Feuerwerk

Ich finde, Feuerwerk wird total überschätzt. Sicherlich gab es Zeiten, in denen auch ich staunend in den Himmel starrte und jede Rakete bewunderte. Doch jetzt kann mich Silvesterfeuerwerk kaum noch entzücken, muß schon besonders toll oder besonders schlicht sein, um mir ein begeistertes Lächeln zu entlocken.

Unangenehm empfinde ich allerdings, daß in den letzten Jahren das Feuerwerk zu einem Ramschartikel zu verkommen zu sein scheint, weil jede größere Veranstaltung, die etwas auf sich hält, mit einem solchen beginnt oder endet [oder beides]. Und mit zunehmender Häufigkeit der pfeifenden und knallenden Nachthimmelerheller sinkt auch mein Interesse für sie, meine Euphorie für die Lichterfunken über mir.

‚Jaja, ein Feuerwerk.‘, denke ich mir und sehe demonstrativ weg, nach unten.

Vor einer Weile verließ ich eine sogeannte Beachparty an der Elbe, fuhr nach Hause. Kaum hatte ich mich – von Musik und Menschen wenig erfreut – vom Gelände entfernt, begann ein kleines, aber zehnminütiges Feuerwerk. Tatsächlich muß ich gestehen, daß es einige schöne Elemente enthielt. Doch das Feuerwerk in seiner Gesamtheit störte mich eher, als daß es mich erfreute.

Warum? Ich weiß auch nicht. Mich störte, daß der DJ im Anschluß zu gegenseitigen Umarmungen aufforderte, als sei das Feuerwerk etwas Harmonisches, Verbindendes. Das war es nicht; schließlich war es laut und grell. Mich störte, daß die Partybevölkerung ausgelassen applaudierte, als hätten sich die Veranstalter etwas Besonderes ausgedacht. Das hatten sie nicht, sah ich doch in den letzten Monaten mehr als drei Feuerwerke ähnlicher oder besserer Art.

Und noch ein Gedanke störte mich: Wir als Eintrittskartenkaufende hatten dieses wenig spektakuläre und in meinen Augen überflüssige [Denn wozu braucht eine Open-Air-Tanzveranstaltung ein Feuerwerk?] Feuerwerk mitbezahlt.

„Nein, das waren die Sponsoren.“, ertönt eine kritische Stimme aus dem Publikum. Ich gebe ihr recht. Doch hätten die Sponsorengelder nicht anders eingesetzt werden können? Beispielsweise, um Eintritts- oder Getränkepreise zu verringern? Die kritische Stimme schweigt.

Es ist ähnlich der supertollen Gewinnspiele, die überall angepriesen werden.
‚O toll!‘, soll man denken, ‚Bei dieser genialen Firma kann ich fantastische Preise gewinnen. Die sind so gut zu mir.‘
Doch das sind sie nicht. Eine Firma arbeitet natürlich, um Gewinn zu machen. Dementsprechend müssen auch die Ausgaben für die fantastischen Preise irgendwie gedeckt werden. Wer bezahlt also die fantastischen Hauptgewinne? Der Kunde, der die Produkte der Firma kauft, natürlich. Also der potentielle Gewinnspielteilnehmer. Also derjenige, der sich über die Möglichkeit, fantastische Preise zu gewinnen freut. Bescheuertes System. Doch es funktioniert.

Aber ich schweife ab. Ich glaube, der Reiz des Feuerwerks würde zumindest ansatzweise zurückkehren, würde ich nicht ständig damit „erfreut“ werden, würde also das Feuerwerk die Aura des „Besonderen“ bewahren können. Menschen schätzen erstaunlicherweise Dinge, die selten sind, mehr als überall Anzutreffendes. Vielleicht klappt das ja auch hier.

Wenn nicht, ist mir vielleicht der handelsübliche Sinn für Romantik abhanden gekommen, ohne daß ich es bemerkte…

Cogito ergo sum?

Ich denke nach. Oft und gerne. Es fällt mir leicht nachzudenken, Gedanken hinterherzusinnen, die wie von selbst in meinem Kopf erscheinen, sich ausbreiten, dünne Netze weben, deren Fäden ich folge. Manchmal verliere ich mich, verliere den Faden, rutsche ab, treibe in andere Gefilde. Manchmal bleibe ich aber, finde den Weg zur Mitte, zu einem Ergebnis, zu einer vermeintlichen Lösung, einer möglichen Erkenntnis.

