Rupert

Rupert lehnte sich zurück und schaltete das Radio an. Denn genau das war es, was er jetzt brauchte: Eine Tasse heißen Pfefferminztee und ein wenig entpannende Musik aus dem Äther.

Doch anstelle angenehmer Klänge vernahm Rupert nur die monotone Stimme des Nachrichtensprechers: „… dass Manfred S. imstande sei, allein mittels seines Zeigefingers UKW-Radioprogramme zu empfangen…“

„So ein Unsinn!“, empörte sich Rupert und schaltete seinen Daumen aus.

Die Welt war blau und lachte

Der folgende Text passt stilistisch in die Rubrik „Morning Pages“, formal allerdings nicht. Trotzdem.

Die Welt war blau und lachte.

Natürlich war die Welt nicht wirklich blau, doch ein kurzer Besuch in einem der unzähligen Souvenirläden hatte die Welt verändert. Felix grinste. Die Welt verändert. Wie das klang. Dabei hatte er sich nur eine Sonnenbrille besorgt. Eine billige Sonnenbrille mit blauen Gläsern. Weder sonderlich hübsch noch sonderlich nutzvoll. Und doch…

Felix lachte. Wenn Felix lachte, hatte es für ihn stets den Anschein, als hielte die Welt kurz inne. Als lachte sie mit ihm.
Die Welt war blau und lachte.

Felix stieg auf sein rostiges Damenrad und fuhr die Strandpromenade entlang. Es war Zeit gewesen, dachte er, während er durch blaue Gläser auf das blaue Meer blickte, den klaren, blauen Himmel betrachtete, während er sich zwischen den herumschlendernden Menschen hindurchschlängelte, als hätte er sein Lebtag dafür geübt. Hin und wieder schenkte man ihm einen verwunderten Blick, doch hier in der Touristenhochburg war man Absonderlichkeiten gewöhnt. Auch blaue Sonnenbrillen.

Felix fuhr weiter. Sein Fahrrad quietschte, doch er verschwendete keinen Gedanken an eine Reparatur. Er hatte ihn sich verdient, seinen Urlaub. Wen kümmerte da ein klappriges Fahrrad? Und überhaupt: Monochromatisch betrachtet waren die zahlreichen Rostflecken an Rahmen und Kette, an Lenker und Zahnrädern nur sonderbare Blüten blauer Merkwürdigkeit. Felix lachte erneut. Durch die Brille betrachtet wirkte die Welt in ihren Blauschattierungen noch fremder, noch neuer, noch vielseitiger als ohnehin schon. Wie angenehm es sein würde, in den nächsten Tagen, Wochen, durch die Straßen zu streifen und jedes noch so blaue Detail zu betrachten, neu zu entdecken. Blaue Menschen, blaue Häuser, blauer Sand.

Irgendwo erklangen Rufe. „Da ist er ja!“ Stimmen näherten sich. „Da, auf dem Damenrad!“
Felix sah sich um. Der Direktor!

Felix trat in die Pedale. Schneller, schneller! Sein klapperndes, quietschendes Rad raste durch die verschreckt beiseite springenden Menschengruppen. „Platz da!“ wollte er rufen, doch seinem Mund entsprangen nur unverständliche Laute. Die Sonnenbrille glitt von seinem unörmigen Schädel und zerbrach auf dem Asphalt. Felix schenkte ihr keine Beachtung. Die Welt war bunt, und Felix strampelte, als ginge es um sein Leben, trat in die Pedalen, brachte Meter für Meter zwischen sich und seine Verfolger.

Für einen Zirkusaffen war er ziemlich schnell.


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Perfekt

Auch wenn es nicht Morgen ist und ich diesen Text nicht in das entsprechende Buch schrieb, wurde er doch in die Rubrik „Morning Pages“ eingeordnet. Schließlich entstand er spontan in einer Ruhepause, wurde während des Schreibens ersonnen.
Und so.

„Diese verdammten Schuhe!“, fluchte ich.
„Waaas?“, rief Anne aus dem Badezimmer, wobei einzig meiner Fantasie zu verdanken war, dass ich überhaupt erahnen konnte, was sie rief.

„Nichts.“, antwortete ich, war ich doch keineswegs versessen darauf, ein Gespräch anzuzetteln, das lautstark durch die gesamte Wohnung gebrüllt wurde. Doch Anne stand bereits im Zimmer und schenkte mir einen fragenden Blick. Offensichtlich hatte sie eingesehen, dass die Zahnbürste in ihrem Mund der oralen Kommunikation abträglich war, und zog es vor, sich auf Mimik und Gestikzzu beschränken.

„Ach, nichts.“, wiederholte ich. „Es sind nur diese verdammten Schuhe.“ Ein weiterer fragendender Blick.
„Sie passen nicht.“, erklärte ich seufzend. Anne deutete auf den blauen Karton, der hinter der Zimmertür herumlag. „Aber die hast du doch vorgestern erst gekauft.“, sollte diese Geste heißen, und für einen Moment war ich stolz darauf, sie gut genug zu kennen, dass sich jedes gesprochene Wort erübrigte.

