Quak

Heute begegnete ich einem Hasen. Einem richtigen Hasen.
Einem Hasen, der eindeutig ein richtiger Hase war: Mit langen Ohren und flauschigem Schwänzchen.
Ein Hase.

Süß war er, der Hase, schnupperte neugierig und richtete seine filigranen Barthaare in den Wind.
„Quak.“, machte er.
„Kein Hase.“, dachte ich und stellte fest: „Ein Frosch.“

Doch ich war mir nicht sicher. Der Frosch sah sehr hasig aus.
Die Vorderpfoten erweckten den Eindruck, als könnten sie Glück bringen, und unter dem Näschen blitzten kräftige Zähne hervor.
„Quak.“, machte der Hase. Und hüpfte.

Das Hüpfen sah hasig aus. Obwohl: So genau kannte ich mich nicht aus. Wenn ich es mir recht überlegte, konnte das auch ein Froschhüpfer gewesen sein.
„Quak.“, machte der Frosch, der Hase, und hüpfte erneut.

Weit und breit war kein See zu sehen.
Und doch begann ich, dem Frosch zu glauben. Dem Hasen zu glauben. Dass er ein Frosch war. Kein Hase.

‚Da hilft nur eins.‘, dachte ich, und bevor ich es mir anders überlegen konnte, bevor der Frosch es sich anders überlegen konnte, bevor der Hase es sich anders überlegen konnte, hatte ich den Frosch geschnappt – und leckte an seinem weichen Fell.

„Mmh.“, mmhte ich prüfend und entfernte ein paar Haare von meiner Zunge.
„Mmh.“, mmhte ich noch einmal und setzte den Frosch ins Gras.
„Schmeckt eindeutig nach Frosch!“, stellte ich fest.
War mir nun sicher.
Sehr sicher.

Der Frosch quakte noch einmal, dann hoppelte er in den Wald.

Der alte Fuchs

Am 07.07. ist es wieder soweit: Ich lese zusammen mit den EEASY READERn im Celtic Cottage in Berlin-Steglitz alberne Geschichten vor. Du kannst – wie jeden ersten Sonntag im Monat – gerne kostenlos dabei sein.
Bis dahin werfe ich dir noch rasch eine kleine Geschichte an den Kopf. Die du aber selber lesen musst.

Ich war in Eile, nein: mehr als nur in Eile. Ich war bereits an der Eile vorbeigerannt, hatte sie hastig hechelnd eingeholt, überholt und abgehängt. Meine Eile war immens, war längst geschlüpft und flügge geworden, keine Ei-le mehr, sondern eine ausgewachsene Vogel-le, vielleicht: eine Ente-le. Die es eilig hatte. 

Ich hatte die Haustür zu-, mir Rucksack und Kleidung auf den Leib geworfen, war losgerannt, mit weiten Schritten und getunneltem Blick, allein auf mein Ziel fokussiert, jede vorüberfliegende Sekunde fangend, festhaltend, an mich pressend, auf dass sie länger an mir klebte, mir einen weiteren Schritt, einen weiteren gekeuchten Atemzug, schenkte.

Ich war in Eile, flog dahin, keine Ablenkung, kein Innehalten, duldend, war Mensch gewordenes Fließen: unhaltbar, unaufhaltsam.

Da begegnete ich dem Fuchs.

Es war ein alter Fuchs, das sah ich. Die Jahre hatten seinem Fell den Glanz, seinen Bewegungen die Eleganz, geraubt. Doch hinter seinen Augen funkelte Wissen, kicherten Geschichten, flüsterte ein ganzes, wundersames Leben. 

Ich stoppte. Hielt inne. War nicht länger dort, in Eile, jenem hektischen Ort, nur hier, im Moment, bei dem alten Fuchs. 

Sagte “Hi.” Wie es die Tradition gebot.

Der alte Fuchs nickte. Nickte kaum, wenn ich ehrlich war, hielt nur sein angegrautes Haupt dem lauen Wind entgegen und ließ ihn ein paar müde Haare grüßend senken.

“Ich bin in Eile.”, sagte ich, und der alte Fuchs nickte erneut. Nickte fast. 
“Habe es eilig.”, ergänzte ich. Stand still. Wartete. Bewegte mich nicht. 
“Sehr sogar.”

