Morgenwurm 56: Vereint

Und dann ist es Abend, später Abend, und meine Augen verweigern sich der Welt. Lider suchen das Unten, und jeder Gedanke kriecht bleiern durch den Schädel.

Dennoch ruft die Tat. Plötzlich, wissend, dass der Tag seinem Ende entgegenflieht, entspinge ich mir selbst, entraube mich dem kommendem Schlaf. So viel ist zu tun, so wenig ward geschafft. Plötzlich bewegen sich meine Hände, Finger wirken Linien, Tasten klappern, weil Buchstaben geschrieben sein möchten. Das Morgen lauert bereits hinter dem Dunkel, und – ach – so viele Vorbereitungen wären noch vonnöten, so viel Heute noch zu befüllen.

In emsiger Geschäftigkeit eile ich umher, verliere mich in Gleichzeitigkeit, erinnere mich, während ich vergesse, und handle, agiere, treibe voran. Alles sollte geschehen, jetzt, hier, bevor mir der Tag entronnen sein wird.

Irgendwann halte ich inne. Die Uhr droht mit rotem Leuchten, und Vernunft ruft mich zwischen Decke und Laken.
Doch noch immer stehe ich nicht still. Ich gedenke meines zukünftigen Ichs, dem Wesen, das morgen nach allzu kurzer Rast neu erstehen wird, gedenke seiner lächelnd und mit einer Spur von Mitleid und beschließe, ihm ein Geschenk zu machen. Ich werde ihm Minuten schenken, überlege ich, vielleicht nur Sekunden, eine Kleinigkeit, doch möglicherweise genug, um die ersten Schritte in das Kommende ihrer Schwere zu berauben.

Und schmunzelnd lege ich mir morgige Kleidung bereit, sortiere sie gar nach der Reihenfolge des Anlegens, wechsle in die Küche, wo ich dem immer näher rückenden Frühstück den Weg bereite, so dass dem morgigen Ich nur wenige Gesten genügen werden, um sich versorgt zu wissen.
Viel zu spät, doch noch immer mit dem Hauch eines Lächelns bestückt, bette ich mich schließlich nieder, schließe die Augen, die das Geschenk des Schlafes rasch und dankbar annehmen.

Der neue Tag beginnt mit lärmender Zeit. Meine Laune schläft noch, meine Sinne meiden jedes Licht. Erst als Heißwasser mich zu wecken beginnt, erwacht auch mein Lächeln. Heimlich danke ich dem vergangenen Ich und schlüpfe in die bereitgelegte Kleidung. Weiterer Dank entströmt mir, als nur wenige Handgriffe später das Frühstück meinen Mund findet und ich mit neuem Lebensgeist beseelt das neue Heute empfange.

Der Tag wird lang, und mein Haupt wird viel zu spät in die vertrauten Kissen sinken. Doch Morgen und Abend wird ein Lächeln vereinen, vom heutigen Ich an das morgige, vom gestrigen Ich an das heutige weitergereicht.

Und zwischendrin entdecke ich das Lied, das seit dem Erwachen in meinen Ohren tönt:

Dead Soul Tribe – „In A Garden Made Of Stones“

zwischen

zwischen atemwarm gehauchten zügen
zwischen lippensüßem rot
zwischen funkelschimmerzähnen
schlummert mir ein wort

als hättest du es ausgesprochen.

zwischen glimmend güldnen rahmensträhnen
zwischen zwei stillen gelegt
zwischen dem du aus dir
und dem ich aus uns
schlummert mir ein wort

als wartete es
auf sich.

