Ferienlagererlebnisse, Teil 4

1996 war ich in Spanien, wieder in einem Kinder- und Jugendferienlager.
Ich war mit meinem besten Freund gereist, mit meinem Bruder und dessen bestem Freund. Das Zeltlager war toll, die Betreuer „cool“, das Essen schmeckte, die Sonne schien. Das Zeltlager hatte uns große Freiheiten erlaubt; täglich konnte man sich entscheiden, ob man sich den Unternehmungen diverser Betreuer anschloß, ob man bei den Zelten blieb, an den Pool oder ans Meer ging. Ich war glücklich.

Am vorletzten Tag stand das unvermeidliche Neptunfest an. Ich hatte nichts zu befürchten, war ich doch weder besonders auffällig, noch besonders unauffällig gewesen. Ich setzte mich an den Strand, ohne mich zu entkleiden, harrte fröhlich der Dinge, die da kommen mochten.

Vom Meer her kam ein Schlauchboot mit Außenborder. Ich kannte das Boot; wir hatten selbst diverse Fahrten darauf unternommen. Ich kannte auch Neptun, die Nixen und die Häscher. Letztere waren diesmals allerdings keine Betreuer, sondern kräftige Jugendliche, die Ältesten von uns.

Alles lief ab wie gewohnt. Die Opfer waren schnell, doch die Häscher waren schneller. Jedesmal. Nur einer floh ins Meer, doch hatte keine Chance. Wohin wollte er auch schwimmen? Afrika?
Ein Nescafé-Wagen kam vorbei, verteilte Probedosen. Der Eiskaffee schmeckte mir nicht, doch war kostenlos – und kühl.

Dann hörte ich meinen Namen. Ich konnte es nicht glauben. Die konnten nicht mich meinen, meinten jemanden anderes mit ähnlichem Namen, hatten mich sicherlich verwechselt! Doch die Häscher rannten auf mich zu, ohne Rücksicht auf die Sitzenden, ohne Rücksicht auf Handtücher und Rucksäcke.

Ich sprang auf, rannte los, vom Meer weg, durch den Sand. Schnell, schneller. Noch immer trug ich meine Schuhe. Das war mein Vorteil. Bald war ich auf einem betonierten weg. Ich lief nach Norden parallel zu Meer. Immer weiter. Ich lief so schnell ich konnte. Die Häscher blieben zurück. Ihre nackten Füße klatschen auf den heißen Asphalt. Ich hatte Schuhe, ich rannte, gab alles. Kühler Wind wehte mir entgegen, Passanten schauten mich vberwundert an. Ich rannte.

Irgendwann hatte ich die Häscher abgehängt. Sie waren zurückgefallen, würden mich nicht mehr einholen. Ich triumphierte innerlich.
Doch was nun? Ich konnte zum Zeltlager zurückkehren, doch meine Sachen lagen noch am Strand. Ich konnte einfach im Zeltlager warten, bis alles vorbei war. Ich konnte in die Stadt fliehen. Ich hatte kein Geld, doch das machte nichts, würde mich nicht verlaufen. Die Häscher würden mich nie finden, nie fangen. Niemals.

Doch all das hielt ich für feige, für sinnlos. Ich hatte gewonnen. Das wußte ich. Das mußten auch die Häscher wissen. Ich hatte gewonnen, war entkommen, sah keinen Sinn mehr darin weiterzufliehen. Ich konnte mich nicht ewig verstecken, nicht ewig wegrennen.

Ich kehrte um. Langsam, die nackten Handflächen zeigend, ging ich auf die Häscher zu. Ich lächelte, hatte gewonnen. Nichts konnte mir noch schaden.
Als die Häscher sahen, daß ich mich ergab, sprinteten sie zu mir, faßen mich grob an Beinen und Armen, schleiften mich durch den Sand. Ich wehrte mich nicht. Mein Lächeln blieb. Sie packten mich härter, zerrten mich den langen Weg zurück. Ich wäre auch allein gelaufen, doch sie wollten nicht, glaubten mir nicht, befürchteten wohl, ich könnte wieder fliehen.
Ich wäre nicht geflohen. Wozu? Wohin? Ich hatte längst gesiegt.

Die Häscher brachten mich zu Neptun. Die Antrengung war auf ihren Gesichtern zu lesen. Sie hielten mich fest, dudelten keine Bewegung. Ich bat darum, daß mir die Brille abgenommen, meine Schuhe ausgezogen würden; mein letzter Wunsch wurde mir gewährt.

Neptun tat, als wäre er wütend; die Häscher waren wütend. Meine Welt war nur noch ein verschwommener Buntbrei. Geduldig lauschte ich den Worten Neptuns, sah die Kelle mit der Brühe auf mich zukommen, preßte die Lippen zusammen. Ich würde das Ekelzeug nicht trinken. Eine Hand umfaßte meinen Unterkiefer, Finger bohrten sich in meine Wangen. Der Schmerz riß mir den Mund auf; die ekelhafte Flüssigkeit schwappte hinein. Immer wieder. Ich konnte nicht mehr atmen, hustete, spuckte, versuchte, Luft zu holen, fiel auf die Knie, keuchte. Ein Hand klopfte mir auf den Rücken. Dann wurde ich gepackt und ins Meer geworfen.