Der alte Fuchs begann zu reden:
“Zeit.”, sagte er. Seine Stimme klang warm und weich, ein gemütlicher Sessel aus Worten, in dem ich mich nur zu gern niederließ.
“Zeit ist rar.”, sprach der alte Fuchs. “Wirf einen Blick in alle Zeiten, auf gestern, auf heute, auf morgen; blicke in alle Zeiten und siehe: immer fehlt es an Zeit, fehlt es an Lösungen, an Taten, die Schritte gelenkt, Lächeln erweckt, hätten, wie ein Federkitzeln an nackter Pfote nach einem langen Lauf durch hohes Sommergras, dort, wo die Bäume den Halmen weichen und die Sonne praller, reifer, ist.”

Ich versuchte zu folgen. Sonne? Gras? Schritte?

“In allen Mom-Enten stecken Enten: sie können laufen, schwimmen, fliegen, ja schnattern, dass Ohren schmerzen und Krallen welken. Und doch sind sie Pracht und Wonne, tragen sie Gedanken aus Stein und Dasein in ihren Herzen, werden ….”

“Entschuldigung.”, unterbrach ich. “Wie war das?”

Der alte Fuchs räusperte sich. Redete weiter:
“Werden von Furcht zur Furche zur Frucht, erblühen, wo selbst das letzte Gedünst noch sehnsüchtig glimmt und jedes noch so kostbare…”

“Entschuldigung.”, unterbrach ich erneut. “Ich bin in Eile.”

Der alte Fuchs verstummte. Sah mich an. Nickte nicht. 
Gebar eine schmerzvolle Stille. 
Sein Blick war herzenswarm und bohrend heiß zugleich.
“Du bist in Eile.”, sagte er dann. Ruhig. Bedrohlich.
Als wäre das Nicken langsam von ihm zu mir gewandert, war ich es nun, der nickte. 

“Vielleicht solltest du dann”, sein Maul formte sich zu einem spitzzahnigen Grinsen, dem jede Spur von Freundlichkeit fehlte.
“Vielleicht solltest du dann nicht ständig wildfremde Leute anquatschen!”

Ich stutzte. Geriet noch mehr in Verzug.
Stutzte weiter. Dachte nach.
Drehte mich um.

“Entschuldigen Sie.”, sagte ich zum nächstbesten Frettchen. “Denken Sie das auch?”

Karl

Auf dem Heimweg waren meine Schritte stets länger, mein Gemüt stets leichter, die Strecke kürzer. Zu kurz, dachte ich manchmal, und änderte die Route, bog an falscher Stelle ab, folgte einem streunenden Kater, überquerte einen Bach, der mir bisher nicht aufgefallen war. 

Hier traf ich Karl. Ich wusste nicht, wie Karl hieß, hatte es nie gewusst, hatte nie gefragt. Und doch kannte ich ihn, erkannte ich ihn, sofort. Obwohl sein Gesicht nicht mir zugewandt war, sondern dem gemütlich plätschernden Bach unter ihm, umkränzt von saftigen Halmen, die in seliger Unkenntnis von Rasenmähern glücklich gediehen. 

Karls Blick war starr und galt nicht der erfrischenden Feuchte unter ihm, galt nicht dem grünen Wildwuchs, galt nur der Leere zwischen ihm und dem Boden, dem Abgrund, der keiner war. 

“Ich würde sowieso nicht springen.”, sagte Karl, dessen Namen ich nie gekannt hatte. “Könnte ich nicht.”

Ich nickte. Erinnerte mich an Karl, nicht an seinen Namen, doch an Karl, an sein Büro, an seinen Schreibtisch, der immer ein bisschen zu ordentlich, zu leer, aussah, an seine Friseur, die den braunen Kamm immer ein bisschen zu viel mochte, und an den braunen Kamm, der immer in seiner rechten Gesäßtasche steckte.

Karl war kein Draufgänger, niemand, der sich gerne nach vorne stellte, der gern redete, die Blicke anderer auf sich zog. Nein, er saß lieber, blieb, wo er war, arbeitete, was er konnte, und wenn ihn jemand fragte, dann antwortete er. 

Immer. 

