Multimillionär!

„Multimillionär!“, rief ich und lachte, als hätte ich schon wieder meinen Goldfisch gefrühstückt. Hatte ich aber nicht. Diesbezüglich war ich mir ziemlich sicher.

Worin ich mir außerdem sicher war: mein Berufswunsch.

Ich hatte gerade meinen siebenunddreißigsten Geburtstag hinter mir gelassen und steuerte nun mit rasanter Geschwindigkeit nicht nur auf die Vierzig zu, sondern auch durch Hamburg, das ironischerweise genau die Stadt war, in der ich meine Kindheit verbrachte und in der mir die Frage erstmals begegnet war:
„Na, was willst du werden, wenn du groß bist?“

Ich hatte keine Antwort gewusst, doch nachgedacht. Lange. Sehr lange, um genau zu sein. Meine Freunde wollten Politiker werden. Arzt. Astronaut. Schauspieler. Einer sogar Bestattungsunternehmer. Ich hingegen … wusste es nicht.

Das ärgerte mich. Nicht sehr, denn in meiner Familie waren alle klein gewachsen. Bis ich also tatsächlich groß wurde, würde noch eine geraume Weile vergehen. Wenn es überhaupt dazu kam.
Dennoch ließ mich die Frage nicht los.

Im Herbst des Jahres 1994 war ich sechseinhalb Wochen davon überzeugt gewesen, endlich meinen Traumberuf gefunden zu haben, endlich zu wissen, was ich denn eines Tages, lieber früher als später, werden wollte: Elefantenbesichtiger.
Ich hatte mir sogar eine Dauerkarte für den Tierpark gekauft, sozusagen als Investition in die Zukunft, und bis ich feststellte, dass niemand einen Elefantenbesichtiger einstellen wollte, ja, dass es wohl noch nicht einmal einen Beruf gab, der so hieß, verging eine Weile.

Selbst danach hing ich noch ein bisschen an meinem täglichen Besichtigen, bis mir der Elefantenbulle Kashmir einen genervten Blick zuwarf und ich mir überlegte, ob es nicht an der Zeit war, mir einen richtigen Beruf zu suchen. Der Posten des Maulwurfbesichtigers war schon vergeben, vermutete ich. Maulwürfe können keine genervten Blicke werfen.

Also grübelte ich. Darin hatte ich Übung, doch wenn mir jemand den Posten eines Grüblers angeboten hätte, hätte ich abgelehnt. Bloß weil man etwas gut konnte, hieß das noch lange nicht, dass man es zu seinem Beruf machen musste. Oder wollte. Oder sollte. Außerdem konnte ich nicht gut grübeln. Auf einer Skala von eins bis Karotte war ich maximal ein bleistiftiger Grübler. Semibleistiftiger, um genau zu sein.

„Was willst du werden?“, fragte ich mich immer wieder und ergänzte im Geiste „wenn du groß bist“.
Ich wusste es nicht. „Elefantenbesichtiger!“, fiel mir dann ein, und bis ich mich daran erinnerte, dass dieser Berufszweig keiner war, hatte ich oft schon eine Dauerkarte für den Tierpark gekauft. Zuweilen sogar mehrmals innerhalb eines Tages.

Ich wusste es nicht. Wusste es nicht. Wusste es nicht.

An meinem siebenunddreißigsten Geburtstag bat ich einen Freund, mich zu messen. Ein Meter neunundfünfzig. Das war nicht sehr groß, beschloss ich, und dass mir noch ein wenig Zeit bis zur Entscheidung blieb.

„Was willst du werden, wenn du groß bist?“, fragte ich mich und schüttelte mit dem Kopf.
Bis ich das Wörterbuch fand. Aufschlug. Das erste Wort verlas, das ich sah: Multimillionär.

„Multimillionär!“, rief ich begeistert, sprang auf und ab und fuhr zum Tierpark, um mir eine Dauerkarte zu kaufen. Man konnte nie wissen.

