Begegnungen 09: Hamster

An der U-Bahn-Haltestelle traf ich auf einen Goldhamster. Er fror ein bisschen, also setzte ich ihn ihn unaufgefordert in meine Jackentasche. Er schaute zunächst verdutzt, doch als immer mehr Wärme durch sein weiches Fell drang, schloß er zufrieden die Augen. „Danke.“, sagte er, und wenn Hamster lächeln könnten, hätte er es wohl getan.
„Gern geschehen.“, sagte ich und beließ den kleinen Nager in seinem genussvollen Schweigen.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragte er mich nach einer Weile, und ich nannte ihm meinen Namen.
„Und du?“
Der Hamster sah mich empört an. „Das sieht man doch!“
„Peter?“, fragte ich vorsichtig, doch der Hamster schüttelte mit dem Kopf.
„Sehe ich aus wie ein Peter?“
„Nein.“, gab ich zu. „Eher wie ein Fridolin.“
„Hihi.“, kicherte der kleine Goldhamster. „Knapp daneben.“
„Herrmann? Herrmann Hamster?“
„Nö.“
„Gustav? Gustav Goldhämsterchen?“
„Nö.“
„Joachim? Siegfried? Jens?“
„Nein, nein und nochmal nein.“, antwortete der Hamster und kicherte erneut. „Du denkst in eine völlig falsche Richtung. ich bin nämlich ein Mädchen!“
„Also Fabian?“
„Richtig.“, kicherte der Hamster, hüpfte aus meiner Jackentasche und lief in die U-Bahn.

Begegnungen 08: Narzisse

Gerade, als ich die Stufen zur S-Bahn-Haltestelle hinuntergehen, entdeckte ich eine Narzisse. Es war eine kleine Narzisse, nicht kümmerlich, nur in Anbetracht der winterlichen Temperaturen noch nicht zu voller Pracht entfaltet.
„Wie schön.“, rief ich aus, denn das trübe, allesverschlingende Grau, das diese Jahreszeit mit sich herumträgt, mochte ich schon seit Tagen nicht mehr.
„Eine Narzisse!“, rief ich aus und bewunderte das liebliche Grün des Stengels und das erwachende Gelb der noch verschlossenen Blüte.
Der Blütenkopf regte sich.
„Ich bin keine Narzisse!“, sagte die Narzisse, und ihre Stimme klang hell und fast süßlich.
„Nicht?“, fragte ich, zugegebenermaßen nicht sehr eloquent, und beugte mich zum dem kleinen Pflänzchen herunter.
„Nein. Ich bin keine Narzisse.“, sagte die Narzisse, die behauptete, keine zu sein.
„Aber du siehst so aus.“, entgegnete ich, meine mangelhaften floralen Kenntnisse zusammenkratzend.
„Mag sein.“, antwortete die Blume. „Doch Narziss war jene Sagengestalt, die sich beim Blick in einen Teich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Damit möchte ich nichts zu tun haben.“
„Aber was bist du dann?“, fragte ich die Narzisse, die sich weigerte, eine zu sein.
„Eine Osterglocke.“
„Sind Osterglocken nicht einfach nur gelbe Narzissen?“, fragte ich.
Die Pflanze schwieg.
„Ich bin eine Osterglocke.“, wiederholte sie dann, und hätte sie Füße besessen, so hätte sie vermutlich trotzig auf den Boden gestampft.
„Aber Ostern ist doch erst in fünf Wochen!“, meinte ich.
„Trotzdem.“, sagte sie und verschränkte die beiden zarten Blätter.
„Gut.“, gab ich nach. „Du bist eine Osterglocke.“
Die Narzisse, die eine Osterglocke war, nickte, und plötzlich vernahm ich ein leises Klingeln, wie von winzigen Glöckchen, die sanft und zärtlich den Frühling einläuteten.
„Du bist tatsächlich eine Osterglocke!“, rief ich erstaunt, und die Osterglocke nickte wieder, klingelte wieder.
„Wie schön!“, freute ich mich, und ging lächelnd davon.