“Kaffee?”, fragte ich, zögerlich, und in mir erwachten vergessene Bilder, vergessene Dialoge, vergessene … Fragen.

Karl, der Kaffee hieß, der auf keinen Fall Kaffee hieß, drehte sich um. 
Sein Haar lag nicht länger glatt auf dem Schädel, war rar geworden. Einige Falten hatten sein Gesicht gefunden und sich dort niedergelassen. 
Doch seine Brille war noch immer dieselbe, sein magerer Schnurrbart war noch immer derselbe, ja, seine gesamte Kleidung erweckte den Eindruck, als hätte sie niemals länger seinen Körper verlassen, als für Reinigung, Trockenvorgang und akkurates Bügeln notwendig war. 

“Kaffee?”, fragte ich noch einmal, hauchte es nur. Unsicherheit schlich sich in meine Stimme, raubte ihr den Klang. Niemand hieß Kaffee, auch Karl nicht, wurde mir bewusst. Bis ich mich erinnerte: 

“KW?”, frage ich erneut, und es klang fast richtig.
Karl nickte. Es war ein Nicken gewordener Seufzer, und weitere Schichten Abwesenheit klebten sich auf seinen Blick. Er war nicht hier. 

“Ich heiße nicht KW.”, erklärte er leise. Hatte mich nicht erkannt. War nicht daran interessiert, mich zu erkennen. 
Wir hatten vier Jahre zusammengearbeitet, doch ich erwartete nicht, dass er mich erkannte. Karl erkannte niemanden. 

“Nicht Kaffee, nicht KW. Mein Name ist Karl.”
“Karl.”, wiederholte ich. Der Name sagte mir nichts. “Hallo Karl. Was machst du hier?”
“Ich will mir das Leben neben.”, sagte Karl und deutete auf den Bach. 
Das fröhliche Plätschern des Baches schien an Heiterkeit gewonnen zu haben. Vergnügt wippten die Grashalme, schienen uns liebevoll zu grüßen. 
Hier gab es keinen Tod.

“Warum das denn … Karl?”, fragte ich, doch redete nur. Wühlte in meinem Kopf nach hilfreichen Fetzen verworfener Erinnerungen. 
Der Name “Karl” fühlte sich falsch an, gehörte nicht zu Karl, gehörte nicht zu KW, lenkte mich ab.

“Weil ich unnütz bin. Nutzlos. Wertlos.”, sagte Karl, und ich hatte Mühe, ihm zu folgen. 
“Weil mich keiner mehr fragt.”, sagte Karl, und mein Kopf leuchtete auf. 
Ich erinnerte mich. Endlich!

“KW!”, rief ich. “Du warst der Kalenderwochenmann!”
Karl schnaubte. Offensichtlich wollte er nicht so genannt werden.
“Du warst der Kalenderwochenmann, wusstest immer, welche Kalenderwoche wir gerade hatten!”
“Ja, aber …”, begann Karl, doch ich war in meinem Schädel auf eine gleißende Goldmine gestoßen.
“Du warst immer da, jeden Tag, und immer fragten dich alle: 
‘Hey KW, welche Kalenderwoche haben wir?’
Und du wusstest es immer! Immer!
Am Morgen, am Montag, selbst nach dem Urlaub. Immer! 
KW, so nannten dich alle.
Wegen der Kalenderwochen!
KW, das warst du!”

Ich war begeistert.
Karl – nicht. 

“KW sind meine Initialen. Ich heiße Karl. Karl Wagner. Hieß immer so.” Er tastete nach seiner Gesäßtasche. Fand keinen braunen Kamm. 
“Ich hasste den Namen KW. Als ich ob nicht mehr war als ein wandelnder Kalenderwochen-Aufsager!”

Ich nickte. Konnte das nachvollziehen. Doch ich hatte ihn niemals Karl genannt. Und ich hatte in vier Jahren gemeinsamen Arbeitens nie über irgendwas geredet, ihn nie irgendwas gefragt – außer nach der aktuellen Kalenderwoche. 
Oder der kommenden.

“Irgendwann war ich nur noch KW.”, sagte Karl. Seine Stimme wurde leise. 
Schwer.
“Für alle. Der Typ mit den Kalenderwochen.”

