der morgendliche wurm im ohr 3

ich kenne mich mit den paarungsgewohnheiten in ohren wohnhafter wurmwesen nicht sonderlich gut aus, mußte allerdings heute morgen beim unfreiwilligen erwachen [unglaublich, wie weich und bequem ein bett sein kann…] feststellen, daß mich gleich zwei der putzigen tierchen heimgesucht hatten:

scream silence – „greed for love“ und
samsas traum – „der spiegel sieht mich nicht“

noch immer bin ich nicht imstande, zusammenhänge zwischen den morgendlichen ohrwürmern und anderen dingen herzustellen, vermag also keine regel zu finden, kein grund, warum ausgerechnet jenes lied in meinem schädel herumschwebt. aber ich bleibe dran, werde weiter beobachten und vermutlich in nicht allzu ferner zukunft dieses befremdliche mysterium lösen, dafür mindestens zweieinhalb nobelpreise erhalten, ein denkmal gebaut bekommen und offiziell für „extrem gutaussehend und intelligent“ erklärt werden.

„irgendwo tief in mir…“

irgendwie war es mir schon immer bewußt, lauerte tief in meinem denken, doch erst gestern wurde es mir wirklich klar: ich bin noch immer kind.

ich neige nicht dazu, die kindheit glorifizieren zu wollen. aus heutiger sich scheinen die sorgen von damals wesentlich unbedeutenderer natur gewesen zu sein, was den automatischen schluß zuließe, daß die kindheit schön gewesen sein muß und daß man diese zurücksehnen sollte. doch daß in den augen eines kindes die damaligen sorgen womöglich von weltumfassender bedeutung waren, daß also nicht alles an der kindheit schön war, begreift man nur ungern.

was ich aber an der kindheit liebe, ist, bestimmten dingen mit ungetrübtem blick, ohne tiefere gedanken zu begegnen und sie einfach hinzunehmen. ich liebe das auge für details, das ich als kind hatte und bemühte mich längst, dieses nicht zu vernachlässigen, auf alles, noch so winzige zu achten und mich daran zu erfreuen.

ich liebe es, sinnlos herumzualbern, zu hüpfen, zu schreien, herzlich zu lachen, ich liebe es, mich einfach gehen zu lassen und für einen moment alles abzuschalten, was an rationalem in mir wohnt. ich liebe es, kleinigkeiten zu sehen und zu beobachten, mich in winzige spielchen zu vertiefen und die welt zu vergessen.

gestern jedoch wurde mir bewußt, daß ich noch auf eine andere weise kind bin, auf eine weise, die mir weniger behagt, aber längst keinen grund zur sorge darstellt, vielleicht sogar ein zeichen für kindliche offenheit ist.

im zuge meines versuches zur selbstfindung entdeckte ich, daß in mir unzählige interessen wallen, darauf harrend, endlich ausgelebt zu werden. und jede neue tätigkeit ist wie ein spielzeug für mich, das ich unbedingt haben möchte. so war eine der ersten gegenstände, die ich mir in meiner ersten eigenen wohnung zulegte, eine elektrische gitarre. ich war fasziniert, ja gefesselt, spielte zuweilen stundenlang, erfreute mich an jedem klang, der entwich. doch irgendwann ließ das interesse nach, es gab soviel anderes, was getan werden mußte oder konnte. eine eigene heimseite mußte her, freunde und freundinnen wollten beschäftigt werden, ich wollte mich lyrisch und prosaisch ausleben. ich wollte schreiben und tat es. ich wollte zeichnen und tat es. irgendwann entdeckte ich die gitarre wieder und stellte fest, daß eine akustische doch auch wunderschön sei. und bald hatte ich ein neues spielzeug. ich entdeckte die jonglage, entdeckte, wie es ist, plakate und flyer zu designen, entdeckte dies und jenes – entdeckte zuletzt die photographie.

mehrere sachen stellte ich fest. zum einen sind meine „spielzeuge“ wesentlich preisintensiver als die kleiner kinder. zum anderen lasse ich niemals ein spielzeug fallen und will es nicht wiedersehen. sicherlich war niemals genügend zeit, alles gleichzeitg zu nutzen, mich jeder freude gleichzeitig hinzugeben. und doch vermag die alte gitarre noch immer angenehme klänge zu fabrizieren, und doch gebe ich mich noch immer sämtlichen interesen gerne hin, lasse sie ruhen, finde sie wieder und vertiefe mich darin.

