gift

verrat der warmen zitterfinger
dein trüber blick gilt gläsern mir
der schwall von schwerer knotenzunge
berührt
betrübt
den letzten weg.

das gift ins leere ausgeschüttet
kein tod erschreckt, was dürstend lebt
doch geb ich halt, den du nicht findest
als keine hand die träne fängt.

nicht aufzugeben heißt zu leben
wohin der kreiselpfad dich führt
ich weise dich mit weisen worten:
berühre mich
behalte dich.

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erkenntnis?

in deinen augen
erkenne ich mich
gesuchtes gefunden
gefunden: verlust.

dein schatten weckt formen
ein licht kennt dein haar
die sonne umspielt mit kuß
dein gesicht
ich fange die träne
die gläsernen träume
ersuche mich selbst
doch finde nur dich.

in deinem herzen
entdecke ich mich
ersehntes erfunden
erfunden: mein licht.

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was wäre wenn

‚was wäre wenn…?‘ regt sich in mir
legt fragenlächeln aufs gesicht
der geisthauch kraucht durch unsre schluchten
du siehst, bemerkst, mein leuchten nicht

verlangen sieht dein zögernd wort
das bittersüß die stille bricht
ein traum, der deinesgleichen sucht
du fliegst hinfort, entfliehst dem licht.

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begegnung

ich begegnete dem leben.

von den wirren launen des schicksals durch die zeiten getrieben, entdeckte ich mich plötzlich vor dem leben. du blicktest munter in mein gesicht, freude glänzte in deinen augen. mit meinen armen umschlang ich das leben, drückte dich an meine brust, nährte mich für einen kurzen augenblick erneut von deinem licht. du lächeltest, doch sah ich eine träne blitzen.

worte flogen durch den raum, betrafen die gegenwart, die mich nicht zu berühren wußte. dein lächeln schwand nicht, nein, es wuchs, riß mich mit sich in die lüfte. ach, hättest du verweilen können!

noch einmal barg ich dich in meinen armen, ließ die augenblicke heimkehren, in mich gleiten. deine unsichtbaren tränen fanden mich und flüsterten leise: „lebewohl.“ abschied rief dich hinfort, entriß dich mir.

traurig blickte ich dem leben hinterher, das ich längst verloren hatte.

aus deinen augen

und plötzlich begann es zu regnen.
aus deinen augen flossen kristallbare bäche, unaufhaltsam in ihrem lauf.
ich versteckte dein gesicht an meiner schulter, bedeckte deine trauer mit meiner wärme.
doch ich erreichte dich nicht. die wolken in deinem kopf wollten nicht weichen.
irgendwer hatte die sonne gestohlen.

straßenbahnerlebnisse

und in der straßenbahn entdeckte ich eine junge dame, deren blasses antlitz meine richtung mied. ich lächelte bei dem traurigen gedanken, daß ich sie wohl nie ansprechen würde, daß ich ausstiege und sie niemals wiedersähe.

auf anderem platz beobachtete sich ein junge in der glasscheibe, sang seinem spiegelbild lautlos, doch ergreifend, ein lied. ich lächelte, weil ich der einzige war, der dieses kleine schauspiel bemerkte und sah weg, als die blicke des jungen zu mir herüber wanderten. ich wollte ihn nicht stören.

die nächste haltestelle war noch weit, da drängelten sich schon die menschenscharen in die straßenbahntürbereiche, stopften sich zu einer formlosen, hektischen masse zusammen. ich saß, wartete geduldig, bis auch der letzte aussteigwillige der bahn entkommen war und huschte dann geschwind zwischen den sich schon schließenden türen hindurch, hinein in die kühle abendluft.

ich lächelte, als ich den regen bemerkte.

„und sonst…?“

heute habe ich wieder menschen gesehen. das mag wenig sonderlich sein, doch waren die personen, die ich heimlich mit blicken bedeckte, grund für diese nun folgenden worte, dementsprechend also wesen, die in meinem schädel befremdliche fragen und gedanken entstehen ließen.