Konzentrat

Ich kann mich nicht konzen

Trier klingt für mich ja immer nach niederländischer Hafenstadt. So wie Rotterdam irgendwie nach Dosenfisch klingt. Also metallisch. Haha. Mir fallen auf Anhieb auch nur zwei Metal-Bands aus den Niederlanden ein. Erstaunlicherweise spielen beide Doom-Metal beziehungsweise Sludge, wobei mir einfällt, dass ich immer mal nachschauen wollte, was „sludge“ überhaupt bedeutet. Klingt auf jeden Fall grün und nach Schnecke. Angeblich sind ja Schneckenhäuser logarithmisch gekringelt. Natürlicher Logarithmus, schätze ich. Ich zeichne sie auf jeden Fall immer falsch herum. Andererseits zeichne ich auch sprechende Fledermäuse und Spinnen mit sechs Beinen.  Das wiederum ergibt Sinn, weil Comicmenschen ja meistens auch vier statt fünf Finger pro Hand besitzen. Seitdem irgendwelche Deutschfetischisten „macht Sinn“ als eingedeutschtes Englisch klassifizierten, klingt für mich beides doof: ergibt Sinn und macht Sinn. Überhaupt ist meine Rechtschreibung seit den Reformen mit einer allgemeinen Unsicherheit bestückt. Früher schrieb ich meistens nach Gefühl, heute zweifle ich viel zu oft und frage das Netz. Wow, ein „Früher war alles besser.“-Satz. Demnächst verscheuche ich noch Kinder von meinem Rasen. Tatsächlich wohne ich ja in einer derart ruhigen Gegend, dass vorbeifahrende Autos oder spielende Kinder als störend empfunden werden können. Aber ich habe ohnehin meistens Musik an.  Meistens sogar ziemlich laut, was niemanden zu stören scheint, weil meine Nachbarn entweder abwesend oder schwerhörig sind. Die linke Nachbarin beschwert sich trotzdem, allerdings vor allem, wenn ich dreist über ihren Teil des Rasens laufe. Typisch schwäbisch, denke ich dann. Immerhin muss ich keine Kehrwoche machen. Eine Kollegin ist mietvertraglich dazu verpflichtet, während der Kehrwoche auch in den Mittagspausen heimzukehren und Schnee zu schippen, sobald zwei oder drei Flocken vom Himmel fallen.  Ich mag ja Kokosflocken, wobei ich eigentlich gar nicht weiß, ob die für Fleischvermeider geeignet sind. Gummibären enthalten oft genug Gelatine, das wiederum aus Tierknochen gewonnen wird. Wobei sich eindeutig die Frage stellt, wer auf die Idee kam, Süßspeisen aus Tierabfällen zu kreieren. Klingt eklig, ist aber vermutlich normales menschliches Verhalten. Irgendwie muss man ja schließlich in der Vergangenheit auch herausgefunden haben, welche Früchte und Beeren essbar sind und welche nicht. Himbeeren zu Beispiel. Lecker. Brombeeren, ihre gruftigen Brüder, sind oft weniger süß, aber unweit meiner Wohnung befinden sich ein paar Sträucher,  die zur richtigen Jahreszeit große, saftig-schwarze Beeren präsentieren und mir den Weg zur Arbeit auf das Allerschönste versüßen. Ein paar der Sträucher stehen an der Straße, und ich traue mich nicht, dort zu ernten. Auch früher, als ich noch Meerschweinchen besaß, habe ich den Löwenzahn immer aus den Tiefen von Parks, fernab jeder Straße, geholt, damit die kleinen Tierchen keinen Abgasdreck futterten. Es war immer amüsant, wie sie sich freuten, sobald die mit Löwenzahnblättern gefüllt Plastiktüte in ihrer Nähe raschelte. Später, als sie das Rascheln kannten, war jedes Rascheln, auch in der fernen Küche, Grund für sie, sich auf zwei Beinchen zu stellen und begeistert zu quieken. Bevor ich in den Stimmbruch kam, konnte ich Meerscheinchenquieken nahezu perfekt imitieren. Ich konnte auch ein Geräusch erzeugen, dass ich als „Trillern“ bezeichnete, eine Mischung aus Pfeifen und Schreien, das ich beispielweise dazu nutzte, um aus dem Innenhof heraus meinen Bruder ans Fenster zu locken. Manchmal musste er mir den Wohnungsschlüssel hinunterwerfen, damit es gegenüber unserem Vater nicht so aussah, als hätte ich ihn wieder vergessen. Wenn ich heute in den Waschkeller gehe, habe ich immer Angst, den Schlüssel unterwegs zu verlieren und dann vor verschlossener Tür zu stehen. Deswegen entriegle ich meistens die Terrassentür, um notfalls wieder in meine Wohnung gelangen zu können. Seitdem ich hier wohne, habe ich noch nie den Schlüssel vergessen. Aber ich vergaß bereits, die Terrassentüren zu schließen und durfte nach diversen Stunden Abwesenheit feststellen, dass niemand die Gelegenheit nutzte, um mich zu bestehlen. Oder vielleicht nutzte jemand die Gelegenheit, fand aber nichts Stehlenswertes und ging unverrichteter Dinge. Ich bin einmal in meine eigene Erdgeschosswohnung in einer anderen Stadt eingebrochen, indem ich irgendwo klingelte, aus einem fremden Keller einen Schraubendreher stahl und mit nur vier Schraubenentfernungen das angekippte Küchenfensterchen ausbaute. Seitdem glaube ich nicht mehr an Sicherheit, nur an Gelegenheit. Autos beispielsweise kann man eigentlich offen lassen. Wenn jemand versucht, die Tür zu öffnen, befindet sich in seinem Kopf bereits die Diebstahlidee und der Weg zur mutwilligen Zerstörung einer Autoscheibe ist kurz. Dann lieber die Tür offen lassen. Ich freue mich bei nächtlichen Clubbesuchen ja immer, dass ich schwarze Klamotten trage, weil die nicht gesehen werden, wenn man sie auf dem Fahrzeugboden deponiert. Bei auffälligerer Deponierung wäre vielleicht der Anreiz größer. Womit sich die Frage stellt, wo die Grenze liegt, ab wann also ein Stehlenwollen im Kopf entsteht? Schon bei Lächerlichkeiten wie Schokolade? Ich erinnere mich an im Auto zurückgelassene Schokolade, die in der Sommerhitze schmolz. Regenerierungsversuche im Kühlschrank erwirkten nur die eine komische hellbraun-weiße Verfärbung, die äußerst unappetitlich war und den Schokoladengenuss trotz Geschmacksgleichheit schmälerte. Ohnehin ist komisch, dass etwas Braunes mit „lecker“ assoziiert wird, wo doch Braun entweder Fäkalien oder Faschismus symbolisieren. Ich frage mich ja, was passiert wäre, wenn Hitler nicht Hitler, sondern Bronn oder Kräuter geheißen hätte. Dann wären Heilkräuter verboten. Oder eben Heilbronn. Heilbronn verwechsle ich im Kopf ja immer mit Hildesheim. Genauso wie ich aus irgendeinem Grund immer wieder Rod Stewart und Paul McCartney verwechsle. Oder, wenn ich es ausspreche, Apfel- und Pflaumenmus – obwohl vor meinem geistigen Auge die jeweilige Musfarbe korrekt ist. Dass ich Konstanz und Koblenz verwechsle, ist vermutlich weniger spektakulär. Am Anfang „Ko“ und hinten ein „Z“. Klingt fast wie ein Lied. Koblenz ist wohl die drittgrößte Stadt in Rheinland-Pfalz. Die viertgrößte ist übrigens