Begegnungen 07: Frühblüher

Kaum hatte ich heute früh das Haus verlassen, gesellte sich ein Pinguin zu mir. Er war kleiner als jeder andere Pinguin, dem ich je begegnet war, und wirkte ein wenig unglücklich. Ich entdeckte ihn erst, nachdem er ein paar Schritte neben mir hergetappelt war – nicht nur aufgrund seiner geringen Größe, sondern auch, weil ein Taschentuch mein Blickfeld einschränkte. Seit anderthalb Tagen plagte mich nun ein widerlicher Schnupfen und ließ meinen Zellstoffverbrauch ins Unermessiche steigen.
Ich nieste.
„Gesundheit.“, piepste der Pinguin, und ich schaute verwundert nach unten.
„Danke.“, sagte ich.
„Keine Ursache.“, meinte er, und ich stellte fest, dass die vermutlich der höflichste Pinguin war, der mir je begegnet war.
Wir liefen weiter, und plötzlich entdeckte ich am Wegesrand zwei Krokusse, die gerade damit begannen, ihre schlanke Blüte zu entfalten.
„Schau.“, sagte ich begeistert zu dem kleinen, höflichen Pinguin. „Die ersten Frühblüher! Ist das nicht wunderschön?“
Der Pinguin seufzte, und ich nieste erneut.
„Gesundheit.“, piepste der Pinguin, und ich bedankte mich.
Ein paar Meter weiter sah ich noch mehr Krokusse.
„Noch mehr Krokusse!“, rief ich vergnügt, und diesmal seufzte der kleine, höfliche Pinguin laut genug, dass ich es nicht mehr ignorieren konnte.
„Was ist denn los?“, fragte ich und nieste.
„Gesundheit.“ sagte er, und ich bedankte mich.
„Die Welt…“, begann der Pinguin und zögerte.
„Die Welt?“, hakte ich nach.
„Die Welt, sie ändert sich.“, sagte der kleine, höfliche Pinguin.
„Noch ist es eisig kalt, und vor den Mündern der Menschen formen sich wunderschöne Atemwolken. Der Winter zaubert rote Wangen in die Gesichter und Wollmützen auf die Köpfe. Reif färbt Wiesen weiß, und hin und wieder rieseln weicheste Flöckchen vom Himmel. Ich fühle mich wohl.“
Der Pinguin lächelte, und zum ersten Mal fiel mir auf, wie traurig der Pinguin bis vor wenige Augenblicke noch ausgesehen hatte.
Ich nieste, doch der kleine, höfliche Pinguin war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um seiner Höflichkeit Ausdruck zu verleihen. Ich bedankte mich trotzdem, wusste ich doch, dass das Schnabeltierchen mir
normalerweise Gesundheit gewünscht hätte.
„Ich liebe den Winter.“, lächelte der Pinguin. „Ich liebe die Kälte, mag es, wenn Winde pfeifen und mein Federkleid nicht durchdringen können. Ich liebe arktisch kaltes Wasser, das meinen Körper umspült, mag sogar die grauen Wolken am Firmament. Ich liebe den Winter.“
Ich nieste, wartete kurz und bedankte mich.
„Doch der Winter geht.“, fuhr der kleine, höfliche Pinguin fort und eine Sorgenfalte erschien auf seinem Gesichtchen. „Die Welt wandelt sich. Frühblüher erwachen, die Sonne lässt Schals und Handschuhe verschwinden. Es wird warm.“
Ich hustete kurz, und freute mich über die Abwechslung.
Der kleine, höfliche Pinguin sah zu mir auf, und wieder hatte sich Traurigkeit in sein Antlitz geschlichen. Ich hätte ihn am liebtsen
umarmt.
„Ich liebe Kälte und alles, was mir ihr zu tun hat.“, sagte der
Pinguin leise und verstummte dann. Ich glaubte, eine Träne in seinem Äuglein glitzern zu sehen, doch musste niesen.
„Gesundheit.“, sagte der Pinguin, und ich bedankte mich artig.
Wir gingen noch ein Stückchen weiter, passierten einige Schneeglöcken und schwiegen.
„Du kannst meinen Kühlschrank besuchen, so oft du willst.“, bot ich dem kleinen, höflichen Pinguin an.
Er blieb stehen.
„Ich liebe Kälte, und alles, was mit ihr zu tun hat.“, sagte er. „Vor allem Kühlschränke.“ Ich nieste.
„Gesundheit.“, sagte er, doch anstatt ihm zu danken, hob ich ihn hoch, drückte ihn herzlich und bedeckte sein Gesicht mit zahlreichen Küssen. Sogar auf den Schnabel küsste ich ihn, auch wenn ihm das nicht wirklich behagte.
„Wenn wir Glück haben“, sagte ich, nachdem ich ihn wieder abgestellt hatte „Wenn wir Glück haben, bekommst du jetzt meine Erkältung. So bleibt der Winter länger bei dir.“
Der kleine, höfliche Pinguin schaute mich an, und langsam wich die Traurigkeit aus seinem Gesicht.
„Ich muss jetzt los.“, verabschiedete ich mich. „Viel Glück mit der Erkältung.“
Ich ging davon, und zahlreiche Frühblüher säumten meinen Weg.
Der Pinguin blieb zurück, lächelte vorsichtig und winkte mir nach.
„Ich liebe Kälte, und alles, was mit ihr zu tun hat.“, sagte er glücklich und nieste.

