Im Gebüsch lag ein einzelner Schuh. Es war ein schwarzer Herrenschuh aus Leder, durchaus elegant, für vornehmere Ereignisse nicht ungeeignet. Obgleich er nicht aussah, als wäre er soeben einem Schuhfachmarkt entsprungen, ließ er es an den nötigen Blessuren fehlen, die die üblichen Entsorgungsgründe für Fußbekleidung bildeten.
„Was machst du hier?“, fragte ich den Schuh, doch mein mit Frühstücksbrötchenteilen gefüllter Mund gab nur unverständliches Genuschel von sich.
„Ich liege herum.“, antwortete der Schuh trotzdem. Seine Zunge wackelte ein wenig, wenn er redete, und eine Hummel floh überrascht aus seinem Inneren.
„Das sehe ich.“, meinte ich und schluckte herunter. „Aber warum liegt ein so hübscher Schuh einsam im Gebüsch herum?“
„Ich habe meinen Besitzer verloren.“, meinte der Schuh und seufzte.
„Ach.“, sagte ich. Mehr fiel mir dazu nicht ein.
„Aber ich vermisse ihn nicht.“, ergänzte der Schuh. „Nur ein bisschen.“
„Ein bisschen?“, hakte ich nach.
„Naja.“, Der Schuh druckste verlegen herum. „Ich mochte seinen Fuß. Irgendwie. Seinen rechten, natürlich. Nicht, weil er hübsch war oder besonders gut zu mir passte. Er fühlte sich noch nicht einmal sonderlich bequem an. Aber trotzdem… Irgendwas vermisse ich.“
„Den Geruch?“, half ich aus.
Der Lederschuh dachte nach. „Könnte sein.“
„Da kann ich vielleicht helfen.“, sagte ich, entfernte den Käse von meinem restlichen Brötchen und legte ihn in den Schuh.
„Mmmh…“, machte der Schuh und schien sich offensichtlich wohl zu fühlen.
„Bis bald.“, verabschiedete ich mich und biss herzhaft in das nun recht trockene Brötchen.
Begegnungen 20: Känguru
Und dann war da dieses Känguru. Es war nicht sehr groß, reichte mir gerade mal bis zum Knie. Doch es weinte, und weinende Kängurus sind ein Anblick, der einem das Herz brechen kann.
„Was ist denn los?“, fragte ich vorsichtig, als ich mich ihm näherte.
Das Känguru schniefte laut und sah zu mir auf.
„Mein Beutel“, sagte es, und riesige Kängurutränen kullerten aus seinen Äuglein. „Ich habe meinen Beutel verloren.“
„Ist das so schlimm?“, fragte ich naiv, denn ich kannte mich mit der Schlimmheit von Kängurubeutelverlusten nicht so sein.
Das Känguru nickte und schniefte erneut.
„Es war mein Lieblingsbeutel.“, sagte es und ergänzte. „Außerdem saß mein Sohn Peter darin.“
„Mhh.“, antworte ich und überlegte.
„Mit deinem Sohn kann ich dir leider nicht helfen, aber ich schenke dir diesen Beutel.“
Ich kramte aus meinem Rucksack den hellblauen Beutel, den ich schon seit geraumer Zeit unbenutzt mit mir herumtrug, und reichte ihn dem Känguru, das noch immer weinte.
„Danke.“, sagte es, und es war kaum mehr als ein Flüstern.
„Aber… aber der bewegt sich ja!“, rief es dann.
Und tatsächlich: Der Beutel zuckte und zapptelte, als ob er ein Eigenleben hätte. Nur wenige Augenblicke später schaute auch schon ein winziges Känguruköpfchen zwischen den Henkeln hervor.
„Peter!“, rief das Känguru.
„Mami!“, rief Peter, und die beiden hüpften vergnügt von dannen.
Ich blieb zurück und nahm mir vor, zu Hause alle meine Baumwollbeutel auf potentielle Känguruinhalte zu prüfen.
Begegnungen 19: Badezimmer
Als ich heute Morgen das Badezimmer betrat, saß ein Eichhörnchen auf dem Waschbecken und putzte sich die Zähne.
