Als ich zuletzt Frisbees warf, hießen sie noch Wurfscheiben.
Gute Nacht?
Eine der Eigenschaften, derer ich mich stets ein wenig rühmte [obgleich ich sonst nicht zu Selbstbeweihräucherung zu neigen glaube] ist, daß es mir gelingt, jederzeit, bei jeder Beleuchtung, einzuschlafen – vorausgesetzt, die Umgebung unterbietet eine bestimmte Maximallautstärke [oder überbeitet einen Mindestlärmlevel].
Nacht um vier aufzuwachen und mit Entsetzen zu begreifen, daß es ein Einschlafen vorerst nicht möglich zu sein scheint, verwirrt, erschreckt, mich. Mit krampfhaft geschlossenen Augen werfe ich mich auf meinem Laken umher, vergeblich versuchend, eine geeignete Schlafposition zu finden. Doch das Bett, so man gewillt ist, dieses als eines zu bezeichnen, strotzt vor Unbequemlichkeit. Jedes meiner Kissen stellt einen unangenehmen Überfluß dar, die Bettdecke ein schlafzermürbendes Hindernis. Ich entledige mich der Störenfriede, doch vermag auch so – fröstelnd, ohne weiche Kopfunterlage – nicht in das Reich der Träume zurückzukehren.
Unmutig erhebe ich mich. Lesen? Jetzt nicht. Vielleicht sollte ich aufstehen, sollte ich mich mit Fleiß und Willen ans längst überfällige Werk begeben, vorantreiben, was längst zurückliegt. Träge schüttle ich mit dem Kopf. Kaum bin ich fähig, die Augen offenzuhalten. Meine Konzentrationsfähigkeit liegt unter Null, und der Gedanke, im Laufe des eigentlichen Tages vor Müdigkeit zu keinerlei Tätigkeit fähig zu sein, mißfällt mir.
Ich schalte den Rechner an. Bin ich süchtig?, frage ich mich, durchstöbere da Netz nach neueren Informationen. Wenig befriedigt ziehe ich mich wieder zurück. Was mache ich hier?
Ich bin müde, will eigentlich nur schlafen. Nicht mehr. Nicht weniger. Will nachher erwachen und das Gefühl haben, erholt, entspannt, zu sein, den Tag mit ausreichendem Elan beginnen zu können. Vielleicht lese ich noch ein paar Zeilen.
Doch meine Augen sprechen eine andere Sprache, wollen sich nur schließen, nichts sehen, erkennen. Ich gebe nach, schalte den Rechner aus und schleppe mich ins Bett.
Ein weiterer Versuch kann nicht schaden, denke ich und hoffe verzweifelt, daß der Schlaf mich nun in seine Arme schließen wird.
Gute Nacht.
Kopfurlaub
Ich bin im Urlaub. Zumindest ein Teil von mir, jener, der wahrlich eines Urlaubes bedarf, jener, für den ein urlaub die größte Bedeutung hat: mein Geist.
Wenn ich die Augen schließe, bin ich dort, spüre die Gelassenheit in mir, die Zeitlosigkeit, spüre, wie die Sonne mich auf meinem Leib ausstreckt, wie ich mich in ihre Wärme kuschle. Ich spüre den seichten Wind über salzigen Wellen, den Sand zwischen meinen Zehen. Und ich spüre Ruhe, spüre, daß dies alles ist, was ich benötige: Ruhe, innere Ruhe.
Und ich erinnere mich, entsinne mich jedes Details, nahezu jeden Augenblicks.
Es ist leicht, sich zu erinnern, vollendete ich doch soeben die Abschrift des Urlaubsberichtes: 26.000 Wörter verzaubernder, Vergangenheit, eine detailgetreue Schilderung des Gewesenen.
Der Urlaub war nichts Besonderes, nichts Welbewegendes, gewesen, nichts, was nicht überboten werden könnte. Und doch ist er in diesen Minuten das einzige, was zählt, allgegenwärtig in mir, schillernd und greifbar nah.
Draußen regnet es. Doch ich lächle, erinnere mich vergessener Kleinigkeiten, labe mich an den Bildern in meinem Kopf.
Ich bin im Urlaub. Denn tatsächlich fühlt es sich so an, fühlen sich die vielen Worte, die erquickenden Bilder an, als hätte ich mich entspannt, als hätte ich Zeit gehabt, mich gehen zu lassen, für ein paar Tage alles scheinbar Bedeutsame zu vergessen, zurückzulassen.
Als ich die Augen öffne, scheint noch immer die Sonne. In mir.