„Ja, ich weiß. Doch ich komm‘ einfach nicht rein.“ Zur Bekräftigung stieß ich mehrmals meinen rechten Fuß in das schwarze Leder. Der Schuh jedoch weigerte sich, fast so, als wäre er über Nacht geschrumpft.
Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr. Schaute auf. Noch immer putzte sich Anne die Zähne, doch dabei drehte und schüttelte sie immer wieder ihre freie Hand. Ich verstand schnell und lächelte. Vielleicht war ich tatsächlich perfekt für sie, dachte ich. Vielleicht war ich tatsächlich derjenige, der ihr jedes Wort von den Augen abzulesen vermochte.

Liebevoll schaute ich zu Anne, dann drehte ich meinen Schuh um und schüttelte ihn. Ich zweifelte zwar daran, doch möglichweise hatte irgendein WG-„Nikolaus“ die Frechheit besessen, Dinge in meinem Schuh zu verstecken. Doch abgesehen von ein paar schwarzen Stoffkrumen brachte das Schütteln nichts zum Vorschein.
Prüfend ließ ich meine Finger in das Schuhinnere gleiten. Kein Widerstand.
Neugierig schaute ich auf die Schuhgröße. 43, wie gehabt.

Ich sah erneut zu Anne, die mittlerweile ihre kreisenden Putzbewegungen unterbrochen hatte. Schaum bedeckte ihre Lippen, und anscheinend wusste auch sie nicht mehr weiter. Ich probierte es erneut, presste mit aller Kraft meinen Fuß in den Schuh. „Das … muss … doch … passen!“, keuchte ich. Doch es passte nicht. Der Schuh war einfach zu klein. Oder mein Fuß zu groß.

„Ich versteh das nicht.“, sagte ich zu Anne, doch Anne befand sich gar nicht mehr im Zimmer. Mund ausspülen, dachte ich, und betrachtete den widerspenstigen Schuh. Er war noch neu, ich hatte ihn außerhalb der Wohnung noch nicht getragen. Vielleicht sollte ich ihn einfach wieder zurückbringen, überlegte ich, umtauschen oder so. Und vielleicht könnten wir dann noch kurz beim Café Venezia vorbeischauen, dort, wo wir uns vor vier Monaten kennengelernt hatten, und einen riesigen Eisbecher auf unser Wohl bestellen…

Plötzlich stand Anne neben mir, in der Hand ein riesiges Messer haltend, die Zahnbürste noch immer im Mund. „Ruckedigu, ruckedigu!“, nuschelte sie und weißer Schaum floß ihr das Kinn hinab. Ein Schrei: „Blut ist im Schuh!“, und sie schlug zu.

Sonderbar

„Komm rein! Es gibt bald Mittag!“, rief Svens Mutter durch das geöffnete Küchenfenster hinaus in den Garten, doch Sven hörte sie nicht. Nur Minka, Svens kohlrabenschwarze Katze, ließ sich mit einer winzigen Drehung ihrer Ohren anmerken, dass ihr trotz vor Wonne geschlossener Augen nichts entging.
Sven hockte im Gras und kraulte Minka den Bauch. Minka mochte es, am Bauch gekrault zu werden, und hatte sich bereitwillig auf den Rücken gelegt, sämtliche Tatzen weit von sich gestreckt und die Krallen eingefahren. Sven kraulte und streichelte voller Hingabe, und die Katze schnurrte vor Vergnügen.
„Mittag!“, rief Svens Mutter lautstark durch das Fenster, und diesmal vernahm Sven ihren Ruf. „Mittag.“, wiederholte er, streichelte Minka noch kurz über das Fell, sprang auf und rannte ins Haus.
„Mama?“, fragte Sven Minuten später, während er an einer Kartoffel kaute, „Stimmt es, dass Herr Leonard geisteskrank ist?“
„Schschscht!“, antwortete Svens Mutter und schielte durch das Küchenfenster in den Garten, ob Herr Leonard diese Worte nicht zufällig vernommen hatte. „So etwas sagt man nicht.“, meinte sie schließlich in gedämpfter Lautstärke. „Herr Leonard ist unser Nachbar und ein freundlicher Mensch.“ Sie zögerte. „Nur manchmal ist er etwas sonderbar.“
„Sonderbar.“, wiederholte Sven und prüfte den Klang des ungewohnten Wortes. „Was heißt sonderbar?“
Svens Mutter seufzte. „Sonderbar heißt: merkwürdig, nicht normal, ungewöhnlich. Herr Leonard ist eben bisschen anders als wir.“
„Weil er mit Vögeln redet?“, fragte Sven neugierig, doch Svens Mutter antwortete nicht.
„Iß auf, bevor es kalt wird.“, sagte sie und ging zum Kühlschrank, um den Nachtisch zu holen.
Nach dem Essen durfte Sven wieder im Garten spielen. Minka erwartete ihn schon, doch Sven hatte anderes vor: Er schlich sich zum Zaun und spähte hinüber in Herrn Leonards Garten. Herr Leonard entdeckte ihn sofort.
„Hallo Sven!“, rief er freundlich und winkte.
„Können Sie wirklich mit Vögeln reden?“, fragte Sven ohne zu zögern.
„Natürlich kann ich das!“, antwortete Herr Leonard schmunzelnd und rief „Wilma! Brigitte! Ottokar! Kommt doch mal her!“
Im nahestehenden Kirschbaum raschelte es kurz, und schon kamen zwei Sperlinge und eine Amsel aus dem Geäst geflattert und setzten sichvertrauensvoll auf Herrn Leornards ausgebreitete Arme.
„Sagt dem kleinen Sven ‚Guten Tag.'“, forderte Herr Leonard die Vögel auf, und wie eine wirbelnde Wolke stießen sie sich von ihm ab und kamen zu Sven gefolgen, dem vor Staunen der Mund offenstand. Die drei Vögel umflatterten kurz Svens Gesicht – er konnte ihre Flügelschläge deutlich spüren – und kehrten anschließend in den Kirschbaum zurück.
„Danke.“, rief Herr Leonard den Vögeln zu und wandte sich an Sven. „Und? Hat es dir gefallen?“
Doch Sven stand nicht länger am Zaun. Er war weggerannt, hinter das Haus, und zitterte am ganzen Leib.
„Herr Leonard ist wirklich sonderbar.“, keuchte er.
„Er ist geisteskrank.“, maunzte Minka und rieb ihren Kopf an Svens Bein.

