Das Geheimnis

Projekt*.txt präsentierte uns ein viertes Wort. Das Wort heißt „mischen“. Ich nahm es, verquirlte es mit einer kleinen, neulichen Alltagsbeobachtung und kreierte somit die folgende Geschichte:

Das Geheimnis
18.04.2018

Ihr Atem war schwer. Ihre Taschen waren schwer. Alles war schwer.

Sie keuchte. Spürte, wie sich zwischen ihren dünnen Haaren Schweißtropfen bildeten. Lief ein paar Schritte, rannte fast. Setzte dann die Taschen ab. Keuchte erneut.
Was für eine blöde Idee. Der Laden war nur ein paar Hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt, und normalerweise kaufte sie dort immer ein. Kaufte ein und trug ihre Einkäufe nach Hause. Seit Jahren. Jahrzehnten.

Doch heute hatte sie sich übernommen. Hatte schlecht geschlafen, nur zwei oder drei Stunden, hatte sich nicht gut gefühlt, sich trotzdem dennoch nach draußen gezwungen. Hatte nicht nur die üblichen Sachen besorgt, Brot, Käse, Wurst, was man so braucht, sondern mehr. Obst für den Kuchen. Milch. Sogar ein Fläschchen Sekt. Was für eine blöde Idee.

Nun stand sie hier, mit vier Taschen anstelle von einer, an jeder Hand zwei, erst wenige Meter vom Laden entfernt. Sie schwitzte, keuchte. Nahm sich zusammen. Hob die Taschen an. Mühlensteinschwer kamen sie ihr mittlerweile vor. Lief ein paar Schritte. Trippelte. Fünf Meter. Sieben Meter. Pause. Setzte die Taschen ab.

Leute gingen vorüber. Das konnten Leute gut: Vorübergehen, nicht innehalten, wegsehen. Sie war 76 Jahre alt, ihr Rücken war krumm, ihre Haare glommen in hellem Grau. Alles an ihr schrie förmlich: Ich bin alt. Selbst ihre Kleidung, wenn sie ehrlich war.
Doch niemand blieb stehen. Hielt an und fragte, ob er helfen könne. Sie wollte keine Hilfe, aber trotzdem. Fragen wäre nett.

Herr Ludwig, der Hausmeister, schob das auf die Handys. Auf die vermaledeiten Smartphones. Doch sie wusste es besser: Menschen waren nun einmal so. Waren immer so gewesen. Die Handys halfen nicht. Doch wenn ihre Blicke nicht auf den Bildschirmen klebten, fanden Menschen eben andere Gründe wegzusehen. Sich nicht noch zusätzliche Probleme aufzuladen. Man hatte schon genug eigene.

Also lief sie. Rannte fast. In winzigen Etappen. Graue Maus in grauer Kleidung. Hob vier pralle Taschen wenige Zentimeter über den Boden und rannte los. Bis sie nicht mehr konnte. Bis die erste Tasche auf dem Boden schliff. Bis die Arme zu schwer wurden, die Griffe sich zu tief in die Hand pressten. Bis sie wieder innehielt. Ihren Atem suchte.

Für solche Situationen gab es eigentlich Enkel. Oder Nachbarskinder. Doch ihr Enkel wohnte vierhundert Kilometer entfernt, war Mittelpunkt eines eigenen Universums mit eigenen Problemen. Ein Anruf pro Woche. Vier Besuche im Jahr. Das musste reichen.
Und die Kinder der Nachbarn waren schon vor Jahrzehnten ausgezogen. Hatten selber Kinder. Kindeskinder teilweise. Und Schmerzen. Natürlich.

Anheben. Trippeln. Vier Meter. Fünf Meter. Los, noch zwei Schritte! Abstellen. Atmen.

Es war nicht mehr weit. Sie hatte allerdings ohnehin nichts vor. Wollte Kuchen backen. Wollte Mehl und Eier und Zucker zusammenmischen. Butter und Backpulver dazu. Vanillepulver. Vielleicht ein wenig Zimt.
Die Äpfel würde sie schälen und in kleine Stücke schneiden. Halbmonde, hatte ihre Tochter immer gesagt. Und sich einen in den Mund gestopft.

Diesmal brauchte sie länger, um zu Atem zu kommen. Stand, an die Hauswand gelehnt, da. Mit Armen, die entkräftet an ihr herabhingen. Mit Händen, die acht Schlaufen hielten. Vier Taschen. Schwere Taschen. Die immer schwerer wurden.

Das Geheimnis, hatte sie zu ihrer Tochter geflüstert, ist das Apfelmus. Denn Apfelstücke allein waren trocken und langweilig. Wenn man sie jedoch in Apfelmus warf, wenn man die Mischung ordentlich rührte und liebevoll auf dem Teig verteilte – dann wurde es perfekt.

Das Geheimnis war kein Geheimnis. War nie eins gewesen. Stammte aus irgendeinem alten Kochbuch. Aber nur so durfte ihr Apfelkuchen gebacken werden. Mit Apfelmus.
Ihre Tochter hatte immer gerührt. Hatte die Halbmonde in die Schüssel geworfen und in das süße Mus gerührt. “Du musst das gut vermischen.”, hatte sie gesagt. “Dann wird der Kuchen besonders lecker.” Und ihre Tochter hatte gerührt, untergehoben, gekleckert, gemischt. Und verschwörerisch gegrinst: Unser Geheimnis.

Der Hauseingang war in Sichtweite. Natürlich lag noch eine Ampel dazwischen. Eine kleine Allee mit Kastanienbäumen, die bereits erste Blüten trugen. Und eine Nebenstraße, die es ebenfalls zu überqueren galt. Doch der Hauseingang, das Ziel, war sichtbar.

Anschließend würde es leichter gehen. Vor ein paar Jahren hatte die Hausverwaltung einen Fahrstuhl eingebaut. Er war winzig, doch er half, das Hindernis zu überwinden, das die zwei Etagen bis zu ihrer Wohnung mittlerweile für sie darstellten.

Danach: Küche. Auspacken. Schürze. Backen.
Doch vorerst: Losgehen. Die acht Schlaufen greifen und losgehen. Die Arme heben, die Einkäufe vom Boden lösen und losgehen. Nur ein paar Schritte. Kein Problem.

Diesmal waren es nur zwei Schritte. Drei, wenn man den ersten, halben, mitzählte. Dann war es vorbei. Sie setzte die Taschen wieder ab. Ließ sie fast fallen.

Der Kuchen sollte wundervoll werden. Sollte die Wohnung, ihre viel zu große, viel zu leere Wohnung, mit warmen Düften füllen, ihr Herz streicheln.
Alles Gute, würde sie sagen, vielleicht zum Kuchen, vielleicht in das leere Wohnzimmer, und an ihre Tochter denken. Die sich bestimmt gefreut hätte. Die sich über Apfelkuchen immer gefreut hatte.

Nicht jetzt, ermahnte sie sich. Hielt die Träne zurück. Griff verzweifelt nach den Taschen. Lief los. Vier, sieben, zwanzig Schritte. Biss die Zähne zusammen. Lief. Dachte nicht. Bannte die Blicke auf den Boden und lief. Bis zur Ampel.
Keuchte. Schwitzte. Weinte.

“Kann ich Ihnen helfen?”, fragte eine Stimme. Fragte Herr Ludwig.
Sie sah auf. Nickte matt.

Herr Ludwig mochte Apfelkuchen.

Herr Konrad

Projekt*.txt ließ ein drittes Wort auf uns niederregnen und war somit Inspiration für die nun folgende Geschichte.
Das Wort heißt „Lichtblick“. Und während das Wort im gesamten Text nicht ein einziges Mal vorkommt, mag ich doch, welche Geschichte es in mir erwirkte.

Herr Konrad
29.03.2018

Der Wecker klingelte. Mit übereifriger Betriebsamkeit riss Herr Konrad die Decke beiseite, griff nach dem läutenden Gerät, schaltete es ab – und warf sich erneut ins Kissen, die Arme im kurzen Flug wie Flügel ausgebreitet. Herr Konrad seufzte, die Augen fest geschlossen. Heute war wieder einer dieser Tage.
Zeit verging. Irgendwo hinter den dicken, grauen Vorhängen gab es eine Welt, doch Herr Konrad bewegte sich nicht. Schlief nicht. Stand nicht auf.

Was, dachte er, wenn ich nicht zur Arbeit ginge? Wenn ich einfach liegenbliebe?

Die Vernunft in ihm schüttelte träge seinen schweren Kopf. Dann müsste ich Bescheid geben, müsste anrufen, müsste mir vielleicht eine Begründung ausdenken, müsste am nächsten Tag, in zwei Tagen, dieselbe Begründung wiederholen, vor Kollegen, müsste sie auskleiden, zu einer Geschichte erweitern, drei, vier Mal wiederholen, bis allgemeines Verständnisnicken die Neugierde aller ablöste.

Was, dachte er, wenn ich zur Arbeit ginge? Wenn ich einfach aufstünde und losginge?
Doch Herr Konrad ging nicht, blieb liegen.

Was, wenn ich losginge, und es draußen regnete? In Strömen regnete, Wasserfäden vom Himmel stürzten, kaum Atemuft zwischen sich ließen?
Dann müsste ich den Schirm mitnehmen, antwortete Herr Konrad sich selbst.