“Aber darin warst du gut!”, rief ich glücklich. Die Erinnerung hatte mich komplett verschlungen. “Ich konnte dir irgendein Datum nennen, und immer kanntest du die KW!”
Karl wandte sich ab.
“Und das nicht nur von diesem Jahr.”, fuhr ich euphorisch fort. “Sondern von allen!”
Karl schwieg. 
Ich schwieg ebenfalls, sah Karl an. 

“Und was war dann?”, fragte ich vorsichtig. 
“Dann kamen die Computer.”, sagte Karl. Seine Stimme war ein Flüstern. 
“Und jedes Kalenderprogramm kannte die Kalenderwochen.” Stille Wut lag in Karls Worten. “JEDER kannte die Kalenderwochen!”

Ich nickte.
Die Welt hatte sich weitergedreht. 

“Und was machst du jetzt?”, fragte ich, doch betrieb nur noch Konversation. Ich hatte Karl gefunden, KW gefunden, hier, in meinem Kopf, hatte mich erinnert, und das war genug. Am liebsten wäre ich weitergegangen. Nach Hause. 

“Ich will mir das Leben nehmen.”, sagte Karl und blickte in den Abgrund. Der kein Abgrund war. Nur anderthalb Meter warme Frühlingsluft über einem heiter plätschernden Bächlein.
“Das bringt doch nichts.”, meinte ich, meinte ich ernst, doch spürte die Kraftlosigkeit in meiner Stimme. 

Karl antwortete nicht.
Ich wartete. Wollte nach Hause.
“Gibt es irgendwas, das du gut kannst?”, fragte ich. “Irgendwas anderes als Kalenderwochen?”
Karl schwieg.
“Karl?”, fragte ich. Wollte gehen. 
“Karl?”, fragte ich, doch Karl war nicht hier, war irgendwo gefangen hinter leeren Augen, unter schütterem Haar, und suchte. 
“KW?”, fragte ich. Ein letztes Mal. 

Karl erwachte, kam zurück.
“Ich habe ein gutes Gefühl für das Ende.”, sagte Karl schließlich. 

“Was soll das heißen?”, fragte ich. Spürte eine leichte Neugier sich nähern. 
Karl schmunzelte. Ich trat einen Schritt zurück. 
Wir hatten vier Jahre lang zusammengearbeitet, und nie hatte KW geschmunzelt. Nie. 
Kannte jede Kalenderwoche der Welt, aber lächelte nicht, schmunzelte nicht. 
Schmunzelte jetzt.

“Zum Beispiel”, begann Karl. “weiß ich genau, wann eine Geschichte zu Ende sein sollte.”
“Was soll das heißen?”, wollte ich fragen. Doch fragte nicht. Hatte das schon gefragt. Fragte nicht. 
Fragte anders:
“Wann denn? Wann sollte eine Geschichte zu Ende sein?”

Karls Schmunzeln wurde breiter, wärmer.
“Jetzt.”, sagte er und ging. 
Ließ mich zurück.

“Was soll das heißen?”, rief ich ihm hinterher.
“Karl?”, rief ich. “Was soll das heißen?”
Nichts.
“KW?!?”, rief ich, so laut ich es vermochte.

Doch die Geschichte war bereits zu Ende.

Tanzen

Am Sonntag, 02.06. 2024, lese ich wieder im Celtic Cottage in Berlin-Steglitz. Schließlich gehöre ich zu EEASY READER, der besten Lesebühne im Berliner Südwesten.
Diese kleine Geschichte war eigentlich dafür gedacht, dort gelesen zu werden. Aber dann meinte sie: Nö, lieber nicht. Lies mal was anderes!
Also müsst ihr sie jetzt selber lesen. Und am Sonntag anderen zauberhaften Geschichten lauschen.

Eines Tages begegnete ich einem Fuchs.

„Hallo Fuchs.“, sagte ich vorsichtig, denn man wusste ja nie. 

Der Fuchs nickte mir zu, musterte mich. 

Ich versuchte, so harmlos wie möglich auszusehen. 

Und gleichzeitig, stark, unbezwingbar, ein Fels aus Kraft und Liebe.

„Ich habe eine Ess-Störung.“, sagte der Fuchs leise. Traurig, vielleicht.