Heimweg

Winfried Kahl ging nach Hause. Sein Gang entsprach eher einem leichten Torkeln, so, als müßte Winfried beständig gegen einen Wind ankämpfen, der überhaupt nicht vorhanden war.

Dennoch war Winfried klaren Verstandes. Er lächelte sogar ein wenig, was in Anbetracht dessen, dass er völlig allein auf der laternenbeleuchteten Straße umherwanderte und somit niemand dieses Lächeln sehen konnte, möglicherweise unnütz war. Aber der Abend hatte Winfried gefallen, und das Lächeln wollte nicht aus seinem Gesicht weichen.

Winfried liebte es, in der Nacht durch die Stadt zu wandern. Wie ausgestorben lagen Fußwege und Straßen da, überall parkten leblose Blechkosten, und wenn er einem anderen begegnete, der wie er durch die Nacht wandelte, vielleicht ebenso von einer Party heimkehrend, dann nickte er ihm zu, als würde man sich kennen, als gehöre man zu den leetzten Überlebenden irgendeiner Katastrophe.

Doch die Stadt war nicht tot. Winfried spürte ihren Puls, ruhig und gleichmäßig, hin und wieder im Schlafe stöhnend, wie von unruhigen Träumen geplagt.
Ein Taxi rauschte vorbei; Winfried schenkte ihm keine Beachtung. Er hatte die Stadt für sich, lief mal auf der Straße, mal auf dem Fußweg, schlängelte sich zwischen Mülltonne und Autos hindurch – und war glücklich.

‚Es war ein guter Gedanke gewesen auszugehen, wieder einmal unter Menschen zu kommen.‘, dachte Winfried, während er über einen Kanaldeckel hüpfte.
Die Nachtluft war kühl, doch die Bowle in seinem Inneren wärmte noch nach.
‚Wenn man nachts durch die Straßen streift“, dachte Winfried, „erscheint vieles so klar und einfach, was vorher verworren und umständlich war.‘
Winfried konnte die ersten Vögel hören, die zwitschernd die nächtliche Ruhe um abseits des täglichen Lärms erhört zu werden.

Er hatte nicht viele Leute auf der Party gekannt, nur zwei oder drei Gesichtern glaubte er vorher schon einmal begegnet zu sein. Doch die Musik hatte gegen die Wände gewummert, und die Münder waren verstopft gewesen mit Nudelsalat und Bowle. Es hatte keine Rolle gespielt, wer was sagte, solange man sich dabei wohlgefühlt hatte. Und das hatte Winfried. Oh ja! Seit Jahren hatte er mal wieder getanzt, behäbig zwar, doch vom Rhythmus geleitet, mit geschlossenen Augen, als könnte er so den Moment in sich bewahren.

Winfried hatte nicht viel geredet – er redete nie sehr viel -, doch zugehört, fleißig genickt und hin und wieder sich und anderen Bowle nachgeschenkt. Es hatte gut getan, mal wieder unter Menschen zu kommen.

Winfrieds Schritte wurden langsamer. In der Ferne glaubte er eine Silhouette zu erkennen, die rasch größer wurde. Winfrieds biologisches Wissen, war nicht sonderlich geschult, doch erkannte er einen Gorilla, wenn er ihm begegnete.

Der Gorilla machte drei, vier Sätze und richtete sich vor Winfried auf. Sein Fell war verfilzt, doch seine Gestalt war imposant und vor Muskeln strotzend.
Der Gorilla starrte Winfried an.
„Zieh das Kostüm aus!“, brüllte er plötzlich. Winfried wich zurück und riß sich das Kostüm vom Leib.
„Ich will nach Hause.“, sagte er, und gemeinsam rannten die beiden Gorillas durch die Nacht.

Nathan im Regen

Die heutige Geschichte ist sehr abstrus. Aber ich mag sie.

