Zugfahrt

Die Landschaft rauscht an den Fenstern vorbei und klingt nach der Musik in meinen Kopfhörern. Um mich füllen Menschen den Wagon mit Wörtern, doch mein Blick klebt in der grünen Ferne, die stumm grüßend vorüberzieht. Blauer Sonnenhimmel hüllt Bäume und Felder in Pracht, und ein Lächeln entwindet sich mir. ,Ich mag es noch immer.‘, denke ich, während ich inmitten eines Kolosses pfeilgleich durch die Landschaft pflüge und zahllose Hiers in meinen Augenwinkeln aufblitzen.

Eine Frau in 80er-Jahre-Glittershirt sucht auf dem schmalen Gang zwischen den Sitzen ihr Gleichgewicht und geht in Richtung Bordbistro. Als wenige Augenblicke später ein Mädchen aus dem Bistro hinaus an mir vorbeigeht, nistet sich ein alberner Gedanke in mir ein: Was wäre, wenn sich die Frau dort hinten in das Kind verwandelte?
Ein Spiel entsteht, und plötzlich verwandeln sich Schnauzbartmänner in Übergewichtsdamen, stolzierende Rentnerinnen in telefonierende Bierflaschenträger, Polizisten mit Pistolen in schwer bepackte Rucksacktouristen.

,Ich mag es noch immer.‘, denke ich, während mich Bildschirm und Kopfmusik von der Masse trennen, in der ich versank.

Dein Parfüm weht vorbei, klebt an einer Fremden, und mir ist, als säße ein Gestern neben mir, reichte mir ein wohliges Sehnen als Geschenk für die Fahrt durch das Jetzt. ,Danke.‘, schmunzle ich und lasse mich von sanftem Erinnern wärmen.

Auf den Sitzen um mich herum hängen Geschichten, und mich drängt es, sie niederzuschreiben, sie zu erzählen, sie unbedeutenden Details zu entlocken und in Worte zu gießen. Plötzlich hat alles Bedeutung, jede Geste, jedes Kleidungsstück, und regungslos lasse ich mich von den Möglichkeiten überwältigen.

,Ich fahre heim.‘, stelle ich irgendwann fest, und auch, dass ich das Wort Heimat noch immer nicht definierte, dass es in seiner Bedeutung schwankt.
,Vielleicht bin ich es selbst.‘, überlege ich und lasse den Zug meine Heimat durch warmes Abendlicht tragen.

Fehmarn

„Hier riecht es nach Algen.“ Der stete Wind trägt die Worte einer älteren Frau zu mir, lenkt meine Blicke nach oben. Dort steht sie, zeigt auf die See hinaus, wo Wellen sich aneinanderschmiegen und die wenigen Sonnenstrahlen zu erhaschen versuchen, die sich zwischen den Wolken durchzwängten. Am Himmel türmen sich graue Berge, doch keiner von ihnen wagt es, Regen zu tragen. Nur Form und Spiel über dem endlosen Tanz der Wellen.

Ich sitze im Sand, hier, wo er allmählich zu Kies, zu Steinen, wird, inmitten der Mulde, die mein Anwesenheit erschuf, einem Abdruck meines Gesäßes, hier am Strand, wo sich irgendwo Bernsteine und vielleicht sogar Perlenmuscheln verbergen, hier, wo innezuhalten ich mir vor einer unschätzbaren Anzahl an Minuten einer Laune folgend gestattet hatte.

Als wolle es mein Wohlbefinden verraten, knistert geleerte Keksfolie in meiner Hosentasche, als ich mich ein wenig aufrichte. Ich schmunzle beim Gedanken, der Welt ein Negativ meines Gesäßes zu hinterlassen, schmunzle über die ungünstige Wahl meines Ruheplatzes unter rauschenden Bäumen, die jeden Sonnenkitzelversuch scheitern lassen, schmunzle beim Gedanken an das Wasser, dessen Kälte bisher nur meine Füße fand – und meine Feigheit, mich tiefer in die am Kiessand leckende Ostsee wagen zu wollen.

Neben mir liegt ein Buch, gerade zwei Tage alt und schon verbraucht, von meinen Augen vollkommen durchforstet, und belädt sich mit neugierigen Sandkörnern, die ich noch Wochen später in meinem Regal entdecken werde. Die mich erinnern lassen werden.

Mein Rücken lehnt an Stein und dankt dem Meer, das ihn jahrhundertelang geduldig von störenden Kanten befreite. Auch mein Fahrrad, zwei Euro pro Tag, beige und jenseits von Schönheit, lehnt an diesem Stein, wartet geduldig auf seinen weiteren Einsatz, auf die restlichen zehn oder fünfzehn Kilometer, die der Tag noch mit sich bringen wird. „Mops“ habe ich es genannt, weil es schwer und klobig ist und mich dennoch klaglos über schmale Feldpfade und windbetoste Landwege trug.

Doch im Augenblick brauche ich es nicht. Im Augenblick sitze ich hier und lausche dem Nachhall, den das Buch in mir hinterließ, lausche dem Rauschen der Wellen, lausche dem Wehen des Windes, lausche dem Knistern in meiner Hosentasche, lausche der Lautlosigkeit meines genießenden Schmunzelns.
Lausche der älteren Frau oben auf dem steinernen Plateau, oben im aufblitzenden Sonnenschein, oben, wo sie ohne konkretes Ziel auf die See hinausdeutet. Das grellrote Leuchten ihrer Allwetterjacke paart sich, lässt nun auch die ihres Mannes erscheinen, der die Worte stumm beantwortet.

„Natürlich riecht es nach Algen.“, sagt er nicht und weist nicht auf den Strand, an dem die Algen sich zu langgestreckten, grünbraunen Bändern sammelten. „Vielleicht ist es aber auch Tang.“, sagt er nicht und kichert auch nicht insgeheim beim Gedanken an Tang-Enten.

Ich kichere an seiner statt.

„Im Westen der Insel gab es das nicht.“, sagt die weibliche Allwetterjacke noch, dann schließe ich meine Augen und lasse den steten Wind meine Gedanken davonwehen.

Die Maus

Die Musik bewegte sich an den Grenzen dessen, was Normalsterbliche als Musik erachtet hätten, und krachte sich schwer und wuchtig durch das Wohnzimmer. Ich saß am Rechner, drückte Tasten und widmete mich zugleich entstehenden Buchstaben und raumbefüllendem Lärm.

Ein Missklang ertönte. In den Wulst aus Klangmonstren hatte sich Unbekanntes eingeschlichen, Fremdes, das mich aufhorchen ließ und die Musik einem raschen Schweigen entgegenwarf. Im Regal knabberte es.

„Eine Maus!“, wusste ich, denn die Vergangenheit war voll mit Augenblicken, in mich ihr rasches Huschen unweit meiner Terrasse erfreut hatte. Selbst das unübersehbare Mäuseloch, das den Boden unweit meiner Gemüsepflanzen zierte, hatte ich stets mit Wohlwollen bedacht. Eine Maus.

Das Knabbern verstummt nicht. Die Musik wartete darauf, wiederbelebt zu werden, doch meine Aufmerksamkeit galt dem vermeintlichen Nagetier, das sich irgendwo zu meiner Rechten niedergelassen hatte und Geräusche in seine Umgebung sandte.

Langsam näherte ich mich. Ordner, technisches Gerät und allerlei Unrat, der sich weigerte, als solcher klassifiziert zu werden, befüllten die einzelnen Regalböden und verhinderten jede Sicht auf das mögliche Pelztierchen.

Ich entfernte den ersten Ordner. Und kreischte.
Ich hatte eine Maus erwartet. Ich mochte Mäuse. Ich bin ein Mann.
Doch ich kreischte wie eine Dreizehnjährige. Nur lauter.

Die Maus lugte unter dem Regal hervor, rannte in Richtung Sofa, kehrte blitzschnell um und huschte erneut unter das Regal. Wo sie blieb. Und keinen Laut von sich gab.