„Multimillionär!“, rief ich und lachte, als hätte ich schon wieder meinen Goldfisch gefrühstückt. Doch Herr von Flusensieb III. schwamm heiter in seinem Aquarium, während ich durch Hamburg brauste, als wüsste ich, wohin ich fuhr.
Multimillionär – das war endlich mal ein richtiger Berufswunsch. Multimillionär – das klang nach etwas. Mit einem Beruf wie diesem konnte man sich sehen lassen. Multimillionär – das wollte ich werden!

Begeistert parkte ich mein Moped in der Agathenstraße, rannte zum nächstbesten Supermarkt, riss die Frankfurter Allgemeine aus dem Kühlregal und bezahlte sie. Und nicht nur das! Ich gab sogar Trinkgeld.

„Ich kann es mir leisten!“, jauchzte ich der verblüfften Kassiererin zu, die sämtliche sieben Trinkgeldcents unbetrachtet in der Kasse verschwinden ließ. Ich sprang auf die Straße, wich zwei krokettenfarbenen Volvos aus und schlug die Zeitung auf.

In den Stellenangeboten jedoch stand nichts, was mein Augenmerk erregte. Politiker wurden gebraucht. Ärzte. Astronauten. Schauspieler. Sogar ein Bestattungsunternehmer. Aber kein Multimillionär. Dabei stand ich doch zur Verfügung! Ich war hier! Bereit! Großzügig! Und ich besaß eine Dauerkarte für den Tierpark!

Enttäuscht von Welt und Leben ließ ich die Zeitung fallen und ging zu meinem Moped zurück. Was wollte ich werden, wenn ich groß war? Ein Niemand! Ein lächerliches Stück Nichts!

Grübelnd kurvte ich durch die Stadt. Was wollte ich werden? Ich wusste es nicht. Mein siebenunddreißigster Geburtstag lag hinter mir, und ich steuerte unaufhaltsam auf die Vierzig zu. Und auf den Tierpark.

Ich bremste scharf. Stieg ab. Kaufte eine Dauerkarte.

Elefantenbulle Kashmir entdeckte mich sofort, kaum dass ich das Gehege erreicht hatte. Er wirkte erfreut. Ich schmunzelte müde, hob kraftlos grüßend den Arm, setzte mich auf die Bank, die mir einst zur zweiten Heimat geworden war, und gab mich meinen Gedanken hin.

Was wohl Herr von Flusensieb III. von alledem hielt?, fragte ich mich nach einer Weile und spürte plötzlich, dass ich seit der letzten Mahlzeit nichts gegessen hatte. „Ein Currywurststeak – das soll es sein!“, rief ich aus und mit neuem Enthusiasmus bestückt stand ich auf. Kashmir zwinkerte mir zu. ‚Nanu?‘, dachte ich. Und ‚Nanu?‘ dachte ich ein zweites Mal, als ich am Zaun des Elefantengeheges einen Zettel entdeckte. Der war neu.

„Elefantenbesichtiger gesucht! Supere Bezahlung!“ hieß es dort in liebevoll arrangierten Lettern.
„Elefantenbesichtiger!“, rief ich begeistert und fühlte mich plötzlich ganz groß.

Unsichtbar

„Ich bin nicht hier.“, sagte ich und hielt mir die Augen zu.
„Doch, ich kann dich sehen.“, sagte Peter. Zumindest glaubte ich, dass es Peter war, der sprach. Sicher konnte ich mir nicht sein. Ich hielt schließlich meine Augen zu.

Vielleicht war es ja gar nicht Peter. Vielleicht hatte in dem kurzen Zeitraum, in dem ich nun meine Hände vor die Augen hielt, ein außerirdischer Stimmenimitator nicht nur Peter lautlos vertilgt, sondern nun auch seine Position eingenommen, um mich zum Narren zu halten.

