Tanzen

Am Sonntag, 02.06. 2024, lese ich wieder im Celtic Cottage in Berlin-Steglitz. Schließlich gehöre ich zu EEASY READER, der besten Lesebühne im Berliner Südwesten.
Diese kleine Geschichte war eigentlich dafür gedacht, dort gelesen zu werden. Aber dann meinte sie: Nö, lieber nicht. Lies mal was anderes!
Also müsst ihr sie jetzt selber lesen. Und am Sonntag anderen zauberhaften Geschichten lauschen.

Eines Tages begegnete ich einem Fuchs.

„Hallo Fuchs.“, sagte ich vorsichtig, denn man wusste ja nie. 

Der Fuchs nickte mir zu, musterte mich. 

Ich versuchte, so harmlos wie möglich auszusehen. 

Und gleichzeitig, stark, unbezwingbar, ein Fels aus Kraft und Liebe.

„Ich habe eine Ess-Störung.“, sagte der Fuchs leise. Traurig, vielleicht.

„Okay…“, sagte ich, verwundert über die Offenheit.  „Das …  das macht doch nichts.“

Als hätte ich nichts gesagt, redete der Fuchs weiter. 

„Wollen wir tanzen?“, fragte er. 

Tanzen? War das ein Trick? Machte sich der Fuchs gar über mich lustig?

Denn jeder hier wusste: Ich wollte immer tanzen. Immer!

Ich nickte. Versuchte, nicht allzu euphorisch zu wirken. 

Doch ich spürte meine Augen funkeln, fühlte die Unruhe in meinen Gliedmaßen wachsen. Ich wollte tanzen.

„Okay.“, sagte ich, doch der Fuchs war verschwunden. 

„Fuchs?“, wollte ich fragen, doch er war bereits zurück. Mit einem merkwürdigen Gerät im Mund. 

Und mehreren Blättern. 

Buntpapier.

„Fuchs?“, wollte ich wieder fragen, doch meine Stimme versagte. 

Der Fuchs setzte das Gerät ab, legte ein gelbes Blatt Papier ein und drückte einmal fest auf das Metall. Ein Geräusch später hatte das Papier ein Loch. Ein herzförmiges Loch. 

„Stanzen?“, fragte ich nun, und der Fuchs nickte.

„Ich habe eine S-Störung.“, sagte er und lächelte.

Humpeln

Diese zauberhafte Geschichte ist fast neu. Tatsächlich durften zauberhafte Ohren sie bereits erlauschen, als ich zusammen mit der Lesebühne EEASY READER wie jeden 1. Sonntag im Monat am 05.05. im Celtic Cottage in Berlin-Steglitz auftrat. Am 02.06. findet die nächste Begegnung statt – inklusive neuer Geschichten.

Ich humpelte. 

Ich hatte das Humpeln eben erst bemerkt, und es schien noch nicht lange Teil meines Lebens zu sein. Denn nun humpelte ich. Aber das war egal.

Erst vor kurzem hatten meine Gliedmaßen angefangen mit mir zu reden. Wenn meine linke Hand fror, schien sie zu Wörter zu formulieren, schien “Ich friere!” zu sagen und erst wieder Ruhe zu geben, wenn ich sie in die Tasche steckte oder einen Handschuh anzog. Manchmal schwieg die Hand selbst dann noch nicht, redete weiter, und ich war froh, dass ein bisschen Stoff die Stimme dämpfte.

Im direkten Vergleich dazu war das Humpeln kaum noch erwähnenswert. Ich mochte es nicht, wenn meine Gliedmaßen redeten. Humpeln hingegen war so mittel-okay.

Ich humpelte die Straße entlang, gemütlich, brauchte mich nicht zu hetzen, meine ungleich laufenden Füße nicht anzutreiben, konnte einen wackligen Schritt vor den anderen setzen.

Mein rechter Fuß behauptete, er friere, doch ich ignorierte ihn.

