Die Ameise

„Das ist aber ein komisches Ende für eine Geschichte.“
Die Ameise hatte das die dicke Made, die sie bis vor einige Augenblicke noch in Richtung des gewaltigen Ameisenbaus am Rande des Wädchens geschleppt hatte, beiseite gelegt und schnaufte ein wenig
Ich starrte sie an, denn wenn ich eines gut konnte, dann war das, Ameisen anzustarren.
„Was meinst du damit?“, fragte ich verwirrt.
„Deine Geschichte. Sie hat ein komisches Ende.“, erklärte die Ameise ungeduldig.
Vorsichtshalber fragte ich nochmal nach. Wenn ich eines gut konnte, dann war das nachzufragen.
„Welche Geschichte denn?“
„Na, die mit der Ameise, die eine dicke Made beiseite legt, schnauft und freundlich darauf hinweist, dass das Ende der Geschichte komisch sei.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Eine solche Geschichte habe ich nie geschrieben.“, widersprach ich. Wenn ich eines gut konnte, dann war das, Insekten zu widersprechen.
„Ach, stimmt ja.“, sagte die Ameise, hob schnaufend die dicke Made hoch und drehte sich um.
„Wie geht die Geschichte denn aus?“, wollte ich noch fragen, doch da hatte die Ameise mich bereits in den Ameisenhaufen getragen.

Schachtelsatz

Am 25.02. wird laut Fredkalender stets der fetzige Tag der Schachtelsätze begangen.