Doch so leicht konnte ich nicht zum Narren gehalten werden. Solange ich meine Augen zuhielt, war ich nicht sichtbar, nicht für Peter, nicht für den schrecklichen peterverschlingenden Stimmenimitatoraußerirdischen, nicht für mich selbst. Und solange ich meine Hände nicht entfernte, konnte mir nichts passieren.

Ich atmete auf, ganz leise, denn wer wusste schon, wie gut die Hörorgane des peterverschlingenden Stimmenimitatoraußerirdischen waren. Wenn sie nur vergleichsweise so gut waren wie seine Fähigkeit, Peters Stimme zu imitieren, konnte ich leicht in Schwierigkeiten geraten, wenn ich zu viele Geräusche von mir gab.

Ich hielt die Luft an. Vorsichtshalber. Lange würde ich das nicht durchhalten, das war mir klar. Aber auf diese Weise würde ich ein paar wertvolle Sekunden gewinnen, um mein weiteres Vorgehen zu planen.

„Alles klar?“, fragte der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische mit einer Stimme, die so überzeugend peterisch klang, dass ich beinahe genickt hätte. Doch ich durfte mich nicht bewegen. Wenn die Bewegungswahrnehmung des peterverschlingenden Stimmenimitatoraußerirdischen genau so gut war wie seine Fähigkeit, Peters Stimme zu imitieren, steckte ich in Schwierigkeiten, sobald ich auch nur daran dachte, meine Reglosigkeit aufzugeben.

Doch wie lange würde ich meine Hände vor den Augen und die Luft in meinen Lungen halten können? Wie lange, bis der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische mich fand, verschlang und dann so tat, als wäre er ich? Wie lange?

Moment, mahnte ich mich zur Ruhe. Vielleicht war der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische gar kein peterverschlingender Stimmenimitatoraußerirdischer. Vielleicht war dort draußen noch immer Peter, der sich wunderte, wo ich geblieben war. Vielleicht.

Vielleicht musste ich einfach die Hände von den Augen nehmen und sähe Peter, Peter, wie ich ihn seit Jahren kannte, Peter, wie er leibte und lebte, Peter, wie er aussähe, wenn der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische ihn verschont hätte. Vielleicht.

Vielleicht aber war der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische auch ein Gestaltwandler, vielleicht sah er Peter so erschütternd ähnlich, dass noch nicht einmal ich, der sein bester Freund war, ihn vom echten Peter unterscheiden könnte. Vielleicht.

Und noch schlimmer: Vielleicht hatte der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische Peter nicht gerade eben, nicht in dem Augenblick, da ich meine Augen mit meinen Händen bedeckte, verschlungen und ersetzt, sondern viel früher, vielleicht sogar schon vor Monaten! Vielleicht hatte ich mit einem Peter gespielt, der längst kein Peter mehr war, sondern ein peterverschlingender gestaltwandelnder Stimmenimitatoraußerirdischer, der seinen Platz eingenommen hatte.

Ich spürte Panik in mir aufsteigen. Was sollte ich tun? Was sollte ich nur tun? Die Luft wurde knapp, meine Arme wurden schwer, Schweißperlen formten sich auf meiner Stirn. Konnte der peterverschlingende gestaltwandelnde Stimmenimitatoraußerirdische auch nur ansatzweise so gut riechen wie er Peters Stimme imitieren konnte, dann würden nur noch wenige Augenblicke vergehen, bis er mich gefunden hatte.

Ich hatte keine Wahl! Ich musste atmen! Ich musste mich bewegen, die Hände von den Augen nehmen, mich sichtbar machen!

Noch einmal mahnte ich mich zur Ruhe. Vielleicht war alles in Ordnung, Peter noch immer Peter, ich außerhalb jeder Gefahr und die Welt frei von peterverschlingenden gestaltwandelnden Stimmenimitatoraußerirdischen. Vielleicht war jede Sorge unberechtigt, jede Furcht unnötig.

