Kann sein

„Ach ja.“, sagte ich und warf die Kippe fort. Ich rauchte nicht, doch hin und wieder gab ich dem Verlangen nach, mir eine Schachtel zu kaufen und die einzelnen Zigaretten Stück für Stück zu entsorgen. In die dafür vogeschriebenen Behältnisse, natürlich.

„Ach ja.“, sagte ich erneut, und es war mehr ein Seufzen als eine tatsächliche Aneinanderreihung von Wörtern.

„Wer ‚Ach ja.‘ sagt, weiß nicht weiter. Hat meine Großmutter immer gesagt.“, meinte Karl und fischte meine Kippe aus dem Mülleimer. Er rauchte nicht, doch gab hin und wieder dem Verlangen nach, meine weggeworfenen Zigaretten aufzubrechen und ihren krümeligen Inhalt dem Wind darzubieten.
Einst hatte ich ihn gefragt, was das denn bringe, und er hatte nur mit den Schultern gezuckt und gelächelt. Als sei das Antwort genug. Und irgendwie war es das auch.

„So.“, sagte ich.
„So?“, fragte Karl und zog die Augenbraue hoch. Er besaß nur eine, dafür umrankte sie nicht nur seine Sehorgane, sondern auch Teile von Stirn und Nase.
„So!“, meinte ich. „Es muss heißen: Wer ’so‘ sagt, weiß nicht weiter.“
„Kann sein.“, sagte Karl und zuckte mit den Schultern. Das tat er oft. Eigentlich immer, wenn er nicht gerade Zigaretten bearbeitete oder die Augenbraue hochzog. „Aber mein Großvater hat immer ‚Ach ja.‘ gesagt.“
„Wieso Großvater? Eben war es doch noch deine Großmutter!“
„Kann sein.“, Karl zuckte erneut mit den Schultern. „Ich habe die beiden immer verwechselt.“
„Verwechselt? Wie kann man denn seine Großeltern verwechseln?“, empörte ich mich. „Wahrscheinlich verwechselst du auch deine Eltern?!?“
„Kann sein.“ Diesmal zuckte Karl nicht mit den Schultern. Statt dessen entfernte er behutsam den Filter von meiner weggeworfenen Zigarette. Tabak krümelte in seine offene Hand. „Ich habe meine Eltern nie kennengelernt.“
„Oh. Das wusste ich nicht.“
„Nein.“, sagte Karl.
Mehr nicht.
Eine leichte Brise zog auf und klaubte ein wenig freigelassenen Tabak von seiner Hand und nahm ihn mit.

Wir schwiegen. Sahen den Krümeln zu, wie sich sich ihres papiernen Gefängnisses erwehrten und in die Ferne zogen, getragen von nichts als bewegter Luft.

„Sie sind bereits zweieinhalb Jahre vor meiner Geburt gestorben.“, sagte Karl irgendwann, und ich nickte.

zwischen deine blicke
glitt ich
wie zwischen welten

dein atem floss in meinen
dein schweigen war ein lächeln
und ich gebar dich aus stürmen
in meinen arm

hielt inne
hielt dich

nackt

wie wild der wind sich zwischen wellen
aus trockenbunten blättern wirft
als gelte es mit schnellen
hastig ins geäst gelachten stößen
und fingern aus geballter watte
dem baum das kleidchen zu entreißen
den rindenkörper zu entblößen
auf dass ein winter ihn begatte.

und deine hand vergaß

die winkel meiner lippen
gen himmel auszurichten

deine namen zu vernehmen
die ihnen entglitten
unbedacht
als wären sie halt

mein augenfeuer neu zu schüren
auf dass es stern dir sei
und richtung

in die stille meines hauptes
dein gelächter zu pflanzen.

und deine hand vergaß

sich mit meinen sehnenden fingern
zu bekleiden.

