Deutsch ist…

… als Fußgänger an einer roten Ampel zu warten, obgleich weit und breit weder ein Auto noch ein Kind [dem man ein schlechtes Vorbild sein könnte] zu sehen ist.
Das zumindest behauptet das übliche Klischee.

Gestern jedoch erlebte ich etwas, das in die gleiche staubige Schublade paßt und mir gewisse Verwunderung verschaffte:

Ich saß mit zwei Freundinnen im Kino. 15-Uhr-Vorstellungen haben die Angewohnheit, nicht unbedingt mit unüberschaubaren Scharen filmfreudigem Publikums vollgestopft zu sein. Kurz: Der Saal war verhältnismäßig leer, außer uns befanden sich in ihm vielleicht zehn, fünfzehn Leute, die meisten davon Kinder. Es hätten aber noch bestimmt zwehundert reingepaßt. Oder mehr.
Wir waren zu früh, lümmelten uns in den rotplüschigen Kinosesseln herum, futterten Popcorn und unterhielten uns unpassenderweise über riesengroße Männerpuller. Nebenbei beobachteten wir die Umgebung.

Die meisten Hereinkommenden agierten ähnlich wie wir, bemerkten den Kinosaal und dessen Leere und plazierten sich irgendwo, von wo sie glaubten, gut sehen zu können – ohne die riesengroßen Goldletter „LOGE“ auf den Lehnen überhaupt eines Blickes zu würdigen.

Dann jedoch trat eine Omi ein, ihr Enkelkind wie ein an der Leine geführtes Spielzeug hinter sich her ziehend, ja fast schleifend. Sie ging nach oben, und wieder hinab, holte ihre Eintrittskarte heraus, warf einen unsicheren Blick darauf [Brille vergessen?], wählte eine Reihe im Logenbereich aus, suchte die Sitzplatznumerierungen ab, entfernte sich wieder aus der Reihe, nahm die nächste.

So ging das eine Weile. Der kleine Junge ließ sich das Herumgezerre wortlos gefallen. Die Omi jedoch wollte sich partout nicht setzen, gab sich nicht zufrieden, schaute immer wieder auf die Sitzplatzbezeichnung ihrer Eintrittskarten, suchte, doch fand nicht.

„Setzen Sie sich doch einfach irgendwohin.“, sagte A freundlich.
Sie schaute auf, antworte nicht, suchte weiter, betrat irgendeine Reihe hinter uns.

Das Lichtg ging aus, und während die lästigen und kinderuntauglichen Werbespots auf der Leinwand herumflimmerten, fragte ich mich, ob die Omi und ihr Engkelkind denn mittlerweile säßen und wie normal es ist, in einem leeren Kinosaal eintrittskartenorientiert nach dem „richtigen“ Sitzplatz zu suchen.

Ist das typisch deutsch?, wunderte ich mich.

89

Der gestrige Vormittag gehörte der 89.

Besser: Dem Jahr 1989. Schließlich versuchte ständig das bereits 16 Jahre Zurückliegende mit schwacher Stimme seine Existenz in meinem Kopf zu behaupten, mit diversen Zeichen auf sich aufmerksam zu machen. Was war 1989? Ja, sicherlich, die Wende. Doch ich war acht und wenig am politischen Geschehen interessiert.

1989 war ich in der zweiten Klasse und wechselte in die dritte. Das war ein enormer Einschnitt in meinem Dasein, hatte ich mich doch dazu entschlossen, eine Russischschule zu besuchen, in der ab der dritten Klasse Russisch gelehrt werden würde. Tatsächlich waren derartige Russischschüler damals etwas Besonderes, und ich war stolz darauf, die Schule wechseln zu dürfen.
Naja, der Wechsel war nicht immens; schließlich befand sich die Russischschule N.K. Krupskaja direkt neben meiner alten. Trotzdem kam ich in eine neue Klasse, kannte nur ein einziges Mädchen und konnte dieses noch nicht einmal sonderlich leiden.

Wesentlich bedeutsamer aber ist vielleicht das Ereignis am letzten bzw vorletzten Schultag der zweiten Klasse. Denn am Nachmittag des vorletzten Schultages war es endlich soweit, auch wenn ich nicht sagen konnte, davon begeistert gewesen zu sein: Ich sollte eine Brille bekommen.
Das klingt wenig bedeutsam, war es aber. Zum einen, weil ich an jenem vorletzten Tag die Brille, ein nicht unbedingt außergewöhnlich hübsches Modell, erhielt und verpflichtet war, sie ständig zu tragen. Also auch am nächsten Tag. Also auch vor meinen Noch-Mitschülern.