Ich nahm die Hände von den Augen, schleuderte die verbrauchte Luft aus meinen Lungen, atmete tief ein und blickte zu Peter. Er war nicht da. Weder er noch ein peterverschlingender gestaltwandelnder Stimmenimitatoraußerirdischer.

Die einzige Person, die hier war, war ich selber. Allerdings doppelt.
„Hallo!“, lächelte der michverschlingende gestaltwandelnde Stimmenimitatoraußerirdische, und es klang, als redete ich mit mir selbst.

Tanz

Ich würde mit dir tanzen, könnte ich es, dachte ich. Ich bewegte mich nicht.

Du hingegen glittest dahin, von Klängen getragen, von Rhythmen gewogen, triebst mal sanft mit Schmunzellippen, sprangst dann unbeherrscht und doch grazil durch Luft und Takt, formtest wirre Muster aus wehendem Haar, maltest mit Händen und Füßen verzückende Zeichen in den Raum, umtost von Inbrunst aus Tönen, von Flammen aus Laut.

Dann hieltest du inne, betrachtetest dich im schmalen Spiegel, lächeltest scheu und schenktest dir einen flüchtigen Kuss und flohst, von Glücken benetzt, hinfort.

Ich würde mit dir tanzen, dachte ich, nicht zum ersten Mal. Doch ich konnte nicht. Noch immer wellte sich der treibende Takt der Musik an meine Haut, liebkoste mich zärtlich, als wollte er mich locken.

Ich kann nicht, dachte ich, doch dann spürte ich meinen Kopf sich bewegen, träge nur, kaum wahrnehmbar, und doch im Takt der Töne, und doch im Klang des Jetzt. Hier war ich, und doch war ich entflohen, entrissen, entwurzelt, trieb dahin, als wäre ich pulsierender Hauch.

Kämest du jetzt, dachte ich noch, und beseelt ließ ich mich von Stimmen und Instrumenten durchfluten, so wäre ich dein, deiner Berührung ergeben, deiner Nähe verfallen, irgendwo in deinem Haar vergraben, an deine Fingerspitzen gefesselt.

Die Musik verklang. Der letzte Ton ließ mich noch einmal im Rhythmus den Kopf bewegen, nicht mehr als ein Nicken und doch fast ein Tanz; dann erwachte ich und fand meine Sinne.

Du betratst den Raum, und ich erstarrte. Dein Antlitz gleißte, und wäre ich dir nicht längst verfallen, so verlöre ich mich jetzt in dir, verlöre mich und kehrte nie zurück.

Worte wollte ich flüstern, deinen Namen. Hände dir entgegenstrecken, deine Wärme finden.
Und doch: Ich konnte nicht.

Dein Lächeln war warm und weich, und als du mich gossest, als du die meeresblaue Gießkanne an meinen Leib führtest, mich mit belebender Feuchte tränktest, strahlte dein Haupt, als wären wir eins und einig, als wärest auch du eine zierliche Pflanze, ein Usambaraveilchen auf dem Fensterbrett, ein leuchtender Fleck aus Licht und Farbe irgendwo zwischen leeren weißen Wänden.

Ich tanze nicht, dachte ich. Doch ich lebe.
Für dich.

In den Laken

Ich wühlte mich in die Laken, als gäbe es Wege, Wege nach unten, weiter nach unten, so tief es eben ging. Schluchten wollte ich finden, Höhlen, sie mit meinen Händen betasten, mit meinen unnützen Augen erahnen. Nicht, weil ich schlafen wollte, nicht um die verlockende Wärme der Decken, das weiche Flauschen des Kissen, weiterhin um mich zu spüren, nicht, um nicht der warmen Obhut meines Bettes entrissen, der alltäglichen Tat ausgeliefert zu werden. Nein, ich suchte, war ein Forscher, ein Finder, ein Entdecker.