Peinlich ist…
… „uniformiert“ mit „uninformiert zu verwechseln…
Weise Worte 7
Liebe gleicht klassischen Theaterstücken:
Die Dramen, Komödien und Tragödien sind stets die gleichen.
Nur das Ensemble wechselt immerfort.
Der morgendliche Wurm im Ohr 30
Keine Träume von merkwürdigen Fischwurmwesen, morastgrün schimmernd, unterarmlang, mit Piranha-Dinosaurierschädel und unpassend abgerundetem Fischschwanz, unter meiner Haut kriechend, meinen Arm mit unansehnlich-beweglicher Wölbung versehend, aus einem Loch im Handgelenk lugend, wieder verwindend, sich stetig regend unter meiner Haut, abstoßend und faszinierend zugleich, von Fachärzten nicht entfernbar, kilometerweit mit mir herumgetragen, sein Kriechen gespürt, gehaßt, seinen Leib durch das Handgelenkloch bemerkend, schimmernd grün, schließlich von Krankenschwestern nebenbei, stehend, mit einer Pinzette entfernt und voll Stolz und Ekel in die Luft gehalten.
Keine Träume, an die ich mich nach dem Aufwachen erinnern konnte.
Nur das übliche Kreissägen-Bohrmaschinen-Geräusch, das längst zum penetranten Wecker mutierte.
Und ein Gedanke:
Die Wörter „hin“ und „her“ sind an und für sich wenig unterschiedlich, bezeichnen sich doch dasselbe, nur eben in verschiedenen Richtungen.
Wie kommt es dann, daß zwischen „hinrichten“ und „herrichten“ Bedeutungswelten liegen…?
Und ein Ohrwurm:
Die Apokalyptischen Reiter mit „Komm“:
„Komm mit mir zum Sinnenbade in eine andere Welt
Du brauchst nicht viel, nur das Leben selbst.“
Ich kann es.
Nach anfänglicher Begeisterung spüre ich das Weichen der Euphorie. Die ersten Grenzen nehmen feste Formen an und äußern sich mit alten, stets unbeantworten Fragen, mit Hindernissen, die zu überwinden ich trotz zurückgelassener Vergangenheit nicht fähig scheine.
‚Versuch es!‘, sporne ich mich an, während ich ausweiche, Neues suche, den Geist beschäftige, um das Denken, das Wissen zu verhindern. Das eigene Dasein platzt vor Möglichkeiten, vor Richtungen, überschwemmt die Gegenwart zugunsten eines besseren Irgendwanns verdrängt, was ist zugunsten dessen, was heute angenehm zu klingen vermag.
Nachsehen hat die Pflicht, das Altbekannte. Nachsehen hat, was nicht weichen will und schon unzählige Male verdreht, verschoben, umgeplant wurde. Nachsehen hat die Barriere, die nur wächst und gedeiht, mir weiterhin die Sicht vergällt, anstatt zu schwinden.
Ein halbleerer Nachmittag massiert meinen Nacken: Beethoven, Joscha Sauer, John Irving, Gitarrenspiel und Kuchen. Ein halbleerer Nacken sticht unangenehm ins Gewissen, macht sich bemerkbar als die Enttäuschung über einen verblassenden Wunsch, über ein schwindenes Ichprojekt.
‚Nein, so einfach werde ich es mir nicht machen!‘, denke ich, weiß ich, gebe nicht auf, werde noch heute, jetzt gleich, auf der Stelle weitermachen, wo ich aufhörte, wo ich verzweifelte, werde mich versuchen, werde mir selbst, meiner Trägheit, meiner Lähmun,g ein Schnippchen schlagen.
„Ich kann es.“, motiviere ich mich – und ignoriere die Gefahr, mich vor mir selbst lächerlich zu machen.
Ich kann es – wasauchimmer es ist.
Zeit für Taten
Es ist nicht leicht.
Einmal den Beschluß gefaßt, mich nicht länger treiben zu lassen, stelle ich fest, daß Barrieren und Hindernisse die Normalität darstellen, daß ich Gründe hatte, meinen bisherigen Weg zu gehen, der stets eine andere Richtung suchte, wenn sich Unebenheiten ankündigten. Jedoch lauert in meinem Geist die Gewißheit, daß die ewige Suche nur zu einem ziellosen Dümpeln in der Gegenwart führte, daß die ewige Unsicherheit mich nicht meines inneren Morasts berauben konnte.
