das wort des tages 3

ich hatte es am gestrigen tage vergessen zu erwähnen. dessen schäme ich mich durchaus ein bißchen, insbesondere weil das wort mir heute schon wieder zwischen die lippen geriet. sicherlich wäre es ein einfaches, das wort nicht zu dem des gestrigen, sondern zu dem des heutigen tages zu deklarieren, womit aber zum einen dieser kryptsiche vortext seinen sinn verlöre, zum anderen auch der heutige tag schon in den frühen morgenstunden seine chance abgeben müßte, ein eigenes ‚wort des tages‘ zu kreieren.

das gestrige ist jedenfalls
wirrwarr.

vermutlich verfüge ich über eine mir bislang unbekannte vorliebe für doppelte Rs, war die R-verdopplung doch schon beim letzten vertreter dieser (noch nicht zu einer solchen erklärten) rubrik vorhanden und auffällig. ich bin deswegen auf das nächste wort gespannt, das mich in beschlag nehmen wird.

ich versuchte gerade, noch andere beispiele herauszufinden, in denen ein doppel-doppel-R anzufinden ist, doch vermag ich aufgrund mangelnder konzentrationsfähigkeit keinerlei ergebnisse zu liefern. mir sei das verziehen.

erwähnt werden muß aber, daß ich wirrwarr vor allem deswegen gut finde, weil das wort an sich schon selbstbeschreibend wirkt. vielleicht handelt es sich dabei auch um onomatopoeia, also lautmalerei. vielleicht aber auch nicht.

auch das wort „wirr“, ein ableger des gestrigen ‚wort des tages‘, findet sich mit überraschender häufigkeit in meinem wortschatz wieder. nicht selten versuche ich mich an pauschalisierenden aussagen wie „die welt ist …“ und muß dann feststellen, daß „wirr“ das einzige wort ist, mit dem ich mich als beschreibendes element zufriedenstellen kann.

was demnach verbleibt, ist die frage, was eigentlich ein „warr“ ist…

Als die Welt unter meinen Füßen zusammenfiel, versäumte ich, eine neue zu finden.

Es gibt Momente, in denen ich zu erahnen beginne, wieviel vom Leben, wieviel von der Liebe, ich wirklich vermisse, welch bedeutender Teil meines eigenen Daseins mir allein dadurch vorenthalten wird, daß SIE fehlt.

Wer ist SIE?, frage ich mich und bin betrübt beim Anblick der bitteren Erkenntnis, daß ich nicht instande zu sein scheine, mir ein Bild vor Augen zu führen, mir IHR Licht als Trost im Herzen zu bergen. Fetzen und Silhouetten, verschwommene Gesichter, gesagte Worte und ungelebte Träume wirbeln durch meine Sinne, doch formen nicht länger das Antlitz der Hoffnung. Es ist, als hielte ich Tausende Mosaiksteinchen in den Händen und wäre niemals fähig, auch nur zwei zueinander passende zu entdecken. Fragend flüstere ich der Vergangenheit meine Sehnsucht zu, doch das Lächeln, das als Antwort folgt, wirkt matt und leer, hat mich nahezu vergessen.

Als die Welt unter meinen Füßen zusammenfiel, versäumte ich, eine neue zu finden.

Wenn ich meine Augen schließe, vermag ich zuweilen, SIE in mir zu entdecken, gesichtslos, namenlos, doch beseelt von meiner unendlichen Liebe, warm und nah in jedem Moment. Im nächsten Atemzug ist SIE entschwunden. Ihr zarter Hauch hinterläßt nur ein Echo in mir, ein Wissen, dem eine Sehnsucht nach etwas Ungreifbarem folgt.

Ich wage nicht, die Augen wieder zu öffnen, befürchte, SIE endgültig aus mir verlieren zu können, wage nicht, in mein Leben zu gehen, aus Angst, IHR niemals zu begegnen…

Eine amüsante Erinnerung

Mein Bruder rief mich an. Verzweifelt nach endloser Suche, ratlos nach erfolgloser Lektüre der Bedienungsanleitung fragte er mich nach dem Schalter für die Heckscheibenwischer des familiären Personenkraftwagens. Irgendwie müßte man den doch steuern, an- und ausschalten können. Irgendwo am Armaturenbrett mußte doch ein Hebel, ein Drehknopf oder ähnliches zu finden sein…

Es kostete einige Mühe und einige Momente ungläubigen Staunens, ihn von der recht simplen Lösung seines Problems zu überzeugen:

Unser Auto besitzt gar keinen Heckscheibenwischer.

