte von den letzten drei Alben so gut wie nichts mitbekommen, doch konnte mich nicht der Begeisterung verwehren, die diese Band auslöste. Der Klang war anfangs ungut, wurde aber nachgebessert, so dass auch die eher zarte Sängerstimme mit dem krachigem Instrumentarium konkurrieren konnte. Und natürlich wurde nicht auf Klassiker wie „Rapunzel“ verzichtet. Und natürlich wurde das Publikum einbezogen, durch Wörter und Taten. Und natürlich war es unmöglich, still stehen zu bleiben.

Das anschließende Abholen meiner Garderobe dauerte ein wenig zu lang, und der Prasselregen, der uns am Ausgang empfing, war unfreundlich kalt. Doch mein zum Bersten gefüllter Gutelauneakku blendete all das aus, ließ mich innerlich glühen – und sorgte dafür, dass ich nicht nur die Letzte Instanz, sondern auch die Stuttgarter Röhre in positivster Erinnerung behalten würde.

MiSt: Rockfabrik Ludwigsburg

Obwohl der Routenplaner sich als guter Wegweiser erwiesen hatte und ein Neonschriftzug grell leuchtend darauf hinwies, schaffte ich es, an der Ludwigsburger Rockfabrik vorbeizufahren. Der Rückwährtsgang half nur bedingt, brachte er mich doch auf einen akkurat befüllten Parkplatz, der sich weigerte, auch nur eine einzige autogroße Lücke zu präsentieren. ‚Ganz schön groß.‘, dachte ich, die vielen Fahrzeuge um mich herum betrachtend.

Ich wendete, angefüllt mit Optimismus. Industriegebiete neigen schließlich vor allem nachts dazu, diverse Freiplätze zu bieten. Ich hatte Recht, parkte, stellte nachträglich fest, dass sogar ein Parkdeck existierte, und lief in Richtung Neonschrift. Ich kannte nichts und niemanden und war aus irgendeinem Grund nervös. Nach außen jedoch versuchte ich mich als Wissender zu geben, lief ohne Zögern an den üblichen Vor-dem-Eingang-Rauchern vorbei, betrat das Gebäude, sichtete die Kasse, passierte angenehm überrascht aber mit regloser Miene zahlreiche abschließbare Schränke, zahlte 4 Euro Eintritt, ließ mich von den Türstehern unsichtbar bestempeln [Woher wissen die, wann die Stempelfarbe alle ist?] und war drin.

Die Erstblickgröße der Lokalität wollte mich innehalten lassen, doch ich wandte mich nach rechts, alle anderen Optionen kurz aber eindringlich musternd: Dort sah es nach Toilette aus, da nach Treppe, vermutlich zum zweiten Floor führend. Direkt neben mir befand sich eine Art Rundbar mit polstrigen Sitzmöbeln, gut genug vom Lärm abgeschottet, um in einigermaßen normaler Lautstärke miteinander reden zu können. Ich war erfreut und lief weiter, Richtung Musik.

Gitarren tönten, kein Metal, wie gehofft, sondern Hardrock, irgendwo in den 80ern angesiedelt. Der Name Whitesnake fiel mir ein, doch bezweifelte, dass er seine Richtigkeit hatte. Immerhin war die klangliche Befüllung angenehm, nicht völlig meinem Geschmack entsprechend, aber dennoch gut genug, um bleiben zu wollen.

Die Wände waren bedeckt mit düsteren, aber qualitativ hochwertigen Gemälden, denen es weder an Tötenköpfen noch an weiblichen Brüsten mangelte. Zudem war es hell, unnötig hell für mich, der es gewohnt war, sich in bewusst schlecht beleuchteten Clubs der Musikalbewegung hinzugeben. Dennoch fühlte ich mich wohl.

Die Tanzfläche war groß und für ihre Ausmaße überraschend dicht bevölkert. Um sie herum befand sich eine Art Geländer, an das sich allerlei wartende, schauende und im Takt wippende Gestalten lehnten und das an diversen Stellen für Tanzflächenzugänge unterbrochen war. Hinter dem Geländer gab sich eine Art Sitzbank, der Tanzfläche zu, natürlich ebenfalls in Blickrichtung des Tanzgeschehens, an das sich wieder eine Art Geländer anschloss.

Beide erwähnten Geländer beinhalteten etwas, das ich spontan Balkonkästen nannte und dazu diente, abgestellte Trinkgefäße, egal ob befüllt oder nicht, zu beherbergen und somit deren Umfallrisiko zu schmälern. Zunächst glaubte ich, dass die Balkonkästen auch eine Abflussvorrichtung enthielten, doch erfuhr recht rasch, nachdem ich ein wildfremdes Desperados, das unsachgemäß positioniert worden war, versehentlich in den B-Kasten stieß, dass der Kasten nicht zuletzt aus Löchern bestand, die jede Vergussflüssigkeit gen Erdboden laufen ließen.

Hinter dem Geländer begann der Gang und hinter diesem befanden sich, zumindest auf der einen Seite der Halle [denn ein Raum war dies gewiss nicht] weitere Sitzmöglichkeiten.

Der DJ residierte an erhöhter Position hinter Glas und bestand aus mehreren Personen, die scheinbar immer wieder ausgetauscht wurden. Es sah nicht so aus, als wären Musikwünsche sonderlich willkommen. Immerhin, und das entdeckte ich erst relativ spät, gab es zwei Schwarz-Weiß-Monitore, auf denen das Cover des derzeit vernehmbaren Musikstücks zu sehen war. Ein guter Gedanke, doch ungut umgesetzt. Das multipersonale DJ hatte offensichtlich eigenhändig dafür zu sorgen, dass die CD-Hüllen vor der Kameralinse landeten und platzierte sie zumeist mit unzureichender Präzision und unnötiger Verzögerung. Letztlich lief es auf eines hinaus: Wenn man das CD-Cover kannte, also mit Musikgruppe und deren Werk vertraut war, konnte man es auf den Bildschirmen erkennen – obwohl man es dann nicht mehr zu erkennen brauchte.

Ich ging einmal um die Tanzfläche herum, verwundert ob der ungewohnten Buntheit der Kleidung, besuchte – vorwiegend aus Neugierde – die erstaunlich saubere Toilette und erklomm dann, anderen folgend, die Stufen, die mich vermutlich zur zweiten Ebene führen würden, jene Ebene, die auf der rockfabrikigen Heimseite für den heutigen Tag als „Gothic-Metal“ beziffert worden war und mich dementsprechend froher Hoffnung sein ließ.

