Morgendlicher Ohrwurm 32: Running

Nachdem der gestrige Abend später geworden war als geplant, erwachte ich – die Bauarbeiterbohrmaschinen als Wecker nutzend – gegen zehn und quälte mich aus den Federn. In meinem Kopf hummelte ein Lied herum, wollte nicht weichen, verwunderte mich, berührten doch die Worte eine Thematik, die ich erst heute Nacht erwähnt hatte:

„I’m running
Running for cover
I’m running
Far, far away / for my life.
Running faster and faster and faster.
And falling. Far away.
Falling down one more day.“

[aus: Evereve – „One More Life“]

Nächtliches

Ich habe mich noch nicht entschieden, inwieweit es als Produkt meiner Spontaneität erachtet werden kann, daß ich mich gegen 0.15 Uhr doch noch einmal außer Haus begab, um in Richtung der bereits erwähnten Bar zu radeln und dem dortigen Amüsement zu frönen. Doch begreift man in meinem Fall Spontaneität als das Ergebnis schier endlosen Herauszögerns einer eindeutigen Entscheidung in Kombination mit der Bekanntgabe und dem Ausführen des Entscheids im letztmöglichen Augenblick, so dürfte man nicht falsch liegen, auch meine kurze Reise durch einen erstaunlich dunklen Park als spontan zu bezeichnen.

Ich traf ein und fand – wie erwartet – unzählige Menschen vor, die sich die letzten Stunden der Existenz einer Magdeburger Pingpong-Bar nicht entgehen lassen wollten.
„Du hast die Versteigerung verpaßt.“, begrüßte mich meine Mitbewohnerin ein wenig vorwurfsvoll, nicht im Geringsten von meiner Anwesenheit überrascht. Das wiederum überraschte mich, war ich doch selbst, als ich mit beiden Füßen innerhalb der Bar stand, nicht wirklich davon überzeugt, mich auf den Weg gemacht zu haben.

Der Vorwurf war zum Teil berechtigt: Die Versteigerung schien der Höhepunkt des Abends gewesen sein, und wenn man bedenkt, womit ich in den Augenblicken beschäftigt war, als sie vonstatten ging, kann man nur vorwurfsvoll-enttäuscht mit dem Kopf schütteln.
‚Immerhin habe ich endlich die Slowakei-Fotos auf eine CD gebrannt.‘, versuche ich mich mir selbst gegenüber zu rechtfertigen – doch ich glaube mir nicht.

Aber die Bar war voll, die Tischtennisplatte zum Bersten von Spielwütigen umstellt. Ich besorgte mir Premium Cola und Kelle und reihte mich ein. Das Spiel war träge, doch amüsant. Ich erkannte Gesichter, wechselte wenige Worte mit denen, die sie hören wollten. Trotz Massenandrangs kam ich schnell bis kurz vor das Finale, erwarb zwei Runden später sogar einen Siegpunkt.

Ich war stolz auf mich, ein wenig, hatte ich mir – und den interessierten [und daher inexistenten] anderen – doch gezeigt, daß ich in der Lage war, mich bis zum siegreichen Finale durchzusetzen. Und zugleich war ich enttäuscht, hieß doch dieser Gewinn, daß es hier nichts mehr zu holen gab, daß mein Ehrgeiz gar nicht mehr angestachelt werden brauchte.

Einmal ertappte ich mich lächelnd, lächelte weiter, erfreut. Ich pausierte, beschaute die Spielenden, redete mit meiner Mitbewohnerin, mit anderen. Nichts Bedeutsames, nur Smalltalk, Worte, wie sie ein jeder wechseln würde, der in nüchternem Zustand gezwungen ist, Kommunikation zu betreiben.

Ich leerte meine Cola und wagte eine weitere Runde, gelangte ins Finale, erwarb einen weiteren Punkt. Meine Freude hielt sich in Grenzen.
‚Es wird Zeit zu gehen.‘, sagte ich mir, erlebte nur wenige Sekunden der folgenden Runde, flog raus und gab meine Kelle ab.