Ich tauchte tiefer in die Laken, tiefer in die schlafwarme Welt, die so angenehm vertraut roch, die sich über Stunden, Nächte hinweg vollgesogen hatte mit mir. Ich raubte dem Tageslicht jeden Zugang zu meinem Pfad, den erwachenden Geräuschen jeden Eintritt unter die wärmende Federschicht. Bleibt draußen, hauchte ich, und blickte hinab in das Dunkel.

Ich sah nichts. Nichts. Nur Schwärze, finsterste Lichtlosigkeit. Und. Eine Tür.

Keine Tür. Das konnte nicht sein. Noch immer befand ich mich in meinem Bett. Ich riss die Decken von mir fort. Sonnenlicht durchflutete meine Höhle aus Stoff, ließ die Tür verblassen, als sei sie Traum und Hirngespinst gewesen. Keine Tür. War ja klar.

Und doch zweifelte ich. An mir. Am Licht. An meinen Augen. Denn veilleicht war sie noch da. Irgendwo unter den Laken, versteckt in der Dunkelheit, die sich wiederum vor der plötzlich aufwuchernden Helligkeit versteckt hielt.

Ich kroch zurück ins Bett, erbaute meine Höhle neu, schloß Tag und Vernunft aus und begann zu suchen. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an das Dunkel, vermochten nur allmählich die Falten in meinem Laken zu erahnen, streiften über die winzige Fläche unter mir, als sei dort irgendwo eine Tür verborgen.

Und da war sie.

Keine Tür, die einem Märchen entsprungen wäre. Keine Tür, die mit metallenen Schnörkeln, mit blattwerkiger Verzierung, mit Initialen oder güldenem Gleißen aufwartete. Nein, eine normale Tür, wie sie in jeder normalen Wohnung zu finden war. Pressholz mit schlichter Klinke. Glatt und frei von Kratzern. Und auch wenn ich wusste, dass es unmöglich war, hätte ich doch geschworen, dass diese Tür eine normale Größe besaß, groß genug war, dass ein Mensch hindurchgehen konnte.

Ich legte die Hand auf die Klinke.
Zögerte.

Was mochte dahinter sein? Eine fremde Welt voller sagenhafter Fabelwesen, wie sie Narnia und zahllose weitere Geschichten herbeiwünschten? Vielleicht ein Weg in meinen Kopf, wie es der Film „Being John Malkovich“ vorschlug? Vielleicht war die Tür gar ein Tor, in eine andere Dimension, eine andere Zeit, irgendwohin, wo fremdartige Gestalten mit primitivster oder höchster Technologie nach Besserem strebten? Vielleicht, kicherte ich leise, landete ich aber nur in meinem Bettkasten.

Die Klinke war warm. Gerne hätte ich ein Pulsieren gespürt, verlockende Stimmen gehört. Doch da war nichts. Nur die Klinke, deren Temperatur der Umgebung glich, in der sie sich befand, die Klinke, die weder sonderlich schön noch interessant oder einladend wirkte. Nur die Klinke.

Ich zögerte noch immer.
Würde ich zurückkehren können? Würde ich erblinden? Würde ich…?

Ich drückte die Klinke nach unten. Erst langsam, unsicher. Dann verlor ich die Geduld, riss die Tür auf, die keinen Widerstand leistete. Ein Raum offenbarte sich mir, nicht groß, doch dunkel.

Ich nickte. „So etwas hatte ich erwartet.“
Seufzend schaltete ich das Licht an und ging duschen.

Der Mann mit dem Laubbläser

Der Laubbläsermann schwieg. Die Maschine in seiner Hand dröhnte gleichmäßig vor sich hin, stieß Luft in die Welt, gegen taufeuchte Blätter und störrischen Dreck, der schon jahrelang hier lag und sich durch ein bisschen Wind nicht aus der Ruhe bringen ließ.

