Amüsant ist …

… bei einer thematisch anders orientierten Suche festzustellen, daß mein einstiger Praktikums-Betreuer Rodriguez einen außergewöhnlichen Vornamen besitzt:
Stalingrado.

Mogelnde Forscher

Eine US-Studie will herausgefunden haben, daß jeder dritte Forscher mogelt.

Die Erklärung dafür ziehe ich ohne Zögern aus meinem inexistenten Hut. Menschen, insbesondere Forscher, neigen dazu, gegebene Umstände prinzipiell irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten unterordnen zu wollen. Zuweilen sorgt äußerer Druck dafür, manchmal wird aus eigenem Entschluß agiert.

Typisch jedoch ist, daß trotz ausführlicher Fehlerauswertungen nicht alle Ergebnisse in das nachzuweisende Gesetz hineinpassen. Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Schuld bei dem „Ausreißer“ zu suchen, ihn zu ignorieren bzw mit fadenscheinigen Ausreden für nichtig zu erklären. Oder ihn zu akzeptieren und der Gesetzmäßigkeit diverse, besondere Bedingungen beizuordnen, die letztendlich darauf hinauslaufen, daß ein korrektes Ergebnis unter realexistierenden Bedingungen nicht erreichbar ist [Man betrachte nur die Physik, wo die Existenz diverser Gesetzmäßigkeiten die Vernachlässigung möglichst vieler nichtidealer Begleitumstände voraussetzt.].

Forschungen können nur betrieben werden, wenn auf ein Ziel hingearbeitet wird. Einfach in den leeren Raum hineinzuforschen, kann sich niemand leisten. Doch das ergebnisorientierte Denken zieht mit sich, daß ein unerwartetes Ergebnis nicht als zulässig erachtet werden kann – und demensprechend behandelt werden muß.

Fraglich jedoch bleibt eines: Wieso soll man einem Forschungsergebnis Glauben schenken, das beweist, daß man Forschungsergebnissen keinen Glauben schenken sollte?

Menschen 15

Nachdem ich in der Drogerie der älteren, stark geschminkten Dame mit ihrer hochtoupierten Weißhaarfrisur freundlicherweise an der Kassenschlange vorgelassen hatte, ohne daß diese die Tat mittels eines freundlichen Wortes, eines winzigen Lächelns oder auch nur eines einzigen Blickes in meine Richtung gwürdigt hätte, konnte ich nicht umhin, als das Innere ihres Einkaufswagens zu begutachten: Eine Flasche Wein, eine Kerze, eine Karte.

„In tiefster Trauer und Anteilnahme.“, war auf der Karte zu lesen.
Moment! „Trauer und Anteilnahme“?

Ich blickte zu der Dame, deren helle Kleidung keinen Aufschluß über mögliche Trauer gab, deren Miene Desinteresse und Unmut über den auszuführenden Einkauf zeigte. Ich blickte in ihren Einkaufswagen und begriff: Eine schlichte Karte und eine Flasche Merlot für die Kondolenz und eine moderne, aber neutrale, in Grüntönen gehaltene Kerze für das Grab – ein optimales und vor allen Dingen preisgünstiges Rossmann-Universal-Trauerpaket.

Ich gebe zu, Verbitterung beschlich mich bei diesem Gedanken. Aber weder Wein noch Trauerkarten sollten nebenbei in einer Drogerie erstanden werden, bekommt doch dadurch der Anlaß, der Tod eines bekannten Menschen, einen Anstrich von Gewöhnlichkeit, von Alltäglichkeit verpaßt, als wäre – bloß weil immer wieder Menschen sterben – der Tod eines einzelnen nichts besonderes mehr und könne mit dem Rossmann-Universal-Trauerpaket einfach beiseite gewischt werden.

Höchstens 200

„Die Aufgabe
Schreibt uns eine Science-Fiction-Kurzgeschichte, die im Jahr 2015 angesiedelt ist – in 200 Wörtern! Egal, ob Romanze, Thriller, Reisebericht oder Uni-Anekdote – in der Zukunft ist alles möglich!“

So lautet ein Wettbewerbsaufruf [Und ein Aufruf ist es tatsächlich: Man beachte die Interpunktion.] der Zeitschrift UNICUM.
Allein der zitierte Textausschnitt beinhaltet 30 Wörter und verdeutlicht eines: Es ist nahezu unmöglich, die Handlung eines sich in der Zukunft abspielenden Thrillers/Reiseberichts/… zu entwickeln, wenn man sich auf lächerliche 200 Wörter zu beschränken hat – insbesondere wenn man [wie ich] dazu neigt, Details zu erwähnen, synonymartige Aufzählungen benutzen und zuweilen Satzfragmente [unnötig] zu verschnörkeln.

Tatsächlich begann ich bereits, mir Gedanken und Notizen zu einem möglichen Handlungsverlauf zu machen, als ich mich der Wortbeschränkung besann. Ich muß zugeben, schon meine Stichpunkte umfaßten laut Winword-interner Zählung 112 Worte.
Wäre ich so frei, die Stichpunkte zu Sätzen zu wandeln, überträfe ich die vorgegebene 200 mit Leichtigkeit.

Eine zusätzliche Schwierigkeit bildet die Forderung, die Handlung im Jahr 2105 abspielen lassen zu wollen. Allein die Einführung einer – in der Gegenwart unbekannten – Technik würde einen bedeutsamen Teil des Gesamtwortvorrats rauben.
Doch verzichtet man auf derartiges, endet man in unverständlichem Gefasel – oder in einer Geschichte, die ebenso heute oder gestern hätte spielen können.