ein dicker, wahrlich dicker, junge stöberte eine weile in seinen mit unterschiedlichsten taschen übersäten hosenbeinen und zog schließlich triumphierend eine compact disc hervor, die ich ohne größere mühe als „gebrannt“ identifizierte, was mich zu hämischen gedanken bezüglich der legalität des inhalts bewegte. ich freute mich schon, auf eine entsprechende frage die worte zu vernehmen „da sind nur fotos drauf.“ oder „da habe ich meinen aufsatz für die schule draufgebrannt.“, um diese mit einem ungläubigen kopfschütteln abzuwehren und zu beobachten, wie das schlechte gewissen über die illegale untat schames- oder trotzröte in den kugelrunden schädel schießen ließe. doch ich schwieg und beobachtete verwundert, wie der dicke junge die cd ihrer hülle entnahm, umdrehte, die unterseite ausgiebig musterte und anschließend den anscheinend kostbaren datenträger wieder sorgsam im taschenwirrwarr verstaute. was genau hat diese aktion bewirken sollen? welche geheime informationen entlockte der dicke junge der cd-unterseite? glaubte er, durch seinen blick eine kostprobe der eingebrannten daten erhaschen oder die winzigen rillen, in denen sich die bits und bytes versteckten, mit seinen verquollenen augen ausmachen zu können? glaubte er gar, ein paar leise musikbruchstücke auf der spiegelnden fläche erahnen und vernehmen zu können? war er tatsächlich imstande, den kaum merklichen unterschied zwischen bebranntem und brachliegendem teil des rohlings wahrzunehmen und daraus informationen zu beziehen, die seinen wissendurst erlöschen ließen? oder war dies einfach nur eine geste, deren sinnlosigkeit ihm erst in ihrer ergebnislosigkeit bewußt wurde – wenn überhaupt?

ich wußte es nicht und wendete mich ab, dorthin, wo sich soeben eine erstaunlich gut gebaute junge dame niederließ und grazil ihre beine übereinanderschlug. für sekunden wurde ich von diesem beschaulichen bild gefesselt, solange, bis dieses wahrhaft hübsche wesen begann, kommunikation mit ihrer begleitenden freundin zu betreiben. der überaus stark ausgeprägte lokale dialekt in kombination mit dem hochdeutschfremden jugendsprachstil ergab eine mischung, die nicht nur die illusion erweckte, daß der ansehliche schädel vor wenigen wochen restlos leergepumpt und von allem sinn und inhalt restlos befreit worden war, sondern widerte mich nahezu an, schreckte mich so sehr ab, daß ich beschloß, eine haltestelle früher auszusteigen, um nicht länger über diese befremdliche verteilung von schönheit an einem einzigen menschen nachdenken zu müssen.

jenseits der haltestelle versuchte ich, die aufmerksamkeit eines geduldig wartenden hundes auf mich zu lenken, indem ich eine paar kurze pfeiflaute zwischen meinen zähnen hervorpreßte. der hund reagierte nicht, starrte stur nach vorn. ich lachte innerlich laut auf. so sympathisch war mir der fellige vierbeiner, der es nicht nötig hatte, jedem dahergelaufenen herumalberer falsche zutraulichkeiten vorzuspielen, um anderthalb streicheinheiten zu ernten.

meinen inneren notizzettel abarbeitend kehrte ich für einen weißbrotkauf in die am platze vorhandene netto-filiale ein. diese vermochte mich weder durch ein gut aufgeräumtes sortiment, durch unvergleichliche produktvielfalt noch durch finanziell besonders privilegierte kundschaft zu beeindrucken. doch das kümmerte mich wenig, neigte ich doch nicht dazu, meine stimmung von solchen oberflächlichkeiten beeinflussen zu lassen. ich schnappte mir das geschnittene und zugleich preiswerte weißbrot und stiefelte [das wort war aufgrund meines schuhwerks tatsächlich berechtigt] zur kasse, an der sich die schlangen der ungeduldig wartenden tümmelten. hinter mir befand sich eine ältere dame, die sich höflich bedankte, als ich das warentrennhölzchen [also den „kundenseparator“ oder wie er auch heißen mag] hinter meiner weißbrotpackung auf dem fließband plazierte. nahezu im selben atemzug begrüßte sie freudig die hinter ihr anstehende bekannte, eine mollige, wenig gesund wirkende frau mitleren alters mit einer abscheulichen mütze auf dem ungepflegten haar. diese reagierte mit verlegenheit auf so viel aufmerksamkeit, sprudelte ein paar leere worte in den raum und schaffte es, nach jedem satzteil ein verlegenes kichern einzubauen. ihr gesicht war puterrot, in ihrem einkaufswagen türmten sich die bierflaschen und sowohl ihr gehabe als auch ihre redeweise wies sie als „geistige sozialhilfeempfängerin“ [ich danke heimatroman für diesen wunderschönen ausdruck] aus. ich ahnte, was jetzt kommen würde, hielt in schrecklicher erwartung die luft an – und behielt recht: die ältere dame, welche bereits ihre waren neben meinem weißbrot auf dem fließband positionierte, formulierte, ohne daß bisher inhaltsgefüllte worte gefallen wären, die schreckliche frage: „und sonst…?“

