Ich saß an der Haltestelle und wartete. Zum Warten gehört kein besonderes Talent, doch ich muss gestehen, dass ich es besonders gut konnte. An manchen Tagen setzte ich mich einfach irgendwohin und wartete darauf, dass mir einfiel, worauf ich wartete.
Heute jedoch wartete ich auf die Bahn, die mich zur Arbeit bringen würde. Mit mir warteten sieben andere Menschen – und eine Kakerlake.
„Huch, eine Kakerlake!“, rief ich überrascht, und sie sah mich neugierig an. Ihr Blick war skeptisch, und ich war ein wenig froh, nicht angewidert aufgekreischt zu haben.
„Ja, ich bin eine Kakerlake.“, sagte die Kakerlake und seufzte. „Und: Ja, ich weiß, dass Menschen uns Kakerlaken für widerwärtig halten.“
Die Kakerlake wühlte in dem winzigen Aktenkoffer, den sie mit sich trug.
„Aus diesem Grund habe ich mir diese Mütze besorgt.“, sagte sie und setzte eine plüschige Bärenmütze mit winzigen Öhrchen auf. „Damit ich niedlicher wirke.“
Skeptisch betrachtete ich die bemützte Kakerlake.
„Das klappt leider nicht.“, gestand ich dann. „Sie sehen immer noch eklig aus.“
„Mist.“, sagte die Kakerlake niedergeschlagen und wühlte erneut in ihrem Aktenkoffer.
„Und wie ist es hiermit?“, fragte sie und setzte sich eine lustige Schnurrbart-Langnasen-Brille auf.
„Immer noch widerlich.“, sagte ich leise.
Die Kakerlake nickte. „Dachte ich mir.“ Sie verstaute ihre Sachen im Koffer und blickte traurig zu Boden.
„Vielleicht.“, überlegte ich laut. „Vielleicht ist Ekligkeit so eine Art Superkraft von Kakerlaken.“
„Eine Superkraft?“
„Naja. Vielleicht hat jeder eine Art Superkraft. Und Ihre wäre eben Ekligkeit.“
„Und wozu soll das gut sein?“, fragte die Kakerlake misstrauisch.
„Das herauszufinden, ist möglicherweise der Sinn des Lebens.“, grinste ich.
Die Kakerlake schwieg. Dachte nach.
„Meine Superkraft ist übrigens das Warten.“, warf ich ein. „Ich kann total gut warten.“
„Und wozu soll das gut sein?“, fragte die Kakerlake erneut und sah ein bisschen weniger eklig aus als vorher.
„Das herauszufinden, ist möglicherweise der Sinn des Lebens.“, grinste ich.
Dann kam die Bahn.
Begegnungen 40: Gesundheit
„Ha-Tschi!“, nieste das Kaninchen und sprang in die Luft. Ich war gerade auf dem Weg zur Bahn, als ich das Hoppeltier entdeckte.
„Gesundheit.“, sagte ich und lächelte das Kaninchen an.
„Och.“, antwortete es leise und kratzte sich am Näschen.
„Wieso och?“
„Och.“, sagte es und schaute mit mit großen Kaninchenkulleraugen an. Dann schüttelte es mit dem Kopf und nieste erneut.
„Gesundheit.“, wünschte ich.
„Danke.“, meinte das Kaninchen traurig. „Doch es bringt nichts.“
„Wieso das denn?“
„Ich habe Heuschnupfen, bin also gegen Heu allergisch.“
„Ui.“, sagte ich, denn etwas Besseres fiel mir nicht ein. Kaninchen, die gegen Heu allergisch waren, haben es schwer. So viel war mir klar.
„Und nicht nur das: Ich bin gegen sämtliche Arten von Heu allergisch.“
Das Kaninchen nieste erneut, und diesmal hüpfte es fast vierzig Zentimeter hoch.
„Gesundheit.“, wünschte ich.
Das Kaninchen seufzte. „Ich bin sogar allergisch gegen das ‚heu‘ in ‚heute‘.“, erklärte es traurig. „Und weil irgendwie immer ‚heute‘ ist, niese ich die ganze Zeit.“
„Ui.“, sagte ich und dachte nach.
„Eigentlich ist heute gar nicht heute.“, meinte ich nach einer Weile, und das Kaninchen horchte auf. „Denn eigentlich leben wir im Morgen von gestern.“
„Im Morgen von gestern?“, wunderte sich das Kaninchen und nickte dann. „Stimmt.“, lächelte es und hoppelte davon.