Was, wenn ich in eine Pfütze träte?

Pfützen gab es immer viele auf dem Weg zur U-Bahn. Egal, ob es geregnet hatte oder nicht.
Dann müsste ich zwischen den Pfützen hindurchtänzeln, den Schirm über mir balancierend.

Was, wenn ich auf den Stufen ausrutschte?
Mit geschlossenen Augen nickte Herr Konrad, tief in sein Kissen gesunken. Die Stufen waren immer rutschig. Er würde vorsichtig sein müssen. Sehr vorsichtig.

Was, fragte er sich, wenn die Bahn nicht kam? Wenn der Regen ein Sturm war und einen Baum auf die Gleise geworfen hatte? Wenn eine wachsende Menge ratloser Wartender allmählich zu einer wütenden Menge ratloser Wartender wurde?
Was, überlegte er, wenn die Bahn dann kam? Wenn sich regennasse Eilende mit Schirmen und Rucksäcken bewaffnet in die Metallröhre warfen, rücksichtslos, animalisch?

Was, wenn mein Schirm in der Tür stecken blieb, wenn sich die Tür meinetwegen nicht schloss, wenn die ohnehin verspätete Bahn nicht abfuhr, wenn die ohnehin verärgerte Meute nun ihre Wut in seine Richtung bündelte?
Herr Konrad presste sich tiefer in sein Kissen.

Was, wenn man mich dann einfach aus der Bahn warf? Zurück auf den Bahnsteig, auf den feuchtdreckigen Beton?

Herr Konrad schüttelte den Kopf. Das ging zu weit. So etwas würde nicht passieren.
Auf keinen Fall.

Ich würde mit tropfendem Schirm am Bahnsteig stehen, dachte er, die Bahn würde einfahren, regulär, vielleicht zwei Minuten, vielleicht drei Minuten, zu spät sein, ich würde einen Platz finden, vielleicht nahe der Tür, vielleicht neben einer älteren Dame, die in ihr Sudoku-Heft versunken war.

Herr Konrad lächelte. Kurz.

Vielleicht wäre die ältere Dame aber nicht alt, sondern jung, sympathisch, mit einem Buch in der Hand, oder einem Telefon, würde aufblicken, mich ansehen, vielleicht einen Moment zu lang. Vielleicht. Und vielleicht würde ich neben ihr sitzen, während ihr Blick zurück ins Buch, auf das Handy fiel, würde meinen plötzlich leeren Kopf nach den richtigen Wörtern, nach unaufringlichen, freundlich-neutralen Ansprechsätzen durchwühlen, würde nichts finden außer Platitüden, würde nichts über sie wissen außer diesem ersten, einen Blick, würde mir wünschen, kurz, für einen Moment, meinen Kopf zu ihr zu drehen, ihr Gesicht, ihre Haare, ihre Kleidung betrachten, bewerten, zu können, doch ich würde es nicht wagen, würde statt dessen da sitzen, wortlos, mit dem feuchten Schirm im Schoß, der unbemerkt einen Fleck erzeugte, ein wuchernde Quelle potentieller Lächerlichkeit kreierte, während meine Gedanken noch immer nach rechts flohen, meine Blicke kurz in die U-Bahn-Scheibe sprangen, hoffend, dort eine Spiegelung von ihr erhaschen zu können, während meine Hose, mein Schritt, allmählich durchnässt wurde und ich es plötzlich bemerkte, aufsprang, den Schirm fallen ließ, fast wegwarf, ihr Handy, Buch, mit sich riss, fluchte, zurückwich, gegen stehende Mitfahrer stieß, wieder nach vorne drängte, Schirm, Handy, Buch, aufheben wollte, gegen sie stieß, vielleicht mit dem Ellenbogen gegen ihre Nase, wie auch immer das passieren konnte, und sie aufschrie, vor Schock, vor Schmerz, sich die Nase hielt, und ich nur perplex, starr, zusehen konnte, wie das Blut unter ihrer Hand hervorrann, und ich mich selber reden hörte, eine Weile brauchte, bis ich das eine, wiederholte Wort erkannte, sorrysorrysorry!, mir dann zu Sinnen kommend die Taschen abklopfte nach einem Taschentuch, nach irgendwas, das ihr helfen würde, während sie sich die beschmierte Hand vor die Augen hielt, Scheiße! rief, den Kopf in den Nacken legte, das Blut hochzog, erneut Scheiße! rief, während ich nichts fand, kein Taschentuch, kein Wort, keine sinnvolle Tat, nur im Weg stand, nutzlos, sinnlos, der tropffeuchte Schirm unbeachtet zu meinen Füßen, bis dann die U-Bahn bremste und ich den Halt verlor, mich fing, irgendwo, an irgendwem, mühsam hochzog, die Blicke und kommenden Worte spürte, mich unter ihnen hinwegduckte, die sich öffnenden Türen als Ausweg erkannte und floh, lächerlich, mit eingezogenem Schwanz, meinen bescheuerten Schirm zurücklassend, eine freundlich aussehende Dame zurücklassend, ein verdammtes Blutbad zurücklassend, nicht wagend, durch die Scheibe zurückzublicken, den Bahnsteig entlangrennend, blind, dumm, allen Denkens beraubt, hinauf, hinaus, in den Regen, der immer noch nicht aufgehört hatte, der immer noch weitermachte, immer noch Pfützen generierte und Schirme durchweichte, hinaus in den Regen, in den beschissenen, elenden Scheißregen.

Herr Konrad stöhnte. Tief. Richtete sich auf. Zog den Vorhang beiseite.
Draußen schien die Sonne.

Immerhin.

Frühlingsfest

Projekt*.txt zauberte ein zweites Wort aus dem Zylinder und war somit Inspiration für die nun folgende Geschichte.
Das Wort heißt „unendlich“, und es nur konsequent, dass die Geschichte nicht nur ziemlich lang geworden ist, sondern – soviel sei bereits verraten – dass auch ihr Ende recht offen bleibt…

Frühlingsfest
11.02.2018

Das Mühlenberger Frühlingsfest galt als kleine Sensation.
Die Älteren behaupteten steif und fest, dass einst sogar Frank Sinatra hier aufgetreten war. Es gab keine Fotos, die das beweisen konnten, doch ich war bereit, es zu glauben. Auf dem Frühlingsfest konnte alles passieren. Das Frühlingsfest war magisch.

Jedes Jahr am ersten Wochenende im Mai füllte sich der Stadtpark innerhalb weniger Tage mit kleinen, farbenfrohen Ständen, mit fröhlichen Flaggen und Wimpeln, mit Luftballons und handgemalten Wegweisern. Allein die Vorbereitungen waren eine kleine Feier. All das Wimmeln und Werkeln, all die Vorfreude.

Und dann, am Freitag Nachmittag, wenn der Bürgermeister mit übergroßer Schere und übergroßem Lächeln ein rotes Band durchtrennt hatte, strömten die Mühlenberger auf die Große Wiese, tummelten sich zwischen den Ständen, kauften, aßen, lachten, trafen sich, mieden sich, zogen sich zwischen die Bäume und auf das frische Gras zurück, nur um sich Momente später für eine weitere leckere Kleinigkeit, einen weiteren neugierigen Blick, erneut in die pulsierende Menge zu werfen.

Das Frühlingsfest war ein Ort der Begegnung. Verwandte aus anderen Städten wurden eingeladen, Weggezogene kehrten heim, aus den Nachbarorten kamen Bekannte und Freunde. Selbst ein paar Neugierige aus Ulmenhain und Martinshausen nutzten das milde Wetter für einen Abstecher auf’s Land.

“Frank Sinatra war ja leider verhindert.”, scherzte Frau Ginz, als die beste und einzige Band Mühenbergs begleitet von freundlichem Applaus die Bühne verließ. Ihre weißhaarigen Freundinnen lachten. Die Bandmitglieder änderten sich, doch der Scherz war in jedem Jahr der gleiche.

Die Bühne blieb nicht lange leer. Ein blauer Mantel betrat die Bühne, bestickt mit gelben Sternen. Über ihm ein riesiger Spitzhut in gleichem Design. Und dazwischen: Das Gesicht eines jungen Mannes, 17 Jahre vielleicht, unsichere Blicke über die vergnügte Menge werfend.
Seine Lippen, eben noch zusammengepresst, öffneten sich: “Abrakadabra!” Seine erstaunlich volle Stimme glitt über die Große Wiese, und unzählige Köpfe drehten sich neugierig zu ihm hin.

“Ein Zauberer!”, flüsterte Lila neben mir fasziniert und stellte sich auf die Zehenspitzen. “Ein Zauberer, Mami!”, rief sie und zerrte begeistert an meinem Arm.

Ich mochte Zauberer, liebte die kleinen und großen Tricks, mochte es, auf freundliche Weise an der Nase herumgeführt zu werden. Und ich gruselte mich vor ihnen, vielleicht, weil sie mir zeigten, wie leicht ich getäuscht werden konnte, wie fragil alles war, was ich für sicher hielt.

Lila liebte Zauberer über alles! Sie war ganz vernarrt in die Idee, selber eine Zauberin werden zu wollen, hatte sämtliche Bände von Harry Potter gelesen, obwohl es ihr Vater nicht erlaubt hatte. Ich hatte es gestattet, hatte mit ihr an regnerischen Nachmittagen im Wohnzimmer gesessen und alle Filme gesehen, auch die düsteren. Meine Tochter liebte Magie.