Ich ließ meine Blicke wandern, erfreute mich an zufrieden gurrenden Tauben und den Frühlingsgrüßen an den Zweigen der Büsche. Knospen sah ich, die Blüten werden wollten, oder Blätter. Zartes Grün zwischen dem grauen Braun karger Zweige. 

Und einen Schuh.

Einen Hausschuh, um genau zu sein.

Keinen Flipflop oder Badelatsch. 

Keine Sandale, keinen Schlappen. 

Kein Croc, kein Birkenstock.

Nein, einen richtigen Hausschuh, einen klassischen Hausschuh, einen, in den man mühevoll hineinkriechen musste, der auch die Ferse ummantelte, den gesamten Fuß umkränzte und nie wieder losließ. 

Ein Hausschuh aus festem Filz mit harter, unnachgiebiger Sohle und einem Karomuster, das in keiner Gegenwart jemals modern oder nur ansehnlich gewesen war. 

Ein Hausschuh, für die Ewigkeit gemacht.

Nun lag er hier, im Gebüsch, das nur Ast und Zweig war, das noch Gebüsch werden wollte, von sehnsüchtig erwartetem Blattwerk unzureichend verborgen. Er lag hier und sah alt aus, verlassen, aus der Zeit gefallen. Nein, nicht alt, altmodisch. Auf die unangenehme Weise. 

Wie ein abgewickeltes Kassettenband im Rinnsteig. 

Wie ein rostiges Jungpionierabzeichen auf dem Dachboden. 

Wie ein hässliches Stück gestern.

Ich stand hier und schaute den Hausschuh an. Wunderte mich: 

“Wer würde denn so ein mode-fernes, großelterliches Karomuster mögen?”, fragte ich ins Nichts.

“Wer würde sich denn heutzutage so einen antiquierten Hausschuh anziehen?”

“Ich nicht!”, sagte mein nackter, rechter Fuß stolz.

“Ich schon!”, kicherte mein linker Fuß, doch ich konnte ihn unter dem festen Filz kaum hören.

Schulterzuckend humpelte ich weiter.

Straßenrand

Dieser Text hat ebenfalls bereits die freundlichen Augen gespannt lauschender Zuhörer berührt, war Teil eines Auftritts der Lesebühne EEASY READER in Berlin-Steglitz. Jeden ersten Sonntag im Monat lesen wir dort, das nächste Mal also am 05.05.24 um 16 Uhr. Du bist herzlich willkommen.
Nun aber soll diese Geschichte erst einmal deine Augen streicheln. Viel Vergnügen.

Der alte Mann stand an der Straße und wartete. Er trug einen karierten Schal, einen dicken, ausgebeulten Wintermantel und eine schwarze Cordhose, die ihn zu verschlingen schien. 

Er wartete. 

Manchmal glitt sein Blick auf die Straße, in die Ferne, aus der sich ein Auto schälte und unbeeindruckt an ihm vorbeifuhr. Der alte Mann wartete. 

Hin und wieder schob er seinen Mantelärmel ein Stück nach oben, entblößte eine schwere Armbanduhr und schenkte auch ihr einen Blick. Es war 12.15 Uhr, und der alte Mann wartete. 

Ich hielt es nicht länger aus, ging zu ihm hin. 

“Entschuldigung, warum stehen Sie hier?”, fragte ich. Einfach so.

Der alte Mann musterte mich neugierig. Lächelte. 

“Das hier ist eine Bushaltestelle.”, antwortete er, und sein Tonfall klang, als würde das alles erklären. 

Doch es erklärte nichts. 

Es erklärte nicht, warum er hier stand, an einer unbelebten Straße am Stadtrand, in einem unbelebten Viertel einer unbeliebten Stadt. Hier, wo bestimmt kein Bus vorbeifuhr, geschweige denn: anhielt. Hier, wo auf keinen Fall eine Bushaltestelle war.

Es erklärte nichts, doch ich hatte verstanden, fühlte mich willkommen. Stellte mich zu ihm an die Bushaltestelle.

Der alte Mann lächelte mich an, schob den Ärmel nach oben, schaute erneut auf die Uhr. 

