Ich brauste gerade den Berg hinab, als ich mitten auf der Straße eine Kröte sitzen saß.
„Pass auf!“, rief sie mir zu, obwohl ich noch fast 100 Meter entfernt war. Ich bremste vorsichtig und hielt an. Die Kröte hielt einen kleinen Plastiklöffel in der Hand und hüpfte langsam in Richtung der anderen Straßenseite.
„Du musst aufpassen.“, erklärte sie mir. „Er darf nicht zerstört werden.“
„Er?“, fragte ich neugierig.
„Er! Der Löffel der Weisheit!“
„Der Löffel der Weisheit?“, fragte ich verwundert.
„Ja!“, rief die Kröte begeistert und hielt das Plastiklöffelchen in die Höhe. „Dies ist der Löffel der Weisheit! Er ist unendlich kostbar, wurde er doch aus konzentrierter Weisheit geschmiedet.“
Die Kröte sah sich um und flüsterte dramatisch: „Wer ihn isst, dem werden unglaubliche Erkenntnisse zuteil!“
„Ui.“, sagte ich und ergänzte. „Aber ist der Löffel nicht aus Plastik?“
„Aus Plastik?“, wunderte sich die Kröte und betrachte den Löffel genauer. „Bist du dir sicher?“
„Ja.“, sagte ich. Ich war besonders gut darin, Plastiklöffel zu erkennen und hatte bereits mehrere Preise für diese Fähigkeit erhalten. „Hundertprozentig sicher.“
„Mmh.“, machte die Kröte nachdenklich. „Ich weiß nicht…“
Sie schwieg, doch dann hellte sich ihre Krötenmiene auf. Sie öffnete den Mund und mit einem großen Happs war der Löffel der Weisheit in ihrem Schlund verschwunden. Die Kröte schluckte kurz, hielt inne und lächelte traurig.
„Du hast Recht.“, sagte sie. „Er ist aus Plastik.“
„Nein.“, widersprach ich. „DU hast Recht. Es ist der Löffel der Weisheit.“
Die Kröte blickte mich fragend an.
„Schließlich hat er dir soeben Erkenntnis verliehen.“, meinte ich und stieg auf mein Fahrrad.
Begegnungen 30: Ratte
An der Fußgängerampel saß eine Ratte und knabberte an einem Stück Zeitung.
„Es ist grün.“, sagte ich freundlich, nur für den Fall, dass die Ratte darauf wartete, die Straße überqueren zu können.
„Mmmh.“, machte die Ratte, und da erst sah ich, dass sie gar nicht an der Zeitung knabberte, sondern sie las!
„Du liest ja!“, rief ich begeistert.
„Das ist richtig.“, sagte die Ratte und blätterte um. „Ich bin nunmal eine Leseratte.“
Ich kicherte. „Eine Leseratte. Hihi.“
Die Ratte reagierte nicht. Anscheinend hatte sie sich gerade in einen Artikel über steigende Benzinpreise vertieft und mich völlig vergessen.
„Liest du denn auch anderes Zeug?“ Zeitschriften und so?“, fragte ich trotzdem.
Die Ratte sah auf. „Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Comics, alles. Ich bin eine Leseratte.“
„Toll!“, freute ich mich. „Darf ich dich mal streicheln? ich habe noch nie eine echte Leseratte gestreichelt.“
„Mmph.“, machte die Ratte, und ich wertete das als Zustimmung.
Ich hockte mich hin und strich der Ratte sanft über das weiche, gepflegte Fell. Sie lies es sich gefallen, schien es sogar ein wenig zu genießen. Sie blickte auf meine Finger und deklamierte:
„Du wirst dich alsbald auf eine große Reise begeben, an deren Ende du eine mittelgroße Enttäuschung erleben wirst. Jedoch wirst du auch zwei Wesen begegnen, die dein Leben in die richtige Richtung lenken werden.“
„Was?“, fragte ich verwirrt.
„Du wirst dich alsbald auf eine große Reise begeben, an deren Ende du eine mittelgroße Enttäuschung erleben wirst. Jedoch wirst du auch zwei Wesen begegnen, die dein Leben in die richtige Richtung lenken werden.“, wiederholte die Ratte.
Ratlosigkeit breitete sich auf meinem Antlitz aus.
