Samstagmorgen

Ich saß auf der Bank, betrachtete die Projektion an der Wand und aß.

Bereits vor Jahren hatte man die steinernen Säulen des Bahnhofs mit Holz umkränzt, auf dem sitzend man die Ankunft der einfahrenden Stadtbahnen abwarten konnte. Ein paar Jahre später hatte die technologische Entwicklung freundlicherweise dafür gesorgt, dass man dabei nicht auf leere oder volle Gleise oder andere Passagiere starren musste, sondern statt dessen auf eine Leinwandfläche, die mit allerlei Werbung und Neuigkeitensplittern bestrahlt wurde.

Nick Carter hatte geheiratet, erfuhr ich somit und biss ein weiteres Mal in mein Frühstück.
Um mich herum wanderten, schlenderten und warteten Gestalten, und mein halbwaches Auge vermochte nach einer Weile, drei verschiedene Gruppierungen auszumachen:

Zu Gruppe 1 gehörte auch ich: Graue Gesichter, von Müdigkeit gen Boden gezogene Augenlider und Mundwinkel, in wärmendes, farbfernes Winterwollwerk hineingeschrumpfte Wesen, die sich hinter dicken Büchern und pappenen Kaffeebechern versteckten. Weder Wolkenatem noch morgendliche Sonnenlichtferne, weder lähmende Unlust noch der Kalender, der dezent darauf verwies, dass seit wenigen Stunden das Wochenende begonnen hatte, waren fähig gewesen, uns in unseren Betten und Wohnungen zu halten. Zu stark die Pflicht, der Zwang, der auf uns lastete, der unsere Schultern senkte und dennoch unsere Schritte unaufhaltsam gen bezahlter Tätigkeit lenkte: Arbeit.

Für uns, die heute arbeiten mussten, war dies nur ein weiterer Alltag, ein längst mit resignierter Akzeptanz und automatisierten Schritten übertünchter Prozess des allmählichen Erwachens. Der Tag vermochte noch ein guter zu werden, die Arbeit konnte imstande zu sein, Interesse zu erwecken und glimmende Funken in den jetzt so müden Augen entzünden; doch in diesen Momenten, an stählernen Gleisen auf die eintreffenden Bahnen wartend, waren die Gestalten nur bekörperte Seufzer, träge ihrer Menschwerdung entgegenschlurfend.

Müdigkeit hatte auch Gruppe 2 befallen, hatte sie eingehüllt und zu Boden geworfen: eine Sammlung ausgebrannter Leiber, deren nebelschweres Denken und schwankende Glieder mit letzten Mühen dem heimischen Bett entgegenstrebten. Manche hatten längst aufgegeben, ließen sich vom steinernen Grund unterkühlen oder harrten reglos in einer schmutzigen Bahnhofseckige aus, bis das eigene Bewusstsein wieder den Weg zurück in ihren schweren Schädel gefunden hatte. Andere versteckten sich hinter halbleeren Flaschen und lieblos gerollten Zigaretten, hielten am längst verblichenen Zenit der letzten Stunden fest, versuchten ihn mit schwerer Zunge und lallenden Lauten neu zu beschwören, während der eigenen Körper, schwach und ungesteuert Verrat an ihnen beging.

Ihre Kleidung wirkte bizarr in diesen Morgenstunden, zu dieser Jahreszeit: Die Farben zu grell, die Stoffe zu dünn, die Absätze zu hoch. Was im flirrenden Dunkel der Nacht noch Stilbewusstsein gezeigt hatte, war nun, aus dem feiernden Zusammenhang gerissen, ein trauriges Zeugnis fehlenden Geschmacks. Den Jacken fehlten schützende Verschlüsse, die Hemden trugen zu viele Falten, die Frisuren winkten traurig den gestrigen Ereignissen hinterher.

Die dritte Gruppe bildete einen Kontrast, der größer nicht sein konnte. Koffermenschen nannte ich sie und bewunderte sie um das Lachen, das auf ihren Mündern saß, darauf wartend, jeden Moment ins Freie zu springen, um das Leuchten, das die müden Augen glitzern ließ, um die Erwartung, die in ihren Gesten und zielgerichteten Schritten steckte. Sie waren wach, weil sie wach sein wollten, weil sie einen Teil ihres Schlafes geopfert hatten, um einer größeren, schöneren Sache zu dienen: Sie wollten verreisen, ersehnten mit freudiger Ungeduld die nächste Bahn, die sie zum Flughafen trug, in die Ferne, dorthin, wo Fremdes und Fremde darauf wartete, ihnen zu begegnen. Sie waren Knospen, die ihrem Entblättern entgegenharrten, ihrem Erblühen irgendwo jenseits von Alltäglichkeiten und verzehrendem Nachttreiben. Ihre Mienen waren schön, und mit liebevollem Stolz umsorgten sie die kleinen und großen Heimaten, die sie in ihren Koffern mit sich trugen.
Sie waren diejenigen, die redeten, die schwatzten, die lächelten und scherzten, die sich zu Gruppen fanden und keinen Abstand, keine Ruhe, suchten. Wir alle waren unterwegs, doch sie waren aufgebrochen, mit kribbelndem Wollen in den Füßen und Fingern.