„Oder im Gestern von morgen.“, rief ich hinterher, doch es war bereits verschwunden.
Begegnungen 39: Goldfisch
Die Enten schliefen noch, als ich am Parkteich vorbeiging. Dennoch hörte ich ein Geräusch, und als ich genauer hinsah, entdeckte ich einen Goldfisch, der herzzerreißend weint. Der See war fast voll, stellte ich fest, und wenn der kleine Goldfisch nicht bald aufhörte zu weinen, würde er bestimmt überschwappen.
„Warum weinst du denn?“, fragte ich den Goldfisch und hoffte, dass meine Worte bis zu ihm vordrangen. Immerhin befand er sich unter Wasser und weinte heftiger als ein Rebstock.
Der Goldfisch sah auf, blickte mich mit großen Goldfischaugen an und weinte noch ein bisschen mehr.
„Es tut so weh.“, blubberte er zwischen den Tränen hervor, und ich hätte das arme Kerlchen am liebsten gedrückt und mit Liebe überschüttet. Alles wird gut, wollte ich sagen, wollte ich ihm zu verstehen geben, doch klangen diese Worte nur schwach und nutzlos.
„Was tut dir denn weh?“, fragte ich das Fischchen und hoffte inständig, dass es nichts Schlimmes war.
„Meine Backenzähne!“, weinte der kleine Goldfisch, und der See schwappte bedrohlich ans Ufer. „Ich habe Backenzahnschmerzen!“
„Aber Goldfische haben gar keine Backenzähne!“, wunderte ich mich.
Der Goldfisch schwieg verdutzt.
„Ach, stimmt ja.“, sagte er dann, lächelte und schwamm davon.
Begegnungen 38: Im Park
Im Park begegnete ich einem Eichhörnchen. Als es mich bemerkte, lief es rasch zum nächsten Baum, vor dem es sich, zur Flucht bereit, positionierte.
„Keine Angst.“; beruhigte ich das Eichhörnchen. „Ich tu dir nichts.“
Das Eichhörnchen sah aus, als ob es mich verstand, und blieb, wo es war.
Ich kam näher und lächelte ermutigend.
„Ich tu dir nichts.“, wiederholte ich in sanftem Tonfall, denn tatsächlich wollte ich dem Eichhörnchen nichts tun.
„Du würdest es auch gar nicht schaffen, mir was zu tun.“, sagte das Eichhörnchen und grinste mich selbstbewusst an. „Ich bin nämlich das schnellste Eichhörnchen dieser Stadt.“
„Echt?“, fragte ich erstaunt.
„Jup.“, nickte das Eichhörnchen bestätigend.
Ich schwieg und überlegte, wie schnell Eichhörnchen eigentlich waren. Schneller als ein Windhund? Schneller als ein Strauß? Schneller als ein Gepard? Wohl kaum.
„Du fragst dich bestimmt, wie schnell ich bin.“, sagte das Eichhörnchen. „Ohne angeben zu wollen: ich bin schneller als ein Windhund, schneller als ein Strauß und sogar schneller als ein Gepard.“
„Echt?“
„Ich bin so schnell, dass ich dir deine Socken ausgezogen und diese vertilgt haben könnte, bevor du es bemerkst.“
„Echt?“, fragte ich noch einmal.
„Kannft du glauben.“, meinte das Eichhörnchen, ergänzte „Mach’f gut!“ und kletterte blitzschnell den Baum hinauf.
Ich fror plötzlich an den Füßen.
Begegnungen 37: Ratte
Als ich gerade zur Haltestelle eilte, entdeckte ich plötzlich einen dunkelgrauen Schatten, der direkt vor meinen Füßen über den Weg huschte. Instinktiv schaute ich hinterher und konnte gerade noch so einen nackte, dünnen Schwanz erkennen, der gerade im Gebüsch verschwinden wollte.
„Eine Ratte!“, rief ich erschrocken aus und ergänzte vorsichtshalber noch ein „Iiiieh!“.
Der Schwanz hielt inne, bewegte sich nicht, ließ dann das Gebüsch rascheln und den zu ihm gehörigen Rest erscheinen.
„Eine Ratte!“, rief ich noch einmal, nun jedoch weniger erschrocken, aber bevor ich ein weiteres „Iiiieh!“ ergänzen konnte, sah die Ratte zu mir auf auf und räusperte sich. Ich war verdutzt. Noch nie hatte ich eine Ratte sich räuspern hören.