Einst, und meine Erinnerung, die üblicherweise nicht nur recht selektiv, sondern auch zuweilen lückenhaft und sprunghaft ist, weigert sich, ein genaues Datum oder auch nur Jahr zu spezifieren, trug es sich in einem kleinen Dörfchen, dessen Bewohner, allesamt gutmütiger und froher Gesinnung, dazu neigten, Sauberkeit und Ordnung wertzuschätzen, und sich, unter anderem in jährlich abgehaltenen Wettkämpfen, deren Sieger mit einem kleineren Geldbetrag und einer prachtvollen Gans belohnt wurde, auch gerne gegenseitig darin maßen, wer von ihnen größere Reinlichkeit und Akkuratesse an den Tag legte, zu, dass sich in einer dunklen, jedoch perfekt sauberen und staubfreien Ecke eines Dachbodens, auf dessen blitzblanken Holzdielen man hätte zu Mittag und sogar zu Abend speisen können, eine Schachtel ein wenig bedrängt fühlte von all den ordentlich gestapelten Kisten, Werkzeugen, Möbeln und Gegenständen, die sie zu allen Seiten hin umgaben, ja einschlossen, und es kaum noch schaffte, genügend Luft von und Blick nach draußen zu erhaschen, um sich einigermaßen wohl zu fühlen, was sie, nachdem sie mehrere Wochen lang intensivst gegrübelt und sinniert hatte, zu der Entscheidung brachte, dass es so nicht weitergehen konnte, dass sie, die durchaus hübsch anzusehen war und deren Inhalt, obgleich man ihn auf dem Dachboden verstaut hatte, noch immer nutzvoll und funktionsfähig zu sein schien, sich nicht länger von all dem ordentlich gelagerten Krimskrams um sie herum bedrängen und verstecken, ersticken und belagern lassen wollte, sondern einen Weg finden musste, in die Freiheit, nach der sie sich so lang schon sehnte, zu entfliehen, auch wenn das für eine Schachtel, die natürlich für Immbolilität geschaffen worden war, ziemlich unmöglich zu sein schien, was sie, unsere kleine, liebe Schachtel, jedoch nicht davon abhielt, zu wackeln und zu wippen, zu zittern und zu ruckeln, als gelte es ein Erdbeben, und zwar eines von gewaltiger Intensität, zu imitieren und schließlich, als sie genug Kraft, genug Energie, angesammelt hatte, in einem gewaltigen, ja formidablen, Satz über ihre bedrängenden, erstickenden Nachbarn hinwegzuspringen, kurz zu poltern und schließlich auf den blitzblanken Holzdielen zu landen, die sie mit funkelndem Glanz und angenehmer Leere willkommen hießen, während hinter der mit solch gewaltigem, ja formidablem Satz in die Freiheit gesprungenen Schachtel die Masse der restlichen Gegenstände, die sie soeben noch bedrängt und erstickt hatten, zu jubeln und zu applaudieren begannen, was das denn für ein gewaltiger, ja formidabler, Schachtelsatz, denn genau darum hatte es sich letzlich gehandelt, gewesen war, wodurch jedoch die Dachbodenbesitzerin Frau Finkelfieps, der selbstverständlich, und das sollte nicht vernachlässigt werden, auch der Rest des Hauses gehörte, verwundert geweckt und letztlich dazu gebracht wurde, mitten in tiefster Nacht, während draußen Sterne am Himmel standen, die den Mond liebevoll bewunderten, und drinnen die Dachbodengegenstände noch immer vor Begeisterung über den Schachtelsatz, den sie soeben erblicken durften, tuschelten und raschelten, die Kisten und Werkzeuge und Möbel aufzuräumen, in ihre alte, akkurate Ordnung zurückzubringen, und alles, was sich während des Schachtelsatzes verschoben hatte, wieder in fast schon penibler Präzision an seine althergebrachte Position zurückzustellen, bis ihr Blick auf die vergnügt am Boden sitzende Schachtel, die gerade einen gewaltigen, ja formidablen, Satz hinter sich gebracht hatte und sich nun in ihrer neugewonnenen Freiheit, wie man an ihrem vergnügten Glimmern sehen konnte, äußerst wohl fühlte, fiel, sie die Schachtel öffnete und in ihr, unter einem recht locker sitzenden Deckel, lauter Spielzeuge aus fernster Kindheit wiederfand, die sie fast vergessen hatte und die nicht nur alte Erinnerungen zurückholten, sondern auch Frau Finkelfieps verschlafenem, und wegen des nächtlichen Aufräumens ein wenig missmutigem Gesicht eine Träne, die so warm und weich und sehnsüchtig war, wie es nur Tränen sein können, entlockte, so dass sie nicht anders konnte, als sich direkt neben die Schachtel, die so viel Schönes, Warmes, Vergessenes in sich barg, auf die Holzdielen zu setzen und bis zum Morgengrauen jedes einzelne Spielzeug anzufassen, zu betrachten, zu bewundern und, während Tränen in großer Zahl ihre rosigen Wangen übergossen, in längst verschüttet geglaubten Erinnerungen zu schwelgen, bis sie sich schließlich irgendwann, es waren bereits diverse Stunden vergangen, langsam und seufzend erhob und beschloss, der Schachtel, der längst vergessenen Schachtel, die vorhin noch einen gewaltigen, ja formidablen, Satz hingelegt hatte und die einen so wundervollen Schatz barg, einen besonderen Platz zu schenken, einen Schachtelschatzplatz, hier, direkt am Eingang des Dachbodens, wo die kleine Schachtel atmen und alles sehen konnte – und wo sie von allen gesehen wurde, die den Wunsch verspürten, in fernen Erinnerungen zu schwelgen.

Doof

„Doof!“ Der Rascheligel war sichtlich erzürnt. „Doof! Doof! Doof!“ Sein ohnehin quietschig grelles Stimmchen überschlug sich mehrfach und purzelte beinahe davon. Sämtliche Stacheln des Rascheligels hatten sich aufgerichtet und mehr denn je sah er aus wie ein niedlicher Kaktus. Wie ein zorniger, niedlicher Kaktus, um genau zu sein.
„Doof,“ wiederholte er ein weiteres Mal und pausierte dann trotzig. Irgendwo unter seinem Stachelkleid hatte er vermutlich seine Ärmchen verschränkt, aber so genau konnte man das nie wissen.