Umarmung

Kraftlos
deine zarten Arme
um meinen dürren Leib.

Deine Nähe schwächelt
liebkost mich nicht.

Der Glanz deiner Augen
trügt.

Für einen Moment
bin ich versucht
alles zu geben
mich dir
hinzugeben
nachzugeben.

Einer von vielen
in deinem Arm.

Abgestumpftes Lächeln
findet mich nicht
perlt an meinen Tränen
ab.

Ich hör kein Herz pulsieren
spür dich nicht
leben
lieben.

Als ich wortlos gehe
weinst du
keine Träne.

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Zugfahrt – Ein Tatsachenbericht

Der Kasper neben mir, der sich als „Juppi“ vorgestellt hatte, schweigt nicht. Seine Bierfahne bemerke ich schon lange nicht mehr; leicht vermag sie sich in unter dem allgemeinen Gestank der grölenden Masse zu verstecken.

Nachdem ich feststellte, daß die Welt unter meinen Füßen außeinanderzubrechen droht, trat ich die Heimfahrt an – allerdings inmitten einer zugbesetzenden Gruppe angetrunkener Fußballfanatiker, deren Verein in meiner Heimatstadt ein scheinbar bedeutsames Spiel zu bestreiten hat. Ein Derby: Magdeburg gegen Halle.

Der Fahrkartenautomat verweigerte im letzten Moment den Dienst, mein Zugeintieg erfolgte in höchster Eile. Ich quetschte mich an den unzähligen grüngewandeten, mit Helmen und Schlagstöcken ausgerüsteten Ordnungskräften vorbei und platzierte mich auf dem letzten, verfügbaren Sitz, direkt neben einem unrasierten Mittdreißiger, der mich sogleich mit lallenden Worten belegte und sich umständlich vorstellte Juppi. Ich leihe ihm meinen Schlüsselanhänger zum Öffnen seiner Bierflasche, und unsere Freundschaft ist besiegelt.

Er ist freundlich, erklärt mir die Umstände (Magdeburg gegen Halle. Derby. Fußball. Fans. Zugfahrt. Polizei. Lustig.) , die ich längst begriff, versucht den uns umgebenen Lärm mit Eigengeräusch zu ünertönen. Ab und zu unterbricht er sich, um bei einem Fußballgesang, den er kennt, mitzugrölen.

Die Gespräche ringsum kann man kaum als solche bezeichnen: Sinnlose Bemerkungen über Bier wechseln sich ab mit einem gegenseitigen Anfeuern; es folgt eine Diskussion über die verbleibende Anzahl an Bierflaschen im Kasten und darüber, sich und insbesondere die Stimmorgane, für später zu schonen; gleichzeitig fliegen Haßtiraden gegen Hallenser Fußballer und deren Anhänger durch die stickige Luft, unterbrochen von einer Zählung der verbliebenen Bierflaschen und textlosen Schalala-Gesängen. Und stets präsent ist die wohl bedeutsamste aller Fragen dieser Augenblicke: Wo zur Hölle ist das verdammte Klo?

Die grünen Wächter bleiben erstaunlich gelassen, tolerieren den zunehmenden Alkoholkonsum, den Genuß von Zigaretten im Nichtraucherabteil, tolerieren die albernen Gesten und das pseudomännlich-affenartige Gehabe. Nur einmal „eskaliert“ die Situation, als ein Fußballfreund in ruhigem Tonfall aufgefordert wird, sich zu setzen – und nach einigen bierbedingten Verständigungsschwierigkeiten gehorcht. Neben ihm lassen sich zwei Grüne nieder, augenscheinlich froh, auch einmal sitzen zu können.

Ich bemerke erstaunt, daß die Gesangsstimmen der sangesfreudigen Magdeburger Fans stets mindestens eine Oktave tiefer zu sein scheinen als ihre mittlerweile recht heiseren Sprechstimmen. Ein Grüner wird beim allgemeinen Rumgehüpfe angerempelt – und erhält eine Entschuldigung dafür.