„Ähem.“, sagte die Ratte, als wollte sie sich meine Aufmerksamkeit sichern. Doch die hatte sie bereits, zusammen mit meiner Überraschung und meinem Ekel.
„Ja, ich bin eine Ratte.“, erklärte das graue Wesen. „Genau genommen sogar ein Ratt.“
„?“, fragte ich, denn zu mehr war ich nicht fähig.
„Ein Ratt ist eine männliche Ratte.“, erklärte die Ratte, die ein Ratt zu sein behauptete. „Und männliche Ratten erkennt man nicht nur an ihrem längeren Schwanz, sondern auch daran, dass unser Fell mit geringerer Intensität glänzt als das der weiblichen Ratte.“ Der Ratt seufzte „Es ist ein Klischee, dass männliche Wesen weniger Zeit für Pflege aufwänden, doch es ist wahr.“
„Wie heißen denn weibliche Ratten?“, fragte ich neugierig und war erstaunt, die Sprache wiedergefunden zu haben.
„Eine weibliche Ratte ist eine Ratte.“, verdeutlichte der Ratt, und ich hatte das Gefühl, dass das erste „Ratte“ geringfügig anders geklungen hatte als das zweite. „Und zweifelsohne sind sie die hübscheren Exemplare unserer Gattung.“
„Ich finde Ratten eklig.“, platzte es aus mir heraus, und erschrocken hielt ich mir den Mund zu.
„Ich weiß.“, seufzte der Ratt. „Das geht vielen so.“ Er schaute auf seinen nackten, dünnen Schwanz und seufzte noch einmal. „Meine Theorie ist, dass der Schwanz die Hauptschuld trägt. Wäre er von eichhörnchiger Art und Weise, so stießen wir Ratten vielleicht auf mehr Zuspruch.“
Ich dachte darüber nach.
„Und dabei habt ihr gar keinen Grund, uns abzulehnen.“, fuhr der Ratt fort. „Ihr habt uns so viel zu verdanken.“
Der Ratt richtete sich auf und reckte sein Näschen stolz in die Höhe. Zum ersten Mal sah ich etwas, das gleichzeitig widerlich, Ehrfurcht gebietend und niedlich war. „Wir, die Ratten, sind die Begünder des Fortschritts. Denn wir, die Ratten, schufen die wohl wichtigste Erfindung aller Zeiten!“
Ich zögerte. „Das Rad?“
Der Ratt nickte. „Das Rad!“, rief er. „Genau darum heißt es doch so! Rad! Ratt! Das ist doch kein Zufall!“
„Echt?“
Der Ratt stellte sich wieder auf alle vier Pfoten und lächelte verlegen. Nun sah er nur noch niedlich aus.
„Entschuldige meinen kleinen Ausbruch.“, sagt er und huschte ins Gebüsch.
Begegnungen 36: Igel
Es regnete, und ich hatte meinen Schirm vergessen. Ich spürte, wie mein Kopf Tropfen für Topfen mehr Nässe aufsaugte, wie wenig Widerstand meine keineswegs wetterfesten Klamotten boten und wie mein Schuhwerk das Durchlaufen der allmählich entstehenden Pfützen mit feucht-kaltem Durchweichen belohnten. Dennoch hatte ich gute Laune, lauschte vergnügt dem Plätschern der Tropfen und wäre am liebsten noch stundenlang durch die Gegend gelaufen, ohne ans Ziel zu gelangen.
Dann sah ich den Igel. Er hatte sich zu einer kleinen, dicken Stachelkugel zusammengerollt und schaute misstrauisch nach oben. Seine Nase zuckte unaufhörlich, als wolle sie jeden Regentropfen einzeln untersuchen. Ich hatte noch nicht viele Erfahrungen mit Igeln gemacht, doch er wirkte unglücklich.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte ich deswegen.
„Mmmpf.“, brummte der Igel und blickte mich mürrisch an.
„Äh… Kann ich dir helfen?“
„Mhmmhphf.“, grummelte der Igel.
„Wie bitte?“
„Bitte geh mir aus der Sonne, hab ich gesagt.“, seufzte der Igel.
Ich blickte nach oben. Dicke, finstergraue Wolkenberge bedeckten den Himmel und schütteten zentnerweise Wasser auf die Welt. Von der Sonne gab es keinerlei Spur, und wenn ich mich richtig entsann, hatte ich sie auch mehr als zweieinhalb Tage nicht mehr gesehen,
„Ich soll dir aus der Sonne gehen?“, fragte ich daher den kleinen, dicken Igel. “Mmh.“, nickte dieser, sah mich wartend an und schwieg.
