Verstopfung

Die zur Universitätsbibliothek gehörenden Schließfächer lassen sich nur mit Geldstücken benutzen. Ein-Euro-Stücke werden bevorzugt, aber es existieren auch Schränke, die Zwei-Euro-Stücke annehmen. Ich jedenfalls besitze einen „Bibo-Euro“, ein nettes Euro-Stück, das stets in meiner Hosentasche verweilt und keine andere Bestimmung hat, als hin und wieder in einem Schließfach zu verschwinden.

Außerdem besitze ich einen Bibo-Chip. Selbigen fand ich neulich im Ausgabeschacht eines der Schließfächer, und erfreut nahm ich ihn an mich – für den Fall, dass mein Bibo-Euro aufgrund von Bargeldknappheit oder Schusseligkeit fernab meiner Hosentaschen herumvagabundiert.

Ich freute mich, als ich den kleinen weißen Plastikchip fand, der, weil er ein Loch in der Mitte besitzt, wohl eher ein Ring war. Nicht weniger freute ich mich heute darüber, den Chip einer Freundin zu vermachen, die ebenso wie ich die Bibliothek zu benutzten gedachte, im Gegensatz zu mir aber keinen Bibo-Euro besaß.

Ich gab den Chip her – und musste kurz darauf feststellen, dass dieser den Münzeinwurfschlitz eines Schließfachs verstopfte und anscheinend nicht für diesen geeignet war. Stocherei mit einer Schere nützte nichts, und so besorgte sich besagte Freundin durch Geldwechseln einen echten Bibo-Euro.

Ich hingegen ging zu einem Bibliotheksmitarbeiter und erläuterte, dass ein Chip den Münzeinwurfschlitz des Schließfachs 258 verstopft habe.
„War das ihr Chip?“, wurde ich gefragt.
„Ja, aber ich habe ihn nur gefunden und brauche ihn nicht unbedingt.“
„Darum geht es nicht. Das kostet 10,50 Euro.“
„Was?!?“
„Chips sind für die Schränke nicht geeignet. Sie müssen mühsam wieder entfernt werden. Und das kostet Geld.“
Ich war entsetzt.
„Aber … Steht das da explizit am Schrank?“
Ich erhielt keine Antwort. Der Biblitoheksmitarbeiter ging zu einer älteren Kollegin.
„Ich wollte doch nur Bescheid sagen.“, rief ich ihm hinterher, sah es nicht ein, dass ich für eine eigentlich freundliche Geste bestraft werden sollte. „Und wenn ich einfach wegrenne…?“, fragte ich noch, doch erntete nur einen humorlosen Blick.

Die ältere Kollegin fragte noch einmal nach der Nummer des Schranks.
„258.“, sagte ich resignierend.
„Chips sind für die Schränke nicht geeignet.“, sagte sie, nachdem sie die Nummer notiert hatte.
„Aber steht das denn da?“
„Da steht, dass man einen Euro einwerfen soll.“, erhielt ich als Antwort, und obgleich mich diese nicht befriedigte, schwieg ich.
„Die Chips verstopfen die Schließfächer; das nächste Mal nehmen Sie bitte Geld.“ Sie nickte mir zu, signalisierte, dass ich straflos gehen könne.
„Okay.“, sagte ich und entfernte mich, bevor sie es sich anders überlegte.