Juppi, der freundliche Anhänger einer einseitigen Konversation mit mir, vertraut mir seinen Beutel an. Dessen Inhalt besteht – natürlich – aus mehreren Bierflaschen. Immerhin hat er einige Minuten zuvor erfahren, daß ich Bier meide, was mich wohl in seinen Augen zu einem vertrauenswürdigen Menschen macht. Er verzieht sich – natürlich – aufs Klo.

Sein Sitzplatz wird schnell wieder besetzt – von einem schätzungsweise vierzehnjährigen Jungen, der irgendwann feststellt, daß ich gar keine Frau bin. Ich bin von seiner Auffassungsgabe beeindruckt. Er wiederum davon, daß ich so viele Wörter aneinanderreihe. Ich habe einen weiteren Freund gefunden.

Die Gesänge, sofern man so euphemistisch ist, sie als solche zu bezeichnen, lassen nicht nach; das Niveau der durchaus lautstarken Kommunkation sinkt weiter. Juppi kehrt zurück, tanzt den vierzehnjährigen Platzbesetzer an, der sich aber um andere Dinge kümmert (Bier). Erstaunlicherweise führt auch das zu keinerlei Verdruß.

Nicht minder erstaunlich ist der Umstand, daß auch die wenigen Freunde der Hallenser Mannschaft toleriert werden. Sicherlich fliegen höhnische Worte und beleidigende Gesänge durch die Luft, doch sind sie harmlos und münden nur in verbalen Gegenattacken.

Juppi schmeißt sich unterdessen an eine Sechszehnjährige heran, deren Hüfthose beeindruckend tief sitzt, und versucht sich als Alleinunterhalter – beides natürlich vergeblich. Erwähntes Mädel, ich stelle später fest, daß ihr echter Name Uli ist, zeigt alberne Knutschfotos herum, präsentiert diese sogar den beiden sitzenden Grünen – nur nicht meinem Freund Juppi.

Fast bin ich geneigt, so etwas wie Mitleid mit ihm zu empfinden, was mich jedoch nicht davon abhält, mich der Distanz zwischen mir und ihm zu erfreuen.

Nach einer Weile aber läßt sich Püppi, wie Juppi sie nannte, dazu herab, auch ihm ihre albernen Fotos zu zeigen; die restlichen Mädels, die erstaunlich laut zu grölen vermögen, beschweren sich geifernd über ein anderes Zugabteil, wo alte Männer ihnen an Brust und Po gegrabscht haben. Immenser Biergenuß läßt wohl auch treuste Ehemänner zu hirnlosen Kinderschändern mutieren.

Juppi ist in seinem Element, als er beginnt, lautstark in die Gesänge der anderen Abteile einzustimmen. Erstaunlich, wie laut ein einzelner Mensch sein kann. Ebenso erstaunlich ist, daß der besungene Fußballverein mit einem Male keine Bedeutung mehr zu haben scheint und spontan gegen einen Erstligisten ausgetauscht wird.

Nicht minder erstaunlich ist die Knopfdruck-Funktion: Juppi beginnt mit melodiebefreitem, rhythmusfernen „Schalala“-Gegröle, und die übrigen Anwesenden – abgesehen von mir und den Polizisten – stimmen ein. Ich kann keinerlei Texte ausmachen, obgleich sicherlich irgendwo in dem dezibelintensiven Gelalle ein- oder zweisilbige Wörter versteckt sind.

Ein Grüner ermahnt einen Marsriegelesser, der gerade mit reger Begeisterung eine Bierthematik anschlägt, sein Verpackungspapier nicht auf dem Boden liegen zu lassen, und wird mit einem kollektiven „Spielverderber!“ belegt. Ich schmunzle unfreiwillig.

Mittlerweile beginnen mich die kindischen Hirnlosigkeiten und die montonen, stetig wiederkehrenden und vor allem überlauten Gesänge zu nerven. Den Grünen reicht es aber scheinbar auch. Die Ermahnungen nehmen zu. Ruhe wird gefordert. Mehrmals. Drohungen werden ausgesprochen. Die Reaktionen sind verhalten.