“Es ist Zeit.”, sagte er, kramte in seiner ausgebeulten Manteltasche und holte ein Spielzeugauto hervor. Einen Spielzeugbus, um genau zu sein. 

Der alte Mann hielt ihn fest in seinen Händen.

“Das hier ist eine Bus-Haltestelle.”, sagte er.

Ich nickte verständnisvoll und begann zu warten

Talisman

Auch diese zauberhafte Geschichte wurde bereits vor begeisterten Publikum vorgetragen. Wenn ihr also live erleben wollt, wie ich Geschichten wie diese vorlese, dann seid ihr herzlich eingeladen: die Lesebühne EEASY READER liest jeden 1. Sonntag im Monat im Celtic Cottage in Berlin-Steglitz. Kommt vorbei und lasst euch knuddeln.

Ich hatte schon immer einen guten Riecher für Talismane. Kleine Dinge, deren Bedeutung sich nur mir offenbarte. Sonderbare Habseligkeiten, die meine Jackentaschen, Hosentaschen, Rucksacktaschen, bevölkerten, und mir Glück brachten, zuweilen Wärme, immer jedoch: ein Lächeln auf die Lippen zauberten. 

Kastanien zum Beispiel, Handschmeichler in wohligstem Braun: 

Sobald der Herbst mich grüßte, sobald die allererste Kastanie in stachligem Schalengewand meinen Pfad kreuzte, hob ich sie auf, befreite sie von ihrem Kleid und schenkte ihr den Ehrenplatz meiner rechten Jackentasche. Dort, wo meine Ruhe suchende Hand Ruhe fand. Einen zarten Schimmer Pracht. Ein kleines Glück.

Doch es blieb nicht bei Kastanien. Meine Talismane wurden größer, bunter und absurder; kleiner, fremder, gelber. Vier Monate lang trug ich einen verbeulten Briefkastenschlitzdeckel mit mir herum, ließ ihn mir sein Glück schenken.

Und ich hatte Glück; denn schon bald fand ich den nächsten Talisman: einen zerknitterten 10-Euro-Schein; den übernächsten: eine keimende Kartoffel (vorwiegend festkochend); und den danach: eine baumwollene Tragetasche ohne Henkel. 

So viel Glück kann man doch gar nicht haben, dachte ich manchmal, hob den nächsten Talisman auf und trug ihn mit mir herum. Tage, Wochen, manchmal Sekunden nur. Doch immer voller Stolz, angefüllt mit neuer Kraft. 

Mein aktueller Talisman war etwas größer als gewohnt, etwas schwerer, und anfangs hatte ich ihn kaum heben, geschweige denn: tragen, können. Doch ich übte mich, hob, trug, erst millimeterweise, dann mehr und mehr, und schließlich noch mehr, viel, viel mehr. 

Seit anderthalb Monaten war der Talisman nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Er war überall dabei: Beim Einkaufen, beim Eislaufen, beim wilden Herumlungern unweit der Stadtteilbibliothek, bei der Altglasentsorgung, auf Arbeit, daheim, überall.

Er war groß. Klobig. Viel zu schwer. Und doch war er dabei. 

Freunde hatten sich beschwert, Kollegen mir augenrollende Blicke zugeworfen. Und doch war er dabei. 

Selbst jetzt war er dabei, mein Talisman: Im Zug, im ICE, auf dem Weg nach Königs Wusterhausen. Ich hatte ihm einen eigenen Sitzplatz gebucht, 46B, neben mir, an meiner rechten Seite. 

“Der Zug endet in Frankfurt vorzeitig.“, hallte die Ansage durch den Wagon. “Wir bitten alle Fahrgäste, in Frankfurt auszusteigen.” 

Die Fahrgäste waren verwirrt. Ich war verwirrt. Mein Talisman blieb ruhig. 

Der Lautsprecher gab keine Gründe bekannt. Wiederholte seine Ansage, kurz bevor wir in den Bahnhof einfuhren. Kurz bevor alle Fahrgäste ihre Plätze aufgegeben und den Zug verlassen hatten.