Der Mann in mir fand seinen Weg zurück an die Oberfläche und brachte eine beruhigende Woge Vernunft mit: Die Maus befand sich unter dem Regal. Das Regal stand in der Zimmerecke unweit von Schreibtisch und Sofa. Wenn ich letzteren ihren Kontakt zur Wand stahl, gab es jenseits des Regals keinen naheliegenden Unterschlupf mehr, der attraktiv genug war, um dorthin zu flüchten. Dachte ich. Und schob Möbel durch die Gegend.

Meine bisherige Mäusefangerfahrung beschränkte sich auf fehlende Existenz, und so krallte ich mir zwei Schüsseln, die ich über das Tierchen stülpen wollte, sobald ich es erblickte. Dachte ich. Doch ich erblickte es nicht.

Ich räumte das Regal aus, Stück für Stück, bis ich dahinter sehen konnte, schob es gar von der Wand weg, doch fand keine Maus. Sie hatte hier verweilt, das war offensichtlich. Ein Schokoriegelpapier hatte umfangreiche Zahnbegegnungen erfahren und zierte nun den Teppichboden. Aber die Maus war verschwunden.

Die ermattete Batterie der Taschenlampe half der Suche keineswegs, und dennoch war ich mir alsbald sicher, dass sich die Maus weder im Regal noch darunter befinden konnte. Wo jedoch sie ihr Wesen oder gar Unwesen trieb, vermochte ich nicht zu ahnen.
Ich ließ die Wohnung, wie sie war, und kehrte zum Schreibtisch zurück. Tippte. Hörte Musik.
Sah die Maus.

Diesmal kreischte ich nicht. Die bereitgelegten Schüsseln waren fern, und als ich eine von ihnen in meiner Hand hatte, wusste ich nicht mehr, wo sich der Nager befand. Immerhin entdeckte ich eins: Kein Mäuseloch.
Das Gebäude war gerade einmal 15 Jahre alt, und die wenigen Wände, die ich beschauen konnte, wirkten lochfrei. Wahrscheinlich war mein felliger Mitbewohner neugierig über die Terrassenschwelle geklettert und hatte sich an meiner Anwesenheit erfreut. Und am Schokoladenriegelpapier.

Die untere Etage des Regals war nun leer, ihr Inhalt bevölkerte den Wohnzimmerboden. Die Maus blieb verschwunden.

Als ich die Maus das nächste Mal vernahm, hatte sie sich eine andere Zimmerecke ausgesucht und produzierte dort begeisterte Knabbergeräusche. Ihre Diät konnte ich nicht nachvollziehen, denn dort, neben dem wuchtigen Ikea-Bücherregal, standen nur ein paar Pappen.

Mittlerweile hatte ich die Taktik gewechselt. Die Einfangschüsseln waren Einfanghandtüchern gewichen. Damit wollte ich das Tierchen bewerfen und es mitsamt Handtuch ins Freie befördern. Ein guter Plan. Dachte ich.

Die Maus knabberte. Polystyrol, stellte ich fest. Warum ich auch immer dort eine Polystyrolplatte, „Quietschpappe“ hatten wir sie als Kinder genannt, lagerte. Ich räumte Bücher aus der unteren Etage des Regals und raubte heimtückisch mal wieder jegliche Rückzugsmöglichkeiten. Und nebenbei baute ich Mauern. Mauern aus Büchern. Lückenlos. Dachte ich.

Denn kaum hatte mich die Maus bemerkt, floh sie, schlüpfte durch eine winzige Lücke zwischen den Büchern, rannte am Regal entlang und verkroch sich an dessen anderem Ende.

Ich seufzte, schnappte mir mein Handtuch und begann erneut zu bauen. Höher, enger, präziser. Ein kleines Fort entstand auf dem grauen Teppichboden. Im Regal schloss ich Lücken mit schmalen Büchern. Auch hier war kein Durchkommen. Dachte ich.

Kaum hatte ich die Maus aufgescheut, war sie durch meine Mauern gedrungen und meinem improvisierten Käfig entkommen. Dann hielt sie inne, anscheinend ebenso verdutzt wie ich, aber bevor ich nur daran denken konnte, das Handtuch zum Einsatz bringen, war sie zu ihrem altbekannten Regal zurückgeeilt. Ich hatte keine Chance.

Tage vergingen. An einem sah ich sie, am nächsten nicht. Ich ertappte sie vor der Küchenzeile, deutlich sichtbar in braunem Pelz auf kalten weißen Fliesen. Ich war gerade von der Arbeit heimgekehrt, und sie saß dort, als wüsste sie nicht, dass hier noch jemand hauste. Fast schon gemächlich lief sie zu den Einbauschränken zwängte sich durch eine winzige Lücke und verschwand im Nirwana unter Kühlschrank und Spüle. Dass es mir nichts nützte, das Zierbrett zu entfernen und in die Dunkelheit zu starren, bedarf keiner Erwähnung.

Das Handtuch lag auf der Couch, wartete auf seinen Einsatz, doch ich hatte die Hoffnung aufgegeben, der Maus auf diese Weise beikommen zu können. Sie war nicht nur schnell, sondern passte in jede Lücke, kletterte schneller, als ich zu begreifen imstande war. Ich fühlte mich wie Tom auf seiner endlosen Jagd nach dem unfangbaren Jerry. Erbärmlich.

Am nächsten Morgen lief das Fass über. Ein Apfel war der Tropfen, einer von zweien, die ich in eine Plastiktüte gehüllt in meine Fahrradtasche gelegt hatte, um auf Arbeit Vitamine konsumieren zu können. Doch als ich aufstand und die mittlerweile stets verschlossene Wohnzimmertür öffnete, sah ich es bereits: Vor und in der Tasche klebten zahlreiche winzige Apfelraspelstücke, zu einem großflächigen Muster angeordnet, dessen künstlerischen Aspekt ich nicht abstreiten konnte. Angewidert entsorgte ich das Meisterwerk, entsorgte auch die eine angeknabberte Frucht und freute mich, dass wenigstens die zweite unversehrt geblieben war.

Am Nachmittag fuhr ich zum Baumarkt. Lebendfallen gab es nicht, dafür eine erstaunliche große Auswahl an Tötungsutensilien. Achselzuckend erwarb ich drei.

Falle Nummer 1 bestand aus einem länglichen Pappkarton, an dessen Enden ich Löcher freizustechen hatte. Entlang einer Wand positioniert sollte die Maus ins Innere gelangen, sich dort am Giftköder laben und irgendwo verenden. Keine gute Falle, wenn man es bedachte, denn wer wusste schon, welchen abgelegenen Unterschlupf sich das sterbende Tierchen für seine letzten Atemzüge auserwählte – und wie lange es brauchte, bis der Gestank das Finden des Kadavers erzwang?

Falle 2 und 3 kamen im Doppelpack, ähnelten der klassischen Drahtbügelfalle, doch bestanden aus Kunststoff und einer Feder, die tatsächlich gute Arbeit leistete. Nach zwei Probeversuchen hatte ich keine Lust mehr darauf, mir die Finger von der Falle zerquetschen zu lassen. Einen Köder brachten die Fallen ebenfalls mit. Man musste nur den Deckel entfernen, die Falle spannen, dorthin stellen, wo man die Maus vermutete, und schon würde sie ihren Dienst tun. Dachte ich.

Ich deponierte die Giftfalle hinter das Sofa, in die direkte Bahn zwischen Schreibtischregal und Küchenzeile, auf den kürzesten Weg zwischen zwei ihrer favorisierten Unterschlupfoptionen. Ich traute der Giftfalle nicht und war froh, nur eine einzige gekauft zu haben.

Federfalle 1 stellte ich unter die Küche, direkt neben den Einbaukühlschrank. Dort hatte ich die Maus hineinkriechen sehen, und die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass sie der Falle begegnen und von Hunger oder Neugier getrieben am inkludierten Köder schnuppern würde. Dachte ich.

Die zweite Federfalle stellte ich an das Bücherregal, dorthin wo noch immer mein Bücherfort stand und meine Schmach besiegelte. Vielleicht würde die Maus hier erneut langlaufen. Dachte ich.

Keine der Fallen wirkte.
Meine Überraschung hielt sich in Grenzen. Tatsächlich war ich sogar ein bisschen stolz. Was für eine clevere Maus ich doch bei mir wohnen ließ!