Einer der Störenfriede, der ominöse Marsriegelesser, wird beiseite gezogen, ein unfreundliches Wort findet das nächste. Der Ermahnte setzt sich wieder und bleibt einigermaßen ruhig.

Aber Juppi, der inzwischen wieder den Platz neben mir einnimmt und von der geladenen Simmung innerhalb des Abteils nicht viel mitzubekommen scheint, beginnt zu schunkeln. Ich erwäge mehrmals aufzustehen und zu gehen. Doch wohin?

Püppi wird von Juppi aufgefordert, sich auf seinen Schoß zu setzen, übt sich aber in Ignoranz. Derart abgewiesen wendet er sich mir zu, belastet mich mit zwei oder drei wirren Sätzen, beinhaltend seine Kinder in Thüringebn, seinen Onkel im Ruhrgebiet, sein geschiedene Frau und Fußballfanatismus. Ich verstehe kein Wort. Er erkundigt sich nach meiner bereits gegründeten, allerdings leider nichtexistenten Familie. Ich lächle verzweifelt.

Juppi nervt. Immer mehr. Er beginnt zu grölen, direkt neben meinem rechten Ohr, hört auf, macht weiter. Immer wieder. Aggression liegt in der Luft: gegen Juppi, gegen die Grünen, gegeineinander. Skins laufen durch die Gänge, präsentieren sich. Arroganz zeigt verbissene Gesichter.

Draußen schneit es. Ich versuche, mich dauaf zu konzentrieren, schaffe es nicht.

Zunehmend Beschwerden über Grabscher. Vorher Angetrunkene sind längst Besoffen. Gehirne funktionieren nicht länger. Schreie zerschmettern mein malträtiertes Trommelfell. Polizisten greifen sich einen weiteren Fan. Juppi singt wieder.

Schnee. Atmen. Atmen. Schnee.

Ich will hier raus.

Der Hallenser Bahnhof rückt nahe. Die Grünen postieren sich ander Tür, allgemeines Gedränge herrscht. Doch niemand schubst. Langsam quellt der weißblaue Brei durch die Tür nach außen. Dort erkenne ich nur grün. Der ganze Bahnsteig ist mit Polizisten zugepflastert. Die Treppe zur Bahnhofshalle ist durch eine grüne Mauer versperrt. Ich stelle mich davor und lächle. Inmitten eines Pulks angetrunkener, grölender Fans („Hurra, hurra, die Magdeburger sind da!“) stehe ich und lächle. Ein Polizist bemerkt mich, begreift, daß ich nich zur Meute gehöre und läßt mich durch.

Befreit laufe ich durch die leeren Gänge. Polizisten säumen den Weg. Grimmige Gesichter. Angespannte Minen.

Mein Telefon klingelt. Mein Bruder fordert mich zur Eile auf. Er steht im Parkverbot und ist schon mehrmals von Polizisten zur Weiterfahrt aufgefordert worde. Ich fange an zu zu rennen.

Ein merkwürdiges Gefühl, inmitten einer Masse aus Gesetzeshütern urplötzlich zu rennen…

Ich verlasse den Bahnhof. Mein Bruder winkt mir aus der Ferne zu. Erleichtert lache ich ihm zu.

Es beginnt zu schneien.

zerbrechende welten

darnieder kniet
was fliehend lebt
auf welkem weltenboden
ein aschekuß
in kaltem staub
wo licht mich nun verlor.

gefaltet zum gebet
die hand
die flehend sich zur sonne richtet
doch abgewiesen
jedes wort
einst suchend mir erdacht.

zu meinen füßen
bricht die welt
die silberklinge formt den pfad
der nebelhauch entreißt ein herz
aus meinem
das verblieb.

ein toter odem
zerrt zugleich
raubt leben und ein lachen
vergänglichkeit
das alte wort
entsendet tränen mir.

verblassend weicht
der letzte traum
nennt flüsterleere zeilen
ein klang aus der erinnerung
als liebe mich erwarb.

der tiefste wald
ward blankes feld
ein wind stäubt tote samen
wo altes flieht
sei neues mir
doch starb ein letzter pfad.

darnieder kniet
auf welkem grund
auf welten, die zerbrechen
was träumend jeden pfad verlor
auf asche tränen sät.