hätte sie mit mir geredet, wäre sie von einem redefluß überwältigt worden, der sich vermutlich umgehauen hätte. obgleich ich verstehe, daß zu kennenlernzwecken smalltalk zuweilen ganz nützlich sein kann, verachte ich ansonsten derartige redeweise. ich mag es nicht, sinnentleert über das gestrige, heutige und morgige wetter zu reden, mag es nicht, ohne wirkliches interesse nach meinem befinden gefragt zu werden. und das letzte, was ich in die ohren gepreßt bekommen möchte, ist: „und sonst…?“. diese verkrüppelte frage stellt für mich die abscheuliche inkarnation des verweifelten versuches dar, krampfhaft ein gespräch betreiben zu wollen, nein, zu müssen, bei gleichzeitigem maximalwert an desinteresse und unkenntnis der lebensumstände des gegenübers. jede konkretere antwort auf diese „frage“ ist vollkommen falsch und überflüssig, weil nichts anderes erwartet wird als „naja…“, „es muß ja.“ oder „ganz gut.“. wehe dem, der von seinen sorgen – oder noch schlimmer: von seinen freuden – berichtet.

beiden gesprächsteilnehmerinnen war die situation sichtlich unangenehm. wieso hatten sie sich ausgerechnet hier treffen müssen? wieso hatten sie sich überhaupt begegnen müssen? sie maskierten sich mit einem weiteren schwall leerer worte und verlegenen lächelns, während ich mich eilig bezahlend dem geschehen entzog und in die nächstbeste straßenbahn stieg, wo ich lächelnd ein kind beobachtete, das sich während der ganzen fahrt selig mit einer handbürste beschäftigte und zusammen mit seiner großmutter prächtig über diesen nützlichen und zugleich ungemein vielfältig anwendbaren und lustigen gegenstand amüsierte. es gibt noch hoffnung, dachte ich, stieg alsbald wieder aus und grinste in mich hinein, als ich bemerkte, wie albern ich aussehen mußte mit der packung weißbrot unter meinem arm.

das wort des tages

… wird wohl „Vorrat“ werden.

in meinen augen sieht dieses alberne substantiv irgendwie absolut falsch aus, wie ein teil aus einer verdrehten welt. ich neige dazu, bei der lektüre dieser buchstabenanhäufung das O im geiste dermaßen kurz auszusprechen, daß der restliche teil des wortes nur noch verkrüppelt und verhunzt hinterherhinken kann. doch selbst jetzt, nachdem ich rechtschreibinformationsquellen gewälzt und mich von der richtigkeit des scheinbar falschen überzeugt habe, bin ich nicht imstande, das wort zu lesen, ohne daß es mir befremdlich vorkommt. ich würde es wohl um ein R reduzieren, wenn ich dürfte. doch erstens werde ich dann auf dem scheiterhaufen zu mißachtender deutschsprachverstümmler gehängt und gevierteilt; und zweitens sieht „Vorat“ mindestens anderthalb kilo alberner aus als „Vorrat„.

was nun? keine ahnung. vielleicht sollte ich das substantiv aus meinem aktiven schreibwortschatz eliminieren und einen alternativen ersatz suchen. vielleicht sollte ich aber auch mein fahrrad mit schwarzer kreide bemalen und einen russischen regenbogen verspeisen. vielleicht aber auch nicht…

stillstand

Wer sich nicht bewegt, erreicht keine Ziele.

dieser satz war in ähnlicher form auf einem flyer von ver.di zu lesen, der mir neulich vor die augen kam. in mir gaben sich der alles-hinterfrager und der aphorismen-ablehner grinsend die hände und freuten sich darauf, diese wenigen worte in der luft zu zerreißen. nur wenig mühe ist dazu vonnöten, nur ein einziges gegenbeispiel, das verdeutlichen soll, daß es in den wenigsten fällen sinnvoll ist, allgemein übliche sprüche zu verfremden, zu erneuern oder in anderes wortgewand zu kleiden, wenn schon das original wenig einfallsreich, womöglich unzutreffend ist und tausendfach kopiert wurde.
ich erschaffe im geiste also die situation, daß mein ziel darin bestünde, mich nicht zu bewegen. von mir aus auch im symbolischen sinne. sofort wird klar, daß der obige spruch somit seine bedeutung und seine allgemeingültige wahrheit verliert und zu sinnlosem dummgeschwafel, zu nichtiger pseudoschläue, mutiert. traurig, aber wahr.
[gäbe es ein fazit, würde ich es an dieser stelle schreiben.]