Mich ärgerte das ein bißchen. Hätte ich nicht noch einen Tag warten können? Meine Mitschüler hätten mich dann nur ohne Brille gekannt und keine Gelegenheit erhalten, sich über mich lustig zu machen. Und meine neuen Mitschüler an der neuen Schule würden gar nicht wissen, daß ich vorher keine Brille trug.

Aber so sollte es nicht sein. Ich ging zur Schule, war auf das Schlimmste gefaßt. Doch das kam nicht. Ein paar nette Bemerkungen; das wars. Die Zeugnisse wurden verteilt, und ich war nicht länger Schüler dieser Schule, nicht länger Bestandteil dieser Klasse.

Bedeutsam war das Brillenereignis auch aus einem anderen Grund: Bis heute trage ich eine Brille; meine Augen haben sich stetig verschlechtert (auch wenn sie in den letzten Jahren einigerma0en konstant schlecht blieben). Meine erste Handbewegung nach dem Aufwachen geht zur Brille. Ohne sie wäre alles schwammig und verwaschen. Ohne sie wäre ich blind. Ohne sie könnte ich problemlos headbangen. Ohne sie sähe ich nicht halb so intelligent aus.
Das war 1989.

Gestern, am Vormittag des 13. April 2005, wurde ich daran erinnert.
Es fing harmlos an. Ich las. „Herr Lehmann“ von Sven Regener. Ein schönes Werk. Spielt im Jahr 1989. Plötzlich lauschte ich der zufällig ausgewählten Musik genauer: Janus. „Neunundachtzig“. Ich wunderte mich. Und dann, als ich eine Überweisung tätigte, bestand die TAN aus einer Zahl, die gut und gerne ein Datum hätte sein können: 29.08.1989.

Was war an diesem Tag?, überlegte ich. Ich weiß es nicht, weiß es wirklich nicht.
Doch die Erinnerung an das Jahr, in dem ich meine Brille bekam, ließ mich nicht los.

Vielleicht sollte ich mal wieder zum Augenarzt gehen, dachte ich.

„Hi!“

G hat, wie viele Deutsche heutzutage, einen Computer, nicht sonderlich alt, aber auch nicht sonderlich neu. Da Windows ein Betriebssystem ist, das mit allerhand Kokolores ausgestattet ist, nahm ich mir einst die Frechheit heraus, mittels des an den Rechner angeschlossenen Mikrophons neben Gitarrenklängen und Gesangversuchen ein lächerliches „Hallo.“ aufzunehmen, das klang, als würde ein kastrierter Zehnjähriger mit hoher Stimme sehr schnell und vor allem undeutlich irgendeine beliebige Begrüßungsformel murmeln. Man erkannte mich nicht, glaube ich. Um G zu ärgern erfreuen, initiierte ich in einem Moment seiner körperlichen Abwesenheit, daß eben jenes „Hallo.“-Geräusch die zukünftige akustische Startsequenz seines Rechners werden sollte. Als Herunterfahrklang wählte ich ein „Chrrrrrrr“ [mit gerolltem R] aus, das zwar aus Gs Mund stammte, aber klang, als hätte es der Sänger/Grunzer/Schreihals Dani Filth von der Musikgruppe Cradle of Filth ausgestoßen. Wahrlich genial. Und so erfreute ich mich jedesmal, wenn der Rechner hoch- oder runterfuhr, der genannten Geräuschkulisse.
Neulich gestand mir G, daß sein Kumpel das Runterfahrgeräusch verändert habe. Nun ertönt ein „(Gähn), müüüde.“. Kein Ersatz für ein ordentliches „Chrrrrrrr“, dachte ich und erkundigte mich besorgt nach meinem geliebten „Hallo.“. Das existiere noch, versicherte mir G. Ich war besänftigt, mußte sogar lachen, als mir G gestand, er würde jedesmal, wenn er das „Hallo.“ hörte, also bei jedem Anschalten des Rechners, zurückgrüßen.
Eines Tages verweilte ich bei G, fuhr den Rechner hoch.
Ich lächelte, als ich mich selbst erkannte: „Hallo.“
Doch aus der Küche, zwei Zimmer weiter, vernahm ich G, rufend: „Hi!“
Ich war verblüfft.