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K.O.O.K.

Zur Herkunft des Wortes „okay“ bzw „O.K.“ gibt es unterschiedliche Thesen. Allein das von mir mit stetem Mißtrauen betrachtete wikipedia gibt fünf verschiedene Möglichkeiten an; mein etymologisches Wörterbuch liefert zwei weitere. Sei es aus dem Westafrikanischen oder dem Indianischen kommend, sei es die Abkürzung für „Old Kinderhook“ oder für „Otto Kaiser“, einem Mitarbeiter der Ford-Werke, wir alle sind uns einig, daß „O.K.“ so ausgesprochen werden sollte, als lese ein Englischsprachiger die beiden Buchstaben seines Alphabets vor.

Die Frage, die sich mir stellte, war aber, warum man bei „O.K.“ auf der englischen Orientierung beharrt [niemand käme auf die Idee, das wortähnliche Gebilde wie ein „Oh-Kaij“ auszusprechen], aber „k.o.“ in das Deutsche integrierte.

Schließlich werden bei „k.o.“ die beiden Buchstaben so ausgesprochen, wie man es vom deutschen, nicht vom englischen oder amerikanischen, Alphabet gewöhnt ist. Allerdings ist die Herkunft dieses Kürzels eindeutig, steht es doch ursprünglich für das dem Boxsport entlehnte „knocked out“, also für einen wahrlich englischsprachigen Begriff.

Wäre ich also vermessen genug, anstelle von „Ka-Oh“ ein dem Original entsprechendes „Käij-Oh“ zu artikulieren, würde ich mit verständnislosen, ja vielleicht gar mißtrauischen Blicken beäugt und von Sprachliebhabern als „Deutschverachter“ und „Antinationalist“ beschimpft werden und womöglich auf deutscheste Art und Weise k.o. geschlagen werden.

Das mißfiele mir, weswegen ich wohl meine kritische Klappe halten werde.

Behind The Mirror

Da ich gerade amüsierter Laune bin, erzähle ich mal eben einen Schwank aus meiner Jugend.

Es begab sich in meinem letzten Schuljahr, daß unsere Klasse beschloß, eine Abschlußfahrt zu organisieren und durchzuführen. Tatsächlich landeten wir dann inmitten einer dieser spanischen Pseudostädte, die nur für alberne, trinkwillige, diskowütige, sonnenglutheischende, zahlungswillige Touristen aus dem spanischen Boden gestampft worden waren; in einer der Städte, in deren Namen immer ein doppeltes L vorkommen muß, das man dann ur-katalanisch wie ein J zu artikulieren [siehe auch Mallorca] hat, und die immer an irgendeiner sinnbefreit betitelten Küste herumliegen: Weiße Küste, Wilde Küste, Sonnenküste, …

Unser Hotel war nicht das schönste, aber vermutlich noch bessere Wahl in Anbetracht der Alternativen. Selbst das Bordell direkt gegenüber schreckte uns nicht ab [schmutziges Grinsen auf meinen Lippen]. Ich lernte meine erste große Liebe kennen, und die Welt schien in Ordnung. Doch dann…

[spannungsheischende Pause]

Eines Nachmittags duschte ich mich in der Badewanne. Mein damals noch funktionstüchtiger Walkman hatte ganze Arbeit geleistet und mir ein wunderschönes Würmchen ins Ohr gesetzt: Blind Guardian mit „Lost In The Twilight Hall“. Mit dem Wissen bestückt, allein im Hotelzimmer zu sein, trällerte ich fröhlich eben erwähntes Lied vor mich hin, in dem eine durchaus bedeutsame und stetig wiederkehrende Zeile lautete:

„Look behind the mirror…“

Nachdem ich eben jene Zeile mehrmals über meine Lippen perlen lassen hatte, wurde ich mir ihres Inhalts bewußt. „Sieh hinter den Spiegel…“. Neugierig schaute ich in den Spiegel und versuchte herauszufinden, ob sich irgendetwas dahinter zu verbergen vermochte. Ich hatte genug Fantasy-Romane gelesen, um daran zu glauben, etwas finden zu können. Doch ich fand nichts.
Aber halt! War nicht die Rede von „hinter den Spiegel“ gewesen?

