„Heute ist Freitag, der 13.“
„Mußtest du mir das sagen?“
„Aber das ist doch was Gutes!“
„Wieso?“
„Naja, die drei steht in Märchen und ähnlichem immer für Gutes. Aller guten Dinge sind drei. Und die 10 ist die Basis unseres Zahlensystems, also ernorm wichtig. Schau mal, du hast zehn Finger…“
„Acht!“
„Acht?“
„Acht Finger und zwei Daumen!“
„Aber Daumen sind doch auch Finger.“
„Nein, Daumen sind Daumen.“
„Aber der Große Onkel, also der Große Zeh zählt doch auch als Zeh und nicht als Großer Onkel.“
„Ja, aber schau mal: Es gibt den kleinen Finger, den Ringfinger, den Mittelfinger und den Zeigefinger. Der Daumen hat kein ‚-finger‘ im Namen.“
„Willst du damit sagen, daß es auch nur sechs Wochentage gibt?“
„Wieso?“
„Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag. Im Mittwoch ist kein ‚-tag‘!“
„…“
Theodor
Theodor, der einäugige Kaiserpinguin, stopfte zitternd seine Pfeife.
„Ich bin alt.“, erklärte er Johann, dem fröhlichen Fineliner, der mal wieder zu Besuch war. Johann kam alle zwei, drei Jahre vorbei und brachte jedesmal ein wenig neuen Pfeifentabak mit. In der Antarktis war so etwas nur schwer zu bekommen.
„Ich bin alt.“, erklärte Theodor, so wie er es schon Tausende Male zuvor während des Pfeifenstopfens erklärt hatte. Ältere Pinguine neigen dazu, sich unwissentlich zu wiederholen.
„Ich bin alt.“, meinte Theodor, doch seine schwarzen Knopfaugen funkelten vor Vergnügen. Von wegen „unwissentlich“. Theodor liebte es, sich absichtlich zu wiederholen und damit sein – selbst für einäugige Kaiserpinguine – beeindruckendes Alter zu betonen. Theodor hatte seinen dreiundneunzigsten Geburtstag hinter sich und frierte häufiger als früher. Ansonsten ging es ihm aber gut. Wenn man von dieser einen Sache absah…
„Wenn man alt wird,“, erklärte Theodor, der einäugige Kaiserpinguin seinem Freund Johann, der diese Rede schon hundertfach angehört hatte, „friert man häufiger. Deswegen die Pfeife.“ Er wedelte mit der Pfeife, und Johann zündete sie an. Ein Ritual.
„Doch ansonsten geht es mir gut.“, führte Theodor weiter aus. Johann nickte verständnisvoll, wie es von ihm erwartet wurde. Er hatte es noch nie gewagt, Theodor bei seinen immergleichen Monologen zu unterbrechen und lächelte sogar insgeheim, wenn er wieder einmal das verräterisch Funkeln in des Pinguins Knopfaugen entdeckte, das bezeugte, daß der alte Theodor doch nicht so senil war, wie er gerne vorgab.
Theodor zog an der Pfeife und blies zwei Kringel in die klirrend kalte Antarktisluft. Verzückt sahen beide zu, wie sie sich langsam auflösten und verblaßten.
„Mir geht es gut.“, meinte Theodor nach einer Weile. „Wenn da nicht diese eine Sache wäre…“
Johann horchte auf. ‚Nanu!‘, dachte er sich, ‚Das sind ha völlig neue Worte aus Theodors Schnabel!‘
Theodor seufzte und schüttelte träge mit dem Kopf.
„Äh…“, wagte Johann, der fröhliche Fineliner, zu fragen, während seine Kappe nervös klackte. „Was für eine Sache denn?“
Nun war es geschehen! Das immergleiche Ritual war unterbrochen! Eigentlich hätte Theodor von früher erzählen müssen, von seiner Kindheit, von den ersten Menschen, denen er begegnet war und die Pfeife entwendet hatte, während sie sich im ewigen Eis verirrten. Doch Theodor hatte anderes im Sinn. Heute war ein besonderer Tag!
