Meine Sympathien für den Sänger waren innerhalb der letzten Minuten gewachsen. Nicht, weil er plötzlich einen Sinnes- und Selbstbildwandel vornahm, seine offensichtliche Arroganz gepaart mit der Lächerlichkeit seines schädelumspannenden Mobilmikrophons plötzlich abgelegt und das Publikum mit gewinnender Geste für sich gewonnen hätte. Nein, einzig und allein die Band wechselte – und mir ihr der Sänger.
Der jetzige trägt langes blondes Haar, dessen glanzvolle Stärke und schüchterne Locken Rapunzel mit Neid versehen und so manchen Märchenprinzen in euphorische Heldentaten gestürzt hätten. Addiert man noch seine Brille, so will man sich nicht recht vorstellen, dass die Geräusche, die von der Bühne hinab seinem Mund entweichen, tatsächlich Produkt seines Leibes sind.
Denn aus finstersten Tiefen brodeln seine Worte hervor, weben sich mit düsterem Klang in die Mauer aus Wucht, die durch unsere Hörorgane birst, malen farbferne Bilder der Leere. Wogende Weiten breiten sich in meinem Geiste aus, spülen mich fort in einen sogenden Abgrund der Schwere.
Ich lächle, als guttural Silben geformt und in die lauschende, nickende Menge geschleudert werden, schließe die Augen und treibe durch den schwarzen Ozean in mir.
Das Lied verebbt, und ich lasse Blicke schweifen. Meine Gedanken kleben kurz an der klischeemäßig niedrigen Zahl femininer Wesen in der schwarzgewandeten Langhaarmasse, bleiben an dem Mädel hängen, dem ich vorhin noch einen Schokoriegel schenkte, weil ihre Blicke auf meinen ihn beinahe verzehrt hatten. Sie pries mich einen Helden, und sanft und wortarm wehrte ihre trunkenen Dankesbekundungen ab.
Irgendjemand bewirft die Stille mit seinem Musikwunsch. „The Hunt“ möge es sein, und ich frage mich, wie oft auf Iron-Maiden-Konzerten „Fear Of The Dark“ gewünscht wird – obwohl es jedesmal zu hören ist.
Als wieder krachender Klang durch den Äther kriecht, als das Schlagzeughämmern bärtige Köpfe in monotoner Wippbewegung vereint, spüre ich kurze Verwirrung. Denn obwohl das derzeit dargebotene Stück in diesen Augenblicken nur Schlagzeug und Bass, nur Rhythmus und Rhythmus enthält, verfehlt das Wippen meines Vordermanns jeden einzelnen Taktschlag, bewegt sich mit beeindruckender Sturheit irgendwo zwischen dem, was die Bühnenwerker namens Ahab produzieren.
Seine Haare sind zu kurz, um lang zu sein, und zu lang, um noch Frisur genannt zu werden, vielleicht irgendwo auf dem Weg zur Langhaarigkeit stehengeblieben und nicht weiter beachtet. Ich weiche zurück, damit ihr Nicken mich nicht findet und betrachte seine Kutte, die reichlich Lesestoff bietet. Vielleicht, um genügend Platz für sämtliche Lieblingsband-Aufnäher zu haben, wählte er die Weste mehrere Nummern zu groß, was zur Folge hat, dass stets nur wenige Minuten verstreichen, bis er ihre Position an seinem Leib korrigieren muss.
Sein Bart ist gut gepflegt, stelle ich fest, und auch seine Haar wirkt, als wäre es unlängst shampooniert worden. Selbst seine Brille weist keinerlei Klischeefettflecken auf. Dennoch fühle ich mich unwohl, trete einen halben Schritt zur Seite und spähe durch eine Lücke nach vorn, dorthin, wo mit wenigen Bewegungen Kräche erzeugt werden.
Im Publikum ist das Bewegen umso intensiver. Ein entblößter Oberkörper in der ersten Reihe kennt jedes Wort und jeden Schlagzeughieb, wirft seine Tattooarme gen Clubdecke, schlägt sich im Takt kraftvoll gegen die Brust und lässt sein Haar wirbelnd die Musik ummalen.