“Ich kann auch aus der Hand lesen.“, erklärte die Ratte. „Ich bin eine Leseratte.“
„Ach so.“, sagte ich und rannte davon.
Begegnungen 29: Weinbergschnecke
„Ich komme zu spät! Ich komme zu spät!“, rief die Weinbergschnecke, während sie sich durch das hohe Gras am Wegrand kämpfte.
„Kann ich dir helfen?“, fragte ich und bückte mich.
„Ich komme zu spät! Ich komme zu spät!“, wiederholte die Weinbergschnecke und kroch weiter, offensichtlich so schnell sie konnte.
Ich sah ihr zu, wie sie sich Millimeter um Millimeter vorankämpfte, schüttelte dann den Kopf und fragte: „Zu spät? Wofür?“
Die Schnecke hielt inne. Jedenfalls vermute ich, dass sie innehielt. Sicher war ich mir nicht, denn der Unterschied zur Bewegung war nicht sehr groß.
Sie sah zu mir hinauf und schnaufte: „Zur Arbeit, natürlich!“
„Oh.“, antwortete ich. „Das ist schlecht.“
Die Schnecke nickte und begann wieder, sich zu bewegen. Zumindest sah es so aus.
„Kann ich dich irgendwohin mitnehmen?“, fragte ich die Schnecke.
Die Schnecke hielt erneut inne und ließ ihre Fühler kreisen.
‚Sie denkt nach.‘, vermutete ich und schwieg.
Nach einer Weile nickte die Weinbergschnecke dezent und sagte: „Ja, das wäre nett.“
„Und wo willst du hin?“, fragte ich.
„Dorthin.“, sagte die Schnecke und zeigte mit ihren Fühlern zur Birke auf der anderen Wegseite.
„Und dann dorthin.“, ergänzt die Schnecke und zeigte erneut.
„Aber das ist doch die Richtung, aus der du kamst“, rief ich. „Was willst du denn da?“
Die Weinbergschnecke lächelte.
„Sobald ich dort bin, habe ich mein Tagespensum erledigt. Und dann.“, Das Lächeln der Schnecke wurde zu einem Grinsen. „Dann habe ich Feierabend.“
Ich nickte, hob die grinsende Weinbergschnecke auf, setzte sie auf meine Schulter, und wir gingen los.
Begegnungen 28: Torte
Als sich auf meinem Weg durch den Park die Schleife meines linken Schuhs löste und ich mich, um dies zu korrigieren, bückte, entdeckte ich im Gebüsch einen farbigen Haufen Matsch, der entfernt an eine Torte erinnerte. Ich schob ein paar Zweige beseite und sagte vorsichtig „Hallo?“
„Hallo.“, nuschelte die Torte, und nun, da ich sie reden hörte, wusste ich, dass es sich um eine handelte.
„Du bist eine Torte, oder?“, fragte ich trotzdem. Ich woltle mir schließlich ganz sicher sein.
„Jup.“, murmelte die Torte. „Eine Geburtstagstorte, um genau zu sein.“
„Ui.“, antwortete ich, und tatsächlich konnte ich ein paar Kerzen erkennen, die jedoch fast vollständig in dem versunken waren, was einst der Teig gewesen sein musste.
„Ich bin kein schöner Anblick mehr.“, sagte die Torte leise. „Dessen bin ich mir bewusst.“
Ich wusste nichts zu sagen, wollte ich doch nicht lügen.
„Aber man hat mich vergessen und hier zurückgelassen.“, seufzte die Torte. „Und seitdem liege ich hier und bin Wind, Wetter und allen möglichen Tierchen ausgesetzt.“
„Ui.“, sagte ich erneut. „Wer hat dich denn vergessen?“
„Ach.“, seufzte die Torte. „Das war eine Party hier im Park. Lauter junge Leute. Und lauter Kuchen und Torten und Kekse und Muffins. Der winzige Campingtisch war vollgestopft mit Leckereien. Irgendein Tollpatsch stieß mich runter; ich landete im Gebüsch, und niemand vermisste mich.“ Die Torte seufzte noch einmal, und ich widerstand der Versuchung, sie tröstend zu streicheln.
„Und seit diesem Tag liege ich hier.“
„Wie lange ist das denn her?“, fragte ich die Torte.