Der Zauberer lächelte, bewegte umständlich die Hände und hielt plötzlich einen Zauberstab in den Fingern. “Ah!”, raunte die Menge. Ich grinste. Lila zerrte an meinem Arm und zog mich durch die Menschenmasse nach vorn. Zur Bühne.

Aus der Nähe sah der Zauberer noch jünger aus. Wie ein Schulkind, das gerade seine neuesten Übungen aus dem Zauberkasten präsentierte.

Entsprechend simpel waren seine ersten Tricks. Er verwandelte den Zauberstab in eine Rose und zurück. Er griff einen Löffel aus der leeren Luft, zerkrümelte ihn zu Sand und ließ diesen dann verschwinden. Und natürlich zog er ein Kaninchen aus seinem übergroßen Spitzhut. Das Kaninchen entpuppte sich allerdings als Frau Leutners übergewichtige Katze Puschel, und zum ersten Mal hatte ich Zweifel an meinem Zweifel.

Meine Tochter hingegen war begeistert. Jeder Geste, jedem Schritt, folgte sie aufmerksam, jeder Trick wurde mit Klatschen und Jubel belohnt. Ihre Augen leuchteten, ihr Mund stand weit offen.
Und so war es nicht verwunderlich, dass der namenlose Zauberer, ohne ein einziges richtiges Wort gesprochen zu haben, die Bühne verließ und zu uns kam. Er schaute mich kurz an, als holte er sich meine Erlaubnis, und ich nickte. Dann griff er Lila ans Ohr und zauberte eine schwere, glänzende Goldmünze dahinter hervor. Eine weitere zog er ihr aus der Nase.

“Iih!”, rief er angewidert, denn ein dicker Batzen blassgrünen Schleims klebte an der Münze. Theatralisch versuchte er, ihn abzuschütteln. Seine Schauspielleistung war mittelmäßig, doch die Kinder johlten angesichts des Schleims, den der Zauberer tollpatschig zu langen Fäden zog. Je mehr er ihn abzuwischen versuchte, desto mehr Schleim schien es zu geben.

“Hast du ein Taschentuch?”, fragte er meine Tochter mit flehendem Blick. Lila schüttelte den Kopf, doch ich hatte die Frage schon erwartet, hielt ihm mein Taschentuch entgegen. Kein Papiertuch, das man nach der Benutzung einfach wegwarf, sondern ein richtiges Taschentuch aus Baumwolle, eines, das sich bereits seit meiner Kindheit in meinem Besitz befand, das ich wusch und bügelte, das ich mit mir herumtrug, ohne es jemals zu benutzen. Schließlich waren Papiertaschentücher einfach praktischer.

Der Zauberer nahm das Tuch, ohne mich anzuschauen, grinste Lila an und wischte sich in übertriebenen Gesten die Hände und schließlich sogar die Münze ab. Wie durch Magie war sämtlicher Schleim verschwunden. Triumphierend hielt der Zauberer die glänzende Münze in die Luft. Beifall ertönte.

Der Zauberer verneigte sich lächelnd und stopfte das Taschentuch in seinen Ärmel. MEIN Taschentuch! Ich wollte etwas sagen, doch Lila hatte aufgepasst und sprang nach vorn.
“Ey!”, rief sie. “Das ist nicht dein Taschentuch!”

Das Publikum lachte. Der Zauberer versuchte, verdutzt auszusehen, doch wirkte nur traurig.
Er zuckte mit den Schultern und griff in den Ärmel seines Mantels, kramte ein wenig und zog schließlich das Taschentuch heraus. Mit freundlichem Lächeln trat er zu meiner Tochter.

Doch Lila wäre nicht Lila, wenn sie nicht aufmerksam gewesen wäre.
“Das ist das falsche!”, rief sie empört. Und tatsächlich: Statt gelber Blüten zierten das Taschentuch blaue Streifen.
“Oh!”, schauspielerte der Zauberer. Dann zog er am blaugestreiften Tuch und förderte ein weiteres zutage. Ein fester Knoten verband die beiden Tücher, und der altbekannte Tücher-aus-Ärmel-Trick begann. Ich seufzte lautlos und wartete ab.

Der Zauberer zog und zog. Zauberte Tuch für Tuch aus dem Ärmel, ein jedes kunstvoll mit seinem Vorgänger verknotet. Jedes der Taschentücher sah anders aus. Und keins davon war meines.
Geduldig stand Lila vor ihm, beäugte jedes Tuch und schüttelte mit dem Kopf. Wieder und wieder.

Vor dem Zauberer bildete sich ein Berg aus Stoff, eine lange Reihe aus Tüchern, die stetig weiterwuchs. Der Zauberer zog und zog.

“Ist gut jetzt!”, rief jemand hinter mir. Herr Schumann vielleicht.
“Irgendwo hier muss es doch sein!”, rief der Zauberer ins Publikum und grinste schief. Er zog weiter.
Der Tücherberg wuchs. Der Zauberer stieg hinauf, holte Taschentuch für Taschentuch aus seinem Ärmel, Knoten für Knoten.
Da, ein Blütentaschentuch! Ich atmetete auf, doch Lila schüttelte den Kopf. Es war das falsche.

Der Zauberer zog weiter. Stieg weiter empor. Weitere Taschentücher folgten. In allen Farben, mit allen Mustern. Ohne Muster. Aus Baumwolle, aus Seide. Kariert, gepunktet, gelb, blau, weiß. Alles.
Die ersten Gäste gingen. Der Zauberer wirkte verzweifelt.
“Irgendwo hier muss es doch sein!”, schnaufte er. Seine Wangen hatten sich vor Anstrengung rot gefärbt. Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob er noch immer schauspielerte.
“Irgendwo hier!”.
Er zog weiter. Zog und zog.
Tuch. Knoten. Tuch. Knoten.

“Buuh!”, schrie jemand, vielleicht wieder Herr Schumann. Doch der Zauber hörte es nicht, zog weiter, ließ mehr und mehr Wiesengrün unter farbigen Stoffen verschwinden.

“Ist doch egal!”, sagte ich schließlich. Der schrille Klang meiner Stimme überraschte mich. “Behalt doch das blöde Tuch!”, rief ich. Hör endlich auf!, rief ich nicht.
Der Zauberer schüttelte nur den Kopf und zog weiter.
“Komm, wir gehen!”, sagte ich zu Lila, doch sie schaute nur gebannt auf die Tücher, die nach und nach zum Vorschein kamen.

Ich griff nach der Tücherkette, zerrte an ihr, wollte, dass es schneller ging, dass es endlich vorüber war. Doch es endete nicht.
Farben und Stoffe flogen vorbei. Die Taschentücher waren längst egal geworden. Es sollte nur noch enden.

Bei einem besonders dünnen Taschentuch hielt ich inne. Zerrte daran. Wollte es zerreißen. Wollte die endlose Kette unterbrechen.
“Nicht das!”, rief Frau Ginz. “Das ist mein Taschentuch!”
Ich seufzte. Griff ein anderes Tuch. Riss erneut.
“Halt!”, rief jemand. Felix. Der Sohn der Wilhelmsens. “Das ist meins!”
Das Taschentuch war mit kunterbunten Ballons bedruckt und sah aus, als hätte Felix schon oft darauf herumgekaut.

Ohne zu zögern griff ich das nächste Taschentuch. Wahllos.
Dieses war weiß. Mit gelben Blumen.
Meins!

“Hier ist es!”, rief ich erleichtert. “Hier ist mein Taschentuch!”
Ich wollte es hochhalten, wollte es allen zeigen, wollte zeigen, dass der Alptraum ein Ende hatte, dass wir endlich nach Hause gehen konnten. Dann entglitt es mir.

“Mist!”, fluchte ich und griff in den Tücherberg zu meinen Füßen.
Wie besessen begann ich zu suchen, doch ich fand es nicht. Fand Hunderte Tücher, doch nicht meins. Frau Ginz half mir, andere halfen mir. Selbst Felix hatte sich hingekniet um zu helfen.
Doch wir fanden es nicht.

“Egal!”, rief ich und begann, wieder an irgendeinem Taschentuch zu reißen, zu zerren. Diesmal erntete ich keine Proteste.
Doch ich schaffte es nicht.

Herr Schumann kam herbei, zog von der anderen Seite.
Doch auch gemeinsam schafften wir es nicht. Das Taschentuch schien unzerstörbar zu sein.
Ein anderes!
Wir zogen und zerrten, rissen und rupften, doch keines der Taschentücher gab nach oder zeigte nur einen schmalen Riss.

Wer noch geblieben war, riss nun an Taschentüchern. Alle machten mit.
Die Taschentücher waren gnadenlos.

“Knoten!”, rief Herr Schumann, und wir widmeten uns den Knoten, friemelten an ihnen herum, versuchten, sie zu lockern. Ich hatte noch nie so kunstvolle, so feste, so unnachgiebige Knoten gesehen.
Wir rissen und kauten, zerbrachen unsere Fingernägel, doch gewannen keinen Millimeter. Kamen nicht voran.

Das konnte doch gar nicht sein! All das konnte doch überhaupt nicht sein!

