Begegnungen 51: Wohnungstür

Ich hatte gerade die Dusche verlassen, als es klingelte. Hastig wickelte ich den Duschvorhang um meinen triefenden Leib und rannte zur Tür. Bevor ich ankam, klingelte es erneut. „Jaja!“, rief ich und betätigte den Haustüröffnungsknopf. Dann riss ich die Wohnungstür auf und trat hinaus.

Draußen stand ein Triceratops und kaute auf meiner Zeitung herum. Seine drei Hörner zeigten in meine Richtung, und beinahe wäre ich hineingerannt.

„Guten Morgen.“, grüßte der Dinosaurier, der eigentlich längst ausgestorben sein müsste. „Ich wurde beauftragt, Ihnen mitzuteilen, dass sie im Gegensatz zu anderen Tagen am heutigen keinerlei merkwürdige Begegnungen erleben werden.“

„Aha.“, sagte sich, denn um diese Uhrzeit bin ich nur selten imstande, mehr als zwei Silben aneinanderzureihen.

Der Dinosaurier nickte. „Außerdem sei erwähnt, dass ihnen auch jeglicher anderer Hinsicht nichts Aufregendes passieren wird.“ Der Triceratops drehte sich um und lief die drei Stufen zur Haustür hinab. Er war schon fast draußen, als ich noch einmal zurückblickte. „Abgesehen natürlich davon, dass sie ohne Kleidung vor verschlossener Wohnungstür stehen werden.“
„Verschlossen…?“, wollte ich fragen, da fiel die Tür hinter mir zu.
„Mist.“, sagte ich. Ich atmete tief durch und klingelte. Konnte ja nicht schaden. Einmal. Zweimal.

„Keiner da.“, rief der Triceratops von innen und kicherte.

Begegnungen 50: Kapuzineräffchen

Als ich durch den Park lief, begegnete ich einem Kapuzineräffchen. Es wollte gerade eine Buche hinaufklettern und schaute mich, als es meine Schritte vernahm, neugierig an.
„Hallo Kapuzineräffchen!“, grüßte ich fröhlich und wäre am liebsten zum Äffchen gerannt, um sein niedliches Gesichtchen zu küssen. Es sah mich verdutzt an.
„Hallo Kapuzineräffchen!“, grüßte ich noch einmal und winkte. Seine Äuglein funkelten und seine winziges Näschen glänzte ein wenig. Vielleicht vor Freude.
„Hallo Kapuzineräffchen!“, grüßte ich ein drittes Mal und grinste über das ganze Gesicht.
„Ich bin kein Kapuzineräffchen!“, rief das Kapuzineräffchen und versuchte, mich böse anzusehen. Doch Kapuzineräffchen sind selbst dann noch drollig, wenn sie einen böse anstarren. Ich kicherte.
Das Kapuzineräffchen tat zwei Schritte auf mich zu und wiederholte dann: „Ich bin kein Kapuzineräffchen!“ Die Kapuzineräffchenohren wackelten aufgeregt. „Ich bin ein Meerschweinchen!“
Nun war ich verdutzt. Ein Meerschweinchen? Damit hatte ich nicht gerechnet.
„Ich bin ein Meerschweinchen!“, rief das Kapuzineräffchen, das keines war, trompetete kurz mit seinem Rüssel und stampfte davon.

Begegnungen 49: Anzug

Ich betrachtete mich im Spiegel. Zupfte am Jacket. Es passte wie angegossen. Und selbst die Anzughose fühlte sich nun, nachdem ich sie in die Reinigung gegeben hatte, wieder an, als wäre sie maßgeschneidert. Nur die Fliege saß nicht richtig.
Ich seufzte, schaute noch einmal in den Spiegel, schüttelte mit dem Kopf. Nein, so konnte ich mich nicht auf die Straße wagen. Sicherlich war das nur ein kleines unwichtiges Detail, doch der Perfektionist in mir wollte es richtig haben. Richtig richtig.
Ich schaute auf die Fliege. Sie gefiel mir. Ich hatte sie bereits gemocht, als ich sie geschenkt bekam. Andere hätten vielleicht verwundert gefragt, was sie mit einer Fliege sollten. Ich hingegen wusste, dass sie zu mir passte. Nicht nur zu meinem Anzug, sondern tatsächlich zu mir. Eine Fliege war … klassisch.
Doch sie saß nicht richtig.
Ich blickte in den Spiegel. Legte den Kopf schief. Starrte die Fliege an.
„Setzt dich richtig hin!“, sagte ich zu ihr. Sie flatterte kurz mit den Flügeln und brummte missmutig.
„Los!“, sagte ich.
Die Fliege setzte sich richtig hin.
„Du weißt doch, dass du Rückenschmerzen bekommst, wenn du nicht gerade sitzt.“, meinte ich zu ihr in versöhnlicherem Tonfall.
Die Fliege nickte betreten.
„Ich hab dich lieb, kleine Fliege.“, sagte ich zu dem Flügelwesen auf meiner Schulter, strich meine Krawatte ein letztes Mal glatt und ging los.