trieren.

Morgenwurm 55: Traum

Ich träumte. Der Wecker bemühte sich emsig, mich der Nacht zu entreißen, doch ich träumte, schuf innerhalb zweiminütiger Klingelpausen Halbromane und Skurrilwelten, die mit jedem Weckerläuten einen neuen Anfang fanden.

Also stand ich in irgendeinem Supermarkt an der Kasse, wartete zusammen mit meinem mexikanischen Kollegen M darauf, bezahlen zu können. Hinter M stand B, ebenfalls Kollege, aus Osteuropa stammend. Er hatte sich ein paar bereits braunende Minibananen und Eiskonfekt besorgt und legte seine Waren auf das Transportband. Das Eiskonfekt war nicht verpackt, bestand nur aus einzelnen Konfektstücken, nackt auf das Band geworfen.

Anscheinend hatten wir Mittagspause, doch was sich M und ich zur Nahrungsaufnahme ausgesucht hatten, war auch nicht besser. Angeblich war es Honigmelone, doch auf meinen Traum zurückblickend gestehe ich, dass die Schale viel zu dünn war für eine Melone. Und nicht nur das: Wir hatten von unseren Melonen bereits entscheidende Teile während des Einkaufens verspeist, so dass der freundlichen Kassiererin beim Abwiegen nichts weiter übrig blieb, als zu schätzen. Dass sie mein Melonengewicht verdoppelte, traf es ziemlich genau. Doch sobald ich bezahlen wollte, hatte sich M sich in zwei Personen verwandelt: In Michaela und Ute, auch als @frauenfuss und @UteWeber bekannt.