Oktober

Klingklang aus dem Krachomaten
Verse vor dem Brillenaug
Süßkakao heißt mir die Lippen
während Herbst durchs Draußen stürmt.

sturm

Weil die fetzige @buchmamsell zur Kreation eines Sturmgedichtes in 140 Zeichen aufforderte, schuf ich eines.

wenn regenwilde winde rauschen
und wärme welkt zu fernem wort
dann raunen sie
so will ich glauben
deinen namen immerfort.

Regenbogenelefanten

Peter und Felix waren den Elefanten bereits dreieinhalb Tage gefolgt. Es war ihrer erste Safari, und keiner der beiden wusste, was zu tun war, wenn sie wirklichen Gefahren ausgesetzt waren. Doch bisher war alles gut gegangen. Sie hatten sich ruhig verhalten, in Büschen gesessen und die Elefantenherde beobachtet, als gäbe es in ihrer Mitte einen Schatz zu entdecken.

„Regenbogenelefanten.“, hatte der Einheimische in überraschend verständlichem Deutsch ihnen erklärt. „Das sind Regenbogenelefanten.“ Dann war er, mit einem wissenden Grinsen auf den Lippen verschwunden, irgendwo in der Menschenmenge eines Basars, aus dem ihn weder Rufe noch Verfolgungsversuche zurückzuholen vermochten.
„Regenbogenelefanten.“, murmelte Peter nun und schüttelte den Kopf. Er hatte von ihnen gehört. Eine alte Geschichte. Eine Legende.
Regenbogenelefanten waren von herkömmlichen afrikanischen Elefanten nicht zu unterscheiden. Zumindest nicht für Uneingeweihte. Es sei denn, sie gebaren Kinder. Regenbogenelefantenkinder waren bunt, schillerten nach ihrer Geburt in den verrücktesten Farben und glichen sich erst nach und nach, innerhalb mehrerer Wochen, an das eintönige Grau der Älteren an. Regenbogenelefantenbabys waren, wollte man den Legenden glauben, das Schönste, was Mutter Natur hervorgebracht hatte, und wer eines erblickte, würde Zeit seines Lebens nie wieder unglücklich sein.
„Regenbogenelefanten.“, seufzte Felix und strich sich einen Ast aus dem Gesicht. Zum dritten Mal, doch war es egal. Ihm war langweilig.

Seit Mittag hatte sich die Herde nicht mehr weiterbewegt. Die hochschwangere Elefantenmutter stand in ihrer Mitte und wurde von riesigen Leibern vor allem Äußeren geschützt. Es würde jeden Augenblick so weit sein, sagten sich Peter und Felix bereits seit Stunden.

Plötzlich: ein Geräusch. Peter sprang auf, zückte sein Fernglas. „Es geht los!“, raunte er Felix zu.
Tatsächlich. In der Herde war Unruhe entstanden. Viel war nicht zu sehen, doch die Bewegungen waren hektischer, nervöser, als noch Sekunden zuvor.
Felix nickte. Nun ging es los.

Sie hielten Wache. Wechselten sich ab. Immer einer starrte durch das Fernglas, beobachtete die Elefantendame. Der andere schlief, besorgte Nahrung. Hielt Ausschau nach Gefahren. Nach anderen.
Die Nacht war erfüllt von den merkwürdigsten Geräuschen. Die Elefantendame stöhnte. Das Kalb in ihr wollte heraus.
Peter schüttelte müde den Kopf. Es war noch nicht soweit.

In der zweiten Nacht schliefen sie beide. Felix war bei der Wache eingenickt, ein Speichelfaden lief sein Kinn hinab. Sie schnarchten leise, und manchmal schien es, als würden sich die Rhythmen ihrer Geräusche zu einer faszinierenden Komposition ergänzen.

Als die Sonne aufging, erwachte Peter. Sprang auf. Zückte sein Fernglas.
„Es ist soweit.“, flüsterte, stieß Felix mit dem Fuß an. „Es ist soweit!“
Felix knurrte.
„Steh auf!“, flüstere Peter etwas lauter und trat – nicht ganz ohne Absicht – etwas fester zu.
Felix riss die Augen auf.
„Wasnlos?“
„Es ist soweit.“, wiederholte Peter und zeigte zur Herde.