Begegnungen 48: Stein

Am Wegesrand entdeckte ich einen viereinhalb Meter hohen Stein. Beinahe hätte ich ihn übersehen, denn der riesige Stein war äußerst unauffällig. Meine Blicke glitten immer wieder von ihm ab. Er schien sich große Mühe zu geben, nicht entdeckt zu werden.
„Hallo Stein.“, begrüßte ich ihn.
„Hallo.“, antwortete er leise, mit einer Stimme, die auch Windhauch hätte sein können. Oder das Rauschen eines vorbeifahrendes Autos.
„Du bist ziemlich unauffällig.“, sagte ich.
„Mmmh.“, sagte der riesige Stein und versuchte zu nicken.
„Du gibst dir wohl ziemlich große Mühe, nicht aufzufallen?“, fragte ich.
„Hier drüben bin ich.“, sagte der riesige Stein, und ich drehte mich um. Tatsächlich: Meine Blicke waren von dem unauffälligen riesigen Stein abgeglitten, und ich hatte ihn innerhalb weniger Sekunden völlig aus den Augen verloren.
„Du gibst dir wohl ziemlich große Mühe, nicht aufzufallen?“, fragte ich erneut.
Der riesige Stein antwortete nicht, und plötzlich wusste ich nicht mehr, wo er sich befand.
„Stein?“, fragte ich, doch der riesige Stein hatte seine Anstrengungen verdoppelt und war nun unauffälliger als ein kirschkerngroßes Chamäleon.
Der riesige Stein schwieg, und ich erblickte ihn nicht länger.
„Du bist echt gut.“, lobte ich ihn. Der riesige Stein lächelte, doch ich sah es nicht.
Ich lächelte ebenfalls. Wenige Augenblicke später hatte ich vergessen, warum.

Begegnungen 47: Frosch

Auf der Wiese saß ein Frosch. Er sah verlockend hübsch aus, und in Windeseile hatte ich den Weg verlassen und mich ihm genähert. Er quakte leise, und ich konnte nicht anders, als sein Quaken wundervoll und niedlich zu finden.
„Hach.“, sagte ich verzückt und setzte mich neben den bezaubernd aussehenden Frosch. Dieser hüpfte ein wenig von mir weg und quakte dann erneut.
„Hihi.“, gluckste ich vor Freude, und bevor ich darüber nachdenken konnte, grifff ich das kleine grüne Tierchen und küsste es.
„Quak.“, sagte der Frosch traurig, und es hätte auch ein Seufzen sein können.
Plötzlich geschah es: Ein Zischen und Wuschen erfüllte die Luft. Die Welt verzerrte sich für einen Augenblick, meine Sinne wurden schwer, und mein Kopf schien explodieren zu wollen. Als ich wieder zu mirkam, war der Frosch verschwunden. Doch neben mir stand ein wunderschöner Prinz.
„Oh nein.“, seufzte der wunderschöne Prinz. „Nicht schon wieder.“
„Wieso?“, wollte ich wissen. „Was ist denn los?“
„Ach.“, seufzte der wunderschöne Prinz. „Ständig küsst mich jemand, und dann verwandle ich mich in einen Prinzen. Ich will aber lieber ein Frosch sein.“
„Ui.“, sagte ich und überlegte. „Kann man dich nicht irgendwie zurückverwandeln?“
Der wunderschöne Prinz schüttelte traurig mit dem Kopf.
„Es geht schon. Ich muss nur jemanden finden, der mich NICHT küsst.“
„Und?“
„Ich bin so wunderschön. JEDER will mich küssen.“
Er hatte recht. Selbst ich, der eigentlich lieber Frösche als Prinzen küsste, konnte mich kaum zurückhalten.
„Wie wär’s hiermit?“, fragte ich und reichte ihm zweieinhalb Knoblauchzehen. „Einfach zerkauen und abwarten.“
Der wunderschöne Prinz schaute mich skeptisch an.
„Und falls das nicht hilft.“, ergänzte ich. „Sag einfach, dass du ein Freund von mir bist. Das schreckt jeden ab.“
„Danke.“, meinte der wunderschöne Prinz unsicher.
„Nichts zu danken.“, antwortete ich und gab ihm einen Abschiedskuss.