„Morgen!“, murmelte ich undeutlich und war recht froh, dass der Anblick meines gerade erwachten Gesichts im Spiegel teilweise durch das rotbraune Fellwesen verdeckt wurde.
„Mmpf.“, antwortete das Eichhörnchen und fuhr fort, sich die Zähne zu putzen. Es war eifrig dabei, hatte es doch bereits die zweite Tube Zahnpasta angefangen.
„Moment mal.“, sagte ich dann, als die Erkenntnis schneckengleich durch meinen trägen Geist gekrochen war. „Das ist doch meine Zahnbürste!“
„Mmpfmpf.“, antwortete das Eichhörnchen, und es hätte sowohl „Verpiss dich.“ als auch „Tschuldigung.“ heißen können.
Ich interpretierte wohlwollend und winkte ab. „Ist schon okay.“
Ich betrachtete den weichen Puschelschwanz des Eichhörnchens und ergänzte:
„Aber ich möchte keine roten Haare in meiner Haarbürste finden!“
Das Eichhörnchen nickte und spülte aus.
„Versprochen.“, sagte es, hüpfte vom Waschbecken herunter, schnappte sich meine Haarbürste und rannte durch die Terrassentür davon.
Begegnungen 18: Haselnussstrauch
„Hey!“, sagte der kleine Haselnussstrauch, als ich ihn passierte. Er stand inmitten größerer Holunderbüsche, und ich hatte ihn bisher noch nie bemerkt.
Ich blieb stehen.
„Hey!“, wiederholte der kleine Haselnussstrauch.
„Ja?“, fragte ich vorsichtig, denn in dieser Stadt wird man üblicherweise mit kritschen Blicken bedeckt, wenn man mit Haselnüssträuchern, Löwenzahnblüten oder Taubnesselfeldern redet.
„Ich weiß, wir kennen uns nicht und so.“, begann der kleine Haselnussstrauch, „doch ich hätte eine Bitte.“
„Eine Bitte?“, fragte ich, noch immer vorsichtig. Vielleicht lauterte ja hinter dem Strauch einsibirisches Miniaturkänguru und spielte mir einen Streich.
„Ja, eine Bitte.“, erklärte der kleine Haselnussstrauch und seine Zweigchen wippten ein wenig ungeduldig hin und her.
„Was für eine Bitte denn?“, fragte ich.
„Nur eine kleine.“
„Eine kleine?“
„Ja!“
Der kleine Haselnussstrauch war anscheinend genervt von meinen vielen Nachfragen, und ich beschloss, darauf im weiteren Verlauf unseres Gespräches zu verzichten.
„Was für eine Bitte denn?“, fragte ich.
„Gieß mich.“, sagt der kleine Haselnussstrauch.
„Wie bitte?“
„Gieß mich!“, wiederholte der kleine Haselnussstrauch und ich hörte das Augenrollen zwischen seinen Worten.
„Aber ich kann nur Blei gießen.“
„Das geht auch.“, meinte der kleine Haselnussstrauch, und ich holte ein bisschen Senkblei und eine Gießkanne aus der Jackentasche und goß das eine mit dem anderen.
„Geht doch.“, sagte der kleine Haselnussstrauch und zog sich zwischen die Holunderbüsche zurück.
Begegnungen 17: Eichhörnchen
Als ich erwachte, saß auf meinen Füßen ein Eichhörnchen und starrte mich an. Zuerst konnte ich es nicht erkennen, spürte nur, dass mich etwas Pelziges, Weiches kitzelte, doch als ich meine Brille aufgesetzt hatte, wurde es offensichtlich: Dort saß ein Eichhörnchen. Es war ein hübsches Eichhörnchen, musste ich – trotz Schlaftrunkenheit – zugeben, und ich hegte den leisen Verdacht, dass es meine Haarbürste ausgiebig benutzt hatte, bevor es sich auf meine Füße gesetzt hatte.