Der Regen war angesagt worden, doch hatte Nathan vergessen, sich zu rasieren. Nun stand er an einer Kreuzung, wartete auf das grüne Leuchten der Fußgängerampel und ärgerte sich. Er haßte das Gefühl plätschernder Tropfen auf unrasierter Haut.

Nathan starrte in den Himmel. ‚Wieviele Tropfen fallen wohl pro Sekunde von oben herab?‘, fragte er sich, während Nässe in sein Gesicht klatschte. ‚Vierundreißigtausend.‘, antwortete eine Stimme. „Würde ich schätzen.“

Nathan haßte den Gedankenleser. Seit ein paar Wochen begegnete er ihm immer wieder – und jedesmal mischte der Kerl sich in seine Gedanken ein.
„Du hast kein gutes Bild von mir.“, meinte der Gedankenleser traurig. Er trug einen alten Hut, in dessen Krempe sich Regenwasser sammelte. Als er den Kopf schüttelte, spritze es nach allen Seiten. Außer auf Nathan. Aus irgendeinem Grund blieb Nathan unberührt vom Spritzwerk des Gedankenlesers.
‚Zufall.‘, dachte Nathan und nahm sich zugleich vor, nicht mehr zu denken. Er wollte keine Konversation initiieren. Nicht hier. Und nicht mit dem Gedankenleser.

Die Ampel war noch immer rot. Verfluchtes Ding.
Der Gedankenleser lächelte unter seinem alten Hut. Jedenfalls, soweit man das unter dem Schaum in seinem Gesicht erkennen konnte. In seiner Hand blitzte Metall.
„Ich rasiere mich immer bei Regen.“, erklärte der Gedankenleser, obgleich Nathan sich diesmal bemüht hatte, nicht nachzudenken. „Ich liebe es, wenn Regen auf frisch rasierte Haut trifft.“

Nathan schaute abschätzend. Wollte der Gedankenleser ihn veralbern? Hatte er in seinem Kopf gewühlt und den Haß gefunden, den Nathan Regentropfen entgegenbrachte, welche es wagten, auf sein unrasiertes Gesicht zu fallen? Wollte der Gedankenleser sich mit ihm gutstellen? Vielleicht, um ein Geheimnis zu erfahren? Vielleicht, um seinen nutzlosen Haß zu tilgen? Vielleicht…?

Doch als Nathan sah, mit welcher Inbrunst sich der Gedankenleser die Haare aus dem Gesicht schabte, wie er jeden einzelnen Tropfen genoß, der auf seine leicht gerötete, glatte Haut fiel, wie er im Regen stand und vor Glück und Wonne strahlte … da begriff Nathan, daß der Gedankenleser unmöglich ein schlechter Mensch sein konnte.

Die Ampel schaltete auf Grün, doch Nathan bewegte sich nicht.
„Ich … ich … ich liebe dich.“, stammelte er. „Seitdem ich dich zum ersten Mal sah.“
Der Gedankenleser lächelte und reichte ihm den Rasierer. „Ich weiß.“

Karfunkel

Herrn Schreibtisch konnte man zurecht als sonderbaren Menschen bezeichnen.
Sicherlich, es ist bekannt, dass jeder Mensch irgendwelchen Sonderlichkeiten frönt, dass es also so etwas wie einen normalen Menschen gar nicht geben kann, doch Herr Schreibtisch war besonders sonderbar.

Man sah ihm das nicht an; nach außen hin wirkte er unscheinbar und unauffällig; nicht selten übersah man ihn aufgrund seiner wenig bemerkenswerten Erscheinung, Herr Schreibtisch hatte es nie geschafft, zu außergewöhnlicher Größe heranzuwachsen; nein, er war durchschnittlich groß, vielleicht ein wenig zu klein, von durchschnittlicher Figur, vielleicht ein wenig zu rund, und das Haar ging ihm langsam aus wie bei vielen Männern seines Alters.
Niemand wußte genau, wie alt Herr Schreibtisch eigentlich war, doch wenn er seufzte, beispielsweise, wenn wieder einmal ein alberne Bemerkung über seinen Nachnamen erfolgte, wirkte er noch älter.

Herr Schreibtisch lebte seine Sonderbarkeit im Geheimen. ‚Es hat niemanden zu interessieren, dass ich Karfunkel Obstsalat mit Vornamen heiße.‘, dachte er manchmal. ‚Und es hat niemanden zu interessieren, womit ich mich in meiner Freizeit beschäftige.‘

Karfunkel Obstsalat Schreibtisch war kein mürrischer Mann. Eigentlich war ihm das meiste, was um ihn herum geschah, ziemlich egal. Nur, was mit ihm selbst geschah, war wichtig. Und das hatte einer Ordnung zu folgen.
Beispielsweise schaute Herr Schreibtisch gern Monsterfilme – aber nur montags. Oder er betrachtete die Fotografien seiner Urlaube in Montenegro und Montreal, beobachtete das bleiche Gelb des Mondes am Nachthimmel, telefonierte mit Monika, seiner freundlichen Nachbarin, oder saß vor dem Monitor und schrieb monotone Monologe von Mönchen in Montevideo nieder. Aber nur montags.