mein herz sehnt sich nach abwechslung – und findet diese in immer neuen spielzeugen, die jedoch manchmal nur die alten zu sein brauchen. ich liebe es, mich ausleben zu können, liebe es, auf verschiedenste art und weise meine gedanken gehen zu lassen, liebe es, die schönheit der welt zu entdecken und sie zu würdigen, liebe es festzustellen, daß ich das leben liebe.

längst bin ich erwachsen, doch wieder und wieder bereitet es mir freude zu bemerken, daß in mir noch immer ein teil des kindes steckt, das ich mal war.

der morgendliche wurm im ohr 2

nicht wenig überrascht war ich, als heute morgen schon wieder eines dieser kleinen musikalischen wurmwesen in meinem gehörgang hockte und mir klänge vorspielte, die ich im ersten moment gar nicht zuzuordnen wußte. doch wenige gedankengänge später war ich imstande, des rätsels lösung zu erahnen und freute mich angesichts dessen, daß ich wiederum nicht vermag, dieses lied mit irgendetwas aus näherer vergangenheit in verbindung zu setzen, das auslöser für den ohrwurm gewesen sein könnte.
heute handelte es sich nämlich um:

agathodaimon – „solitude“

vergessen

und mit jedem augenblick, den ich weiterlebe, frißt die zeit mehr und mehr an meinen erinnerungen, raubt sie, verfärbt sie, zeichnet sie neu und löscht sie aus. selbst der innige wunsch festzuhalten, selbst das fiebrige vorhaben, nicht, niemals, loszulassen, kann sich diesem prozeß nicht widersetzen. ich kann worte schreiben, gedanken im geiste wiederholen, bilder ausgraben und in mir verinnerlichen, ich kann anderen erzählen, was in mir blieb, um es aufzufrischen, zu erneuern. doch nützt all das nicht viel gegen die übermacht der zeit, gegen die übermacht des vergessens.

das ereignis war traurig, wohl die traurigste zeit meines daseins, war so unfaßbar unwirklich, daß ich womöglich noch heute nicht begreife, noch heute nicht fasse, was geschah. und doch zerrinnt es in mir, fließt hinfort, ein teil des gewesenen, sich aus der gegenwart verabschiedend. noch immer fühle ich ein echo meines schmerzes von damals, das hin und wieder wellen schlägt und meine sinne überflutet, tränenbäche gerinnen läßt. doch das alles ist so unfaßbar schwach, so unendlich weit fern, daß das ohnehin unwirkliche in mir noch mehr an substanz verliert, daß es von mir weicht, als wäre es nie geschehen.

und doch geschah es. ich weiß es, irgendwo im kopf, tief in meinem rationalen denken. doch mit jeder sekunde, die ich weiterlebe, kann ich es weniger fühlen, weniger fassen.

ich genieße die augenblicke, in denen meine erinnerungen zurückkehren, in denen alte bilder das vergangene aufzeigen und facetten vor mir ausbreiten, derer ich längst nicht mehr gewahr bin. kleinigkeiten kommen mir in den sinn, und ich freue mich darüber, freue mich, sie wiederentdeckt zu haben wie einen alten, längst vergessenen schatz. in solchen momenten breite ich alles in mir aus, eine galerie des lebens, die vom tode kündet. und doch, selbst der schmerz ist mir dann ein treuer freund, ziehen mit ihm doch weitere erinnerungen einher, dinge, die ich vermißte, ohne daß ich sie hätte betiteln können, dinge, die entwichen, ohne daß ich ihr fehlen bemerkt hätte. für einen augenblick bin ich imstande, dich zu greifen, die vergangenheit zu greifen und in mir festzuhalten, dich mit meinen tränenüberströmten augen zu sehen.