Zunächst jedoch betrat ich eine Raucherlounge. Im Hintergrund lief leise Musik, es gab einen Billardtisch, Sitzmöglichkeiten und eine Bar – ein angenehmer Ort, um sich vom Diskolärm in ein Gespräch zurückzuziehen – wenn man den ersten Wortteil von „Raucherlounge“ ignorierte.
Eine weitere Tür, weitere Stufen, weitere interessante Wandgemälde, und plötzlich Rumsbums.

„Rumsbums“ ist meine favorisierte Bezeichnung für unhelle elektrische Musik, die ich in bewusster Unkenntnis komplett mit diesem Label versehe, wenn mir danach ist. Selbst Nicht-Rumsbums-Musik kann mir zu rumsbumsig sein, extremer Rumsbums hingegen wirkt schon wieder auf unerklärliche Weise attraktiv.

Floor 2 war eine Enttäuschung. Es gab mehr Platz als erwartet, mehr Sitzmöglichkeiten, sogar eine kleine Bühne und eine Bar, aber auch mehr Licht als gewünscht – und natürlich mehr Rumsbums als für Gothic-Metal gesund war.

Hier oben entsprach das Äußere der Anwesenden schon eher meinen Erwartungen, und ich begrüßte das Zurückweichen von Farblichem. Zwar tummelten sich auf der doch recht kleinen Tanzfläche auch ein paar alkoholisierte oder verwzeifelte Normalmenschen, die wohl von unten hineingeschwemmt waren, doch bin ich der letzte, der ihnen Freude verweigern will. Zudem waren die „Grufties“ eher uninteressant, undscheinbar und gering an Zahl. Immerhin gab es ein paar angenehm schillernde Ausnahmen, die mich hoffen ließen, dass Stuttgart und Umgebung tatsächlich so etwas wie eine Schwarze Szene besaßen. Die Zahl der Gestalten, die ich den Metallfreunden zugerodnet hätte, konnte ich an einer Hand abzählen – mich eingeschlossen und nach einem Besuch im Sägewerk.

Die Musik war okay, mehr nicht, und ich gesellte mich zusammen mit einem pfandfreien 0,5er-Bierglas voller Cola an den Raumrand auf eine Sitzbank, wo ich interessierte Blicke auf die Tanzfläche warf, um die wenigen Sichselbstbeweger mit kritischem Blick zu mustern. Sie bestanden die Prüfung – gerade so.

Ich erhob mich, ging nach unten. Die Drück- und Ziehrichtungen der insgesamt drei Zwischenebenentüren zu erraten, sollte ein Vergnügen war, dessen ich am gesamten Abend nicht überdrüssig wurde.
Unten lief Judas Priest. Leider in den letzten Takten. Ich nickte vergnügt mit dem Kopf und hoffte auf das nächste Lied. Später auf das übernächste. Beziehungsweise auf das danach.

Die Musik war nie schlecht, eigentlich sogar meistens gut, doch mir nur selten bekannt. Marilyn Manson vernahm ich irgendwann, leider mit einem Lied, das ich nicht mochte. Und zu Metallica bange ich nur in Ausnahmefällen. Ich setzte mich auf eines der Geländer, hielt mich an meinem Bierglas fest [Dass ich das mal über mich schreiben würde] und beobachtete. Menschen. Und wunderte mich.

Natürlich waren mir längst nicht nur die unschwarzen Kleidungsstücke aufgefallen, die die Diskothekenbesucher mehr oder weniger erfolgreich bedeckten, sondern ich hatte auch bemerkt, dass ich keineswegs – wie befürchtet – ins Ludwigsburger Embryoschubsen geraten war, sondern vielmehr selber zu denen gehörte, die am unteren Ende der Altersskala angesiedelt waren. Doch erst jetzt wurde mir es wirklich bewusst, dass ich in einem schlechten Film gelandet war:

Eine Diskothek mitten in den 80ern, irgendwo in Süddeutschland. Einer sonderbar aussehenden, anscheinend angetrunkenen Gestalt wird der Zutritt verwehrt. Sie bettelt und fleht, geht auf weißen Linien, um ihre Nüchternheit unter Beweis zu stellen, fasst sich an die Nase, springt auf einem Bein, rezitiert Schillers Glocke, lockt fast das ganze Diskothekenpublikum vor die Tür, doch findet keinen Einlass. Die Türsteher bleiben hart, und die Anwesenden lachen sich kaputt.

Da stößt die Gestalt ihre Arme in den Himmel und ruft laut: „Ich verfluche euch, o Südländer! Fortan sollt ihr jeden Samstag hier verweilen, auf ewig die gleichen Lieder hören, zu den geichen Klängen tanzen, die gleichen Menschen sehen! Ihr sollt Runzeln bekommen und Haare verlieren, doch hier, in dieser Tanzlokalität, seid ihr dazu verdammt, euch aufzuführen, als wäret ihr jung für immer! Hardrockklassiker werden euer Leben sein – jeden Samstag für alle Zeit!“

Die Anwesenden lachen, verhöhnen die Gestalt noch mehr, langweilen sich jedoch bald und kehren dann in ihre Diskothek zurück. So wie fortan jeden Samstag Abend.

Hin und wieder gelingt es einem neuen Lied, einem neuen Besucher, sich einzuschleichen und das verfluchte Fabrikgebäude mit neuem Leben zu bereichern; neue Technik hält Einzug, neue Musikmedien, farblose Stempel und Raucherzonen – doch im Grunde bleibt alles gleich: Samstag für Samstag finden sich die Alternden zusammen und zelebrieren die Rockmusik der 80er und ihre erloschene Jugend mit einer Fröhlichkeit, der ein bitterer Beigeschmack von Verzweiflung mitschwingt…

So könnte es gewesen sein, dachte ich schmunzelnd, und zugleich freute ich mich für die Anwesenden, die die rockigen Klänge mit ganzem Leib genossen, die – obwohl es oft albern, oft unpassend, oft sehr bemüht, fast tragisch, aussah – Spaß an „ihrer“ Musik hatten, an Musik, die mich zum Teil wünschen ließ, ein paar Lieder besser zu kennen, um mich ebenso auf der Tanzfläche vergnügen zu können.

Hin und wieder wanderte ich nach oben. Dort änderte sich nicht viel. Ich besuchte das dortige WC, das erstaunlich klein, aber für Diskothekenverhältnisse nahezu reinlich war, setzte mich irgendwohin, noch immer meine schwindende Cola umklammernd, und wartete auf gute Musik. Als sie kam, seufzte ich innerlich. War ja klar, dass ich ausgerechnet zum Mainstreamigsten tanzen würde.
Obgleich ich mich Depeche Modes „Enjoy The Silence“ beispielsweise verweigere, mag ich doch „Never Let Me Down Again“ sehr und bewegte – endlich – meinen Leib. Kurze Zeit später geschah es ein zweites Mal, dass ich aufhorchte: Nine Inch Nails‘ „Closer“. Grund genug, erfreut zu sein.