Und mich zurückließen. Auf meinem Platz. Direkt neben meinem riesigen Talisman.

Unwissend, was ich nun tun würde. Wohin ich nun gehen könnte. Wie ich nun nach Hause kam. 

“Steigen Sie bitte aus.”, sagte der Bahnbegleiter freundlich. “Und vergessen Sie nicht ihr …” 

“Ihren Talisman.”, ergänzte ich leise. 

Der Bahnbegleiter schaute mich an. Schaute meinen Talisman an. 

“Vergessen Sie nicht ihr … Motorrad.”, sagte er sanft und zeigte auf meinen Talisman.

“Ihren Talis…”, wollte ich korrigieren. Stutzte. Sah das Motorrad neben mir. Brachte es nach draußen. 

Stieg auf und fuhr davon. 

Routine

Diese kleine Geschichte las ich bereits vor. Live, vor Publikum.
Denn jeden 1. Sonntag im Monat trete ich zusammen mit den anderen Mitgliedern der Lesebühne EEASY READER im Celtic Cottage in Berlin-Steglitz auf und lese meinen Kram vor. Ihr dürft gerne beim nächsten (und übernächsten und überüber…) Mal dabei sein und lauschen, applaudieren und leckere Getränke konsumieren.

Wecker. Duschen. Anziehen. Frühstück. Zähneputzen.

Zahnpastaflecken. 

Nochmal Umziehen. Schuhe, Jacke, Tasche, los. 

Der Weg war immer der gleiche. 

Die Uhrzeit war immer die gleiche. 

Die Dame mit dem flauschigen, pinkelnden Hund an der Straßenecke war immer die gleiche.

Routine. 

Ich konnte die Strecke zur U-Bahn mit verbundenen Augen laufen, im Traum entlangtanzen, kannte jeden Baum und jede fehlende Bodenplatte. 

Routine. 

Ich hatte sieben Minuten bis zur Abfahrt der Bahn, der Fußweg würde viereinhalb Minuten dauern. Fünf, wenn die Ampel rot war. 

Die Bahn fuhr siebzehn Minuten. Neun Minuten später würde ich bereits die Bürotür öffnen.

Ich lag gut in der Zeit.

Routine. 

Meine Schritte lenkten sich selbst, wichen Wurzeln aus, balancierten auf Rasenkanten, um wertvolle Sekunden zu gewinnen. 

Meine Gedanken eilten voraus, planten die Route, antizipierten Hindernisse, schweiften ab.

Da begegnete ich dem Wal. 

Es war ein Blauwal, da war ich mir sicher. Und er war riesig, fast monströs und beeindruckend schön. Ich hatte noch nie einen Wal gesehen, und nun, da er sich vor mir befand, konnte ich kaum begreifen, was ich sah: Einen Wal, einen echten Wal, mit blaugrauem, zerfurchten Leib, einem wissendem, mir zugewandtem Auge und einem enormen Maul, das mir plötzlich viel zu nah vorkam. 

Der Wal war riesig.

„Du hast dich verlaufen.“, sagte der Wal – und mit überraschender Eleganz drehte er sich um und schwamm durch das kalte, klare Meereswasser davon.

„Was meinst du mit ‚verlaufen‘?“, wollte ich fragen.

Doch aus meinem Mund kamen nur Luftblasen.

Der Busch

Ich war in Eile. Wie immer.

Wie immer hastete ich die Straße entlang, der Haltestelle entgegen, vorbei an parkenden Autos, an Gassi gehenden Hunden, an Bäumen und Schildern, die Welt ausgeblendet, auf mein Ziel fokussiert. 

Ich war bereits zu spät, wie immer. 

Meine Schrittlänge wuchs, mein Atem wurde lauter. Ich bog um die Ecke – und hörte den Busch. 

Es war ein dicker Busch, ein buschiger Busch, ein Busch, so satt und mächtig, dass ich nicht anders konnte als hinzusehen. Zu staunen. Und zu lauschen.

Denn der Busch war laut. 

Hunderte Spatzen wohnten zwischen Zweigen und Blättern und redeten, tschilpten, piepsten wild durcheinander. Es war ein wahres Getöse. 