Michaela lud, offenherzig wie sie nun einmal ist, mich dazu ein, die Mittagspause in Utes Domizil zu verbringen. Nur leise sollte ich sein, denn die beiden Kinder schliefen.

Ich ließ B, Supermarkt und Lärm zurück und betrat die Wohnung. Nach einem kurzen, hellen Eingangsbereich, der mit bunten Elementen gespickt war, die eindeutig auf das Vorhandensein von Kindern hinwiesen, kamen wir in einen Vorgarten. Mein Traum konnte sich nicht entscheiden, ob er gläsern überdacht war oder sich unter freiem Himmel befand. Sicher war, dass auf einem saftiig grünen Wiesenstück eine Matte lag, die schon fast eine Matratze war. Diese wiederum wusste nicht, ob sie eierschalgelb oder himmelblau sein wollte, doch präsentierte sie sich sehr einladend. Ute und Michaela waren bereits vorausgegangen, als der Wecker mal wieder klingelte und den Traum zerriss.

Ich seufzte innerlich und stand auf. In meinem Kopf wartete bereits ein Ohrwurm, mich zu begrüßen

Sentenced – Aika Multaa Muistot

aschenputtel

aschenputtel war ich, schuhe tragend. watete durch grau und öffnete die tür. nacht begehrte einlass, und wieder schüttelte ich mein haupt. ’noch nicht.‘, schwieg ich.

auf dem boden: ein lächeln. ich hob es auf und küsste es wach, als wäre ich prinz. da lag es nun, an mein antlitz geschmiegt. hatte mich gefunden.

wiedergefunden.

Acht Jahre

„Fünfundfünfzig.“, sagst du, und ich starre den Hörer an, als gehörte er zu einer fremden Welt. Weitere Worte dringen durch die Leitung an mein Ohr, doch ich klebe noch immer an der Zahl, verweile bei ihr, unfähig, mein Denken von ihr zu lösen.

Fünfundfünfzig. 55 Jahre wäre er heute alt geworden. Eine Zahl, die fast schön zu nennen wäre, beherbergte sie nicht eine traurige Erkenntnis: Acht Jahre ist es nun her, dass er verstarb. Acht Jahre.

„Wie die Zeit vergeht.“, liegt mir auf der Zunge, doch ich schweige, lasse dich reden, während mein Kopf in Erinnerungen ertrinkt. Sein Grabstein kommt mir in den Sinn, der Friedhof, den als letzte Ruhestätte zu akzeptieren ich nie gelernt hatte, nur ein winziger Garten, angefüllt mit Ruhe, mit Einkehr und Gedächtnis.

Ich erinnere mich an die Nachricht, an den Abend auf Kreta, den ich auf dem schmalen Balkon meines Hotelzimmers ausklingen ließ, daran, wie der Hotelbesitzer von der Straße nach mir rief, wie ich den Hörer des Rezeptionstelefons an mein Ohr presste und die Stimme meines Bruders vernahm. Das kann nichts Gutes bedeuten, wusste ich sofort.

So viele Vergangenheiten stürzen auf mich ein, während du am anderen Ende des Gesprächs bereits das Thema wechselst, während du durch die Gegenwart wanderst und versuchst, nicht allzu viel Innen nach außen dringen zu lassen. Ich höre zu, kommentiere gar, und bin doch fort, erinnere mich an ihn, halte die Tränen in meinen Augen gefangen.

Fluten von Bildern stürzen auf mich hernieder, und ich weiche denen aus, die noch immer schmerzen, noch immer, nach acht langen Jahren. Vorsichtig greife ich nach den anderen, jenen, die gefahrlos sind, jenen, denen ich traue. Ein Schnauzbart, Salmiakpastillen, Simon&Garfunkel. Wieder kommt mir das letzte Schachspiel mit ihm in den Sinn, und ich weiß nicht, ob ich mich wirklich erinnere oder nur wiederhole, was ich einst irgendwo niederschrieb.

Wie viel ging wohl verloren, wundere ich mich, während unser Telefonat in abschließende Grußformeln mündet und schließlich verebbt. Wie viel von ihm weiß ich wohl noch?