Dort blieb ich, holte Luft, wusch mir das Gesicht, die Arme, spülte den unappetitlichen Geschmack in meiner Mundhöhle mit Salzwasser aus. Als ich das Wasser verlies, wurde mir eine Urkunde in die Hand gedrückt:
„Dr.h.c. Fisch“

Ich grinste. Ich war als einziger entkommen, war freiwillig zurückkehrt und bekam nun nichts Schlimmeres als einen fischigen Doktortitel, ehrenhalber?
Meine Augen brannten vom Salzwaser. Auf meiner Zunge schmeckte ich noch immer die ekelhafte Brühe. Ich zitterte vor Kälte; das nasse T-Shirt klebte an meinem Leib. Die Welt war noch immer verschwommen; und ich rang um Atem.
Doch ich grinste:

Ich hatte gesiegt.

Ferienlagererlebnisse, Teil 3

Ein für mich bedeutsamer Bestandteil meines ersten Ferienlagers war das Neptunfest.

Diese Festivität war typisch für ostdeutsche Ferienlager: Am vorletzten Tag versammelten sich dabei alle Ferienlagerkinder am nahegelegenen Strand, vorsorglich mit Badesachen bekleidet. Sinnlos standen wir in der Gegend herum und harrten der Dinge, die kommen würden. Ich wußte nicht, was mich, was uns erwartete und war gespannt.

Dann vernahmen wir Motorenlärm, entdeckten auf dem See ein reichlich mit Keppapier bestücktes Boot, das langsam auf uns zukam. In ihm saßen Neptun, Nixen und Häscher – allesamt eigentlich Ferienlagerbetreuer, die mit Farbe, Kreppapier und allerhand Krimskram ausstaffiert worden waren. Sie boten einen durchaus beeindruckenden, ja beängstigenden Anblick. Die Häscher schleppten einen riesigen Kessel, in dem eine undefinierte Flüssigkeit hin- und herschwappte.

Das Meeresvolk plazierte sich am Strand. Neptun verlas mit lauter Stimme eine Rede, an deren Inhalt ich mich nicht mehr entsinne. Ich denke, es ging um unsere „Sünden“, die bestraft werden müßten.

Dann wurde der erste Name verkündet. Inmitten der Kinder entdeckte ich ein erschrecktes Gesicht, das sofort verschwunden war. Der Junge floh, rannte wie der Wind.

Es gab nicht viele Möglichkeiten zu fliehen. Entweder man rannte links um den See, rechts um den See, zurück ins Bungalowlager oder man wagte es, sich in den See zu stürzen und schwimmend die Flucht zu ergreifen. Der Junge rannte nach rechts.

Die Häscher, allesamt groß, kräftig und wesentlich älter als wir, warteten gedudlig einen Augenblick, gaben dem Jungen Vorsprung. Dann spurteten sie los. Sie brauchten sich nicht anzustrengen. Der Junge hatte keine Chance zu entkommen. Im Nu hatten sie ihn erhascht, trugen ihn zurück zu Neptun.
Dieser beschuldigte den verängstigt blickenden Jungen diverser Tätigkeiten und Untätigkeiten und gab den Befehl zur Taufe. Ich weiß nicht genau, was in der ekelhaft aussehenden Flüssigkeit enthalten war, aber glaube, daß der übliche Tee und Zahnpasta entscheidende Anteile bildete. Mit einer großen Kelle wurde dem Jungen das Zeug ins Gesicht, in den Mund geschüttet. Er schluckte angewidert, während sein neuer Name verlesen wurde. Dann trugen die Häscher den besudelten Jungen zum See, warfen ihn hinein, damit er sich bereinigen konnte und die Taufe rechtskräftig wurde.

Zurückgekehrt nahm er eine Taufurkunde in Empfang – und hatte es überstanden.
Wir anderen jedoch warteten, aufgeregt und ängstlich. Wer würde der nächste sein?

Nacheinander wurden zwei weitere Namen verlesen, zwei weitere Kindern rannten weg, wurden gefangen, bekamen Brühe ins Gesicht, wurden ins Wasser geworfen, erhielten die Taufurkunde mt ihrem Namen. Ich war erstaunt, mit welcher Mühelosigkeit die Häscher die Kinder fingen, stellte fest, wie sinnlos jeder Fluchtversuch war.