Einsichten

Es bedarf keiner tieferen Gedanken, keiner eingehender Überlegungen, um immer wieder zum gleichen Ergebnis zu kommen, um das zu entdecken, was ich schon tausendfach entdeckte, ohne daraus Nutzen beziehen, ohne das Unabwendbare abwenden zu können. Schließe ich die Augen, träume ich. Öffne ich die Augen, träume ich. Mein Dasein perlt vor sich hin, eine endlose Verkettung von Wünschen und Gedanken, immer wieder der Realität entfliehend, dem Wirklichen entkommend, zurückkehrend, um neue Eindrücke zu sammeln, neue Phantastereien zu erdenken, neue Träume zu malen. Atme ich, träume ich. In jedem Flüstern, in jedem Lächeln, in jeder Berührung sehe ich Leben, sehe ich Dinge, deren einzige Bestimmung es sein könnte, mein Wünschen zu heilen, zu verwirklichen, mir nahezubringen, einen Augenblick aus Ewigkeit zu schenken. Ich singe: Halt mich, schreie: Sieh mich, hoffe: Küss mich, träume: Lieb mich, schreite voran und falle in meine altbekannte Unwirklichkeit zurück. Gleiche Gesichter, andere Gesichter, andere Namen, gleiche Namen. Bedenke ich mich selbst, sehe ich nur Angst – und Hoffnung. Die Hoffnung, daß die Hoffnung niemals vergehe. DIe Hoffnung, daß es bald – endlich – keiner Hoffnung mehr bedarf. Die Angst vor einem Ende der Hoffnung. Die Angst vor einer Ewigkeit des sehnsüchtige, ergebnislosen Hoffens. Ich lächle in die Ungewißheit hinein, und meine Gedanken sehen in wirren Formen bezaubernde Muster, verführende Zusammenhänge, nicht wirklich, nicht wahr, aber vielleicht doch, vielleicht ja doch, bauen ein glitzerndes Schloß aus Licht, Hoffnung. Ich sehe mich träumen, sehe mein Lächeln und weiß, daß es vergebens sein wird, weiß, daß in wenigen Augenblicken Welten kollabieren werden, daß ich erneut auf staubigem Grund stehend versuchen werde, den Blick zum Himmel zu richten, die alte Sonne, die alte Hoffnung, die neuen Sterne, die neuen Hoffnungen, wiederzufinden, neuzuentdecken. Ich kann mich nicht halten, will mich nicht halten; schon schwebe ich nach oben, durch Wolken, durch Wirklichkeiten, denke nicht länger, was möglich, was wahr, rette mich in eine Flucht hin zum Traum. Für einen Augenblick bin ich frei. Der erneute Sturz ist unausweichlich, das Zerbrechen, das Auferstehen. Ich sehe mich, sehe, wie ich mich betrachte, wie ich einst mich selbst beobachtete, steigend, fallend, wissend, daß all dies schon tausendfach geschah – und immer wieder geschehen wird. Atme ich, träume ich. Ich schenke der Zukunft ein Lächeln, ein Lächeln aus Liebe, vermisse ihre Schönheit schon jetzt.

Ferienlagererlebnisse, Teil 5

Nachdem ich mich 1999 erstmalig als Betreuer in einem wahrlich unspektakulären Kinderferienlager unweit Dessau betätigt und erstaunliche brave und freundliche Jungs im Alter von 8 bis 14 Jahren beaufsichtigt und unterhalten hatte, hielt ich mich 2003 für bereit, zusammen mit meinem Freund M eine Spanienreise anzutreten: als Betreuer und Entertainer von insgesamt 15 Jugendlichen.

Das vorbereitende und einweisende Treffen hielt nur wenig Nützliches bereit; wir ahnten kaum, was auf uns zukam: Zehn Mädchen und fünf Jungen, allesamt im wenig kontrollierbaren Alter von 15 oder 16 Jahren, die mit der, vom Reiseveranstalter bewußt angedeuteten Absicht nach Spanien gefahren waren, sich täglich besinnungslos zu trinken und zwischendurch in sämtlichen verfügbaren Diskotheken bis in die Morgenstunden rumzuzappeln und zu treibenden Beats und poppigem Liedgut abzuhängen.

Ständig mußten wir verbieten, erlauben, Diskoeintritte erwirken, kreativ die Abende und Nachmittage füllen, die Kinder beschäftigen, auf ihr Geld achten, trösten, heilen, retten, helfen, unterhalten usw.