Zwei Tage vergingen. Ich sah die Maus am anderen Ende des Schreibtischs, näherte mich ihr gar mit dem noch immer nicht aufgegebenen Handtuch, doch als sie davonrannte, mich streifte, lag erneut ein Schrei auf meiner Zunge.
Ich hielt ihn zurück.
Gerade noch.

Am Abend opferte ich ein Stück Schokolade. Die Federfallenköder waren offensichtlich nutzlos, doch an die Mechanik glaubte ich noch. Ich klebte kleine Mengen süßer Verlockung auf beide Federfallen und korrigierte sogar die Position der zweiten Falle. Nun stand sie am Schreibtischregal, dort, wo mir das flinke Wesen zum ersten Mal begegnet war.
Wahrscheinlich würde die Maus nur die Schokolade futtern. Dachte ich. Und ging zu Bett.

Der neue Tag erwachte und mit ihm auch meine Neugier. Die Giftfalle prüfte ich schon gar nicht mehr. Sie war nur Gift, keine Falle.

Federfalle 1 unter der Küche war unberührt. Der Köder sah aus wie am Abend, und ich zuckte mit den Schultern. Hätte ja sein können.

In der zweiten Falle lag die Maus. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, was ich sah, doch als ich es erkannte, war es offensichtlich. Die Maus hatte am Köder genascht, die Falle hatte reagiert und ihr das Genick gebrochen. Der Kopf war verschlungen vom Kunststoffmonstrum, und der Rest des winzigen braunen Leibes hing steif und ohne Leben aus seinem Maul.

„Tut mir leid.“, flüsterte ich, ging nach draußen und warf die Falle mitsamt ihrem Opfer in die Mülltonne. „Tut mir leid.“

Kitzeln

Zwei klitzekleine Kapuzineräffchen saßen auf einem dicken Ast und kitzelten sich. Kein normales Kitzeln war das, sondern ein richtiges, großes Kitzeln, eines, das ganzen Körpereinsatz forderte, eines, das krabbelte und streichelte und zwickte und piekste – eben ein richtiges Kapuzineräffchenkitzeln.

Den ganzen Morgen lang kitzelten sich die beiden kleinen Kapuzineräffchen, bis sie irgendwann erschöpft innehielten.

„Weißt du.“, sagte das erste Kapuzineräffchen und war ein wenig außer Atem. „Das alles bringt gar nichts.“
Das zweite Kapuzineräffchen schaute verwundert.
„Ich bin überhaupt nicht kitzlig.“, erklärte das erste Kapuzineräffchen.

„Aber ich.“, rief da das zweite Kapuzineräffchen und stürzte sich erneut auf seinen Freund.
„Und zwar an den Fingerspitzen!“

Am Morgen

„Vielleicht ist es das.“, dachte ich. „Vielleicht ist es das.“

Mein Atem war schwer und stach, als gelte es mich tief und tiefer zu durchbohren. Schweißperlen warteten in den Poren darauf auszubrechen und mir zu entrinnen. In den Oberschenkeln schlummerte Erschöpfung und wuchs langsam zu warmer Blüte.

Doch mein Schritt war leicht, trug mich durch den morgendlichen Wald, in den erste Sonnenstrahlen glitten, um alles Schöne dieser Welt wachzukitzeln. Tropfen des nächtlichen Regens ließen sich tiefensüchtig auf mein Haupt fallen, kühlten meine erhitzte Stirn, während ich meinen Blick auf den steinigen Waldpfad klebte und mich meiner Atemlosigkeit entgegenkämpfte.

Ich lief, und dann stürmte ein Reh aus den Büschen, querte den Pfad und verschwand in weiterem Grün. Sekundenbruchteile später folgte ein zweites Reh, und ein Ruf des Erstaunens fand den Weg hinaus aus meinem Mund.

In den Ästen flatterte es wild, wenn ich mit welkenden Kräften vorübereilte, und das Geröll des Pfades war besät mit kleinen und großen Häuserschnecken, deren Fühler sich vor meinem geräuschvollen Nahen versteckten.

Der Wald war längst erwacht, nutzte mein Hiersein, um sich in atemberaubender Pracht darzubieten, seine Pfade vor meinen stampfenden Schuhen zu öffnen und mich zu umarmen mit sich selbst. Ich wollte lächeln, doch bedurfte nun jedes Atemzuges, jedes Quentchens Morgenluft, dessen ich habhaft werden konnte.

„Vielleicht ist es das.“, dachte ich und erinnerte mich, dass ich noch vor einer Stunde im Bett gelegen und den dezibelreichen Dialogen der schwerhörigen Nachbarin gelauscht hatte. Der Wecker verweilte längst noch in tiefstem Schlummerschlaf, und der Tag sollte erst in später Ferne beginnen. Doch ich war wach, vermochte nicht, das Träumen wiederzufinden, verlor mich im unidentifizierbaren Geräusch nachbarlichen Redens, als wäre mein noch träges Denken imstande, das Fehlende mit Sinn zu füllen.

Und dann war ich einfach aufgestanden, hatte mich mit Musik und Schuhen, mit Stoff und Zuversicht bekleidet und war in die Stille des Außens aufgebrochen, um meinen Atem zu verlieren und salzige Feuchte auf meine Stirn zu laden.

„Vielleicht ist es das.“, dachte ich. „Nicht zwischen Gram und Trägheit zu versinken, sondern Gelegenheiten zu erkennen, zu ergreifen und ihnen Schönheit zu entdecken. Den Schädelschalter umzulegen und die Perspektive zu ändern.“

„Vielleicht ist es das.“, dachte ich erneut, während mich meine zäher werdenden Schritte in Richtung heute trugen.