Begegnungen 46: Tür

Es klopfte. Träge öffnete ich meine Augen um einen winzigen Spalt und tastete nach dem Wecker. 4.17 Uhr. Wer klopfte denn um diese Uhrzeit? Ich drehte mich um und zog mir die Bettdecke über den Kopf.
Es klopfte erneut. „Keiner da!“, rief ich in Richtung Tür und verkroch mich noch tiefer unter die Decke.
Dann war es still. ‚Endlich.‘ dachte ich und wartete darauf, dass mich der Schlaf wieder umarmte.
Es klopfte.
„Gna.“, brummte ich und stieg aus dem Bett. Langsam schlurfte ich in Richtung Tür. Noch einmal klopfte es. „Jaaah!“, rief ich genervt und riss die Wohnungstür auf. Draußen war niemand.
Ich sah mich um, doch der Flur war leer.
„Gna.“, brummte ich erneut, als es wieder klopfte.
An der hölzernen Tür hing ein Specht.
„Ein echter Specht!“, rief ich verwundert.
„So ist es.“, sagte der Specht und nickte.
„Suchen Sie etwa hier nach Holzwürmern?“, wollte ich wissen, und der Specht nickte erneut.
„Und deshalb hämmern Sie wie wild auf die schöne Holztür ein?“, wollte ich wissen, und der Specht nickte ein drittes Mal.
„Das machen Spechte üblicherweise.“, sagte der Specht.
Ich dachte kurz nach.
„Stimmt.“, gab ich zu.
Der Specht schaute mich erwartungsvoll an.
„Wenn Sie die Holzwürmer suchen: Alle beide liegen noch im Bett.“, sagte ich und ergänzte, mit den müden Augen rollend: „Die stehen normalerweise nicht vor 9 Uhr auf.“
„Ui.“, sagte der Specht. „Dann komme ich später noch einmal wieder.“
„Aber benutzen Sie bitte die Klingel.“, sagte ich und schloss die Tür.

Begegnungen 45: Klingeln

Es klingelte. Bereits seit mehreren Minuten. Ich seufzte genervt. Konnte nicht irgendjemand dieses dämliche Klingeln abstellen? Was war das überhaupt? Eine Alarmanlage? Eine Türklingel? Ein Wecker?
Ich ging dem Geräusch nach. Es schien von draußen zu kommen. Von meiner Terrasse? Ich öffnete die Glastür und blickte nach draußen. Das Klingeln wurde lauter. Keine Türklingel, schlussfolgerte ich und ging ein paar Schritte nach rechts, in Richtung der Wohnung meines Nachbarn. Er war bereits auf Arbeit, wusste ich, hatte ich ihn doch vor einer halben Stunde in rasantem Tempo wegfahren gesehen.
Das Klingeln wurde noch ein bisschen lauter. Es schien aus einem Busch zu kommen und nicht länger nach einer Alarmanlage zu klingen.
Unter dem Schlafzimmerfenster meines Nachbarn lag ein Wecker. Er war ein bisschen demoliert, fast so, als habe ihn mein Nachbar im Halbschlaf aus dem Fenster geschleudert und dann vergessen. Der Busch hatte wohl größere Schäden abgefangen.
Fröhlich klingelte der Wecker vor sich hin, und ich konnte nicht anders, als seine Ausdauer zu bewundern. Dennoch sprach ich ihn an:
„Hey!“
Der Wecker klingelte weiter.
„Hey!“, rief ich erneut. „Könntest du bitte etwas leiser klingeln?“
Das Klingeln hörte auf, der Wecker brummte etwas vor sich hin und klingelte dann weiter.
„Hey, Wecker!“, rief ich nun in immenser Lautstärke. „Das Klingeln nervt!“
Der Wecker schwieg erneut, murmelte: „Nur noch fünf Minuten, Mutti.“, drehte sich von mir weg und setzte seine Klingelei fort.
Ich seufzte und ließ den schnarchenden Wecker allein.