arztbesuch

ich hätte mir ein buch mitnehmen sollen, eines mit vielen komplizierten zeilen, eines, das meinen geist gefangennehmen würde und von der umgebung ablenkte, eines, das meine eigenen gedanken mit farbenprächtigen buntwelten übermalte. ich hatte keines. ich hatte auch keinen stift, kein leeres blatt papier, das mir die worte aus dem schädel saugte, lustige stichmännchen und kulleraugenwesen entstehen ließt, das geistreiche bemerkungen forderte und danach lechzte, mit meinem kopfkino befüllt zu werden, das mich mit aufreizendem weiß begrüßte und sich mit vollend unterwarf.

ich hatte nur mich, meine augen, meinen kopf. zusammengesackt in meinem mantel, den auszuziehen ich verweigerte, saß ich auf dem stuhl im wartezimmer. würde ich den mantel ablegen, gäbe ich mir selbst wohl zu, daß es noch dauern konnte. das wollte ich nicht. selbstbetrug war schon immer eine meiner herausragenderen fähigkeiten.

ich entdeckte keine zeitschriften, nur unzählige broschüren, die allesamt für rentner oder herzleidende gedruckt zu sein schienen. überall jedoch prangerten mir möglichkeiten zur suchtthearpie, suchtprävention und angehörigenhilfe entgegen, als wollten sie mich verhöhnen. zu spät, dachte ich traurig, viel zu spät.

die plätze neben mir waren frei, blieben frei. es gab nicht viele unbelegte sitzplätze, doch die zu meiner linken und rechten blieben unbenutzt. lag es an mir? sollte mir das zu denken geben? sah ich gar krank aus?

ich wollte nicht krank aussehen, war es nicht. ich war hergekommen, um eine lüge vorzuspielen, die vorzuspielen ich nicht willig war. ich war nie ein guter schauspieler gewesen. und erst recht kein lügner.

in wartezimmern erfreute ich mich gerne der tatsache, ein geduldiger mensch sein zu können. ich konnte warten, konnte mich mit meinen gedanken beschäftigen, mich unterhalten, ohne nur mit einer wimper zu zucken, ohne sinnlos mit den beinen zu wackeln oder mit den händen ständig im gesicht oder den haaren herumzufriemeln. ich beobachtete, was um mich herum passierte, mit wachen augen, mit regen gedanken, mit dem leisen lächeln, das allem galt, was ich für besonderns interessant oder amüsant hielt.

irgendwo in der ferne des hintergrunds dudelte eine entspannungsmelodie, eintönig, ermüdend. immer die gleiche sequenz mit geringfügigen änderungen, unterlegt durch alberne geräscuhe unzähliger wald-, wiesen- und teichtiere. ich lächelte, wenn einer der tierlaute besonders blechern klang oder kurz nacheinander ein specht und ein frosch zu hören waren, deren begegnung ich mit als komisch vorstellte. nach einer weile pausierte die musik, um später wieder einzusetzen – das gleiche lied. pause. lied. pause. lied. immerzu.

neben mich setzten sich zwei vertreter. ein mann, geschniegelt, doch auf ersten blick unsympathisch, und eine frau, die nett aussah und ein paar jahre jünger als ihre begleitung war. die beiden hatten einen termin. der mann versuchte, leise zu reden, doch saß direkt neben mir. sein füstern war eher ein zu worten geformtes dröhnen seiner stimme. fremdwörter flossen aus seinem mund, doch klangen sie eher aufgesetzt als intelligent. die frau hätte lieber ihren mund halten sollen. ihre stimme degradierte sie.

das gespräch drehte sich um dinge, die ich nicht verstand. doch ich verstand, daß der mann meckerte, über andere herzog, altkluge, sinnbefreite bemerkungen machte, sich zuweilen wiederholte und dazu neigte, so zu tun, als gebe er geheimes wissen weiter und wäre allem überlegen. die junge frau dagegen redete weniger, doch wenn sie etwas sagte, gab sie dem mann recht, wiederholte seine worte und schmückte sie ein wenig aus. ständig schaute sie auf die uhr oder zückte ihren terminkalender. immer wieder. das machte mich nervös, ich sah weg.

in wartezimmern ist es grundsätzlich falsch, eine uhr mit sich zu führen. was nützt es mir, wenn ich weiß, daß ich bereits eine stunde wartete? nichts. es führt nur zu unmut. ich dagegen wollte mutig sein. im kopf sprach ich noch einmal die sätze durch, die ich vor der ärztin aufführen wollte. die geflüsterte stimme meines nachbarn störte mich immer wieder, unterbrach mich. ich seufzte, wuselte kurz in meinem haaren herum, um mein ungesundes aussehen zu verstärken, überprüfte geistesabwesend die schnallen an meinen stiefeln.