Ein Märchen

Es war einmal ein großer und ziemlich dicker Ritter. Schweren Schrittes und heftig keuchend stapfte er durch den finsteren Wald auf der Suche nach dem bösen Drachen, der die Prinzessin entführt und in der Drachenburg eingekerkert hatte. Schweiß troff ihm unter dem Helm hervor, und die klobige Ritterrüstung kniff in seinen voluminösen Bauch. Außerdem hatte er Hunger, und das bereits seit Stunden. Nicht nur einmal hatte er sich erschrocken, als plötzlich aus dem Nichts ein tiefes Grollen erklang, und war jedes Mal ziemlich erleichtert gewesen, dass es sich nicht um den bösen Drachen, sondern nur um seinen leeren Magen gehandelt hatte.
Den bösen Drachen zu töten, würde nicht einfach werden, das war ihm klar. Doch der Lohn war eine Prinzessin, die demjenigen versprochen war, der sie aus den Klauen des bösen Unholds namens Drache befreite.
Und genau das hatte er vor. Zumindest, wenn er seinen Hunger gestillt hatte. Die letzte Mahlzeit lag schon diverse Stunden zurück, hatte ungefähr dann stattgefunden, als er festgestellt hatte, endgültig die Orientierung verloren zu haben.
Der Ritter schnaufte unter seinem metallenen Visier und setzte seinen Weg fort. Er würde es schon schaffen. Bisher hatte er es immer geschafft.
Auf dem Boden lag ein Stück Brot.
Der große und ziemlich dicke Ritter hielt inne: Da, direkt vor seinem metallenen Stiefeln lag es Stück Brot, sah frisch und lecker aus und schien geradezu nach ihm zu rufen. Es war nicht groß, würde in einem einzigen Happs in seinem Hals verschwinden, ohne überhaupt gekaut worden zu sein, doch da drüben, ein paar Schritte weiter, lag ein weiteres. Und dahinter noch eins. Und dort, ganz weit hinten, ein weiteres.
Der dicke Ritter sah sich um. Normalerweise aß er nicht einfach, was auf dem Boden lag, zumindest nicht sehr oft. Doch niemand sah zu, und sein Magen bereite sich gerade auf weitere intensive Knurrgeräusche vor. Keuchend und ächzend bückte sich der Ritter, hob das kleine Brotstückchen auf und warf es sich in den Mund. Vorsichtig kaute er, schmatzte vergnügte, als erst Rinde, dann fluffige Brotinnere seine Zunge berührte. Vermutlich hatte er noch nie so etwas Leckeres verspeist.
Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedachte, befand sich schon das nächste Brotstück zwischen seinen Lippen. Und das übernächste. Und ein weiteres.
Langsam, wirklich langsam, führten die Brotkrumen den großen und ziemlich dicken RItter tiefer in den finsteren Wald hinein, lösten seine Gedanken von der Prinzessin und füllten seinen stets hungrigen Bauch mit teigiger Köstlichkeit.
Er kam nur langsam voran, doch irgendwann vergaß er, den Blick um Himmel zu heben und nach dem bösen Drachen zu suchen, vergaß, wo er hinwollte, vergaß, dass er ein großer und ziemlich dicker Ritter in einer schweren Metallrüstung war, ausgeschickt, um eine Prinzessin aus ihrer Not zu befreien.
Die Spur aus Brot endete abrupt. Kein weiterer leckerer Krumen wartete darauf, den Ritter und seinen Gaumen zu erfreuen, kein weiteres Stückchen lag hinter der nächsten Ecke und hieß ihn mit Köstlichkeit willkommen. Dort war nichts. Nur der Weg, der sich weiter in den finsteren Wald hinein wand. Und dieses merkwürdig aussehende Häuschen.
Der große und ziemlich dicke Ritter hielt verwundert inne. „Das kann doch nicht sein!“, rief er verdutzt. „So etwas gibt es doch nur im Märchen!“ Und bevor das Echo seiner Worte zwischen den Nadelbäumen verklungen war, hatte er sich auch schon in Bewegung gesetzt, rannte nun auf dieses merkwürdige Häuschen zu, das nicht nur so aussah, als würde es jeden Moment zusammenfallen, sondern das auch noch komplett aus Lebkuchen bestand! Die Nase des Ritters täuschte sich nie, und und hatte seinen großen und ziemlich dicken Besitzer samt dessen klobiger und kneifender Rüstung bereits losgeschickt, bevor dieser begriffen hatte, was seine Augen ihm darboten.
Und nun stand er an den Wänden des sonderbaren Lebensmittelhäuschens, riss das Visier seines Helmes nach oben und steckte seine Nase tief in den süß duftenden Lebkuchen. Das war genau das Richtige nach dem kleinen Brotstücken, genau das Richtige, um seinen noch immer schwelenden Hunger zu besänftigen. Ohne lange zu zögern, griff er nach oben und brach einen der lebkuchigen Dachziegel ab und stopfte ihn in seinen riesigen Mund. Wenn das Brot schon lecker gewesen war, hatte er nun Schlaraffenland gefunden.
Der Lebkuchen schmeckte nach Zimt und Honig, nach Kindheit und Sehnsucht, nach Geborgenheit und Erfüllung. Er schmeckte, als bestünde er aus Küssen und Freudentränen, als wäre er Göttern und Prinzessinnen vorbehalten.
Rasch brach er ein zweites, drittes Stück vom Dach ab, riss eine Handvoll aus der Wand, knabberte gar voller Vergnügen am Fensterbrett.
„Hey!“, krächzte eine Stimme hinter der Scheibe, die nur aus Zuckerguss bestehen konnte. „Hilfe!“
Der Ritter erstarrte. Er hatte sich an einem fremden Haus vergangen. Das konnte nicht richtig sein, nicht ehrenvoll, nicht ritterlich. Beschämt bis er noch einmal vom Fensterbrett ab. Vielleicht hatte ihn ja niemand bemerkt.
„Hey!“, krächzte die Stimme erneut, und irgendwie klang sie dumpf. „Ich weiß, dass du da draußen bist und an meinem Häuschen knusperst!“
Der Ritter schwieg. Vielleicht konnte er ja Windgeräusche imitieren und so tun, als seien sein Krach, sein Schmatzen und vergnügtes Stöhnen natürlichen Ursprungs gewesen.
„Und versuche es nicht mit einer albernen Windimitation!“, krächzte die dumpfe Stimme aus dem Inneren der Hütte. „Hilf mir lieber!“
Vorsichtig lugte der große und ziemlich dicke Ritter durch die Zuckerglasscheibe und schluckte die letzten Reste Lebkuchen hinunter. Die Hütte war karg eingerichtet, doch abgesehen von ein paar alten Möbelstücken und einem riesigen Ofen fast völlig leer.
„Ich bin im Ofen!“, rief die dumpfe Stimme aus dem Ofen. „Hilf mir raus!“
Der Ritter zögerte. Vielleicht gab es einen Grund, dass die Stimme im Ofen war. Vielleicht war sie ein Dämon. Oder ein Kobold. Oder gar eine Hexe.
„Du kannst zur Belohnung die Haustür aufessen!“, rief die krächzende dumpfe Stimme, und der große und ziemlich dicke Ritter erstrahlte vor Begeisterung. Die ganze Haustür! Aufessen!
Sofort machte er sich ans Werk. Die Tür war verschlossen, und offensichtlich gab es keinen anderen Weg ins Gebäude. Die Haustür aufzuessen, schien nicht nur die sinnvollste, sondern auch leckerste Lösung zu sein.
Der Ritter zögerte nicht weiter und futterte. Sein immer hungriger Magen füllte sich langsam, sein Bauch schwoll noch ein wenig mehr an, und seine Rüstung wurde ein weiteres bisschen enger. Doch das war egal. Denn der Lebkuchen war lecker, war vielleicht das Wunderbarste, was er jemals gekostet hatte. Und außerdem konnte er jemandem helfen, eine Heldentat vollbringen, Ritterlichkeit vollziehen!
Nur wenige Minuten später hatte er nicht nur die Haustür, sondern auch bedeutende Teile der Fassade und ein halbes Fenster verzehrt und grinste nun wie ein satter, großer und ziemlich dicker Ritter.
„Kannst du jetzt die Ofentür öffnen?“, fragte die krächzende Stimme aus dem Ofen. Sie klang genervt.
„Na klar.“, sagte der Ritter hilfsbereit, obwohl man ihn mit seinem vollen Mund natürlich nicht verstehen konnte. Blitzschnell hatte er die Verriegelung des Ofens gelöst, öffnete die schwere, gusseiserne Klappe und lugte hinein ins Dunkel.
Das Dunkel lugte zurück und sah aus wie eine ziemlich alte und rußige Frau mit ziemlich krummem Rücken. Und auf diesem hockte ein dicker, hässlicher Kater, dessen Fell entweder völlig schwarz war oder eine besonders große Portion Ruß erhalten hatte.
„Danke.“, krächzte die alte Frau, stieg träge aus dem riesigen Ofen und betrachtete ihren Besucher und Retter langsam von oben bis unten.
„Du scheinst ziemlich gut genährt zu sein.“, stellte sie anerkennend fest.
Der große und ziemlich dicke Ritter nickte. Die alte Frau sah unheimlich aus. Nicht wie ein Dämon, nicht wie ein Kobold, aber doch ein bisschen wie eine Hexe. Vor allem der krumme Rücken und der hässliche Kater lieferten gute Hinweise.
„Könntest du kurz in den Ofen steigen?“, krächzte die alte Dame mit dem krummen Rücken und dem hässlichen Kater. „Ich habe da was vergessen.“
Der Ritter zögerte.
„Du kannst auch noch ein Stück Dach essen.“, meinte die alte Dame.
Der Ritter zögerte weiter. Er war mittlerweile ein wenig gesättigt. Von einem Stück Zuckerfenster hätte er sich vielleicht überzeugen lassen, doch nicht von Dachlebkuchen, der ja bereits diverser Witterung ausgesetzt gewesen sein musste.
„Das wäre sehr … ritterlich.“, krächzte die alte Dame und klang fast freundlich. Der Kater miaute, und der Ritter nickte. Ritterlichkeit war immer wichtig.
Er öffnete die Ofenklappe so weit es ging, und stieg hinein. Beziehungsweise versuchte er hineinzusteigen, doch der große und ziemlich dicke Ritter war viel zu groß und zu dick, um auch nur annähernd durch die schmale Ofenöffnung steigen zu können.
Hilflos sah er die alte Frau an. Der Kater auf ihrem Rücken miaute, und wenn der große und ziemlich dicke Ritter nicht gewusst hätte, dass Kater nicht reden können, hätte er wahrscheinlich das Wort „Käfig“ vernommen.
Die alte Frau nickte bedächtig.
„Du hast recht.“, krächzte sie zu ihrem Rücken.
Sie wandte sich erneut an den Ritter.
„Äh. Ich habe mich geirrt. ich denke, es ist doch da drüben drin.“
Sie wies auf eine dunkle Zimmerecke, in der ein mannshoher Käfig aus dunklem, korrodiertem Metall lauerte wie ein wildes Tier, das nur auf den richten Augenblick wartete, jeden zu verschlingen, der sich ihm nähert.
Der große und ziemlich dicke Ritter wies stumm auf die Käfigtür, durch die er sich noch nicht einmal hätte hindurchzwängen können, wenn er sich seiner Rüstung und großen Teilen seines nicht eben kleinen Bauches entledigt hätte.
Die alte Frau seufzte.
„Dann eben nicht.“
Auch der Kater schien ein wenig enttäuscht zu sein.
Plötzlich ertönte ein ohrenbetäubendes Bersten und Krachen von draußen.
„Was ist das?“, wollte der Ritter schon fragen, doch die alte Frau kreischte bereits panisch.
„Das sind die Kinder? Das sind bestimmt die Kinder!“. Sie fuchtelte panisch mit den Armen in der Luft herum. „Sie sind zurück!“
Der große und zugleich ziemlich dicke Ritter verstand die Welt nicht mehr. Doch seine Aufgabe war es, ein Ritter zu sein, und ritterlich zu agieren, bedeutete auch, alte, wehrlose Frauen vor Gefahren jeglicher Art zu schützen, selbst wenn die alten Frauen sonderbar waren und gewisse Ähnlichkeiten zu Hexen besaßen.
Der Ritter stürmte nach draußen. Sein Stürmen war recht langsam und behäbig, weil er nun einmal nicht nur groß, sondern auch ziemlich dick war, doch für seine Verhältnisse bewegte er sich mit enormer Geschwindigkeit. Mit einer für ihn untypischen Eleganz zog er sein riesiges Metallschwert aus der Scheide, in der es bis eben noch unbekümmert gerührt hatte, und hielt es drohend vor seinem Leib. Sollte die Gefahr doch kommen!
Ein riesiges Maul, das nur aus Zähnen und Flammen zu bestehen, senkte sich vom Himmel herab und verschlang den großen und ziemlich dicken Ritter mit einem einzigen Happs, fast so als wäre der riesige Kerl in seiner metallenen Rüstung nichts weiter als ein ein Stück Brot am Waldboden.
Das Maul und sein Besitzer, ein himmelbedeckend großer und unendlich böser Drache, schüttelten sich kurz, dann flappten monströse lederne Schwingen mehrfach kurz auf, und der Drache befand sich über den Wolken.
Majestätisch glitt er durch die Sphären, entriss der Erde sein Gewicht, segelte höher und tiefer, spielte mit Sonnenstrahlen und Windböen, war ein gleißender Blick am Firmament, eine Kreatur vollendeter Anmut.
Der Drache rülpste.
Sein ganzer Leib krampfte sich plötzlich zusammen, seine Schwingen falteten und lösten sich wieder, seine glimmenden Feueraugen schlossen sich wie unter Schmerzen.
,Was ist nur los?‘, wunderte er sich. Der beschuppte Drachenbauch gab Geräusche von sich, die selbst eine kinderfressende Hexe verängstigt hätten. Er blubberte und röhrte, grummelte und zischte, als befände sich in seinem Inneren ein hochaktives Alchemielabor.
Doch in seinem Inneren befand sich nur ein einstiger Ritter, dessen fülliger Leib, inklusive Metallschwert und Metallrüstung, sich allmählich in den tödlichen Magensäften des Drachens aufzulösen begannen.
Der Drache rülpste, und einzelne Funken segelten müde aus seinem zahngefüllten Maul. Keine Flammenstürme, kein Feuerinferno, nur träge Funken, denen das Glimmen schwer zu fallen schien.
,Was ist nur los?‘, wunderte sich der böse Drache und landete auf einem fernen Felsplateau.
Dann explodierte er.