ich will nicht vergessen, will niemals vergessen, weil zuviel schönheit in dem steckt, was längst verging, weil zuviel liebe dort wohnt, wo ich dein bild in mir trage. ich will nicht vergessen, wer du warst, wer du in meinem herzen noch immer bist, will die zeiten nicht vergessen, die wir teilten.

niemals will ich, daß einzig ein stein, ein bepflanzter fleck erde, ein starrer name inmitten vieler, ein trüber ort in meiner ferne, mich an dich erinnert, will nicht, daß es eines solchen platzes bedarf, um dich noch immer in mir zu wissen.

jede erinnerung schenkt mir ein lächeln, jeder gedanke an dich hält dich in mir. so vieles, was ich nicht wußte, was ich niemals wissen werde. so vieles, was ich wußte, spürte, erlebte.

ich will es nicht vergessen, will niemals vergessen…

tagesausklang

beeindruckend, wenn man rückblickend feststellt, daß der tag als solcher von immenser eigenfreude geprägt wurde, wenn man merkt, daß alles erdenklich mögliche in den letzten stunden sich zum guten wendete oder zumindest eine derartige richtung einzunehmen erwog, wenn man begreift, daß das lächeln auf dem eigenen antlitz nicht nur echt war, sondern auch in der tiefe perlte, nach außen drängte und versuchte, andere anzustecken.

ernüchternd, wenn aber der moment des rückblicks geprägt ist von einer unerklärlichen schwere, ja fast schwermut, wenn trotz allem die welt trüb und grau wirkt und sich keinen millimeter weitergedreht zu haben scheint, wenn das lächeln längst entschwand und nur noch die stille erinnerung daran verblieb.

womöglich ist dann der rechte zeitpunkt gekommen, die augen zu schließen und den tag für sich selbst sterben zu lassen, in die vergangenheit zu rücken, als den tag, an dem viel so gutes geschah, an dem das lächeln nicht schwieg. vielleicht ist dann der rechte zeitpunkt gekommen, dankbar zu sein und sich darüber zu freuen, was war, anstatt sich selbst tiefer und tiefer in unsinnige trübnis zu versenken. vielleicht ist dann der rechte zeitpunkt gekommen, sich selbst ein letztes lächeln zu schenken und mit vorfreude auf den nächsten tag zu warten, selig träumend dem jetzt in das nahende irgendwann zu entfliehen.

blurks und rote geräusche

ich gebe zu, daß der nun folgende text wenig sinn haben wird und einzig und allein dazu dient, die überschrift im raum stehen zu lassen. diese, der betreffzeile einer von mir verfaßten email entwendet, gefällt mir so gut, daß ich stundenlang davorsitzen, sie lesen und in mich hineinkichern könnte. eine solche tätigkeit wird von mir selbstverständlich niemals praktiziert werden, und wenn, dann nur kurz. ich habe schließlich fleißig zu sein, emsig wie ein frischgeschlüpftes honigkuchenpferd.

mir fällt gerade auf, daß es unglaublich viele worte gibt, die mir zusagen, die mich freundlich anlächeln, mich liebevoll grüßen, wenn ich sie entdecke, mir heimlich zuwinken, wenn ich mich abwende.

eines jener worte ist „blurks“. ich habe keine ahnung, was ein/eine blurks ist, gebe zu er/sie/es kann nicht wirklich appetitlicher natur sein, doch irgendwie mag ich ihn/sie/es. ein anderes wort, das ich liebe, ist „honigkuchenpferd“. ich gebe zu, dieses schon heimlich in den vorangegangenen zeilen untergebracht zu haben, und zwar einzig und allein aus dem egoistischen motiv heraus, mich an seiner existenz zu erfreuen. „morast“, „nichtsdestotrotz“ und „zuweilen“ stellen befremdlicherweise auch worte dar, über die ich gerne meine blicke streifen lasse. ich wage nicht, derartiges zu hinterfragen, fürchte ich mich doch vor den schauerlichen abgründen, die sich in mir auftun könnten.