In diesem Augenblick teilte sich der Block grauer Leiber und gab die Sicht frei. Auf die Elefantendame. Und ihr Kalb. Ihr Baby.
Peter schossen die Tränen in die Augen. „Nicht doch.“, sagte Felix mit belegter Stimme und reichte ihm ein Taschentuch.
Das Regenbogenelefantenbaby stand bereits auf eigenen Füßen. Nicht sehr sicher, doch es stand. Der Rüssel der Mutter blieb in steter Nähe, berührte es, gab Gleichgewicht. Ein erster Schritt.
„Es läuft!“, rief Peter beglückt.
„Schhhhht.“, mahnte Felix und wischte sich eine Träne von der Wange.

Als die Herde weiterzog, ließen sie Peter und Felix zurück, in ihrem Busch versteckt, die Ferngläser vor die Augen gepresst – und selig lächelnd.
„Das war vielleicht das Schönste, was ich je sah.“, sagte Peter nun schon zum vierten Mal. „Das Schönste.“
Felix nickte. „Aber es ist nicht bunt. Das Baby ist nicht bunt.“
Peter nahm das Fernglas herunter und schüttelte mit dem Kopf. „Nein, nicht bunt. Ein ganz normales graues Elefantenbaby. Kein Regenbogenelefant.“ Er seufzte. „Leider kein Regenbogenelefant.“ Er machte eine kurze Pause und lächelte zufrieden. „Und trotzdem.“
„Trotzdem.“, wiederholte Felix und nickte nochmals.

Er blickte ein letztes Mal auf den neugeborgenen Elefanten, dessen Schritte längst nicht mehr unsicher und holprig wirkten, seufzte kurz und nahm das Fernglas ebenfalls herunter.
„Zeit zu gehen.“, sagte er.
„Zeit zu gehen.“, sagte Peter und packte seine Ausrüstung zusammen.

Nur wenige Hundert Meter entfernt pupste ein Elefantenbaby, und für einen Augenblick schillerte die entweichende Luft in allen Farben des Regenbogens.

Polaroid

Auch das dritte Bild war verwackelt.
„Vielleicht ist die Kamera kaputt.“, meinte ich und wusste, dass es nicht stimmte. Ich hatte einen ganzen Film damit verbracht, sie auszuprobieren, Schnappschüsse zu machen und mich davon zu überzeugen, dass die Kamera in bestem Zustand war. Trotzdem richtete ich sie auf Peter und betätigte den Auslöser.

Es dauerte einen winzigen, spannungsgeladenen Aufgenblick, dann begann die Kamera zu arbeiten. Wie hatte ich das vermisst, dieses Geräusch von Mechanik, dieser Beweis einer maschinell ausgeführten Tätigkeit, die ich bis heute nicht völlig begriffen hatte. Wie hatte ich es vermisst, dem weißen Polaroidfoto zuzuschauen, wie es langsam aus dem Inneren des Apparates ins Freie geboren wurde. Wie hatte ich es vermisst, ihm das Gezeugte zu entreißen und und wild wedelnd darauf zu warten, dass sich allmählich Formen und Farben auf dem belichteten Papier herausbildeten.

Ich lächelte, Peter schaute genervt. Nicht nur auf dem Foto, sondern auch in Wirklichkeit. Wie niedlich er aussah, wenn sich seine Stirn in Falten legte, wenn seine Mundwinkel nach unten sanken, wenn er die Backenzähne aufeinanderpresste.

„Scharf!“, rief ich und hielt Peter sein Abbild vor die Augen. Er nickte, betrachtete sich selbst, seine abweisende Miene, festgehalten mit einer Kamera, die vor 20 Jahren als modern gegolten hätte, ließ ein winziges Schmunzeln aufblitzen und versuchte dann, seinen Unmut wiederzufinden und sich in ihm zu vergraben. Es gelang ihm nicht ganz. Zu gut kannte ich ihn, um nicht zu bemerken, dass sein Portrait ihn aufgeheitert hatte. Und dass er sich Sorgen machte. Nicht wegen mir, sondern wegen des Fotos. Wegen der drei verwackelten Fotos. Wegen des Stuhls.