Begegnungen 06: Pinguin

Mitten im Park stieß ich auf einen kleinen Pinguin. Die Enten quakten, erste Amseln tirillierten eine fröhliche Morgenmelodie, und aus meinem Mund dampften kleine Wolken warmer Luft, als das kleine Kerlchen plötzlich vor mir stand.
„Ein Kaiserpinguin!“, rief ich erfreut, denn ich hatte genug Tiersendungen gesehen, um einen Kaiserpinguin erkennen zu können, wenn mir einer im Park begegnete.
Der Kaiserpinguin sah auf, sah mich an – und schüttelte mit dem Kopf.
„Kein Kaiserpinguin?“, fragte ich.
„Kein Kaiserpinguin.“, bestätigte der Kaiserpinguin, der keiner war, leise.
Er hätte am liebsten geseufzt, doch bekanntlich können Pinguine nicht seufzen. Also seufzte ich für ihn.
„Mit der Monarchie ist es vorbei. Wir leben in einer Demokratie.“, erklärte der Pinguin traurig, und setzte sich auf eine Parkbank. Er sah recht verloren aus, der kleine Pinguin auf der riesigen hölzernen Bank, also setzte ich mich zu ihm.
„Es gibt keine Kaiser mehr.“
Er machte eine kleine Pause, und ich nutzte die Gelegenheit, noch einmal zu seufzen.
„Ich könnte maximal ein Kanzlerpinguin sein. Oder ein Präsidialpinguin.“, sagte der Pinguin, und seine hübsche Krone wippte ein wenig hin und her.
„Oder Innenministerpinguin.“, ergänzte ich, und der Pinguin nickte.
In der Ferne sah ich meine Bahn davonfahren, aber mir war es egal.
„Was bist du denn nun für ein Pinguin?“, fragte ich den kleinen Vogel und widerstand der Versuchung, ihn zu streicheln.
„Ein Abgeordnetenpinguin.“, meinte der Pinguin und ergänzte. „Allerdings kein echter.“
„Kein echter?“
„Mich hat niemand gewählt.“, sagte der Pinguin, und ich seufzte ein drittes Mal.
So saßen wir nebeneinander im Park, und allmählich begann ich zu frieren.
„Vielleicht hilft dir das ja.“, sagte ich nach einer Weile und holte einen Ponguin aus meinem Rucksack.
„Ein Ponguin!“, rief der Pinguin erfreut.
Ich nickte.
„Ich muss jetzt gehen.“, sagte ich und stand auf. „Mach’s gut.“
ich lief zur Haltestelle, und als ich nach ein paar Minuten zum Park zurückblickte, sah ich Pinguin und Ponguin fröhlich Tischtennis spielen.
‚Immerhin.‘, dachte ich und stieg in die Bahn.

Begegnungen 05: Richard

Ich summte gerade ein heiteres Zwölftonmusikstück vor mich hin, als plötzlich Richard vor mir stand. Ich hatte Richard seit mindestens sechsdreiviertel Jahren nicht mehr gesehen, und mir kam es so vor, als sei er, der mich ohnehin immer um anderthalb Kopfhöhen überragt hatte, in der Zwischenzeit noch um einiges gewachsen.

„Richard!“, rief ich erfreut zu ihm hinauf, „Was machst du denn hier?“
„Ich gehe zur Musikschule.“, meinte er.
„Zur Musikschule?“, wunderte ich mich. Richard war immer einer von denen gewesen, die Rhythmus für etwas Freiwilliges hielten, an dem man also nicht unbedingt teilnehmen musste. Richard tanzen zu sehen, ähnelte dem Anblick einer betrunkenen Giraffe beim Sackhüpfen – jedoch mit weniger Eleganz.