Ich blickte auf. Der Zauberer war verschwunden.
Lila war verschwunden!
“Lila!”, rief ich und ließ die Kette aus Tüchern fallen.
“Lila!”, rief ich, stapfte durch unzähliche Taschentücher, umrundete den Berg aus Stoff, der vor mir lag, stieg auf einen weiteren bunten Hügel.
“Lila!”

Sie war weg, spurlos verschwunden, antwortete nicht!
Panisch rannte ich zur Bühne, sah mich um. Links, rechts, überall.
Der Zauberer war verschwunden. Lila war verschwunden.

Überall lagen Taschentücher, kunstvoll miteinander verknotet. Sie bedeckten den gesamten Boden, das Gras. Eine endlose Kette aus Stoffen, Mustern und Farben. Und mittendrin eine Handvoll Leute, die noch immer versuchten, die Tücher zu zerreißen, zu entknoten.
Doch nirgends war Lila. Nirgends war der Zauberer.

“Lila!”, rief ich erneut, kreischte. “Lila!”
Ich kletterte auf die Bühne.
“Lila!”
Meine Stimme brach.
“Lila!”
Andere nahmen meine Rufe auf.
Keine Antwort.
Lila!
Weg!

Tränen verdeckten meine Sicht. Ich wischte sie ab, sah mich weiter um.
Weitere Tränen.
Ich griff ein Taschentuch vom Boden und wischte erneut.
Hielt das Taschentuch in der zitternden Hand und sah mich um.
Der Zauberer war verschwunden, doch hatte eine Spur hinterlassen.

Ich lief los und folgte der Kette aus Tüchern.



Meine bisherigen Werke für Projekt*.txt:
Das Meer

Das Meer

Ich habe beschlossen, mich in diesem Jahr wieder ein wenig mehr dem Schreiben zu widmen. Daher mochte ich die Idee von Projekt*.txt, die jeden Monat ein Inspirierwort hervorzaubern, aus dem ich wiederum einen Text kreiere.
Das erste Wort heißt „Anfang“ und erzeugte folgendes Werk:

Das Meer
28.01.2018

Hier beginnt das Meer.

Mein Onkel stand neben mir, blickte in die Ferne und schwenkte seinen riesigen Arm wie einen Kran in Richtung Sonnenuntergang.
„Hier beginnt das Meer.“, dröhnte er, und ich glaubte, einen dicken Kloß aus Stolz in seiner Stimme zu hören. Als wäre es nicht DAS Meer, sondern SEIN Meer.
„Hier beginnt das Meer.“

Doch das Meer begann nicht. In matten, warmen Lachen lag es da, warf weiches Licht in unsere Augen, spiegelte müde das sinkende Himmelsrot. Es rührte sich nicht, hielt inne und wartete auf die Zeit. Schwach sah es aus, zerbrechlich fast. Jeder Schritt konnte den zarten Spiegel verletzen. Ein bisschen Sand, ein kleiner Stein, und es wäre verschwunden.

„Ebbe.“, sagte mein Onkel. Sein Bart bebte zufrieden, filterte jedes Wort, jeden Atemzug, filterte sein ganzes Gesicht, glättete die Falten, die Furchen, an denen man erkannte, dass hinter dem Berg aus Haaren ein Berg aus zahlreiche Damalsen hauste.

“Damals.”, so begannen seine Geschichten, und wenn seine Augen schelmisch zu glitzern begannen, so war es eine Meeresgeschichte, ein Damals auf dem Fischerboot, ein Damals in der Hafenbucht, ein Damals inmitten des Sturmes.

Mein Onkel lebte das Meer, liebte alles, was das Meer hergab, alles, was es ihn kostete. Er liebte Ebbe und Flut, Segel- und Motorenboote, Angeln und Naturschutzgebiete. Er liebte sogar Meerkatzen, obwohl er Katzen sonst nicht mochte. “Katzen haben auf einem Boot nichts zu suchen!”, schimpfte er, wannimmer er einer Katze begegnete. “Bringt Unglück!”, tönte er und hob den haarigen Kranarm zu scheuchender Geste.

Affen mochte er auch nicht, doch den Grund dafür kannte ich nicht. Wahrscheinlich lag er in einem Damals verborgen, in irgendeiner seiner Geschichten, die wahr oder falsch waren, die er bereits vergessen hatte oder sich für einen besonderen Anlass aufhob.
Der Bart meines Onkels war ein unerschöpflicher Quell.

Ich liebte meinen Onkel, und wie er so neben mir stand, auf das schmale, zerbrechliche Meer hinausschauend, sehnsuchtswarm und mit feuchtem Funkeln im Blick, liebte ich ihn noch mehr, wollte mich am liebsten an ihn drücken, das Haar an seinen Bauch pressen, mich mit seinen Armen bedecken, darauf warten, dass der Kopf sich senkte, die Blicke mich fanden und der Bart sich zu einem weichen Lächeln verbog.

Ich liebte meinen Onkel, abgöttisch, doch hasste ihn, wenn seine Stirnesfalten sich plötzlich verdunkelten, sich die Augen verengten, wenn seine Stimme dröhnte, als müsse sie gegen einen inneren Sturm ankämpfen, wenn Zorn seinen Bart erbeben, fast zittern, ließ. Wenn sein Gesicht eine wütende Wolke war.
Wie dann seine Worte tosten, wie sie über mich hinweg-, durch mich hindurchfegten, mir jeden Halt raubten! Wie sein weicher Körperberg sich plötzlich zu ballen schien, ein steinharter Fels aus Wucht und Wut! Aus dem herzenswarmen Dinosaurier wurde dann ein rastloses Ungetüm, ein Godzilla mit Rauschebart.

Aus dem Nichts brach es hervor, aus heiterem Himmel, und genauso schnell flaute es wieder ab, rundeten sich die Linien seines Gesichtes, schmolzen die Kanten seiner Wörter.
Der Bart gewann an Flausch, mein starres Herz wagte wieder zu pochen.

Und so standen wir hier, wo das Meer begann, beziehungsweise: wo es nicht begann, wo es in trägen Lachen vor uns lag und das Licht der untergehenden Sonne in sich baden ließ. In den Augen meines Onkels glitzerte Liebe und etwas, das aussah wie Sehnsucht, und sein Bart verbarg ein sanftes Lächeln.

Ich sah das Lächeln nicht, doch je länger wir hier standen, in Richtung Horizont starrten, desto sicherer war ich mir: Mein Onkel lächelte. Selbst der nimmermüde Wind vermochte nicht, Onkels Bart ausreichend stark zu zerzausen, um sein Lächeln zu entblößen. Doch ich spürte es, fühlte seine Wärme neben mir, fühlte das Lächeln, das ihn, meinen Onkel, umgab, das durch seine warmen riesigen Finger in meine strahlte, merkte, dass auch ich infiziert war, dass auch ich zu lächeln begonnen hatte.

Und noch etwas spürte ich: Mein Onkel hatte recht.

Vor uns lagen matte Pfützen, still und träge. Ihr Flüstern war leise, und man musste sich anstrengen, um ihre Geschichten auch nur zu erahnen. Ihre Wörter waren voller Morgen, voller Irgendwann, voller Hoffnung.

Irgendwann würde das Meer zurückkehren, irgendwann würden hier Wellen brausen, würde wilde Gischt weiße Werke kreieren und wieder zerstören, würden Wellen Sand und Steine, Treibholz und Muscheln, von sich werfen, an sich ziehen – und die öden, stummen Pfützen verschlingen, in sich aufgehen lassen. Das Meer würde kommen, und es würde brausen und zischen, gleiten und fließen, den Strand mit salziger Zunge küssen.

Vielleicht würde es tosen und toben, vielleicht wäre es Sturm und Wolke, vielleicht wäre es Wellengang und Donnerschlag. Vielleicht.

“Hier beginnt das Meer.”, sagte ich, und mein Onkel nickte.
Sein Bart war eine lächelnde Wolke.

Das Zimmer – Teil 3

Zettel. Überall Zettel.

Der Bezug des Zimmers löste in mir eine Kette von Erinnerungen aus: Schließlich hatte ich diverse Jahre lang in WGs gelebt, wusste, wie man sich mit vier weiteren eine Toilette teilte und sich dennoch Privatsphäre bewahrte. Nun jedoch musste ich feststellen, dass es einen immensen Unterschied zwischen einer Wohngemeinschaft und der euphemistisch „Pension“ genannten Behausung, die mir derzeit zweite Heimat war, gab:
Zettel.

Zettel waren zweidimensionale Stellvertreter für Regeln. Und Regeln gab es anscheinend überall und für alles. Hätten diese Zettel sich in einer WG befunden, hätte ihre Lebenszeit keine zwei Tage betragen. Nur allzu rasch hätten aufsässige Gemüter die Wände von mahnenden Zwängen befreit und – im Idealfall – den Papiermüllcontainerinhalt um mehrere Handvoll fröhlicher Schnipsel erweitert.
Doch hier in der Pension hingen die Zettel offensichtlich seit Jahren und blichen langsam vor sich hin.

Manche der Zettel, manche der Regeln, waren in ihrer Lebenszeit korrigiert worden, Zeilen waren mit Korrekturflüssigkeit übertüncht, andere nachträglich, handschriftlich, ergänzt.