Wenn ich abends weggehe, fühle ich mich stets, als trüge ich einen Gutelauneakku mit mir herum. Mein Ziel ist es, mich von der Lokalität entfernt zu haben, bevor er den Nullpunkt oder gar den Minusbereich erreicht. Und zwei Gutlieder reichten aus, um den Akku komplett zu befüllen. Ich hoffte noch immer auf Besseres, doch war zunächst zufrieden.

Es kam nichts Besseres. Der Oben-DJ hatte irgendwann ein Einsehen mit mir und erlaubte sogar Gitarristisches, also Musik, die ich entfernt unter Gothic-Rock einordnen würde, die ich auch einigermaßen leiden konnte, doch zu der ich mich nicht bewegen wollte. Nach drei Liedern war es dann auch wieder vorbei, und ich bewegte mich doch – zu Ebene 1.

Dort saß ich ein wenig herum und spürte, wie mein Akku sich leerte. Die Musik fühlte sich an, als müsste jeden Moment ein gutes Lied beginnen, doch nichts dergleichen geschah. Irgendwann zeigte der DJ, in diesem Augenblick eine Frau, auf mich und redete mit einer neben ihr Stehenden DJ-Personifizierung. Vielleicht zeite sie auch nur in meine Richtung, doch ich hoffte, sie meinte mich. Beziehungsweise mein Bandshirt. Danzig war schließlich eine Musikformation, die musikalisch sogar ins Konzept gepasst hätte. Und außerdem hatte ich soeben festgestellt, dass ich zwar schon zahlreichen Menschen beim Zappeln zugeschaut hatte, dass ich sogar ein paar Unter-Zwanziger gefunden hatte, die zum Teil headbangen konnten, sich aber jeden Fall zu – aus ihrer Perspektive – uralter Musik vergnügten – dass ich aber selbst die untige Tanzfläche noch nicht betreten hatte.

Die DJ-Tante schaute schon wieder, und ich fühlte mich unwohl. Zum Glück begann ein Lied, das ich kannte: Iced Earth „The Hunter“. Gelassen legte ich mein Jacket ab, ging auf die Tanzfläche, suchte mir ein Stück Freiraum und begann, mein Haupthaar zu schütteln.

Die Cola war längst geleert, die Musik oben vermochte mich nicht länger zu locken, und auch die alternden Verfluchten vermochten nicht länger, spannend zu sein. Und so kam ich, dass ich ein paar Minuten lang mitging, die Musik lebte, Haare schüttelte, mich freute, mich amüsierte – und dann heimkehrte.

MiSt: Der Fernsehturm

Die Serie „MiSt – Morast in Stuttgart„, die ich mit diesem Artikel kreiiere, zu der ich aber spontan auch ältere, passende hinzufügen werde, soll die Sehenswürdigkeiten Stuttgarts beleuchten – natürlich aus Morastscher Perspektive, also mit ausreichend Gesülze und anstrengender Faktenarmut. Es ist zu erwarten, dass noch weitere Texte folgen werden, die unter anderem Stuttgarts Nachtleben … äh … beleuchten.
Und so.

Gegen Mittag riss mich das schlechte Gewissen aus dem Bett, eigentlich Stuttgart und seine Sehenswürdigkeiten besuchen und nicht den sonnenwetterwarmen Tag mit Unnötigkeiten vergammeln zu wollen. Doch als ich um vier noch immer zu Hause verweilte, zwar mit gefülltem Bauch, gesäubertem Geschirr und Körper, aber dennoch zu Hause, erdachte ich spontan das heutige Ausflugsziel: Der Stuttgarter Fernsehturm.

Nicht viel mehr als eine halbe Stunde, behaupteten die öffentlichen Verkehrsmittel, würden sie brauchen, um mich zum 1956 eröffneten ersten Fernsehturm der Welt zu bringen. Ich glaubte ihnen, packte Fotoapparat und Geld, Zeichenutensiliar und einen Apfel ein, und vertraute mich zunächst einer S-, später einer U-Bahn an. Der Unterschied war offensichtlich: Die S-Bahn fuhr ausschließlich unterirdisch, die U-Bahn hingegen zumeist an der Erdoberfläche.

Es irrten absonderlichste Gestalten durch die Gegend: Eine hagere Frau mit Bartschatten, die vermutlich nicht feminin geboren war; ein Mann mit Picknickkorb, der an jeder Haltstelle ein Stück durch die S-Bahn schlurfte und dann irgendwo plötzlich, kurz bevor sich die Türen schlossen, träge ausstieg; ein Türke mit blond gefärbtem Haar und einem angefangenen Becher Ayran in der Hand, den er jedoch während der gesamten Fahrt ignorierte; verdreckte Mountainbiker, die offensichtlich diverse Strecken befahren hatten, aber nicht bereit waren, zwei oder drei Haltestellenentfernungen innerhalb der Stadt zurückzulegen – und natürlich ich.

Als Ortsfremder, der kein solcher sein möchte, legte ich mir die Angewohnheit zu, stets zielbewusst aufzutreten, selbst wenn ich ahnungslos mit meiner Orientierungsfähigkeit hadere. Demzufolge versuche ich Richtungs- und andere Entscheidungen zumeist schon zu treffen, bevor es an der Zeit wäre, dies zu tun. Eine Taktik, die sich bewährte, denn als ich an der Haltestelle Ruhbank Fernsehturm ausstieg, wandte ich mich entschlossen nach links, also irgendwohin, mit der Gewissheit, dass ein Fernsehturm sich freundlicherweise leicht entdecken lässt.

Und tatsächlich: Da war er, betonhellgrau aus Bäumen hervorragend, wenig imposant, wenig ästhetisch, aber immerhin vorhanden und schwerlich verfehlbar. Der Turm war umkränzt von Wald, und offensichtlich führten mehrere Wege durch ihn hindurch zur dem Bauwerk, das heute trotz seinem Namen nur noch Radiosignale versendet. Obwohl der Architekt angeblich dergleichen geplant hatte, käme niemand ersntlich auf den Gedanken, in dem Turm eine Art Betonbaum zu sehen, dem umgebenen Grün entwachsen.