Nicht weit entfernt stand eine schöne Frau mit wallendem, nachtschwarzen Haar und einer Hautfarbe, neben der Schnee bunt gewirkt hätte, im Turmzimmer einer mächtigen Burg und starrte in den Sonnenuntergang. Am Horizont erblühte ein gleißender Feuerball und erlöschte in wuchtiger Detonation, doch sie bemerkte es nicht. Der Apfel hatte bereits zu wirken begonnen, hatte ihr die Sinne geraubt, jedes Gefühl betäubt.
Nun war sie bereit für den bösen Drachen, bereit, von ihm verschlungen, vertilgt, zerschmettert, ja vielleicht sogar geliebt zu werden. Ihr war es egal. Das Gift im Apfel wirkte bereits, lähmte ihre Empfindungen, löschte ihr Denken. Alles war egal. Keine Furcht mehr, keine Zittern und Bangen. Keine enttäuschte Hoffnung mehr, kein Sehnen und Verlangen. Alles egal.
Sie schloss die Augen, setzte sich auf den Strohsack, den der böse Drache ihr als Schlafunterlage hingeworfen hatte, nachdem er sie aus den königlichen Gemächern geraubt und wie ein Tier in diesen Kerker geworfen hatte. Sie hatte Besseres verdient, war sie doch schließlich eine Prinzessin, DIE Prinzessin. Vermutlich suchten dort draußen bereits zahlreiche Ritter nach ihr, bewaffnet mit Schwertern und Morgensternen, mit Äxten und Bögen, willens, dem bösen Drachen den Garaus zu machen, sie aus ihrem Verlies zu befreien und anschließend, wie es ihr Vater versprochen hatte, ihr Gemahl zu werden.
Doch es war egal. Alles war egal.
Es klopfte an der Tür. Die Tür war aus massivem Eichenholz gefertigt, und um sie aufzubrechen, bedurfte es mindestens eines Rammbocks.
„Ich habe den Schlüssel gefunden.“, rief Hänsel von draußen und stocherte damit wild im Schloss herum, bis sich die massive Eichentür mit einem fast schon zärtlichen Klicken einen Spalt weit öffnete.
Seine Schwester lehnte stumm an der Wand, beobachtete das Treiben und schmollte. Sie hatte nicht hierhergewollt, hatte diese mächtige Burg niemals betreten wollen, war zu keinem Zeitpunkt daran interessiert gewesen, wer wohl in diesem enormen und versperrten Turm wohnte. Bestimmt nur irgendeine Prinzessin, die befreit werden wollte.
Es gab nur zwei Dinge, die sie wollte, und eines davon waren Lebkuchen. Leckere, honigsüße, samtweiche Lebkuchen.
Die andere Sache, die sie unbedingt wollte, hatte etwas mit Sprache zu tun, mit Rhythmus, mit Klang. Sie wollte Wörter aneinanderreihen, miteinander verbauen, mit ihnen spielen, sie in hoher Geschwindigkeit zu den abstrusesten Rhythmen in den Äther werfen, wollte beschimpfen und lobpreisen, wollte mit ausgesuchten Reimen von ihrer Kindheit im armen, mutterlosen Elternhaus berichten und kunstvoll über die Vorteile diverser primärer und sekundärer Geschlechtsorgane berichten. Ihr Künstlername würde Unzel sein, das klang mystisch und gefährlich zugleich, und sie würde sämtliche Schankstuben des Reiches mit ihrem Werk erfreuen.
Hänsel wusste nichts davon. Hänsel wusste gar nichts. Er sperrte am liebsten alte Frauen irgendwo ein und junge Frauen irgendwo aus. Und dann heiratete er sie.