Der Heimweg durch die Dunkelheit schaffte Klarheit:

Ich hatte inmitten von Punktwütigen problemlos zwei Punkte geholt – ein Beweis meiner noch immer schlummernden Tischtennisfähigkeiten. Doch die Anzahl der Worte, die meinen Mund verlassen hatten, war minimal. Und keines davon ging in Richtung der Wesen, die anzusprechen sinnvoll gewesen wäre.

Wie alt war ich eigentlich, daß ich mir noch immer über derlei Teenagerkaspereien Gedanken machen mußte?
Es ging mir nicht um Geltungsbedürfnis, nicht darum, der Masse zu gefallen, nicht darum aufzufallen [Und es waren genug Barbesucher dabei, denen das Auffallen durchaus vorrangig am Herzen lag.]. Es ging einzig und allein um den Wunsch nach Gesellschaft, nach dem Lächeln fremder Lippen, nach Worten, die mehr als die Oberfläche berührten.

Vielleicht war es albern, in einer Bar danach zu suchen, mit scheuen Blicken in Frage kommende Wesen zu taxieren und jedes mögliche Wort unter der eigenen Zunge versteckt zu halten. Doch wo, wenn nicht hier?

Der Heimweg war zu kurz.

Für einen Augenblick durchzuckte mich der Gedanke, daß ich keinen Schlaf wünschte, ihn für überflüssig hielt, unnütz [wenn man von den Körperregnerationprozessen absah], zeitverschwendend. Ich wollte die Nacht nutzen, fühlte mich frei in der Kühle, die meine nackten Arme berührte, in den Gedanken, die durch meinen Kopf sprudelten, aufgelöst im Moment.

‚Albern.‘, verlachte ich mich und meinte den Wunsch, durch Schlafinexistenz nutzvolle Zeit zu gewinnen. Schließlich hatte ich die letzten Tage nahezu tätigkeitsbefreit vertrödelt, ohne auch nur einen Schimmer von Interesse für die verstreichende Zeit zu haben.

Doch ich wünschte, daß die Nacht noch eine Weile verbliebe, daß ich noch stundenlang durch das Dunkel wandern, mir selbst hinterhersinnen könnte, daß ich mich löste von dem Ich, das träge und antriebslos von Tag zu Tag kroch, ohne Plan und Ziel vor Augen zu haben, ohne sich selbst ändern zu können, ja zu wollen.

Ich wünschte, ich hätte einen Begleiter an meiner Seite, mit dem ich meine Gedanken teilen könnte, jemanden, der mit mir den Duft der Bäume im Park genoß, sich an der Stille auf den Straßen erfreute, die Glitzeraugen streunender Katzen bewunderte.
Ich wünschte mir, nicht allein zu sein, nicht in diesen wunderschönen Momenten.

Und ich wünschte, fliehen, einen Schlußstrich ziehen zu können, wieder einmal einfach alle Sachen zu packen und woandershin zu eilen. Ich wünschte, mein Studium wäre beendet, und ich bekäme Gelegenheit, irgendwo neu zu beginnen.
Dann könnte ich der Einsamkeit einen Namen geben, könnte mir einreden, es läge daran, weil ich noch so neu hier sei, noch niemanden kennen würde, könnte mich belügen und mir verschweigen, daß sich auch hier die gleichen Geschichten wiederholen werden.

Ich belüge mich, rede mir ein, ich hätte dieses und jenes Bedeutsame zu tun und verbringe die Tage damit, darauf zu warten, daß ich endlich beginne, anstatt mich mit Dingen zu beschäftigen, die ich tun möchte, die ich mir ersehne.
Ich belüge mich und glaube, daß in ein paar Monaten, wenn sich die Situation geändert, wenn in gewissen Umständen Klarheit eingekehrt ist, alles besser, alles verständlicher, vielleicht einfacher sein wird, daß ich mich dann all dem Ersehnten, Versäumten, hingeben kann.

Doch so ist es nicht, und ich weiß es, verharre im Heute, um der Zukunft nicht begegnen zu müssen. Vielleicht habe ich Angst vor ihr, Angst vor neuen Wegen, neuen Entscheidungen, Angst vor Verlusten, vielleicht vor dem Verlust eines Teiles meiner selbst.
Doch vielleicht verlor ich längst, verlor ich mich längst in meiner eigenen Trägheit.