Die Bahn kam. Ich nahm einen letzten Schluck aus meinem Becher, spülte den Rest meines Frühstücks in meinen Hals und stieg ein.

Die Waggons waren leer, und die Dankbarkeit darüber, nicht neben anderen sitzen zu möchten, wogte kurz und angenehm durch das metallene Gefährt. Gruppe 3 blieb draußen, klammerte sich an ihr Gepäck, wartete auf den richtigen Zug, jenen, der nicht nach Hause, nicht zu Arbeit, rauschte, sondern zum Flughafen, zum Sprungbrett in die Ferne.

Auch das Büro war leer, und zusammen mit dem piepsenden Erwachen meines Rechners schien auch meine Müdigkeit allmählich zu weichen. Ein Kollege kam hinein, sang leise vor sich hin: „Everybo-dy / Ye-ah / Rock your body / Ye-ah“.
Nick Carter hat geheiratet, dachte ich kurz und lächelte nun auch.

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Zugfahrt

Die Landschaft rauscht an den Fenstern vorbei und klingt nach der Musik in meinen Kopfhörern. Um mich füllen Menschen den Wagon mit Wörtern, doch mein Blick klebt in der grünen Ferne, die stumm grüßend vorüberzieht. Blauer Sonnenhimmel hüllt Bäume und Felder in Pracht, und ein Lächeln entwindet sich mir. ,Ich mag es noch immer.‘, denke ich, während ich inmitten eines Kolosses pfeilgleich durch die Landschaft pflüge und zahllose Hiers in meinen Augenwinkeln aufblitzen.

Eine Frau in 80er-Jahre-Glittershirt sucht auf dem schmalen Gang zwischen den Sitzen ihr Gleichgewicht und geht in Richtung Bordbistro. Als wenige Augenblicke später ein Mädchen aus dem Bistro hinaus an mir vorbeigeht, nistet sich ein alberner Gedanke in mir ein: Was wäre, wenn sich die Frau dort hinten in das Kind verwandelte?
Ein Spiel entsteht, und plötzlich verwandeln sich Schnauzbartmänner in Übergewichtsdamen, stolzierende Rentnerinnen in telefonierende Bierflaschenträger, Polizisten mit Pistolen in schwer bepackte Rucksacktouristen.

,Ich mag es noch immer.‘, denke ich, während mich Bildschirm und Kopfmusik von der Masse trennen, in der ich versank.

Dein Parfüm weht vorbei, klebt an einer Fremden, und mir ist, als säße ein Gestern neben mir, reichte mir ein wohliges Sehnen als Geschenk für die Fahrt durch das Jetzt. ,Danke.‘, schmunzle ich und lasse mich von sanftem Erinnern wärmen.

Auf den Sitzen um mich herum hängen Geschichten, und mich drängt es, sie niederzuschreiben, sie zu erzählen, sie unbedeutenden Details zu entlocken und in Worte zu gießen. Plötzlich hat alles Bedeutung, jede Geste, jedes Kleidungsstück, und regungslos lasse ich mich von den Möglichkeiten überwältigen.

,Ich fahre heim.‘, stelle ich irgendwann fest, und auch, dass ich das Wort Heimat noch immer nicht definierte, dass es in seiner Bedeutung schwankt.
,Vielleicht bin ich es selbst.‘, überlege ich und lasse den Zug meine Heimat durch warmes Abendlicht tragen.

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Männertag

Ich sitze im Zug, irgendwo durch südliches Deutschland brausend. Einen nächsten Zug wird es geben und morgen einen übernächsten. Das Baldige harrt geduldig meines Eintreffens, freut sich bereits jetzt, mich willkommen heißen zu dürfen.

Draußen gleitet Landschaft vorbei. Das kann sie gut, denke ich, doch jedes Mal, wenn ich das Telefon zu Fotografierzwecken zücke, rammen sich Häuser und Straßen ins Bild. Menschen!, denke ich dann und entziehe der noch immer vorbeigleitenden Landschaft meinen Blick.

Männertag ist heute, denke ich. Eigentlich Christi Himmelfahrt, doch mein Interesse an Christus und seinen postmortalen Exkursionen war noch nie sehr ausgeprägt gewesen. Ich versuche, möglichst männlich auf meinem Kaugummi herumzukauen, der jedoch nur die Nachwirkungen meines mittäglichen, bahnhofigen Halloumi-Yufkas mildern soll.

Eine tolle Art, Männertag zu feiern, denke ich, sechs Stunden lang bei schönstem Wetter im Zug sitzend. Für mich ist ja weniger Männer- als vielmehr Vatertag. Das klingt weniger nach marodierenden Horden angetrunkener Testosteronklöpse, sondern fast nach Ehrbarem und Ehrenswertem. Allerdings sah ich heute noch keine Horden, und das Gedenken an meinen Vater entspricht derzeit auch nicht meiner Stimmung. Denn selbige ist gut, heiter fast, und in Vergangenheiten zu wühlen, würde ihr nicht behagen.