Überhaupt: Handschrift. Während einige der Zettel durchaus den Innereien eines Farbdruckers entsprangen und dann mittels Schere zu klebbarem Format zurechtgestutzt worden waren, überwogen doch die handbeschriebenen. Mit Buchstaben, die an Sütterlin erinnernd das Alter der Regelsetzenden verrieten und sich der letzten Neuerungen deutscher Rechtschreibregularien verweigerten, gemahnte nahezu jede Wand der Pensionsetage der Dinge, die befolgt werden mussten:

Essensreste durften keineswegs im gelben Sack landen, die Dusche war nach Benutzung zu reinigen, der Duschvorhang so zu justieren, dass Wassertropfen keine Chance hatten, den Kachelboden zu benetzen. Flaschen gehörten in den Eimer, Abwaschreste nicht ins Waschbecken.

Manche der Regeln entsprangen reinem Menschenverstand. Doch allein ihre Niederschrift erweckte in mir Widerspenst: Ich wollte faulige Pflaumen in den Gelben Sack werfen, wollte die Haustür bei Anbruch der Dunkelheit aufreißen, wollte einen Kärcher mieten und beide Bäder mit Wut und Wasser fluten.

Mein Zimmer war ein Heiligtum. Hierhin hatte sich kein Zettel, keine Regel, verirrt. Hier war ich sicher.

Als ich jedoch eines Tages nach langem Tagewerk heimkehrte, mit lächerlich grobem Schlüssel meine lächerlich dünne Zimmertür öffnete und die wenigen Quadratmeter betrat, die mir vorübergehend Unterschlupf boten, bot sich mir ein Anblick des Grauens.
Auf grauem, grauenvollem Teppichboden lag ein Stück linierten Papiers, fünf Zeilen handgeschriebenen Mahnens.
Eine Anrede gab es nicht, keinen Abschiedsgruß, nur eine Unterschrift der Vermieterin.
Und einen Hinweis, der weniger Hinweis als viel mehr Drohung war:

Bei Toilettentätigkeiten, die größeren Papierbedarf hatten, wurde mir geraten, das Papier im beistehenden Mülleimer zu entsorgen, nicht in der Toilette selbst. Diese neigte anscheinend zu Verstopfung.

Zahlreiche Fragen sprangen in meinen Kopf.
Wieviel war zuviel?
Hatte jeder Bewohner einen solchen Zettel erhalten?
Oder nur ich?
Hatte man mich als Schuldigen ausgemacht?
Wenn ja, wie?
Wurden meine Badezimmeraktivitäten überwacht?
War die Toilette tatsächlich verstopft gewesen?
Oder war das eine Warnung?
Hatte ich in den letzten Tagen überhaupt papierintensive Tätigkeiten ausgeübt…?

Antworten brauchte ich nicht.

Ich schloss die Tür mit mehr Inbrunst als nötig, griff mir einen Apfel und vertilgte wütend sein Fruchtfleisch.
Nur kerngefüllte Innereien blieben übrig.
Ich warf einen letzten Blick auf den Zettel, wickelte den Apfelrest ein und warf ihn in den Gelben Sack.

Unterwegs II

Rot, alles Rot. Das Navigationsgerät sprach mit deutlichen Bildern. Stau nahte, massiver Stau, und es gab nur wenige Optionen. Bleiben, stehen und schimpfen – oder abfahren, auf’s Land, ins Unbekannte.
Abenteuer!, dachte ich grinsend und fuhr ab.

Ich war nicht der einzige Abenteurer, und kraftlose Tentakel des Autobahnstaus erfassten auch die Landstraßen. Mein Auto schlich dahin, wackelte durch Kopfsteinpflasterdörfer, Baustellenampeln und enge Kreisverkehre, kämpfte sich frei und warf mich schließlich, endlich!, in höhere Gänge, aufs Land, zwischen Felder und Wälder. Das Gefährt raste dahin, trieb nach vorn. Doch kaum waren die Drehzahlen ausreichend angewachsen, warf sich Schönheit vor meine Augen, und in mir drängte es nach wieder Stillstand, nach Innehalten und Einatmen:

Nebelschwaden wälzten sich wohlig auf den Äckern, schlängelten sich zwischen Stämmen hindurch, verspeisten genießerisch Büsche und Getreide, Gepflanz und Getier gleichermaßen. Hinter mir erhob sich gülden die Sonne aus tiefem Schlaf, lenkte ihr Licht auf die samtgrauen Bodenwolken, entlockte ihnen schwammige Silhouetten von Bäumen und Gebäuden. Links und rechts der Straße wogte weich das Nebelmeer, gebar mich aus seiner Mitte, eine Insel dröhnender Eile.

Halt inne!, rief der Moment, verweile!. Doch ich schüttelte den Kopf, preschte voran, hinein in die Schwaden, durch unbekanntes Land, den Sonnenaufgang im Rücken, der wärmend die Fahrtrichtung bestätigte.

Unterwegs I

Prachtvoll und schwer hing die Silbersichel des Mondes in meinem Außenspiegel, klebte imposant im erwachenden Himmel und mahnte mich zum Innehalten. Ich schüttelte den Kopf, keine Zeit!, und gab Gas. Die Straße dröhnte unter meinem Fahrzeug dahin, bog sich sanft dem Mond entgegen. Mein Blick glitt nach oben, hielt in Erstaunen inne. Wie schön er war, der Mond, wie wahrlich wunderschön. Und über ihm, als wäre er seiner Umarmung entflohen, glomm ein weiterer Lichtfleck, zu groß für einen Stern, zu starr für ein Flugzeug.

Ich schaute, nach oben, zum Mond, zum Licht, nach unten, zur Straße, nach links, rechts, in alle Spiegel, wieder nach oben. Bist du die Venus?, fragte ich das Leuchten, doch mein Blick sprang wieder nach unten, zur Straße, die sich wieder wand, mich lenkte, ablenkte, zu den Leitlinien, die zu überqueren ich gerade im Begriff war.

Ein letzter Blick nach oben, auf das Doppelgestirn. Ein letztes Kosten astraler Pracht.

Danke, flüsterte ich im Geiste und donnerte davon.

Raus

Als ich aus der Haustür trat, schaute Frau Kantner aus dem Fenster, Ellenbogen auf ein schmales Kissen gebettet, den Kopf weit aus dem Rahmen gestreckt.
So wie sie es immer tat.
Misstrauen hatte sich jahrzehntelang in ihr Gesicht gegraben, hatte tiefe Furchen in ihrer Stirn hinterlassen, unter der nun kritische Blicke jede meiner Bewegungen argwöhnisch verfolgten.
Doch ich hatte meinen Müll sorgsam getrennt, hatte die Hausordnung pünktlich ausgeführt, hatte sogar darauf geachtet, die Haustür langsam hinter mir zuzuziehen, um keinen störenden Lärm entstehen zu lassen. Ich hatte mich ordnungsgemäß verhalten.
So wie ich es immer tat.

Durch meine Gedanken tollten Formeln und Regeln, mathematische Gesetze, physikalische Prinzipien, komplexe Probleme, mit denen ich mich nun tagelang auseinandergesetzt hatte, ohne der Lösung näher gekommen zu sein. Ich hatte analysiert, hatte vierunddreißig Seiten voller Notizen erstellt und Blatt für Blatt dem Aktenvernichter übergeben, hatte mich mehr als sechs Stunden lang durch das Internet gekämpft, war jeder noch so schwachen Spur in jede mögliche Sackgasse gefolgt, hatte mich durch insgesamt vierzehn unnütze Bibliotheksbücher gewälzt, hatte zwei Bleistifte und einen Kugelschreiber mit den Abdrücken meiner Zähne übersät, hatte selbst die Kartons der beiden gelieferten Pizze Funghi mit neuen Ansätzen und Lösungsmöglichkeiten bekritzelt und anschließend der korrekten Mülltonne übergeben. Es gab zwölf neue Dateien auf meinem Rechner, ich hatte neun Emails und zweiundvierzig Textnachrichten geschrieben und empfangen, doch keine von ihnen hatte mich vorangebracht. Ich hatte sogar mit meinem Vater telefoniert und ihn um neue Ideen gefragt, aber seine Gedanken steckten irgendwo in den prächtigen Blüten seines Rosengartens, und der einzige Rat, den er mir geben konnte, war: „Geh mal raus.“
Also ging ich raus.

Ich hatte meinen Rechner zugeklappt, Mantel und Schuhe angezogen und war rausgegangen. Ich hatte den Schlüssel doppelt im Schloss gedreht, so wie ich es immer tat, war fünf Stufen gelaufen, umgedreht, wieder in die Wohnung gestürzt, hatte den Rechner aufgeklappt und einen weiteren, neuen Gedanken verfolgen und kurz darauf mit Ernüchterung abwürgen müssen, hatte gerade erneut die Wohnungstür erreicht, als mir eine weitere Idee kam, hatte eine halbe Seite im Notizbuch mit Skizzen und Stichpunkten befüllt und schließlich kopfschüttelnd durchgestrichen, war wieder aufgestanden und hatte die Wohnung verlassen, war die Treppen nach unten gegangen, den Kopf tief in Denkwelten getaucht, aus denen es kein Entkommen zu geben schien, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, als könnten sie dort eine Lösung für mein Problem finden, als gäbe es dort einen Ansatz, den ich bisher nicht verfolgt hatte.