‚Sprich sie an.‘, flüsterte ich mir zu, als ein sympathisches Mädchen [Gibt es eigentlich einen erwachseneren Ausdruck als „Mädchen“, der nicht „Frau“ lautet?] sich hinter mich in die Tischtennisschlange einreihte.
‚Sprich sie an.‘, doch ich schwieg, bewunderte sie heimlich, genieße ihre Nähe.
Später bemerkte ich, daß ich noch nicht einmal so weit gekommen war, mich zu fragen, welche Worte wohl die geeignetsten wären.

Daß die Trägheit mich festhält, gefangenhält, begriff ich längst. Doch ich selbst bin es, bin die Trägheit, bin der einzige, der mich befreien, der sich entfesseln kann.
‚Ein Neuanfang.‘, denke ich und lächle, ‚Ein Neuanfang. Irgendwo.‘
Flucht als Perspektive – auch kein neuer Gedanke.

‚Wer bin ich, daß ich alles Alte aufwärme und noch immer keinen Antwort fand?‘, wundere ich mich und schüttle mit dem Kopf.
Der Wind spielt in meinem Haar, und ich genieße den Rausch der Geschwindigkeit.

‚Wie war doch gleich die Frage, die es zu beantworten gilt?‘, überlege ich. Ich weiß es nicht, glaube aber, nicht keine, sondern unzählige Antworten gefunden zu haben. Sie alle zeigen, deuten auf mich, behaupten, daß ich es wäre, mein Wille, der mich aus dem Dreck zu zerren, mir eine Richtung zu weisen habe.

Träge gebe ich mir recht und nicke wortlos in die Dunkelheit.

Abendliche Selbsterkenntnis

Die Selbsterkenntnis verletzt mich.
Nicht nur, daß ich mich irgendwie einsam fühle – nein, ich verleugne es mir gegenüber auch noch.

Meine Mitbewohnerin beispielsweise eröffnete unlängst mit ihren Freundinnen eine außergewöhnliche Bar. Ich besuchte diese bereits zwei Mal und hätte heute, jetzt, Gelegenheit, sie ein drittes und letztes Mal aufzusuchen. Schließlich wird sie ab morgen Geschichte sein, war die Bar doch nur für einen Monat geplant.

Doch anstatt mich aufzuraffen, dort hinzugehen, überlege ich, ob es nicht besser wäre, ins Bett zu fliehen und am nächsten Morgen zeitig, in aller Frühe, aufzustehen und [endlich] anzufangen, intensiv zu lernen. Doch schon jetzt weiß ich, daß ich nicht zeitig aufstehen und daß ich vermutlich die erste Stunde nach dem Erwachen sinnbefreit rumgammeln werde, ohne auch nur einen Gedanken an Nützliches [Das schließt Frühstück mit ein.] zu verschwenden.

Was mich in Wirklichkeit zu halten scheint, ist der unschöne Umstand, daß ich in diese Bar alleine zu gehen/fahren habe, daß mir niemand einfällt, der um diese Uhrzeit, in dieser Stadt, bereit wäre, mich zu begleiten und mir den restlichen Abend zu versüßen. Tatsächlich befinden sich die wenigen Personen, die als angenehme Begleitung in Fragen kämen, in unüberbrückbar großem Abstand zu mir

Sicherlich wäre es ein Leichtes, dort einfach aufzukreuzen, sich mit meiner Mitbewohnerin, ihren Freundinnen und Freunden [mir zumeist nicht unbekannt] zu unterhalten, mich beim Tischtennisspiel zu amüsieren und flaschenweise Premium Cola in mich hineinzuschütten.
Doch ich will nicht, will nicht wieder abhängig von den erwähnten Personen sein, wäre lieber selber mit jemandem da, mit irgendwem, der auch noch an der eigenen Seite verweilt, wenn sämtliche Smalltalkthemen verschütt gegangen sind.