Also wühle ich nicht, sondern füge einen kleinen Bahnhof zur vorbeigleitenden Welt hinzu, betrachte rapsiges Gelb und stelle fest, dass es schlechtere Wege gibt, den Männertag zu feiern, als mit Zufriedenheit und Halloumi-Yufka gefüllt in einem Zug zu sitzen und durch sonnige Landschaften zu brausen.

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Mauer

Zwei Taschen drängten sich mühsam durch den engen Gang des Großraumabteils, gefolgt von einer großen, gewichtigen Frau, die zwei weitere Taschen an den Sitzen vorbei bugsierte und dabei ihren Atem intensivierte. Dann setzte sich, drapierte ihre umfangreiches Gepäck auf den Sitz neben ihr und auf dem Boden, baute eine Taschenmauer zum Rest des Zuges, ein Minitaturabteil, zu dem nur der Zugbegleiter Zutritt haben würde.

Das Abteil war leer. Die Verspätung des Zuges hatte potentielle Mitfahrer verscheucht und eine Handvoll Leute zurückgelassen, die sich mit möglichst großen Abständen zueinander platziert hatten, keine Mühe darauf verschwendend, Koffer und Taschen an den dafür vorgesehenen Orten zu verstauen.

Die Frau war südlicheren Ursprungs, so viel verrieten ihre bronzene Haut und ihr dunkles Haar. Doch wo sich dieses Süden befand, konnte ich nur raten. Ihre Kleidung gab nur wenig kund, zeugte jedoch vom Geschmack einer Frau,der es gelungen war, ihren durchaus massigen Leib mittels vorteilhafter Gewandung zum Blickfang werden zu lassen. Einzig ihr Schuhwerk, leichte Joggingtreter, deren strahlendes Weiß entweder von intensiver Pflege oder geringer Nutzung zeugten, stachen misstönend aus dem Gesamtkonzept ihres Äußeren hervor.
Dann begann sie zu schluchzen.

Hinter dem Wall unterschiedlich farbiger Taschen saß die große Frau und weinte. Der Zug fuhr seines Weges, und seine derzeitigen Bewohner behausten ihre eigenen Welten. Niemand kümmerte sich um die tränenverhüllten Geräusche, die ungedämpft durch das Abteil wallten. Kein Kopf drehte sich, niemand stand auf und fragte.

Die Frau kramte in ihren Taschen, zauberte einen Geldschein hervor. Dann ein Taschentuch, mit dem sie ihr Gesicht der Feuchte beraubte. Dann noch zwei zusammengefaltete Scheine – und schließlich eine kleine Geldbörse, in die sie ihr finanzielles Gut stopfte.

Hinter ihrer Mauer weinte sie noch ein paar Minuten lang, führte immer wieder das Taschentuch zu den Augen und verstummte schließlich. Der Zug fuhr unbeeindruckt weiter, trug eine Handvoll Schweigender ihren fernen Zielen entgegen.

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Neben mir

Plötzlich ging es recht schnell. In dem Moment, als M die Verabredung mit mir absagte, fehlte plötzlich ein wichtiger Grund, um einen weiteren Tag in meiner Heimatstadt Halle zu verweilen. Mein vor 20 Minuten gebuchtes Zugticket war innerhalb weniger Sekunden storniert, und nur wenig länger brauchte ich, um ein neues Ticket zu erwerben, eines, das mir anderthalb Stunden Zeit ließ, um meine Habseligkeiten und Ostergeschenke in meinen treuen Reiserucksack zu stopfen und zum Bahnhof zu gelangen. Anderthalb Stunden, die fast schon zuviel Zeit waren für jemanden wie mich, dem es gefiel, jederzeit aufbruchsbereit sein zu können.

Die Zeit reichte noch, um mich beim Bahnhofsbäcker um Latte Macchiato und Berliner zu bereichern und mich darüber zu ärgern, dass ich tatsächlich „Berliner“ statt dem hier üblichen „Pfannkuchen“ gesagt hatte. Die Zeit reichte außerdem, um auf dem Bahnsteig zu frieren.

Die kurzfristige Platzreservierung war von Erfolg gekrönt gewesen. Neben einem großgewachsenen, freundlich aussehenden Mann wartete mein Sitz – derzeit noch von Taschen bedeckt. Ich entriss meinem Gepäck Ticket und Notebook und drängte mich an meinem zukünftigen Sitznachbar vorbei auf jene Position, die ich die kommenden anderthalb Stunden einnehmen würde.

Der einzige Kleiderhaken, der dem Doppelsitz zur Verfügung stand, war vom Innenarchitekten freundlicherweise genau so geplant worden, dass ich die Wahl hatte, entweder meine Jacke aufzuhängen oder mein Notebook zu benutzen. Ich entschied mich für letzteres und erhielt von meinem Sitznachbarn die Information, dass diese Art der Haken eine Neuerung dieses ICE-Typs war. Er kannte sich aus, war früher wöchentlich von Amsterdam nach Halle gefahren.