Der Busch war laut. 

Von den Spatzen jedoch fehlte jede Spur. Irgendwo im Inneren des runden Gewächses verborgen hüpften und piepsten sie. Ich sah Zweige wackeln, Blätter sich bewegen, und manchmal glaubte ich, ein graues Flügelchen, einen winzigen Tupfer Orange, wahrzunehmen. 

Doch der Busch war laut.

Der Busch war laut, und mit jedem Schritt, den ich näher kam, wurde er lauter. 

Das müssen Hunderte Spatzen sein, dachte ich, und meine Eile trug mich näher und näher. Mehr und mehr piepsender Lärm drang in meine Ohren, stach in meinen Schädel.

Was für ein Krach!, dachte ich und blieb stehen. 

Hielt inne. 

Ließ Eile Eile sein. 

War zu spät – und lauschte. 

Es war ein wildes Pieps-Durcheinander, ein akustisches Blitzlichtgewitter, ohne Höhen und Tiefen, ohne Pausen und Stillen, ohne Sinn und Struktur. 

Doch halt! Je länger ich lauschte, je länger ich neben dem Busch stand und das Piepsen in mir aufnahm, desto mehr Formen erkannte ich, Muster, Wiederholungen. Waren das Sätze? Fragen? Wünsche?

Redeten die Spatzen miteinander, tauschten sie sich aus, teilten sie Geschichten und Gedanken?

Oder redeten sie gar mit MIR?

Das wilde Durcheinander formte sich, tausend Piepser blieben tausend Piepser und wurden dennoch eins: EIN Pfad, EINE Richtung, EIN Muster. 

Eine Stimme:

“Lauf weiter.”, sagte die Stimme mit Nachdruck. 

“Du kommst zu spät.”

Ich nickte, ließ den Busch zurück, ließ die Spatzen zurück – und hastete davon.

Drei Elefanten

Diese kleine Geschichte entstand als Gute-Nacht-Geschichte. Ich kann mir durchaus vorstellen, sie eines Tages um kinderbuchige Illustrationen zu bereichern.

Eines Tages beschlossen drei Elefanten, spazieren zu gehen: 

Ein großer Elefant, groß wie ein Baum.

Ein mittelgroßer Elefant, so mittelgroß wie ein Busch.

Und ein kleiner Elefant, kleiner noch als ein kleines Blatt. 

Die drei Elefanten gingen spazieren. Da begegneten sie einem Fuchs. Der kleine Elefant versteckte sich ängstlich hinter dem großen Elefanten.

“Aha.”, sagte der Fuchs. “Zwei Elefanten gehen spazieren.”

“Wir sind aber drei Elefanten!”, sagte der große Elefant verärgert. Sofort spazierten die drei Elefanten weiter.

Da begegneten sie einem Tiger. Der kleine Elefant versteckte sich ängstlich hinter dem mittelgroßen Elefanten.

“Aha.”, sagte der Tiger. “Zwei Elefanten gehen spazieren.”

“Wir sind aber drei Elefanten!”, verbesserte der mittelgroße Elefant verärgert. Sofort spazierten die drei Elefanten weiter.

Da begegneten sie einem Bären. 

Der kleine Elefant sprang nach vorn, und biss dem Bären in den Po. 

“Aha.”, sagte der Bär. “Drei Elefanten gehen spazieren.”

Und alle freuten sich. 

Der Bär freute sich, weil er so gut gezählt hatte.

Der große Elefant freute sich, weil der Bär so gut gezählt hatte.

Der mittelgroße Elefant freute sich, weil der Bär so gut gezählt hatte.

Und der kleine Elefant freute sich, weil er dem Bären in den Po gebissen hatte.

Frühaufsteher

Es war noch früh am Morgen, da befand ich mich bereits auf dem Weg zur Arbeit. 

Die Sonne reckte noch zögerlich ein paar ihrer Strahlen über den Horizont. Ich genoss sie, dennoch, lief zielgerichtet meinen üblichen Weg. Früher Vogel fängt den Wurm, dachte ich amüsiert. 