Dann hörte ich meinen Namen. Ich begriff nicht, konnte es nicht glauben, war doch das erste Mal in einem Ferienlager. Mein Gedanke war: Renn weg! Renn weit weg! Doch ich wollte nicht rennen, wußte mittlerweile um die Vergeblichkeit solcher Bemühungen. Die Häscher jedoch rannten los, glaubten mich gesehen zu haben, rannten in verschiedenen Richtung um den See herum, unglaublich schnell und kräftig.

Ich stand in der Masse, unter all den anderen Kindern, und wartete. Sie würden mich fangen, das wußte ich, doch ich selbst entschied, wann. Nach einer Weile trat ich in die Mitte des Kreises, trat ich zu Neptun. Erstaunt blickte er mich an, erkannte mich, rief seine Häscher zurück.

Sie packten mich, grob, wohl verärgert, weil sie sinnloserweise losgerannt waren, weil sie mich nicht erhascht hatten, weil sie noch nie so lange gebraucht hatten, um jemanden zu fangen. Während Neptun seine Worte sprach schütteten sie mir die Ekelbrühe ins Gesicht. Eine Kelle, zwei Kellen. Doch mein Grinsen verschwand nicht. Irgendwie hatte ich gewonnen.
Als ich aus dem See wieder herauskam, las ich meinen Taufnamen:
„Schleichender Wasserfloh“ – weil ich ständig zu spät kam.

Bis heute frage ich mich, ob die Neptunfigur nicht vielleicht doch ein bißchen Göttlichkeit in sich gehabt hatte, ob sie wußte, daß der Taufname bestimmend für mein späteres Leben sein würde, ob ich schon damals Züge meines heutigen Ichs zeigte.

Denn noch immer komme ich zu spät. Ständig.
Wie ein schleichender Wasserfloh.

Ferienlagererlebnisse, Teil 2

Ich war gerade 8 oder 9 Jahre alt, als mich meine Eltern in mein erstes Ferienlager schickten. Das war nichts Ungewöhnliches, denn die schulischen Sommerferien reichten aus, um sowohl ins Ferienlager zu fahren als auch zusammen mit meinen Eltern ihren schwer verdienten Urlaub zu genießen.
Mein Bruder, der mich in späteren Ferienlagern stets begleitete, war noch zu jung, um mitzukommen. Mein erstes Ferienlager. Unzählige unbekannte Menschen. Und ich war allein.

Ich kann mich an einen schlichten, dunkelbraun gestrichenen Holzbungalow erinnern, den ich mit sechs oder acht anderen Jungs teilte. Die für uns zuständige Betreuerin schlief mit uns in einem Raum. Immer blieben ein paar von uns auf, um zu warten, bis sie sich auszog und ins Bett legte. Man sah nichts; es war zappenduster, aber allein die Vorstellung einer unbekleideten Frau schien einige meiner Kumpanen irre zu machen.

Einen wesentlichen Bestandteil dieses Ferienlagers bilden in meiner Erinnerung Pfirsiche. Jeden Tag gab es Pfirsiche, zum Mittagessen, zum Abendbrot, riesige, saftige Dinger, von denen ich gar nicht genug bekommen konnte. Ich nahm die Früchte der anderen entgegen, als diese sie nicht mehr sehen konnten, bunkerte sie unter meinem Bett. Ich werde niemals den Geruch am letzten Tag vergessen, als wir gezwungen waren, den Bungalow zu bereinigen, als ich gewzungen war, den süßlich stinkenden, schimmelnden Matschhaufen aus dem Dunkel hervorzuholen und zu beseitigen.

Vielleicht trug das dazu bei, daß wir in einer abschließenden Preisverleihung für den saubersten Bungalow den allerletzten Platz belegten. Der erste Platz erhielt eine schlichte Urkunde, wir jedoch jeder einen großen Scheuerlappen. Ich war stolz, stolz auf mich, stolz auf uns.

Zu Hause packte ich den Scheuerlappen aus und zeigte ihn meiner Mami:
„Die anderen Bungalows haben nichts bekommen. Aber ich gewann das.
Für dich.“

Der morgendliche Wurm im Ohr 18

Ich liebe es aufzuwachen und nicht zu wissen, wie spät es ist.

Zwar verfüge ich über eine durchaus ästhetische Armbanduhr, doch deren Batterie hat schon vor einem Jahr beschlossen, in Ruhestand zu gehen. Das hat natürlich den Vorteil, daß die Uhr täglich zwei Mal die korrekte Zeit darstellt, wenn auch nur für einen Augenblick. Normal funktionstüchtige Uhren dagegen haben die schlechte Angewohnheit, niemals richtig zu gehen, da sie der „echten“ Zeit immer ein paar Minuten voraus sind oder nachhängen. In diesem Fall kann also der Stillstand gelobt und gepriesen werden.

Habe es ich also am Vorabend versäumt, dem in meinem Handy integrierten Wecker mitzuteilen, wann ich mit nervigen Piep- und Klingeltönen dem Schlaf entrissen werden sollte, erwache ich planlos, ohne ein Wissen um die Tageszeit.