Und nicht nur das. Er war in Berlin aufgewachsen, zwischenzeitlich nach Amsterdam ausgewandert, wo ihm wohl Frau und Haus vergönnt gewesen waren, die beide jedoch der Vergangenheit angehörten. Er hatte in der libyschen Wüste nach Erdöl gesucht, war in Afrika unterwegs gewesen und bis an die Antarktik vorgedrungen.

Und noch mehr gab es zu hören. Selbst seine Wohnung war berühmt, war doch einst aus ihr ein Mädchen gefallen, das ein russischer Soldat heldenhaft und denkmalswert aufgefangen hatte.

Und noch mehr erzählte er, doch nicht in einem Schwall, der geschichtenartig aus ihm herauspreschte, sondern eher nebenbei, in einem seichten Gespräch, das fröhlich dahinplätscherte und immer wieder ein Lächeln erzeugte, während ich mich nebenbei mit halbem Auge dem Layout des Fredbuchs widmete und auch dem Notebookfilm des vor mir Sitzenden Aufmerksamkeit zu schenken gezwungen war.

„Transformers 3.“, erklärte mein Sitznachbar und begründete seine Meinung rasch mit der ersetzten Megan Fox. Ach ja, da war ja was, dachte ich.

Wir redeten über Fußball, ohne über Fußball zu reden, beschwerten uns einhellig über den fahrplanmäßigen, aber für uns überflüssigen Halt in Köthen, erklärten das Ossi-Wessi-Denken für unsinnig, ließen Hochwasser und Zugunglücke entlang der Bahnstrecke Revue passieren. Ich warb für meinen Webcomic, ohne große Resonanz zu ernten. Doch irgendwie war das egal.

Dann stieg er aus, mit vier Taschen beladen, verabschiedete sich lächelnd und überließ mich meinem Gestaltungswerk.
Ich jedoch saß auf meinem reservierten Platz, sah ihm nach und wunderte mich darüber, wie viele Geschichten in einem einzelnen Menschen doch stecken konnten.

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Willkommen in der Gegenwart

Natürlich, Bahnfahren. Einen Grund sich aufzuregen, findet hier jeder. Ich auch, doch ich weigere mich.

Als man Automaten erfand, um die Warteschlangen zu reduzieren und den Ticketerwerb zu vereinfachen, freute ich mich. Ich ignorierte, dass die Bedienung der Automaten für Ungeduldsmenschen und Ahnungslose umständlich und wenig intuitiv war, regte mich nicht darüber auf, dass die Verarbeitungsgeschwindigkeit des Gewählten unnötig langsam erfolgte und dass der Touchscreen nicht selten berührungsignorant war.

Die Bahn versuchte, den Entwicklungen der Gegenwart zu folgen, und ich freute mich darüber.

Im Laufe der Jahre verbesserten sich die Maschinen, veränderte sich die Menüstruktur, und auch wenn die Geschwindigkeit zunahm, misslang es noch immer, den Ticketerwerb unkompliziert zu gestalten.

Als man das Online-Ticket einführte, um auch das Internet in den Alltagsbetrieb der Bahn einzubinden, freute ich mich. Denn tatsächlich empfand ich es als angenehm, auf diese Weise ein Ticket zu erwerben. Nicht von Anfang an, doch ab dem zweiten Mal, als sämtliche Identitäten und Verknüpfungen bestätigt waren, vermochte mich die Bestellbarkeit ohne Bahnhofshallenbesuch immer wieder zu begeistern.

Dass das ausdruckbare Online-Ticket irgendwann eine zweite Seite erhielt, deren einzige Funktion Umweltbelastung zu sein schien, dass der Ticketkauf mit diversen Browsern nicht abschließbar zu sein schien, dass man Platzreservierungen nur für die gesamte Fahrt und nicht für einzelne Streckenabschnitte buchen konnte – all das vermochte nur selten, mir ein wütendes Grummeln zu entlocken.

Ich sah die Vorteile und beglückwünschte die Bahn dazu, mal wieder in der Gegenwart angekommen zu sein, beziehungsweise: einen guten Versuch vollbracht zu haben. Verbesserungspotential gab es genug, doch ich war zuversichtlich.

Dann erwarb ich ein Smartphone und entdeckte die bahn-App. Erneut hatte die Gegenwart Einzug gehalten, und ich freute mich über zukünftige Papiervermeidung.

Doch wieder war die Idee besser als ihre Ausführung. Das City-Ticket, das man als Bahncardbesitzer zu jeder online gebuchten Fernfahrt geschenkt bekam, existierte nicht, wenn der Kauf über die App erfolgt war. Dass ich noch immer Bahncardbesitzer und der Kauf noch immer online erfolgt war, zählte nicht als Argument.

Auch der Ticketerwerb bei eingebundenem ÖPNV einzelner Städte verursachte Sorgen, die mit der App nur schwer oder nicht zu lösen waren. Immerhin waren die Zugbegleiter geschult, und niemals begegnete mir auch nur eine Person, die nicht wusste, wie mein Ticket einzuscannen und zu verifizieren war.

Dennoch blieb ich bei Papier, beim guten alten Online-Ticket, und dem damit einhergehenden City-Ticket, ging einen Schritt zurück in die Vergangenheit, weil die Bahn es versäumt hatte, alle Zweige ihrer Verkaufsmaschinerie den eigenen Entwicklungen unterzuordnen.