Die Torte dachte lange nach und rechnete.
„Exakt ein Jahr, glaube ich.“, sagte sie nach einer Weile. „Exakt ein Jahr.“
„Dann hast du ja heute Geburtstag!“, rief ich erfreut. „Und eine Geburtstagstorte gibt es auch schon!“
„Stimmt!“, jubelte die Torte glücklich und begann, sich selbst aufzuessen.
Begegnungen 27: Kaninchen
Auf der Wiese saß ein Kaninchen und knabberte vorsichtig an einer Distel.
„Tut das nicht weh?“, fragte ich.
„Doch.“, antwortete das Kaninchen. „Aber ich muss es probieren.“
„Hä?“, antwortete ich wenig eloquent.
„Wegen meinem Mundgeruch.“, meinte das Kaninchen und seufzte.
„Verlangt ‚wegen‘ nicht einen Genitiv?“
Das Kaninchen schaute mich an, runzelte die Stirn und seufzte erneut.
„Wegen meines Mundgeruchs.“, sagte es dann, ein wenig genervt.
Ich hatte noch nie davon gehört, dass Kaninchen Probleme mit Mundgeruch hatten und fragte nach: „Hä?“
Das Kaninchen seufzte ein drittes Mal und hauchte mich an.
„Ieeh!“, schrie ich und wich anderthalb Meter zurück.
„Sag ich ja.“, sagte das Kaninchen und seufzte schon wieder.
„Das riecht nach Raubtierkäfig!“, sagte ich angewidert.
„Fast.“, bestätigte das Kaninchen. „Es riecht nach Raubtiermaul, genauer: nach Löwe. Noch genauer: Nach Löwenzahn.“
Ich verstand, doch das Kaninchen fuhr fort zu erklären.
„Ich hatte solchen Hunger, und anstatt normales Gras zu futtern, probierte ich den Löwenzahn, der hier überall so wunderschön blüht. Und jetzt stinke ich nach Löwe, und keiner meiner Freunde will mehr etwas mit mir zu tun haben.“ Das Kaninchen sah aus, als hätte es am liebsten noch einmal geseufzt, doch anscheinend hatte es bereits alle Seufzer des heutigen Tages aufgebraucht.
„Und wenn du einfach eine andere Blume mampfst?“, schlug ich vor und zeigte auf ein Gänseblümchen.
Das Kaninchen schüttelte mit dem Kopf. „Gänseblümchen riechten nach Geflügel. Veilchen nach blauem Auge. Und Disteln stacheln.“ Es blickte auf die angeknabberte Distel vor seinen Pfötchen. „Sehr sogar.“
„Mhhh.“, sagte ich und überlegte. „Ich kann sehr gut Zimt imitieren. Vielleicht hilft das ja.“
Das Kaninchen schaute mich skeptisch an und zuckte dann mit den felligen Schultern. „Probieren wir’s.“
Also stellte ich mich hin und imitierte Zimt. Ich war einer der besten Zimtimitatoren dieser Stadt und gab mir Mühe, meine Darbietung heute noch überzeugender, noch wirklichkeitsnäher zu gestalten als sonst.
Das Kaninchen knabberte zögernd an meinen Zehennäheln, hielt inne, kaute – und nickte dann.
„Könnte klappen.“, sagte es und begann, seinen Atem zu zimtisieren.
Ich hätte zufrieden gelächelt, doch echter Zimt lächelt nicht.
Begegnungen 26: Tube
Schlaftrunken griff ich nach der Zahncreme. Sie fühlte sich unangenehm leicht an, fast so, als wäre ihr Inhalt komplett aufgebraucht. „Zahncreme kaufen.“, schrieb ich auf meine geistige To-Do-Liste und ergänzte „To-Do-Liste schreiben“. Doch Zahncremtuben sind niemals wirklich leer, und mit ein bisschen Energie und Aufwand gelingt es stets, noch ein Quentchen des zähnereinigenden Materials herauszupressen. Und manchmal auch eine winzigkleine Fee.
Zusammen mit einem kärglichen Rest Zancreme ploppte sie aus der Tube, flog eine Runde um meinen Kopf und rief dann vergnügt: „Ich bin frei!“ Sie jubelte zwei oder drei Mal direkt neben meinem linken Ohr und meinte dann.