Vorsichtig löste ich den Spiegel aus seiner Halterung. Wer wußte denn, welche Schätze dahinter verborgen waren, welche Geheimnisse ich nun entdeckte?
In einem unbedachten Augenblick glitt mir der Spiegel aus der feuchten rechten Hand und knallte auf das Keramikboard, auf dem meine Zahnbüste stationiert war. Ein Blitz zuckte durchs Glas und manifestierte sich: Von oben links bis unten rechts war der angeblich geheimnisvolle Spiegel von einem riesigen Riß durchzogen, den zu verbergen mir schwerfallen würde.

Am nächsten Tag hatte die Putzfrau die Riß-Information an ihren Chef weitergegeben, dieser sich an irgendeinen meiner Lehrer gewandt, der wiederum mir ankündigte, ich hätte den lächerlichen Betrag von 20 DM für diesen Schaden aufzuwenden.

Ich zuckte mit den Schultern. Es war mir egal, berührte mich nicht. Denn mit dem Spiegel hatte auch meine Traumwelt einen Riß bekommen: Hinter dem Spiegel befand sich nur die nackte, häßlich-graue Wand.

Buchrückseitendruckrichtungsstandard

Heute durfte ich mich mal wieder wundern. Besonnen lag ich auf meiner Matratze und studierte die mir zugewandten Buchrücken in dem dafür vorgesehenen Regal. Und was fiel mir auf?

In einem Land, wo jedes Detail der menschlichen Existenz, jedes Produkt, jeder Service, mit einzuhaltenden und regelmäßig kontrollierten Normen und unabänderlichen Standards versehen wird, gibt es scheinbar keine einheitliche Regelung für die Anordnung des Schriftzugs auf dem Buchrücken.

Ich gebe zu, daß eine Tendenz deutlich spürbar ist: Die meisten Buchtitel sind mit nach links geneigtem Kopf lesbar, also mit Leserichtung von unten nach oben entlang des Buchrückens. Doch immer wieder treffe ich Ausnahmen an: Salman Rushdie „Die Satanischen Verse“ [Knaur], diverse Werke Terry Pratchetts [Goldmann] oder gar Tolkiens „Der Herr der Ringe“ [Klett-Cotta].

Auffällig dabei ist, daß es Verlage gibt, die ihre eigenen Bücher mal „links herum“ und mal „rechts herum“ bedrucken, Goldmann zum Beispiel. Da stellt sich mir doch die Frage nach dem Grund. Schließlich muß man so aufgrund der fehlenden Standardisierung bei längeren Bücherreihen wie ein alberner Wackeldackel den Kopf nach links und rechts auf die Schulter werfen, um lesen zu können, wer Autor ist und wie der Buchtitel lautet.

Doch dieses Phänomen macht auch vor anderen Medien nicht halt. Ich gebe zu, mir fällt gerade nur eine CD ein, deren Randbeschriftung „falschrum“ angeordnet ist: The Bates mit „Psycho Junior“. Das stelle ich immer wieder fest, wenn ich das Werk zurück in den CD-Ständer schieben will, dann aber bemerke, daß die Schrift nur kopfüber lesbar ist.

Aber DVDs gesellen sich scheinbar gern zu den Büchern, zumindest, was die uneindeutige Anordnung der Rückenschrift betrifft. Auch hier überwiegt der „von-unten-nach-oben“-Stil, doch bilden beispielsweise „Lost Highway“ und „The Crow“ nicht zu vernachlässigende Ausnahmen.

Deshalb fordere ich jetzt hier an dieser Stelle die Einführung eines Deutschen Buchrückseitendruckrichtungsstandards [zuzüglich ähnlicher Normierung für CDs, DVDs undsoweiterundsofort] !!!

Das ist es, worauf Deutschland gewartet hat!
Das ist es, was uns voranbringen wird!
Das ist es, was uns alle glücklich macht!

Der Deutsche Buchrückseitendruckrichtungsstandard!

P.S: Mir fällt gerade auf, daß die vor wenigen Stunden gekaufte und eben erwähnte CD der von mir sehr gschätzten Musikgruppe Draconian sich zu dem bereit genannten Bates-Album gesellen darf, ist doch auch hier die Schrift falsch angeordnet. Welch amüsante Begebenheit…