„Was genau ist denn so doof?“, fragte das Regenbogenkänguru mit einer Stimme, deren wohliges Dröhnen selbst einen Kolibri beruhigt hätte.
„Nicht was, sondern wer!“, quietschte der Rascheligel, dem heute offensichtlich keineswegs danach war, fröhlich durch Herbstlaub zu rascheln. Er hatte sich in eine Raserei hineingesteigert, aus dem es kein Entkommen zu geben schien. Einzig die butterweiche Stimme des Regenbogenkängurus hielt ihn davon ab, komplett durchzudrehen.

„Wer genau ist denn so doof?“, fragte das Regenbogenkänguru geduldig, und man musste es dafür bewundern, dass es nicht genervt mit den Augen rollte. Noch nicht einmal ein bisschen.
„Naja, diese Leute!“, ereiferte sich der Rascheligel, „Diese doofen Leute, die sich über andere aufregen!“
Das Regenbogenkänguru nickte wissend.
„Und die doofen Leute, die schlecht über andere reden!“, ergänzte der Rascheligel rasch. „Obwohl die anderen gar nicht anwesend sind und sich verteidigen können!“
„Hm.“, brummte das Regenbogenkänguru.
„Das sind die schlimmsten!“, rief der Rascheligel noch, dann verstummte er. Offensichtlich hatte er seinen gesamten Vorrat an Zorn aufgebraucht.

Eine Zeitlang geschah nichts. Ein dicker Käfer krabbelte verträumt durchs Geäst, und an den Baumwurzeln wogten saftige Grasbüschel zufrieden im sanften Frühlingswind. Zeit flog davon, als würde sie gerade nicht gebraucht.

Dann begann das Regenbogen zu sprechen. Zu dröhnen, um genau zu sein:
„Ich rede niemals über andere. Niemals. Weder gut noch schlecht.“
Neugierig hob der Rascheligel das Näschen, und seine Stacheln sanken langsam nieder.
„Immer wenn ich über jemanden rede, erscheint er plötzlich neben mir.“
Das Regenbogenkänguru redete langsam und ruhig. Seine Stirn lag in Falten und sein Blick war ernst. Nur in seinen Mundwinkeln saß noch immer das warme Lächeln, das die Waldbewohner so sehr mochten.
„Wenn ich über eine Maus redete, krabbelte sie mir zum Beispiel plötzlich über die Füße.“
Es ploppte leise, und eine sichtlich verwirrte Muffelmaus krabbelte über die riesigen Füße des Regenbogenkängurus.
„Wenn ich über Schokokuchen redete, tauchte er plötzlich irgendwo auf, als wäre er dort längst gewesen.“
Erneut ploppte es, und der Rascheligel sah verwirrt von dem Stück Schokokuchen auf, an dem er anscheinend die ganze Zeit geknabbert hatte.

„Und wenn du über alles redest?“, fragte der Rascheligel schließlich, nachdem er damit fertig war zu kauen und hinunterzuschlucken. Und dann nochmal abzubeißen, erneut zu kauen und erneut zu schlucken.
„Was passiert, wenn du über alles redest?“, fragte der Rascheligel noch einmal.
„Dann erscheint alles.“, sagte das Regenbogenkänguru.

Es ploppte kurz, und plötzlich war der Wald ziemlich voll.

Winterschlaf

„Vielleicht schläft er ja?“, piepste die klitzekleine Maus und schnüffelte neugierig in der Luft herum. Wenn sie aufgeregt war, schnüffelte sie immer in der Luft herum.

Der dicke Bär schüttelte langsam mit dem Kopf. „Seit über zwei Monaten?“, brummte er fragend. Er brummte immer, wenn er aufgeregt war. Er brummte ebenfalls, wenn er nicht aufgeregt war. Eigentlich brummte er immer. Schließlich war der dicke Bär ein dicker Bär.

„Vielleicht macht er Winterschlaf?“, piepste die klitzekleine Maus vorsichtig und ihre Schnurrbarthärchen zitterten. Wenn die klitzekleine Maus aufgeregt war, zitterten ihr Schnurrbarthärchen immer. Und sie war meistens aufgeregt.