Die Prinzessin kam zu sich. Das schmutzige Gesicht eines Jünglings schwebte über ihr wie ein böser Drache, doch dann lächelte es, und die Prinzessin atmete auf. Die Wirkung des Apfels hatte nachgelassen, nur leichte Kopfschmerzen erinnerten an seine betäubende Wirkung.
„Ich habe dich gerettet.“, sagt der Jüngling und hielt triumphierend einen güldenen Schlüssel empor.
Die Prinzessin beschaute sich den Jüngling. Er war mager und schmutzig, doch sah freundlich aus. Zudem roch er ein wenig nach Lebkuchen, was nur ein gutes Zeichen sein konnte. Prinzessinnenrettungen waren immer eine riskante Sache, und sie durfte nicht wählerisch sein. Immerhin war er weder groß, noch dick oder gar in eine lächerliche Metallrüstung gewandet.
„Was ist dem dem Drachen?“, wollte sie wissen.
„Er ist explodiert.“, sagte Hänsel und grinste.
„Nicht schlecht.“, meinte die Prinzessin anerkennend und setzte sich auf. Ein leichter Schwindel überkam sie, dann war alles vorbei.
„Alles in Ordnung, Prinzessin?“, fragte Hänsel, der sich noch immer nicht geschafft hatte, sich oder seine trotzig an der Wand lehnende Schwester vorzustellen. Die Prinzessin nickte tapfer.
„Wird schon gehen.“, sagte sie und stand auf. Ihr langes schwarzes Haar flutete ihren Rücken hinab, und Hänsel seufzte entzückt. Eine derartige Schönheit hatte er noch nie erlebt, noch nie zu erträumen gewagt. Ihre Anmut nahm ihm den Atem. Seine Schwester hätte die richtigen Wörter finden können, hätte sie als strahlend, zauberhaft, elegant, majestätisch, fragil, elfengleich, umwerfend, funkelnd oder sonnensüß bezeichnen können, doch sie stand nur an der Wand und schmollte.
„Du bist so … schön.“, staunte Hänsel und konnte sein Glück kaum fassen.
Die Prinzessin lächelte und betrat somit jene Bereiche märchenhafter Schönheit, bei deren Beschreibung Autoren prinzipiell versagen.
„Wir sollten meinen Vater aufsuchen.“, wisperte die Prinzessin. „Er möge es vermählen.“
Hänsel nickte gehorsam. ,Ich habe wirklich Glück‘, dachte er verzückt. ,Ich bin ein Hänsel im Glück.‘
Sie verließen das karge Turmzimmer, schlossen die Tür hinter sich und schritten ihrem neuen, gemeinsamen Leben entgegen.

An der Wand lehnte noch immer Hänsels Schwester, ein zartes unscheinbares Wesen, das mittlerweile drei Dinge wollte: Lebkuchen, Sprachgesang und den güldenen Schlüssel, den Hänsel in sein neues Leben mitgenommen hatte.
„Schlüssel!“, rief Unzel vom Turm hinab, doch der Turm war riesig, und nicht einmal die Ahnung eines Klangs erreichte Hänsel, der Hand in Hand mit seiner geretteten Verlobten das Burgtor durchquerte und alles Elend hinter sich ließ.
Unzel sah ihm nach, und Tränen standen in ihren Augen.
Sie war eingesperrt, eingekerkert in diesem verdammten Turm, und diesmal würde niemand kommen, der ihr half. Keine großen oder ziemlich dicken Ritter würden nach ihr suchen, Drachen für sie töten oder die elende Eichentür mit Rammböcken zerbersten lassen.
Unzel seufzte.
Und Lebkuchen gab es auch nicht.
Nur einen elenden Strohsack, der vermutlich schon diverse Prinzessinnen vor der letzten beherbergt und mit Ungeziefern beliefert hatte. Ein paar alte Äpfel gab es und eine alte Dose Bohnensuppe. „Magisch“ stand auf dem Etikett, und Unzel schnaubte. Natürlich war sie das.
Sie lief zur Tür. Wenn ein Rammbock die Eichentür kaum zu sprengen vermochte, würde es die simple Armkraft eines ausgemergelten Mädchens erst recht nicht schaffen; dessen war sie sich bewusst. Aber man konnte es ja mal probieren.
Die Tür bewegte sich nicht.
Natürlich.
Unzel lief zur Fensteröffnung. Unterhalb des Fenstersims gab es vor allem Tiefe. Sie hatte die Stufen nicht gezählt, die sie auf dem Weg zum Turmzimmer erklommen hatten, doch bezweifelte sie, dass eine solch immens große Zahl bereits einen eigenen Namen besaß. ,Zwölfundvielzig‘, klang zwar gut, aber nicht einmal ansatzweise ausreichend.
Sie starrte aus dem Fenster. Hinabzuklettern war Wahnsinn. Der Turm war nicht nur hoch, sondern auch glatt.
,Drachenfeuer.‘, vermutete Unzel und überlegte weiter:
,Drachenfeuer, Ungeheuer. – daraus lässt sich was machen.‘
Sie nickte und sah noch einmal hinab. Die Tiefe schrie ihr entgegen, lud sie ein in ihr luftiges Reich.
,Vielleicht, wenn ich ein Seil hätte.‘, überlegte Unzel und blickte sich um. Doch kein Seil war zu sehen.
,Das einzige, was entfernt an ein Seil erinnert, ist mein Zopf.‘, dachte Rapunzel, seufzte enttäuscht und setzte sich auf den Strohsack.
Als Stunden später allmählich Hunger einsetzte, ergriff sie die Dose Bohnensuppe und schmetterte sie immer wieder gegen die Eichentür.
,Einer von beiden wird nachgeben.‘, dachte Unzel und hoffte, dass es die Eichentür war. Doch Eiche ist stur, und bald schon platzte der Decke von der Dose und gab den Inhalt frei.
„Die sind ja riesig!“, staunte Unzel, denn die vermeintliche Bohnensuppe bestand nur aus zwei monströsen Bohnen.
,Magisch.‘, las Unzel noch einmal auf dem Etikett und lachte traurig.

Als sie erwachte, hatte sich etwas geändert. Sie sah sich um. Die Dose Bohnensuppe war leer, vor dem Fenster tummelten sich ein paar Regenwolken und die Eichentür frönte weiterhin verschlossener Sturheit. Alles war wie am Vortag. Und dennoch war etwas anders. SIE war anders.
Sie tastete sich ab. Zwei Arme, zwei Beine. Sogar der Bauchnabel war noch immer vorhanden. Nase, Ohren, Haare, Augen, Haare, Stirn, Haare.
Haare! Überall waren Haare! Über Nacht war aus ihrem schlichten dreckigblonden Schopf ein riesiges Nest, ein wallendes Ungetüm, güldener Haare geworden, ein endloser Strang seidigen Glanzes, der direkt ihrem Haupt entspross.
,Ein Seil!‘, dachte Unzel sofort, und nur wenige Minuten später hing sie an der Außenwand des Turms, durch nichts weiter als ein paar viel zu dünne Haare getrennt von der Erdanziehungskraft.
„Ich kann das schaffen!“, ermutigte sie sich. „Ich bin weder schwach noch funzel – ich bin Rap-Unzel!!“
Zum Glück war gerade niemand da, um zu fragen, was genau „funzel“ war, und so setzte sie ihren Abstieg fort, so weit ihre Haare reichten. Was erstaunlicherweise exakt bis auf den Burghof war.
„Erstaunlich.“, meinte Unzel und verließ die elende Burg des bösen Drachen, ohne nur einmal zum Kerkerturm zurückzublicken.

