Samstagmorgen

Ich saß auf der Bank, betrachtete die Projektion an der Wand und aß.

Bereits vor Jahren hatte man die steinernen Säulen des Bahnhofs mit Holz umkränzt, auf dem sitzend man die Ankunft der einfahrenden Stadtbahnen abwarten konnte. Ein paar Jahre später hatte die technologische Entwicklung freundlicherweise dafür gesorgt, dass man dabei nicht auf leere oder volle Gleise oder andere Passagiere starren musste, sondern statt dessen auf eine Leinwandfläche, die mit allerlei Werbung und Neuigkeitensplittern bestrahlt wurde.

Nick Carter hatte geheiratet, erfuhr ich somit und biss ein weiteres Mal in mein Frühstück.
Um mich herum wanderten, schlenderten und warteten Gestalten, und mein halbwaches Auge vermochte nach einer Weile, drei verschiedene Gruppierungen auszumachen:

Zu Gruppe 1 gehörte auch ich: Graue Gesichter, von Müdigkeit gen Boden gezogene Augenlider und Mundwinkel, in wärmendes, farbfernes Winterwollwerk hineingeschrumpfte Wesen, die sich hinter dicken Büchern und pappenen Kaffeebechern versteckten. Weder Wolkenatem noch morgendliche Sonnenlichtferne, weder lähmende Unlust noch der Kalender, der dezent darauf verwies, dass seit wenigen Stunden das Wochenende begonnen hatte, waren fähig gewesen, uns in unseren Betten und Wohnungen zu halten. Zu stark die Pflicht, der Zwang, der auf uns lastete, der unsere Schultern senkte und dennoch unsere Schritte unaufhaltsam gen bezahlter Tätigkeit lenkte: Arbeit.

Für uns, die heute arbeiten mussten, war dies nur ein weiterer Alltag, ein längst mit resignierter Akzeptanz und automatisierten Schritten übertünchter Prozess des allmählichen Erwachens. Der Tag vermochte noch ein guter zu werden, die Arbeit konnte imstande zu sein, Interesse zu erwecken und glimmende Funken in den jetzt so müden Augen entzünden; doch in diesen Momenten, an stählernen Gleisen auf die eintreffenden Bahnen wartend, waren die Gestalten nur bekörperte Seufzer, träge ihrer Menschwerdung entgegenschlurfend.

Müdigkeit hatte auch Gruppe 2 befallen, hatte sie eingehüllt und zu Boden geworfen: eine Sammlung ausgebrannter Leiber, deren nebelschweres Denken und schwankende Glieder mit letzten Mühen dem heimischen Bett entgegenstrebten. Manche hatten längst aufgegeben, ließen sich vom steinernen Grund unterkühlen oder harrten reglos in einer schmutzigen Bahnhofseckige aus, bis das eigene Bewusstsein wieder den Weg zurück in ihren schweren Schädel gefunden hatte. Andere versteckten sich hinter halbleeren Flaschen und lieblos gerollten Zigaretten, hielten am längst verblichenen Zenit der letzten Stunden fest, versuchten ihn mit schwerer Zunge und lallenden Lauten neu zu beschwören, während der eigenen Körper, schwach und ungesteuert Verrat an ihnen beging.

Ihre Kleidung wirkte bizarr in diesen Morgenstunden, zu dieser Jahreszeit: Die Farben zu grell, die Stoffe zu dünn, die Absätze zu hoch. Was im flirrenden Dunkel der Nacht noch Stilbewusstsein gezeigt hatte, war nun, aus dem feiernden Zusammenhang gerissen, ein trauriges Zeugnis fehlenden Geschmacks. Den Jacken fehlten schützende Verschlüsse, die Hemden trugen zu viele Falten, die Frisuren winkten traurig den gestrigen Ereignissen hinterher.

Die dritte Gruppe bildete einen Kontrast, der größer nicht sein konnte. Koffermenschen nannte ich sie und bewunderte sie um das Lachen, das auf ihren Mündern saß, darauf wartend, jeden Moment ins Freie zu springen, um das Leuchten, das die müden Augen glitzern ließ, um die Erwartung, die in ihren Gesten und zielgerichteten Schritten steckte. Sie waren wach, weil sie wach sein wollten, weil sie einen Teil ihres Schlafes geopfert hatten, um einer größeren, schöneren Sache zu dienen: Sie wollten verreisen, ersehnten mit freudiger Ungeduld die nächste Bahn, die sie zum Flughafen trug, in die Ferne, dorthin, wo Fremdes und Fremde darauf wartete, ihnen zu begegnen. Sie waren Knospen, die ihrem Entblättern entgegenharrten, ihrem Erblühen irgendwo jenseits von Alltäglichkeiten und verzehrendem Nachttreiben. Ihre Mienen waren schön, und mit liebevollem Stolz umsorgten sie die kleinen und großen Heimaten, die sie in ihren Koffern mit sich trugen.
Sie waren diejenigen, die redeten, die schwatzten, die lächelten und scherzten, die sich zu Gruppen fanden und keinen Abstand, keine Ruhe, suchten. Wir alle waren unterwegs, doch sie waren aufgebrochen, mit kribbelndem Wollen in den Füßen und Fingern.

Die Bahn kam. Ich nahm einen letzten Schluck aus meinem Becher, spülte den Rest meines Frühstücks in meinen Hals und stieg ein.

Die Waggons waren leer, und die Dankbarkeit darüber, nicht neben anderen sitzen zu möchten, wogte kurz und angenehm durch das metallene Gefährt. Gruppe 3 blieb draußen, klammerte sich an ihr Gepäck, wartete auf den richtigen Zug, jenen, der nicht nach Hause, nicht zu Arbeit, rauschte, sondern zum Flughafen, zum Sprungbrett in die Ferne.

Auch das Büro war leer, und zusammen mit dem piepsenden Erwachen meines Rechners schien auch meine Müdigkeit allmählich zu weichen. Ein Kollege kam hinein, sang leise vor sich hin: „Everybo-dy / Ye-ah / Rock your body / Ye-ah“.
Nick Carter hat geheiratet, dachte ich kurz und lächelte nun auch.

2 Gedanken zu „Samstagmorgen“

  1. die letzten zwei zeilen hätten auch bei mir auf arbeit geschehen sein können.
    samstag, man ist „freiwillig“ vor ort, fragt sich, warum man aus dem bett gefallen ist und überhaupt.
    der kaffee ist braunes wasser, in der hand qualmt etwas, was eigentlich nicht dort qualmen sollte. rein medizinisch betrachtet.
    und dann kommt irgendwer, ein kurzer dialog entsteht.
    meist ein zitat. oder eine anlehnung daran. etwas wie:
    „was wollen wir frühstücken?“ „eier!“ „kann ich nich‘! ´n paar würstchen?“
    „hau ab! und mach eier!“
    alles lacht. es wird ein guter samstag!

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