Drei Elefanten

Diese kleine Geschichte entstand als Gute-Nacht-Geschichte. Ich kann mir durchaus vorstellen, sie eines Tages um kinderbuchige Illustrationen zu bereichern.

Eines Tages beschlossen drei Elefanten, spazieren zu gehen: 

Ein großer Elefant, groß wie ein Baum.

Ein mittelgroßer Elefant, so mittelgroß wie ein Busch.

Und ein kleiner Elefant, kleiner noch als ein kleines Blatt. 

Die drei Elefanten gingen spazieren. Da begegneten sie einem Fuchs. Der kleine Elefant versteckte sich ängstlich hinter dem großen Elefanten.

“Aha.”, sagte der Fuchs. “Zwei Elefanten gehen spazieren.”

“Wir sind aber drei Elefanten!”, sagte der große Elefant verärgert. Sofort spazierten die drei Elefanten weiter.

Da begegneten sie einem Tiger. Der kleine Elefant versteckte sich ängstlich hinter dem mittelgroßen Elefanten.

“Aha.”, sagte der Tiger. “Zwei Elefanten gehen spazieren.”

“Wir sind aber drei Elefanten!”, verbesserte der mittelgroße Elefant verärgert. Sofort spazierten die drei Elefanten weiter.

Da begegneten sie einem Bären. 

Der kleine Elefant sprang nach vorn, und biss dem Bären in den Po. 

“Aha.”, sagte der Bär. “Drei Elefanten gehen spazieren.”

Und alle freuten sich. 

Der Bär freute sich, weil er so gut gezählt hatte.

Der große Elefant freute sich, weil der Bär so gut gezählt hatte.

Der mittelgroße Elefant freute sich, weil der Bär so gut gezählt hatte.

Und der kleine Elefant freute sich, weil er dem Bären in den Po gebissen hatte.

Frühaufsteher

Es war noch früh am Morgen, da befand ich mich bereits auf dem Weg zur Arbeit. 

Die Sonne reckte noch zögerlich ein paar ihrer Strahlen über den Horizont. Ich genoss sie, dennoch, lief zielgerichtet meinen üblichen Weg. Früher Vogel fängt den Wurm, dachte ich amüsiert. 

Wie jeden Morgen.

Ich mochte die Ruhe vor dem Tagesanbruch, das stille, gespannte Warten auf die Dinge, die da kommen würden – und mittendrin das dumpfe Stakkato meiner eiligen Schritte. 

Um diese Uhrzeit konnte alles passieren. 

An der Haltestelle begegnete ich dem Ei. 

Es lag ganz einfach da, auf der Sitzbank, und starrte mich an. Wie verletzlich es aussah, wie perfekt in seiner Rundung, wie wunderschön in seiner matten Weiße. Ich blieb stehen, neben ihm, betrachtete es. Starrte zurück.

Ein Ei. 

Einfach so. 

Es war nicht groß, stammte vielleicht von einem Huhn oder einem hühnerartigen Vogel. Ihm fehlte es an Maserung, an besonderen Farbtönen, an jeglicher Art auffälliger Merkmale.

Und doch, für mich, für mein zartes Gemüt, war es wunderschön. Hier lag Perfektion. Hier lag – Leben!

Der Bus kam. Bremsen quietschten, die Tür öffnete sich zischend. Der Fahrer sah uns an: das Ei; mich; grinste dann: 

„Wer von euch beiden war zuerst da?“, fragte er. 

„Ich.“, sagte ich rasch, bevor das Ei sich vordrängeln konnte.

„Ich.“, sagte ich noch einmal, bekräftigend, pickte nach ein paar Halmen auf dem Boden, scharrte kurz mit dem linken Fuß – und flatterte dann in den Bus.

In Eile

Ich verließ die Wohnung in Eile. Die Arbeit rief lauthals, und mir klingelten bereits die Ohren.
Die Nachbarstür stand einen Spalt offen. Ein Hund, genauer: ein Belgischer Kringelterrier mit flauschigem Schnauzbart, huschte heraus und stolperte niedlich die vier Stufen zum Ausgang hinunter.
‘Irgendwoher kommt mir der Hund bekannt vor.’, dachte ich noch, doch meine Beine hatten mich schon ins Freie getragen, beförderten Arbeitsrechner, Arbeitshemd, Arbeitsgesicht und den gesamten mürrischen Rest in Richtung Busbahnhof.

Der Belgische Kringelterrier lief neben mir her, fiel immer wieder ein Stück hinter meinen riesigen, hastigen Schritten zurück und holte im gleichen Atemzug fröhlich hopsend die verlorene Distanz wieder auf.

“Hallo.”, grüßte ich, um nicht unhöflich zu sein.
Der Belgische Kringelterrier schwieg, begleitete mich und streckte freudig seine Zunge in die kühle Morgenluft.
Ich betrieb Smalltalk.
Ich redete über das Wetter, das Wochenende und sogar über das Spiel vom Vorabend, das ich nicht gesehen hatte.

Irgendwann sagte ich gerade
“… und deswegen versuche ich, ein besserer Mensch zu sein.“, als der Belgische Kringelterrier schnaubte.
Nach all den Monologen und Themenwechseln war das die erste Reaktion, die er von sich gab.
Der Terrier schnaubte, und wer – wie ich – sich mit Belgischen Kringelterriern auskannte, wusste, was dieses Schnauben bedeutete:
Der Belgische Kringelterrier lachte. Genauer: Er lachte mich aus.

“Ich will ein besserer Mensch sein!”, wiederholte ich mit Nachdruck.
Der Terrier lachte erneut.
Dann begann er zu sprechen:
“Ein besserer Mensch sein?
Das ist, als ob man hungrig ist und nur an der Speisekarte RIECHT.
Das ist als ob ein Astronaut nur bis zur nächsten BAUMSPITZE fliegt.
Das ist, als ob …”
“Jaja, schon gut. Ich hab’s verstanden.”, unterbrach ich ihn genervt.
“Was schlägst du denn vor?”

Der Belgische Kringelterrier schaute mich an. Sein Schnauzbart wackelte süß im Takt seiner winzigen Schritte, und aus seinen schwarzen Augen funkelte ein breites Grinsen:
“Sei kein besserer Mensch!”, antwortete er. “Sei ein Hund!”
“Und das hilft?”, fragte ich zweifelnd.
“Auf jeden Fall.”, sagt der Belgische Kringelterrier.
“Bei mir hat es auch geklappt!”, bellte er noch und rannte davon.
Und plötzlich wusste ich, woher mir der Terrier so bekannt vorkam.
“Herr Hoffmann?”, rief ich ihm hinterher. “Nachbar Hoffmann?”, doch der Hund war längst verschwunden