Den Weg nach Hause kannte sie nicht. Der Weg zum Schloss ihrer zukünftigen Schwägerin war ihr noch fremder. Zum finsteren Wald würde sie sich zurückfinden, doch ihr Wunsch nach Lebkuchen hatte sich irgendwann während des Kletterns verflüchtigt. Nur ein Wunsch war ihr geblieben: Sie wollte ihre Kunst in die Welt hinaustragen, wollte Gasthäuser und Dorfschenken mit Menschen füllen, die allesamt ihrer geschmiedeten Wortakrobatik lauschen würden. Sie wollte den gesamten Planeten mit ihren Wörtern befüllen, wollte ihrerseits befüllt werden mit dem Planeten, Inspiration finden für weitere Werke, wollte wachsen, eins werden mit allem und jedem.
„Hinaus!“, rief sie euphorisch sich selber zu. „Hinaus in die Welt!“
„Vielleicht könnte ich da behilflich sein…“, schnurrte da eine sanfte Stimme hinter ihr. Erschrocken drehte sich Unzel um, doch da war niemand.
„Hier unten.“, schnurrte die Stimme, und Unzel sah hinunter.
Dort unten, direkt vor ihren Füßen, stand ein schwarzer Kater und blickte zu ihr hinauf. Und sie stand tatsächlich. Die beiden Vorderpfötchen waren nach der Menschen Art in die Höhe gehoben, und die beiden hinteren Pfötchen steckten in zwei Stiefeln, die dem Tier viel zu groß zu sein schienen.
„Ich hätte da vielleicht etwas, das dich interessieren könnte…“, begann der Kater erneut.
„Wer bist du?“; fragte Unzel verwirrt.
„Mein Name tut nichts zur Sache. Auch der Umstand, dass ich früher mal berühmt war, als mit drei anderen in einer Band spielte, besitzt keinerlei keine Bedeutung.“ Der Kater stand in seinen viel zu großen Stiefeln und gestikulierte mit seinen vorderen Pfötchen.
„Wichtig ist, dass ich hier etwas habe, das dir gefallen könnte.“
„Und was wäre das? Etwa deine Stiefel?“ Viel mehr hatte der Kater nicht am Leib.
„Genau.“, antwortete der Kater und grinste.
„Und was soll ich mit deinen Stiefeln anfangen?“, fragte Unzel verwundert.
„Es sind besondere Stiefel!“, rief der Kater begeistert.
Unzel schaute ihn skeptisch an. „Sind sie etwa magisch?“
Der Kater nickte. „Oh ja! Magisch!“
Er setzte sich hin und begann die Stiefel, die ihm viel zu groß waren, auszuziehen.
„Du musst wissen, dass ich früher Bestandteil einer bekannten Musikkapelle war. Wir vier waren einander in Bremen begegnet und tourten mit unserem Programm durch die gesamte Welt.“ Der Kater seufzte, tief in seinen Erinnerungen versunken.
„Damit wir schneller von Schenke zu Schenke, von Ort zu Ort, kamen, hatten wir uns diese Stiefel besorgt. Es sind nämlich -“ Seine Stimme wurde zu einen Flüstern. „Siebenmeilenstiefel!“
„Was für Stiefel?“
„Siebenmeilenstiefel!“, erklärte der Kater. „Wenn du diese Stiefel trägst, kannst du mit einem einzigen Schritt sieben Meilen zurücklegen.“
Unzel war beeindruckt.
„Sieben Meilen! Damit wäre ich in Windeseile am nächsten Ort! Und am übernächsten! Und am überübernächsten!“
Der Kater nickte.
„Was willst du dafür haben?“, fragte Unzel euphorisch.
Die Augen des Katers blitzten listig auf.
„Alles, was du besitzt.“
„Alles?“
„Alles.“ Der Kater betrachtete Unzels schmutzige und zerfetzte Kleidung. „Na gut, fast alles.“
Unzel nickte. „So sei es.“

Nur wenige Minuten später besaß Unzel zwei Stiefel, die ihr zu passen schienen, als wären sie für sie angefertigt worden. Der Kater hingegen besaß ein großes Stück Lebkuchen, das so aussah, als wäre es einst Teil eines Fensterbretts gewesen. Dennoch war er nicht unglücklich, denn der Lebkuchen war das Leckerste, was er jemals in seinem Dasein gerochen oder gar gekostet hatte. Zufrieden schnurrte er und schnupperte an der erhaltenen Bezahlung.
Er wandte sich Unzel zu: „Vergiss nicht, dass es einen Trick gibt, um die Stiefel zu benutzen.“
Doch Unzel hörte nicht zu. „Die passen ja wie angegossen!“, rief sie begeistert und schritt davon.
Innerhalb von Sekundenbruchteilen hatte sich ihr linker Fuß um exakt sieben Meilen vom rechten entfernt. Da jedoch Unzels Beinlänge gleich geblieben war, zerriss ihr Körper im Nu und sie verstarb, bevor sich sich auch nur fragen konnte, was mit ihr geschah.
Der Kater seufzte, nahm einen kleinen Bissen vom Lebkuchen und ging davon. Die Siebenmeilenstiefel ließ er zurück. Sie hatten ihm sowieso niemals gepasst.

Nachdem er eine Weile gewandert war, fing es an zu schneien. Kater besitzen ein dickes Fell, und so ein bisschen Schnee hatte ihn noch nie davon abgehalten, seines Weges zu ziehen. Der Schnee nahm zu, doch der Kater ging weiter. Wenige Minuten später hörte es wieder auf, und am Himmel erschein die Sonne. Der Kater wanderte, und gerade, als es wieder zu schneien begann, begegnete er einer alten Dame.
„Ich schüttle gerade meine Bettwäsche aus.“, rief sie vergnügt über den Lärm des beginnenden Schneesturms hinweg.
Der Kater nickte stumm. Hätte er etwas gesagt, hätte er Schnee und Eis in den Mund bekommen.
Die alte Dame schüttelte Kissenbezüge aus, und der Schneesturm wurde intensiver. Es wurde kälter und kälter, doch die alte Dame hörte nicht auf zu schütteln.
Der Kater begann zu frieren, doch es wurde immer noch kälter.
Die alte Dame legte den Kissenbezug beiseite, und das Wetter wurde augenblicklich besser. Dann nahm sie ein Bettlaken und schüttelte erneut. Wieder begann es zu schneien.
„Jetzt reicht‘s!“, knurrte der Kater frierend und sprang der alten Dame auf den Rücken.
„Huch!“, rief sie, und es hörte auf zu schneien.
Der Kater krallte sich tief in ihre Schulter.
„Huch!, rief sie erneut. Der Kater war recht schwer, und die alte Dame krümmte sich ein wenig unter seinem Gewicht.
„Wirst du jetzt ewig dort bleiben?“, fragte sie. Der Kater nickte, und die alte Dame krümmte sich noch ein bisschen tiefer.
„Oje.“, seufzte die alte Dame. „Dann bin ich wohl nicht länger gesellschaftsfähig.“
Sie packte ihre Sachen und zog sich in eine einsame Hütte tief im finsteren Wald zurück. Der Kater, der seine Vorliebe für Lebkuchen entdeckt hatte, bestand darauf, dass die Hütte unbedingt aus leckeren Teigwaren zu bestehen habe. Und so lebte die alte Dame mit ihrem Kater glücklich und zufrieden in einer kleinen, leckeren Hütte im finsteren Wald, bis eines Tages zwei Kinder vor der Tür standen und damit begannen, an ihrem Häuschen zu knabbern.

Ende.

Parkbank

Peter saß auf seiner Lieblingsbank und trank warme Cola aus einer überdimensional großen Flasche. Neben ihm lag eine offene Tüte Sonnenblumenkerne, und hin und wieder griffen seine schmalen Finger hinein, griffen sich ein paar Kerne und warfen sie seinen vergnügt lächelnden Mund.

Zu seinen Füßen warteten Parktauben gurrend auf unverzehrte Reste seiner Sonnenblumenmahlzeit und ließen sich durch meine Ankunft nicht stören. Sehnsüchtig blickten sie immer wieder hinauf zu Peter, hofften sehnsüchtig auf herunterfallende Reste seiner sonnenblumigen Mahlzeit. Doch Peter aß die Kerne ganz, mitsamt ihrer Hülle, und schüttete nur zuweilen einen Schluck der abgestandenen Cola hinterher, die er so liebte.

Ich setzte mich neben ihn und betrachtete die Tauben. Wir kannten uns seit Jahren, und nicht immer bedurfte es gesprochener Worte zwischen uns. Manchmal sagte Stille einfach mehr.

Doch nicht heute.
Das Schweigen war mir unlieb; Fragen lagen auf meinen Lippen und warteten darauf, aus meinem Mundgefängnis auszubrechen.