Träfe ich dort ein, gestände ich mir selbst ein, schon wieder ohne Begleitung anzukommen, schon wieder nur einer dieser Niemande zu sein, die an belebten Orten nach Gesellschaft suchen, die darauf hoffen, von irgendwem – vielleicht sogar einem hübschen Mädel – angesprochen, ja geschätzt zu werden. Ich gestünde mir ein, in Redepausen, zwischen leeren Themen und tiefgreifendem Philosophieren, in nüchterner Erkenntnis zu versinken, daß ich schon wieder schweige, schon wieder auf einem Stuhl sitze, dessen Nachbarplätze frei blieben. Ich gestünde mir ein, unfreiwillig allein zu sein.

Bleibe ich aber, beschäftige ich mich weiterhin mit Pseudowichtigem, gehe ich alsbald ins Bett, so kann ich mir einreden, absichtlich allein, ohne Gesellschaft, geblieben zu sein, absichtlich die Stille gesucht zu haben, um ungestört zu sein, um die Musik im Hintergrund nicht durch albernes Gerede gestört zu wissen.

Ich kann morgen früh aufstehen und mein schlechtes Gewissen, die letzten Tage müßig verbracht zu haben, mit der Gewißheit trösten, mich selbst am vergangenen Abend mit Ausgehverbot gestraft und zu intensiverer Lernleistung animiert zu haben.

Oder ich erwache und begreife, daß ich mal wieder eine Chance vertat, andere Menschen kennenzulernen, mich unter fremde Leute zu mischen, die Gedanken einfach mal gehen zu lassen, mich anderem zu widmen – daß ich mal wieder eine Gelegenheit verpaßte zu leben.

Über Audiotexte

Nachdem nach Deef [seit längerer Zeit] und 40something [seit heute] auch Nadine damit begann, Podcasting zu betreiben, also eigene Wortgebilde vorzulesen, aufzunehmen und zum Download zur Verfügung zu stellen, machte ich mir Gedanken, inwieweit das für mich nutzbar oder sinnvoll sein könnte.

Ein einziges Mal lauschte ich einem Audiotext [Was für ein dämliches Wort] von Deef, doch mußte feststellen, daß dergleichen nichts für mich ist – weder passiv noch aktiv.

Passiv deswegen nicht, weil ich es nun mal liebe, jederzeit Musik zu hören und weil ich Texte viel lieber lese als höre. Auch begreife ich das Weblog-Lesen als Buch-/Zeitschriften-Ergänzung und nicht als etwas für die Ohren.

Der Vorteil läge natürlich auf der Hand: Man könnte während des Lauschens auch noch etwas anderes machen, sich mit sinnvollen Dingen beschäftigen, und somit wertvolle Zeit nutzen.
Aber genau das will ich nicht. Zum einen, weil ich als Mann dem Vorurteil folgend mit mehreren gleichzeitig stattfindenden Tätigkeiten hoffnungslos überlastet wäre [Ich schließe mal „atmen“, „leben“, „denken“, „Luft holen“, „sitzen“, „stehen“, „gehen“, „existieren“, „zwinkern“, „lächeln“, … aus dem Wort „mehreren“ aus.], zum anderen, weil ich die Lektüre von Bloginhalten als Freizeit begreife, als Augenblicke, die ich für nichts anderes nutzen möchte – erst recht nicht für pseudowichtige, scheinbar sinnvolle Tätigkeiten

Mich als aktiven Podcastbetreiber zu betätigen und meine Texte zusätzlich oder ausschließlich als Audiodatei zur Verfügung zu stellen, liegt mir fern. Zwar wäre die notwendige Grundausstattung bereits vorhanden, doch weiß ich am Bloggen gerade den verhältnismäßig geringen Aufwand zu schätzen, der für den Erhalt eines Ergebnis‘ notwendig ist.
Da ich mich als perfektionistisch angehaucht kenne, wird es sicherlich jedesmal eine Unmengen an nicht zufriedenstellenden Versuchen geben, bevor ich mich mit einer Audioversion meiner Worte anfreunden kann.
Dieser zusätzlichen Mühen bedarf es [derzeit noch] nicht. Im übrigen ginge so die durch das erwähnte „Podcast-Hören-und-sich-nebenbei-auch-anderen-Dingen-widmen“-Multi-Tasking eingesparte Zeit wieder verloren, was auch nicht als sinnvoll zu erachten ist.