„Du hast mich befreit. Daher darfst du dir etwas wünschen.“
Noch immer etwas schlaftrunken nuschelte ich: „Ich brauche neue Zahncreme.“
Die winzigkleine Fee schaute mich verwundert an, zuckte mit den Schultern und sagte: „So sei es.“
Ein Blitz blendete mich, und als ich wieder sehen konnte, war die winzigkleine Fee verschwunden. Dafür lag eine jungfräuliche Tube Zahncreme auf dem Waschbeckenrand.
„Idiot!“, schimpfte ich in den Spiegel, als ich begriff, was ich gerade getan hatte. „Ich hätte mir Weltfrieden wünschenkönnen. Oder zumindest eine neue Kühlschranktür!“
Ich seufzte.
„Nun ja, was soll’s.“, sagte ich, nahm die Zahncreme in die Hand und entlockte ihr einen dicken weißen Streifen.
„Hey!“‚, rief ein Stimmchen aus der Tube. „Mir ist da ein Missgeschick passiert!“
Ich schmunzelte.
Begegnungen 25: Fensterbrett
Ich schlief tief und fest und träumte von Zimtstangenimitaten, als ich eine Stimme vernahm.
„Ey!“, rief die Stimme, und obgleich der Zustand der Wachheit und ich einander noch nicht einmal aus der Ferne erahnt hatten, wusste ich sofort, dass die Stimme einem Maulwurf gehören musste.
„Ey!“, rief die Stimme erneut, und ich ergänzte im Geiste, dass sie irgendwie … glasig klang.
Ich richtete mich auf. Vor meinem Schlafzimmerfenster saß ein dicker Maulwurf und winkte. Wie er es auf das Fensterbrett geschafft hatte, war mir ein Rätsel.
„Huhu!“, rief der Maulwurf begeistert durch die Scheibe hindurch, als er sah, dass ich wach wurde.
„Ja?“, fragte ich, denn zu weiteren Worten war ich noch nicht fähig. Ich stand auf und öffnete das Fenster. Der Maulwurf grinste mich an.
„Du bist doch der, der immer allen hilft, oder?“, fragte er.
„Was?“
„Du bist doch der, der immer irgendwelchen Wesen begegnet und diese dann tröstet oder aufmuntert?“, fragte der Maulwurf.
„Äh… ja, kann sein.“, murmelte ich.
„Super.“, grinste der Maulwurf vergnügt. „Ich bin nur vorbeigekommen, um dir zu sagen, dass ich dich heute nicht brauche.“
„Äh?“
„Weil es mir nämlich gut geht.“, ergänzte der dicke Maulwurf.
„Äh.“
„Supergut, um genau zu sein. Ich habe allerbeste Laune, bin fröhlich und vergnügt.“
„Das freut mich.“, sagte ich verwundert.
„Mich auch.“, lachte der Maulwurf, hopste vom Fensterbrett und verschwand im Erdboden,.
„Das freut mich wirklich.“, nuschelte ich verschlafen vor mich hin und schloss das Fenster.
Begegnungen 24: Nilpferd
Im Fahrradkeller saß ein Nilpferd und weinte.
„Oh je.“, sagte ich und reichte ihm ein Nilpferdtaschentuch. Nilpferdtaschentücher sind ungefähr dreiundzwanzigmal so groß wie normale Taschentücher, und dienstags trage ich stets eines mit mir herum. Oder ein Schneeleopardentaschentuch. Je nach Lust und Laune.
Ich reichte dem weinenden Nilpferd also das Nilpferdtaschentuch, und es schneuzte sich eifrig.
„Danke.“, sagte es dann leise, und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Was ist denn los?“, wollte ich wissen.
„Ich bin ein Nilpferd.“, sagte das Nilpferd. „Doch ich kann nicht wiehern.“
„Wiehern?“, fragte ich. „Wieso willst du denn wiehern?“
„Alle Pferde wiehern!“, meinte das Nilpferd, und fing wieder an zu weinen.
Ich schüttelte den Kopf. „Nilpferde wiehern nicht.“
Das Nilpferd sah mich an, und seine Knopfäuglein wurden ganz groß.
„Pferde wiehern. Nilpferde nilwiehern.“, erklärte ich.
