Originale

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß jede größere Stadt ihre Originale hat. In Kleinstädten und Dörfern ist es ohnehin üblich, daß jeder jeden kennt, daß also über jeden einzelnen Geschichten und Gerüchte im Umlauf sind, deren Wahrheitsgehalt mitunter vernachlässigbar gering ausfällt.
In größeren Städten dagegen greift die Anonymität um sich. Ich weiß tatsächlich nicht, wer die beiden anderen Wohnungen auf meiner Etage behaust bzw ob dort überhaupt jemand einzog. Dementsprechend wenig vermag ich über Peter Schmidt zu sagen, der mir am McDonalds zum ersten und einzigen Mal begegnet – ohne daß ich ihn überhaupt bemerke, geschweige denn seinen Namen und die über ihn kursierenden Absurditäten kenne.
Doch es gibt Menschen, die jeder kennt, der ausreichend lange eine Stadt bewohnt; ich nenne sie Originale, obgleich ich nicht weiß, wer sie kopieren wollen würde. Denn ihre Schicksale sind nicht selten abstrus und sonderbar, zuweilen gar traurig – zumindest wenn man den Gerüchten Glauben schenkt.

In Halle (Saale) gab es den Klatscher. Insbesondere in Halle-Neustadt bekannt wußte doch kaum jemand, wer oder wie alt er wirklich war. 18 Jahre vielleicht. Oder zwanzig.
Er lächelte immer, und immer bewegte er sich im Hopserlauf fort. Hin und wieder klatschte er ausgelassen in die Hände, zuweilen gar rhythmisch. Und wenn er besonders guter Laune war, jauchzte er kurz. „Wuh!“, tönte es dann zwischen den Plattenbauten hindurch.
Der Klatscher trug immer gute Klamotten, war gepflegt, hatte – wie meine Großeltern wußten – sorgende, liebende Eltern. Diese sah ich nie.
Der Klatscher ließ mich immer lächeln. Seine gute Laune war ansteckend. Und doch zündete er Mülltonnen an. Es dauerte eine Weile, bis man herausfand, daß er es war, und als es soweit war, wollte es keiner glauben.
Unser Klatscher?, fragten die Leute. Niemals!
Irgendwann beging der Klatscher Selbstmord. Ich weiß nichts Genaueres, doch hin und wieder entsinne ich mich seines erheiternden Hopserlaufs.

Ein weiteres Hallenser Original ist der Schreier. Der Schreier ist ein älterer Mann, vielleicht fünfzig, der immer mit Anzug und Krawatte umherläuft. Doch benimmt er sich seltsamerweise nicht seinem Äußeren entsprechend.
Er schreit. Na gut, er schimpft. Er redet laut. Mitten auf dem Marktplatz, vor Kaufhof oder dem Rathaus steht er und füllt seine Umgebung mit wüsten Beleidigungen, mit extremen Beschimpfungen. Es ist schwer zu verstehen, wen er beleidigt, doch es sind nicht die Passanten.
Angeblich mußte er einst zusehen, wie seine Frau und seine Kinder bei einem Hausbrand in den Flammen ums Leben kamen. Dieser Anblick raubte ihm die Sinne und führte zu seinem derzeitigen Verhalten.
Ich weiß nicht, inwieweit man dieser Geschichte Glauben schenken darf und hoffe, daß es sich nicht so verhielt.

In den letzten Tagen begegnete ich hin und wieder dem bekanntesten Magdeburger Original: Fidel Castro. Ein älterer Mann mit Rauschebart, der bevorzugt in Armeeklamotten, mit Armeerucksack, unterwegs ist. Er gesellt sich zu den Trinkern am Bahnhof ebenso wie zu den Punks. Selbst in glühender Hitze trägt er seine Armeeweste, die allerdings zuweilen in Beigetönen gehalten ist. Niemals sah ich ihn ohne sein Army-Cap.
Sein Gesicht besteht nur aus dem grausweißen Bart, der wohl zu seiner Namensgebung beitrug. Vorhin saß er auf einer Bank im Schatten, zusammen mit ein paar Punks, die ihn einem älteren Ehepaar vorstellten, das sich eigentlich nur ausruhen wollte: „Das hier ist Fidel Castro.“ Leider konnte ich deren Gesichter nicht sehen.
Fidel Castro ist erstaunlicherweise überall beliebt und willkommen. In seiner Nähe wird getrunken und diskutiert, und mehr als einmal hörte ich davon, daß jemand intelligente Gespräche mit ihm führte. Ich beobachtete, wie er in einem Jugendclub freudig begrüßt wurde, obgleich er den Altersdurchschnitt nicht unwesentlich hob.
Ich redete noch nie mit ihm, doch bezweifle nicht, daß Fidel – wie ihn alle nennen – ein Mensch ist, den kennenzulernen sich lohnen würde. Allerdings nicht im Umfeld von betrunkenen Punks.

Vielleicht weniger stadtbekannt, dennoch aber relaitv häufig zu beobachten ist der Bildleser. Mein Freundeskreis taufte ihn so, weil er – man glaubt es kaum – Bild liest. Immer.
Er ist ein kleiner Mann, vielleicht 1,50 Meter groß, und verfügt über eine beschauliche Halbglatze, die eigentlich nur noch aus einem Haarkranz besteht. Typisch für sein Äußeres ist eine dicke Hornbrille mit Aschenbechergläsern. Einmal sah ich ihn ohne diese Sehhilfe, und er wirkte hilflos, fast blind.
Man begegnet ihm nur in der Straßenbahn. Kaum hat er einen Sitzplatz gefunden, klappt er seinen Aktenkoffer auf und entnimmt ihm eine Bildzeitung, die er gewissenhaft entfaltet und genauestens studiert. Niemals sah ich jemanden mit ihm reden – noch nicht einmal Fahrkartenkontrolleure.
Unlängst fragte ich mich nach längerer Nichtsichtung, ob es ihn denn noch gäbe. Nur wenige Tage darauf sah ich ihn, in altbekannter Haltung mit der Bildzeitung auf seinem Schoß.
Die Welt war noch in Ordnung.

Mir fallen noch mehr Gestalten ein. Der dicke Fahrkartenkontrolleur beispielsweise bzw seine Begleiterin, die „Mutti“. Oder den Bettler in Halle, von dem gesagt wird, er sei eigentlich weiblich – und ich frage mich bei jeder Begegnung, ob das stimmen kann. Oder den Fliegenmann, der modebewußt – meist in Schwarz – und glatzköpfig durch Stadtfeld wandelt, nicht selten bestückt mit einer weißen Fliege…

Doch wie sieht es mit Originalen in eurer Stadt aus. Gibt es welche, und was macht sie aus?

[Im Hintergrund: Grabnebelfürsten – „Von Schemen und Trugbildern“]

FFFfF: Langweilig

Gestern war ich erstmals in diesem Sommer baden. Dieses „erstmals“ zählt sogar, wenn man die Badewanne mitzählt, die ohnehin recht selten genutzt wird.

Das Wasser war warm, und sowohl Sonnenintensität als auch die menschliche Ausstattung des Umfelds waren annehmbar. Das ist der Vorteil, wenn man in den Abendstunden baden geht.

Und natürlich lag ich nicht auf meienr faulen Haut, sondern zeichnete, darauf bedacht, daß mein tropfendes Haar nicht meine Linien versaut. [Das reimt sich. Juchhu!]

Und so.


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[Im Hintergrund: Gojira – „From Mars To Sirius“]