Wenn ich nachdenke, dann meistens über mich. Selbst wenn ich nicht über mich nachdenke, bin es doch ich, ist es doch meine Welt, die mich zum Denken anregt. Alles gehört dazu, jede Kleinigkeit, jedes Detail. Alles ist irgendwie ich, Teil von mir. Ich betrachte mich, wie ich in der Gegenwart umherirre, betrachte meine Vergangenenheit, erinnere mich und folge den Erinnerungen in ihre, in meine, Zukunft. Ich schlußfolgere, sehe mich wie von einem entfernten Standpunkt aus, wundere mich über meine Taten, meine Gedanken, über die Welt, die mich umgibt und analysiere. Wo begann es? Wo führt es hin?

Ich sehe mich vor Problemen stehen und erkenne Ursachen, sehe die Wurzeln meiner Ängste, glaube mich zuweilen zu verstehen, glaube zu wissen, was ist, wie ich agieren werde, wie ich handeln sollte, um nicht alten Fehlern zu begegnen, um nicht endlos in der Starre zu verharren.

Ich fülle Seiten mit Worten, die Sinn ergeben, mit Schlußfolgerungen, die logisch erscheinen, mit Fragen, die ich zu beantworten vermag. Doch ich glaube mir nicht.

Immer beschleicht mich das Gefühl, ich würde mich selbst belügen, ich würde nur winzige Teile der Wahrheit erkennen, winzige Teile von mir begreifen. Ich sehe meine Antworten und weiß, daß das nicht alles ist, daß mehr dahinter steckt, sich vor mir verbirgt, unentdeckbar zu sein scheint. Ich sehe meine Antworten udn weiß, daß es längst nicht alle waren, daß immer wieder neue Fragen auftauchen, deren Antworten mir verborgen bleiben oder wiederum neue Fragen keimen lassen.

Ich denke darüber nach, was ich bin, wer ich bin, was ich will, wohin meine Wege führen könnten, wer welche Rolle in meinem Dasein spielt. Ich denke darüber nach, was sein könnte, was gewesen sein könnte, ob andere Vergangenheiten eine bessere Zukunft gebären würden, ob andere Schritte „richtiger“ gewesen wären. Ich denke darüber nach, was ich fühle, warum ich es fühle, ob es sinnvoll ist zu fühlen, was es nützt, ich zu sein.

Und ich denke darüber nach, daß keine Antwort ausreichend wahr ist, daß ich mit jedem Wort, mit jedem Gedanken nur einen Teil zu erfassen glaube. Es ist, als beleuchtete ein Licht nur kleinste Ausschnitte eines riesigen Ganzen, und ich versuchte, mir aus den Teilen des Mosaiks ein Bild zu formen, ein Bild, das Sinn ergibt, ein Bild, das – womöglich – mich selbst zeigt. Es bedarf nur einer anderen Stimmung, nur einer anderen Denkrichtung, nur einer anderen Eingebung, um mich eine andere Wahrheit entdecken zu lassen, um mir ein neues Teil des überdimensionalen Mosaikbildes aufzuzeigen, dessen Gesamtheit womöglich die Antwort auf all meine Fragen beinhalten könnte.

Doch ich sehe es nicht, finde das Bild nicht, kann es niemals vollständig erfassen, aufnehmen, begreifen. Nur Funken, Splitter, verbleiben in meinem Geist und formen Gedanken, die richtig klingen, doch zu wenig sind.

Vielleicht ist es tatsächlich eine Art Suche nach Selbsterkenntnis, die mich unbewußt erfüllt; vielleicht will ich tatsächlich finden, wissen, erkennen. Vielleicht jedoch will ich gar nicht, vielleicht gibt es kein bewußtes Wollen, nur den Strudel der Gedanken in meinem Kopf, der mich zwingt, immer wieder in alle Richtungen zu sehen, zu denken, und Lichtblicke zu erfahren, die sich mir als „wahr“, als „richtig“, offenbaren – doch sich im nächsten Augenblick als unzureichend herausstellen.