Begegnungen 44: Grashüpfer

Als ich heute Morgen zur Bahn rannte, begegnete ich einem Grashüpfer.
Verwundert hielt ich inne.
„Was machst du denn hier?“, fragte ich.
„Ich hüpfe durchs Gras.“, sagte der Grashüpfer. „Ich bin nämlich ein Grashüpfer.“
„Ach.“, sagte ich.
„Grashüpfer hüpfen durchs Gras.“, erklärte der Grashüpfer.
„Interessant.“, sagte ich. „Aber hier ist gar kein Gras. Nur Kies.“
„Nee, kann nicht sein.“, sagte der Grashüpfer und schüttelte mit dem Kopf. „Ich bin doch ein Grashüpfer. Und Grashüpfer hüpfen durchs Gras.“
Der Grashüpfer machte eine dramatische Pause.
„Aber niemals hüpfen Grashüpfer durch Kies. Niemals! Dann wären wir ja keine Grashüpfer, sondern Kieshüpfer, und alles geräte durcheinander, und ich bekäme Kopfschmerzen.“
„Das hier ist aber Kies.“, sagte ich, bewegte meinen Fuß und ließ den Kies unter meinen Sohlen knirschen.
„Nee.“, sagte der Grashüpfer. „Das ist Gras. Ich bin doch ein Grashüpfer.“
„Und Grashüpfer hüpfen durchs Gras.“, ergänzte ich.
„Jup.“, nickte der Grashüpfer fröhlich.
„Dann ist der Kies unter meinen Schuhen in Wirklichkeit Gras?“, fragte ich.
„Da bin ich mir ganz sicher.“, bestätigte der Grashüpfer. „Ich bin schließlich ein Grashüpfer. Ich kenne mich da aus. Schließlich …“
„… hüpfen Grashüpfer durchs Gras.“, fiel ich ihm ins Wort.
Der Grashüpfer strahlte. „Stimmt genau.“
Ohne weitere Worte abzuwarten, hüpfte er davon.
„Mach’s gut.“, murmelte ich und setzte meinen Weg fort zur Bahn. Der Kies unter meinen Sohlen knirschte noch ein bisschen, dann hörte er damit auf, fühlte sich plötzlich weicher und irgendwie grüner an.
„Vielleicht hat der Grashüpfer ja recht.“, überlegte ich und lief vergnügt durchs Gras.

Begegnungen 43: Rhabarber

Als ich heute Morgen das Haus verließ, strahlte die Sonne bereits in fröhlichster Wonne auf mein Haupt, Ich schmunzelte vergnügt, und anstatt mich zu beeilen, rasch auf Arbeit anzukommen, schlenderte ich auf dem Weg zur Bahn gemütlich durch den mit fleißig zwitschernden Vögeln gefüllten Park. Dann sah ich den Rhabarber.
„Rhabarber!“, rief ich verwundert aus. „Mitten im Park!“
„Gemeiner Rhabarber, um genau zu sein.“, verbesserte der Rhabarber. „Rheum rhabarbarum.“
„Ach.“, sagte ich.
Der Rhabarber nickte. „Genau so heiße ich.“
„Toll! Und was machst du hier mitten im Park?“, fragte ich den Rhabarber.
„Ich denke nach.“
Ich schaute etwas verdutzt, und bevor ich die Frage ausgesprochen hatte, begann der Rhabarber bereits, sie zu beantworten:
„Über meinen Namen.“
Mein verdutzter Blick hielt an, und der Rhabarber erklärte:
„Ich mag meinen Namen nicht. Überhaupt nicht, um genau zu sein. Noch nicht einmal ein bisschen.“
„Warum denn nicht?“
„Weil niemand den Namen schreiben kann. Selbst die schlauesten Leute schauen vorher bei wikipedia oder im Wörterbuch nach, bevor sie sich sicher sind, wie mein blöder Name geschrieben wird.“ Der Rhabarber seufzte. „Und das nervt.“
„Ich verstehe.“, sagte ich mitleidig.
Der Rhabarber stand eine Weile still und sagte nichts. Dann blickte er mich an und grinste.
„Ich heiße nicht länger Rhabarber!“, verkündet er stolz. „Ab jetzt heiße ich Peter!“
„Aber das ist MEIN Name!“, rief ich noch, doch Peter hatte sich bereits meinen Aktenkoffer geschnappt und rannte in Richtung Haltestelle.

Begegnungen 42: Weinbergschnecke

Eine Weinbergschnecke war gerade dabei, den Weg zu überqueren. Ich blieb stehen und sah ihr zu, wie sie Millimeter für Millimeter zurücklegte.
„Ich kann in die Zukunft sehen.“, sagte sie auf einmal. Sprach sie mit mir? Ich war mir nicht sicher. Vorsichtshalber schwieg ich und bebachtete die Schnecke, wie sie ihren behausten Leib träge voranschob. Ein Gedanke kam mir in den Sinn:
„Wie schaffst du es nur, den Weg zu überqueren, ohne dass dich jemand tritt oder überfährt?“
Die Schnecke zögerte nicht lange mit ihrer Antwort.
„Ich weiß.“ seufzte sie und verabschiedete sich.
Ich stand noch eine Weile und blickte ihr nach, bis es mir einfiel zu sagen:
„Ui. Die Kommunikation mit dir ist wirklich anstrengend.“