Ich hatte die Haustür langsam hinter mir zugezogen, so wie ich es immer tat, hatte zu Frau Kantner hinaufgenickt, ohne zu wissen, ob sie wirklich dort saß und alles beobachtete, was vor ihrem Hauseingang geschah.
Doch sie saß dort, beobachtete den unrasierten Mittvierziger, dessen weichendes Haar heute noch keinen Kamm gesehen hatte und dessen Augen Schlaf vermissten, beobachtete ihn, wie er sich noch tiefer in sich zusammenfaltete und von den eigenen Schritten die Straße entlang tragen ließ, ohne dass er ein Ziel zu haben schien.

Meine Füße kannten den Weg. Ich spürte Frau Kantners bohrenden Blick im Nacken, aber kümmerte mich nicht. Ich hatte nichts falsch gemacht, hatte mich ordnungsgemäß verhalten, hatte sogar beim Überqueren der Straße nach links, rechts und wieder nach links geschaut, obwohl hier durchschnittlich nur achtzehn Autos pro Tag vorbeifuhren.

„Die Frage ist …“, murmelte ich vor mich hin, erzeugte weitere Schritte, legte Entfernung zurück, ohne zu wissen, wohin ich unterwegs war.
„Das Problem ist…“, dachte ich laut, und ließ das Asphalt unter meinen Blicken vorbeistreichen.
„Die Sache ist die…“, begann ich, mir selbst meine Probleme zu erklären. Nur gab es nicht nur eine Sache, ein Ding, das einer Lösung bedurfte. Ich hing an einem Konstrukt aus ineinander verschachtelten Unmöglichkeiten, und irgendwo zwischendrin wartete eine Lösung darauf, von mir entdeckt zu werden.
Ich seufzte, schüttelte mit dem Kopf, seufzte erneut.
Vielleicht gab es ja gar keine Lösung. Vielleicht war ich längst festgerannt, steckte in gedanklichen Sackgassen fest, irgendwo, wo keine Formel, keine Gleichung der Welt, einen Ausweg bot.

Ich blickte auf, sah mich um.
„Wo bin ich hier?“
Meine Füße standen auf steinernem Boden, meine Hände lagen auf dem Rest einer Mauer. Wind hob mein Haar zu einer absurden Krone, und meine Blicke ragten weit über die gesamte Stadt.
„Ach, hier bin ich.“, sagte ich und lächelte fast.
Ein alter Aussichtspunkt, eine gesicherte Ruine, Innehaltepunkt für spezierende Fußgänger, abendlicher Treffpunkt für unbescholten trinkende und rauchende Jugendliche, hatte mich eingefangen und bot mir nun ein atemberaubend schönes Panorama über den Talkessel, in den sich die Innenstadt schmiegte. Irgendwo dort lag auch meine Wohnung, lag auch mein Notizbuch, lag vielleicht die Lösung, die sich mir die ganze Zeit verwehrte.

Ich seufzte, wandte den Blick ab, sah nach oben.
Drei Wolken, zwei klein und unscheinbar, eine groß, grau und gewaltig, thronten über dem Kessel, ließen sich von mindestens sieben Vögeln verschiedener Art umkreisen. Nein, nicht ‚umkreisen‘, korrigierte ich mich. Die Vögel zogen keine perfekten Kreise mit immerwährend identischem Radius. Vielmehr waren es Schleifen, einfache und zugleich faszinierend komplexe Muster, die die kleinen Flügelpaare in den Himmel schrieben.

Mein halbes Lächeln wuchs zu einem ganzen, als ich dem Treiben der Flatterkreaturen folgte, als ich ihren luftenen Pfaden hinterhereilte, als könnte ich bei ihnen verweilen, könnte ihnen folgen, mit ihnen über Stadt und Bergkranz gleiten, Schleifen in das Oben zeichnen, als könnte ich mich kurz von meinem Körper, meinem prall gefüllten Schädel, lösen, einfach die Flügel ausbreiten und den lauen Winden folgend allen Berechnungen, allen Methoden und Lösungsansätzen, Lebewohl sagen.

„Über den Wolken…“, dachte ich laut und fühlte mich leicht, leichter als ich mich fühlen sollte, fühlte mich, als zöge die Gravitation, die Erde mit ihrer gewaltigen Masse, nicht länger an meinem Leib, als hätte das Unten keine Macht mehr über mich.

Mein Lachen war ein Zwitschern, und ich hob meine Füße näher an meinen Körper. Meine Schwingen drückten mich nach oben, weiter und weiter, funkelnd im Sonnenweiß, leicht und doch kraftvoll. Formen verschoben sich, und das Wesen der Straßen und Häuser, der Kanten und Geraden, verlor sich in meinen Kreisen und Spiralen, entwand sich der kargen Zweidimensionalität, entließ mich aus mir selbst.

„Geh doch mal raus“, hatte Vater gesagt, doch ich ging nicht. Ich flog. Raus und weiter hinaus, hoch und höher, hinab, hinauf, ins Freie, ins Leere, ins Blau des Himmels.

Und dann durchquerte ich die Wolken, die kleinen, streichelnd sanften, dann die große, tumbe, graue, die mich mit kühler Feuchte benetzte, Tropfen auf meinem Leib hinterließ wie Küsse, durchquerte die Winde, durchquerte alle Himmel.

Als ich die Augen öffnete, stand ich noch immer hier, Schuhe auf grauem Stein, Hände auf den Resten der Mauer, das Gesicht in ein breites Lächeln gehüllt. Meine Füße trugen mich zurück, heimwärts, nach unten, doch mein Kopf verweilte noch immer dort oben, inmitten der gleitenden Vögel, zwischen Wolkennass und Sonnenglitzern.

„Hat es geregnet?“, fragte Frau Kantner neugierig, als ich schließlich die Haustür öffnete.
„Nein.“, sagte ich, doch in meinem Haar kicherten die Tropfen.

Martas Nase

In aller Regelmäßigkeit nehme ich am Literaturwettbewerb des mdr Figaro teil. Dieses Jahr schaffte ich es leider nicht in die Bestenauswahl, was ich zum Anlass nehme, die eingesandte Geschichte einfach hier zu veröffentlichen.
Sie heißt

Martas Nase

Für jede Nase kommt die Zeit, in der sie laufen muss, und für Martas Nase war genau heute der richtige Tag, um einfach loszulaufen. Einfach so. Irgendwohin.

„Ich möchte etwas sehen!“, sagte sie, löste sich von Martas Gesicht und hüpfte ins weiche Gras des Stadtparks. Hier duftete es immer aufregend gut, und sowohl Marta als auch ihre Nase mochten es, zwischen den Bäumen und Büschen, zwischen den Hunden und Kinderwagen, spazierenzugehen. Manchmal kaufte Martas Mami ihr ein Eis, und auch das roch lecker. „Erdbeereis.“, erinnerte sich Martas Nase und landete sanft im Gras. Heute wollte sie laufen.

Martas Nase lief. Sie ging ein paar Schritte vor, ein paar zurück, ein paar nach links, ein paar nach rechts. Doch irgendwie war sie nicht begeistert.
„Ich möchte etwas sehen!“, dachte sie laut, doch egal, wohin sie trat, fand sie nur Gras. Grünes Gras, das grün war und nach Gras roch. Das war zu wenig.
Martas Nase lief herum, raschelte sich zwischen grünen Grashalmen hindurch, roch den Erdboden unter ihr, in dem es Regenwürmer gab, entdeckte die verblasste Spur einer Schnecke, die sich einst ebenso wie Martas Nase ihren Weg durchs grüne Gras gebahnt hatte.

Doch auch das war zu wenig.
„Ich möchte etwas sehen!“, sagte sie und stieß auf Leder. Das Leder war schwarz und roch stark nach dem besten Schuhputzmittel, das sich Lederschuhe wünschen konnten. Und es roch nach Zuhause. Irgendwie.

Martas Nase hielt inne.
„Das sind doch Martas Schuhe!“, freute sie sich. Die Schuhe machten einen großen Schritt, und Martas Nase lief hinterher. Nasen können gut laufen, und Martas Nase war da keine Ausnahme. Sie lief hinterher und rief erneut: „Das sind doch Martas Schuhe! Und Martas Socken!“
Marta liebte es, Socken zu tragen, die nicht zueinander passten. Notfalls trug sie die linke Socke drei Tage hintereinander und wechselte nur die rechte.
In Martas Socken steckten Martas Füße. Das überraschte niemanden, schon gar nicht Martas Nase, die genau wusste, wie Martas Füße riechen konnten. Vor allem nach dem Sport.

Martas Füße machten einen weiteren Schritt, zusammen mit Martas käsigen Socken und Martas ledernen Schuhen.
„Halt!“, rief Martas Nase und lief hinterher. Grashalme stellten sich ihr in den Weg, versperrten ihr die Sicht, aber schon bald hatte Martas Nase die Füße eingeholt.
„Ich möchte etwas sehen!“, rief Martas Nase.
Martas Füße antworteten mit einem doppelten „Mmpf !“. Martas Füße trugen Socken und Schuhe, und wenn sie irgendetwas sagten, so konnte man sie kaum verstehen.
Alles, was sie sagten, klang ein bisschen nach „Mmpf !“.
„Wie bitte?“, fragte Martas Nase höflich, aber Martas Füße hmpften erneut:
„Hmpf !“. Es klang ein bisschen wie „Nach oben.“
„Nach oben?“, fragte Martas Nase vorsichtshalber, aber bekam nur ein weiteres „Hmpf !“ als Antwort.
„Das heißt vermutlich ,Ja.’“, sagte sie, hüpfte elegant auf Martas Schuhe und kletterte vorbei an Martas Socken Martas linkes Bein hinauf.