was ich aber jederzeit gerne wage, ist, wörter zu hinterfragen. ein gutes beispiel stellt das wort „komisch“ dar, das mir immer wieder zu denken gibt. schließlich verbirgt sich in ihm ein doppelsinn. meint man aber nicht das lustige „komisch“, sondern das andere, benutzt man zuweilen [hihi…] irgendwelche synonyme. bevorzugt wird dabei das wort „merkwürdig“ verwendet. doch „merkwürdig“ bedeutet in meinem denken etwas, das würdig ist, daß man es sich merkt, also einprägt. ich stelle dabei aber fest, daß die inhaltliche gleichheit zwischen „merkwürdig“ und der zweiten bedeutung von „komisch“ nicht immer gegeben ist und suche weiter nach alternativen. ich erwähle „eigenartig“. jedoch deutet dieses alberne [„albern“ liebe ich im übrigen auch sehr.] wörtchen eigentlich nur darauf hin, daß etwas eine eigene art besitzt. und da ich davon ausgehe, daß nahezu jeder existierende gegenstand, jedes lebenwesen auf erden, eine eigene art hat, eigen ist, bereue ich meine wahl und suche erneut nach synonymen. im augenblick hänge ich bei „befremdlich“. dieses wort sagt aus, daß irgendeine sache auf mich fremd wirkt. und wenn ich ausrufe: „hui, das ist aber komisch!“ und nicht meine, daß es lustig sei, dann fremdet mich jene sache durchaus an, und ich kann ruhigen gewissens „befremdlich“ in meinen aktiven sprachwortschatz aufnehmen.

es gibt befremdliche [!] worte im leben, solche, die einen nicht loslassen. bei mir jedenfalls verhält es sich derart. suche ich einen namen, fällt mir als erstes „peter“ ein – es gab mal eine zeit, da war es „otto“. will ich einen zeitpunkt bestimmen, wird es zumeist „donnerstag“, egal ob sinnvoll oder nicht. fällt mir eine bezeichnung nicht ein, benutze ich das von mir erfundene substantiv „knuselwupp“, das zugleich ein name sein kann und auf „knusel“ verkürzt werden darf. „knuseln“ ist das enstprechende verb; ihm kommt im meinem wortschatz ähnliche bedeutung bei wie das wort „schlumpfen“ bei den kleinen, blauen gesellen mit den weißen mützen – eine universale also. es spielt keinerlei rolle, inwiefern das mir in den sinn hüpfende wort passend oder unpassend ist; es liegt mir plötzlich auf der zunge und will ausgesprochen oder niederschrieben werden.

unangenehmerweise muß ich zugeben, daß ich nicht imstande bin, diesem text einen akzeptablen schluß zu schenken, weswegen ich noch einmal grinsend auf die überschrift deute und mich unterdessen heimlich aus dem staub mache…

der morgendliche wurm im ohr

während des mühsamen aufstehprozesses fiel mir heute zum wiederholten male auf, daß mir ein lied im kopf herumschwebt, das meiner erinnerung nach keinen bezug zu irgendwas besitzt; das ich nicht am abend zuvor gehört hatte; das keine rolle in meinen träumen gespielt hatte; an das ich in letzter zeit nicht gedacht hatte; ein lied also, das sich einfach so in meinem ohr niedergelassen und bequem gemacht hatte und mit schöner melodie das aufstehen zu versüßen gedachte.

ich wunderte mich ein bißchen und beschloß, in zukunft darauf acht zu geben, welcher ohrwurm mich morgens begrüßt, also niederzuschreiben, was mir im kopf erklingt.
heute handelte es sich um:

samsas traum – „der wald der vergessenen puppen“

noch ein letztes

manchmal erkenne ich in meinem handeln dinge, die mich erinnern lassen, die trübes hervorkramen aus den untiefen meines geistes, aber auch schönheiten, deren glanz ich längst vergaß. zumeist genieße ich es, erfreue mich dessen, was war, sei es schmerz, sei es glück. und zuweilen eröffnen sich dadurch neue gedanken, greifen ein in die gegenwart, lenken meine schritte. ich könnte… ich sollte… wäre es nicht möglich, …

es heißt, es wäre niemals zu spät, um verzeihung zu bitten.

einmischen

die kombination aus gedanken in der vergangenheit und dem heutigen betrachten des wahrlich ergreifenden und wunderschönen films „die fabelhafte welt der amelie“ ergab folgende frage: was passiert, wenn man sich einmischt?