Und noch mehr lag im Argen: Als ich meine Bahncard vergessen hatte, die gleichzeitig der Verifikation meines Tickets diente, war es nicht möglich zu beweisen, dass ich stolzer Bahncardbesitzer war. Und das, obwohl nur geprüft werden musste, ob hinter der  Bahncardnummer, die nunmal auf dem Ticket zu lesen war, tatsächlich die selben Daten standen wie auf meinem Personalausweis.

Doch statt dessen begnügte man sich mit einer altpapiernen Übergangslösung und mit zwei Briefen, die mir Wochen später verkündeten, dass eine Prüfung die Existenz meiner Bahncard bestätigt hatte und keine Strafkosten zu erwarten seien.

Als ich am Freitag begann, mit IC und ICE quer durch Deutschland zu fahren und verspätungsbedingt eine andere Verbindung nehmen musste, regte ich mich nicht auf. Vor allem, weil ich die längere und somit teurere Verbindung nutzen durfte, ohne Zusatzkosten zu begleichen. Und weil ich immerhin im Warmen saß.

Leider hatte sich mein Drucker daran erfreut, das Online-Ticket etwas schwammig auszugeben, und als ich das bemerkte, versuchte der Kontrolleur bereits vergeblich, den Code einzuscannen. Mehrfach. Bis er aufgab und mühsam die zum Code gehörige Nummer eintippte. Dann war alles gut.

Im nächsten Zug wollte man sich gar nicht erst die Mühe machen, es zu versuchen. Das Ticket wurde einfach so abgenickt.

Als die Rückfahrt begann, noch immer mit schwammig bedrucktem Ticket, stieß ich auf ersten Widerstand. Die Kontrolleurin versuchte es zweifach, gab dann genervt auf und meinte, dass das alles ihr nichts nütze. Die geheime Identifikationsnummer fand sie anscheinend nicht, und als ob ich sie persönlich beleidigt hatte, gab sie mir das Ticket zurück, ohne es entwertet zu haben.

Im nächsten Zug wurde ich erneut geprüft. Der Kontrolleur brachte eindeutig mehr Geduld auf, ignorierte meine Hinweise und scannte mehrfach vergeblich. Dann tippte er, nickte nach einer Weile bestätigend – und gab mir das Ticket zurück, ohne es entwertet zu haben.

Mir sollte es egal sein, doch ein Personalwechsel erforderte einen weiteren Versuch. Auch hier war Geduld seitens der Kontrolleurin vorhanden – und offensichtlich auch die Fähigkeit, korrekt zu tippen. Und freundliche Auskunftsbereitschaft.

Denn keineswegs war das Papierstück das einzige Exemplar meines Tickets, das ich besaß. Schließlich befand sich sowohl auf meinem Notebook als auch auf meinem Telefon   die pdf-Datei, die nunmal mit dem Abschluss eines Online-Ticket-Kaufs einhergeht.

Doch die Kontrolleurin konnte nur traurig lächeln. Während es nämlich im Rahmen der bahn-App durchaus normal ist, Smartphones abzuscannen, ist es den Kontrolleuren nicht gestattet, die papiernen Tickets in ihrer digitalen Ursprungsform, also auf Rechner oder Telefon, abzuscannen. Warum, das wusste die freundliche Zubegleiterin auch nicht.

Ich schon. Denn wieder hatte die Bahn den lobenswerten Versuch gewagt, sich der Gegenwart zu nähern – und vergessen, all ihre Bestandteile davon in Kenntnis zu setzen.

Die Kontrolleurin ging lächelnd weiter. Immerhin.

 

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Schnutenfrau und Messermann

Nachdem die S-Bahn es wagte, nur zwei Minuten vor Abfahrt meines ICEs aus dem Bahnhof Stuttgart in selbigen einzufahren und mir somit ermöglichte, samt Gepäck in Windeseile zwei Etagen voller Treppen ersteigend längst überfälliges Konditionstraining zu absolvieren, war ich nun froh zu sitzen. Hier, auf meinem reservierten Platz im Zweite-Klasse-Abteil des ICEs nach Frankfurt.
Eine Reservierung wäre nicht nötig gewesen, stellte ich beim Umsehen fest, doch allein der Umstand, dass ich den einzigen Einzelplatz bekommen hatte und mit niemandem eine harndrangbedingte Aufsteh-Bekanntschaft eingehen brauchte, war den finanziellen Zusatzaufwand wert. Und natürlich die Aussicht. Denn auf der anderen Seite des Ganges hatte sich ein älteres Ehepaar um einen Tisch herum ausgebreitet und benahm sich beobachtungswürdig.

