Frederick fon Flatter – live auf der Leipziger Buchmesse

Fredkrakelei vor BuchmessepublikumNur sieben Jahre und 2700 Comics waren nötig, um hier anzukommen. „Hier“ – das war der Lesetreff, Stand E313 in Halle 2 der Leipziger Buchmesse, der Halle, die dank Cosplayerbefüllung zu Verstopfung neigte. „Hier“- das war eine Bühne, die keine Bühne war, weil es ihr zwar an Erhöhung fehlte, aber nicht an Sitzgelegenheiten für ein Publikum, das nicht wundervoller hätte sein können. „Hier“ – das war 17 Uhr am Samstag, 16. März 2013.
 
Und so saß ich an einem Tisch, der eigentlich dem Buchverkaufsstand gehörte, breitete Zeichenutensilien vor mir aus, trank einen Schluck Wasser und spürte die Nervosität in mir brodeln. Meine Hände zitterten ein wenig, und ich befürchtete, keine einzige Linie aufs Papier bringen zu können. Aber ich war zuversichtlich: So vieles hätte schief gehen können bis zu diesem Moment, und doch saß ich hier, blickte auf gut gefüllte quaderformige Sitzgelegenheiten und war bereit, eine halbe Stunde Buchmessenzeit mit meinem Gekrakel zu verschönern.
 
Stefan Gemmel, Kinder- und Jugenbuchautor und gleichzeitig euphorischer Ideenmensch, hatte den intitialen Gedanken: Bastian sitzt auf der Bühne, lässt sich vom Publikum Stichworte zuwerfen und verarbeitet diese zu amüsanten cartoonesken Zeichnungen, in denen Fred, die fetzige Fledermaus, nicht fehlen sollte. Und weil es gut ist, Gutes zu tun, werden die für einen guten Zweck versteigert.
Dass nebenbei Fredbücher herumliegen und erwerbbar sein werden, war selbstverständlich.
 
Fredbücher am Stand der Edition ZweihornAus dem Gedanken wurden Mails, wurde ein Plan. Die Buchkinder Leipzig, eine wundervolle Buch- und Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche, sollten den Erlös erhalten. Ein Beamer sollte meine Linienführung auf eine Leinwand werfen, und Stefan sollte anekdotesk moderieren.

Und so saß ich an dem Tisch, der im letzten Moment herbeiorganisiert worden war, und atmete ein und aus. Versuchte, nicht an das Wirrwarr in mir zu denken. Daran, dass die Kamera sich auch erst vor kurzem zu uns gesellt hatte. Daran, dass sie auf der falschen Seite stand und mehr Hand als Bild zeigte. Daran, dass jede einzelne Bewegung meines Stiftes beobachtet werden würde. Daran, dass Stefan zeitbedingt abgesagt und die Moderation an Andreas Dietz, selber kinderbuchiger Autor und Illustrator, abgegeben hatte. Daran, dass der Buchmessetag sich dem Ende neigte und mir theoretisch nur lächerliche 30 Minuten zustanden, um meine Werke zu kreieren.

Einatmen. Ausatmen.

Ich schaute in die erwartungsfrohen Gesichter im Publikum. Freunde, Familie, Fremde. Alle wirkten ungemein sympathisch. Auch Andreas strahlte Ruhe aus, und selbst mein Gesicht besaß ein Lächeln. Nur meine Finger zitterten, wussten nicht, dass alles gut werden würde.

Einatmen. Ausatmen.

Ich zeichnete ein Testbild. Kamera, Beamer, alles funktionierte. Die ersten Linien waren holprig, aber wenn ich mir Mühe gab, würde meine Hand das machen, was sie sollte.

Einatmen. Ausatmen.
Anfangen.

Andreas moderierte, begrüßte, stellte mich vor, stellte Fred vor, stellte das Buch vor. Erklärte das Prozedere.

Und schon erreichte mich der erste Wortvorschlag.
Mauer.

