Neujahrsjogger, die

Alljährlich in den ersten Januartagen anzutreffende Spezies, die der Kälte trotzend den in mehr oder minder trunkenem Zustand gefaßten Vorsatz, im neuen Jahr endlich wieder mehr Sport zu treiben, durch laufartige Bewegungen im morgendlichen oder abendlichen Halbdunkel umzusetzen versucht.
Neujahrsjogger haben eine Lebensdauer von nur wenigen Tagen, bilden sich jedoch zu Silvester wieder nach.

Zwei Beobachtungen

Mein gestriger Tag wurde mit zwei Beobachtungen bestückt, die zwar keine Welten bewegen werden, mich jedoch hinreichend intensiv beeindruckten, daß sie an dieser Stelle Erwähnung finden sollen.

Derzeit in Hessen wohnhaft hatte ich längst festgestellt, daß insbesondere sich auf relativ niedrigen sozialen Schichten Bewegende Dialekten frönen, die mir einiges an innerer Übersetzungsarbeit abzuverlangen pflegen. Die auf meiner Arbeitsstelle beschäftigte Reinigungskraft beispielsweise, die im übrigen meinem erfahrungsbedingten Putzfrauenvorurteil genügt, benutzt nicht nur extrem laute, sondern auch extrem unverständliche Worte, die in meinem Schädel erst mühsam gefiltert werden müssen, bevor sie mit einiger Verzögerung den verstehenden Teil meines Hirns erreichen. Vor allem, wenn sie sich aufregt – und das geschieht erstaunlich häufig -, versuche ich oft vergeblich, Ähnlichkeiten zwischen ihrer und der deutschen Sprache zu entdecken.
Doch ich wäre bereit, derlei kommentarlos hinzunehmen, würde sich erwähnte Reinigungskraft nicht erdreisten, nahezu jede einzelne ihrer Tätigkeiten – und sei es der Weg zur nächsten Tätigkeit – mit einem dezibelintensiven „So.“ anzukündigen, das ihrem hessischen Dialekt genüge tut: Das „S“ ist kein stimmhaftes, so wie es von meinen Lippen perlen würde, sondern ein hartes, stimmloses, fast zischendes. Und das „O“ schwebt nicht gemächlich dahin, als langgezogener Laut, der mehr erwarten läßt, sondern peitscht kurz und kraftvoll auf das voranklingende „S“ ein. „Só!“ tönt es aus dem Mund der Reinigungskraft, wieder und wieder.
„Wer ‚So‘ sagt, weiß nicht weiter.“, lehrte man mich einst im Zuge einer Baustellennebentätigkeit. Doch trifft jene Weisheit, von der ich im übrigen wenig halte [Das hatte ich den den Bauarbeitern natürlich verschwiegen.], in diesem Fall keineswegs zu, wird gar mit ihrem Gegenteil konfrontiert.
Nicht anders erging es mir gestern an einer Tankstelle, die ich zuvor bereits mehrere Male besucht hatte. Dort arbeitet zuweilen nämlich eine blond gefärbte Frau mit erschreckend verbrauchtem Gesicht, die nach jeder Redepause ihren Worten ein „So!“ voranstellt. Selbiges unterwirft sich zwar nicht in gleichen Maßen der hessischen Mundart wie das der Reinigungskraft; dennoch tönt es kurz und barsch in meinen Ohren. „So! Guten Tag.“, „So! Haben Sie eine Payback-Karte?“, „So! Das ist ihr Wechselgeld!“, „So! Die Quittung!“, „So! Auf Wiedersehen.“, … Stehe ich am Ende einer mehrpersonigen Warteschlange, so zerfetzt dieses andauernde „So!“ mein eigentlich gut gefüttertes Nervenkostüm in Windeseile. Gestern hielt ich gar den Tankbetrag abgezählt bereit, um möglichst schnell und „So!“-arm entschwinden zu können. Dennoch wurde ich nicht verschont und überlegte, ob dieses unangenehme „So!“ nur in dieser Gegend üblich sei oder nur mir zufälligerweise derart konzentriert über den Weg lief…

Die zweite Beobachtung betraf mich selbst. In einem Raum zu arbeiten, der mit anderen Menschen, mit Telefonen und piepsendem Gerät befüllt ist, erweist sich insbesondere dann, wenn denkintensivere Aufgaben zu bewältigen sind, als ungut und meiner Konzentration abträglich. Und wenn die mehrere Räume entfernt arbeitende Reinigungskraft ihr Tun möglichst geräuschintensiv auszuführen und durch zahllose „So!“s zu begleiten pflegt, sehe ich mich außerstande, klaren Gedanken nachzugehen, die mein Schaffen voranzutreiben vermögen. Also begann ich, meine Gedanken niederzuschreiben: Was ist mein Ziel? Welche Probleme tun sich auf? Wie sähe eine Lösung aus? Was ist an ihr falsch? Was ist gut daran? usw.
Es ist amüsant zu entdecken, daß diese Niederschrift eine Art Selbstgespräch darstellt, zuweilend fortsetzend mit „Noch ne Frage:“, „Naja…“, „Klingt nicht schlecht.“ oder „So weit, so gut.“ Umso mehr überrascht es mich, daß es mir auf diese Art und Weise wesentlich leichter fällt, mich zu konzentrieren – und auch mal ein paar Sekunden innezuhalten, um in Ruhe [in relativer Ruhe, natürlich; denn es lärmt hier mehr oder weniger überall] nachzudenken. Wichtig ist auch, daß es nahezu uninteressant ist, was ich niederschrieb. Ich benötige das Geschriebene nicht mehr. Denn habe ich es einmal zu Papier gebracht, ist es auch in mir. Die Lösung naht, und wenn ich sie umgesetzt habe, bedarf es meines alten Geschriebsels nicht mehr, weil neue Schwierigkeiten darauf warten, schriftlich festgehalten zu werden.
Dieses System, so antiquiert und verschwenderisch, so langsam und unnötig es zu sein scheint, funktioniert – und erweist sich als effektiver als jede blattlose Grübelei.