Der Ehemann las Bild. Dazu hatte er den größten Teil des Papiers auf dem Tisch zurechtgelegt und diesen somit völlig in Beschlag genommen. Einen weiteren Teil hielt er in den Händen. Der ihm gegenübersitzenden Ehefrau war also nicht nur der Blick auf das Gesicht ihres Gatten, sondern auch jegliche Benutzung des eigentlich für vier Personen ausgelegten Tisches verwehrt.
Bei so viel ehegattiger Ignoranz tat sie recht daran, eine Schnute zu ziehen.
Und das nicht nur einmal. Als würde sie für ein Shootoing facebookiger Duckfaces posieren, formte sich ihr Mund im Sekundentakt zu eben erwähnter Schnute, zogen sich die Lippen zur Spitzmäuligkeit zusammen, um sich gleich darauf wieder gen Normalität zu entspannen. Ein Tick, den ich zugleich störend und faszinierend fand.
Wie mochte er wohl entstanden sein?, fragte ich mich gerade, da entnahm die Schnutenfrau einer Bäckerstüte ein mit Käse belegtes Baguette. Sie richtete ein paar Wörter an ihren beschäftigt Bilder und Textfragmente betrachtenden Mann, und dieser kramte aus den Tiefen seiner Hose ein Schweizer Taschenmesser hervor.
Na klar, dachte ich, was für ein Rollenverteilungsklischee. Der Mann darf den gesamten Platz belegen und hat die Obhut über die gefährliche Waffe Taschenmesser. Die Frau hingegen kümmert sich um das Futter.
Und das tat sie. Die Schnutenfrau kreierte eine zeitunsgfreie Stelle auf dem Tisch und schnitt das Baguette erst längs und dann quer durch. Der Mann bekam zwei Stücke gereicht, blieb jedoch trotz Nahrungsaufnahme in seine Lektüre vertieft. Die Frau hingegen teilte den verbliebenen Rest noch einmal. Vielleicht war ihr Schnutenmund zu schmal.
Das Taschenmesser leistete schlechte Arbeit. Das Zerteilen sah eher aus wie eine Opferung, ein Ritual, das begangen werden musste, um die Zuggeister gnädig zu stimmen. Das würde auch erklären, warum die beiden überhaupt etwas essen musste, nur wenige Minuten von Einsteigebahnhof entfernt , so kurz nach dem Aufstehen und recht wahrscheinlichen Frühstück, das ich vermutlich sogar zum ungefähr gleichen Zeitpunkt vollzogen hatte wie diese beiden, ihr Mahl geistesabwesend hinunterschlingenden Mitfahrer.
Die Bäckerstüte wurde geräuschvoll zerknüllt, die Zeitung, die den Weg zum tischeigenen Mülleimer versperrte, kurz angehoben – und schon war jede Spur der unansehnlichen Mahlzeit beseitigt. Neue Spuren mussten her, diesmal in Form von Zitrusfruchtschalen. Die Schnutenfrau, die sich soeben um die Tischreinigung gekümmert hatte, blieb ihrem Rollenbild treu und zauberte nun eine Orange hervor, die es umständlich zuzubereiten galt.
Erst als der Mann mit geschälten, von Fäden und Kernen befreiten, einzeln zerpflückten Orangenstückchen versorgt war, gab sie Ruhe, verzog in unregelmäßigen Abständen den Mund und beseitigte die orangen Obsthinterlassenschaften. Das gesamte Abteil roch nun, was die beiden gerade verspeistet hatten – und ich fühlte ein wenig Dankbarkeit dafür, dass es kein penibel zerkleinerter Döner Kebab gewesen war.
Frankfurt nahte. Doch bevor die Stadt eine Chance hatte, ihre Großbauten neben unseren Fenstern entlanggleiten zu lassen, bevor es dem Zugbegleiter gelungen war, auf die in wenigen Minuten stattfindende dortige Ankunft hinzuweisen, war das Ehepaar aufgesprungen, angezogen und gen Tür gespurtet, wo sie dann standen und den Gang mit ihrer minutenlang ausharrenden Anwesenheit füllten.

Als der Zug schließlich in den Bahnhof einfuhr, stand auch ich auf, schnappte mir meine Tasche und verließ das Abteil. Es roch noch immer nach Orange.

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Zwillinge

Aus der Ferne nahen die Lichter der Bahn, und wie von selbst setze ich mich in Bewegung. Gerade, als mich darüber wundere, zu solch früher Stunde bereits zu derartigen Laufgeschwindigkeiten fähig zu sein, schließt sich die Tür hinter mir und ich setze mich auf den erstbesten freien Platz. Mit gegenüber sitzt ein Mann, Anfang Vierzig, mit Strähnchen in den zurückgekämmten Haaren. Er liest in einem Brief, mehrseitig, Recyclingpapier.

Nach einer Weile steckt er ihn die seine Tasche zurück und holt einen zweiten, identisch aussehenden hervor. Er lacht traurig, öffnet ihn und sieht ihn an. Dann mich.