Das Eichhörnchen sah mich an. Ich blickte zurück und lächelte. Ich bin ganz gut darin, mit Fellwesen zu kommunizieren, doch bei Eichhörnchen hatte ich schon immer meine Probleme gehabt. Vielleicht liegt es am Puschelschwanz, überlegte ich, während das Eichhörnchen still auf meinen Füßen saß und mich anschaute. Es lächelte nicht, doch aus seinen Augen sprach auch keine Abneigung. Es sah aus, dachte ich, obwohl ich wusste, dass es ein alberner Gedanke war, als brannte ihm eine Frage auf den Lippen.
Die Sonne war längst aufgegangen, draußen lärmten die Kinder der benachbarten Schule, doch das Eichhörnchen ließ sich nicht stören. Es schwieg. Schwieg und schaute mich an.
„Wenn du ein Eichhörnchen wärst“, fragte es nach einer Weile zögerlich, „welche Frage würdest du einem Menschen stellen?“
Ich überlegte kurz
„‚Wenn du ein Eichhörnchen wärst“, antwortete ich dann. „welche Frage würdest du einem Menschen stellen?'“
Das Eichhörnchen sah aus, als dächte es darüber nach, nickte dann und verschwand im Badezimmer.
Begegnungen 16: Wurm
Heute Morgen lief ich über die Wiese. Tautropfen setzten sich frech auf meine frisch geputzten Schuhe, und beinahe wäre ich der Versuchung erlegen, mich hinzulegen und im erwachenden Gras zu wälzen. Doch ich nahm mich zusammen, setzte meinen Weg fort, bis ich auf einen winzigen Erdhaufen stieß. Er bewegte sich. Neugierig heilt ich inne. Schaute ganz genau hin.
Tatsächlich! Er bewegte sich. Winzige Erdkrümel stolperten übereinander, als müssten sie Platz machen für etwas, das sich von
unten seinen Weg bahnte. Ein Wurm!
Ein Wurm hatte die Oberfläche durchbrochen und schaute nun neugierig ins Tageslicht. Schön sah er aus, und insbesondere sein Ringelmuster ließ mich ein wenig wundern:
„Sag mal“, fragte ich den Wurm vorsichtig. „Kann das sein, dass du gar kein Wurm bist?“
Der Wurm rührte sich nicht, und ich hatte das Gefühl, dass er mich intensiv anstarrte.
Trotzdem fuhr ich fort: „Bist du nicht das Ende einer Ringelschlange?“
Der Wurm, der keiner war, schaute noch einmal zu mir hinauf, dann auf meine taubedeckten Schuhe und verschwand verschämt im Boden.
„Ich hab’s nicht so gemeint.“, rief ich ihm hinterher, doch der Wurm war bereits verschwunden.
Raschen Schrittes eilte ich davon. Wütende Ringelschlangen waren besonders giftig.
Das Letz niest V
Ich kann lesen. Und ich schrecke nicht davor zurück, es auch zu tun.
Und zwar am 22.05. in Tübingen bei der fünften Ausgabe von „Das Letz Niest„.
Und wer nicht wegen mir kommen möchte, kann sich immerhin auf den superen Vergrämer freuen, der ebenfalls herumlesen wird.
Begegnungen 15: Maus
Ich hatte kaum die Straße betreten, als ich merkte, dass sich der Schnürsenkel meines rechten Schuhs gelöst hatte. Ärgerlich!, dachte ich, humpelte rasch auf die andere Straßenseite, um nicht überfahren zu werden, und hockte mich dann hin, liebevoll eine Schleife formend.
Aus dem Augenwinkel sah ich eine kleine graue Maus vorbeihuschen. „Huch!“, sagte ich, eloquent wie immer, und die Maus blieb stehen.
„Maus.“, sagte sie.
„Richtig.“, sagte ich, leise, um sie nicht zu verschrecken. „Du bist eine Maus.“
„Haus.“, sagte sie, und blickte, als wolle sie sich vergewissern, in Richtung des Gebüschs. Vermutlich befand sich dort ihr Mäuseloch.
„Wie heißt du denn, kleine Maus?“, fragte ich neugierig.
„Klaus.“, antwortete sie.
„Und du kannst reden?“
„Durchaus.“
„Ist ja toll.“, rief ich begeistert. „Eine Maus, die reden kann!“
Die Maus sagte nichts, schaute nur hin und wieder in Richtung Gebüsch, als wollte sie jeden Moment fliehen.