Der Laubbläsermann schwieg. Seine Ohren waren bedeckt von Kopfhörergebilden, denen es an Musik mangelte. Falten gruben sich sorgentief in seine Stirn. Aus seinem Gesicht sprossen Haare, noch kein Bart, nur desinteressierter Ausdruck morgendlicher Faulheit. Er lächelte.

Die Maschine war sein Arm, war eine Verlängerung seiner selbst in die Übermenschlichkeit, war eine Waffe, die Winde wecken konnte. Er ging nicht, er schritt, befeuerte den Boden mit bewegter Luft, trieb Blätter zusammen wie willenlose Schäfchen, sammelte sie, häufte sie zu bunten Bergen aus Dreck, Müll und Laub.

Manchmal hielt er inne, sah sich um, nahm Anlauf – und sprang hinein. Er, der Maschinenmann, er, das bionische Wesen, halb Mensch, halb Automat, lag im Laub und lachte.

Dann erhob er sich, befreite sich flüchtig von Schmutz und Blättern und kehrte zu seiner Arbeit zurück, warf die Maschine an, den Laubbläser, ließ ihn zur Verlängerung seines Armes werden, zum Teil seiner selbst.

Der Laubbläsermann schwieg. Sein Antlitz sprach Gram, doch seine Augen lachten noch immer. Vielleicht, dachte er, und sein Mundwinkel kroch ein wenig in die Höhe, käme irgendwann seine Zeit, jener Tag, an dem zur Rettung Unschuldiger, zur Befreiung Bedrohter, zur Bewahrung des gesamten Planeten, ein Superheld gebraucht wurde, halb Mensch, halb Maschine, jemand, der sich darauf verstand, Winde zu wecken, Luft aufzuwirbeln – jemand wie er.

Vielleicht.

Der Ritter in meinem Schrank

Der Ritter in meinem Schrank ächzte leise. Er war alt und seine Rüstung sah alles andere als bequem aus. Außerdem befand er sich in meinem Kleiderschrank, was zugegebenermaßen nicht der bequemste Ort für Besucher im Allgemeinen und Metallanzugträger im Speziellen war. Doch war er es, der plötzlich im Schrank gestanden hatte, als wäre er schon immer dort gewesen. Und er war es auch, der dort bleiben wollte, ganz gleich, wie viele freundliche Worte ich für ihn fand oder wie viele Schokokekse ich ihm anbot. Mehr als drei hatte ich sowieso nicht.

„Wie bist du überhaupt in meinen Kleiderschrank gekommen?“, fragte ich unbeteiligt, so, als hätte ich es nicht schon dutzende Male vergebens versucht, als würde ich mir nicht seit dreiundvierzig Minuten den Kopf darüber zerbrechen, wie ein Ritter in rostiger, aber dennoch beeindruckend massiver Gewandung plötzlich in mein Zimmer kam.

Der Ritter in meinem Schrank ächzte erneut. Vielleicht seufzte er auch. Oder seine Rüstung knarrte. Ich kannte ihn noch nicht lang genug, um das bereits auseinanderhalten zu können. Erst seit dreiundvierzig Minuten. Vierundvierzig, um genau zu sein.

„Das ist eine lange Geschichte.“, meinte der Ritter. Seine Stimme klang überraschend hell aus dem Helm heraus, so dass ich mich für einen Moment lang wunderte, wer überhaupt mit mir redete.
„Eine lange lange Geschichte.“, sagte der Ritter, und ich fühlte die Schwere, die hinter diesen Worten lang, die Jahre, Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, die auf seinen blechbemantelten Schultern lasteten.

„Willst du einen Keks?“, bot ich ihm an.
Er blickte mich verwundert an, betrachtete die beiden verbliebenen Kekse und nickte dann. Ich reichte ihm den Teller.

Der Ritter setzte sich. Ächzend. Seufzend. Knarrend.
„Es war die Hexe.“, sagte er dann und biss vom Keks ab.

„Was für eine Hexe?“, wollte ich fragen, doch da war er bereits verschwunden.