Am Ende der zehn Tage, denn viel mehr waren es wirklich nicht, obgleich wir anderes hätten beschwören können, initiierten wir ein Neptunfest. Ich hatte in meinem Ferienlagerleben genug Erfahrungen gesammelt, um kluge und weniger kluge Ratschläge geben zu können, und auch M wußte Bescheid, was zu tun war.

Wir wählten drei Kinder aus, die getauft werden sollten, zwei Mädels und einen Jungen, ein mathematisch exakt ausgewogenes Verhältnis. Mit der mir eigenen Liebe zu detaillierter Feinarbeit erstellte ich Taufurkunden, die ich niemals hätte weggeben sollen – so toll fand ich sie. Wir erfanden amüsante Taufnamen, zwei böse, einen netteren, erdachten uns den Ablaufplan.
Es fehlte an allem. Wir hatten kein Geld, kein Boot, keine Leute. Zuerst rekrutierten wir also den stärksten und größten der Jungs als zweiten Häscher. Auf Nixen wurde verzichtet, M sollte der erste Häscher sein. Und ich – ich war Neptun.
Als das feststand, war das Grinsen auf meinem Gesicht nicht mehr zu entfernen.

Das Grinsen wuchs, als wir die Zutaten für den Ekeltrank einkauften. Kakao, Brause und Wasser für die Flüssigkeit, Mehl für das ekelhafte Aussehen, Ketchup, Zahnpasta und Marmelade für den perversen Geschmack, … M hatte extra einen riesigen Metalleimer und eine nicht minder riesige, eindrucksvolle Metallkelle besorgt, die uns gute Dienste leisten sollten.
Die Brühe stank erbärmlich. Wir hatten sie nach der Zubereitung im Bad aufzubewahren. Ich wagte es, sie zu kosten: Erträglich – aber nur anfangs. Der Nachgeschmack war nahezu tödlich.

Ich hatte mir eine Art Fischernetz geknüpft, das ich mir um die Hüften band. In ihm zappelten ein Fisch und eine Krake – aus Pappe natürlich. Mein grünes Badehandtuch sollte als Umhang dienen. Wir fanden noch Kreppapier, das uns als Stirn- und Armbänder nützte. Ich trug zusätzlich, um meiner Bösartigkeit Ausdruck zu verleihen, ein Nietenarmband und meine Sonnenbrille. Unsere Oberkörper waren nackt, doch abstruse Malereien verunstalteten, verzierten unsere Leiber. Ich wurde mit einem Dreizack bemalt, M und der andere Häscher erhielten finstere Totenkopfzeichnungen auf Bauch und Rücken. Gruselig.

In meiner rechten Hand hielt ich meinen Dreizack, aus Holz und Pappe angefertigt, mit Kreppapier bestückt. An meiner Hüfte baumelte eine kleine, ebenfalls bemalte Baumwolltasche, beinhaltete die wichtigen Urkunden – und meine Rede.
Alles war vorbereitet. Es konnte losgehen.

Zunächst begleitete M die Kinder zum Strand, brachte sie dorthin, befahl ihnen, sich nicht von der Stelle zu rühren, nicht baden zu gehen, nicht zu entweichen. Sie plazierten sich nahe dem Wasser, inmitten von Holländern. Underdessen verzierte ich den zweiten Häscher und verwandelte mich zum Neptun. M kam zurück, wurde bemalt, bekleidet. Nun sollte es sein.

Wir hatten kein Boot, konnten nicht vom Meer aus an den Strand gelangen, hatten also beschlossen, ein Stück an der Strandpromenade entlangzuwandern, dann zum Strand herüberzuschwenken und das Stück Weg zurückzugehen, direkt am Wasser, wo wir dann auf unsere Kinder stoßen würden.

Es war ein Bild für die (Meeres)Götter. Ich lief voraus, barfuß, mit stolz geschwellter, grünbemalter Hühnerbrust, mit grünem Gesicht, Dreizack und flatternden Haaren. Hinter mir gingen die beiden Häscher, nicht minder schrecklich anzusehen, mühsam den Brühe-Eimer tragend.

Ich grinste, grinste wie noch nie: Ich war Neptun, ich war der Gott des Wassers, der Meere, war der Herr. Die Passanten schauten verdutzt, belustigt, verständnislos. Doch niemand hielt uns auf.

Der Weg am Strand war mühsam und beschwerlich. Der Sand hinderte uns am Gehen. Ständig liefen Kinder und Badende in den Weg, blickten uns an, als hätten sie Geister gesehen. Ich sah nicht herab, meine Nase zeigte zum Himmel. Ich war Neptun.
Unsere Kinder entdeckten uns bald, erkannten uns nicht, erkannten uns doch, jubelten, wunderten sich. Westdeutschen Jugendlichen scheint Neptunfest kein Begriff zu sein.