„Okay…“, sagte ich, verwundert über die Offenheit.  „Das …  das macht doch nichts.“

Als hätte ich nichts gesagt, redete der Fuchs weiter. 

„Wollen wir tanzen?“, fragte er. 

Tanzen? War das ein Trick? Machte sich der Fuchs gar über mich lustig?

Denn jeder hier wusste: Ich wollte immer tanzen. Immer!

Ich nickte. Versuchte, nicht allzu euphorisch zu wirken. 

Doch ich spürte meine Augen funkeln, fühlte die Unruhe in meinen Gliedmaßen wachsen. Ich wollte tanzen.

„Okay.“, sagte ich, doch der Fuchs war verschwunden. 

„Fuchs?“, wollte ich fragen, doch er war bereits zurück. Mit einem merkwürdigen Gerät im Mund. 

Und mehreren Blättern. 

Buntpapier.

„Fuchs?“, wollte ich wieder fragen, doch meine Stimme versagte. 

Der Fuchs setzte das Gerät ab, legte ein gelbes Blatt Papier ein und drückte einmal fest auf das Metall. Ein Geräusch später hatte das Papier ein Loch. Ein herzförmiges Loch. 

„Stanzen?“, fragte ich nun, und der Fuchs nickte.

„Ich habe eine S-Störung.“, sagte er und lächelte.

Humpeln

Diese zauberhafte Geschichte ist fast neu. Tatsächlich durften zauberhafte Ohren sie bereits erlauschen, als ich zusammen mit der Lesebühne EEASY READER wie jeden 1. Sonntag im Monat am 05.05. im Celtic Cottage in Berlin-Steglitz auftrat. Am 02.06. findet die nächste Begegnung statt – inklusive neuer Geschichten.

Ich humpelte. 

Ich hatte das Humpeln eben erst bemerkt, und es schien noch nicht lange Teil meines Lebens zu sein. Denn nun humpelte ich. Aber das war egal.

Erst vor kurzem hatten meine Gliedmaßen angefangen mit mir zu reden. Wenn meine linke Hand fror, schien sie zu Wörter zu formulieren, schien “Ich friere!” zu sagen und erst wieder Ruhe zu geben, wenn ich sie in die Tasche steckte oder einen Handschuh anzog. Manchmal schwieg die Hand selbst dann noch nicht, redete weiter, und ich war froh, dass ein bisschen Stoff die Stimme dämpfte.

Im direkten Vergleich dazu war das Humpeln kaum noch erwähnenswert. Ich mochte es nicht, wenn meine Gliedmaßen redeten. Humpeln hingegen war so mittel-okay.

Ich humpelte die Straße entlang, gemütlich, brauchte mich nicht zu hetzen, meine ungleich laufenden Füße nicht anzutreiben, konnte einen wackligen Schritt vor den anderen setzen.

Mein rechter Fuß behauptete, er friere, doch ich ignorierte ihn.

Ich ließ meine Blicke wandern, erfreute mich an zufrieden gurrenden Tauben und den Frühlingsgrüßen an den Zweigen der Büsche. Knospen sah ich, die Blüten werden wollten, oder Blätter. Zartes Grün zwischen dem grauen Braun karger Zweige. 

Und einen Schuh.

Einen Hausschuh, um genau zu sein.

Keinen Flipflop oder Badelatsch. 

Keine Sandale, keinen Schlappen. 

Kein Croc, kein Birkenstock.

Nein, einen richtigen Hausschuh, einen klassischen Hausschuh, einen, in den man mühevoll hineinkriechen musste, der auch die Ferse ummantelte, den gesamten Fuß umkränzte und nie wieder losließ. 

Ein Hausschuh aus festem Filz mit harter, unnachgiebiger Sohle und einem Karomuster, das in keiner Gegenwart jemals modern oder nur ansehnlich gewesen war. 

Ein Hausschuh, für die Ewigkeit gemacht.

Nun lag er hier, im Gebüsch, das nur Ast und Zweig war, das noch Gebüsch werden wollte, von sehnsüchtig erwartetem Blattwerk unzureichend verborgen. Er lag hier und sah alt aus, verlassen, aus der Zeit gefallen. Nein, nicht alt, altmodisch. Auf die unangenehme Weise. 