Meine Gedanken rasten.
Mau. Katze. Kartenspiel. Mauer als Komparativ von mau. Berlin. Pink Floyd.
Das Publikum lieferte ein weiteres Wort:
Straßenbahn.

Ich war verwirrt. Zwei Wörter? Wirklich?
Meine Erstgedanken plumpsten zu Boden, ich dachte an Tatra-Bahnen, an die gestrige Reise von der Buchmesse zur Hauptbahnhof, an das ungünstige Größenverhältnis von Straßenbahn zu Fred.

Ein weiterer Publikumseinwurf.
Das letzte Abendmahl.
Was?

Bastian krakeltDie Welt versank hinter einem Schleier und ich begann zu zeichnen.
Fred mit einem überdimensionalen Stift in der Hand. Auf eine Mauer ein Stück Kuchen malend.
Der Untertitel kam zuletzt: „Freds letztes Abendmahl. Gemalt.“
„Die Straßenbahn ist hinter der Mauer.“, sagte ich. Lächelte. Erntete Applaus.

Andreas fing die nächsten Vorschläge ein.
Baum. Toast. Heidi, das schielende Opossum.
Was?
Ich wusste noch nicht einmal, wie ein Opossum aussah!

Meine Finger griffen sich den Bleistift. Vorsichtshalber hatte ich von allen wichtigen Stiften zwei Exemplare bereitgelegt. Man konnte ja nie wissen.
Linien entstanden. Die Leinwand zeigte alles. Dennoch war war kaum erkennbar, was ich beabsichtigte.
Dann der Fineliner. Ich wurde konkreter.

Unterdessen versteigerte Andreas das erste Bild. Zehn Euro waren das Einstiegsgebot und wurden schnell überboten. Der Preis wuchs in die Höhe, doch ich hatte keine Zeit für Erstaunen, sondern versuchte, gleichzeitig sauber und rasch zu zeichnen, liebevoll, so wie ich es immer tat – nur schneller.

Das zweite Bild war ein Bilderrätsel. Erst zum Schluss beschriftete ich die einzelnen Elemente.
„Baum“ stand am Baum.
„Aß“ stand am Toast.
„Name“ stand am faul herumliegenden Fred, der ein Schild mit seinem Namen in die Höhe hielt.
Baumaßnahme.

Ein leises Ah! durchs Publikum, gefolgt von einem Applaus. Ich war es nicht gewohnt, für Zeichnungen oder Wortspielkonstruktionen beklatscht zu werden und senkte den Kopf. Trank einen Schluck Wasser.
Kam langsam zur Ruhe.

Zwischendurch hörte ich zu. Lächelte, beantwortete Andreas‘ Fragen zu Fred. Stellte fest, nicht gleichzeitig reden und zeichnen zu können. Fühlte mich wohl.

Die nächsten Stichwörter.
Fahrrad.
Buchmesse.
Das war fast einfach. Wenn man davon absah, dass Fahrräder nicht eben leicht zu zeichnen waren.

Bild Nummer 2 wurde versteigert. Und ich zeichnete. Fred mit einem riesigen Lineal. Neben einem Buch stehend. „Fahrräder fetzen“, stand auf dem Buch.
Und ganz am Ende ergänzte ich die Pointe. Kündigte sie großspurig an. Freute mich über die kleine Dramaturgie, die sich ergeben hatte.
„Ich bin ein Buchmesser!“, lachte Fred, und das Publikum war zufrieden.

„Schaffen wir noch eins?“, fragte Andreas, und ich nickte. Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war, doch wusste, dass wir überziehen durften. Wir waren die letzten hier am Lesetreff.

Muskelkater.
Das Stichwort brachte mich zum Grübeln. Apfelmus. Gestreifte Katze. Alice im Wunderland. Durchzechte Nacht.
Eine Idee fand mich:
Muskelkater. Katze. Maus. Fledermaus.