„Das sind Briefe vom Jugendheim. Ich soll zahlen. Ich hatte gestern Geburtstag, und jedes Jahr zu meinem Geburtstag bekomme ich diese Briefe. Tolles Geschenk.“
„Na denn. Herzlichen Glückwunsch.“, antworte ich halbironisch.
„Ich bin Amerikaner.“, erklärt er. „Meine Kinder sind 11. Zwillinge. Die Mutter ist gestorben, und ich darf die beiden nicht mehr sehen. Aber zahlen soll ich.“

Mosaikartig bricht sein Leben aus ihm heraus. Er lernte seeen Frau in den USA kennen, schwängerte sie, heiratete sie. Seine Kinder wurden an einem Schnapszahldatum geboren.
„Das sollte doch eigentlich Glück bringen.“, werfe ich ein, doch weiß, dass es das nicht tat.
Sie ließen sich scheiden, und weil die Frau Alkoholikerin war, verbrachten die Kinder viel Zeit im Heim. Vor fünf Jahren starb die Frau, vermutlich infolge ihrer Krankheit [Ihm wurde eine diesbezügliche Aussage verweigert.], und das Sorgerecht ging an das Jugendheim.
Nicht an ihn, den Vater. Weil er Amerikaner war. Ausländer.

Er hatte Besuchsrecht, durfte seine Kinder bis zu einem Tag pro Woche sehen. Die mütterlichen Großeltern hatten größere Befugnisse, doch das spielte keine Rolle. Eine Zeitlang machte er das mit, nahm Urlaubstage, fuhr Hunderte Kilometer durch Deutschland, um seine Kinder eine Stunde lang sehen zu können, kehrte dann zurück.

Er vermittelte seiner Tochter eine Brieffreundin, und ihm wurde vorgeworfen, dadurch einen Keil zwischen Heim und Kinder treiben zu wollen. Es gibt einen komplizierten Ausdruck dafür, doch ich habe ihn vergessen, sobald er ihn ausgesprochen hatte.

Nun besteht sein einziger Kontakt zu seinen Kindern in den Zahlungen, die er zu leisten hatte. Für sie ist er ein Fremder. Eine Geburtagskarte erhielt er nicht.

„Ich steige hier aus.“, sagt er und geht. Verstört bleibe ich zurück, bis ich bemerkt, dass auch ich aussteigen muss, und schlüpfe rasch durch die sich schließenden Türen hinaus ins Freie.

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Abschottung

Obgleich ich mich bereits der Exmatrikulation unterzog, bin ich noch immer Student. Zumindest für die Mageburger Verkehrsbetriebe, deren Semesterticket ich mit zusammen dem halbjährlichen Semesterbeitrag erwarb. Damals, als ich noch studierte. Bis Ende März ist es mir also gestattet, die öffentlichen Verkehrsmittel Magdeburgs zu nutzen, ohne eine zusätzliche Fahrkarte erwerben zu müssen. Bis Ende März darf ich also Musik hörend und lesend in geheizten Bahnen von A nach B fahren, wobei B im heutigen Fall für „Bibliothek“ stand, dem Ort, von dem ich Philip Roths „Der menschliche Makel“ entlieh, das ich anschließend, auf der Fahrt von B nach C, zu lesen begann, ohne mich bezüglich möglicher Kontrolleure zu sorgen.

Als ich meine Innenstädtereien hinter mich gebracht hatte und nicht nur nach C, sondern auch nach D und E gefahren war, beschloss ich, die nächstbeste Straßenbahn zu besteigen, die mich gen Heimat befördern würde. Den eisigen Temperaturen trotzend hatte ich mich tief zwischen Kleidungsschichten versteckt und mit zusätzlicher musikalischer Ohrbefüllung einen Status großflächiger Abschottung erreicht, als die Bahn sich der Haltestelle näherte, sich die Türen öffneten und dem Gefährt eine Menschenmenge entstieg.

Ein Südeuropäer hielt mir im Vorbeigehen einen Zettel entgegen. In Sekundenbruchteilen glaubte ich eine Fahrkarte auszumachen und hinter meinen Kopfhörerklängen die Frage zu erkennen, ob ich denn ein Ticket bräuchte. Als ich meiner Verwirrung entkommen war und ablehnend mit dem Kopf geschüttelt hatte, trennten uns bereits anderthalb Meter. Er zuckte mit den Schultern, und ich stieg ein.

‚Meine Abschottung funktioniert nicht.‘, dachte ich, einen Sitzplatz findend. ‚Und anscheinend sehe ich aus, als würde ich eines Fahrscheins bedürfen, als würde ich sonst schwarz fahren.‘ Ich prüfte im Kopf mein Äußeres, fand nichts Ungewöhnliches und beschloss, mein Buch im Rucksack zu lassen. Schließlich musste ich an der nächsten Haltestelle umsteigen.

Statt dessen beobachtete ich den unlängst installierten Fahrkartenautomaten. Beziehungsweise eine ältere Dame in Leopardenkunstpelz, die in Begriff war, dort einen Fahrschein zu erwerben.

Ich war gespannt: Würde die vermutlich nicht eben technikaffine Frau es schaffen, bis zur nächsten Haltestelle einen Fahrschein erworben zu haben? War die Automatienmenüführung unkompliziert genug, um Regulärbürgern eine einfache Nutzung zu ermöglichen?

Die Dame tippte ein paar Mal auf den Bildschirm und warf dann Geld ein. ‚Das ging ja schnell!‘, staunte ich, dann sah ich sie zögern. Sie blickte mich an und sagte irgendetwas. Ich hörte nichts, rupfte mir die Musik aus dem Schädel.
„Kennen Sie sich hiermit aus?“, fragte die Dame, und obwohl ich mit diesen Automaten im Speziellen noch nie zu tun gehabt hatte, stand ich auf.

