Herr Konrad

Projekt*.txt ließ ein drittes Wort auf uns niederregnen und war somit Inspiration für die nun folgende Geschichte.
Das Wort heißt „Lichtblick“. Und während das Wort im gesamten Text nicht ein einziges Mal vorkommt, mag ich doch, welche Geschichte es in mir erwirkte.

Herr Konrad
29.03.2018

Der Wecker klingelte. Mit übereifriger Betriebsamkeit riss Herr Konrad die Decke beiseite, griff nach dem läutenden Gerät, schaltete es ab – und warf sich erneut ins Kissen, die Arme im kurzen Flug wie Flügel ausgebreitet. Herr Konrad seufzte, die Augen fest geschlossen. Heute war wieder einer dieser Tage.
Zeit verging. Irgendwo hinter den dicken, grauen Vorhängen gab es eine Welt, doch Herr Konrad bewegte sich nicht. Schlief nicht. Stand nicht auf.

Was, dachte er, wenn ich nicht zur Arbeit ginge? Wenn ich einfach liegenbliebe?

Die Vernunft in ihm schüttelte träge seinen schweren Kopf. Dann müsste ich Bescheid geben, müsste anrufen, müsste mir vielleicht eine Begründung ausdenken, müsste am nächsten Tag, in zwei Tagen, dieselbe Begründung wiederholen, vor Kollegen, müsste sie auskleiden, zu einer Geschichte erweitern, drei, vier Mal wiederholen, bis allgemeines Verständnisnicken die Neugierde aller ablöste.

Was, dachte er, wenn ich zur Arbeit ginge? Wenn ich einfach aufstünde und losginge?
Doch Herr Konrad ging nicht, blieb liegen.

Was, wenn ich losginge, und es draußen regnete? In Strömen regnete, Wasserfäden vom Himmel stürzten, kaum Atemuft zwischen sich ließen?
Dann müsste ich den Schirm mitnehmen, antwortete Herr Konrad sich selbst.

Was, wenn ich in eine Pfütze träte?

Pfützen gab es immer viele auf dem Weg zur U-Bahn. Egal, ob es geregnet hatte oder nicht.
Dann müsste ich zwischen den Pfützen hindurchtänzeln, den Schirm über mir balancierend.

Was, wenn ich auf den Stufen ausrutschte?
Mit geschlossenen Augen nickte Herr Konrad, tief in sein Kissen gesunken. Die Stufen waren immer rutschig. Er würde vorsichtig sein müssen. Sehr vorsichtig.

Was, fragte er sich, wenn die Bahn nicht kam? Wenn der Regen ein Sturm war und einen Baum auf die Gleise geworfen hatte? Wenn eine wachsende Menge ratloser Wartender allmählich zu einer wütenden Menge ratloser Wartender wurde?
Was, überlegte er, wenn die Bahn dann kam? Wenn sich regennasse Eilende mit Schirmen und Rucksäcken bewaffnet in die Metallröhre warfen, rücksichtslos, animalisch?

Was, wenn mein Schirm in der Tür stecken blieb, wenn sich die Tür meinetwegen nicht schloss, wenn die ohnehin verspätete Bahn nicht abfuhr, wenn die ohnehin verärgerte Meute nun ihre Wut in seine Richtung bündelte?
Herr Konrad presste sich tiefer in sein Kissen.

Was, wenn man mich dann einfach aus der Bahn warf? Zurück auf den Bahnsteig, auf den feuchtdreckigen Beton?

Herr Konrad schüttelte den Kopf. Das ging zu weit. So etwas würde nicht passieren.
Auf keinen Fall.

Ich würde mit tropfendem Schirm am Bahnsteig stehen, dachte er, die Bahn würde einfahren, regulär, vielleicht zwei Minuten, vielleicht drei Minuten, zu spät sein, ich würde einen Platz finden, vielleicht nahe der Tür, vielleicht neben einer älteren Dame, die in ihr Sudoku-Heft versunken war.

Herr Konrad lächelte. Kurz.

Vielleicht wäre die ältere Dame aber nicht alt, sondern jung, sympathisch, mit einem Buch in der Hand, oder einem Telefon, würde aufblicken, mich ansehen, vielleicht einen Moment zu lang. Vielleicht. Und vielleicht würde ich neben ihr sitzen, während ihr Blick zurück ins Buch, auf das Handy fiel, würde meinen plötzlich leeren Kopf nach den richtigen Wörtern, nach unaufringlichen, freundlich-neutralen Ansprechsätzen durchwühlen, würde nichts finden außer Platitüden, würde nichts über sie wissen außer diesem ersten, einen Blick, würde mir wünschen, kurz, für einen Moment, meinen Kopf zu ihr zu drehen, ihr Gesicht, ihre Haare, ihre Kleidung betrachten, bewerten, zu können, doch ich würde es nicht wagen, würde statt dessen da sitzen, wortlos, mit dem feuchten Schirm im Schoß, der unbemerkt einen Fleck erzeugte, ein wuchernde Quelle potentieller Lächerlichkeit kreierte, während meine Gedanken noch immer nach rechts flohen, meine Blicke kurz in die U-Bahn-Scheibe sprangen, hoffend, dort eine Spiegelung von ihr erhaschen zu können, während meine Hose, mein Schritt, allmählich durchnässt wurde und ich es plötzlich bemerkte, aufsprang, den Schirm fallen ließ, fast wegwarf, ihr Handy, Buch, mit sich riss, fluchte, zurückwich, gegen stehende Mitfahrer stieß, wieder nach vorne drängte, Schirm, Handy, Buch, aufheben wollte, gegen sie stieß, vielleicht mit dem Ellenbogen gegen ihre Nase, wie auch immer das passieren konnte, und sie aufschrie, vor Schock, vor Schmerz, sich die Nase hielt, und ich nur perplex, starr, zusehen konnte, wie das Blut unter ihrer Hand hervorrann, und ich mich selber reden hörte, eine Weile brauchte, bis ich das eine, wiederholte Wort erkannte, sorrysorrysorry!, mir dann zu Sinnen kommend die Taschen abklopfte nach einem Taschentuch, nach irgendwas, das ihr helfen würde, während sie sich die beschmierte Hand vor die Augen hielt, Scheiße! rief, den Kopf in den Nacken legte, das Blut hochzog, erneut Scheiße! rief, während ich nichts fand, kein Taschentuch, kein Wort, keine sinnvolle Tat, nur im Weg stand, nutzlos, sinnlos, der tropffeuchte Schirm unbeachtet zu meinen Füßen, bis dann die U-Bahn bremste und ich den Halt verlor, mich fing, irgendwo, an irgendwem, mühsam hochzog, die Blicke und kommenden Worte spürte, mich unter ihnen hinwegduckte, die sich öffnenden Türen als Ausweg erkannte und floh, lächerlich, mit eingezogenem Schwanz, meinen bescheuerten Schirm zurücklassend, eine freundlich aussehende Dame zurücklassend, ein verdammtes Blutbad zurücklassend, nicht wagend, durch die Scheibe zurückzublicken, den Bahnsteig entlangrennend, blind, dumm, allen Denkens beraubt, hinauf, hinaus, in den Regen, der immer noch nicht aufgehört hatte, der immer noch weitermachte, immer noch Pfützen generierte und Schirme durchweichte, hinaus in den Regen, in den beschissenen, elenden Scheißregen.

Herr Konrad stöhnte. Tief. Richtete sich auf. Zog den Vorhang beiseite.
Draußen schien die Sonne.

Immerhin.

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