„Menschen machen keinen Winterschlaf.“, erklärte der dicke Bär und gähnte. Die klitzekleine Maus hatte ihn aus seinen Träumen geweckt, hatte gepiepst und ihn mit zitternden Schnurrbarthärchen gekitzelt, bis er sich brummend erhob und sich nach dem Notfall erkundigte. Dem Notfall, den die klitzekleine Maus gerade durchlebte. Dem Notfall, der so notfällig war, dass ein dicker Bär seinen wohlverdienten Winterschlaf unterbrechen musste.

„Vielleicht ist er … gestorben.“, piepste die klitzekleine Maus und wurde noch ein bisschen aufgeregter. Der dicke Bär hob sie hoch und setzte sie zärtlich auf seine Schulter.
„Ihm geht es gut. Das weiß ich.“, brummte er beruhigend.

„Woher willst du das wissen?“, fragte die klitzekleine Maus zögerlich. Der dicke Bär war ihr bester Freund, und wenn er etwas sagte, dann stimmte es immer. Und selbst wenn es nicht stimmte, war es stets beinahe richtig. Zumindest meistens.
„Ich fühle es.“, brummte der dicke Bär. „Ich fühle, dass er in diesem Augenblick irgendwo sitzt und schmunzelt.“

Die klitzekleine Maus hörte auf, in der Luft zu schnüffeln. Sie war fast gar nicht mehr aufgeregt. Wenn der dicke Bär etwas fühlte, dann stimmte das immer. Der dicke Bär hatte sich noch nie verfühlt und war vermutlich der beste Fühler der ganzen großen Welt.

„Hoffentlich schreibt er dann bald wieder eine Geschichte.“, piepste die klitzekleine Maus und kuschelte sich tief in das Fell des dicken Bären. „Die klitzekleinen Geschichten mag ich am liebsten.“

Der dicke Bär nickte langsam und legte sich auf den Boden seiner Höhle.
„Ich bin mir sicher, dass schon bald eine neue Geschichte entstanden sein wird.“, sagte er und lächelte. „Vielleicht sogar eine mit einer klitzekleinen Maus.“

Doch die klitzekleine Maus schlief bereits tief und fest.

Zorn

Schreie branden gegen meine zusammengepressten Lippen, zerbersten tonlos an den Mauern meines Mundes. Ich schlucke sie, presse sie nieder, zerknirsche sie mit stampfenden Zähnen. Drohend ragen mir Wangenknochen aus dem Anlitz, meine Sirn faltet sich in finstere Furchen. Rastlos tasten meine Hände über Tische, Stühle, zitterten begehrlich, erfüllt vom Wunsch nach Zerstörung. Meine Finger formen Fäuste, suchen Ziele, Mauern, Namen.

Mein Mund öffnet sich. Tiefer und tiefer ziehe ich Luft in meine Lungen, schwelle an, lasse sie gehen. Einmal, dreimal. Die wallenden Wogen sinken langsam nieder, meine Finger glätten sich zu sanfter Fläche. Ich halte inne, versuche, unter allen Stürmen mich zu finden, atme.

Eine Frage erreicht mich.

Schüchtern erklimmt ein Lächeln meine Mundwinkel, die Knochen ziehen sich in meinen Schädel zurück. Meine Worte sind ruhig, besonnen, doch nicht frei von Zittern, entschweben den Wirren, die noch immer in mir brodeln.
Langsam kehre ich zurück.
Zu mir.
Zur Welt.

Robbie Williams und ich

Robbie Williams und ich saßen auf einem Stein, der aus den fonflatter-Comics hatte stammen können. Robbie wirkte abwesend, und es scheute mich, ihn auch nur in Gedanken als „Robbie“ zu bezeichnen. Wir kannten uns ja gar nicht, und auch der Umstand, dass ich ihn interviewen wollte, brachte uns nur unwesentlich näher.

Als er zu sprechen begann, verflüchtigten sich meine Bedenken. Er war freundlich und offen, antwortete, ohne dass ich meine Stimme zu einem Fragezeichen erheben brauchte, und auch wenn seine Gedanken niemals völlig bei uns zu sein schienen, plauderten wir eher, als dass wir ein Interview führten.