An Dienstagen liebte er es, sich als Diener oder Dieb zu verkleiden oder Dieselöl zu kaufen. Dienstags bewunderte er die Disteln in seinem Vorgarten, sortierte seine DIN-A4-Blätter oder dinierte bei gedimmtem Licht im „Diamant“, dem teuersten Restaurant der Stadt, wo Kellner Dietmar ihm Pizza Diavolo und Diätcola servierte.

Mittwochs gab es viel zu tun: Das Mittagessen war der Höhepunkt des Tages und mußte genauestens vorbereitet werden. Nicht selten begann Herr Schreibtisch bereits um Mitternacht mit der Zubereitung. Oft gab es mittelalterliche Speisen, nicht selten Köstlichkeiten aus dem Mittelmeerraum. Herr Schreibtisch war Mitglied in einem Verein für Hobbyköche, die sich untereinander mittels Briefen neueste Rezepte zusandten. Hin und wieder enthielten die Briefe Mitteilungen über gemeinsame Treffen, doch Herr Schreibtisch war kein Freund des Miteinanders und weigerte sich zumeist, dort mitzumachen. Das erntete oft Bedauern und Mitleid.

Donnerstags spazierte Herr Schreibtisch gerne zur Donau. Dort kaufte er sich oft einen Donut und versuchte, mit dessen Süße sein Gemüt zu besänftigen. Denn nicht selten kam es an Donnerstagen vor, daß Herr Schreibtisch schlechte Laune hatte und mit donnernder Stimme heden vertrieb, der sich ihm näherte.

Herr Karfunkel Obstsalat Schreibtisch hatte sich diese Beschäftigungen nicht ausgesucht. Sie waren ihm vielmehr zugefallen.
Eines Sonntags hatte er beschlossen, nach draußen zu gehen, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu genießen. Natürlich hatte er sich zuvor mit Sonnencreme eingeschmiert und seinen gepunkteten Sonnenschirm nicht vergessen, weil er weder SOnnenbrand noch Sonnenstich bekommen wllte. Er lief an der Sonderschule vorbei, summte einen Song oder eine Sonatine, dachte an Weltraumsonden und die Sonnenbrille, die er vergessen hatte, bis ihm etwas auffiel: ‚Sonderbar, wie schön es ist, mich an diesem Sonntag mit Dingen zu beschäftigten, die allesamt mit „Son“ beginnen…‘ Er fühlte sich erleichtert, befreit, als hätte man ihm eine Last abgenommen, derer er sich vorher gar nicht bewußt gewesen war.

Am nächsten Tag, Montag, hatte er begonnen, auf seine Tätigkeiten zu achten. Er hatte eine Tafe an der Wand montiert, auf der er Dinge niederschrieb, die mit den gleichen Buchstaben begannen wie die einzelnen Wochenentage. In den folgenden Tagen und Wochen stellte er fest, wie sehr es ihm behagte, seine Tätigkeiten den Tagen anzupassen.
So waren die Jahre vergangen. Herr Schreibtisch hatte seinen Gewohnheiten gefrönt, hatte die Tafel hin und wieder um einen Begriff ergänzt und sich nicht daran gestört, als Sonderling betrachtet zu werden. Schließlich brachte ihm dieses Handeln, so merkwürdig es auch sein mochte, Freude.

Eines Freitags jedoch freute er sich nicht. Er saß in der Kneipe beim Freibad „Zur Freiheit“ und hatte beim ersten Freistoß des Freiburger Fußballvereins das Freibier geleert, das der Wirt ihm als freitäglichen Stammgast spendiert hatte. Seine Gedanken waren aber nicht beim Spiel. Er dachte an Freibeuter und Freimaurer, an Freiherren und Freiheitskämpfer. Er seufzte leise, wie er es heute breits zehn oder zwanzig Mal getan hatte, und starrte traurig in seine leere Flasche.
Herr Schreibtisch dachte an seine Freizeit und wie er sie zu befüllen pflegte. Ein weiterer Seufzer glitt über seine Lippen.

Das Fußballspiel war längst beendet, als Herr Schreibtisch träge von seinem Stuhl auftand und die Kneipe verließ.
„Bis nächsten Freitag.“, verabschiedete ihn der Wirt freundlich.
„Freilich.“, antwortete Herr Schreibtisch so wie immer. Doch zum ersten Mal fühlte er sich nicht wohl dabei.

Auf dem Heimweg versuchte Herr Schreibtisch, sich aufzuheitern. Normalerweise brauchte er sich dabei nur auszumalen, was er denn am nächsten Tag tun würde, aber heute wollte sich keine Vorfreude einstellen.
„Morgen ist Samstag.“, murmelte Herr Schreibtisch vor sich hin. „Ich werde mein Samtjacket aus der Reinigung holen und meine Sammlung samoischer Samen sortieren. Ich werde vielleicht in einem Sammelband lesen oder mir einen Sampler mit Sambamusik anhören. Oder ich koche einen Tee mit meinem Samowar, während ich einen Samuraifilm schaue…“
Doch sämtliche Möglichkeiten vermochten nicht, Herrn Schreibtisch zu gefallen. ‚Der immergleiche Trott.‘, dachte er und seufzte.