Ich bezog Position. Das Gelände war leicht abschüssig, unter mir lagen und saßen die verdutzten Opfer, gespannt, unsicher. M und der andere Häscher setzten den Eimer ab, verschränkten die Arme, versuchten, bedrohlich zu wirken.

Ich spreizte die Beine, stand sicher, in machtvoller Pose, den Dreizack haltend, setzte an zu meiner Rede. Meine Stimme schallte über den Strand, war voller Wut, voller Herrlichkeit. Ich war Neptun, Gott, Herrscher, König, Erhabener, Richter, hatte den langen Weg vom Grund der Meere, aus den versunkenen Trümmern von Atlantis, gemacht, um Rache zu üben, um Recht zu sprechen, um Unheil auszumerzen, um zu bestrafen. Alle anderen waren Opfer, Sündige, Schuldige, waren niederes Gewürm, nichtig und klein, sollten vernichtet werden, zertreten.

Ich verkündete, was geschehen sollte: Stellvertretend für alle sollten einige besonders garstige Bösewicht die Strafe erhalten, die ich ihnen zugedacht hatte. Hinterhältig grinsend rührte M in der Ekelbrühe herum, ließ sie plätschernd von der Kelle in den Eimer träufeln.

Als ich den ersten Namen verlas, geschah nichts. Das Mädchen wußte nicht, daß es besser war für sie, zu rennen, zu fliehen, hinfortzueilen, wußte nicht, was ihr bevorstand. Die Häscher hatten keine Mühen, fingen sie, hielten sie fest, legten sie auf den Sand.

Ekelbrühe füllte eine Kelle, fand ihr Gesicht, ihre Lippen. Sie wehrte sich, doch vergebens. Der zweite Häscher hielt sie, M schüttete, immer wieder. Irgendwann erreichte die Ekelbrühe ihren Mund, ihre Zunge. Angewidert verzog sie das Gesicht, spuckte aus, schluckte noch mehr.
Ich zückte die Taufurkunde, verlas ihren Taufnamen, wies die Häscher an, sie ins Meer zu stürzen, auf daß sie sich dort ihrer Sünden bereinigte. Die Häscher legten sie vorsichtig ins Wasser, vermieden jede Verletzungsgefahr. Wütend, angeekelt verzog sie das Gesicht, nahm ihre Urkunde in Empfang, war sprachlos. Doch es mußte weitergehen.

Ein weiterer Name sollte verlesen werden. Die Jugendlichen starrten mich an, gespannt, ängstlich vielleicht. Ich konnte das Grinsen nicht unterdrücken. Der Nächste war der Junge, ein dicklicher, überheblicher Fratz, eigentlich sympathisch, aber stetig den Mittelpunkt suchend, ein stachliger Kugelfisch. Er hatte begriffen, was ihn erwartete, hatte begriffen, daß eine Flucht sinnvoll wäre – und sobald ich seinen Namen aufgerufen hatte, rannte er, rannte er zum Wasser, am Meer entlang.

Er kam nicht weit. Sein Kumpel, Häscher 2, war schneller, fing ihn, ergriff ihn, hielt ihn. M trat hinzu, und der Kugelfisch wurde zu seiner Taufe getragen. Das gleiche, schreckliche Spiel.

Das letzte Mädchen rannte auch, doch nur kurz, war nicht schnell genug, nicht wirklich willens zu fliehen, wußte bereits um die Vergeblichkeit ihre Bemühungen. Die Häscher hatten sie bald. Wir tauften auch sie.

Dann war es vorbei. Der vorletzte Tag ging zur Neige. M, der Häscher und ich, entledigten uns unserer Kostüme, gingen baden, versuchten vergeblich, die Farbe zu entfernen. Ich war erleichtert. Beglückt. Nicht alles war perfekt, doch es hätte tausendfach schlimmer werden können.
Die Jugendliche gesellten sich zu uns, stellten neugierige Fragen. Was war in der Brühe [wir verrieten nichts – außer „Rattenkadaver und Plumskloablagerungen“]? Warum war Häscher 2 gewählt worden? Warum war der-und-der nicht getauft worden? etc.

Die Stimmung schwenkte um – in unsere Richtung. Plötzlich waren wir nicht mehr die Bösewichte, sondern Helden, hatten ein Erlebnis verschafft, das einmalig war. Die Taufurkunden wurden gewürdigt; und schließlich wollte jeder getauft werden – ohne Ekelbrühe natürlich.