Die Fotos waren nicht verwackelt. Nicht völlig. Nur der Stuhl war unscharf darauf zu sehen, als hätte man eine stuhlförmige Milchglasscheibe vor ihm positioniert. Als wären Nebel aufgezogen, um sein wahres Antlitz zu verhüllen. Als wäre er eine Art Vampir, den zu fotografieren nicht möglich war. Doch es war ein Stuhl. Ein schlichter Holzstuhl. Ein Bertil, vor einer Stunde bei Ikea erworben und innerhalb weniger Minuten montiert. Ein Stuhl aus Kiefer, Schrauben und Leim. Ein Stuhl.

Ich fotografierte ihn ein viertes Mal. Der Apparat gebar, und ungeduldig wedelte ich das Polaroidfoto hin und her, auf und ab. Unscharf.

Die Konturen meiner Strickjacke, die ich auf dem Stuhl abgelegt hatte, waren klar und eindeutig. Das Kachelmuster des Küchenfußbodens war in Perfektion abgebildet. Selbst die Stehlampe hinter dem Stuhl war, obgleich außerhalb des Bildzentrums stehend, noch schärfer zu sehen als der hölzerne Stuhl, dessen Kanten schwammigen Wesen aus fernen Galaxien glichen, als bestünde die Welt eigentlich aus Aquarellfarbe und für den Stuhl wäre zu viel Wasser benutzt worden.

„Vielleicht kommt der Fokus mit der Farbe nicht klar.“, murmelte ich zweifelnd, rannte rasch ins Arbeitszimmer, kramte in einer der zahlreichen Schubladen, hielt triumphierend die Digitalkamera hoch und eilte in die Küche zurück. Peter war verschwunden, hatte vermutlich die Lust verloren. War auf dem Klo oder so. In schneller Folge schoss ich fünf, sechs Bilder vom Stuhl – und allesamt waren sie scharf.
Unglaublich.

„Peter, schau dir das an!“, rief ich, doch bekam keine Antwort. Ich ergriff die Polaroidkamera, richtete sie auf den Stuhl, drückte ab. Es surrte, brummte. Ich wartete, wedelte. Unscharf.

Allerdings hatte sich die Farbe des Stuhles geändert. Das helle Kiefernholz hatte auf dem Foto einen dunkleren Farbton angenommen, als wäre die Polaroidkamera nicht nur nicht imstande, seine Konturen ordnungsgemäß darzustellen, sondern hätte auch die Fähigkeit verloren, die Farben der Wirklichkeit entsprechend zu reproduzieren. Allerdings nicht alle Farben. Nur die des Stuhls.
Ein Schauer lief mir über den Rücken.

„Peter!“, rief ich, und hoffte, dass er die Panik in meiner Stimme nicht hörte. „Peter, sieh dir das an!“
Peter reagierte nicht. Gab keinen Laut von sich. War nicht zu sehen. Arschloch!, dachte ich, da fiel mein Blick auf die Mikrowelle. Auf die gläserne Scheibe der Mikrowelle, in der sich der Stuhl spiegelte. Oder eben nicht spiegelte.

Ich lief ins Bad. Kein Peter weit und breit zu sehen. Ich zuckte mit den Schultern, griff mir den Kosmetikspiegel und kehrte zum Stuhl zurück. Schaute ihn an. Erst so, dann durch den Spiegel.
Keuchte.
Selbst das Spiegelbild des Stuhles war verschwommen.
Das konnte doch nicht sein!

Ein Vampirstuhl!, durchzuckte es mich, und vor zwei Minuten hätte ich diesen Gedanken noch herrlich lächerlich gefunden. Doch jetzt nicht mehr.
Peter! Wo war Peter?
„Peter!“, rief ich, verzweifelt, den Tränen nah. Doch Peter schwieg. War wie vom Erdboden verschluckt. Oder von einem Stuhl.