Ich kann mich nicht daran erinnern, viele Fragen gestellt zu haben, weiß nur, dass kein Zettel auf meinem Schoß lag, keine vorbereiten Stichworte irgendwo in meinem Kopf gespeichert waren, um im richtigen Augenblick auf meine Zunge zu springen. Ich hatte keine Ahnung von dem, was ich tat, war reichlich ungeeignet für meine Aufgabe. Fragen stellte ich generell ungern, mein Interesse für Robbie Williams war gering, und ohnehin erzählte ich viel lieber von mir selber, als dass ich andere aushorchte.

Also erzählte ich. Ich erzählte von meinem geringen Interesse an Popmusik im Allgemeinen, davon, dass ich Take That zwar ganz akzeptabel gefunden hatte, dass sie mich aber nie begeistert und ergriffen hatte und dass auch Robbies Ausstieg für mich frei von Dramatik war. Ich gestand auch freimütig, keine große Ahnung von ihm zu haben, nur eben die Songs kannte, die jeder kennt, und dass ich ihn und sie irgendwie auch mochte und respektierte, aber nicht als bedeutsamer Teil meines Lebens erachtete.

Doch weder er noch ich hielten das für wichtig. Wir redeten über andere Dinge. Ich bewunderte seinen sauber ausrasierten Bart, und er empfahl mir mit überzeugender Begeisterung seinen Rasierer, den Osram X72.

Wir befanden uns auf einem riesigen Platz, und an uns gingen Leute vorbei, die Robbie nicht zu erkennen schienen. Sie waren verschwommen, als fehlte ihnen an Tiefenschärfe, als hätte eine Kamera mit kleiner Blendenöffnung ausschließlich uns fokussiert.

Das Gespräch plätscherte dahin. Ich notierte nichts, lauschte Robbies Erzählungen, glaubte wachsende Verbundenheit zu erkennen und gab selbst ein paar unterhaltsame Belanglosigkeiten zum Besten.

Irgendwann verabschiedeten wir uns, wissend, dass dieses Gespräch nichts bedeutete, und ich wachte auf.

Still

Vielleicht stand ich noch immer still.

Die Welt rotierte träge in ihren Bahnen, als wäre sie ein gewaltiger Mühlenstein, der, einmal in Bewegung gebracht, immer größeres Momentum erheischte, sich drehte, beschleunigte und wild wuchernder Unaufhaltsamkeit bemächtigte. Die Welt rotierte, und abseits ihrer Kreise stand ich in meinem, stand still und hielt inne, stand still und entbehrte mich jeder Bewegung, stand still und war.

Momente schlüpften vorüber, entschwanden meinen sehnenden Blicken, fanden sich, paarten sich, krochen ineinander und bildeten Sekunden, bildeten Stunden, labten sich am Ticken der Zeiger, am allgemeinen Schreiten hinfort, ins Dort, formten Tage und Jahre, Erinnerungen und Vergessen. Leben liefen davon, entwichen meinen greifenden Fingern, während ich, in Stillstand gehüllt, jenseits aller Zeiten verweilte, ausharrte, als gäbe es einen Augenblick, der meiner bedurfte.

Orte blinkten, blitzten, flitzten vorüber, befunkelten Horizonte mit Pracht, bemalten Fernen mit lockenden Silhouetten, mit Bauten und Werken, mit Straßen und Wegen, die sich genüsslich unter schreitenden Sohlen streckten, sich krümmten, an murmelnden Bächen vorbei, wo Geschichten plätscherten und darauf warteten, erlebt zu werden. Doch meine Füße blieben stumm, schenkten keinem Kies ein Knirschen, keinem Blatt ein Rascheln, hielten atlasgleich die Schwere aus, die mein stehender Leib gebar.