Ich weiß, dass ich ihn stolz zu machen versuche, dass ich zuweilen einen Schritt zurücktrete, mich beschaue und frage, ob ihm dies gefallen hätte. Dann sehe ich uns, unsere winzige Familie, und bin erleichtert, nicken zu können. Es hätte ihm gefallen, weiß ich und sehne mich danach, glücklich seinen viel zu dürren Leib zu umarmen, als wäre ich noch immer das Kind, das ich einst war.

Ich weiß, dass ich mich beobachte, mich bemühe, seine Fehler zu vermeiden, dass ich bei jedem Schritt prüfe, ob ich nicht versehentlich in seinen Fußstapfen laufe, dieselbe Route begehe. Es besteht keine Gefahr, sage ich mir in Vernunftmomenten. Ich verstehe ihn, kann ihn begreifen, stelle ich fest, wenn trübe Wogen über mir zusammenbrechen und ich nur noch Flucht zu erhoffen vermag.

„Du siehst ihm ähnlich.“, meinte vor wenigen Tagen irgendwer, und ich nickte nur. Kann sein, dachte ich, kann nicht sein. Ob es gut sei, wollte ich von mir wissen, doch wusste keine Antwort. Vielleicht. Ich bin nicht er. Will es nicht sein. Und freue mich dennoch über den Vergleich.

Die Erinnerungen sind nun tiefer, älter, rühren von Fotos, von Geschichten, nicht aus meinem Kopf. Ich sehe ihn lächeln, uns betrachten und lächeln, sehe ihn Abkürzungen bei Wanderungen finden, stolz Tomatensalat zubereiten, sehe ihn einen Adlerdrachen mit uns steigen lassen.

Ich stürze hinab, und wieder und wieder schiebe ich beiseite, was auf das Kommende deutet, will mich nur an Gutes, an Schönes, erinnern, doch kann nicht länger. Zu viele Zeichen, Bilder, Wörter. Geht weg, denke ich viel zu laut, geht weg!

Ich atme ein. Halte inne. Kehre zurück.

Acht Jahre sind vergangen, begreife ich und sehe mich meiner Wege ziehen, sehe mich Städte wechseln, Menschen lieben, Träumen hinterhereilen und immer weiter voranschreiten, sehe mich, wie ich ihn zurücklasse, dort, unter einem bedeutungslosen Grabstein, wie ich ihn in mir trage, jederzeit, als befürchtete ich, ihn endgültig zu verlieren.

Als die Tränen aus mir herausbrechen, weiß ich nicht länger, wem sie gelten. Ihm, dir, gar mir selbst? Uns allen, entscheide ich, und die Welt verschwimmt vor meinen Augen.

vogelflug

dein name wie ein federflattern
wie wolkennahe schwingen
wie aufgemalt an fernen himmeln
und eingebrannt im blick

er flog davon

mein kinn sank längst zu boden
und riss den blick hinab
kein ohr lauscht fernem flattern
am himmel schweigt dein flug

ich sehe meine füße waten
und vögel gleiten durch das meer
und manchmal ahn ich einen namen
als könnt es deiner sein

doch zwischen hochgeworfnen fingern
ragt in den himmel nur die luft
kein gefieder flüstert schwingen
kein flattern kennt mich noch

dann: die feder

aus hinabgeglittnem himmel
sonnenweich so wolkenzart
füllt den horizont mit flügeln
küsst mir märchenwach den blick.

Straßenmusikant

Es war Samstag. In der Fußgängerzone drängten sich die Menschen aneinander vorbei, suchten Wege durch wimmelnde Massen fort vom letzten Geschäft hin zum nächsten. Überdimensional große Einkaufstaschen stießen grüßend zusammen, bevor sie hinter Mänteln und Hosen und weiteren Taschen verschwanden.

Alle paar Meter hatte sich ein Straßenmusiker positioniert, versuchte, mit Wohlklang oder anderen Attraktionen den Vorbeilaufenden ein wenig Neugier einzuflößen und ein paar glänzende Münzen zu entlocken. Virtuos spielte eine zierliche Dame auf einem monströsen Akkordeon und entlockte ihm die erstaunlichsten Klänge. Musik war das nicht, aber dennoch beeindruckend. Ein Querflöter spielte Bach und gleichzeitig Fußball, präsentierte musikalische Klangkunst und beeindruckende Ballbeherrschung. Irgendwo vernahm ich ein Fagott, nicht schön, aber laut, und ein paar Schritte weiter spielte ein einziger Mann gleichzeitig Schlagzeug, Xylophon und verschieden gefüllte Glasgefäße, während sein Mund in grellem Falsett Melodien auf die Vorbeilaufenden warf.