Ein wenig außer Atem pausierte sie in Martas linker Kniekehle. Martas Beine bewegten sich, machten wieder ein paar Schritte, und Martas Nase musste sich gut festhalten, um nicht sofort wieder nach unten zu fallen.
„Ganz schön wacklig hier.“, sagte Martas Nase unsicher. Dennoch sah sie sich um.
Vor ihr befand sich Martas linkes Knie. Über ihr setzte sich Martas Bein fort. Und unter ihr? Grün. Grünes Gras.

Tatsächlich konnte Martas Nase nun sehen, dass die Wiese aus mehr bestand als nur aus Gras. Hier und dort entdeckte sie ein paar Kleeblätter, und für ein paar Augenblicke war sie versucht, ein vierblättriges finden zu wollen. Zwischen all dem Grün schimmerten ein paar vereinzelte Blüten durch. Martas Nase konzentrierte sich und glaubte, sie riechen zu können, eine milde Süße, die sich hauchzart mit dem lauem Frühlingswind mischte.

„Hach.“, seufzte Martas Nase zufrieden. Dann bewegten sich Martas Beine erneut.
„Ganz schön wacklig hier.“, dachte Martas Nase. Ein weiteres Mal blickte sie sich um.
Kniekehle, Bein, Grün. Mehr nicht.
„Ich möchte etwas sehen!“, grinste Martas Nase und kletterte weiter nach oben.
An Martas Po hielt sie gar nicht erst inne. Hier stank es zuweilen ganz fürchterlich, wusste sie. Also lief sie weiter.

Martas Rücken war angenehm.
„Hier ließe es sich aushalten.“, sagte Martas Nase zu sich selbst. Dann rutschte sie ein Stück nach unten.
„Huch!“
Martas Nase kletterte wieder ein wenig nach oben. Sie versuchte, sich diesmal besser festzuhalten, doch schon kurz darauf war sie wieder ein Stück nach unten abgerutscht.
„Ich versuche es noch einmal!“, sagte Martas Nase tapfer, kämpfte sich nach oben und klammerte sich mit aller Kraft fest. Diesmal blieb sie. Sie roch Martas frisch gewaschene Kleidung, roch die grüne Wiese unter Martas Füßen, roch die warme Frühlingsluft.
Dann rutschte sie erneut.
„Mist.“, fluchte Martas Nase leise. Nasen fluchen nicht sehr oft, und Martas Nase
fluchte noch seltener als andere Nasen. Wenn sie also fluchte, hatte sie allen Grund dazu.

Mühsam kletterte sie wieder nach oben. Diesmal versuchte sie gar nicht erst, sich an Martas Rücken festzuhalten, sondern arbeitete sich weiter bis zur Schulter. Hier hielt sie schnaufend inne, saß auf Martas linker Schulter und atmete laut.
„Ich möchte … doch nur … etwas sehen!“, sagte sie kraftlos und sah sich um.

Der Ausblick war fantastisch.
Hatte Martas Nase vorher nur die Wiese erblickt, sah sie nun alles. Durch die Wiese schlängelte sich ein Pfad aus hellgrauem Kies, der sanft knirschte, wenn sich Füße darauf bewegten. Am Ende des Pfades gab es einen Spielplatz. Warm und weich schien der Sand dort zu sein, bunt und abenteuerlich die Klettergerüste. Dort wollte Marta hin, wusste Martas Nase plötzlich und spürte die Bewegung von Martas Körper unter ihr: Martas Schritte führten zum Spielplatz, wo Kinder tobten und Eltern sorgsam wachten, wo eine Schaukel quietschte und mittendrin ein kleiner, weißer Hund tollte.

Martas Nase saß auf Martas linker Schulter und freute sich. Hier konnte sie etwas sehen.
Und die Gerüche erst! Die Welt war voll von ihnen!
Jemand grillte im Park. Die Bäume trugen noch einen Rest Feuchtigkeit vom nächtlichen Regen und dufteten wundervoll. Ein Eismann ließ eine Glocke ertönen, Kinderscharen rannten vergnügt zu ihm hin, und fast schon konnte Martas Nase den Geruch von Erdbeereis in sich spüren.
„Hier bleibe ich!“, dachte Martas Nase vergnügt und ließ sich ein wenig durch die Gegend tragen.
Dann hörte sie den Pups. Augenblicke später roch sie ihn bereits.

„Iieh!“, rief Martas Nase. „Wer war das?“
Sie drehte sich nach rechts. Von dort war der Pups gekommen, so viel stand fest. Aber Martas Nase sah nur Martas Hals.
Irgendjemand lief dort, rechts neben Marta, doch Martas Nase konnte sich drehen und wenden, wie sie wollte: Immer sah sie nur Martas Hals.
„Ich möchte etwas sehen!“, beschloss Martas Nase und kletterte weiter nach oben, über Martas Kinn bis hin zu Martas Mund.

„Hallo.“, sagte der Mund, kaum hatte Martas Nase die Lippen berührt.
„Hallo.“, sagte Martas Nase freundlich.
Nasen waren freundliche Wesen, und Martas Nase war stets besonders freundlich gewesen.
„Ich möchte etwas sehen.“, erklärte Martas Nase dem Mund.
„Dann musst du ganz nach oben.“, sagte Martas Mund.
Martas Mund sagte immer schlaue Sachen, und auch diesmal klang er ziemlich klug.
„Also werde ich weiter nach oben laufen.“, sagte Martas Nase und verabschiedete sich. „Bis bald.“
„Bis bald.“ sagte der Mund und lächelte breit und liebevoll.

Marta lief weiter nach oben, wie es der Mund gesagt hatte. Sie lief über Martas Wangen, die sich manchmal wunderschön rot verfärbten, an Martas Augen vorbei, die ihr schelmisch zublinzelten, bis ganz nach oben auf Martas Kopf.
Hier konnte sie die ganze Welt sehen!
Der Himmel war groß und blau und wunderschön. Wolken zogen dahin und versuchten, verrückteste Formen zu bilden. Ein Haus mit zwölf Schornsteinen, ein Adler mit einem Nashornkopf, ein Fuß, der Löcher hatte wie ein Käse.
Martas Nase kicherte.
Unter ihr befand sich die Welt, unter ihr befand sich Marta, unter ihr befand sich die Wiese. Unter ihr war alles.

„Ha-Tschi!“, rief Martas Nase plötzlich.
Martas Haare hatten sie gekitzelt und lösten sogleich einen zweiten Nieser aus.
„Ha-Tschi!“
Martas Haare waren wunderschön. Schwarz waren sie, dufteten nach Mandelshampoo und wippten stets fröhlich auf und ab, sobald Marta sich bewegte.
Und sie mochten es, Nasen zu kitzeln. So viel stand fest.
Ein dritter Nieser kündigte sich an.

„Hier kann ich nicht bleiben.“, dachte Martas Nase und sah sich um.
Wo sollte sie hin? Sie war ganz oben, auf Martas Kopf, hatte den besten Blick der Welt. Wären Martas Kitzelhaare nicht, könnte es keinen besseren Ort für eine Nase geben.
„Komm zu uns!“
Martas Augen riefen fröhlich von unten zu ihr herauf.
„Komm zu uns, hübsche Nase!“

Martas Augen waren nett. Sie funkelten stets, vor Neugier, vor Begeisterung, vor Freude. Es schien, als würden Martas Augen immer lächeln.
Eigentlich wollte sie ihren neu gefundenen Patz nicht schon wieder aufgeben, aber noch immer fühlte sie sich, als müsste sie erneut niesen. Überall waren Haare, die sie kitzeln und krabbeln wollten.
Martas Nase seufzte leise und lief ein Stückchen nach unten. Hinab, über Martas Stirn bis hin zu Martas Augen.
Martas Augen blinzelten sie einladend an.
„Hallo, liebe Nase.“
Warmes, weiches Braun sah sie an, und sofort fühlte sich Martas Nase willkommen.
„Setz dich doch zwischen uns.“ sagte Martas rechtes Auge, und das linke ergänzte:
„Hier ist es hübsch.“

Martas Nase zögerte. Sie war weit gelaufen, vom grünen Gras zu Martas Füßen, über Martas linke Kniekehle zu Martas Po, über Martas Rücken zu Martas Schulter, über Martas Mund bis hin zu Martas Haar. Und nun war sie hier.
„Setz dich.“, sagten beide Augen und blinzelten wieder. „Setz dich doch.“
„Ich möchte etwas sehen.“, sagte Martas Nase.
Die Augen kicherten freundlich.
„Nasen sind immer so neugierig.“, sagte das linke Auge und das rechte bestätigte:
„Immer so neugierig.“
„Ich möchte etwas sehen.“, sagte Martas Nase erneut. Mehr fiel ihr nicht mehr ein.
„Hier kannst du alles sehen.“, sagten Martas Augen.