Ich weiß nicht, wer ich bin, weiß nicht, warum ich so oder so agiere, reagiere, kann keine Antwort finden auf die Frage nach meinen Gründen, nach meinen Trieben, nach meinen Antrieben, glaube längst nicht, mich entdeckt zu haben.

Ich sehe Ängste, die mich lähmen, doch kann ihnen nicht begegnen, obwohl ich mir ihrer Lächerlichkeit bewußt bin. Ich sehe meine Liebe, die mich bewegt, mich lachen und weinen läßt, doch vermag ich nicht, sie zu kontrollieren, in andere Richtungen zu lenken, sie zu durchschauen. Ich sehe mich, wie ich versuche, mich selbst zu begreifen und weiß, daß ich schon zuvor Tausende Male bei dem gleichen Versuch versagte – ohne daß mir das Versagen oder das Wissen darüber Nutzen geschenkt, einen Weg aufgezeigt hatte, dessen ich habhaft werden konnte.

Ich sehe mich fliehen, wieder und wieder, in andere Welten, weil die Wirklichkeit mir nicht wirklich genug ist, weil sie vollgestopft ist mit meinen eigenen Gedanken, meinen Ansichten, meinen Hintergründen, mit meinen Anschauungen, mit meinem Wissen, mit meinen Worten. Überall begegne ich mir, höre meine Stimme denkend das Begreifen ersuchen. Ich versuche zu verstehen und danach zu handeln – doch verstehe ich zu wenig.

Und dann wünsche ich mir, ich würde verstummen, jemand drehte den Klang meiner Gedanken ab, ließ ihn lautlos verschallen, als gäbe es ihn nicht. Ich wünschte, fremde Stimmen würden meinen Schädel befüllen und mir aufzeigen, daß ich mich irrte, daß alles anderes, vielleicht leichter, wäre, daß es nicht meiner unzähligen Gedanken bedürfe, daß man nur die Augen zu verschließen bräuchte, um des Gesamtbildes habhaft zu werden.

Oder ich wünschte mir, ich könnte mich fortstehlen, würde von einem Wirbelsturm hinfortgetragen werden, ließe mich selbst zurück. Ich weiß nicht, was ich wäre ohne all diese Gedanken, ohne diese Gefühle, ohne das Sehnen nach mehr, ohne das Begreifen der eigenen Unkenntnis, ohne mich. Ich weiß nicht, was ich wäre, ohne meine Liebe, ohne meine Ängste, ohne meine Hoffnungen, ohne die zahlreichen Versuche, alles zu durchschauen, alles in mir aufnehmen zu können. Ich weiß es nicht.

Und dann begreife ich, daß es gut ist, was, wer, ich bin, daß ich mich eigentlich dabei wohl fühle, meine Existenz leben zu können, daß ich mich wohl bei einer Auswahlmöglichkeit wieder für mich, für mein Dasein, für mein Denken, entscheiden würde, daß ich mich mag, wie ich bin.

Und dann begreife ich, daß ich selbiges schon längst begriffen hatte und trotzdem immer wieder versuchte, tiefer zu gehen, mehr zu verstehen, an mir verzweifelte, an der Unlösbarkeit der eigenen Wege, der eigenen Gedanken, daß ich trotzdem, trotz des Wunsches nach meinem eigenen Leben, so wie es ist, trotz der befremdlichen Akzeptanz meiner selbst, trotz der erstaunlicherweise existierenden Liebe zu mir selbst, von mir zu fliehen versuchte, mich zuweilen ausschalten, vernichten wollte, als berge diese Tat die einzige Lösung aller Fragen.

Und nun?, frage ich mich dann – und mache weiter wie bisher, Schritt für Schritt in die Ungewißheit des Kommenden, stagnierend, voller Fragen, voller Antworten, die allesamt unzureichend erscheinen. Ich atme, lebe, als wäre es das Normalste der Welt, und bleibe ich, wasimmer ich tue.

Und nun?, frage ich mich dann – und finde wieder keine Antwort.