Noch einmal blickte ich nach oben. Wasserfallgleich stürzten mir Tropfen ins Gesicht, und ich konnte selbst mit viel Fantasie keinerlei Lichtschimmer an der grauen Wolkenwand über uns erkennen. Ich sah den Igel an, zuckte mit den Schultern und ging drei Schritte nach rechts. Mehr nicht.
„Gut so?“. fragte ich zweifelnd, doch der Igel nickte. Ein Lächeln formte sich in seinem Gesicht, und sein Stachelkleid entspannte sich.
Und dann bemerkte auch ich es: Der Regen ließ nach, ließ immer weniger Tropfen vom Himmel fallen, bis schließlich auch das letzte Platsch verklungen war. Und über uns wuchs die Sonne hinter dem Grau empor, scheuchte es hinfort und schenkte der Welt wärmende Strahlen.
Der Igel grinste nun und schloss genießerisch die Augen. Dass ich mich verabschiedete, schien er gar nicht mehr zu hören.
Begegnungen 35: Ameise
Als ich die Haustür hinter mir ließ, begegnete ich keiner Ameise. Sie saß nicht auf dem kleinen Stein rechts des Weges, dessen Form mich immer an einen Stegosaurus erinnerte, und schaute mich auch nicht neugierig an. Trotzdem fragte ich sie:
„Hallo, kleine Ameise. Was machst du denn hier?“
Die kleine Ameise antwortete nicht:
„Ich sitze.“
„Das sehe ich.“, sagte ich. „Doch du siehst so wartend aus.“
Die kleine Ameise, die überhaupt nicht auf dem Stein saß, zögerte kurz und setzte dann ihre Nichtexistenz fort.
„Ich warte.“, sagte sie dann nicht, denn abwesende Ameisen reden nur selten.
„Und worauf?“, wollte ich wissen.
„Auf den Sonnenaufgang.“, meinte die kleine Ameise nicht.
Ich schaute die kleine Ameise an, wie sie auf dem Stein fehlte, schaute dann zum Himmel hinauf und dann wieder zurück zur Ameise, die noch immer nicht anwesend war.
„Aber die Sonne ist schon vor Stunden aufgegangen.“, sagte ich.
„Ich weiß.“ Die kleine, nichtexistente Ameise nickte bedächtig. „Deswegen bin ich ja auch nicht hier.“
„Ach so.“, sagte ich und ging weiter.
Begegnungen 34: Blaumeise
Als ich heute Morgen zur Bahn lief, hüpfte mir eine Blaumeise über den Weg. Sie blickte mich an, musterte mich von oben bis unten, hüpfte noch ein bisschen weiter und flatterte dann davon.
Zweieinhalb Minuten später sah ich sie erneut. Auf einem Holunderbuschzweig sitzend, nahezu vollständig von Blättern verborgen starrte sie mich an und schwieg. Als ich provokativ in ihre Richtung sah, flatterte sie davon.
Auf einem Parken-verboten-Schild enteckte ich sie zum dritten Mal. Diesmal betrachtete sie nur meine Füße, und wenn Vögel eine Nase besäßen, hätte die Blaumeise sie wohl gerümpft. Statt dessen versuchte sie, ihren Schnabel zu rümpfen, was auf befremdliche Weise noch abwertender aussah als normales Naserümpfen.
„Deine Schnürsenkel sind offen.“, sagte die Blaumeise in vorwurfsvollem Tonfall und flog davon.
Ich blickte an mir heraub und auf meine Füße.
„Ich habe gar keine Schnürsenkel!“, rief ich der Blaumeise hinterher, doch sie war längst hinter Wolken verschwunden.
Ich blickte erneut auf meine Füße, und dann erst begriff ich: Ich hatte keine Schuhe an! Nur mit Socken bekleidet war ich losgegangen, ohne zu bemerken, dass ich ein wichtiges Deatil meines Äußeren zu Hause vergessen hatte.
„Mist.“, murmelte ich und rannte, so schnell mal in Socken rennen kann, zurück nach Hause.
Meine Schuhe standen anziehbereit im Korridor und starrten mich vorwurfsvoll an.
„Die Meise hatte recht.“, stellte ich fest. „Die Schnürsenkel sind offen.“
Begegungen 33: Amsel
„Du bist zu spät.“, zwitscherte die Amsel.