Und erstaunlicherweise, obwohl man meinen könnte, dadurch eine Art Verlorensein in zeitlicher Unkenntnis empfinden zu müssen, ist das ein schönes Gefühl.

Es könnte jetzt um acht sein – oder schon um eins. Es ist egal.
Noch einmal schließe ich die Augen, kuschle mich in meine Bettdecke und lausche dem Wurm in meinem Ohr: Tool ist es heute, doch ich erkenne das Lied nicht. „The Grudge“ vielleicht. Es ist egal.

Ein paar Minuten später erhebe ich mich, langsam, allmählich, suche das Bad – finde den Tag…

Italienische Ninjasterne

1997 war ich in Italien, in einem Ferienlager.

Es war ein schrecklicher Urlaub. Der Reiseveranstalter, Rainbow-Tours, war äußerst unsympathisch, die Betreuer [„Animateure“] faul, desinteressiert und versoffen, das Hotel mies, das Essen schlecht. Die Italiener belaberten alles, was einigermaßen weiblich aussah. Die Mädels, die mit uns mitgereist waren, interessierten sich nur für die überteuerten Diskotheken. Der Strand war langweilig, die Stadt nur für Touristen errichtet.

Ich war neugierig, wollte etwas sehen, hatte wenig Begeisterung übrig für lautstärkeintensive Massentanzveranstaltungen, tendierte schon damals in eher gitarrenorientierte Musikrichtungen, streifte in abendlichen Stunden durch das städtische Kunterbunt, ließ mich von dem Menschengewühl, von Che Guevara Postkarten und Grasverkäufern beeindrucken.

Der erste unserer Ausflüge ging nach San Marino. Ich kann mich an San Marino selbst kaum noch erinnern. Ziemlich burgig, viele Mauern, kleine Gassen, ständig ging es bergauf. Und überall gab es Waffenläden und solche, in denen zuhauf Raubkopien angesagter Musikstücke verkauft wurden. Ich erwarb zwei Souvenire, die sich auch heute noch in meinem Besitz befinden:
Zum einen das Nirvana-Album „Nevermind“. Natürlich auf Kassette, gab es doch in San Marino nichts anderes. Außerdem bekam ich so neue Nahrung für meinen Walkman, Abwechslung von dem Italo-Diskopop-Einerlei.
Zum anderen kaufte ich in einem Waffenladen einen Ninja-Stern. Waffenläden üben auf Jugendliche einen eigenartigen Reiz aus, protzen mit Macht und Gefahr, mit silbernen Klingen und verzierten Pistolenläufen. Ich war begeistert, fasziniert, wollte mir selbst unbedingt irgend etwas kaufen. Doch mangelte es mir sowohl an äußerlich sichtbarer Reife als auch an finanziellem Potential.

Dann sah ich den Ninja-Stern. Dessen scharfe Kanten waren weitaus weniger scharf als sie sein sollten und seine asiatische Inschrift zeugte von äußerst geringer San-Marino-Verbundenheit. Aber er war billig. Umgerechnet 1,50 DM. Ich kaufte den Stern, verwahrte ihn sicher in meinem Portemonaie.

In unserem Hotelzimmer probierte ich ihn aus, Nirvana im Ohr. Er ließ sich gut werfen, flog weit, doch blieb nirgendwo stecken. Nicht scharf genug, mutmaßte ich. Ich überlegte, ob ich ihn auf eine Kette fädeln und umhängen sollte – ein entsprechendes Loch war vorhanden. Doch der Ninjastern war zu groß, zu protzig, zu albern. Ich ließ es sein, verstaute ihn wieder und freute mich, ein derart praktisches Souvenir erworben zu haben.

Der zweite Ausflug brachte uns nach Venedig. Zu keinem Zeitpunkt meines Lebens habe ich jemals Venedig mit „Romantik“ in Verbindung gebracht. Ich war nicht sonderlich interessiert. Für mich war Venedig nur eine ausländische Stadt, die viel Unbekanntes beinhaltete, das auf seine Art und Weise schön war.

Auf der Rialtobrücke wurde vor Taschendieben gewarnt; ich schoß ein Photo von unseren Mädels, beobachtete begeistert ein Krankenboot, das mit jaulender Sirene durch die Kanäle düste. Ich interessierte mich nicht für die albernen Masken, nicht für die dargebotenen Kleidungsstücke und Schuhe. Die Bauwerke waren beeindruckend, oder hätten es sein können – ohne all den Dreck und den Taubenkot.

Auf dem Markusplatz fand unser Stadtbummel ein Ende. Mein Kumpel und ich streiften zwischen den Säulen hin und her; ich trat nach den Tauben, die trotz ihrer Behäbigkeit noch schnell genug waren, um ein paar Meter von mir wegzuflattern und sich in Sicherheit zu bringen.