Der Turm enttäuschte mich bereits, bevor ich ihn überhaupt betreten hatte. Da er sich auf dem Hohen Bopser, also einem Bergchen befindet, hatte ich erwartet, ein paar Kilometer gen Himmel wandern zu müssen, doch die Strecke zwischen Haltestelle und Eingang war nicht nur kurz, sondern auch frei von Steigungen. Und obwohl es einen jährlichen Treppenlauf gibt, war mir der Zugang zu den 762 Stufen verwehrt. Statt dessen hatte ich fünf Euro Eintritt zu zahlen, um einen Aufzug zu benutzen, der erstaunlicherweise zwei Jahre vor Turmöffnung erbaut worden war und seichte Popmusik an mein Ohr dringen ließ.

Drei Personalitäten kümmerten sich um alles Aufzugige. Nach der Begegnung mit dem Kartenverkäufer lief man drei Viertel eines Kreises um den Aufzug herum, um an einer Tür zu landen, die – natürlich – verschlossen war und erst durch eine Türöffnerin zum rechten Zeitpunkt freigegeben werden würde.

Ich war nicht der einzige Wartende. Ein weißbärtiger Vater erklärte seinem geistig behinderten Sohn geduldig und mit sympathischen Lachfalten um die Augen, was sie gerade zu tun beabsichtigten, während der Sohn immer wieder von Äpfeln berichtete. Liebevolle Eltern begeistern mich stets, und so kam es, dass meine Enttäuschung, die ohnehin nie immens gewesen war, sich verflüchtigte.

Im Fahrstuhl war es dann Person 3, die uns nach oben geleitete. Angeblich brauchte das Gefährt 36 Sekunden, um 150 Meter zu überwinden, doch anstatt dies verifizieren zu wollen, erfreute ich mich an der Digitalanzeige, die mir meine derzeitige Höhe mitteilte.

Trotz aller Erwartbarkeit hatte ich nicht damit gerechnet: Auf der Aussichtsplattform war es windig und dementsprechend kühl. Ich dankte meiner Jacke, obgleich sie unzureichend war, und starrte auf Stuttgart hinab.

Die Sonne schien, und ich freute mich darüber, ausgerechnet den heutigen Tag ausgewählt zu haben. Meine Kenntnis über Stuttgart liegt zwar in Nullnähe, und so war ich nicht fähig, irgendein Gebäude zu erkennen, doch das störte mich nicht. Denn gerade als ich über den Sonnenstand die Himmelrichtungen sortiert hatte, entdeckte ich auf der zweiten, der oberen Aussichtsplattform Erläuterungen zuhauf. Denn die Plattform wurde nicht nur von Geländer, sondern auch vorn einem kupfernen Kunstwerk umkränzt, das sowohl Nah- als auch auch Fernziele und Himmelsrichtung entsprechend der jeweiligen Blickrichtung bezifferte.

Und so hatte ich natürlich auch keine Probleme, meinen Wohn- und Arbeitsort zu entdecken – zunächst nur auf der kupfernen Karte, später doch glaubte ich auch in der Ferne bekannte Gebäude zu erkennen und beschloss einfach, dass meine Vermutungen wahr seien.

Nach einer Weile erschöpfte sich mein Interesse an Aussicht, und ich schlüpfte rasch in den gerade abfahren wollenden Fahrstuhl. Person 3, Popmusik, ignorierter Souvenirladen, Auf Wiedersehen.

Im Wald fand ich ein balzendes Vogelpärchen, das sich immer wieder meinem Fotoapparat entzog. Derart aufgeheitert begab ich mich zurück zur Haltestelle und beschloss, die zeitaufwändigere Fahrt mit der U15 der U7 vorzuziehen. Ich schaffte es nicht nur, gleichzeitig zu lesen, aus dem Fenster schauen und Stuttgart zu betrachten, sondern auch noch eine Straße wiederzuerkennen, in der ich mich bei meinem zweiten Besuch der baden-württembergischen Landeshauptstadt mehrfach verfahren hatte.

Schmunzelnd stieg ich am Schlossplatz aus, betrachtete eine zerrupft aussehende Taube, kaufte mir ein Schokoeis und genoss ein paar Sonnenstrahlen, bevor ich endgültig heimfuhr.

Berg- und Talfahrt [ohne Tal]

Wenn ich Stuttgart als meinen derzeitigen Wohnort angebe, schaffe ich es, gleichzeitig zu lügen und die Wahrheit zu sagen. Denn tatsächlich wohne ich einem mit eigenem Markt und Einkaufzentrum ausgestatteten Vorort Stuttgarts, der vom Stadtkern getrennt ist, aber dennoch zur baden-württembergischen Landeshauptstadt gezählt wird. Zwischen mir, also dem Ort, an dem ich sitze und diesen Text tippe, und der Innenstadt, also beispielsweise dem Hauptbahnhof, liegen jedoch ein paar U- beziehungsweise S-Bahnminuten, die nicht nur mit Gleisen beziehungsweise Straßen gefüllt sind, sondern auch mit Wald.

Jedoch dürfte bekannt sein, dass Stuttgart trotz schwäbischer Fröhlichkeit [Ich entschuldige mich im Voraus für den nun kommenden schlechten Wortwitz.] eine Weinstadt ist, und dass Weinstöcke üblicherweise in ab- beziehungsweise aufschüssigen [kommt darauf an, in welche Richtung man läuft] Gebieten wachsen.
Ich drücke es mal so aus: Es gibt einen Grund dafür, dass der Fahrradkeller nicht von Stadträdern, sondern vielgangigen, profilreifigen Mountainbikes bevölkert wird und dass ich zur Arbeit mit dem Rad bei ausreichend regelignoranter Fahrweise auf dem Hinweg zehn, auf dem Rückweg etwa zwanzig Minuten brauche.

Dessen ungeachtet spürte ich den Gedanken in mir keimen, den mittelgut bewetterten Sonntag dazu zu nutzen, die mich umgebenden Baumansammlungen mit dem Fahrrad erkunden, frei von Stadt- oder Routenplänen, gepäck- und sorglos.

Ich liebe mein Fahrrad. Es hat bereits mehrere Jahrzehnte auf dem Rahmen, doch vermochte es, mich und dreißig Kilogramm Gepäck unversehrt und fröhlich 500 Kilometer durch die Niederlande zu tragen. Ich liebe es, weil es nicht so aussieht, als besäße es überhaupt eine Gangschaltung, und weil es dementsprechend mit einer altmodisch wirkenden aber tadellos funktionierenden 3-Gang-Nabenschaltung zu überraschen weiß. Ich liebe es, weil es ein wenig antiquiert ist, ein wenig mitgenommen wirkt, aber mich zuverlässig mit kleinen oder großen Geschwindigkeiten an jedes Ziel bringt.

An Stuttgarts Wäldern jedoch scheiterte es. Beziehungsweise ich scheiterte, denn das Rad kann nichts für meine Unfähigkeit, kilometerlange Extremsteigungen anstrengungsfrei zu bewältigen.