Ich suchte den ganzen Nachmittag im Kleiderschrank, in meinem Zimmer, schließlich sogar im ganzen Haus nach ihm, doch fand ihn nicht. Nicht ihn, nicht seine Rüstung, nicht seinen Keks.
Nur einen rostigen Fleck auf meiner Lieblingsjacke.

„Mami wird mir das nicht glauben.“, seufzte ich und aß den letzten Keks.

Kartoffelpantoffeln

„Hüte dich vor seinem Handschlag.“, flüsterte ich Peter zu. Herr Arthur näherte sich, wie immer in seinen braunen Plüschpantoffeln, die eher an schrumpelnde Kartoffeln als an Hausschuhe erinnerten. Kartoffelpantoffeln, nannte ich sie insgeheim, wenn sich Herr Arthur in ihnen zum Supermarkt schlich, wie immer in einer Geschwindigkeit, die höchstens stillstehende Schnecken für beeindruckend hielten.

„Wieso?“, flüsterte Peter mir zu. Wenn man einmal angefangen hatte zu flüstern, gab es kein Zurück mehr, und da spielte es keine Rolle, ob Herr Arthur noch zwanzig Meter entfernt war und zudem schlechte – oder vielleicht einfach nur verstopfte – Ohren hatte.

„Sind seine Hände dreckig? Hat er Warzen?“, fragte Peter angewidert.
„Nein, nein.“, beruhigte ich ihn. Tatsächlich hatte Herr Arthur keine Warzen – zumindest soweit man das beurteilen konnte,. Er hatte überall Haare, oft Speisereste im Gesicht oder auf den Kleidungsstücken hängen, die er stets viel zu lange zu tragen schien, er hustete häufig feucht, und seine Zähne waren nur noch gelbschwarze Stummel – doch seine Hände waren sauber. Immer.

Und was für Hände es waren! Keine faltigen, mit Altersflecken bedeckten Zitterhände, nein Pranken, riesige, kräftige Biester, die zupacken konnten, wenn sie nur wollten, die vor Energie zu bersten schienen. Überhaupt war Herr Arthur ein Riese, ein Hüne fast, der mit seinen Schaufelbaggerhänden sicherlich ganze Baumstämme zerbrechen konnte. Wäre sein Bart etwas gepflegter, sein Gang etwas aufrechter, seine Schuhe keine Kartoffelpantoffeln, dann wäre Herr Arthur trotz seines Alters eine wahrlich beeindruckende Erscheinung gewesen.

Vielleicht, überlegte ich nicht zum ersten Mal, war Herr Arthur tatsächlich ein König, DER König, König Arthur, auch Artus genannt, jener, dessen Tafelrunde, dessen Zauberer Merlin, dessen heldenhafte Ritter Geschichten, Märchen und Legenden formten. Vielleicht hatte es Arthur wirklich gegeben, und vielleicht gab es ihn immer noch, ihn, den weisen, tapferen König, der die Macht hatte, gewöhnliche Knappen zum Ritter zu schlagen, zu echten Rittern, die ihm treu ergeben beiseite standen und bereit waren, ihr Leben für den größten aller Könige zu lassen. Vielleicht war König Arthur unser Nachbar.

„Hüte dich einfach vor seinem Handschlag.“, flüsterte ich noch rasch zu Peter, dann hatten wir Herrn Arthur erreicht. Selbst im gebeugten Gang überragte er mich noch um anderthalb Köpfe, und mich ließ die Vorstellung nicht los, dass vor mir tatsächlich der wahre König Arthur in Kartoffelpantoffeln zum Supermarkt schlich.

„Hallo Herr Arthur!“, begrüßte ich ihn freundlich, denn obwohl er sonderbar war, gab es keinen Grund, ihn nicht zu mögen. „Hallo Junge.“, grüßte er mich, und seine Stimme waren Reibeisen in meinen Gehörgängen. „Wer ist dein Freund?“ Er nickte Peter zu.
„Das ist Peter. Er wohnt jetzt in der Langenhauserstraße.“, sagte ich.
„Hallo Peter.“, lächelte Herr Arthur und entblößte seine unschönen Zahnreste. „Willkommen in der Nachbarschaft.“ Herr Arthur reichte Peter seine Hand. Ich schaute Peter warnend an.