„Zur Musikschule.“, bestätigte Richard, und soweit ich es von unten erkennen konnte, schien er dabei auch ein wenig bestätigend zu nicken.
„Was für ein Instrument lernst du denn?“, fragte ich, doch Richard schüttelte mit dem Kopf. Sein zotteliges Haar wirbelte ihm vergnügt um die Wangen.
„Kein Instrument. Ich lerne Gesang.“
„Im Chor?“
„Nein, Sologesang. Eigentlich lerne ich nur einen einzigen Ton.“
„Das ist nicht sehr viel.“, meinte ich vorsichtig.
„Es reicht aus.“, antwortete Richard, und ich glaubte, ein Schmunzeln auf seinen bartumkränzten Lippen erkennen zu können.
„Äh… wofür denn?“
„Um Glas zerspringen zu lassen.“
„Bitte?“, fragte ich verdutzt.
„Um Glas zerspringen zu lassen.“, wiederholte Richard. „Ich lerne, mit meiner eigenen Stimme Glas zum Bersten zu bringen.“
„Warum sollte man so etwas wollen?“
„Um Frauen zu beeindrucken.“, meinte Richard und schaute verlegen zu Boden. Also mehr oder minder zu mir.
„Ach so.“, meinte ich, und eine unbehagliche Stille schwebte zwischen uns.

„Und?“, fragte ich nach einer Weile. „Klappt es?“
„Noch nicht.“
„Noch nicht? Nicht mal sei ein bisschen?“
„Nein.“, sagte Richard. „Bisher kann ich nur Holz zersplittern lassen.“
„Krass.“, sagte ich.
„Jup.“, meinte Richard.

Wieder klebte Schweigen zwischen uns, und fast schien es mir, als legte es Richard auf einen Wettbewerb an. Wer von uns würde die Unbehaglichkeit der Stille länger aushalten?
Ich war der Klügere, und nach einer Weile gab ich nach.
„Nun gut.“, sagte ich, entschuldigend lächelnd, „Ich muss jetzt los. War schön, dich getroffen zu haben, Richard.“
Richard nickte, und ich verabschiedete mich:
„Tschüß.“
„Tschüüüüß.“, antwortete Richard fast flötend, und ein unangenehmer Ton mischte sich unter den Umlaut.
Neben mir knackten die Bäume und Büsche bedrohlich.

Ich begann zu rennen.

PS:
Mit passierte nichts. Nur meine Zahnstochersammlung, die ich bekanntlich mit mir herumtrage, litt ein wenig.

Begegnungen 04: Rudel

Als ich das Haus verließ, traf ich auf ein Rudel westaustralischer Hüpfpinguine. Das Rudel bestand, um genau zu sein, nur aus zwei Exemplaren – und die waren auch noch Elefanten.

Ich grüßte höflich, doch sie waren anscheinend zu beschäftigt, um mich zu bemerken, also trat ich näher und wiederholte meinen Gruß. Erneut erhielt ich keine Reaktion und beschloss bereits, dass diese Elefanten eindeutig als unhöflich zu bezeichnen waren, als ich plötzlich bemerkte, welch massives Dilemma die beiden so sehr fesselte, dass sie keinerlei Aufmerksamkeit auf einen grüßenden Passanten lenken konnten:

Der erste Elefant nämlich – Sein Name war, wenn ich das richtig verstand, Radieschen. – hatte sich eine Pudelmütze gekauft und in Anbetracht der Außentemperaturen heute aufsetzen wollen. Doch versehentlich hatte er die Mütze im Laden vergessen und nur den Pudel mitgenommen. Und selbiger saß nun auf dem Radieschens Kopf und knurrte den zweiten Elefanten, DJ Watteplüsch, an.

„So kann ich nicht arbeiten.“, sagte DJ Watteplüsch und versuchte, sich mit dem Rüssel vorsichtig dem Pudel auf Radieschens grauem Schädel zu nähern. Doch der Pudel knurrte und sabberte noch mehr als ohnehin schon, fletschte die Zähne und erzählte einen schlechten Witz.

„So kann ich nicht arbeiten.“, wiederholte DJ Watteplüsch und seufzte.

Wer noch nie einen Elefanten seufzen gehört hat, kann sich glücklich schätzen. Denn Elefantenseufzer sind vermutlich das vierttraurigste Geräusch auf Erden. Hilfesuchend sah sich Radieschen um. Dabei bemerkte er mich.

„Guten Morgen.“, sagte ich zum dritten Mal und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort. „Ich glaube, ich habe eine Lösung für Ihr Problem.“

Die beiden Elefanten und auch der sabbernde Pudel blickten mich skeptisch an. Ich kramte in meiner Hosentasche und holte ein winziges Mützchen heraus, das ich für Notfälle stets mit mir herumtrug. Ohne mich um sein Knurren zu kümmern, setzte ich es dem Pudel auf das belockte Köpfchen.