Misstrauisch betrachtete ich das Möbelstück. Schüttelte den Kopf. Das war doch alles albern!
Vielleicht war der Stuhl ja ein der Sarg eines Vampires gewesen, hatte dessen negative Energien aufgesaugt und war nun selbst … Ich unterbrach meine Gedanken.
Peter. Ich musste Peter finden.
Stellte man Särge überhaupt aus Kiefer her? Verwendete man dazu nicht Eiche? Und waren die Bretter nicht eigentlich zu schmal, um später aus ihnen einen Stuhl…
„Schnauze!“, schrie ich mich an. „Schnauzeschnauzeschnauze!“

Ich drehte mich um, rannte durch die Wohnung, suchte nach Peter. Im Schlafzimmer, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, erneut im Bad, öffnete die Wohnungstür, rannte ins Erdgeschoss, auf die Straße, entdeckte niemanden, keinen Peter, keine Menschenseele, absolut niemanden. Vielleicht hatte ich ihn übersehen, dachte ich, stürmte zurück. Vielleicht in dem hohen Sessel im Arbeistzimmer. Vielleicht war er – aus welchem Grund auch immer – gerade im Kleiderschrank. Jedes Zimmer durchforstete ich, suchte Peter, öffnete Schränke und Schubladen, schaltete Lampen an und aus, riss das Fenster auf, rief seinen Namen, wieder und wieder, rannte in die Küche zurück, weil ich ein Geräusch zu hören glaubte – und hielt dann inne.

Keuchte. Außer Atem. Fassungslos. Verständnislos.
Was geschah hier? Wo war Peter? Was war das für ein bescheuerter Stuhl?

Mir drehte sich alles. Die Welt drohte in meinem Kopf zu kollabieren, und ich setzte mich.
Auf den Stuhl.

Das Paket

Das Paket konnte noch nicht lange dort stehen. Vor einer halben Stunde hatte ich noch den Müll herausgebracht, hatte die Wohnungstür geöffnet, war die sieben Stufen hinuntergelaufen, hatte mich durch die Haustür begeben, die fünfeinhalb Meter Fußweg zurückgelegt, den Beutel mit dem bereits unangenehm riechenden Inhalt in die erstbeste Tonne geworfen und war zurückgelaufen, zurück in meine Wohnung, zurück in meine Küche, wo der Wasserkocher bereits seinen Betrieb eingestellt hatte und geduldig darauf wartete, mir einen heißen Morgentee zuzubereiten. Sicherlich war ich gerade aufgestanden gewesen, hatte trotz wasserintensiver Reinigung noch das eine oder andere Krümelchen Müdigkeit in meinen Augenwinkeln kleben, doch bezweifelte ich, dass ich selbst bei absoluter geistiger Abwesenheit imstande gewesen wäre, dieses Paket zu übersehen.

5 Uhr 30 kam noch keine Post, stellte ich fest. Die halbvolle Tasse Tee war längst erkaltet und ich stand in Wintermantel, Schal und andere gesellschaftlich akzeptierte Körperverhüllungen gekleidet in der Tür und betrachtete das Paket, das meinen frisch geputzten Schuhen so unerwartet Widerstand geleistet hatte. Es konnte noch nicht lange dort stehen, stellte ich fest. 5 Uhr 30 kam noch keine Post, stellte ich fest. Meine Nachbarn, allesamt im Rentenalter, wären niemals imstande gewesen, dieses Monstrum von einem Paket anzuheben und in frühester Morgenstunde geräuscharm vor meiner Tür abzustellen, stellte ich fest. Meine Nachbarn hätten niemals ein Paket für mich angenommen, stellte ich fest und grinste säuerlich.

Woher stammt also dieses Paket, wunderte ich mich. Doch nicht sehr lange, denn das Paket selbst, dessen fast absurdes Äußeres, lud viel mehr zur Verwunderung ein. Es war groß, überaus groß, nahm fast die gesamte Breite des Türrahmens ein und ging mir teilweise bis zum Bauchnabel. Teilweise. Denn das Paket war kein Paket, das der üblichen Achteckigkeit, der altbekannten Sechsflächigkeit frönte, nein es hatte zahllose Flächen unterschiedlichster Form und Größe und weigerte sich, auch nur annähernd quaderförmig zu sein. Fast war es, als wäre das Paket von einem Wahnsinnigen entworfen worden, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit auszuloten.