Ich hielt nicht inne, um zuzuhören, betrachtete nicht die Gruppe mit Lendenschurzen bekleideter Akrobaten, ignorierte das nervige Hupen der gut besuchten Clownsvorstellung inmitten eines Springbrunnens und wich auch dem Pantomimen und seiner unsichtbaren Glasscheibe aus.

Ich schlängelte mich durch die Menschenmassen, suchte ein Geschäft nach dem nächsten auf, um wieder und wieder einen Punkt auf meiner Einkaufsliste abzuhaken. Heute war ich besonders schnell, stellte ich fest, und nach nur 45 Minuten hatte ich fast alle Erledigungen hinter mich gebracht. Nur eine Sache fehlte noch, und schon wollte ich mich auf den Weg begeben, als ich eine Gitarre vernahm. Zwei Töne waren es nur, die ich hörte, zwei zaghaft angezupfte Saiten, und dann nichts mehr.

Ich sah mich um, drehte mich im Kreis, ignorierte Personenmeere und Einkaufstüten, ignorierte Futterstände und Schnellportratierer, ließ meinen Blick schweifen – und fand ihn.

Er war ein Riese, ein monströser Berg Mensch, der sich in einem schlecht beleuchteten Durchgang aufgestellt hatte. Er hielt eine Gitarre in seinen riesigen Pranken, deren beste Zeiten schon vor diversen Dekaden vorbei gewesen waren. Die G-Saite fehlte, doch das schien den Riesen nicht zu stören. Liebevoll, fast streichelnd, berührte er mal diese, mal jene Saite, entlockte ihr einen einzigen Ton, und hielt dann inne, als gäbe er sich mit allen Intensität diesem einen kurzen Klang und seinem kaum vernehmbaren Nachhall hin.

Fast zufällig wirkten Rhythmus und Melodie, und es hatte den Anschein, als spielte er nicht für Geld, nicht für die ignorant vorbeieilende Stadtbevölkerung, sondern für sich selbst, einzig für sich selbst – und vielleicht für die wenigen, die genug Aufmerksamkeit übrig hatten, ihn überhaupt wahrzunehmen.

Denn trotz seiner massigen Gestalt, trotz seiner physischen Imposanz fiel es leicht, ihn zu übersehen. Fast schüchtern hatte er sich an die Wand gepresst, ließ seine ausgewaschenen Klamotten mit ihrem Grau verschmelzen, und hätte sein Instrument nicht hin und wieder einen Ton in die Welt gehaucht, so hätte niemand ihn überhaupt wahrgenommen.

Ein abgegriffener Hut verhüllte sein Haupt, und ein wilder, buschiger Bart ließ von seinem Gesicht nichts erkennen. Sein Mund war irgendwo inmitten des haarigen Gebüschs verschwunden, und ich hatte Mühe, irgendwo auch nur ein Stück Haut wahrnehmen zu können. Alles war Hut und Bart. Und mittendrin gab es zwei smaragdgrüne Augen, die listig funkelten.

Ich trat ein paar Schritte näher an den Riesen heran, versuchte, die Welt und ihr Getöse hinter mir zu ignorieren und ihm zu lauschen, mich seinem Spiel hinzugeben.
Sekundenlang geschah nichts. Dann, ein Ton, fast zitternd in die Luft gemalt, ein einziger Klang, der anmutig meine Ohren streichelte, bevor er verblasste und entschwand. Dann folgte ein weiterer ein dritter, die Ahnung einer Melodie kitzelte meine Sinne, und ich schloss die Lider, presste sie zusammen, um mich mit aller Konzentration der Akustik zu widmen.

Da! Ein weiterer zarter Gitarrensaitenzupfer, ein weiterer Ton, der sich zusammen mit seinen Vorgängern zu einem fragilen Klanggebilde zu formen schien.

