Gott nervt

Ich bin mir dessen durchaus bewußt, daß ich eine ziemlich profane, undurchdachte und vielleicht gar unsinnige Behauptung von mir gebe, wenn ich bekunde, von Gott, besser: von seinen Vertretern auf Erden, von seinen Anhängern – und auch Gegnern, genervt zu sein.

Es vergeht kein Tag ohne Nachrichten mit Gottbezug, sei es der seit Jahrzehnten währende Israelkrieg, sei es die Frage nach Trennung von Staat und Kirche in der US-amerikanischen Regierung, sei es die Überlegung Kreationismus vs. Evolution, sei die ewige Schuld der Deutschen gegenüber den Juden, sei es der Terrorismus und die mit ihm aufkommende Islamfurcht, sei es der uralte Gedanke, im Namen einer überirdischen Macht Ziele zu verfolgen, sei es die Frage nach der Anzahl der Lügen in der Bibel, sei es die Rede eines Papstes und der daraus entstehende Tumult, seien es dänische Karikaturen und der Diskurs, was Karikaturen denn überhaupt dürfen, sei es die Kritik an der Verfilmung der letzten Tage Jesu, seien es von der Kirche auferlegte Regeln und das absichtlich-provokative Brechen dieser, seien es weltweit entdeckte Toastbrotmarias und weinende Madonnas, sei es das sonntägliche 10-Uhr-Gebimmel unweit meiner Wohnung erbauter Glaubensgebäude, das mich zu kritischen Lärmbelästigungsbemerkungen veranlaßt.

Ich, der sich als Heide bezeichnen würde, weil er nicht keinem Glauben frönt, weil er nicht dem Glauben an sich abzusagen gedenkt, sondern eher pantheistische Ansätze in sich erahnt und Göttliches in allem, auch in sich selbst, sucht, ich, der als Kind nur einem einzigen Krippenspiel beiwohnte, der seiner Erinnerung nach noch nie an einem Sonntagsgottesdienst teilnahm, ich, der Kirchen als kunsthistorisch bedeutsame Objekte aber nicht als Gotteshäuser betrachtet, ich, der all jene Nachrichten aufnimmt, bin genervt.

Mich berühren Gott und Glauben nicht; es erscheint mir absurd, jahrhundertlang Diskussionen über die Echtheit eines Stückes Stoff zu führen, auf dem angeblich das Antlitz Jesu zu sehen sei, absurd, einer Idee folgend unzählige andere als falschgläubig zu bezeichnen und in den Tod [oder auch „nur“ in die Verdammnis] schicken zu wollen, absurd, einer kruden Unsichtbarkeit Tempel zu erbauen, Schriften zu widmen, um welche sich Kriege und Dispute entflammen.

Ich begreife Gottesglaube nicht, kann mich ihm nicht nähern. Und doch ist die Welt getränkt davon, übersättigt von etwas, das ich mit meiner nüchternen Theologie-Unkenntnis nur als „Wahn“ bezeichnen kann.

Ich bin mir dessen bewußt, daß die Mehrheit der auf diesem Planeten Lebenden an höhere Mächte glauben, denen sie ihr Leben anzuvertrauen bereit sind, daß ich kein Recht habe, mich gegen all diese zu stellen und zu behaupten, daß sie falsch liegen, einem Irrsinn aufgesessen sind, der vermutlich unheilbar ist. Und ich möchte mich auch nicht gegen sie stellen, denn tatsächlich ist es eine Art Toleranz, die ich begehre. Ich begreife Gott nicht, den Glauben daran – und daher fühle ich mich außerstande, jene, die Götter suchen und finden, mit herbster Kritik bedecken zu wollen.

Dennoch kann ich mich dem Wunsch nicht entziehen, daß ich allen Gläubigen für einen Moment die Augen öffnen, ihnen für einen Augenblick meine nüchterne Betrachtungsweise ins Herz pflanzen könnte.

Normalerweise ist es ein Leichtes für mich, die Mehrheit zu tolerieren, mich geduldig zu zeigen, selbst wenn das Andersdenkende, Andersglaubende mich Kopfschütteln macht. Ich weiß zu wenig, begreife zu wenig, um mir anmaßen zu können, die totale Richtigkeit gefunden zu haben.

Dennoch gärt es in mir, und jedesmal, wenn Medienvertreter eine neue Konfliktsituation aufdecken, künstlich erweitern, die einem Gottesdisput, einer unbedachten Äußerung, einer unbegabten Zeichnung, entspringt, jedesmal wenn Nachrichten die Folgen dessen zeigen, was angeblich Glaube sein soll, möchte ich aufstehen, die bornierten Schädel gegen Mauern schlagen, auf daß die in ihrer Lächerlichkeit traurigen Gedanken, die albernen Wahnvorstellungen aus ihnen herauspurzeln und im Staub der Nichtigkeit verlorengehen mögen.