Der morgendliche Wurm im Ohr 27

Aufgewacht. Das erste Gefühl ist ein schlechtes. Oh nein, nicht noch ein Tag.
Dann das Lied in meinem Kopf: Madrugada mit „Ramona“. Ich lächle. Vielleicht gibt es noch Lichtblicke. Der Wecker klingelt ein zweites Mal. ‚Jaja.‘, murmle ich und schalte ihn ab, starre mit offenen Augen an die Decke. Ein Sonnenstrahl versucht, sich durch den Vorhang zu kämpfen, findet mich.
Seufzend stehe ich auf. Ein neuer Tag beginnt. Doch ich will ihn nicht.

verblaßt

der wangen unsichtbarer flaum
die zarte linie deines kinns
der lippen rauchumwölktes rot –
doch stets liebkost von falschem mund.

auf deiner haut die namen malen
auf stillem weiß, das lockend lacht
in mundeswinkeln lächeln finden
hauch aus meinem herz in deins

in stürmen deine hand zu halten
als wäre zwei noch immer eins
gedanken ohne worte teilen
und dich berühren
küssen gar.

als deine hand die fremde findet
als deine augen blickverschnürt
als unsichtbar mein sein verschwindet
dein lächeln mich im licht vergißt

schließ ich zu tränen alle augen
verkriech die sinne tief im traum
und flüstre einsam deine worte
als weiltest du noch immer hier.

www.bluthand.de

blütenzart

in der blüte deiner stunden
duftgelockt zu dir verführt
traumverklebt in dir erwacht
lächelndes gemüt gefunden

deine sinne zwischen meinen
fingertanz verknotet uns
suchtgewebte flüsternetze
größtes werden keimt im kleinen

‚fang mich auf!‘ – in beider munde
wortgebilde schauert süß
wärmt mit nähe zitterhaut:
samt in blütenzarter stunde.

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Gesprächsfetzen 7

„Kommst du heute abend vorbei?“
„Was ist denn heute abend?“
„Heute abend ist der Abend von heute.“
„Heute abend ist morgen abend von gestern.“

Zufallsbloggen

Eine äußerst alberne Idee, die ich bei stackenblochen entdeckte und natürlich sofort aufgreifen mußte, war folgende:

1. Schnapp Dir das nächst greifbare Buch.
2. Blättere zu Seite 23.
3. Finde den 5. Satz.
4. Poste den 5. Satz und setze diese Anleitung davor.

Man beachte die Zahlen 23 und 5, die mich vollends von dieser Kasperei überzeugt hätten – wäre ich nicht schon längst begeistert auf der Suche nach ebenjenem Satz gewesen:

„Aber natürlich, so setzte Owen Meany mir auseinander, war ich erst elf, als sie starb, und meine Mutter erst dreißig; wahrscheinlich hatte sie gedacht, sie hätte noch eien Menge Zeit, um mir diese Geschichte zu erzählen.“

[aus: John Irving – „Owen Meany“]

Aus der Ferne

Ich kenne sie nicht. Ihr Name ist ein nie vernommener Klang in meinem Ohr, ein Stück Leere, wo Silben hätten die Stille befüllen sollen.

Ich kenne sie nicht, doch weiß genug, um mich fernzuhalten, um ihre Unerreichbarkeit zu respektieren, um keine Worte, nur Gedanken, zu verlieren.

Ich kenne sie nicht. Einst waren wir Teil desselben Dialoges, ein jeder als erwähnenswertes Anhängsel der eigenen Begleitung. Irgendwann in der Vergangenheit, als wir auf einer Wiese den ersten Strahlen eines fernen Frühlings frönten.

Ich kenne sie nicht, doch begegne ihr häufig, versuche ihre Blicke zu fangen, grüße sie mit einem Lächeln, mit einem leichten Nicken des Kopfes , mit zwei gehauchten Silben.

Und jedesmal grüßt sie zurück. Brennt ihr Lächeln in meinen Geist, bezeugt ihre unschätzbare Schönheit.

Vielleicht verliebte ich mich – einst, damals, als ich längst liebte. Vielleicht ist es nur ihr Antlitz, das mich verzauberte, immer neu verzaubert, ihr Lächeln, das mich reizt, mich träumen, versonnen gleichfalls lächeln läßt.
Vielleicht.

Ich kenne sie nicht. Doch dessen bedarf es nicht, um ihre Schönheit zu verehren, jeden ihrer Schritte erfürchtig betrachten zu wollen, um in leisen Augenblicken heimlich von ihr zu träumen…