Die Amsel

Die Amsel saß im Baum und zwitscherte meinen Namen. Eigentlich tirillierte sie nur Töne, deren Inhalt sich mir nicht erschloss, doch für einen Moment war ich gefangen in der angenehmen Vorstellung, die Amsel zwitscherte meinen Namen, sie sänge sozusagen nur für mich. Schön wäre das, dachte ich und blieb stehen. Sicherlich wartete die Arbeit, doch das süße Pfeifen, das dem Amselschnabel entsprang, berührte mich. Nicht zuletzt, weil es meinen Namen beinhaltete, weil es vielleicht ein Liebeslied war, das der auf kahlem Ast sitzende Vogel mir so melodisch darbrachte. Ein Liebeslied, dachte ich und schmunzelte, lauschte dem Amselgesang und wusste: Dies wird ein wundervoller Tag!

Joachim kam vorbei, sah mich andächtig lauschen, schaute erst mich und dann die Amsel eine Weile an.
„Peter.“, sagte er zu mir. „Du weißt schon, dass das einzige, was Vögel zwitschern, Reviermarkierung ist?“
Ich drehte mich zu ihm um. „Wie bitte?“
„Naja, das einzige, was Vögel von sich geben, ist ein stetes ‚Verpiss dich! Hier wohne ich!'“

Ich zuckte mit den Schultern. Es war mir egal. Schließlich war ein „Verpiss dich!“ nie schöner ausformuliert worden als in diesem Moment; schließlich klang „Verpiss dich!“ nie lieblicher, nie bezaubernder als aus dem Schnabel dieser wundervollen Amsel.
Und außerdem, dachte ich insgeheim, vielleicht zwitschert die Amsel ja dennoch meinen Namen. Vielleicht hatte ich trotzdem recht, und die Amsel tirillierte meinen Namen in die weite Welt?

„Verpiss dich, Peter! Verpiss dich, Peter!“
Ich schmunzelte.

Telefonat

„Hallo? Hallo?? Ich versteh dich nicht so gut. Der Empfang ist so schlecht. Ja, ich bin gerade in der Bahn. In der Ba-hahn! Ja, auf dem Weg nach Hause. Was? Nein, ich durfte heute früher… Was? Ich durfte heute früher, sagte ich. Früher ge-hen. Nein, ich hatte nicht frei. Nächste Woche habe ich frei. Allerdings nur Dienstag. Und vielleicht Freitag. Mal sehen, was der Chef sagt. … Nee, dem geht’s gut. Nee, echt, dem geht’s gut. Puh, vor zwei oder drei Wochen, glaube ich, vielleicht auch vor vier. Da habe ich ihn auf der Straße getroffen. Hat gesagt, die Stadt sei scheiße, Stuttgart sei scheiße, die Stuttgarter sowieso. Hat er ja auch irgendwie recht. Was? Ja, klang schon ein bisschen verbittert, aber schau dir doch mal die Stuttgarter an. Alles hirnlose Affen. Was? HIRNLOSE AFFEN! Die Stuttgarter sind allesamt hirnlose Affen, hab ich gesagt. Hab ich ja auch zu Rainer gesagt. Rainer, hab ich gesagt, die Stuttgarter sind allesamt hirnlose Affen. Hat er mir recht gegeben. Stimmt ja auch. … Neenee, wir haben nicht lange geredet. Fünf Minuten vielleicht. Drei, höchstens. Habe ja immer so viel zu … Neenee, sonst ist alles super. Ja, habe mich ganz gut eingelebt. Naja, ein bisschen dämlich sind die hier schon alle, stimmt schon. Sehen nicht nur scheiße aus, sondern sind es auch. Hihi. Aber muss man sich dran gewöhnen. Wenn man in eine so hässliche Stadt wie Stuttgart zieht, sag ich immer, muss man wohl mit so hässlichen Leuten rechnen. Jaja, genau. Ich nehme mir immer ein Buch und den iPod mit, wenn ich S-Bahn fahre. Ist ja nicht zum Aushalten. Wie die alle aussehen! Und stinken tun die. Das glaubste gar nicht! Wie die stinken! Nach jeder Bahnfahrt muss ich immer erstmal ausgiebig duschen, um den Gestank loszuwerden. Was? Ja, genau, die haben’s ja auch nicht leicht in ihrer hässlichen Stadt mit ihren armseligen Existenzen… Neenee, höflich sind die nicht. Die stinken nur, rempeln, und schreien rum. Und gucken blöde. Du glaubst gar nicht, wie blöde die hier gucken können. Ich meine, ich lebe erst seit zwei Wochen hier, aber so viele Idioten habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen. Jetzt wieder. Ich stehe hier harmlos rum, und die schauen mich an, als wären sie hirnlose Dummbratzen. Naja, sind sie wahrscheinlich auch. Hihi. Die ganze Bahn voll mit hirnlosen Dummbratzen. Hihi. … Was? Waaas? Ach so, jaja, voll ist die Bahn. Ist immer voll. Nee, die meisten fahren bestimmt schwarz. Sind doch alles Kriminelle hier. Alles Kriminelle. Und wie die stinken! Hirnlose Affen, sage ich immer. Was? … Süße, ich muss jetzt Schluss machen. Ein paar Idioten wollen mich anscheinend irgendwas fragen. Schauen ganz grimmig, als ob ich irgendwas verbrochen hätte. Anscheinend wollen sie … Hey, das ist mein Handy … Hey, was…?“

Lesezeichen

Ich fand das Buch in zweiter Reihe meines Regales, hinter anderen, irgendwo, wo es nicht hingehörte. Und ich fand noch mehr: Eine schwarze Ecke ragte aus den Seiten hervor und lud mich zu verwunderter Neugierde ein. Ein Lesezeichen? Ein Lebenszeichen aus vergessenen Welten?

Ich klappte das Buch auf, ganz am Ende, an einer Stelle, wo es keines Lesezeichens mehr bedurfte. Und doch war es da. Schwarz, nur ein Stück Papier, doch handbeschrieben.
„Ich liebe dich!“, las ich erstaunt.

Mir drehte sich alles. Du liebst mich? Wer bist du?, fragte ich mich, versuchte die Buchstaben wiederzuerkennen, die Schrift mit all den Vergangenheiten abzugleichen, die sich in meinem Herzen tummelten. Der Verstand setzte aus, und in stummer Freude um diese Worte, in vager Trauer um deine Ferne, um deine Anonymität, stahlen sich Tränen in meine Augen.

Wer bist du?, fragte ich mich, wieder und wieder, Erinnerungen suchend, Hoffnungen durchwühlend. Wer bist du?

Als die Erkenntnis einsetzte, ohrfeigte sie mich mit Profanität, mit kalter, nachvollziehbarer, desillusionierender Logik. Mein Bruder, dem ich das Buch einst lieh, hatte vor Jahren schon diesen Zettel, diese drei Worte, erhalten, ihn als Lesezeichen benutzt – und vergessen.

Und während ich auf Buch und Zettel starrte, während Erinnerungen aus meinem Schädel schwammen und die lächerlich einfache Erklärung mich durchsetzte, spürte ich, wie die drei Worte mir entglitten und ein bitteres Loch der Stille zurückließen.