Martas Nase sah sich um.
Dort war der Spielplatz, sie konnte das Holz der Klettergerüste schon riechen. Ein kleiner Junge hatte seine Füße eingegraben und lachte laut. Die Schaukel war frei, und Martas Beine bewegten sich nun schneller. Die Schaukel näherte sich, doch eine allzu bekannte Stimme rief: „Marta! Vergiss dein Eis nicht!“

Martas Hände griffen nach dem Eis, das so wundervoll nach Erdbeeren roch, und plötzlich spielte die Schaukel keine Rolle mehr. Marta führte das Eis zur ihrem Mund, hielt es direkt unter ihre Nase.

„Hier kannst du alles riechen“, sagten Martas Augen, und Martas Nase seufzte vor Glück.

Ende.

Bahnsteig

Er wartete.
Musik tanzte durch seine Ohren, und seine Geduld war groß. Vielleicht hätte sie größer sein können, vielleicht war sie mittlerweile ein wenig geschrumpft, doch noch immer spürte er ihre Ruhe, die warm und sanft jede innere Aufregung verhüllte.
Sein Buch hatte er bereits ausgelesen. Es war ohnehin nicht sehr gut, doch nun war er fertig, und sein Kopf, seine Augen, brauchten eine neue Beschäftigung.
Sein Blick fiel auf die Digitalanzeige. Noch sechs Minuten.
Er atmete langsam ein und aus.

Vor zehn Minuten hatte die Anzeige behauptet, die U-Bahn würde in sieben Minuten eintreffen. Pro Minute zehn Minuten. In sechzig Minuten wäre sie hier. Zuzüglich 23 Minuten Fahrt und fünf Minuten Fußweg. Dann wäre es 16.19 Uhr, und er wäre immer noch in einem akzeptablen Maße pünktlich.
Er rechnete.
Wenn er nervös war, rechnete er. Die nüchterne Klarheit der Zahlen half ihm, ruhig zu bleiben. Besonnen zu bleiben. Sich keine Sorgen zu machen.
Er hatte noch immer Zeit, mochte es, früher anzukommen, pünktlich zu sein, meistens sogar mehr als pünktlich.
Warum bin ich nicht ein paar Minuten früher losgegangen?, ärgerte er sich. Er hatte die letzte U-Bahn noch abfahren gesehen, ihre roten Hecklichter, wie sie vom Tunnel verschluckt wurden. Hatte sich hingesetzt und auf die nächste Bahn gewartet.
Die längst da sein sollte. Die gleich kommen würde. In sechs Minuten. Oder sechzig.

Fünf.
Die Anzeige hatte gewechselt. Der Zehn-Minuten-Rhythmus war gebrochen. Er schöpfte neue Hoffnung. Die Bahn würde gleich kommen. Vielleicht schon in 12 oder 15 Minuten. Vielleicht sogar eher.
23 Minuten Fahrt, fünf Minuten Fußweg. Das Ziel lag nahe.
Die Musik in seinem Ohr war plötzlich viel zu laut. Er pegelte sie runter und fragte sich kurz, wieviele Lautsprecherdurchsagen er wohl verpasst hatte.
Egal.
Die Bahn war unterwegs, würde in fünf Minuten ankommen. Vielleicht auch in fünfzehn. Oder fünfzig.
Bald.

Er wartete.
Der Bahnsteig war leer, merkte er jetzt. Niemand war hier, um mit ihm zu warten. Um die fünf Minuten auszuharren, einzusteigen und irgendeinem festgelegten Ziel entgegengetragen zu werden. Niemand. Dabei waren es nur noch fünf Minuten.

Vier.
Vier!
Er konnte sein Glück kaum fassen. Zwischen den letzten beiden Änderungen der Anzeige hatte jeweils nur eine Minute gelegen.
Die Bahn war zu spät, das war klar, viel zu spät. Aber jetzt würde sie kommen, konnte jeden Moment eintreffen, hatte ihren alten Schwung, ihren alten Rhythmus, wiedergefunden und näherte sich.

Die Anzeige fiel aus.
Plötzlich war alles schwarz. Kein Ziel war zu erkennen, keine U-Bahn-Nummer, keine Minutenzahl. Noch nicht einmal die unnötige Warnung vor Glatteis an den Bahnsteigen erschien noch. Er hatte sie bereits zwölf Mal gelesen, und war ein bisschen froh darüber, dass ihm ein weiteres Mal erspart blieb.
Er stand auf. Sah auf seine Uhr. Sah auf den beleuchteten Schaukasten, hinter dessen Scheibe der papierne Fahrplan klebte.
Er nützte nichts, das wusste er. Doch es half zu wissen, dass die Bahn hätte längst hier sein müssen. Dass sie gleich kam. In vier Minuten. Oder mittlerweile vielleicht sogar drei.
Drei Minuten, 23 Minuten Fahrt, fünf Minuten Fußweg. Alles war in bester Ordnung.
Und notfalls gab es noch die nächste Bahn.
Die natürlich auch längst hier sein sollte.
Die ebenfalls Verspätung hatte.
Die noch kommen würde.
Die sicherlich ebenfalls noch kommen würde.

Es rauschte im Tunnel.
Die Bahn kam!
Wie gebannt starrte er in das undurchdringliche Schwarz, in dem jeden Augenblick zwei grelle Lichtpunkte erscheinen würden. Die Haltestelle lag hinter einer Kurve, und er wusste, dass er erst wenige Momente vor der Ankunft der Bahn überhaupt fähig wäre, irgendwas zu sehen. Doch er schaute. Und wartete.
Das Rauschen wurde stärker. Die Lampen am Bahnsteig flackerten kurz, einmal, zweimal, fingen sich wieder.
Er vermisste die Lautsprecheransage, vermisste ihren Hinweis, vom Bahnsteig zurückzubleiben und die Aussteigenden zuerst passieren zu lassen. Doch vielleicht hatte er sie überhört, unter den sanft in seinen Ohren dahindudelnden Klängen begraben.

Da! Die Lichter!
Die Bahn kam, hielt, wie sie immer hielt, undramatisch, ohne quietschende Bremsen, ohne Lärm und Radau, öffnete ihre metallenen Pforten und ließ ihre Kurzzeitbewohner aus- und einsteigen.
Alles war gut.
Niemand stieg aus. Er wartete einen Augenblick, sah sich um, doch niemand stieg aus.
Die Bahn war leer.
Zögerlich musterte er den monströsen Schlauch, der die U-Bahn war.
„U1 – Friedrichsplatz“.
Richtige Bahn, richtiger Endbahnhof.
Alles war gut.

Er stieg ein. Setzte sich.
Er mochte es, am Fenster zu sitzen, selbst wenn die meisten Leute das in einer unterirdisch fahrenden Bahn für unnötig hielten. Doch dort draußen gab es nicht nur Finsternis. Dort wanden sich Kabel und Schläuche, flimmerten Notfallbeleuchtungen und warteten stählerne Hebel auf Benutzung. Dort draußen in den Tunneln verbarg sich eine fremde Welt.
Die Türen schlossen sich. Piepsten zwei Mal, dann schlossen sie sich.
So wie sie es immer taten.

Dann sah er den Mann.
Er kam von ganz vorne, hatte die U-Bahn verlassen und eilte nun schnellen Schrittes zur Treppe. Nach draußen.
Der Fahrer!, dachte er verdutzt. Das ist doch der U-Bahn-Fahrer!
Deutlich war seine Uniform zu erkennen, deutlich seine Aktentasche, aus der sogar ein paar Papiere herausragten, als hätte er sie hastig gepackt.
Hey!, rief er und klopfte gegen die Scheibe.
Das ist doch die U1 zum Friedrichsplatz, oder?, rief er, doch der Bahnfahrer war bereits verschwunden.

Er blickte auf seine Uhr.
23 Minuten Fahrt, 5 Minuten Fußweg.
Würde die Bahn jetzt losfahren, wäre alles perfekt. Er wäre nicht zu früh, nicht zu spät, sondern käme genau zum richtigen Zeitpunkt an.
Der Motor lief noch. Er mochte das leichte Vibrieren der Sitze, der Wände, der Fenster.
Die Türen waren zu, der Motor lief, alles war gut.
Nur der Fahrer fehlte.
Wahrscheinlich kommt gleich der nächste, dachte er.
Dann ging das Licht aus.

Von draußen dämmerte Bahnsteigbeleuchtung matt durch die Scheiben, erhellte ein wenig das Innere der Bahn. Doch nicht genug. Überall waren Schatten. Überall war Dunkel. Und der Tunnel wartete begierig darauf, das metallene Gefährt zu verschlingen.
Er zuckte mit den Schultern. Er brauchte kein Licht. Sein Buch hatte er fertig gelesen, war ohnehin nicht sehr gut.
Er drehte die Musik wieder lauter.
Wartete.
23 Minuten Fahrt. Fünf Minuten Fußweg.
Er brauchte nur noch ein wenig Geduld. Bis der Fahrer zurückkam. Bis die Bahn losfuhr.
Und Geduld hatte er. Viel Geduld.

Er schaute noch einmal auf die Uhr.
Alles war gut. Er würde pünktlich sein.

Die Bahn fuhr los.