Müde lief er die letzten paar Meter, schloß die Haustür auf und schleppt sich die vierundreißig Stufen hinauf zu seiner Wohnung. Er kramte das Schlüsselbund aus seiner Tasche, und während er sich bemühte, im matten Licht der Treppenhausbeleuchtung den Wohnungsschlüssel ausfindig zu machen, öffnete sich hinter ihm die Tür. Überrascht drehte sich Herr Schreibtisch um.
„Monika!“, stieß er aus. Und tatsächlich: Dort stand Monika, die freundliche Nachbarin, und hielt eine riesige Sonnenblume in der Hand.
„Die habe ich aus meinem Garten.“, erklärte sie und lächelte so warm, daß Herrn Schreibtisch das Herz aufging.
„Sie ist für dich, Karfunkel.“
Karfunkel Obstsalat Schreibtisch wußte nicht, wie ihm geschah. Mit Monika durfte er dich nur montags telefoniert, Sonnenblumen nur sonntags bestaunt werden! Alles geriet durcheinander!

„Danke.“, lächelte Herr Schreibtsich und gab Monika einen Kuß.

Gunter und Gerald

Man hätte Gunter und Gerald für eineiige Zwillinge halten können. Doch das waren sie nicht. Schließlich gab es – zumindest heute – mindestens einen entscheidenden Unterschied: Gerald hatte Geburtstag, Gunter schnupfen.

Wenn Gunter nieste, verschluckte er stets das „Ha“ vor dem „Tschi“. „Tschi!“ platzte es dann aus ihm heraus, und sein rechtes Bein stampfte gleichzeitig auf den Boden. Gerald hatte bisweilen geargwöhnt, daß Gunters Stampfen dazu diente, das fehlende „Ha“ zu kompensieren, doch sicher war er sich nicht.

Die beiden standen in Geralds Zimmer herum, und Gerald war gerade dabei, Gunters Geschenk [Es war mit Sicherheit wieder ein abenteuerlich aussehender Stein, den Gerald seiner Sammlung abenteuerlich aussehender Steine hinzufügen konnte.] auszupacken, als Gunter nieste. „Tschi!“ explodierte es aus seinem Mund und Gunters rechter Fuß stampfte ein Loch in den Boden.

Tatsächlich: Da war plötzlich eine Delle im Teppich wo gerade noch eine ebene Fläche gewesen war. Gunter zog den Teppich beiseite. Unter diesem befand sich ein Loch, das ungefähr die Ausmaße von Gunters rechtem Fuß hatte. Nacheinander lugten Gunter und Gerald hindurch, doch erkannten nicht viel. Etwa ein Meter tiefer konnten sie aber eine Art Plattform erahnen.

Die beiden zögerten nicht lange und entfernten rasch weitere Teile des Bodens, vergrößerten innerhalb weniger Sekunden derart, daß ein schlanker Körper bequem hindurchpaßte.
„Ich gehe zuerst.“, meinte Gunter und Gerald nickte. Gunter ging immer zuerst.

Auf die Plattform zu gelangen, war nicht schwierig. Schlüpfte man durch das Loch, brauchte man nur noch loszulassen und landete mit einem unangenehm lauten „Wumms!“ auf der nächsten Ebene.
„Metall“, murmelte Gerald, „Die Plattform besteht aus Metall.“
Zudem war sie auch nicht sehr groß, maß vielleicht ein mal ein Meter und war umkränzt von einem stählernen Geländer. Nur eine Seite war offen. Dort ragte ein Brett über den Rand hinaus ins Leere.

„Eine Leiter!“, rief Gunter und war schon die ersten Sprossen hinabgestiegen.
„Wir sind auf einem Sprungturm.“, stellte Gerald fest, sobald auch er die Leiter betreten hatte.
„Wir sind in einer Schwimmhalle!“, rief Gunter von unten, denn er hatte die Leiter bereits hinter sich gelassen und erkundete die Umgebung.
„Tschi!“, nieste er und stampfte auf. Das Echo schallte von den Wänden wider.
‚Der Raum muß riesig sein!‘, dachte Gerald, doch konnte sich nicht erinnern, bisher über einem Schwimmbad gewohnt zu haben.
„Die Becken sind leer!“, rief Gunter, der von seiner Erkundungstour zurückgekehrt war. „Alle Becken sind leer.“ Er nieste erneut. Und stampfte.

Geralds Augen hatten sich mittlerweile an das dämmrige Dunkel gewöhnt, und er konnte seine Umgebung allmählich erkennen. Sie waren vom höchsten Sprungturm herabgestiegen; daneben standen noch zwei weitere. ‚Zehn Meter, fünf Meter, drei Meter.‘, schätzte Gerald und starrte in das leere Becken vor seinen Füßen. Es war nicht groß, aber sehr tief.
„Dahinten sind noch drei weitere.“, erklärte Gunter atemlos. „Eines für Kinder, ein großes zum Schwimmen und ein klitzekleines.“
„Ein Whirlpool.“, vermutete Gerald. Gunter nickte und nieste.