Anfangs war alles noch gut. Der Wald war arm an Laub, doch reich an Feuchtigkeit, und ich bemühte mich, auf den breiteren Wegen zu bleiben, die allesamt „Seufzerallee“ oder ähnlich albern benamt waren. Hin und wieder stieß ich auf einen Wegweiser, der mich zu Zielen wies, von denen ich noch nie gehört hatte, doch wenn ich ihnen folgte, waren sie an der nächsten Kreuzung nicht länger bereit, mit Rat und Hinweis zu glänzen. Statt dessen las ich Namen wie „Teufelswiesen“, wo überhaupt keine Grünfläche zu finden war. Auch gab es farbige Wegesmarkierungen, doch da ich bewusst vorwissensfrei in diese Tour gestartet war, halfen sie natürlich ebensowenig wie die zahlreichen Jogger, die Vogelgesang und Waldesluft ignorierend ihrer Atmung lauschten und den Weg vor ihren Schuhe beobachteten. Ebensowenig halfen die zahlreichen Hunde, die ihrer Angst vor Zweirädern teilweise mit dezibelstarkem Gebell Ausdruck verliehen. Und dass der Wald von etlichen kleinen und größeren Pfaden durchkreuzt wurde, die es unmöglich machten, in irgendeine Wildnis zu geraten, waren ebenfalls wenig unterstützend, da doch jede Kreuzung eine erneute Entscheidung abverlangte.

Was dagegen half, doch zugleich missfiel, war die Straße. Zu meiner Linken rauschte es immerfort, und ich wunderte mich ein wenig, wie es sein konnte, dass ich durch ein Naturschutzgebiet radelte, das derart intime Nähe zu Autobahnigem besaß. Immerhin war es, selbst wenn ich die Orientierung verloren hätte, dadurch nahezu unmöglich, sich zu verfahren.

Ich radelte, und tatsächlich brachte es mir Freude, Schlammpfützen auszuweichen und über belaubte Weg zu flitzen. Abzweigungen wählte ich spontan, und nicht selten suchte ich diejenige Alternative, auf der ich gerade niemanden entdecken konnten.
Es ging bergab, was mich wenig erstaunte, wohnte ich doch anscheinend oberhalb von wirklich allem. Ich war schnell unterwegs, bremste bei Hunden, bremste bei Pfützen, bremste in scharfen Kurven, bremste an Kreuzungen. So konnte es ewig weitergehen, dachte ich, wählte eine andere Richtung und trat noch ein wenig stärker in die Pedale.

Zwischendurch hielt ich an einigen der kartenartigen Orientierungshilfen, die jedoch nicht weiterhalfen. Es war vielleicht eine gute Idee gewesen, eine Art Relief zu schaffen, bei dem die Tiefe der Gravierung anscheinend für die Ausgebautheit des Weges stand. Es war auch schön anzusehen, dass Wege mit absonderlichsten Namen überall zu verlaufen schienen, dass es zahlreiche Aussichtspunkte und Raststätten gab, ja, dass der Wald im Allgemeinen vollgestopft war mit Orientierungspunkten und spannendem Zeugs. Interessanterweise gelang es mir jedoch nicht, Legende und Karte in Einklang zu bringen. Wenn ich also den Wanderweg vom Schloss zum Schössle zu entdecken versuchte, scheiterte ich. Vielleicht lag es an mir und meiner Benachteiligung, was das Erkennen roter Linien auf waldgrünem Grund angeht. Vielleicht lag es aber auch daran, dass jede einzelne dieser Karten anders ausgerichtet war. Mal war Norden links, mal oben rechts, mal unten. Ich begriff nicht, nach welcher Systematik die Karte jeweils gedreht war, doch sehr schnell, dass ich nicht imstande war, diese Karte zu lesen. Also verließ ich mich auf meinen Orientierungssinn und das Rauschen zu meiner Linken.

Eine weitere Kreuzung erreichte mich. Ich hatte mir bereits eine hohe Geschwindigkeit zu Eigen gemacht und musste mich rasch entscheiden. Vier Wege standen zur Auswahl, doch wenn ich den einen, von dem ich heranbrauste, und den anderen, der Richtung Straße führte, abzog, blieben nur nich zwei Möglichkeiten: Ein schmaler, stark belaubter, vermutlich unebener Weg – oder eine beqeme, breite Strecke, auf der sich jedoch ein Pärchen vergnügte.

Der schmale Pfad ging steil bergab. Ich grinste und wusste genau, dass mein Rad für solche Strecken eindeutig ungeeignet war. Der Boden war feucht, zu großen Teilen matschig, und wenn ich mit altmodischem Rücktritt bremste, schlug das Hinterrad aus. Es war steil genug, dass ich den Rücktritt irgendwann kontinuierlich betätigte, nur um die Geschwindigkeit annähernd beizubehalten. Alsbald musste ich auch die Vorderbremse einbeziehen, und ich war dankbar dafür, dass ich den umgestürzten Baum bereits längst gesehen hatte, bevor ich ihn erreichte, denn hätte er sich hinter einer der zahlreichen winzigen Kurven befunden, wäre ich vermutlich zusammen mit meinem Gefährt umgehend die Böschung hinunterstürzt.

Doch meine Angst galt nicht dem Sturz, galt nicht irgendwelchen Verletzungen, galt nicht dem Schlamm, der mich und mein Transportmittel verunzierte, galt nicht den zahlreichen Hindernissen, von denen irgendeines mein Rad ernsthaft beschädigen konnte. Meine Angst galt einzig und allein der Rückfahrt, auf der ich den gewaltigen Höhenunterschied wieder wettmachen müsste. Und wie ich vermutete, würde dies keineswegs mit schonend sanfter Steigung möglich sein.

Der Weg fand irgendwann sein Ende in einer Wiese, die „Vogelwiese“ hieß, von Kleingärtnerei umegeben war, Blick auf die autobahnige Straße und deren Tunneleinfahrt bot, doch ansonsten keinerlei richtungsweisende Merkmale besaß. Ich hatte nur zwei Möglichkeiten und wählte die, die weg von der Zivilisation [allerdings hin zur Rauschestraße] Richtung Heimat führte. Bergauf natürlich, doch zunächst noch gemächlich. Als ich mal wieder einen bellenden Hund überholt hatte, entschied sich der Weg, allmählich steiler zu werden und sich dann zu gabeln. Erstaunlicherweise fand ich zwei Wegweiser. Der nach rechts führende Pfad war für Fahrräder wie das meinige offensichtlich ungeeignet. Er war winzig und führte steilst bergauf – in Richtung irgendeines Sees. Die Alternative war eine Fortführung des bisherigen Weges, breit genug für mich, nicht allzu steil und zur irgendeinem Brunnen führend.