Tatsächlich fällt mir nur ein einziger Punkt ein, der mich womöglich irgendwann überzeugen könnte, Geschriebenes in Gesprochenes verwandeln zu wollen:
Einst wurde mir mitgeteilt, ich hätte eine angenehme Stimme, die sich wohl zum Vorlesen eignete. Gegenüber derartigen Komplimenten bin ich zwar nicht unempfindlich, doch reicht eine solche Aussage bei weitem nicht aus, um mich nachhaltig zu beeinflussen.

Also verweile ich in der zur Vergangenheit mutierenden Gegenwart und entscheide mich dagegen, Anschluß am zukunftsorientierten Podcast-Fieber zu suchen. Meine treue Leserschaft wird es mir vielleicht verzeihen.

Tierversuch

Der vorgestrige Bratislava-Besuch ergab eine erstaunliche, aber mittels wissenschaftlicher Versuche gesicherte Erkenntnis:

Eine gewöhnliche slowakische Schnecke kann, mit schwerem Eigenheim beladen und unter Schlaf- und Eßpausenverzicht, mehr als 120 Meter pro Tag zurücklegen.

Beeindruckend.

Genitalerfrischung

An der Straßenbahnheltestelle konnte ich einen schnauzbärtigen Mann beobachten, der mit heftiger Gestik und verzerrtem Gesicht schimpfend seine Meinung intonierte.

Weniger auffällig als seine – aufgrund schallisolierender Straßenbahnfenster mich nicht erreichenden – Worteruptionen war sein T-Shirt, das mich wesentlich mehr fesselte als alles Vernehmbare. Schließlich konnte ich auf dunkelblauem Stoff einen gelben Schriftzug ausmachen, der mich durchaus verwunderte, ja abstieß.
“Widerlich!‘, dachte ich, als ich mir bildlich vorstellte, was ich dort lesen mußte:
Peniscola.

Nachdem ich mich zuerst eine geraume Weile dazu benötigte, mich von den abszoßenden Assoziationen zu lösen, die sprudelnde Erfrischungsgetränke mit maskulinen Primärgeschlechtsorganen in Verbindung brachten, rätselte ich lange, was für eine „scola“ [=Schule] das wohl sein könnte.

Schließlich aber brachte mir das Internet des Rätsels Lösung:
Peñiscola ist die schönste Stadt Spaniens.

Das hätte ich nun wirklich nicht erwartet.

Mailmüllhaldenextrakt

Soeben gelöscht:

„Jetzt wieder voll im Trend.
Abnehmen mit Hooda.“

Seit wann richtet man seine Diäten nach Trends?

„Huch, ich muß abnehmen. Welche Diät ist denn gerade angesagt?“
„Gurken-Spargel-Diät.“
„Nee, die ist doch seit über drei Monaten out.“
„Aber sie wirkt.“
„Ey, Gu-Spa-Diäten sind voll uncool, checken überhaupt nicht, Alder.“
„Mist.“
„Ich nehm‘ lieber Hooda. Ist wieder voll im Trend.““

Neulich in der Fußgängerzone

Die Hallenser autmobilverkehrsbefreite Einkaufsstraße nennt sich offiziell „Leipziger Straße“, obgleich sie jeder „Boulevard“ nennt. Vor kurzem lief ich eben genannten Boulevard entlang, vom Bahnhof kommend in Richtung des Marktplatzes, als ich einem kleinen Stand auszuweichen hatte.

Um ihn herum hatten sich ein paar prollige Gestalten gruppiert, von denen, sobald ich in Hörweite war, einer das Gespräch mit seinen Freunden unterbrach, um sich mir zuzuwenden, mir eine blaue A6-Karte vor das Gesicht zu halten und mich sofort anzuquatschen:
„Entschuldigung… Du kannst hier was gewinnen.“

Vermutlich hätte ich irgendwie reagieren sollen, doch fühlte ich mich dafür zu träge, zu sehr in mich selbst versunken, zu sehr mit dem Augenblick zufrieden. Ich verringerte mein Tempo nicht, ging einfach weiter, ohne ihn, den bedeutungslosen Störenfried, zu beachten. Ich wußte, daß ich nicht unfreundlich schaute, doch lächelte auch nicht.