Wir suchten Chinesen oder Japaner. Ich wollte unbedingt wissen, was auf meinem Ninjastern stand. Die Anzahl an Asiaten war für eine Touristenmetropole erstaunlich gering. Wir brauchten eine Weile, bis wir einen entdeckten. Freundlich sprach ich ihn an:
„Sorry. Do you know what that means?“
Ich zeigte ihm den Metallstern.
Er lächelte, besah sich die Inschrift, überlegte, schaute erneut.
„These are very old characters.“, meinte er, doch hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten, konnte mir nicht weiterhelfen.
Ich war betrübt, doch nicht sehr. Denn eigentlich war egal, was auf dem Stern stand; bis heute weiß ich nicht, ob es sich nun um Japanisch oder Chinesisch oder gar um eine völlig andere Sprache handelt.

Erschöpft ließen wir uns auf den Stufen am Markusplatz nieder, so wie alle Touristen. Wir fanden ein nettes Plätzchen, hatten eine schöne Sicht auf den Dogenpalast, vor dem Touristen in langer Schlange anstanden. Überall waren Tauben, in der Luft, vor uns, hinter uns.

Direkt neben mir saß eine Italienerin. Sie trug ein ärmelloses, beigefarbenes Oberteil und filmte mit einer Kamera die Sehenswürdigkeiten, die Tauben und ihre Familie. Sie redete. Unablässig quoll ein kommentierender Wortschwall aus ihrem Mund, ununterbrochen formte sie für mich unverständliche Laute.

Mit einem Klatsch landete ein riesiger Haufen Taubenkot auf ihrer linken, nackten Schulter. Angewidert, erschrocken, entsetzt sprang ich auf, untersuchte angegekelt mein T-Shirt, meine kurzen Hosen, ob ich nicht eventuell ein paar Spritzer abbekommen hatte, fand nichts, war erleichtert. Die Italienerin filmte weiter, redete weiter, hielt nicht inne, hatte nichts mitbekommen, nichts bemerkt. Auf ihrer Schulter klebte ein grau-weißer Fleck stinkender Taubenfäkalien, doch sie wußte es nicht.

„Was für ein Urlaub.“, dachte ich, „Alles Scheiße, doch keiner merkt’s.“

R-E-S-P-E-C-T

Was genau ist eigentlich ein Buch? Es gibt eine Definition der UNESCO: „Ein Buch ist eine nicht-periodische Veröffentlichung von mindestens 49 Seiten Umfang exklusive des Einbands.“ Es ist sicher nett, was sich die UNESCO so an lauen Sommerabenden zusammendefiniert, aber daß ein Buch generell etwas Bewahrenswertes ist, sagt auch diese Definition nicht. Auch eine Publikation, wo auf der ersten Seite ein Rezept für Serviettenknödel ist, auf der zweiten ein Lob der altchinesischen Frauenfußverstümmelung und auf der dritten eine Anleitung zum Tottrampeln von Zeisigen ist ein Buch, Hauptsache, es folgen noch 46 weitere Seiten. Ein solches Buch kann man m. E. kühlen Gewissens verbrennen. Doch was riefen die Menschen dann? „Wo man Bücher verbrennt, da verbrennt man am Ende auch Menschen!“ würde es tönen, und daß man vor einem Buch wahnsinnigen Respekt haben muß.

Diese, von Max Goldt in seinem Essay „Eine Wolke, auf der man keinen Husten bekommt“ geschriebenen Worte kamen mir heute in Erinnerung, als ich mich in das Zimmer meiner Mitbewohnerin begab und mich in Ermangelung einer Sitzgelegenheit auf ihre Liege und somit beinahe auf ein dickes, fettes Buch plazierte, das dort herumlag. Fast schon panisch schrie sie auf, als mein Allerwertester auch nur in die Nähe des Wälzers kam, so daß mir nichts übrig blieb, als mich erneut zu erheben, das Buch beiseite zu schieben, um mich dann ruhigen Gewissen setzen zu können und die Stimmbänder meiner Mitbewohnerin zu schonen.
Verwundert blickte ich sie an:
„Es ist doch nur ein Buch…“
Demonstrativ wollte ich mich nun auf dem Buch plazieren, doch meine Mitbewoherin ahnte mein Vorhaben und öffnete schon einmal präventiv den Mund. Sie verfügt über eine recht markante und vor allem dezibelintensive Stimme, weswegen ich schnell von meinem albernen Vorhaben abkam.
„Es ist doch nur ein Buch.“, wiederholte ich.
Es handelte sich um Ken Folletts „Die Säulen der Erde“, sicherlich nicht schlechteste Buch aller Zeiten, doch war es auf keinen Fall unersetzbar. Für sie schon.
„Ich behandle Bücher mit Respekt.“
Ich lachte innerlich. Meine Mitbewohnerin wollte mir erzählen, wie ich „Die Säulen der Erde“ zu behandeln habe – dabei war es mein eigenes Buch.
„Aber es ist meins.“, sagte ich, „Und es ist nur ein Buch.“
„Trotzdem. Bücher verdienen Respekt.