„Was war das?“, fragte Gerald plötzlich.
„Ich habe geniest.“, meinte Gunter.
„Psst.“, flüsterte Gerald und versuchte, in der Stille des Schwimmbads etwas zu hören, das nicht hierhergehörte. Schritte.
„Dort drüben.“, Gunter flüsterte nun auch und zeigte nach links.
Gerald nickte.

Gunter ging voran, langsam diesmal, schleichend. Gerald lief hinterher, versuchte, im Dämmerlicht etwas erkennen zu können.
„Es sind zwei.“, flüsterte Gunter plötzlich und deutete auf eine vertrocknete Palme. „Sie verstecken sich dahinter.“
Gerald nickte erneut. In seiner Tasche spürte er das beruhigende Gewicht des mit Geschenkpapier umwickelten Steins.

Die zwei Silhouetten lösten sich von ihrem Versteck, kamen zu ihnen.
„Wer seid ihr?“, rief Gunter und Gerald hörte das leichte Zittern in seiner Stimme.
‚Er hat Angst.‘, dachte Gerald, ‚Dabei hat Gunter niemals Angst!‘

Eine der beiden Fremden schrie plötzlich „Ha!“ und stampfte auf den Boden. Gerald konnte die beiden nun gut erkennen. Sie sahen aus wie Gunter. Beziehungsweise er selbst. Alle beide.
Was war hier los?

„Ich heiße Gunter.“sagte der Fremde, der nicht geschrien hatte. „Und das ist Gerald.“ Er zeigte auf seine Begleitung und ergänzte:
„Ich habe Geburtstag. Und Gerald Schnupfen.“

Zwanzig Meter

„Spiel mit mir!“ Ich war gerade in Begriff gewesen, nach Hause zu laufen, als mich der Riese ansprach. Auch wenn einem Riesen derartiges kaum zuzutrauen ist, behaupte ich, daß er sich angeschlichen hatte. Ja, vermutlich hatte er mich vorher sogar beobachtet und zum neuen Spielgefährten auserkoren.

Plötzlich jedenfalls hatte er vor mir in die Höhe geragt, mit nackten Füßen groß wie Autos. „Nein!“, hatte ich nach oben gerufen, obgleich ich mir denken konnte, was geschah, wenn man einem Riesen die Erfüllung seines Wunsches verweigerte: Bestenfalls steckte man Sekunden später kopfüber in einem Sandkasten und mußte sich beeilen, seine Meinung zu ändern, bevor die Atemluft knapp wurde.

„Spiel mit mir!“, hatte ich den Riesen erneut donnern gehört, während ich versucht hatte, alle Öffnungen meines Körpers zu schließen und vor eindringendem Sand zu schützen. Ich hatte keine Wahl gehabt, als „Mmpff.“ zu brummen, was sowohl „Okay!“ als auch „Nein!“ hätte heißen können.
Doch der Riese war – wenn man von seiner Neigung, andere kopfüber in Sandkästen zu stopfen absah – gutmütiger Natur und hatte meine sandverklebten Töne wohlwohllend interpretiert.

Und nun stand ich hier, an einen Kastanienbaum, gelehnt, hatte die AUgen halb geschlossen und zählte bis fünfzig, während der Boden hinter mir vibrierend bewies, daß der Riese nach einem Versteck suchte. Warum er ausgerechnet „Verstecken“ spielen wollte, war mir ein Rätsel. Zwanzig Meter hohe Wesen sind selbst in baumreichen Parks leicht zu entdecken.

„48 … 49 … 50! Ich komme!“ Ich drehte mich um. Vom Riesen keine Spur „Umso besser.“, dachte ich und beschloß wegzurennen, bevor ich ein zweites Mal Sand atmen mußte.

Ich lief los. Meine Turnschuhe trugen mich butterweich über den Kieselpfad, und bereits nach wenigen Schritten verspürte ich so etwas wie Freiheit. Ich lächelte, bog um eine Kurve – und stand vor dem Riesen. Er hatte sich hinter einer Laterne versteckt, wartete zusammengekauert darauf, daß ich ihn fand oder aufgab. Seine Augen waren geschlossen, als glaubte er, daß er unsichtbar sei, sobald er selbst nichts mehr sehen könne. Die Laterne reichte ihm bis zum Knie und sein Versuch, sich dahinter zu verstecken, wirkte niedlich – falls man so etwas über einen 20-Meter-Kerl sagen darf. Ich schmunzelte.

Doch noch immer hatter ich Sand in den ohren von der praktischen Umsetzung seiner Überredungskunst. Mein Schädel schmnerzte, und ich wollte eigentlich nur nach Hause. Ich mochte Versteckspielen nicht, und noch weniger mochte ich es, dazu gezwungen zu werden. Ich beschloß, mich am Riesen vorbeizuschleichen.