ich selbst bin ein verhältnismäßig neugieriger mensch. sobald mich eine frage, ein mensch oder ein ding fesselt, vermag ich dieser/m meine volle aufmerksamkeit zu widmen, den rest der welt zu vernachlässigen, nur um ein paar mehr informationen zu ergattern. sitze ich in der straßenbahn, so neige ich nicht selten dazu, andere menschen anzustarren, sie zu beobachten, ihr verhalten zu studieren und darüber zu sinnieren: die frau dort, mit dem kleinen kind, warum redet sie so merkwürdig? hat sie getrunken oder ist sie sprachlich behindert? der mann dort, wie oft habe ich ihn schon dieselbe geschichte erzählen hören von ihm, der siebzig jahre alt ist, von seiner zehn jahre jüngeren freundin, von seinen wöchentlichen tanzvergnügungen und so weiter? was um gottes willen findet die einigermaßen attraktive, aber scheinbar ein wenig unterbelichtete junge dame mit kinderwagen an ihrem freund, einem offensichtlichen fascho-proll?

und schon geschieht es. der fascho schaut mich an, ich sehe zu spät weg. was folgt, sind böse blicke und derbe beleidigungen. ich versuche, zunächst nicht, dann in sachlichem ton darauf einzugehen, doch ernte nur erneute schimpfworte. provozierend zündet sich der aggressive junge mann die zigarette schon an, bevor die bahn an seiner haltestelle hält (welch segen für das kind!), veabschiedet danach seine freudnin mit einem kuß (wie lecker!), steigt aus und entfernt sich, jedoch nicht ohne noch einmal wütend an die scheibe zu schlagen, hinter der ich sitze. ich habe dergleichen erwartet und reagiere nicht; die reaktion seiner freundin lautet ähnlich. sie scheint es gewohnt zu sein. traurig.

ein mensch niest. mit einem echten lächeln auf den lippen (nicht eines jener falschen lächeln, die uns die printmedien immer wieder auf den lippen hochbezahlter models präsentieren, welche tatsächlich aber nichts anderes sind als ein zu einem pseudogrinsen verzerrtes antlitz) wünsche ich herzlichst „gesundheit!“ – und ernte erstaunte blicke: ich habe mich eingemischt.

ich steige an einer haltestelle ein und suche einen sitzplatz. auf einem zweierplatz sehe ich eine freie sitzgelegenheit, jedoch versperrt von einer jungen dame, die sich auf den äußeren platz gesetzt und somit den weg zum anderen versperrt hat. die bahn ist rammelvoll, niemand vermag sich auch nur wenige zentimeter zu rühren – doch keiner wagt es, die junge dame zu fragen, ob sie denn beiseite rücken und den unbelegten sitzplatz freigeben würde. ich wage es aber, möchte ich doch noch ein paar minuten in einem buch schmökern. auf meine anfrage hin reagiert die junge dame nicht nur überrascht, sondern fast gereizt, als hätte sie den sitzplatz reserviert und für sich gepachtet. sie rückt beiseite, ich lasse mich nieder, sie rückt noch ein stück. meine nähe ist ihr zu nah. ich darf mich nicht einmischen, habe mich schon genug aufgedrängt.

in einer anderen situation verfüge ich über einen sitzplatz in türnähe, sehe beizeiten, daß eine ältere, des gehens nur mühsam mächtige, frau einsteigt, stehe auf und begebe mich dorthin, wo ich, ohne im weg zu sein, während der fahrt stehen kann. doch was ich ernte, ist keineswegs ein winziges lächeln oder nicken des müden hauptes, nein, mir blicken nur fragende augen entgegen, berichten von verwunderung. es war wohl nicht zu erwarten gewesen, daß ich an ihrem schicksal anteil nehme, ja vielleicht noch nicht einmal gewollt.