Und dann gab es dich, gab es deinen Namen, aus tausend Silben geformt, in jedem Atemzug anders, als wüsstest du nicht, welche deiner Münder meiner Lippen bedurfte, welche deiner Einzigartigkeiten meine Sinne gen Verzücken entführen, dem Jetzt entrauben, wollten. Meine Sehnsucht folgte dir, folgte dem wirbelnden Silber deines Lachens, dem schwebenden Duft deines Haars, folgten den Momenten, die du mit streichelnden Fingern webtest, den Welten, die deine flammenden Gedanken ersonnen. Ich fing dich, verfing mich tiefer in deine Nähe, füllte meine Lungen mit dir, die Winkel meines Gesichts mit deinen Küssen, entriss mich allem Wollen hinein in wärmstes Du, hinein in innigstes Jetzt.

Dein Flüstern verblasste längst, Monde waren hinter unseren Landen erblüht, und Zeiten lagen zerbrochen zwischen Kieseln im Staub. Irgendwann hatte ich aufgehört, mich weiterzudrehen, irgendwann hatten meine Füße jeden Laut vergessen. Der Mühlenstein walzte Furchen in die Ferne, und keine Regung, kein Name, bemächtigte sich meiner.

Vielleicht stand ich noch immer still.

Stromausfall

‚Stromausfall!‘ Schlagartig war ich hellwach, sprang aus dem Bett und eilte zum Sicherungskasten.

Zumindest theoretisch. Die Wirklichkeit jedoch sah anders aus.
6.54 Uhr schaute ich auf das Telefon, das gleichzeitig mein Wecker war. Beziehungsweise hätte sein sollen, wenn ich nicht regelmäßig im Halbschlaf jedes Läuten und Klingeln deaktivieren und mich weiterem Schlummer übergeben würde. Eine Stunde hatte das selbst erwirkte Verschlafen diesmal gedauert, bevor ich die Augen öffnete, das Telefon betrachtete und die Informationen über die augenblickliche Uhrzeit langsam in mein Bewusstsein rieseln ließ. Der Stromausfall lauerte noch irgendwo in den Schatten und wartete hämisch darauf, dass ich ihn bemerkte.

Die Leuchtuhr auf dem Nachttisch schwieg. Keine Ziffer leuchtete verschwommen in meine unbebrillten Augen, nur dämmriges Dunkel hauste in diesem Raum.
‚Stromausfall!‘, dachte ich panisch und rannte zum Sicherungskasten. Zumindest theoretisch.

Die Wirklichkeit jedoch sah anders aus: Noch immer halb in Traumwelten wandelnd vermochte ich zwar, das Fehlen leuchtender Ziffern zu realsieren, doch Hektik in jeder Form lag mir fern. Statt dessen stöpselte ich träge den Stecker der Uhr aus und wieder ein, ohne jedoch eine Zustandsveränderung zu bemerken. Der Uhr fehlte es an willigen Leuchtsegmenten.

Mit mir erwachte allmählich der Forscherdrang. Drei Lichtschalter später, deren Betätigung nur plastenes Klacken, jedoch keinerlei Licht erwirkte, stand ich vor dem Sicherungskasten. Meine Panik schlummerte noch immer tief und fest.

Der fensterlose Korridor wob Dunkel um mich herum, und meine noch immer halbblinden Augen erahnten die Sicherungsschalter eher, als dass sie sie erkannten. Ich legte alle um. Hin und zurück. Schaltete das Licht an. Und stand noch immer im Dunkeln.

Auf dem Nachttisch lag meine Brille bereit, und als sie endlich den Weg in mein Gesicht gefunden hatte, warf ich einen Blick gen Außen. Der Tag näherte sich nur langsam, doch keine Nachbarwohnung schien Licht zu kennen. ‚Stromausfall!‘, nickte ich nun langsam in mich hinein und begab mich ins Bad.

‚Die Kontaktlinsen könnten ein Problem werden.‘, überlegte ich, und würde mir Mühe geben müssen, sie im allgemeinen Dunkel nicht versehentlich dem Boden zuzuführen.
‚Der Fön könnte ein Problem werden.‘, dachte ich, doch verwies mich selbst auf Handtuch und Mütze.
Der Stromausfall versagte darin, mich zu beeindrucken.