Peter nahm einen weiteren Schluck Cola, drehte den Kopf und sah mich an.
„Was ist denn los?“, fragte er, und ich begriff mal wieder, warum ich ihn mochte, warum ich es mir gefiel, ihn als Freund bezeichnen zu können.

Weitere Stille legte sich zwischen uns, ließ eine sanfte Windböe durch die Sonnenblumenkerntüte rascheln. Hungrig starrte ich in die Tüte, doch besann mich und setzte zögerlich an, die richtigen Wörter zu finden.
„Glaubst du …?“, begann ich, doch es fiel mir schwer weiterzusprechen. „Denkst du …?“, begann ich erneut. „Meinst du, dass …?“

Peters Augen blitzten vor Freude.

„Glaubst du, dass es Menschen gibt, die mehr sind als Menschen?“, platzte es aus mir heraus. „Menschen, die außergewöhnliche Kräfte haben? Menschen, die keine Menschen sind, sondern irgendwelche Mischwesen? Menschen, die fliegen können? Menschen, die…“

Peter lachte. Er riss den Mund auf und lachte.
Matschige Reste zerkauter Sonnenblumenkerne klebten zwischen seinen Zähnen und schienen ebenfalls zu lachen.

„Also nicht.“, sagte ich leise, während Peter weiterlachte.
Seufzend klaubte ich ein paar Kerne aus der Tüte und flog davon.

schritte

ich spüre meine füße sich bewegen
kies unter den zehen rieseln
harten boden unter der haut

doch kein weg formt sich
kein schritt

ich spüre meine füße sich bewegen
doch sähest du mich
so stünde ich still

keine richtung naht sich
kein ziel

ich spüre meine füße sich bewegen
irgendwo an den enden meiner beine
die im hier verharren

keine grenze werde ich überschreiten
kein ich.

ich hielt die momente zusammen
war dem leben entboren
in deine arme gespült
als wärest du ziel jeder reise

kreise in unseren köpfen
stille worte, wo sie sich fanden
ich hielt die momente zusammen
als bestünde mein lächeln aus sinn.

Ahab – So etwas wie ein Konzertbericht

Meine Sympathien für den Sänger waren innerhalb der letzten Minuten gewachsen. Nicht, weil er plötzlich einen Sinnes- und Selbstbildwandel vornahm, seine offensichtliche Arroganz gepaart mit der Lächerlichkeit seines schädelumspannenden Mobilmikrophons plötzlich abgelegt und das Publikum mit gewinnender Geste für sich gewonnen hätte. Nein, einzig und allein die Band wechselte – und mir ihr der Sänger.

Der jetzige trägt langes blondes Haar, dessen glanzvolle Stärke und schüchterne Locken Rapunzel mit Neid versehen und so manchen Märchenprinzen in euphorische Heldentaten gestürzt hätten. Addiert man noch seine Brille, so will man sich nicht recht vorstellen, dass die Geräusche, die von der Bühne hinab seinem Mund entweichen, tatsächlich Produkt seines Leibes sind.
Denn aus finstersten Tiefen brodeln seine Worte hervor, weben sich mit düsterem Klang in die Mauer aus Wucht, die durch unsere Hörorgane birst, malen farbferne Bilder der Leere. Wogende Weiten breiten sich in meinem Geiste aus, spülen mich fort in einen sogenden Abgrund der Schwere.

Ich lächle, als guttural Silben geformt und in die lauschende, nickende Menge geschleudert werden, schließe die Augen und treibe durch den schwarzen Ozean in mir.

Das Lied verebbt, und ich lasse Blicke schweifen. Meine Gedanken kleben kurz an der klischeemäßig niedrigen Zahl femininer Wesen in der schwarzgewandeten Langhaarmasse, bleiben an dem Mädel hängen, dem ich vorhin noch einen Schokoriegel schenkte, weil ihre Blicke auf meinen ihn beinahe verzehrt hatten. Sie pries mich einen Helden, und sanft und wortarm wehrte ihre trunkenen Dankesbekundungen ab.

Irgendjemand bewirft die Stille mit seinem Musikwunsch. „The Hunt“ möge es sein, und ich frage mich, wie oft auf Iron-Maiden-Konzerten „Fear Of The Dark“ gewünscht wird – obwohl es jedesmal zu hören ist.

Als wieder krachender Klang durch den Äther kriecht, als das Schlagzeughämmern bärtige Köpfe in monotoner Wippbewegung vereint, spüre ich kurze Verwirrung. Denn obwohl das derzeit dargebotene Stück in diesen Augenblicken nur Schlagzeug und Bass, nur Rhythmus und Rhythmus enthält, verfehlt das Wippen meines Vordermanns jeden einzelnen Taktschlag, bewegt sich mit beeindruckender Sturheit irgendwo zwischen dem, was die Bühnenwerker namens Ahab produzieren.

Seine Haare sind zu kurz, um lang zu sein, und zu lang, um noch Frisur genannt zu werden, vielleicht irgendwo auf dem Weg zur Langhaarigkeit stehengeblieben und nicht weiter beachtet. Ich weiche zurück, damit ihr Nicken mich nicht findet und betrachte seine Kutte, die reichlich Lesestoff bietet. Vielleicht, um genügend Platz für sämtliche Lieblingsband-Aufnäher zu haben, wählte er die Weste mehrere Nummern zu groß, was zur Folge hat, dass stets nur wenige Minuten verstreichen, bis er ihre Position an seinem Leib korrigieren muss.

Sein Bart ist gut gepflegt, stelle ich fest, und auch seine Haar wirkt, als wäre es unlängst shampooniert worden. Selbst seine Brille weist keinerlei Klischeefettflecken auf. Dennoch fühle ich mich unwohl, trete einen halben Schritt zur Seite und spähe durch eine Lücke nach vorn, dorthin, wo mit wenigen Bewegungen Kräche erzeugt werden.

Im Publikum ist das Bewegen umso intensiver. Ein entblößter Oberkörper in der ersten Reihe kennt jedes Wort und jeden Schlagzeughieb, wirft seine Tattooarme gen Clubdecke, schlägt sich im Takt kraftvoll gegen die Brust und lässt sein Haar wirbelnd die Musik ummalen.

Meine Blicke drängen sich vorbei an dem glatzigen Kopf, der mit unermüdbarer Stete seine Arme in die Luft sticht, um ein winziges Gerät zu halten, das fortwährend Bilder und zuweilen auch Ton dokumentarisch verinnerlicht. Dass seine Blitzbilder aus dieser Entfernung nur zuweilen gelingen, hält ihn nicht von weiterem Versuchen ab.

Hinter ihm positionierte sich ein Hochgewachsener, dessen Kleidung – beige Hose, graues Shirt – ihn weniger zum Außenseiter machen als seine ständigen verwunderten Blicke auf die Umgebung. Jede einzelne Person wird genauestens gemustert, als gelte es, sich jedes Detail für einen künftigen Abfragetest einzuprägen. Seinem Haupt fehlt es an schüttelbarem Gewächs und seine Faust rammt zusammen mit dem wuchtigen Bass immer wieder nach unten ins Leere, verleiht seiner Teilnahme an dem monströsen Klangbild Ausdruck.

Schräg links von mir befindet sich ein Paar. Paare sind immer wieder erbauliches Anschauungsmaterial, wenn man herauszufinden versucht, wer wen mitbrachte. Bei hiesigem Exemplar ist es offensichtlich der Mann, der durch finstere Klangtiefen zu kriechen sehnte. Seine Freundin hingegen läuft stetig zwischen ihm und einem Irgendwo hin und her, das sie mit schnapsigem Bier versorgt und dennoch nicht imstande ist, ihre Mundwinkel nach oben zu ziehen.

Das Schokoriegelmädel ist in der Masse verschwunden, deren allgemeine Langhaarigkeit eine Geschlechterbestimmung ohnehin erschwert. Meine Aufmerksamkeit schweift über sie hinweg, zurück zur Bühne, dorthin, wo das Dröhnen entspringt, das mich noch immer in stille, fast reglose Begeisterung hüllt. Nur mein Kopf wippt ein wenig, als mich die Woge davonträgt.


Ahab – „The Hunt“