‚Warum?‘, wunderte ich mich und entsann mich oben erwähnter Worte von Max Goldt. Bloß weil eine Zeilensammlung mindestens als 49 Seiten [exklusive des Einbands] umfaßt, verdienen Bücher mehr Respekt als beispielsweise Hausschuhe oder Kartoffelsalatplastikverpackungen? Bloß weil es sein könnte, daß der Inhalt aus Bedeutsamem besteht [das ist in den seltensten Fällen gegeben – zumindest wenn man die Anzahl existierender Bücher mit der gehaltvoller vergleicht], darf man ein Buch nicht genauso behandeln wie den Rest seines Besitzes?
Noch einmal warf ich einen Blick auf das Buch. Es war abgenutzt und schäbig. Eine alte Taschenbuchausgabe, die ich auf irgendeinem Flohmarkt erworben hatte. Schon damals hatte sie abgenutzt und schäbig ausgesehen, was nicht zuletzt der Grund gewesen war, das Werk zu kaufen, senkte doch das ramponierte Aussehen den Preis erheblich.
Ich hatte ein abgegriffenes Buch erworben, dessen Inhalt, nicht dessen Unversehrtheit mich interessierte. Kaum war ich zu Hause angekommen, fletzte ich mich auf mein Bett und las. Ich neige nicht dazu, Bücher bei der Lektüre zu schonen. Bücher sind dazu da, gelesen zu werden, nicht um schön auszusehen.
Beispielsweise vermeide ich den Kauf von Hardcovern. Der einzige Vorteil, den ich den Werken in hartem Einband abgewinnen kann, ist nicht dessen potentielle Bücherregalästhetik, sondern die von den Verlagen preispolitisch clever erdachte Tatsache, daß neue Werke zuerst als Hardcover erscheinen, sodaß man als Taschenbuchbevorzieher gezwungen ist zu warten – oder eben doch mehr Geld auszugeben.
Meinen Büchern sieht man an, daß sie gelesen wurden. Sicherlich werde ich sie nicht bewußt als Tellerersatz für mein fettiges, tomatensoßengetränktes Abendessen in Benutzung ziehen, doch werde ich mich auch nicht bemühen, jede Seite nur mit Pinzette anzufassen, um keinerlei Abdrücke unsauberer Fingerspitzen oder gar unschöne Eselsohren zu hinterlassen.
Ich lese, wo ich bin. Im Zug, in der Bahn, im Park, in der Uni, in der Mensa, zu Hause, auf dem Klo. Überall. Dementsprechend müssen die leblosen Opfer meines Wortwahns mich überall hinbegleiten. Natürlich bleibt das nicht ohne Folgen.
Ken Folletts Roman umfaßt mehr als 1150 Seiten. Die Lektüre dieses Werkse braucht also seine Zeit. Und ich muß zugeben, von ihm gefesselt gewesen zu sein. Ich wollte ständig weiterlesen, nahm das Buch stets dorthin, wo ich mich aufzuhalten gedachte, ohne mich darum zu kümmern, ob der Einband Kratzer oder Knicke erhielt oder den Seiten minimaler Schaden zugefügt wurde. Ich weiß nicht, wie oft ich das Buch in meinem unsortierten, mit allerhand Kram bestückten Ruckstack verstaute, es wieder herausholte, fallenließ, aufhob, weiterlas, knickte, mit Lesezeichenzettelchen bestückte, irgendwo vergaß und doch wiederfand.
Es war egal, nur ein Buch. Der Inhalt wußte mich zu begeistern, doch um das Äußere sorgte ich mich nicht.

Und nun schrie meine liebe Mitbewohnerin schon bei der Vorstellung auf, ich könnte mich versehentlich auf diesem Buch, das von mir bisher mit wenig Rücksicht bedacht worden war, plazieren, ich könnte ihm irgendwie Schaden zufügen, den nötigen Respekt verwehren.
Gerade wollte ich mich rechtfertigen, wollte Max Goldt zitieren, wollte von den schrecklichen Dingen berichten, die dieses Werk schon mit mir zu erdulden hatte, als ich mich eines Besseren besann, mich in mein Zimmer verzog und las:
Salman Rushdie. „Der Boden unter ihren Füßen“. Preisreduziertes Mängelexemplar. 860 Seiten. Zwei Eselsohren und ein großer Kratzer auf dem Einband.
Trotzdem genial.

Mensa-Zeit

Ich sitze allein an einem Tisch für acht Personen. Eine junge Frau gesellt sich hinzu. Ich bin in meine Nahrungsaufnahme vertieft, hebe kaum den Kopf. Zu der jungen Frau gehören aber scheinbar noch mehr, lauter Universitätsmitarbeiter. Ich schränkte meinen Platzverbrauch ein. Der Tisch wird voll besetzt. Obwohl ich allein sein wollte, ist mir die plötzliche Anwesenheit der anderen nicht unangenehm.