Ich erreichte den „Brunnen“ wenige Minuten später. Unästhetische Betonitäten hatten das aus dem Berg sprudelnde Wasser aufgestaut, so dass man sich tatsächlich badenderweise in einem Miniaturbecken vergnügen konnte – wenn es nicht nur sieben Grad Celsius draußen gewesen wären.

Na toll, seufzte ich, und gleich darauf ein zweites Mal: Der Weg war zu Ende. Das kann doch nicht sein, dachte ich und stieß bis zu dem Punkt vor, an dem ich direkt vor dem Berg stand. Hier hätte es weitergehen müssen, doch tat es das nicht. Mist.
Wieder hatte ich zwei Möglichkeiten: Ich konnte zurückfahren, dem bellenden Hund erneut begegnen und dann jenen Weg nehmen, den ich zuvor als unbefahrbar klassifiziert hatte. Oder ich schnappte mir mein Rad und trug es einfach nach rechts den Berg hinauf, durch den Wald, dorthin, wo erwähnter Weg theoretisch langlaufen müsste.

Ich entschied mich für b), und während ich mich Fahrrad tragend dem Berg näherte, wurde mir klar, dass die Wahrscheinlichkeit, mich an diesem Berghang hinzulegen und einzusauen, auch ohne schweres Fahrrad und mit zwei unterstützenden Händen anstelle von einer enorm groß gewesen wäre. Und tatsächlich: Kaum hatte ich zwei Mal gedacht, dass ich jeden Moment stürzen würde, stürzte ich. Nicht viel, nur genug, um Knie und linken Arm zu beschlammen und ein wenig zurückzurutschen. Doch ich gab nicht auf, suchte kundigen Blickes den einfachsten Weg hinauf, zog mich Schritt für Schritt voran – und landete tatsächlich auf dem erwähnten unwegsamen Weg, der mir plötzlich erstaunlich begehbar vorkam.

Ich schrieb „begehbar“, denn an eine Fahrradfahrt war nicht zu denken. Und so schob ich mein Rad bergauf, hörbar außer Atem und verrückt grinsend. Wenn „aspirieren“ „ansaugen“ bedeutet und „trans-“ „durch“, dann saugte ich in den Augenblicken wohl ordentlich durch. Meine Hose war dreckig, doch das kümmerte mich nicht. Hauptsache, dieser elende Anstieg fand bald ein Ende.

Irgendwann war es dann soweit. Ich gelangte an eine dieser von Irren angefertigten Relief-Umgebungskarten und versuchte gar nicht erst, mich an ihr zu orientieren. Ich wählte irgendeinen Weg, der befahrbar aussah und in Richtung des Waldes führte, und trat in die Pedale. Es ging bergauf, und obwohl die Steigung nicht sehr steil war, spürte ich, wie ich langsamer und langsamer wurde und schließlich Geschwindigkeiten erreichte, für die mich höchstens noch gelähmte Schnecken bewundert hätten. Tatsächlich kam mir, während ich in der Pedale stehend dem baldigen Ende des derzeitigen Hügels entgegenkeuchte, ein Mountainbiker entgegen, der aber mein verzerrtes Grinsen nicht erwiderte, sondern ignorant vorbeiradelte. Arsch!, dachte ich und kämpfte weiter.

Irgendwann wurde der Weg wieder besser, und bald gelangte ich an eine Stelle, die mir bekannt vorkam. Moment, dachte ich, hier bin ich doch auf diesen schmalen, kleinen, steil abwärts führenden Schlammpfad abgebogen! Und selbstverständlich wählte ich nun eine andere Richtung, nämlich die, aus der ich ursprünglich gekommen war. An der nächsten Abweigung stieg ich ab. Ich verließ das vertraute Gelände erneut, stopfte mir ein Lakritzbonbon in den Mund und schob mein Fahrrad bergauf. Für heute hatte ich genug aufwärt gestrampelt.

Bald hatte ich genug vom Schieben und fuhr noch ein wenig. Ich gelangte ich eine bewohnte Gegend und beschloss, den Wald endgültig zu verlassen. Hier sind die Wege besser, dachte ich beglückt, vergaß jedoch, dass auch Straßen Höhenunterschiede besitzen. Nur wenige Augenblicke später kämpfte ich mich erneut transpirierend und keuchend bergauf.

Dann war es vorbei. Ich durchquerte die Siedlung mit vor Schmutz starrender Kleidung, durchgeschwitzt und Bonbon lutschend, einhändig die ebenen Straßend genießend. Als ich das Fahrrad verstaut hatte, setzte ich mich erst einmal. Ich war nicht weit gekommen an diesem Tag, doch wusste nun, was es heißt, in Stuttgart Rad zu fahren.

Musik, bitte.

Der Stuttgarter Club Zentral hatte zu den sogenannten Metal Nights geladen und mich frisch Zugezogenen mit schwermetallischen Bands gelockt. Ich wehrte mich nicht, und erwarb eine Karte, die mir ermöglichen sollte, Agathodaimon, eine von mir seit ungefähr zehn Jahren gutgefundene Klangformation, live zu erleben, begleitet von Agrypnie, dem Projekt, das aus den nicht mehr existierenden, aber von mir noch immer hochgeschätzten Kapelle Nocte Obducta hervorging.

Der wahre Anlass war natürlich das neue Agathodaimon-Album, das nach diversen bandinternen Umstrukturierungen eventuell in mir diverse Befürchtungen geweckt hätte, wenn ich überhaupt davon gewusst hätte. Doch bis vor wenigen Tagen wusste ich nichts, und bis Zeitpunkt des ersten Agathodaimon-Konzertsongs hatte ich von dem Neuwerk nicht mehr gehört als wenige durchgezappte Minuten in irgendeinem Musikfachfarengeschäft. Aber immerhin kannte ich das Altwerk zur Genüge und glaubte mich zumindest für den Headliner gerüstet.

Agrypnie hingegen war mir nahezu unbekannt. Glücklicherweise hatte last.fm das Debüt dieser Musikgruppe anhörbereit, so dass ich ihm drei Male komplett lauschen konnte, bevor ich mich heute auf den Weg begab. Doch war ich diesbezüglich sorgenfern, denn auch Nocte Obducta war keine Band gewesen, deren Titel man mitsingen können sollte.

Es hieß Metal-Nights, und so war es nicht verwunderlich, dass zwei Vorbands aufzutreten beabsichtigten. Zum einen handelte es sich dabei um Lyfthrasyr, deren Name mir bekannt vorkam, deren Klänge mich beim last.fmigen Hineinhören jedoch nicht dazu ermutigten, mehr als zwei Lieder erlauschen zu wollen. Ich war demnach unvorbereitet, doch mit diesbezüglicher Gleichgültigkeit benetzt. Und von der lokalen Band Darkness Ablaze wollte ich mich schlichtweg überraschen lassen.