Wie jeden Morgen.

Ich mochte die Ruhe vor dem Tagesanbruch, das stille, gespannte Warten auf die Dinge, die da kommen würden – und mittendrin das dumpfe Stakkato meiner eiligen Schritte. 

Um diese Uhrzeit konnte alles passieren. 

An der Haltestelle begegnete ich dem Ei. 

Es lag ganz einfach da, auf der Sitzbank, und starrte mich an. Wie verletzlich es aussah, wie perfekt in seiner Rundung, wie wunderschön in seiner matten Weiße. Ich blieb stehen, neben ihm, betrachtete es. Starrte zurück.

Ein Ei. 

Einfach so. 

Es war nicht groß, stammte vielleicht von einem Huhn oder einem hühnerartigen Vogel. Ihm fehlte es an Maserung, an besonderen Farbtönen, an jeglicher Art auffälliger Merkmale.

Und doch, für mich, für mein zartes Gemüt, war es wunderschön. Hier lag Perfektion. Hier lag – Leben!

Der Bus kam. Bremsen quietschten, die Tür öffnete sich zischend. Der Fahrer sah uns an: das Ei; mich; grinste dann: 

„Wer von euch beiden war zuerst da?“, fragte er. 

„Ich.“, sagte ich rasch, bevor das Ei sich vordrängeln konnte.

„Ich.“, sagte ich noch einmal, bekräftigend, pickte nach ein paar Halmen auf dem Boden, scharrte kurz mit dem linken Fuß – und flatterte dann in den Bus.

In Eile

Ich verließ die Wohnung in Eile. Die Arbeit rief lauthals, und mir klingelten bereits die Ohren.
Die Nachbarstür stand einen Spalt offen. Ein Hund, genauer: ein Belgischer Kringelterrier mit flauschigem Schnauzbart, huschte heraus und stolperte niedlich die vier Stufen zum Ausgang hinunter.
‘Irgendwoher kommt mir der Hund bekannt vor.’, dachte ich noch, doch meine Beine hatten mich schon ins Freie getragen, beförderten Arbeitsrechner, Arbeitshemd, Arbeitsgesicht und den gesamten mürrischen Rest in Richtung Busbahnhof.

Der Belgische Kringelterrier lief neben mir her, fiel immer wieder ein Stück hinter meinen riesigen, hastigen Schritten zurück und holte im gleichen Atemzug fröhlich hopsend die verlorene Distanz wieder auf.

“Hallo.”, grüßte ich, um nicht unhöflich zu sein.
Der Belgische Kringelterrier schwieg, begleitete mich und streckte freudig seine Zunge in die kühle Morgenluft.
Ich betrieb Smalltalk.
Ich redete über das Wetter, das Wochenende und sogar über das Spiel vom Vorabend, das ich nicht gesehen hatte.

Irgendwann sagte ich gerade
“… und deswegen versuche ich, ein besserer Mensch zu sein.“, als der Belgische Kringelterrier schnaubte.
Nach all den Monologen und Themenwechseln war das die erste Reaktion, die er von sich gab.
Der Terrier schnaubte, und wer – wie ich – sich mit Belgischen Kringelterriern auskannte, wusste, was dieses Schnauben bedeutete:
Der Belgische Kringelterrier lachte. Genauer: Er lachte mich aus.

“Ich will ein besserer Mensch sein!”, wiederholte ich mit Nachdruck.
Der Terrier lachte erneut.
Dann begann er zu sprechen:
“Ein besserer Mensch sein?
Das ist, als ob man hungrig ist und nur an der Speisekarte RIECHT.
Das ist als ob ein Astronaut nur bis zur nächsten BAUMSPITZE fliegt.
Das ist, als ob …”
“Jaja, schon gut. Ich hab’s verstanden.”, unterbrach ich ihn genervt.
“Was schlägst du denn vor?”