Jeden unnützen Laut vermeidend, auf Äste und lose Steinchen achtgebend, bewegte ich mich vorwärts. ich konnte meinen Atem hören. Er war viel zu laut.
Unter meinen Turnschuhsohlen knirschte leise der Knies. ‚Das kann er nicht hören.‘, beruhigte ich mich. ‚Seine Ohren sind über zwanzig Meter von mir entfernt.‘

Doch der Riese riß die Augen auf und rief fröhlich: „Du hast mich gefunden!“ Ich seufzte. „Jetzt bist du dran!“, donnerte es von oben auf mich herab, und ich wollte schon widersprechen, als ich mich meines letzten Widerspruchs entsann und seufzend zustimmte.

Der Riese lehnte sich an eine alte Eiche und schloß die Augen. „Eins. Zwei. Drei …“, zählte er so laut, daß es kilometerweit zu hören sein mußte.

Ich rannte los. Dies war meine letzte Chance zu entkommen! Ich spurtete über die Wiese. Das Gras dämpfte meine Schritte. Ich holte das Letzte aus mir heraus, steigerte Meter für Meter meine Geschwindigkeit. Nie zuvor in meinem Leben war ich so schnell gelaufen. „Dreiundvierzig. Vierundvierzig.“, dröhnte es hinter mir, und ich rannte weiter, sprang über Steine, wich spielenden Kindern aus, rannte, als hinge mein Leben davon ab. Und vielleicht tat es das.

„Fünfzig.“, höre ich den Riesen in der Ferne brüllen – zumindest kam es mir so vor, als brüllte er. ‚Nicht weit genug!‘, dachte ich, doch hielt inne. Der Riese hatte gute Ohren. Jeder weitere Schritt konnte mich verraten.

Ich brauchte ein Versteck. Zwischen zwei schlanken Bäumen entdeckte ich einen Wacholderbusch, dicht und üppig mit Blättern bestückt. Ich zwängte mich hinein. ‚Perfekt!‘, dachte ich und spürte die Vibrationen der Schritte des Riesens. Die Suche hatte begonnen.

Zunächst lief er in die falsche Richtung. Absichtlich, vermutete ich. Er wollte es sich nicht zu leicht machen. Nach einer Weile kam er näher. Der Boden bebte unter mir. Die Sache fing an, mir Spaß zu machen. Ich war unauffindbar und gluckste vor Vergnügen.

Der Riese blieb stehen. Ich sah ihn nicht, doch der Boden hatte aufgehört zu beben. „Wo bist du?“, donnerte es durch den Park. Ich schwieg. ‚Mucksmäuschenstill.‘, dachte ich und lächelte. Zwei Schritte des Riesens in meine Richtung. Er war noch immer mindestens dreißig Meter von mir entfernt. Doch er kam näher. Jeder Riesenschritt verkürzte die Distanz rapide.

„Wo bist du?“, tönte es erneut. Ich hielt mir die Ohren zu. Noch ein Schritt. Und zwei weitere. Gleich würde er mich finden – oder an mir vorbeilaufen. Ich hielt den Atem an. Kein Laut war zu hören. Stille.

Als es nicht mehr ging, stieß ich vorsichtig die verbrauchte Luft aus und öffnete blinzelnd meine Augen. Der Riese mußte sich unmittelbar neben meinem Versteck befinden. Ich sah mich um, versuchte, durch das dichte Blätterwerk zu lugen, doch konnte ihn nirgends entdecken.

‚Das kann doch nicht sein!‘, dachte ich, ‚Ein Riese ist doch nicht zu übersehen.‘ Doch der Riese war verschwunden.

Mit einem Satz sprang ich aus dem Wacholferbusch heraus, blickte verstört in alle Richtungen – aber fand ihn nicht. Hier gab es keine Verstecke für 20-Meter-Männer. Nur ein paar Büsche und junge Bäume. Wo war er? War das ein Trick?

„Riese! Wo bist du?“, rief ich, doch der Riese antwortete nicht. Es war, als hätte er sich in Luft aufgelöst.

Ich entdeckte seine Spuren im weichen Gras. Seine monströsen Fußabdrücke hatten sich tief in den weichen Boden gegraben. Ich folgte ihnen, doch die Spur endete abrupt, unmittelbar neben meinem Versteck.

„Riese! Wo bist du?“, rief ich erneut, doch spürte, daß er verschwunden war.

Ein Mädchen mit Puppenwagen schaue mich verwundert an. „Hast du hier irgendwo einen Riesen gesehen?“, fragte ich. Die Verzweiflung in meiner Simme überraschte mich. Das Mädchen schüttelte den Kopf und ging hastig weiter.

Ich setzte mich ein einen der riesigen Fußabdrücke. Traurig lächelnd fuhr ich mit den Fingern die Kurven seines kleinsten Zehs nach.
„Eigentlich ein netter Kerl, der Riese.“, seufzte ich und kratzte mir ein wenig Sand aus den Ohren.

Der letzte Mensch auf Erden

Uwe, der letzte Mensch auf Erden, stand in der Wüste und pupste.
„Ich habe gepupst!“, rief er und freute sich.
„Ich habe gepupst, und niemanden kann es stören. Denn ich bin der letzte Mensch auf Erden!“
„Du bist eklig!“, meinten die mutierten Ratten und verschlangen auch ihn.