Wie ein abgewickeltes Kassettenband im Rinnsteig. 

Wie ein rostiges Jungpionierabzeichen auf dem Dachboden. 

Wie ein hässliches Stück gestern.

Ich stand hier und schaute den Hausschuh an. Wunderte mich: 

“Wer würde denn so ein mode-fernes, großelterliches Karomuster mögen?”, fragte ich ins Nichts.

“Wer würde sich denn heutzutage so einen antiquierten Hausschuh anziehen?”

“Ich nicht!”, sagte mein nackter, rechter Fuß stolz.

“Ich schon!”, kicherte mein linker Fuß, doch ich konnte ihn unter dem festen Filz kaum hören.

Schulterzuckend humpelte ich weiter.

Straßenrand

Dieser Text hat ebenfalls bereits die freundlichen Augen gespannt lauschender Zuhörer berührt, war Teil eines Auftritts der Lesebühne EEASY READER in Berlin-Steglitz. Jeden ersten Sonntag im Monat lesen wir dort, das nächste Mal also am 05.05.24 um 16 Uhr. Du bist herzlich willkommen.
Nun aber soll diese Geschichte erst einmal deine Augen streicheln. Viel Vergnügen.

Der alte Mann stand an der Straße und wartete. Er trug einen karierten Schal, einen dicken, ausgebeulten Wintermantel und eine schwarze Cordhose, die ihn zu verschlingen schien. 

Er wartete. 

Manchmal glitt sein Blick auf die Straße, in die Ferne, aus der sich ein Auto schälte und unbeeindruckt an ihm vorbeifuhr. Der alte Mann wartete. 

Hin und wieder schob er seinen Mantelärmel ein Stück nach oben, entblößte eine schwere Armbanduhr und schenkte auch ihr einen Blick. Es war 12.15 Uhr, und der alte Mann wartete. 

Ich hielt es nicht länger aus, ging zu ihm hin. 

“Entschuldigung, warum stehen Sie hier?”, fragte ich. Einfach so.

Der alte Mann musterte mich neugierig. Lächelte. 

“Das hier ist eine Bushaltestelle.”, antwortete er, und sein Tonfall klang, als würde das alles erklären. 

Doch es erklärte nichts. 

Es erklärte nicht, warum er hier stand, an einer unbelebten Straße am Stadtrand, in einem unbelebten Viertel einer unbeliebten Stadt. Hier, wo bestimmt kein Bus vorbeifuhr, geschweige denn: anhielt. Hier, wo auf keinen Fall eine Bushaltestelle war.

Es erklärte nichts, doch ich hatte verstanden, fühlte mich willkommen. Stellte mich zu ihm an die Bushaltestelle.

Der alte Mann lächelte mich an, schob den Ärmel nach oben, schaute erneut auf die Uhr. 

“Es ist Zeit.”, sagte er, kramte in seiner ausgebeulten Manteltasche und holte ein Spielzeugauto hervor. Einen Spielzeugbus, um genau zu sein. 

Der alte Mann hielt ihn fest in seinen Händen.

“Das hier ist eine Bus-Haltestelle.”, sagte er.

Ich nickte verständnisvoll und begann zu warten

Routine

Diese kleine Geschichte las ich bereits vor. Live, vor Publikum.
Denn jeden 1. Sonntag im Monat trete ich zusammen mit den anderen Mitgliedern der Lesebühne EEASY READER im Celtic Cottage in Berlin-Steglitz auf und lese meinen Kram vor. Ihr dürft gerne beim nächsten (und übernächsten und überüber…) Mal dabei sein und lauschen, applaudieren und leckere Getränke konsumieren.

Wecker. Duschen. Anziehen. Frühstück. Zähneputzen.

Zahnpastaflecken. 

Nochmal Umziehen. Schuhe, Jacke, Tasche, los. 

Der Weg war immer der gleiche. 

Die Uhrzeit war immer die gleiche. 

Die Dame mit dem flauschigen, pinkelnden Hund an der Straßenecke war immer die gleiche.

Routine. 

Ich konnte die Strecke zur U-Bahn mit verbundenen Augen laufen, im Traum entlangtanzen, kannte jeden Baum und jede fehlende Bodenplatte. 