Mit gegenüber sitzt eine Asiatin, eine Chinesin, wie sich herausstellt. Sie redet Englisch mit ihren Kollegen. Dann schaut sie mich an, betrachtet mein Shirt. In Ermangelung sauberer schwarzer Shirts hatte ich mich für ein olivgrünes entschieden, mit einem Drachen und diversen Schriftzeichen bedruckt. Sie zeigt auf die Schrift, als wüßte sie etwas.

„Was bedeutet das?“, frage ich, neugierig geworden.
Sie hat mich verstanden, will antworten, doch ihr Deutsch reicht nicht aus.
„Ich verstehe auch Englisch.“
Ich komme mir dumm vor, den Satz auf Deutsch gesagt zu haben. Sie scheint es nicht zu stören, gibt in fließendem Englisch eine Erklärung.
Das von ihr aus am weitesten rechts befindliche Zeichen heiße „Sonne“, doch in Verbindung mit den anderen beiden ergäbe es das Wort „Zeit“. Es handle sich wohl um ziemlich alte chinesische Schriftzeichen, ergänzt sie.
Ich bin fasziniert.

„Ist das jetzt fashion?“, fragt sie, meint die vielen Mädels (und Jungs), die sich chinesische Schriftzeichen eintättowieren lassen. Ich zucke mit den Schultern. Ich habe das Shirt bestimmt nicht angezogen, um einer Mode nachzugehen. Ich wollte nur nicht frieren.
Als ich mit dem Essen fertig bin, packe ich meine Sachen zusammen und gehe.
„Tschüß.“, sage ich.
„Tschüß.“

Sie lächelt.

Anfang und Ende

Bloggen ist schwierig.

Niemand schreibt einem vor, was ein Blog zu beinhalten hat, wieviele Wörter, Zeilen, Zeichen, Großbuchstaben, Kleinbuchstaben, Bilder, Zitate, Links etc zu einem Eintrag gehören. Das Ergebnis solcher Regellosigkeit sind unzählige Weblogs, deren stündliche Neuerungen aus einzeiligen, inhaltslosen Fetzen bestehen, mit denen maximal der Autor selbst etwas anfangen kann und will.
Ich habe nichts dagegen, doch richte an mich selbst den Anspruch, Inhalte vermitteln zu wollen. Wenn man diesen Anspruch mit dem Wissen kombiniert, daß ich es mag, Wörter aneinanderzureihen, steht umfangreicheren Blogs nichts im Wege.

Doch über irgendetwas muß geschrieben werden.

Sicherlich gelänge es mir, mehrere Bildschirmseiten mit der Tatsache zu füllen, daß mir nichts einfällt, was ich denn schriftlich artikulieren könnte. Aber wenn mir nichts einfällt, ziehe ich es vor zu schweigen, schreibe nicht noch darüber.

Lieber schreibe ich über das Leben, über mein Leben. Das ist nicht allzu schwer, begegne ich ihm doch täglich. Ein kleines Notizbuch sammelt wirre Gedanken und erwähnenswerte Ereignisse, die ich dann zu späterem Zeitpunkt ausführlicher formuliere.

Der Spagat zwischen Ehrlichkeit und dem Weglassen scheinbar überflüssiger Dinge ist nicht einfach zu bewältigen. Theoretisch müßte jede Anekdote, die ich verfasse, mit dem ersten Augenblick beginnen, an den ich mich erinnern kann – oder noch eher. Denn wenn man einen Moment lang über ein Ereignis nachdenkt, stellt man fest, daß mehrere andere Ereignisse dazu beitrugen, daß geschehen konnte, was geschah. Diese jedoch haben wiederum ihre eigenen Ursachen…

Vielleicht fällt es mir deswegen zuweilen so schwer, zum Punkt zu kommen, zu erzählen, was ich eigentlich erzählen wollte: Mich drängt das Bedürfnis, alle Hintergründe aufzudecken, alles zur Erzählung Gehörige aufzuzählen, trägt es doch zum besseren Verständnis, zu einer begründeten Meinungsbildung bei.
Doch nicht nur die einleitenden, zum Ereignis hinführenden Worte gestalten sich zuweilen recht schwierig, sondern auch die abschließenden.

Ein Blog sollte eine Pointe besitzen, einen Knaller, ganz zum Schluß, in der letzten oder vorletzten Zeile, etwas, worauf der gesamte zuvor gelesene Text hinarbeitet, etwas, das ihn schließt, vielleicht zum Anfang zurückkehrt, vielleicht eine Frage in den Raum stellt, vielleicht den Lesenden zu weiterführenden Gedanken bewegt.

Doch berichtet man über das „wirkliche Leben“, erweist sich dieser besondere Abschluß als schwierig. Ich selbst stellte schon fest, irgendeinen Text nicht veröffentlichen zu wollen, bloß weil ein ordentliches Ende fehlte, weil ich zwar über eine skurrile Sache berichtete, doch den abschließenden Knaller nicht fand.