‚Verdammt!‘, dachte ich, ‚Hätte ich doch vorhin das kostenlose Ticket angenommen. Dann könnte ich es ihr einfach in die Hand drücken.‘

Der Automat meinte, dass ihm Geld fehle. 50 Cent. Bevor ich etwas sagen konnte, hatte die Dame ihren Fehler gefunden: Anstelle einer Kurzfahrkarte hatte sie eine reguläre geordert, aber nur Geld für die billigere Kurzfahrkarte eingeworfen. Ohne zu zögern korrigierte sie ihre Bestellung. Dann drehte sie sich zu mir um und lächelte.
„Danke für Ihre Hilfe.“
Ich schmunzelte. „Ich habe ja nun nicht wirklich viel getan.“

Als das Ticket den Automaten verließ, näherte sich die Bahn meiner Umsteigehaltestelle. ‚Meine Abschottung funktioniert nicht.‘, dachte ich erneut, doch es war mir egal.

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Ein älteres Ehepaar

An irgendeiner Haltestelle in Magdeburg sitzend warte ich auf die Straßenbahn. Angeblich verbringt man fünf Jahre seines Lebens allein mit Warten, und ich beschließe, mein Warten nicht als Warten, sondern als Lesen zu definieren. Ich sitze also lesend an irgendeiner Haltestelle in Magdeburg, als sich ein älteres Ehepaar zu mir gesellt. Sie unterhalten sich, beziehungsweise sie imitieren eine Unterhaltung, denn in Wirklichkeit lästern sie. Ich weiß nicht, um wen es geht, doch als eine dicke Frau an uns vorbeiläuft, deren Antlitz große Ähnlichkeiten mit dem Jabba the Hutts aufweist, schweigen sie kurz, lassen sie passieren, blicken ihr hinterher und reden dann weiter. Ich höre etwas von Scheidung und denke „Schhhhh…!“, denn ihr Versuch zu flüstern ist tatsächlich nur ein Versuch. Insbesondere der ältere Herr mit seiner tiefen Brummstimme scheint außerstande zu sein, dezibelarme Worte von sich zu geben, ist sich jedoch dessen nicht bewusst. Die dicke Frau verzieht das ohnehin verzogene Gesicht noch ein wenig mehr und geht wie zufällig noch ein paar Schritte weiter. Das ältere Ehepaar lässt sich nicht irritieren. Scheidung, jaja, Scheidung. Ja, die ist geschieden. Ich lese.

Zwar bin ich Freund des Straßenbahnfahrens, aber Haltestellen mag ich nicht. Ich mag nicht die stählernen Bänke, die niemals bequem und meistens zu kalt sind, mag nicht die rauchenden Mitwartenden, mag nicht, immer wieder aufzusehen, ob denn meine Bahn bereits eingetroffen ist. Diese Haltestelle ist besonders schlimm, denn ihr Blickfeld ist immens. Ohne große Schwierigkeiten kann ich eine Straßenbahn erkennen, wenn sie noch zwei Haltestellen von mir entfernt ist. Wenn ich also keine Straßenbahn sehe, heißt das, dass ich mich nicht nur ein bisschen, sondern noch eine geraume Weile zu gedulden habe. Das stört mich, und ich wehre mich gegen die Versuchung, hin und wieder die Gleise nach einer sich nähernden Bahn zu prüfen. Ich presse meine Blicke in mein Buch und versuche, die Außenwelt draußen zu lassen.

Als eine Bahn sich nähert, beginnt die Diskussion. „Die nützt uns nichts.“ „Nein, die biegt doch ab.“ „Nee, die fährt doch da lang.“ „Wir nehmen die nächste.“ „Die hier bringt uns ja gar nichts.“ Die beiden Rentner sind derselben Meinung, doch ihr Tonfall lässt das nicht erahnen. Gespannt erwarte ich eine Eskalation des „Streits“, aber als die Bahn unbestiegen davonfährt, schweigt das Paar. Schließlich ist auch die Jabba-Frau verschwunden. Der Mann setzt eine Miene auf, die zeigt, dass er sowieso die ganze Zeit Recht gehabt hat und dennoch großmütig die Meinung seiner Frau akzeptiert. Die Frau starrt in die Richtung, aus der die nächste Bahn kommen wird.

„Ist sie das?“, höre ich sie nach einer Weile fragen. „Ja. Nee.“, antwortet ihr Mann und versucht, die Straßenbahn in der Ferne zu orten. Der Himmel ist grau, und die Bahn ebenso. „Die erkennt man ja gar nicht.“, beschwert sich der Mann. „Normalerweise sind die hell.“, fällt die Frau in denselben Meckertonfall ein. „Bei dem Wetter sieht man die überhaupt nicht.“, ergänzt der Mann, und ich seufze innerlich.

Als die graue Straßenbahn an der Haltestelle einfährt, ist sie ziemlich gut sichtbar. Gut genug jedenfalls, um einzusteigen.

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