ungeduldig warteten die beiden unsympathischen vertreter, flüsterten einander unfreundliche bemerkungen über die arztpraxis zu, sobald die schwester den raum verließ. ungeduldig war auch ein mit gehilfen bestückter mann, entschied sich plötzlich dazu, das warten satt zu haben und gehen zu wollen. seine frau widersprach ihm kraftlos „das kannst du doch nicht machen…“, wandt sich hilfesuchend an die beschäftigte schwester. „natürlich kann ich das.“, motzte der genervte aufbruchswillige, zog seine jacke an und ein mißmutiges gesicht. diesen satz wiederholte er, immer wieder ein paar flüche einfügend, mehrmals. die schwester eilte hinzu, verteilte besänftigende worte und vertröstete den warteunwilligen: er sei der nächste. grummelnd nahm dieser wieder platz.

neben mir schaute der vertreter auf seine uhr. eine dreiviertelstunde sei er schon hier. 11 uhr sei der termin gewesen. wozu überhaupt termine vergeben würden, fragte er seine begleiterin, könnte man doch darauf verzichten, wenn man nicht imstande sei, sie einzuhalten. solle doch jeder kommen, wann er lust habe. die junge frau pflichtete ihm bei: das sei tatsächlich effizienter. beide lachten kurz und tonlos. ein blick in den terminkalender: der nächste termin sei bei herrn sommer. der sei wichtiger als die ärztin hier.

die beiden redeten weiter, redeten von ihren geschäften, von tagungen und vorträgen. lauter worte, die eine aufgesetzte wichtigkeit beinhalteten, doch sie nicht glaubhaft vermittelten. firmennamen fielen, abkürzungen wurden benutzt, praxen erwähnt, gemeinsame vergangenheiten herausgekramt, versammlungen, tagungen, blablabla. bestärkt durch den unut des mannes, beschloß die frau, noch zehn minuten warten zu wollen. mehr nicht.

ich hielt meinen mund, sagte nicht, daß ich bereits mindestens eine halbe stunde länger warten würde, sagte nicht, daß menschen, die ärzte besuchten, in den meisten fällen auch gründe dafür hatten, sagte nicht, daß der vorhin eingelieferte notfall vermutlich größere dringlichkeit hatte als irgendein vertretergespräch, sagte nicht, daß mir die permanente ungeduld mißfiel.

nach zwei minuten stand die vertreterin auf und suchte die schwester, berichtete von ihrem vorhaben, wurde vertröstet: sie sei die nächste. verwundert setzte sie sich wieder, wiederholte die worte der schwester. der mann war sprachlos. ich auch, hieß das doch, daß ich nicht nur die patienten, die bereits vor mir eingetrudelt waren, abzuwarten hatte, sondern auch das beratergespräch.

ich seufzte leise, versuchte vergeblich in meinem kopf die zurechtgelegten worte zu finden. ich wollte nicht lügen, beschloß, die wahrheit zu sagen, genau das, was mir in jenen augenblicken auf die zunge springen würde.
das vertretergespräch war kurz. danach folgten noch ein paar patienten. die anderen wartenden im raum verharrten schweigend. nur einer von ihnen hielt eine zeitschrift in der hand, blätterte sie oihne interesse durch. eine ältere dame wischte sich immer wieder mit einem papiertaschentuch im gesicht herum, nase, augen, lippen, pause, wieder von vorn. das telefon klingelte immer wieder. im hintergrund erklang die eintönige meldoie. beschäftigt wirbelten die schwestern umher, doch sie wirkten ruhig. das gefiel mir.
während eines telefonates gab mir eine schwester mit einem kopfnicken zu verstehen, daß ich nun an der reihe sei.

ich hatte die ärztin anders in erinnerung. unsympathischer. ich faßte mir ein herz und schilderte meine sorgen. das schauspiel ließ ich weg. die lügen auch. die ärztin zögerte, unterhielt sich mit mir. freundschaftlich. interessiert. ich gab zu verstehen, daß mir diese situation auch nicht gefiele, doch bemerkte, daß sie sich schon durchgerungen hatte, das rettende attest auszufüllen. ich redete weiter, tat so, als hätte ich nichts bemerkt. doch sie schrieb schon, lächelte nett, wünschte mir alles gute, gab mir die hand.

ich hatte es überstanden. ohne lüge.

kaum hatte ich die praxistür hinter mir geschlossen, drängte es mich hinfort. ich konnte gar nicht schnell genug rennen, wollte weg. noch einmal hatte ich einen ausweg gefunden.

doch konnte ich nicht ewig fliehen.