Als ich, unberührt von seinen Versuchen, meine Aufmerksamkeit zu erheischen, weiterging, begann die prollige Meute gemeinsam, ausfallend zu werden, als hätte ich sie mit meiner reglosen Miene, mit meinem unbeeindruckten Verhalten, irgendwie demütigen wollen.
Zuerst erklang ein „Hoho… – um meine vermeintliche Abgehobenheit ironisch zu kommentieren, dann folgten mehrere Kommentare zu meinem Äußeren, zu meiner Kleidung und ein paar zusätzliche zu meinen Haaren. Natürlich allesamt beleidigend.

Ich war erstaunt. Kaum äußerte ich kein Interesse an ihrem Produkt, mutierte ich gleich zum Feind, für Beschimpfungen geeignet.
Selbstverständlich war ich mir dessen bewußt, daß es sich bei ihnen auch nur um Studenten handelte, die irgendeinen albernen Job ausführten, um ein wenig Geld verdienen zu können, doch erachtete ich es für überflüssig, mich auf einen ausführlichen Disput mit ihnen über die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens, mir ihr Produkt aufzuschwatzen, einzulassen, hatte ich doch mit einem einzigen Blick vier Gründe erspäht, die meine Ignoranz berechtigten und mich aus der Gruppe potentieller Kunden ausschlossen:

1. Auf der gezeigten, blauen Karte hatte ich sofort das TV-Movie-Logo entdeckt. Doch verfüge ich wie bereits erwähnt weder über einen Fernseher, noch über das für eine – überflüssige – regelmäßig erscheinende Fernsehzeitschrift nötige, finanzielle Potential.

2. Sollte mich ich jemals dazu durchringen, dergleichen erwerben zu wollen, wird es bestimmt nicht der Student auf der Straße sein, den ich diesbezüglich zu kontaktieren wünsche.

3. Meine Stimmung war zu gut, um mich mit profanen Dingen wie Fernsehzeitschriften oder Gewinnspielen abgeben zu wollen.

4. Gewinnspiele scheinen das ultimative Köderargument unserer Gesellschaft zu werden. Bloß weil irgendwo zu lesen ist, daß es etwas zu gewinnen gibt, sind Menschen bereit, sich zum Kasper machen oder sich alberne Überflüssigkeiten aufschwatzen zu lassen. Schon längst entwickelte ich eine Abneigung gegen derartige Gewinnspiele und erst recht gegen Menschen, die glauben, mich auf derart primitive Weise für ihre Sache gewinnen zu können.

Und so ging ich weiter, hörte hinter mir die Stimmen der lästernden Prolls und versuchte, meine wenig freundlichen Gedanken nicht in mein allgemeines Wohlsein einfließen zu lassen.

Menschen 18: Zweite Blicke

‚Wie alt mag er sein?‘, frage ich mich und schätze ihn auf 25. Vielleicht auch ein oder zwei Jahre älter. Lange Haare zieren sein Antlitz. Er scheint stolz auf sie zu sein, hat sie mit einem Pomadeprodukt glatt an sein Haupt gepreßt. Lässig fletzt er auf dem Straßenbahnsitz herum, versucht, möglichst locker, cool zu wirken.
Doch seine Metallgestellbrille wirkt hoffnungslos veraltet und seine pomadenhaarumrankten und erstaunlich ausgeprägten Geheimratsecken zerstören jegliche Gesichtsattraktivität und sämtliche Easyness-Bemühungen.

An der Straßenbahntür steht ein Mädel, vielleicht zwanzig Jahre alt. ‚>Drall< wäre ein gutes Wort, um sie beschreiben.‘, denke ich und beschaue die gut gebräunte Haut ihres Bauches, die unter ihrem Oberteil herausschaut. Sie wirkt attraktiv, aber zugleich ziemlich dumm.
Doch in ihrer Hand trägt sie ein dickes Buch, in das sie vor wenigen Augenblicken noch vertieft war.
‚Vielleicht ist sie doch nicht so dumm.‘, überlege ich und freue mich über meinen Irrtum.