Das Paket war pink. Und damit meine ich nicht das Pink, das kleine Mädchen und Jugend erstrebende Mittvierziger gerne als Kleiderkoloration wählen, nicht jenes Pink, dem eine gewisse kecke Mädchenhaftigkeit beiwohnt, jenes Pink, das ich zwar noch nicht für hübsch erachtete, dessen Existenz ich aber keineswegs bedauerte. Nein ich meinte Pinkpink. Überpink. Grellpink. Ein Pink, das mich anschrie, meine Augen auspeitschte, eines, das selbst nach dem Wegsehen noch im Blick nachglomm, das sich sogar auf meine Zunge gelegt, meine Geschmacksnerven beeinflusst zu haben schien. Echtes Pink.

Und dann die Schleife. Sie war keine Schleife, sondern die Karikatur einer Schleife, die Groteske einer Schleife, ein monströses Konstrukt, das lächerlich und beeindruckend zugleich war, das schaffte, mich schmunzeln zu lassen, während mir das Herz vor Schreck beinahe stehen …

Das Paket bewegte sich.

Nein, das konnte nicht sein! Pakete bewegten sich nicht. Selbst derart abstruse Pakete wie das vor meiner Tür bewegten sich nicht. Nie-mals!

Das pinkfarbene Papier riss auf. ‚Kein Dinosaurier!‘, dachte plötzlich und ohne Grund. ‚Bitte lass es kein Dinosaurier sein!‘
Vorsichtshalber trat ich einen Schritt zurück.

„Tadaa!“, rief der Kerl, der soeben auf dem unförmigen Paket sprang und breite die Arme aus. Verdutzt starrte ich ihn an. Sein Anzug war pink. Normal pink. Nicht überpink, grellpink, kreischpink, sondern normal pink. Wie man es kennt. Er grinste und schob sich die zerzausten Haare aus der Stirn.

„Ich komme gleich zur Sache:“, sagte er und sein Grinsen verbreiterte sich proportional zu meinen den Gesetzen des Entsetzens frönenden Pupillen.
„Du schläfst zu wenig. Viel zu wenig. Es ist jetzt…“, Er hielt inne, schaute auf sein linkes Handgelenk, wo er mit Filzstift ein paar zeigerähnliche Linien hingekrakelt hatte. „… viel zu früh, und du bist schon wach.“
Er starrte mich an, blickte mir ins Gesicht, und ich konnte die Augenringe spüren, die unter meinen Sehorganen hingen, fühlte die Schlafsandreste in meinen Augenwinkeln, spürte bereits jetzt die Kraftlosigkeit, die sich im Laufe des Nachmittags in meinem Körper ausbreiten würde, erkannte jede einzelne Sekunde fehlenden Schlafes.
„Wann bis du ins Bett gegangen?“, fragte er mich. „Um elf? Um zwölf?“
„Halb eins.“, murmelte ich. Das war korrekt. Dass ich anschließend noch mindestens zwanzig Minuten gelesen hatte, verschwieg ich jedoch.