Der Belgische Kringelterrier schaute mich an. Sein Schnauzbart wackelte süß im Takt seiner winzigen Schritte, und aus seinen schwarzen Augen funkelte ein breites Grinsen:
“Sei kein besserer Mensch!”, antwortete er. “Sei ein Hund!”
“Und das hilft?”, fragte ich zweifelnd.
“Auf jeden Fall.”, sagt der Belgische Kringelterrier.
“Bei mir hat es auch geklappt!”, bellte er noch und rannte davon.
Und plötzlich wusste ich, woher mir der Terrier so bekannt vorkam.
“Herr Hoffmann?”, rief ich ihm hinterher. “Nachbar Hoffmann?”, doch der Hund war längst verschwunden

Das Geheimnis

Projekt*.txt präsentierte uns ein viertes Wort. Das Wort heißt „mischen“. Ich nahm es, verquirlte es mit einer kleinen, neulichen Alltagsbeobachtung und kreierte somit die folgende Geschichte:

Das Geheimnis
18.04.2018

Ihr Atem war schwer. Ihre Taschen waren schwer. Alles war schwer.

Sie keuchte. Spürte, wie sich zwischen ihren dünnen Haaren Schweißtropfen bildeten. Lief ein paar Schritte, rannte fast. Setzte dann die Taschen ab. Keuchte erneut.
Was für eine blöde Idee. Der Laden war nur ein paar Hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt, und normalerweise kaufte sie dort immer ein. Kaufte ein und trug ihre Einkäufe nach Hause. Seit Jahren. Jahrzehnten.

Doch heute hatte sie sich übernommen. Hatte schlecht geschlafen, nur zwei oder drei Stunden, hatte sich nicht gut gefühlt, sich trotzdem dennoch nach draußen gezwungen. Hatte nicht nur die üblichen Sachen besorgt, Brot, Käse, Wurst, was man so braucht, sondern mehr. Obst für den Kuchen. Milch. Sogar ein Fläschchen Sekt. Was für eine blöde Idee.

Nun stand sie hier, mit vier Taschen anstelle von einer, an jeder Hand zwei, erst wenige Meter vom Laden entfernt. Sie schwitzte, keuchte. Nahm sich zusammen. Hob die Taschen an. Mühlensteinschwer kamen sie ihr mittlerweile vor. Lief ein paar Schritte. Trippelte. Fünf Meter. Sieben Meter. Pause. Setzte die Taschen ab.

Leute gingen vorüber. Das konnten Leute gut: Vorübergehen, nicht innehalten, wegsehen. Sie war 76 Jahre alt, ihr Rücken war krumm, ihre Haare glommen in hellem Grau. Alles an ihr schrie förmlich: Ich bin alt. Selbst ihre Kleidung, wenn sie ehrlich war.
Doch niemand blieb stehen. Hielt an und fragte, ob er helfen könne. Sie wollte keine Hilfe, aber trotzdem. Fragen wäre nett.

Herr Ludwig, der Hausmeister, schob das auf die Handys. Auf die vermaledeiten Smartphones. Doch sie wusste es besser: Menschen waren nun einmal so. Waren immer so gewesen. Die Handys halfen nicht. Doch wenn ihre Blicke nicht auf den Bildschirmen klebten, fanden Menschen eben andere Gründe wegzusehen. Sich nicht noch zusätzliche Probleme aufzuladen. Man hatte schon genug eigene.

Also lief sie. Rannte fast. In winzigen Etappen. Graue Maus in grauer Kleidung. Hob vier pralle Taschen wenige Zentimeter über den Boden und rannte los. Bis sie nicht mehr konnte. Bis die erste Tasche auf dem Boden schliff. Bis die Arme zu schwer wurden, die Griffe sich zu tief in die Hand pressten. Bis sie wieder innehielt. Ihren Atem suchte.

Für solche Situationen gab es eigentlich Enkel. Oder Nachbarskinder. Doch ihr Enkel wohnte vierhundert Kilometer entfernt, war Mittelpunkt eines eigenen Universums mit eigenen Problemen. Ein Anruf pro Woche. Vier Besuche im Jahr. Das musste reichen.
Und die Kinder der Nachbarn waren schon vor Jahrzehnten ausgezogen. Hatten selber Kinder. Kindeskinder teilweise. Und Schmerzen. Natürlich.