Das Wasser war heiß und angenehm. Mich in absoluter Finsternis zu duschen, kümmerte mich nicht. Ob ich nun wegen fehlenden Lichts oder fehlender Sehstärke nichts sah, spielte keine Rolle.
Und auch die Kleidungsstücke, die mir mein gestriges Ich bereitgelegt hatte, hüllten sich problemlos um meinen Leib.

‚Stromausfall.‘, dachte ich, schmunzelte abschätzig und zuckte mit den Schultern.

Im Wohnzimmer leuchtete etwas.
„Strom!“, rief ich überrascht aus. Doch es war nur mein Notebook, das zumindest vorübergehend stromfrei zu arbeiten vermochte. Also kein Strom.

‚Der Tiefkühlschrank könnte ein Problem werden.‘, dachte ich noch, dann erstrahlte das Licht im Korridor.

„Strom!“, rief ich noch einmal, diesmal begeistert. ‚Welchen Schalter sollte ich zuerst probieren?‘, fragte ich mich, aber keiner von ihnen schien große Bedeutung zu besitzen.
‚“Bis auf einen.‘, lächelte ich und kochte mir Tee.

Später, als ich versuchte, mir die Kontaktlinsen in die Augen zu legen, ging mir tatsächlich eine verloren. Für einen Augenblick bedauerte das Fehlen des Stromausfalls.
Er wäre immerhin ein guter Grund gewesen.

Weiß

Wildes Weiß umkreiste mich als Sturmgewand, verschlang des Atems Gewölk und die Klänge meines Lippenschachtes, und jeder meiner Schritte riss eine Kluft in die Wand aus Wirbeln, in den Flockenäther, der mich verbarg.

Mein Außen füllte sich mit Schnee, und bartumrandet öffnete sich ein Spalt des Lächelns in meinem Gesicht, saugte süchtelnd an den Wintern, die ihr frostiges Nahen zelebrierten. Die Himmel waren schwer von Feuchte, und jede Hand, die ich in ins Oben streckte, fing mir Weiß und Lachen. In allem Hier gefror der Tag, und nur mein Schreiten war noch Regung, lief verlangend in die beschwingte Flut verschlingenden Tanzes.

Meine Fußstapfen folgten sich verbergenden Pfaden, gruben sich tiefer ins Jetzt und fanden mich ins Ferne. Dort ließen sie mich gehen, treiben und in die Flockenflut entfliehen.

Winter ward ich, Herz und Lachen, barst in Wind und Wirbel, gebar mich zwischen Liedern wieder, zwischen Stumm und Sturm. Und dann fiel ich nieder, fiel auf Häupter, legte mich still auf Blatt und Nadel, ward zum Mantel der Welt.
Schlafe nun, hauchte ich, und schlummerte selbst, irgendwo, unter Himmeln voller Flocken.

haltlos

ich hatte jeden halt verloren, trieb ichlos im sein, atmete momente aus, als wäre ich ihrer nicht länger würdig. wege meideten meine füße, und alles atmen galt einem du, das sich seiner existenz verwehrte.

mein lächeln grub klüfte, lag schwer und warm auf meinen lippen und harrte hoffend des moments seiner entstehung. mauern wuchsen mir in den augen, und jedes wort war mantel.

zweifel gleißte grell in meine blicke, stille erklamm jeden sinn, und als deine nähe meinen namen hauchte, als dein jetzt dem meinen glich, verweilte ich jenseits des findens, starrte sehnsüchtig ins blinde.

keine kruste riss und barst zu aschefetzen, kein inferno brach wild aus meinen herzen und entflammte welt und seelen, kein träumen, kein rauschen bemächtigte sich meiner, enzog mich allem ich, hinein deine hände.

nichts hielt inne, gefror zu hier und immer, kein anfang glühte sacht zu küssen und keine ewigkeit wob uns ihr reich.

nur dein haar wehte ein willkommen, sang mir einen abschied in den wind, und deine schritte malten zarte muster in die

ferne.