„Fleder-Mäuse haben es ja nicht so mit Muskel-Katern.“, sagte Andreas, und die Idee erlosch.
Meine Gedanken rannten davon, blieben bei Sport hängen.

Was ich nun zeichnete, war ein Comicstrip. Aus drei Paneln bestehend.
In denen Fred verkündete, dass er gerne Sport treibt, dabei aber stets ein wenig tranig ist.
Transport, eben.

Auch hier zögerte ich die Pointe heraus. Erwartete, dass das Publikum längst Bescheid wusste. Aber das tat es nicht
Ich färbte Freds Zunge rot, damit sich das Farbbild rentierte.
Freute mich über das abermalige Raunen, als die Pointe ankam.

Wieder wurde das Werk versteigert. Und wieder war der Preis höher, als ich anfangs erwartet hätte. Zwischen 30 und 50 Euro hatte jedes einzelne der Bilder eingebracht.
Und ich lehnte mich zurück. Versuchte, mich ein wenig zu entspannen.

Die Veranstaltung endete mit Applaus. Ich war geschafft, dankte Andreas, dankte dem Publikum.

Doch es war noch nicht vorbei. Denn zur Freude von Herrn Kälberer, dem Mann hinter meinem dem Fredbuchverlag Edition Zweihorn , waren inzwischen allerlei Bücher verkauft worden.
Und ich durfte sie nun signieren. Inklusive Zeichnungen nach Wunsch.

Und wieder zeichnete ich im Akkord. Plauderte nebenbei mit den Leuten. Freute mich.

Die Lautsprecher verkündeten das Ende des Buchmessentages. Ich war noch lange nicht fertig.
Der Wachmann kam vorbei und jagte uns raus. ich war noch immer nicht fertig.
Wir zogen zum Messestand der Edition Zweihorn um. Ich signierte weitere Exemplare des fetzigen Fredbuchs. Sah nun allmählich ein Ende. Sah den Wachmann, der uns erneut herausschmiss. Diesmal endgültig.

Der geschrumpfte Rest packte seine Sachen zusammen und suchte den Weg nach draußen. Verabschiedete sich voneinander.

Und erst als der Abend in geselliger Runde ausklang, als Pizza vor meiner Nase stand und dann auch meinen Magen füllte, spürte ich, wie die Hektik meinen Körper verließ. Wie der Schleier vor meinen Augen sich lüftete.
Wie glücklich ich war.

10 Gedanken zu „Frederick fon Flatter – live auf der Leipziger Buchmesse“

  1. Danke für diesen Text, Danke für die Mitteilung deiner Emotionen, geballte Fredsche flattrigkeit und schön das es besser wurde als gedanklich vorausgesehen und deine Erwartungen noch übertroffen wurden!
    Schön!
    *grinsendes Gewusel-winke*
    Maik

  2. Du hast das alles sehr genial zusammengefasst, da fühlt man sich als Leser fast so als wäre man da gewesen.
    Es scheint ein wundertoller Tag und eine wundertolle Erfahrung für dich gewesen zu sein!

  3. Danke für diesen sehr persönlichen Text und für den schönen Abend auf der Buchmesse.
    Falls es dich beruhigt: Man hat dir deine Nervosität nur ein klitzekleines bisschen angemerkt. 😉

    1. Ich fand es übertoll, dass du da warst. Und sogar ein Buch kauftest! Huiuiui!
      [Ich wurde sogar beim Schreiben des Artikels wieder nervös. Mannomann.]

      1. Ich konnte nicht anders. Der kleine Fred rief mir zu „Nimm mich mit und hab mich lieb.“ 😉 Außerdem passt doch mein Name so schön zum Titel. *hihi*

  4. Es freut mich ungemein, dass du einen so übertollen Tag hattest. Danke, dass du für uns das alles in emotionsgeladene Worte verpackt hast. Ich habe mitgefiebert.

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