Denn das Leben hört nicht auf. Es gibt keinen pointierten Satz zum Schluß, keinen Witz, keine offene Frage. Es geht immer weiter, neue Geschichten, die sich an die alten anreihen, ohne daß irgendwer zwischendurch so freundlich war, „ENDE“ zu schreiben. Neues gründet sich auf Altem, und selbst wenn das eigene Dasein verblich, wird doch die eigene Geschichte in anderen fortgeführt…

Bloggen ist schwierig.

ENDE

Ekel

Gestern Abend belästigte ich meine Mitbewohnerin ein wenig und sah mit ihr fern. Es kam nichts Besonderes, irgendeine Sendung über verhunzte Schönheitsoperationen. Doch in mein Zimmer zurückzukehren hätte bedeutet, mich der Pflicht widmen zu müssen. Und das wollte ich wirklich nicht.
1999/2000 war ich Zivildienstleistender in einem Krankenhaus. Stationen Dermatologie I-III, beziehungsweise: Haut I-III. Eine recht angenehme Arbeit, wenngleich ich bis heute nicht begreifen kann, wie ich es schaffte, morgens um fünf aufzustehen. Ich glaube, ich haßte es.

Aber ich war der Liebling der Patienten, wurde von älteren Damen mit Vorliebe mit „mein Schatz“ oder „mein Engel“ betitelt, mußte schuften, hatte aber auch Tage, an denen ich nur sinnlos rumhing und mit irgendwelchen Patienten quatschte, bis die Zeit rum war.

In dieser Zeit habe ich allerhand Erschreckendes gesehen und kennengelernt. Ich durfte alte Männer duschen [selten], alte Frauen duschen [ein Mal], sah offene, nässende Wunden [haufenweise]. Ich durfte einer OP beiwohnen, in der einer Frau vom Oberschenkel mit einem rasierapparatähnlichen Gerät Haut vom Oberschenkel entfernt wurde. Dieser Hautlappen wurde dann auf die doppelte Größe gedehnt, um ihn anschließend auf eine vorher operierte Stelle zu nähen. Ich sah [und roch], was passiert, wenn der Plastikbeutel eines künstlichen Darmausganges wegen Überfüllung platzt und sein Inhalt sich im gesamten Zimmer verteilt. Ich sah riesige Nähte, schimmlige Füße. Ich durfte braune Kleckerspuren auf dem Stationsgang aufwischen, durfte schwitzende Menschen berühren, schuppige Haut eincremen.

In wenigen Fällen war der Anblick angenehm, zuweilen fühlte ich mich unwohl, doch alles war erträglich, akzeptabel. Ich konnte damit leben, arbeitete eigentlich sogar gern im Krankenhaus.

Gestern Abend jedoch sah ich diese Sendung im Fersehen, sah, wie Brüste aufgeschnippelt wurden, um irgendeinen Kram unter die Haut zu schieben, sah, wie Menschen während ihrer Narkose behandelt wurden als wären sie totes Vieh. Ich sah, wie einer Frau irgendeine fettlösende Flüssigkeit in die Beine gespritzt wurden, die diese dann aufquellen ließ, sah, wie mit einem Sauger unter der Haut hantiert wurde, wie sich die bewegenden Konturen des Saugers außen abzeichneten, fragte mich, was wohl mit dem abgesaugten Fett geschehen würde [Mettwurst?] – und ekelte mich, wollte nicht länger hinsehen.
13 Monate Zivildienst hatten mich abgehärtet, glaubte ich.

„Schalt bitte um.“, bat ich meine Mitbewohnerin.

Menschen 8

Es regnet. Vor dem Magdeburger Allee-Center entdecke ich ein blindes Mädchen. Sie trägt einen Blindenstock in der Hand, benutzt ihn aber nicht, erhält Führung von einem anderen Mädchen, einer Freundin vielleicht. Die beiden meiden die automatische Drehtür, betreten das Einkaufscenter durch den „normalen“ Seiteneingang.
Im Inneren sehe ich eine Rollstuhlfahrerin. Sie steht vor der Drehtür und rührt sich nicht. Bevor ich einen Gedanken fassen kann, begibt sich das führende Mädchen zusammen mit ihrer blinden Begleiterin zu der Frau im Rollstuhl:
„Brauchen Sie Hilfe mit der Tür?“
„Ach nein, ich komme schon klar.“, antwortet sie, dankbar für die Aufmerksamkeit, „Nur meine Kapuze…“.
Während die hilfbereite Blindenführerin vorsichtig die Kapuze über den Kopf der Dame stülpt, frage ich mich, ob einer von uns „normalen“ Menschen auf den Gedanken gekommen wäre, der Rollstuhlfahrerin Unterstützung anzubieten.
‚Die wenigsten.‘, denke ich und seufze leise.