überall wird der versuch, menschlichkeit zu zeigen, sich einzumischen und richtungsweisend zu wirken, mit mißtrauen aufgenommen. gehe ich an erzählenden menschen vorbei und erhasche gesprächsfetzen, die ein für mich lösbares, aber von den redenden kompliziertes problem beinhalten, zögere ich nicht, meine meinung zu äußern. wird mein nachbar am bibliothekscomputer von einer fremden um eine kurze pause gebeten, damit eine kurze sache erledigt, zwischengeschoben, werden kann, zögere ich nicht, aufzustehen und meinen platz anzubieten. sehe ich bettelnde auf der straße oder alkoholisierte, die sich um einen getränkestand gruppieren, so versuche ich nicht zu vergessen oder wegzusehen, sondern frage mich betrübt, was nötig ist, um diesen menschen zu helfen. spricht mich ausnahmsweise irgendwer an, um rat fragend, hilfe ersuchend, so zögere ich nicht und tue mein möglichstes.

ich will mich nicht preisen, sondern nur unzählige beispiele dafür aufzeigen, daß stets das gleiche geschieht: menschen wollen nicht, daß sich jemand fremdes einmischt, wollen mit ihren sorgen, ihren gedanken, ihrem handeln in ihrer kleinen welt belassen werden – und bröckelt sie noch so sehr. sie wollen nicht, daß irgendwer in ihnen schwäche entdecken kann, wollen nicht fragen, geben lieber nach und weichen zurück. menschen fahren in einer kaufhalle lieber umständlich an einem im weg stehenden einkaufswagen vorbei, anstatt diesen, der ja keineswegs privateigentum darstellt, einfach ein stück beiseite zu schieben. sie dulden lieber den lärm der nachbarn im lesesaal, anstatt höflich um etwas ruhe zu bitten. sie schreiben lieber die offensichtlich falschen worte oder formeln von einer tafel ab, als den lehrenden, die autorität, die auch nur mensch ist, auf seine fehler hinzuweisen.
nicht immer, ich weiß. doch oft genug. und das macht mich traurig. insbesondere weil jeder versuch, aus diesem denken auszubrechen, im ersten moment so ungewohnt zu sein scheint, daß der betroffene zunächst einen angriff, einen eingriff in sein persönlichstes, in sein allerheiligstes, vermutet. er reagiert verletzt oder aggressiv, wendet den blick ab oder schweigt. manchmal aber lächelt er und entsinnt sich dessen, daß es auch andere gibt, und daß die anderen vielleicht in ähnlichen sorgen und nöten stecken wie er selbst. für solche augenblicke bin ich dankbar.

ich will mich einmischen, doch mich nicht aufdrängen, will mich zur verfügung stellen, doch nicht in den mittelpunkt, ich will möglichkeiten offenbaren, nicht pflichten. der unterschied ist schwer auszumachen – jedenfalls auf den ersten blick. und doch reicht es zuweilen, wenn man auf die standardisierten floskeln zur begrüßung oder zur verabschiedung verzichtet und etwas sagt, was man auch meint, was womöglich aus dem eigenen inneren kommt. es reicht oft, wenn man versucht, in anderen menschen auch solche zu sehen, nicht einfach nur randfiguren der eigenexistenz. es reicht oft, wenn man die augen öffnet und beginnt, ein oder zwei schritte weiterzudenken als nur bis zum hier und jetzt. es reicht, oft, eine frage zu stellen, wo man sich eigentlich nicht traute; einen satz zu sagen, den man längst loswerden wollte.

was passiert also, wenn man sich einmischt? ich weiß es nicht, nicht wirklich, doch freue mich über jedes zeichen von menschlichkeit, freue mich darüber, nicht als eindringling betrachtet zu werden, sondern als freundlicher, hinterfragender junger mann, freue mich, wenn reaktionen erfolgen, die nicht von mißtrauen udn verdeckter furcht treifen. und natürlich freue mich darüber, wenn sich irgendwann jemand in mein eigenes dasein einmischt…

dankbar

da ich nicht oft daran denke, derartige worte zu formulieren, soll es nun geschehen, obgleich ich längst in den federn liegen sollte:

ich bin dankbar, am leben zu sein.
ich bin dankbar für jeden augenblick, den ich erleben darf, für jeden moment, den ich verlebe, für die schönheit meines daseins, für die schönheit der existenz an sich.
und ich bin dankbar für menschen, die mich wissen lassen, daß ich lebe, daß ich noch immer lebe…