„Was?“, fragte ich, war ich es doch nicht gewöhnt, morgens um halb sieben von Singvögeln angesprochen zu werden.
„Du bist zu spät.“, wiederholte die Amsel. „Wenn du vier Minuten früher gekommen wärst, hättest du es noch erwischt.“
„Wen erwischt?“, fragte ich, denn ich verstand wieder einmal überhaupt nichts.
„Das Eichhörnchen. Das blaue Eichhörnchen mit dem lila Fell, das aus rosa Pünktchen besteht.“, erklärte die Amsel.
„Was ist denn das für ein komisches Eichhörnchen?“, wunderte ich mich. „Das hätte ich ja gerne gesehen.“
„Aber du bist zu spät.“, erklärte die Amsel.
„Sieht so aus.“
„Viel zu spät.“
„Ja, ich hab’s verstanden.“, seufzte ich.
„Jetzt musst du mit mir vorlieb nehmen.“, sagte die Amsel und ergänzte. „Ich sehe aber nicht so spannend aus wie ein blaues Eichhörnchen mit lila Fell, das aus rosa Pünktchen besteht.“
„Aber du redest.“, widersprach ich. „Das gibt es auch nicht so oft.“
Die Amsel schwieg, blickte in die Ferne, als dächte sie nach, und schwieg weiter.
„Außerdem bist du eine außergewöhnlich hübsche Amsel.“, ergänzte ich.
Die Amsel sah mich an, tschilpte kurz, hüpfte drei Schritte nach vorn und blickte wieder in die Ferne.
So schwiegen wir: eine tatsächlich äußerst hübsche Amsel, ein abwesendes blaues Eichhörnchenmit lila Fell, das aus rosa Pünktchen bestand, und ich, der unausgeschlafen über eine Wiese lief und mit Tieren redete.
Nach einer Weile schüttelte ich den Kopf, wie um einen merkwürdigen Traum abzuschütteln,
„Amseln können gar nicht reden.“, murmelte ich. „Wahrscheinlich habe ich mir das alles nur eingebildet.“
„Ja, das hast du.“, sagte die Amsel und flog davon.
Begegnungen 32: Käfer
Auf einem Grashalm saß ein klitzekleiner Käfer. Ich hätte ihn fast übersehen, doch er lachte so laut, dass ich beinahe vom Fahrrad gefallen wäre. Ich hatte noch nie einen lachenden Käfer gesehen und hielt an.
Der Käfer war klein, blau und schwarze Streifen zogen sich wie willkürlich über seinen winzigen Rücken. Der Käfer lachte, dass der Grashalm wankte, und als ich ihm eine Weile zugehört hatte, begann auch ich zu lachen.
Nach ein paar Minuten hielt er inne, offensichtlich erschöpft, doch immer noch über das ganze Käfergesicht grinsend.
„Warum lachst du denn?“, fragte ich neugierig.
„Weil ich ein Käfer bin.“, sagte der Käfer und gluckste vergnügt.
„Das sehe ich.“, sagte ich verwirrt.
„Nun ja. es ist so.“, begann der Käfer zu erklären. „Ich bin ein Käfer und mag es, ein Käfer zu sein.“
„Ein hübscher Käfer!“, korrigierte ich.
„Danke.“, kicherte der Käfer und fuhr fort. „Leider passiert es häufiger, dass ich unruhig träume, und wenn ich dann erwache, bin ich ein Mensch und heiße Gregor.“
„Wie bitte?“
„Ja.“; nickte der Käfer. „Es ist erst drei oder vier Mal geschehen, doch jedesmal war ich derselbe Gregor, der aufstehen, Zähne putzen und arbeiten gehen musste, der nicht fliegen, nicht herumkrabbeln, ja noch nicht einmal ordentlich lachen konnte. Und dann, am nächsten Morgen, war ich jedesmal wieder der Käfer,der ich bin.“
„Ein hübscher Käfer!“, sagte ich.
„Danke.“, kicherte der Käfer, offensichtlich etwas verlegen.
„Und darum lachst du? Weil du ein Käfer bist?“
„Weil ich ein Käfer bin!“, rief der Käfer vergnügt und begann wieder zu lachen. Sein blauer Rücken funkelte fröhlich.
„Ein hübscher Käfer.“, murmelte ich, stieg auf mein Fahrrad und fuhr zur Arbeit.