Routine. 

Ich hatte sieben Minuten bis zur Abfahrt der Bahn, der Fußweg würde viereinhalb Minuten dauern. Fünf, wenn die Ampel rot war. 

Die Bahn fuhr siebzehn Minuten. Neun Minuten später würde ich bereits die Bürotür öffnen.

Ich lag gut in der Zeit.

Routine. 

Meine Schritte lenkten sich selbst, wichen Wurzeln aus, balancierten auf Rasenkanten, um wertvolle Sekunden zu gewinnen. 

Meine Gedanken eilten voraus, planten die Route, antizipierten Hindernisse, schweiften ab.

Da begegnete ich dem Wal. 

Es war ein Blauwal, da war ich mir sicher. Und er war riesig, fast monströs und beeindruckend schön. Ich hatte noch nie einen Wal gesehen, und nun, da er sich vor mir befand, konnte ich kaum begreifen, was ich sah: Einen Wal, einen echten Wal, mit blaugrauem, zerfurchten Leib, einem wissendem, mir zugewandtem Auge und einem enormen Maul, das mir plötzlich viel zu nah vorkam. 

Der Wal war riesig.

„Du hast dich verlaufen.“, sagte der Wal – und mit überraschender Eleganz drehte er sich um und schwamm durch das kalte, klare Meereswasser davon.

„Was meinst du mit ‚verlaufen‘?“, wollte ich fragen.

Doch aus meinem Mund kamen nur Luftblasen.

Der Busch

Ich war in Eile. Wie immer.

Wie immer hastete ich die Straße entlang, der Haltestelle entgegen, vorbei an parkenden Autos, an Gassi gehenden Hunden, an Bäumen und Schildern, die Welt ausgeblendet, auf mein Ziel fokussiert. 

Ich war bereits zu spät, wie immer. 

Meine Schrittlänge wuchs, mein Atem wurde lauter. Ich bog um die Ecke – und hörte den Busch. 

Es war ein dicker Busch, ein buschiger Busch, ein Busch, so satt und mächtig, dass ich nicht anders konnte als hinzusehen. Zu staunen. Und zu lauschen.

Denn der Busch war laut. 

Hunderte Spatzen wohnten zwischen Zweigen und Blättern und redeten, tschilpten, piepsten wild durcheinander. Es war ein wahres Getöse. 

Der Busch war laut. 

Von den Spatzen jedoch fehlte jede Spur. Irgendwo im Inneren des runden Gewächses verborgen hüpften und piepsten sie. Ich sah Zweige wackeln, Blätter sich bewegen, und manchmal glaubte ich, ein graues Flügelchen, einen winzigen Tupfer Orange, wahrzunehmen. 

Doch der Busch war laut.

Der Busch war laut, und mit jedem Schritt, den ich näher kam, wurde er lauter. 

Das müssen Hunderte Spatzen sein, dachte ich, und meine Eile trug mich näher und näher. Mehr und mehr piepsender Lärm drang in meine Ohren, stach in meinen Schädel.

Was für ein Krach!, dachte ich und blieb stehen. 

Hielt inne. 

Ließ Eile Eile sein. 

War zu spät – und lauschte. 

Es war ein wildes Pieps-Durcheinander, ein akustisches Blitzlichtgewitter, ohne Höhen und Tiefen, ohne Pausen und Stillen, ohne Sinn und Struktur. 

Doch halt! Je länger ich lauschte, je länger ich neben dem Busch stand und das Piepsen in mir aufnahm, desto mehr Formen erkannte ich, Muster, Wiederholungen. Waren das Sätze? Fragen? Wünsche?

Redeten die Spatzen miteinander, tauschten sie sich aus, teilten sie Geschichten und Gedanken?

Oder redeten sie gar mit MIR?

Das wilde Durcheinander formte sich, tausend Piepser blieben tausend Piepser und wurden dennoch eins: EIN Pfad, EINE Richtung, EIN Muster. 

Eine Stimme:

“Lauf weiter.”, sagte die Stimme mit Nachdruck. 

“Du kommst zu spät.”

Ich nickte, ließ den Busch zurück, ließ die Spatzen zurück – und hastete davon.

Frühaufsteher

Es war noch früh am Morgen, da befand ich mich bereits auf dem Weg zur Arbeit. 