Dass der Club Zentral so heißt, war gut, denn die Haltstelle Stadtmitte war nicht fern, und erhöhte mir Unwissendem, mit handgezeichnetem Lageplan Bestücktem die Erreich- und Findbarkeit der Lokation. Selbige war klein, aber im Gegensatz zu den üblichen Metalschuppen sauber und abseits jeglicher wrackiger Konsistenz. Es gab sogar eine behindertengerechte Männertoilette – unguterweise war sie jedoch für maskuline Wesen die einzige, so dass auch wir Nichtweibchen mal die Erfahrung einer Kloschlange machen durften. Zum Glück war sie stets angenehm kurz.

Weiteres Glück hatte ich, weil ich nach der Konzerterei meine Jacke an ihrem Platz antraf. Denn Stuttgart besitzt in seinen Clubs zwar Möglichkeiten, ablegbares Kleidwerk zu verstauen, doch mangelt es sehr häufig an Bewachern, Abholmarkenausgebern und 50-Cent-Kassierern. Intelligentweise war ich vorbereitet gewesen: Monatskarte, Geld und Wohnungsschlüssel waren alles, was ich an bedeutsamen Gegenständen bei mir trug – und natürlich nicht in der Jacke ließ.

Darkness Ablaze waren erstaunlich gut. So gut, dass ich während ihrer nur halbstündigen Darbietung immer wieder dachte: Huch, die sind ja gut. Nicht gut genug, um 12 Euro für ihr silbernes Presswerk ausgeben zu wollen, doch gut genug, um bereits jetzt in die Stimmung zu kommen, den Kopf nicht nur taktbezogen wippen, sondern mitsamt des wallenden Haupthaares schütteln zu wollen. Ich schüttelte nicht, doch freute mich über das angenehm abwechslungsreiche Spiel und den fähigen Frontmenschen, der mich eine einst getroffene Aussage korrigieren ließ: Kurzhaarige Headbanger sehen albern aus, aber nur, wenn die Kurzhaarigkeit nicht in eine Glatze mündet. Tatsächlich versprühte der Schreikerl angenehm viel Energie, um auch den recht kleinen und trotzdem nicht übermäßig dicht bevölkerten Club in Wallung zu bringen. Und auch wenn ich befürchte, die Band abseits ihres Live-Daseins nicht übermäßig viel hören zu werden, empfehle ich sie hiermit.

Das Gegenteil mache ich mit Lyfthrasyr. Unwillig muss ich zugeben, dass es nicht Unfähigkeit war, die meine Sympathie an dieser Band vorbeigehen ließ. Nein, der Grunzer war durchaus zum verschiedenen-tonlagigen Kreischen imstande und konnte auch nebenbei seinen elektrischen Bass bedienen. Doch allein dieser E-Bass war ein Hort der Widerwart: Alles an ihm schrie: Ich bin ein Poser, schaut alle her! Und es ging noch weiter: Die Gewandung der Musizierenden war tiefstes Gothic-Klischee, irgendwie unpassend für ihre harten metallischen Laute, mit Lack und Bondagerei eher dem ELektronischen zuvermutet – und auf jeden Fall in jedweder Umgebung unschön, abartig, als hätten sie Rabatte bei XtraX bekommen. Die Mimik, die Gestik, des Frontmenschen – alles rief „Poser“ und vermochte noch nicht einmal mehr, mich schulterzuckend schmunzeln zu lassen. Und wenn es nicht „Poser“ war, dann war es „evil“ – was allein der Scheinwerfer bezeugte, der den Sänger von unten bestrahlte und dementsprechend taschenlampenböse aussehen ließ. Wenn wenigstens die Musik gut gewesen wäre – doch irgendwie empfand ich sie nur als sinnloses Geknüppel, das hin und wieder von dem mit einer Baumarktkette beschmückten Keyboard unterbrochen wurde.

Die Umbauarbeiten waren jedesmal wieder faszinierend. Zum einen erstaunte mich, wieviele Menschen Platz auf dieser kleinen Bühne hatten, zum anderen fand ich angenehm, dass die Bandmitglieder selbst es waren, die den Hauptteil des Auf- und Abbaus besorgten, nicht irgendwelche Groupies.

Agrypnie waren der Höhepunkt der Metal-Nights. Zumindest wenn es nach dem Publikum ging. Es wimmelte nur so von Agrypnie- und Nocte-Obducta-Bekleidung, während sich Agathodaimiges nirgends finden ließ. Der Saal erreichte seine Maximalbefüllung des Abends, jedoch längst nicht seine maximal mögliche.
Ich befand ich mich irgendwo in dritter, vierter Reihe und schwelgte in Sympathie. Denn tatsächlich war die Band auf den ersten Blick schon einnehmend. Da war der Schlagzeuger, der seine Ohren mit dicken Kopfhörern bedeckte und gerne in des Sängers Ansagen hineintrommelte. Da war der Bassist, ein etwas Fülligerer, der während der Songs vielleicht am meisten mitging und hin und wieder sein Musikinstrument in die Höhe hielte, als wollte er un zeigen, dass es noch immer existierte. Da war der Leadgitarrist, ein riesiger Kerl, dessen Gitarre in anderen Händen poserartig gewirkt hätte, beim ihm jedoch etwas Zierliches hatte. Während der cleanen Passagen zupfte er vor sich hin, auf seine Arbeit konzentriert und doch ohne Besessenheit. Wie nebenbei brachte er die Gitarre zum Klingen. Der zweite Gitarrist war fast noch ein Kind. Nach dem Aufbauen setzte er seine Brille ab, nach dem Konzert wieder auf. Zwischendurch strich er sich immer wieder die Haare aus dem Gesicht, obwohl sie dort überhaupt nicht verweilten. Der Sänger selbst war allerliebst. Gerne hätte ich mehr Ansagen gehört, doch war aufgrund der hohen Musikerdichte dafür kaum Zeit. „Wir spielen noch zwei Titel. Also zuerst den einen, dann ruft ihr Zugabe; dann spielen wir den anderen.“ Dass er zudem auch noch Linkshänder zu sein schien, machte ihn aus unbekannten Gründen umso sympathischer.