„Halb eins?!?“, schrie der Anzugmensch und streifte sich letzte Paketpapierreste ab. „Halb eins?!? Das ist zu spät! Ich meine, jetzt ist es gerade mal …“ Er sah wieder auf seine aufgemalte Uhr. „viel zu früh, und du bist bereits wach!“
„Ich…“, setzte ich an.
„Und so geht das seit Tagen!“, rief der Anzugmann.
„Ich…“
„Seit Wochen!!“
„Aber…“
„Du brauchst Schlaf. Jetzt. Sofort. Auf der Stelle.“, sagte der Anzugmann und beruhigte sich ein bisschen.
„Aber ich muss doch arbeiten!“
„Nicht jetzt. Nicht für die nächsten Stunden.“, widersprach der Anzugmann.
„Ich schlafe morgen länger.“, versprach ich.
Der Anzugmann schüttelte den Kopf. Wurde ernst. Und leise.
„Schau dich an. Schau dich ganz genau an. Du brauchst Schlaf. Viel Schlaf. Nicht nur ein bisschen, sondern viel. Und zwar jetzt.“ Er seufzte. „Ich sage das als Freund, weil ich dir helfen will, weil ich möchte, dass es dir gutgeht. Schau dir doch an, wohin du gekommen bist: Du stehst morgens um …“ Er sah auf seine nicht existierende Uhr. „Äh… ganz schön früh auf dem Flur und hast Halluzinationen.“
„Halluzinationen? ich habe keine Hallu…“
„Und was bin ich?“
„Du bist e-echt?“
„Und dieser pinkfarbene Anzug?“
„Echt.“
„Und dieses überpinke Paketpapier?“
„Auch echt.“
„Und diese wahrlich abstruse Schleife?“
„Die ist ebenfalls echt.“, meinte ich und war mir meiner Sache äußerst sicher.
„Und dieser überaus nutzvolel, aber auf jeden Fall halluzinierte Gummihammer?“, fragte der Anzugmann.
„Ech-„, begann ich. „Welcher Gummihammer?“
„Der hier!“, rief der Anzugmann triumphierend und zog aus der Innentasche seines Jackets einen drei Meter großen überpinkfarbenen Gummihammer.
Ich begann zu zweifeln. Das konnte doch nicht echt sein, oder?
Der Hammer drehte sich ein Stück und raste dann direkt auf mich zu. Der Anzugmann lachte irssinig, dann traf mich eine Wucht aus pinkfarbenem Gummi und ich fiel in Ohnmacht.

Ich erwachte in meinem Bett. Schaute auf den Wecker. „8 Uhr 15. Zeit zum Austehen.“, sagte ich, gähnte kurz und lächelte. Heute hatte ich endlich mal gut geschlafen.

Felix

„Felix.“, sagte sich Felix zum dritten Mal innerhalb der letzten Stunde. „Felix kommt aus dem Lateinischen und heißt glücklich.“

Felix hingegen kam aus Essen und war alles andere als glücklich. Nicht, weil er aus Essen kam. Essen war eine mittelmäßig hübsche Stadt, in der man sich ebenso wohl fühlen konnte wie in Magdeburg oder Tübingen. Und dass Essen ebenso wie Pforzheim und Darmstadt Ziel immer gleicher Wortwitzigkeiten war, störte ihn auch nicht. Eher im Gegenteil: Felix lachte gerne. Selbst wenn er den Witz schon kannte.

Im Augenblick jedoch fühlte er sich nicht so, als läge ein Lachen auf der Lauer. Und wenn, dann nur eines von denen, die galgenhumorige Traurigkeit mit sich herumschleppten, also besser im Verborgenen blieben.
Glücklich sollte er sein, nicht traurig. Er hieß schließlich schon so.

„Felix, altes Haus!“, grüßte ihn Ludwig, der Indianer. Ludwig war kein Indianer, doch trug er stets einen prächtigen Federschmuck auf dem Kopf und verzichtete, sobald Sonne nur erahnbar war, auf Oberbekleidung.
„Hugh!“, sagte Felix und merkte, wie sich sein Gemüt ein wenig aufhellte. Ludwig war in Ordnung. Er bezahlte nie, roch manchmal etwas streng, konsumierte zu viele Kräuter, deren Namen Felix nicht einmal aussprechen konnte – doch er war in Ordnung. Vielleicht steckte tatsächlich ein wenig Indianerblut in ihm; wer wusste es schon.