„Kann es sein“, begann ich nach einer Weile zögerlich „dass sich dein Vokabular auf Wörter beschränkt, die sich auf Maus reimen?“
„Naus.“, sagte die Maus, schüttelte mit dem Köpfchen und rannte davon.
Begegnungen 14: Quaaak
„Quaaak.“, hörte ich, kaum dass ich die Haustür hinter mir geschlossen hatte.
„Quaaak?“, fragte ich in die milde Frühlingsluft, doch niemand antwortete.
Ich sah mich um, zuckte dann mit den Schultern und ging weiter.
„Quaaak.“, verahm ich erneut, und diesmal sah ich ihn. Ein paar Zentimeter abseits des Weges im taubedeckten Gras hockte ein klitzekleiner Frosch. Hätte ich ihn mir nicht kürzlich geschnitten, wäre mein Daumennagel größer gewesen als dieser kleine grüne Geselle.
„Hallo Frosch.“, begrüßte ich ihn.
„Quaaak.“, antwortete er, und ich verstand: Das war kein Frosch, sondern eine Kröte. Ein Krötchen, um genau zu sein.
„Quaaak.“, ergänzte das Krötchen, und ich nickte schmunzelnd. Amphibien haben einen überraschend guten Sinn für Humor.
„Angeblich bringt es Glück, an einer Kröte zu lecken.“, teilte ich dem Krötchen mit. „Darf ich?“
„Quaaak.“, meinte das Krötchen, und ich hob es sanft aus dem Gras.
Vorsichtig berührte ich den grünen, gesprenkelten Rücken mit meiner Zungenspitze.
„Ich merke nichts.“, sagte ich.
„Quaaak.“, sagte das Krötchen.
„Du hast Recht.“, antwortete ich und leckte nun richtig. Einmal. Zweimal. Dreimal.
„Ich merke noch immer nichts.“, meinte ich. „Angeblich bringt es doch Glück, an einer Kröte zu lecken.“
„Bringt es auch.“, sagte das Krötchen glücklich. „Allerdings nur der Kröte.“
Das Krötchen quaaakte noch einmal und hüpfte dann beschwingt davon.
Begegnungen 13: Fahrrad
Mitten auf dem Gehweg fand ich ein altes Damenrad. Ich hatte Mitleid und richtete es auf.
„Danke.“, sagte das Fahrrad leise, als ich es an den Wegesrand schob.
Es quietschte unerträglich laut, und schmerzverzerrt verzog ich das Gesicht.
„Deswegen kann mich keiner leiden.“, seufzte das Damenrad. „Weil ich so schrecklich quietsche.“
Ich nickte.
„Du musst einfach nur mal richtig geschmiert werden.“, schlug ich vor. „Dann klingst du wieder wie neu.“
Das Damenrad schüttelte mit dem Lenker. Es quietschte.
„Ich möchte nicht geschmiert werden. Ich will damit nichts zu tun haben.“
„Wieso?“, fragte ich neugierig.
„Ich wurde schon einmal bestochen.“, erklärte das Rad traurig. „Und danach hatte ich zwei platte Reifen.“
„Oje.“,meinte ich und streichelte sanft über den Fahrradsattel.
Die Vorderlampe flackerte vergnügt auf.
„Das gefällt dir wohl?“, fragte ich, und streichelte das Fahrrad weiter. Am Rahmen, am Gepäckträger, am Lenker, an den Reifen. Dann an den Gelenken, an den Achsen, an der Fahrradkette. Und immer wieder, wenn ich mir sicher war, dass das Fahrrad nicht hinsah, träufelte ich bisschen Fahrradfett auf meine Streichelhand und verteilte es gleichmäßig an den nötigen Stellen.
Die Fahrradlampen leuchteten vor Vergnügen. Offensichtlich war das Damenrad lange nicht mehr gestreichelt worden.
„Ich muss jetzt weiter.“, sagte ich nach einer Weile. „War schön, dich kennengelernt zu haben.“
„Danke.“, sagte das Damenrad und rollte mir verabschiedend ein paar Meter hinterher. Dass es nicht länger quietschte, bemerkte es erst später.