Meine Blicke drängen sich vorbei an dem glatzigen Kopf, der mit unermüdbarer Stete seine Arme in die Luft sticht, um ein winziges Gerät zu halten, das fortwährend Bilder und zuweilen auch Ton dokumentarisch verinnerlicht. Dass seine Blitzbilder aus dieser Entfernung nur zuweilen gelingen, hält ihn nicht von weiterem Versuchen ab.
Hinter ihm positionierte sich ein Hochgewachsener, dessen Kleidung – beige Hose, graues Shirt – ihn weniger zum Außenseiter machen als seine ständigen verwunderten Blicke auf die Umgebung. Jede einzelne Person wird genauestens gemustert, als gelte es, sich jedes Detail für einen künftigen Abfragetest einzuprägen. Seinem Haupt fehlt es an schüttelbarem Gewächs und seine Faust rammt zusammen mit dem wuchtigen Bass immer wieder nach unten ins Leere, verleiht seiner Teilnahme an dem monströsen Klangbild Ausdruck.
Schräg links von mir befindet sich ein Paar. Paare sind immer wieder erbauliches Anschauungsmaterial, wenn man herauszufinden versucht, wer wen mitbrachte. Bei hiesigem Exemplar ist es offensichtlich der Mann, der durch finstere Klangtiefen zu kriechen sehnte. Seine Freundin hingegen läuft stetig zwischen ihm und einem Irgendwo hin und her, das sie mit schnapsigem Bier versorgt und dennoch nicht imstande ist, ihre Mundwinkel nach oben zu ziehen.
Das Schokoriegelmädel ist in der Masse verschwunden, deren allgemeine Langhaarigkeit eine Geschlechterbestimmung ohnehin erschwert. Meine Aufmerksamkeit schweift über sie hinweg, zurück zur Bühne, dorthin, wo das Dröhnen entspringt, das mich noch immer in stille, fast reglose Begeisterung hüllt. Nur mein Kopf wippt ein wenig, als mich die Woge davonträgt.
Liebevoll streichelte das Sonnenlicht die unzähligen Tulpen, die das nächste Gebäude umkränzten – und natürlich auch den Raben, der es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht hatte, mich zu verfolgen. Vielleicht war es auch sein Kumpel, der da auf dem Terrariumsdach hockte und neugierig zu mir hinunterblickte. Ich widmete mich einem eher botanischen als zoologischen Gebäude, besuchte Kakteen und fleischfressende Pfanzen, bestaunte Blüten und hörte dem nervigen Geplapper eines Tukans zu. „Ist bestimmt eine Frau, soviel wie der redet.“, meinte jemand – offensichtlich ohne weibliche Begleitung.
Ich gelangte an ein weiteres Gewächshaus, wo unter anderem eine riesige Blume namens Titanenwurz darauf wartete, ihren immensen Blütenstand zu entfalten und die Umgebung mit nasenbetäubendem Aasgestank zu beglücken. Mein Interesse an zoologischen und botanischen Gärten war mittlerweile rapide gesunken, doch fand ich plötzlich inmitten des Gewächshauses einen Raum, der mich alle Mattigkeit vergessen ließ: Das Nachttierhaus.
Prinzipiell gilt: Wenn eine Haltestelle den Namen der Lokation trägt, die ich besuchen möchte, gehe ich von einer guten Findbarkeit aus. Und so war es auch: Als die U14 die Haltestelle Wilhelma erreichte, schnappte ich mir meinen Rucksack und stieg aus – blaustem Himmel, fröhlichstem Sonnenschein und gutesten Temperaturen entgegen. Ein Innehalten zauberte meine Sonnenbrille hervor und das Jacket hinfort und gab mir zugleich Gelegenheit, mich heimlich umzusehen. Wohin floss der kinderreiche Menschenstrom? Wo befand sich des Zoos Eingang?
Vöglig ging es weiter, als ich mich in die Voliere begab. Der Fotoapparat war längst meinem Rucksack entflohen, und ich versuchte, die herumstolzierenden, herumfliegenden und herumsitzenden Flattertiere zu interessanten Posen zu überreden – oder zumindest dazu, ein wenig näher zu kommen. Doch die Federwesen blieben störrisch, und irgendwas in mir hieß dies gut.
Das Aquarium war ein schier endloser Bau, angefüllt mit veringerter Helligkeit und den Kinderlärmechos. Und natürlich mit Fischen. Unzähligen.