Und dann hörte ich den Gesang, ein Gesang, wie ich ihn noch nie zuvor vernommen hatte, ein Gesang, der keine Worte beinhaltete, nur gezwitscherte Töne, hin und wieder ein Trillern, dessen Lieblichkeit so gar nicht zu dem riesigen Menschen mit seiner schäbigen Gitarre passte. Das Zwitschern war leise, leiser noch als das Gitarrenspiel, und ich trat vorsichtig zwei, drei weitere Schritte an den Musikanten heran.

Der Gesang setzte aus, ließ Platz für ein paar mit der Gitarre in den Äther gehauchte Klangtupfer, und begann dann von neuem.

Längst hatte ich meine Augen wieder geöffnet, fast so, als könnte ich die Musik besser wahrnehmen, wenn ich sie auch sähe, wenn ich mich ihr mit sämtlichen Sinnen verschrieb.
Der Mund des Riesen blieb still. Verborgen unter bärtigem Dschungel erkannte ich keine Regung, keine Bewegung – und doch hörte ich die Laute, das liebliche Tirilieren und Zwitschern, das fast vogelartig anmutete, fast so, als befände sich inmitten seines Bartes ein Nest, eine Behausung für winzige Schnabelwesen, die zum Klang der uralten Gitarre ihre Melodien preisgaben.

Das war albern!, dachte ich, doch beobachtete den Kopf des Riesen genau. Hatte da nicht eben etwas im Bartgewäschs geraschelt, sich bewegt? Ich wusste es nicht, konnte es nicht genau sagen. Und fast war es mir egal, war doch diese Musik, dieser Gesang, dieses Gitarrenspiel, vielleicht das Schönste, was ich jemals gehört hatte. Es ergriff mich und trug mich fort, ließ ein Lächeln auf meinen Lippen blühen und legte sich auf meine Sinne, liebkoste sie, als wäre es gehauchter Honig, als wäre es Kuss und Sehnsucht, als wäre es Frühlingssonnenstrahl und das Rascheln herbstiger Blätter, als wäre es Ewigkeit und Anfang.

Ich weiß nicht, wie lang ich dort stand vor dem Gitarre spielenden Riesen, wie lang ich dem Gezwitscher aus seinem Bartgeflecht lauschte, wie lange ich mich in den Bildern verlor, die seine Melodien in mir erweckten, wie lange ich lächelte und genoss, wie lange Freudentränen meine Wangen hinabperlten, wie lange ich innehielt, erstarrt im Angesicht solcher grenzenloser Schönheit, wie lange ich dastand und einfach nur lauschte, zuhörte, die Klänge in mich sinken ließ und wiederum in ihnen versank.

Ich weiß es nicht, doch als ich zurückkehrte, als ich wieder zu Bewusstsein kam, als ich zurückfand in die lärmende, hektische Welt, packte der Riese gerade zusammen, verstaute seine Gitarre in einem schmutzigen, löchrigen Sack und verschnürte ihn. Ich holte einen Geldschein aus der Tasche und legte ihn sanft auf den Pappteller am Boden, auf dem sich bisher nur ein paar Kupfermünzen tummelten. Der Riese nickte mir zu, und seine Augen funkelten fröhlich.

Ich wollte ihm ein Lächeln schenken, doch bemerkte, dass ich längst lächelte, dass ich die ganze Zeit gelächelt hatte. Also nickte ich zurück und drehte mich um.

„Lebewohl.“, sagte der Riese hinter mir, und seine Stimmte dröhnte tief. Ich hörte ein Rascheln, das aus seinem Bart zu kommen schien, ein Flattern wie von winzigen Federflügeln, und dann hatte mich die Masse umherirrender Menschen bereits verschlungen.

,Lebewohl.‘, dachte ich und lächelte noch immer.

teil

nie stand er stumm im menschenwald
als puzzleteil von vielen
war er doch suchend rastlos fern
nach sich nach sinn nach silben

nie war er nur aus fleisch geformt
aus hautgerüst und knochen
versank er doch zu tief zu oft
im innern seines leibes

nie war sein arm gelenk und hand
nur wildwuchs seiner schulter
liebkoste er doch immerfort
mit zehnfach fingerküssen

nie war sein haupt aus haar und kinn
nur ohrenreiches oben
entsprangen ihm doch licht und wort
aus lächelweichen lippen

nie stand er starr im menschenwald
war gleich inmitten gleicher
nur manchmal hält er inne still
träumt weltenteil zu sein.