Wenn Herr Arthur wirklich König Arthur war, und wenn der Ritterschlag einen normalen Menschen zum Ritter machen konnte – wozu war dann ein Handschlag imstande?

Peter ignorierte mich, murmelte schüchtern „Hallo.“ und schlug in die dargebotene Hand ein.
Entsetzt schloss ich die Augen und hielt die Luft an. Eine Minute vielleicht. Oder zwei. Ich konnte nicht hinsehen.

Dann ging mir der Atem aus und hechelnd stieß ich die verbrauchte Luft aus meinen Lungen. In zehn Metern Entfernung schlich Herr Arthur in Richtung des Supermarktes, und seine Kartoffelpantoffeln rieben sich geräuschvoll am Asphalt.

Peter war verschwunden. Einfach so.
Oder doch nicht.

Etwas zog an meinem Hosenbein. Ich blickte nach unten. Keuchte geschockt. Wandte den Blick ab. Schaute wieder hin. Schüttelte den Kopf.

Wer mit einem Ritterschlag Menschen zu Rittern macht, sollte keine Handschläge geben, dachte ich und starrte auf die Hand auf meinem Schuh, die tatsächlich stark an Peter erinnerte. „Ich hatte dich gewarnt.“, sagte ich und die Hand, die Peter war, nickte traurig mit dem Zeigefinger.

Nachdem ihre Lippen sich voneinander gelöst hatten, hielt er den Atem an. Nicht lange, nur für einen Moment, lang genug, um zu schmunzeln, die Brille abzunehmen und dann beide Gläser zärtlich zu behauchen.
Sie sah ihn an, und Fragen schimmerten in ihren Augen.
„Wenn ich nun die Welt betrachte“, erklärte er und lächelte. „so stets durch deinen Kuss.“

wie du zwischen meinen welten taumelst
strauchelst
als bedürftest du des fallens
um meinen halt zu finden
als fehlte nur ein wort
nur ein name
nur

ich.

Springbrunnen im Regen

Sie weigert sich, dachte ich schmunzelnd und schenkte dem Grau weitere Blicke. Wolken harrten träge über farblahmen Gebäuden und flüsterten zarte Regenversuche in die Antlitze der Fliehenden. Meine Schritte fanden Pfützen, fanden glänzend feuchtes Kopfsteinpflaster, fanden Ruhe, als ich nach oben sah, um dem trüben Mantel zu lauschen, den der Tag über uns gebreitet hatte.

Sie weigert sich, dachte ich, und meinte das Strahlen hinter den Graugebirgen, hinter den Welten aus Herbst, die sich dort oben türmten, meinte den wärmenden Glanz, der sich in Erinnerungen versteckte, in Gewesenem und in Monaten, die noch in weiter Ferne lagen.

Auf dem Schlossplatz plätscherten die Springbrunnen weiter ihr feuchtes Lied, als wäre es noch immer Sommer, als säßen auf den umkränzenden Wiesen Menschen, die sich am fröhlichen Spiel der Tropfen, am schillernden Brechen sonnigen Gleißens in spritzig frischem Nass, zu erfreuen vermochten, die nicht fortgescheucht von herbstiger Kälte das Draußen mieden, die nicht mit Seufzerstimme das Oben betrachteten und sich ein anderes ersehnten.

Ich lauschte dem Klang der Springbrunnen, ihrem Duett mit dem sanften Nieseln, das den Grund zaghaft beschleierte, grinste innenwarm über zweifaches Plätschern und wanderte weiter, in Gedanken, mit Schritten, irgendwohin, wo ich mich der Herbst finden konnte.