Anheben. Trippeln. Vier Meter. Fünf Meter. Los, noch zwei Schritte! Abstellen. Atmen.

Es war nicht mehr weit. Sie hatte allerdings ohnehin nichts vor. Wollte Kuchen backen. Wollte Mehl und Eier und Zucker zusammenmischen. Butter und Backpulver dazu. Vanillepulver. Vielleicht ein wenig Zimt.
Die Äpfel würde sie schälen und in kleine Stücke schneiden. Halbmonde, hatte ihre Tochter immer gesagt. Und sich einen in den Mund gestopft.

Diesmal brauchte sie länger, um zu Atem zu kommen. Stand, an die Hauswand gelehnt, da. Mit Armen, die entkräftet an ihr herabhingen. Mit Händen, die acht Schlaufen hielten. Vier Taschen. Schwere Taschen. Die immer schwerer wurden.

Das Geheimnis, hatte sie zu ihrer Tochter geflüstert, ist das Apfelmus. Denn Apfelstücke allein waren trocken und langweilig. Wenn man sie jedoch in Apfelmus warf, wenn man die Mischung ordentlich rührte und liebevoll auf dem Teig verteilte – dann wurde es perfekt.

Das Geheimnis war kein Geheimnis. War nie eins gewesen. Stammte aus irgendeinem alten Kochbuch. Aber nur so durfte ihr Apfelkuchen gebacken werden. Mit Apfelmus.
Ihre Tochter hatte immer gerührt. Hatte die Halbmonde in die Schüssel geworfen und in das süße Mus gerührt. “Du musst das gut vermischen.”, hatte sie gesagt. “Dann wird der Kuchen besonders lecker.” Und ihre Tochter hatte gerührt, untergehoben, gekleckert, gemischt. Und verschwörerisch gegrinst: Unser Geheimnis.

Der Hauseingang war in Sichtweite. Natürlich lag noch eine Ampel dazwischen. Eine kleine Allee mit Kastanienbäumen, die bereits erste Blüten trugen. Und eine Nebenstraße, die es ebenfalls zu überqueren galt. Doch der Hauseingang, das Ziel, war sichtbar.

Anschließend würde es leichter gehen. Vor ein paar Jahren hatte die Hausverwaltung einen Fahrstuhl eingebaut. Er war winzig, doch er half, das Hindernis zu überwinden, das die zwei Etagen bis zu ihrer Wohnung mittlerweile für sie darstellten.

Danach: Küche. Auspacken. Schürze. Backen.
Doch vorerst: Losgehen. Die acht Schlaufen greifen und losgehen. Die Arme heben, die Einkäufe vom Boden lösen und losgehen. Nur ein paar Schritte. Kein Problem.

Diesmal waren es nur zwei Schritte. Drei, wenn man den ersten, halben, mitzählte. Dann war es vorbei. Sie setzte die Taschen wieder ab. Ließ sie fast fallen.

Der Kuchen sollte wundervoll werden. Sollte die Wohnung, ihre viel zu große, viel zu leere Wohnung, mit warmen Düften füllen, ihr Herz streicheln.
Alles Gute, würde sie sagen, vielleicht zum Kuchen, vielleicht in das leere Wohnzimmer, und an ihre Tochter denken. Die sich bestimmt gefreut hätte. Die sich über Apfelkuchen immer gefreut hatte.

Nicht jetzt, ermahnte sie sich. Hielt die Träne zurück. Griff verzweifelt nach den Taschen. Lief los. Vier, sieben, zwanzig Schritte. Biss die Zähne zusammen. Lief. Dachte nicht. Bannte die Blicke auf den Boden und lief. Bis zur Ampel.
Keuchte. Schwitzte. Weinte.

“Kann ich Ihnen helfen?”, fragte eine Stimme. Fragte Herr Ludwig.
Sie sah auf. Nickte matt.

Herr Ludwig mochte Apfelkuchen.