Ich begreife, daß Götter eine bedeutende Rolle spielen, doch sind sie nicht Teil meines Denkens. Dementsprechend erachte ich es für durchaus gerecht, mich hin und wieder von allem, was Kirche und Glauben, was Jihad und Religion ist, zurückziehen zu wollen, mein Denken, Wissen, Sehen von all jenem zu befreien, das ich für absurd halte.
[„absurd“ ist nichts Abwertendes, sondern nur ein Ausdruck meines Nichtbegreifens, nahezu gleichbedeutend mit „abstrakt“.]

Doch dergleichen gelingt nicht; die Welt ist voll von Gott und aus Ihm Resultierendem.
„Schweigt!“, möchte ich rufen, „Gott nervt mich!“

Was jedoch wäre eine Welt ohne Gott, ohne den Glauben an Ihn? Unbeachtet dessen, daß ich der festen Überzeugung bin, daß der Mensch den Glauben braucht, daß er diverser Dinge bedarf, um sein Herz, seinen Geist, sein Streben daran orientieren, daran aufhängen zu können, abgesehen davon, daß eine Welt ohne Glauben sicherlich eine trübe wäre: Wäre die Welt ohne Gott ärmer an Konflikten, ärmer an aussichtlosen, ergebnisfernen Disputen, ärmer an Terror, ärmer an Wahn?

Das Traurige ist: Ich bezweifle es. Gott kann mich noch so sehr nerven; sein Fehlen bedeutete nicht, daß die Welt zu einer besseren werden würde. Denn nicht Gott ist es, der Konflikte schafft, Kriege führt, sondern der Mensch, nur er allein in seinem oft blinden Eifer, das vermeintlich einzig Richtige zu tun.

Die Erkenntnis ist nicht neu, war es vermutlich noch nie, doch läßt erahnen, daß eine Welt ohne den mir absurd anmutenden Gotteswahn automatisch einen Ersatz, eine Alternativlegitimation, schaffen würde, um sich weiterhin gesprochenen, geschriebenen oder tatsächlichen Gefechten hinzugeben.

Die vorangegangenen Zeilen klingen in meinen Ohren sehr stark nach Misswahl-Weltfriedenswünschen, nach einer „Seid-Wieder-Llieb-Zueinander“-Mission, nach leider lächerlichem Gutmenschwünschen. Dabei lag mir nichts ferner als ein Traktat zur Weltverbesserung.

Mein Wunsch war es einzig und allein, Ruhe zu haben, Ruhe vor Gott und allem, was mit Ihm zusammenhängt, Ruhe vor einer unsichtbaren Macht, die ich nicht bereifen kann, aber auch nicht begreifen will, Ruhe vor etwas, das in der Form, in der es Religionen weltweit predigen, meiner Ansicht nach unter keinen Umständen existiert, Ruhe vor etwas, das nicht mit meinen Gedanken, mit meinen Überlegungen, mit meinem Weltbild einhergeht – und dennoch omnipräsent jeden Tag meines Daseins bevölkert.

Der Wunsch ist absurd; dessen bin ich mir bewußt. Dennoch wollte ich ihn einmal geäußert haben.

[Im Hintergrund: Dementi – „Zweigefühl“]

8 Gedanken zu „Gott nervt“


  1. „Zuerst da dachte sich jeder, in aller erster Not, damit er auch Kultur hat, seinen eigenen Gott […]“
    by Peter Schilling – „Fehler im System“

  2. Im großen und ganzen hast du Recht, nur finde ich das nicht Gott nervt sondern das drum herum. Ich glaube an Gott, renne aber deswegen nicht ständig in die Kirche, weil diese nicht Gott ist. Gott ist für mich überall. Ich glaube keinem, der mir erzählt, er führt im Namen Gottes, Allahs und was es sonst noch alles gibt, Krieg, Terror usw., nein das ist nur aus Habgier, Macht usw.

  3. faszinierend. vor anderthalb wochen hab ich mich ähnlich geäußert, nannte meinen beitrag nur nicht „gott nervt“, weil, wer für mich nicht existiert, mich nicht nerven kann. aber seine jünger. deshalb heißt mein beitrag: christen nerven.
    /,-)

  4. REPLY:
    Die Überschrift „Gott nervt“ war bewußt provozierend und inhaltlich nahezu inkorrekt gewählt worden. Dein Einwand ist durchaus berechtigt.

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