Ich sollte Schritte wagen, fühle, daß ich sollte, fühle, daß es richtig ist. Doch wieder sehe ich mich winden, in Tausend Richtungen gleichzeitig blicken, den Pfad ersuchend, der keine Hindernisse, keine Tücken birgt, jeden, den auch ich zu begehen wagen kann.
Was ich vergesse, ist, daß jede Richtung von mir begangen werden muß, daß ich mich zu spalten habe, daß es nicht ausreicht, mein Gewissen, mein Wissen, mein Streben mit einer Tätigkeit, einem Gedanken, einer Aktion zu füllen. Was ich vergesse, ist, daß die Komplexität meines eigenen Daseins eine Geradlinigkeit der Existenz unmöglich macht – und daß ich mich darüber freuen sollte.
Betrachte ich mein Handeln, so könnte ich lachen, hämisch oder mitleidsvoll, wäre es nicht ich selbst, der agiert, als wäre er zur Starre verdammt, als schnitte einst ein unwilliger Gott ihm beide Hände ab und erfreute sich seines lächerlichen Versuchs, mit zwei nutzlosen Stummeln nach den Sternen zu greifen.
Was will ich? Das ist die Frage, die zu beantworten ich versuchen sollte. Doch ich traue, wage mich nicht, fürchte ich mich doch davor, Details in die Antwort einfließen zu lassen, konkrete Pläne, Ziele und Gedanken, die mir aufzeigen, daß nicht alles plätschernd durch das Jetzt fließt, sondern daß feste, starre, vielleicht unästhetische Dinge darauf warten, von mir angegangen zu werden.
Ich fürchte mich vor dem Kommenden. Doch diese Angst ist nicht neu; länsgt habe ich sie begriffen, ausgemacht, ja eingefangen und umrahmt. Warum bekämpfe ich sie nicht? Warum meide ich noch immer ihr Antlitz, das mich zittern läßt? Warum stelle ich mich nicht mir selbst und gehe, denke, handle?
Eine Antwort ist das Schreiben.
Wenn ich über mich nachdenke, über mich schreibe, erscheint alles klar und einfach. Ich sehe mich aufstehen und dem längst Überfälligen stellen, sehe mich schaffen, finden, als hätte ich das Ziel längst bestimmt. Die Wörter fließen mir aus den Fingern, schenken Mut und ein wenig Vertrauen in mein eigenes Sein.
Doch der Schein trügt, vermag schon der Anblick der Wirklichkeit mich in eine Lähmung, in die altbekannte Stagnation stürzen. Gedankenenden hängen lose in der Luft, und ich wage nicht, sie zu ergreifen. Zwischen Wort und Tat liegen Welten, Abgründe, die mich verharren lassen.
‚So geht das nicht weiter!‘, stelle ich fest, als heute morgen das heiße Wasser auf meinen Körper plätschert.
‚Zeit für Taten!‘, grinse ich in den beschlagenen Spiegel, einen abgedroschenen Wahlkampfslogan imitierend. Tapfer schreite ich in mein Zimmer, dem Kommenden entgegen.
„Dort draußen wartet die Welt.“, flüstere ich mir zu. Die Worte klingen gut in meinen Ohren.
Der morgendliche Wurm im Ohr 29
Jeden Morgen erwache ich mit dem Gefühl absoluter Dringlichkeit, mit einem leichten Erschauern ob der Aufgaben, die vor mir liegen, der Dinge, die ich zu verdrängen, zu vernachlässigen pflege – und mich dadurch zusätzlich belasten.
Das Aufstehen fällt schwer, die Last der Augenlider scheint unerträglich. Nur noch ein paar Minuten Flucht vor dem Künftigen, Flucht vor mir selbst. Nur ein paar Minuten…
Der nervige Wecker verstummte vor wenigen Augenblicken. Erleichtert atme ich auf, starre geistesabwesend an die Decke, genieße die weiche Decke um meinen Leib, die Stille in meinem Zimmer.
Und wieder klingelt es. Leise. Eine Kurznachricht. Neugierig richte ich mich auf, suche nach dem Mobiltelefon, lese und lächle, nähere mich dem Wachsein um ein bedeutendes Stück.
Noch bevor ich meine Augen wieder schließen kann, summt eine Fliege fröhlich durchs Zimmer, setzt sich auf das Regal, pausiert, fliegt weiter. Ich beobachte sie, erfreue mich an ihrem Klang, der mich wachhält.
„Danke.“‚, murmle ich und stehe auf.
P.S.: Der heutige Wurm im Ohr war übrigens Die Ärzte mit „Teenagerliebe“…
Weise Worte 6
Ein Hongsdibongs ist ein retrooptimaler Knuselwupp.