M und ich grinsten uns an.
Neptun und seine Mannen hatten Geschichte geschrieben.

zu staub

was, wenn ich nicht träumte
dich nicht sähe
schmerzend spürte
als wär ein teil von mir
verloren

was, wenn ich nicht träumte
mit blassem wort
dein antlitz malte
in meinem kopf
in deinem licht
nicht hoffte
nicht begehrte

was, wenn ich nicht träumte
dein leben
licht
verlör
nicht wüßte
deine träume
nicht sehnte
spürte
dich

was, wenn ich nicht träumte
wenn fern des lebens
leben wär
ein leuchten
dort
auf anderer seite
unerreicht
doch
ungesucht

was, wenn ich nicht träumte
mein lächeln nicht
in dir
verlör
wenn strahlend mir der himmel bliebe
die sonne jedoch
stets
verwehrt

www.bluthand.de

Der Orkan

Mit dem Fahrrad hektisch, eilig, angetrieben von der Wut auf die eigene Unfähigkeit, auf die Unfähigkeit aller, durch die Stadt rasend, düsend, rücksichtslos, riskant, mir alles abverlangend, kraftvoll in die Pedalen tretend, nicht sitzend, immer stehend, tretend, trampelnd, schneller, schneller. Menschen zischen vorbei, ihre Gesichter unförmige Schemen. Kein Ausdruck, keine Mienen. Knappe Gesten, ungesehen, unbemerkt. Ich höre empörte Worte, irgendwo hinter mir, weit hinter mir. Schneller, schneller, keinen Atem findend, keuchend, Ampeln ignorierend, durch Menschenmassen schlängelnd, im letzten Moment ausweichend, vorbeizischend, haltlos, entfesselt, jagend, ein Sturm auf Metall.
Irgendwo am Straßenrand stehen Polizisten, sehen mich zu spät, rufen mich zu spät, ich bin vorbei, längst vorbei, enteilt, dem Gesetz entflohen, meinem Stillstand entflohen, meiner Ruhe. Haltet mich nicht, fangt mich nicht, ich bin der Orkan…

Menschen 9

Aus der Drogerie tritt ein Mann, achtet nicht auf den Weg, nicht auf die Umgebung. Seine ganze Konzentration gilt dem Päckchen, das er in der Hand trägt, das er nun sorgsam öffnet: Entwickelte Fotos. Vorsichtig holt er die Bilder aus ihrer Verpackung, betrachtet sie, nimmt sich Zeit für jedes einzelne, beschaut die Motive, beschaut scheinbar jedes Detail. Dann fängt er an zu schmunzeln, zu grinsen. Zu lachen.
Ich gehe vorbei, er sieht auf und lacht mir ins Gesicht, ausgelassen, fröhlich.
Ich lache auch, innerlich, wünsche mir einen Photoapparat, um diesen Augenblick festzuhalten und immer wieder neu in stilles Gelächter ausbrechen zu können.

Abgehetzt und grimmig betrete ich die Apotheke. Es ist kurz vor acht am Samstag Abend, kurz vor Ladenschluß. Bevor ich den Atem für Worte finde, lächelt mich die Apothekerin freundlich an:
„Wollen Sie ein Glas Wasser?“
Ich schaue erstaunt, vergesse meinen Unmut, schüttle zögernd mit dem Kopf:
„Bin … nur … recht schnell … gefahren … Danke …“, keuche ich.
„Sie hätten sich doch Zeit lassen können. Wir haben doch noch zehn Minuten auf.“
Ihr Lächeln steckt an.
„Ich wußte ja nicht … wollte noch … brauchte noch was Eßbares … für morgen.“
Sie läßt nicht locker.
„Ich kann Ihnen ein paar Bonbons anbieten.“
Dankend lehne ich ab, grinse von einem Ohr zu anderen.
‚Warum‘, frage ich mich, als ich die Apotheke wieder verlasse, ’sind Menschen viel freundlicher, wenn ich schlechte Laune habe…?‘

Das Wort des Tages 11

Das Wort des heutigen Tages [egal, ob damit der vergangene oder der kommende gemeint ist] sei:
Honigkuchenpferd.
Ich denke, es gibt kaum ein niedlicheres Wort, so süß und knuffig. Gern grinse ich wie ein solches oder betitle es mit dem unpassenden, aber amüsanten Attribut „kariert“…