„Wie geht es dir?“, fagte Ludwig, und zum ersten Mal begriff Felix, dass Ludwig zu den wenigen Menschen gehörte, die eine solche Frage stellten, weil sie an der Antwort interessiert waren – nicht daran, Konversation zu betreiben.
„Nicht so gut.“, sagte Felix und hoffte, Ludwig möge nicht nach dem Grund dafür fragen. Es gab nicht einen Grund, es gab Hunderte. Doch allesamt waren sie winzig, unsinnig, fast albern, nicht bedeutsam genug, um den eigenen lateinischen Vornamen zu vernachlässigen.
Ludwig aber schwieg, nickte nur. Der USB-Stick an der Plastikkette um seinen sonnengegerbten Hals klapperte fröhlich.

„Was wir brauchen“, verkündete er nach einer Weile mit wissender Miene, „ist eine Friedenpfeife.“
Felix wunderte sich. Friedenspfeifen rauchte man doch, um Kriegsbeile zu begraben, Stämme zu einen und zukünftiges Blutvergießen zu verhindern. Was hatte das mit ihm, Felix, dem Unglücklichen, zu tun?
Und überhaupt: Er rauchte doch gar nicht. Weder Pfeife, noch Zigarette, noch Shisha. Gar nicht. Noch nie und niemals.
Ludwig nickte bedächtig, und der USB-Stick klapperte.
„Das Ritual will es so.“, meinte er. Felix beschloss, nicht zu fragen. Ludwig war ein sonderbarer Kerl, und wenn man ihn twas fragte, wusste man anschließend weniger als zuvor.

Ludwig führte Felix an eine Fußgängerampel.
„Schließ die Augen. Atme sieben Mal flach und tausendmal tief. Bewege dich nicht.“
Und als Felix ihn fragend anschaute, ergänzte er: „Das Ritual will es so.“

Felix seufzte. Schloss die Augen. Atmete flach. Atmete tief. Die Ampel sprang auf Grün, er hörte Menschen an ihm vorübergehen, doch er bewegte sich nicht. Er zählte. Atmete. Zählte.
Gedanken fielen von ihm ab. Sorgen.
Das Ritual. Felix schmunzelte. Zählte weiter.

Tausend.
Felix öffnete die Augen. Ludwig grinste ihn an und hielt eine Trillerpfeife hoch.
„Die Friedenspfeife.“
Felix begriff nicht. Öffnete den Mund, um zu fragen.
„Die ist für inneren Frieden. Den Seelenfrieden.“, erklärte Ludwig, und sein Grinsen wurde noch breiter.

Felix zweifelte. Ludwig veralberte ihn doch. Dieser lächerliche Indianerimitator hatte ihn die ganze Zeit veralbert! Die schwarzen Wolken, die sein Gemüt vernebelt, ihn fast verlassen hatten, kehrten zurück. Felix, der Unglückliche, seufzte.
Ludwigs Miene wurde ernst. Er reichte Felix die Trillerpfeife.
„Blas hinein.“, sagte er und sein Tonfall duldete keine Widerrede.
„Blas hinein. Das Ritual will es so.“

Felix nahm die Trillerpfeife und bließ vorsichtig hinein. Ein leiser Ton entsprang, verkümmerte ihm Verkehrslärm.
Ludwig nickte auffordernd, und der USB-Stick an der Plastikkette um seinen Hals klapperte fröhlich.
„Das Ritual will es so.“, sagte Felix und stieß so fest er konnte die gesamte Luft seiner Lungen in die winzige Pfeife.

Ein Trillern ertönte, laut und grell, schrill und gellend, Menschen drehten sich verwundert um, Ludwig hielt sich grinsend die von Federn umkränzten Ohren zu, und aus Felix Mund barsten Krach und Lärm, trillerten Ton und Töne zum Himmel empor, ließen sich von Wänden zerschmettern, von Bäumen aufsaugen, von rauschenden Autos übertönen.

Und dann war es vorbei.
Felix atmete ein, atmete aus, sah Ludwigs Federhaupt hinter der nächsten Straßenecke verschwinden – und war glücklich. „Danke.“, rief er Ludwig hinterher und lachte.
Sorgsam verwahrte er die Friedenspfeife in seiner Tasche. ‚Vielleicht brauche ich sie noch einmal.‘, dachte Felix der Glückliche und ging nach Hause.