Die Sonne reckte noch zögerlich ein paar ihrer Strahlen über den Horizont. Ich genoss sie, dennoch, lief zielgerichtet meinen üblichen Weg. Früher Vogel fängt den Wurm, dachte ich amüsiert. 

Wie jeden Morgen.

Ich mochte die Ruhe vor dem Tagesanbruch, das stille, gespannte Warten auf die Dinge, die da kommen würden – und mittendrin das dumpfe Stakkato meiner eiligen Schritte. 

Um diese Uhrzeit konnte alles passieren. 

An der Haltestelle begegnete ich dem Ei. 

Es lag ganz einfach da, auf der Sitzbank, und starrte mich an. Wie verletzlich es aussah, wie perfekt in seiner Rundung, wie wunderschön in seiner matten Weiße. Ich blieb stehen, neben ihm, betrachtete es. Starrte zurück.

Ein Ei. 

Einfach so. 

Es war nicht groß, stammte vielleicht von einem Huhn oder einem hühnerartigen Vogel. Ihm fehlte es an Maserung, an besonderen Farbtönen, an jeglicher Art auffälliger Merkmale.

Und doch, für mich, für mein zartes Gemüt, war es wunderschön. Hier lag Perfektion. Hier lag – Leben!

Der Bus kam. Bremsen quietschten, die Tür öffnete sich zischend. Der Fahrer sah uns an: das Ei; mich; grinste dann: 

„Wer von euch beiden war zuerst da?“, fragte er. 

„Ich.“, sagte ich rasch, bevor das Ei sich vordrängeln konnte.

„Ich.“, sagte ich noch einmal, bekräftigend, pickte nach ein paar Halmen auf dem Boden, scharrte kurz mit dem linken Fuß – und flatterte dann in den Bus.

Das 24. Türchen

Ich stand gerade vor dem Spiegel und betrachtete kritisch mein Äußeres, als mich der Weihnachtsmann besuchte
„Hohoho!“, sagte er mit tiefer, warmer Stimme, und es fühlte sich ein bisschen an, als käme ich nach Hause.
„Was wünscht du dir denn zu Weihnachten?“, fragte er mich, ohne lange zu zögern.
Ich zögerte auch nicht lange. Diverse Wunschzettel hatte ich bereits mit diesem einen Wunsch befüllt. Er lag mir auf der Zunge, glitzerte in meinen Augen, schwebte in jedem Wort, das ich sprach:
„Ich wäre gerne wunderwunderschön!“
Der Weihnachtsmann sah mich, musterte mich von oben bis unten. Seine gütiger Blick wurde kritisch, doch ich fühlte mich nicht unwohl, sondern vielmehr wie … gestreichelt. Es war, als krabbelten drei Meerschweinchen über mich hinweg.
Dann war es still. Der Weihnachtsmann hatte aufgehört, mich anzusehen und dachte nun nach. Unter der flauschigen, roten Bommelmütze bildete seine Stirn eine tiefe Denkerfurche.
Zeit verging, rannte davon, neue Zeit kam herbei, verging ebenfalls.
Dann nickte der Weihnachtsmann.
„Du warst in diesem Jahr besonders artig. Daher werde ich dir deinen Wunsch erfüllen.“
Sein weicher Lederhandschuh fuhr über mein Gesicht. „Schließ die Augen.“, sagte der Weihnachtsmann, und ich hörte das sanfte, gütige Lächeln, das in dieser Aufforderung steckte.
„Wenn du die Augen wieder öffnest, wirst du wunderwunderschön sein.“, versprach der Weihnachtsmann.
„Eins.“
Der Weihnachtsmann hatte zu zählen begonnen.
„Zwei.“
Ich fühlte ich warmes Kribbeln in meiner Brust.
„Drei.“
Ich öffnete meine Augen. Blickte in den Spiegel.
„Aber…“, sagte ich, schaute auf mein Spiegelbild, schaute auf den fröhlich lächelnden Weihnachtsmann, schaute wieder auf mein Spiegelbild.
„Ich sehe ja aus wie du!“
Der Weihnachtsmann nickte. „Wunderwunderschön“, sagte er zufrieden.
Er hatte recht.