„Ihm war nur kalt.“, erklärte ich – und tatsächlich verstummte das Knurren des Pudels. Er lächelte sogar, und präsentierte seine gut gepflegten Eckzähne.
DJ Watteplüsch streckte probehalber seinen Rüssel aus und streichelte den pelzigen Vierbeiner. Der Pudel schloß vergnügt die Augen.

„Wuff.“, sagte der Pudel und lächelte weiter.
„Danke.“, sagte Radieschen und lächelte ebenfalls.
„Danke.“, sagte DJ Watteplüsch und streichelte nun mich.

„Kein Problem.“, sagte ich und ging davon. Am Ende der Straße drehte ich mich noch einmal um:
„Übrigens: ich würde den Pudel ‚Mütze‘ nennen.“, rief ich und lächelte nun auch.

Begegnungen 03: Goldfisch

Im Flur begegnete mir ein Goldfisch. Er hatte sein Glas verloren und weinte deswegen ein bisschen. Ich wollte ihn trösten, doch er hielt mich davon ab.

„Wenn ich noch ein bisschen weine“, sagte er „habe ich genug Tränen, um in ihnen herumzuplanschen. Und dann wird alles wieder gut.“
Ich sah ihm eine Weile zu, und es rührte mir das Herz, wie er so herumsaß und weinte. Doch der Tränenberg stieg, und schon bald
planschte er fröhlich in klarstem Nass herum.

Dennoch: Als er kurz wegsah, gab ich ihm sein Glas zurück.

Begegnungen 02: Schildkröte

Heute Morgen begegnete ich einer Schildkröte. Ihr war offensichtlich kalt; daher lieh ich ihr meinen Kugelschreiber.
„Was soll ich denn mit einem Kugelschreiber?“, fragte sie mich.
„Seit wann können Schildkröten reden?“, fragte ich zurück.
„Fragen beantwortet man nicht mit Gegenfragen.“, antwortete sie etwas schnippisch und ich bat sie höflich darum, mir meinen Kugelschreiber zurückzugeben.
„Könnte ich bitte meinen Kugelschreiber zurückbekommen?“, fragte ich also, und sie schaute mich mit riesigen Schildkrötenaugen an, als hätte sie mich nicht verstanden.
„Könnte ich bitte meinen Kugelschreiber zurückbekommen?“, fragte ich erneut, diesmal etwas lauter, weil Schildkröten bekanntlich sehr alt werden, und ich nicht wusste, ob sie eventuell alt genug war, um ihre Hörfähigkeit eingebüßt zu haben.
Die Schildkröte starrte mich an und schüttelte dann ganz langsam mit dem Kopf.
„Nein.“, sagte sie. „Den brauche ich noch.“
„Aber warum denn?“, fragte ich.
„Weil mir kalt ist.“, entgegnete sie, drehte sich um und ging davon.
Ich sah ihr eine Weile nach, bis auch ich zu frieren begann und meinen Ersatzkugelschreiber herausholte.

Begegnungen 01: Elefant

Heute Morgen begegnete ich einem kleinen Elefanten. Er stand direkt vor der Haustür und fragte mich nach der Uhrzeit. Ich verstand ihn falsch, erzählte von Dinosauriern, davon, dass ich ja immer den Stegosaurus mochte, mein Bruder hingegen eher den Triceratops und wollte gerade ein bisschen über die Evolutionstheorie Darwins reden, als er mich unterbrach und darauf verwies, dass ich beim Wort „Uhrzeit“ ein „h“ überhört hatte.

Ich entschuldigte mich mehrfach und fragte ihn, warum er denn keine Armbanduhr besaß. Er verwies dezent darauf, dass Elefanten nur in seltensten Fällen über Arme verfügen, erwähnte, dass Löwen beispielsweise zwar häufiger Arme besaßen, aber das meistens nicht ihre eigenen waren, und ich entschuldigte mich für meine abermalige Unhöflichkeit.

„Kurz nach.“, sagte ich also, um endlich seine Frage zu beantworten, und er nickte.
„Das habe ich geahnt.“, meinte er, stieg auf seinen Tretroller und brauste davon.

PS:
Ich habe keine Ahnung, ob der Elefant Peter hieß, aber sah ein bisschen so aus.