Leider war der Klang mies. Schwarzmetall eignet sich vielleicht nicht für Konzerte, oder der Mischpultmann war überfordert; ich weiß es nicht. Sicher war nur, dass ich zum Teil aus dem ganzen Rauschen, das ich vernahm, kaum noch das Lied heraushören, das ich immerhin schon dreifach gehört hatte. Nicht weniger schade war, dass nur wenige Songs des mir bekannten Albums, dafür umso mehr der neueren Scheibe gespielt wurden, so dass mein Haarschüttelpotential nicht völlig ausgeschöpft werden konnte. Doch wenigstens zum mir Bekannten arbeitete ich fleißig an den Nackenschmerzen, die mich am nächsten Tag ereilen würden.

Dann Agathodaimon. Weil das neue Werk präsentiert werden sollte, und ich eigentlich nur dessen ersten Titel wiedererkennen konnte, befürchtete ich ein wenig, nicht ausreichend Begeisterung förderndes Material auf die Ohren zu bekommen. Zum Glück unebrechtigterweise, denn obgleich tatsächlich viele Werke der gerade erschienenen CD gespielt wurden, schafften die Agathodaimonen es auch, mich sehr zu erfreuen. Ja, mehr als das: Obwohl sich der Raum ein wenig geleert hatte und die allgemeine Kopfschüttelneigung sehr gering war, wirbelte ich eifrig mein Haupthaar umher – und konnte sogar den neuen Klängen etwas abgewinnen. Der Sänger, angeblich einigermaßen neu und unguterweise mit diversem Gothic-Kram bestückt, war nicht nur allgemein gutfindbar, sondern auch zu begeisternswerten Klängen fähig und imstande, auch das Altwerk zu präsentieren, als wäre es schon immer das seine gewesen.

Dass das Mikrophon des Zweitsängers und Gitarristen nichts nutzte, störte durchaus ein wenig, doch war das Konzert gut genug, um mich darüber hinweghören zu lassen. Und als dann abschließend mit „Departure“ in der Zugabe eines meiner favorisierten Lieder gespielt wurde, war ich vollends zufrieden und kehrte mit einem berauschenden Gutgefühl bestückt heim.

Stuttgart

Stuttgart schafft es, auf eine sympathische Weise hässlich zu sein.

Der vorangegangene Satz entspricht keineswegs der Wahrheit, sondern nur dem Eindruck, den die bawüer Landeshauptstadt innerhalb von fünf in ihr zugebrachten Stunden auf mich machte, fünf Stunden, von denen ich eine halbe Stunde auf dem Hauptbahnhof, eine halbe in der S-Bahn und ein Großteil des Rests in einem Bürogebäude der zahlreichen Stuttgarter Vorstädte zubrachte. Das Stuttgart, das ich kenne, fliegt an unsauberen Fensterscheiben vorbei oder befindet sich über von mir gerade befahrenen Tunneln.

Sicherlich: In der Ferne erheben sich die Bergbauten, wildromantisch an den Hügel geklebt. Doch die Bergigkeit Stuttgarts ist mir bekannt, und dass sie keinen sonderlich euphorischen Ruf genießt, ebenfalls. Sicherlich: Hier und da entdeckte sogar ich auf meinem äußerst kurzen Kurzbesuch Gebäude, die wohl höheren architektonischen oder kunsthistorischen Wert besaßen, doch überwog die Zahl der Bauten, von denen mir zwar das beschreibende Adjektiv „uninteressant“], nicht aber das Aussehen in Erinnerung blieb.

Steigt man am Hauptbahnhof aus, wähnt man sich in kleinstädtischen Gefilden. Zu winzig scheint das Bahnhofsgebäude zu sein, um den Landeshauptstadtbewohnern Fernreisestation zu sein. Zudem schenken überallige Baumaßnahmen erste Eindrücke von Stuttgarts Hässlichkeit: Sie stören nicht, doch sind vorhanden. Auch die Bild möchte den Häßlichkeitsbrei mitmischen, und stellt einen unansehnlichen Audi-SUV als gewinnbar zur Verfügung – eine Masche, auf die normalerweise nur weltfremdeste Ueckermarkbewohner hereinzufallen pflegen.

Immerhin beeindruckte mich Stuttgart mit der Leichtfindbarkeit von eigentlich fast allem. Selbst als ich bewusst beschloss, bereits an der Haltestelle „Stadtmitte“ die S-Bahn zu verlassen und durch die Innenstadt zu irren, ohne einen Stadtplan erworben zu haben, gelang es mir nicht, mich zu verlaufen. Und nicht nur das; ich fand auch immer zur gerade verlassenen Haltestelle zurück, bis ich irgendwann aufgab, mich wieder in eine S-Bahn setzte und die eine Haltestelle zurück zum Hauptbahnhof fuhr, während die bilingualen Lautsprecherdurchsagen mit ihrer sympathisch-deutschen Akzentuierung mich zu erheitern vermochten.

Denn so war es in Stuttgart: Nichts wirkte überzeugend oder beeindruckend, und doch fühlte ich mich nicht gestört, nicht aufgewühlt ob irgendwelcher Hässlichkeiten, nicht beleidigt aufgrund dessen, was ich sah oder gar roch. Stuttgart war nicht schön, ja unschön, und wirkte es auf seltsame Weise angenehm, sympathisch. Wie ein alter Terrier vielleicht, der keine Schönheitskonkurrenz mehr [um mal einen Monopoly-Begriff einzuflechten, den ich noch nie in anderem Umfeld vernahm] aber dafür noch immer das Herz älterer Damen und spielender Kinder gewinnen wird. Nur dass jene Damen und Kinder in Wahrheit Anzugträger waren, die sich überall in der Innenstadt antreffen ließen. Und selbst das störte mich nicht – vielleicht weil ich an meinem Besuchstag einer von ihnen war.

Die Bezeichnung „Stadtmitte“ war irreführend, nicht auf die bösartige Märchenwald-, sondern auf die unzufriedenstellende Art. Sicherlich: es gab Fußwege und Geschäfte, wie man sie in jeder Stadt zu finden vermag. Es gab schlendernde Menschen und zahlreiche Methoden, sich ohne anzuhalten Essen in das Gesicht zu stopfen. Doch das war auch alles.

Ich landete in einer Passage, die exquisit zu sein schien, wagte kaum, die Auslagen zu beschauen, aus Angst, als neidischer Schaufensterossi zu gelten, und ich fand zwei Dönerläden, die auf den ersten Blick völlig anders aussahen, als ich Dönerladen kenne. Doch das war auch alles.

Ich sitze im Zug, fahre heim, versuche, Stuttgarts fehlende Schönheit als negativ zu erachten, doch kann es nicht. Aus irgendeinem Grund mochte ich diese Stadt. Vielleicht weil mir nicht ein einziger unfreundlicher Mensch begegnet war. Vielleicht aber auch, weil ich alte Terrier mag.