„Und wie klingt das?“, fragte das Nilpferd neugierig.
„Das klingt wie lachen.“, sagte ich.
„Lachen?“, überlegte das Nilpferd „Lachen kann ich!“
Und von einer Sekunde auf die nächste begann es zu schmunzeln, zu lächeln und schließlich tatsächlich schallend zu lachen. und was für ein Gelächter es war, herzerwärmend und wummernd, dass die Wände bebten.
Ich nickte. „Genau so klingt Nilwiehern.“
Begegnungen 23: Schwalbe
Als ich gerade auf mein Rad steigen wollte, bemerkte ich über mir eine Schwalbe. Es war nicht schwer, sie zu bemerken, streifte sie doch fast meinen modischen Fahrradhelm.
„Ey!“, rief ich nach oben, und die Schwalbe drehte eine Runde. Wieder streifte sie mich fast.
„Ey!“, rief ich erneut und ergänzte: „Du fliegst zu tief!“
Die Schwalbe kreiste über meinem Schädel, machte kehrt und setzte zu einem neuen Anflug an.
„Der Wetterbericht hat schönes Wetter angesagt.“, rief ich. „Und Schwalben fliegen nur vor schlechtem Wetter tief.“
Die Schwalbe landete auf meinem Helm.
„Hat der Wetterbericht auch was von Kontaktlinsen erzählt?“, fragte sie.
„Hä?“
„Ich habe meine Kontaktlinsen verloren.“, erklärte die Schwalbe. „Deswegen fliege ich so tief.“
„Vermehrtes Kontaktlinsenaufkommen im Elefantenweg 7.“, sagte ich.
„Hä?“, fragte nun die Schwalbe, die sich offensichtlich an mein Sprachniveau angepasst hatte.
„Das hat der Wetterbericht gesagt. Bei der Pollenflugwarnung.“
„Vermehrtes Kontaktlinsenaufkommen im Elefantenweg 7?“, fragte die Schwalbe.
„Vermehrtes Kontaktlinsenaufkommen im Elefantenweg 7.“, bestätigte ich.
„Danke.“, sagte die Schwalbe und flog davon. Ich sah ihr nach und lächelte, als sie hoch oben im blauen Himmel verschwand.
Begegnungen 22: Spinne
In der oberen linken Ecke des Badezimmers saß eine kleine Spinne und gähnte.
„Ey Spinne!“, rief ich hinauf. „Hier wohne ich. Such dir einen anderen Platz zum Leben.“
Die Spinne schaute mich an und erwiderte dann mit einem Stimmchen so zart wie ein Spinnenbein:
„Geht nicht. Ich trau mich nicht.“
„Wieso denn?“, fragte ich und hoffte, die Spinne nicht mit Gewalt aus meinem Badezimmer vertreiben zu müssen.
„Wegen der Maus.“, hauchte die Spinne.
„Wegen der Maus? Wegen welcher Maus?“
„Na wegen der Maus, die mich frisst, sobald ich mich bewege.“, erklärte die Spinne, und ihr Stimmchen zitterte ein wenig. „Da unten, hinter der Toilette, dort wohnt sie.“ Zwei ihrer dünnen Beinchen zeigten zur beschriebenen Stelle.
Ich kniete mich vor das Mäuseloch, das ich vorher nie bemerkt hatte.
„Ey Maus!“, rief ich hinein. „Hier wohne ich. Such dir einen anderen Platz zum Leben.“
„Och nö!“, piepste es von drinnen.
„Ich gebe dir auch etwas Speck.“, versprach ich, denn mit Speck fing man bekanntlich Mäuse.
Die Maus überlegte kurz, dann vernahm ich ein Geräusch, das so klang, als ob ein winziger Koffer gepackt wurde, und dann verließ die Maus das Loch.
„Hier.“, sagte ich und reichte ihr den vorderen Teil eines Spekulatius-Plätzchens. Sie griff danach, betrachtete das Plätzchenbruchstück misstrauisch und nickte dann bestätigend.
„Da fehlt aber noch ein C.“, sagte sie, biss mir in den Zeh und rannte davon.
„Wo sie Recht hat, hat sie recht.“, hauchte die kleine Spinne in der oberen linken Ecke meines Badezimmers und packte ihr Köfferchen.