Ich bestreite nicht, daß es vorbildhaft-gute Kurzgeschichten geben mag, die nur 200 Wörter umfassen, doch bilden diese die erwähnenswerte Ausnahme – und sind mit Wortbeschränkungszwängen sicherlich nicht einfach zu überbieten.

Was mir also verbleibt, ist, entweder mich und mein Schreiben zu verstümmeln, fragend bei den Urhebern nachzuhaken oder meinen Teilnahmewunsch auf Null zu reduzieren.

Vielleicht renne ich aber auch laut fluchend durch den WG-Korridor und zähle die Schimpfworte, die meinem Mund entweichen. Mehr als 200 sollten es allerdings wirklich nicht sein…

P.S.: Dieser Text umfaßt – inklusive der Überschrift und des Postskriptums – 303 Wörter.

Gruß an Hannover

Vom 08. bis 22. Juni finden die 10. Magdeburger Studententage statt, die mittels unzähliger Flyer und Plakate auf sich aufmerksam zu machen evrsuchen.
Doch irgendwie assoziiere ich jedesmal wieder „Studententage“ mit „Chaostage“…

Das Wort des Tages 19

Das erste Wort des heutigen Tages sei
drall,
weil es auf angenehme und lautmalerisch schöne Weise zu umschreiben vermag, ohne zu verhöhnen, ohne zu erniedrigen.
Danke dafür an meine Mitbewohnerin A, die „drall“ aus gleich mehrmals meinem Kopf hervorkramte.

Das zweite Tageswort sei
verflixt.
Ich entdeckte es inmitten von Salman Rushdies Werk „Mitternachtskinder“, ebenfalls mehrmals.
Vermutlich ist es einzig und allein dem Übersetzer geschuldet, daß das Wort überhaut verwendet und nicht einer Alternative wie „verdammt“ oder „verflucht“ der Vorzug gewährt wurde.
Doch das macht nichts, stellte ich doch fest, „verflixt“ zu mögen, weil es trotz der darin eingschlossenen Verwirrung, trotz seiner eindeutig negativen Tendenz liebenswert und verharmlosend klingt.

leer

Das Erstaunliche an der Leere ist, daß sie sich nicht auf mein Dasein beschränkt und dieses zu einer schlichten Existenz reduziert, daß sie sich nicht damit begnügt, meine Schritte erlahmen, meine Wege verblassen zu lassen, jeden Willen zu rauben und jeden Wunsch zu löschen, sondern auf mein gesamtes Ich, das mehr zu sein glaubt als das bloße Existieren, überspringt, daß sie in mein Denken kriecht und alles löscht, was träumt, mit Gleichgültigkeit füllt, was sich freuen, was trauern könnte, mit einem endlosen Grau jeden Gedanken beschmiert.

Ich treibe voran, zurück, auf der Stelle, und die Leere hält mich in ihrem Bann, löscht die Worte in meinem Schädel, in meinen Fingern, tilgt das Lächeln aus, kratzt das Funkeln aus den Augen, saugt an meinem Antlitz, an gläserner Starre, als könnte es noch den letzten Atemzug aus meinen Mundwinkeln rauben. Tränen versiegen in trockenen Höhlen, als wären sie zusammen mit den Farben dem endlosen Grau gewichen.

Meine Schreie sind matt und kraftlos, vermögen kaum, meine Lippen, mein Herz hinter sich zu lassen, dümpeln schleiertrüb durch das Dunkel und finden kein Gehör. Mein Lachen ist taub und tonlos, schallt hohl von steinernen Wänden wieder. Die Leere besetzt jeden Teil meines Leibes, meines Lebens, als gehörte ich ihr, als hätte es nie eine Wahl gegeben.
Wenn ich flüstere, vermag ich kaum, meine eigenen Worte zu verstehen, höre mich selbst altbekannte Lieder abspulen, eigene Klänge wiederholen, als wäre ich nicht zu Neuem imstande, als wäre das Gewesene das einzige, nur das Vergangene verbleibend.

Ich vermisse das Kitzeln in meinen Zehen, zu weiteren Schritten drängend, das Unbekannte suchend.
Ich vermisse das Sehnen, das mehr erträumt als Nähe, das mehr vermißt als nur irgendwen.
Ich vermisse das Lächeln auf meinen Lippen, das jeden Tag mit meinem Donneratem, meiner Lebenslust füllen, das jedes Himmelgrau zur Nichtigkeit, jeden Augenblick zum schönsten erklären könnte.
Ich vermisse das Zittern in meinen Fingern, wenn ich in Gedanken deinen Namen male.
Ich vermisse die Schreie in meinem Kopf, die Tränen auf meinen Wangen, die Abgründe meiner Seele, die mich spüren lassen, daß ich bin.
Ich vermisse das Leuchten im Herzen, das Wissen, daß alles gut werden wird.
Ich vermisse die Stürme in meinem Schädel, die mich geleiten, begeliten, fordern, die mich nicht ruhen, kaum atmen lassen.
Ich vermisse das Leben als Traum, als schlafwandlerisches Voranschreiten durch die Unwirklichkeit der Gegenwart, verbinden mit der Leichtigkeit des Unmöglichen.
Ich vermisse den Verlust der Lähmung, das Ende der Starre, vermisse den Inhalt meiner Leere.
Ich vermisse mich selbst, fühle mich verloren auf aschegrauen, leeren Wegen und vermag nicht länger, mich zu finden, mich zu suchen…