„Heute ist ein besonderer Tag.“, meinte der einäugige Pinguin. „Der Osterhase war da.“
„Aber… aber…“, stammelte Johann, „Er kommt doch jedes Jahr. Eingehüllt in unzählige Fuchspelze und trotzdem zitternd versteckt er die bunten Ostereier hastig in Löchern und Spalten, bevor er eilig wieder von dannen hoppelt…“
„Der Osterhase war da.“, wiederholte sich Theodor, doch das verräterische Funkeln in seinen schwarzen Knopfaugen blieb aus. „Der Osterhase war da, aber wir können die versteckten Ostereier nicht finden.“ Theodor schüttelte traurig sein Kaiserpinguinhaupt.
‚Heute sieht er zum ersten Mal wirklich alt aus.‘, dachte Johann bekümmert.
Plötzlich kam eines der plüschigen Pinguinkinder hastig angetapst. Sven oder Rod oder Piet hieß es und rief schon von weitem: „Großvater! Großvater! Wir haben ein Ei gefunden!“
Erleichtert atmete Großvater Theodor, der einäugige Pinguin, auf. Doch Johann, dessen Blick viel schärfer war, erkannte, daß trotz des gefundenen Ostereis sich weitere Probleme ankündigten.
„Großvater! Großvater! Wir haben …“
„Ich weiß.“, unterbrach Theodor das nervige Gepiepse seines Enkelkindes. Er duldete es nicht, wenn man seinen Hang zu Wiederholungen nachahmte. Sven oder Rod oder Piet verstummte.
„Nun zeig schon her.“, brummte Theodor, der einäugige Kaiserpinguin, versöhnlich und schmauchte noch einen Rauchkringel in die Antaktisluft. Sven oder Rod oder Piet war mittlerweile bei ihm angekommen und holte nun hervor, was er sorgsam unter dem flauschigen rechten Flügel transportiert hatte.
‚Ohne Zweifel. Dies ist ein Osterei.‘, dachte Johann, der fröhliche Fineliner.
„Ohne Zweifel. Dies ist ein Osterei.“, sagte er.
„Aber…“, stotterte Theodor, der seinem einen Auge nicht trauen mochte. „Das Ei ist ja weiß!“
Sven oder Rod oder Piet nickte bekümmert.
„Dieser verdammte Osterhase!“, empörte sich Theodor. Hektisch wirbelte er mit der Pfeife umher, so daß glühender Tabak herausstob und sich zischend in den Schnee grub. „Ich bin dreiundneunzig Jahre alt, und immer waren die Ostereier bunt!“
„Vielleicht hat er vergessen, sie zu bemalen.“, schlug Johann, der fröhliche Fineliner vorsichtig vor.
„Dieser verdammte Osterhase!“, schimpfte Theodor noch einmal. „Wir werden Wochen brauchen, um alle Ostereier zu finden!“
„Weiße Eier sollte man nicht in weißem Schnee verstecken.“, piepste Sven oder Rod oder Piet und sagte damit den schlauesten Satz seines Lebens.
Olaf, der schwarze Kugelschreiber
Eines Tages erwachte Olaf und sagte mit düsterer Mine [Er war schließlich ein schwarzer Kugelschreiber.]:
„Ich habe keine Lust mehr auf das Hier und Jetzt! Den ganzen Tag hänge ich unnütz in der Tasche herum, warte darauf, irgendwann herausgeholt und aufgedreht zu werden, ein paar unleserliche Zeichen auf Zettelchen und Zettel zu notieren und dann wieder zu verschwinden. So kann das nicht weitergehen! Ich wandere aus!“
So konnte das nicht weitergehen, sagte sich Olaf und beschloß auszuwandern.
„Wohin?“, fragte die Schildkröte Uru, als er vorsichtig aus der am Garderobenhaken hängenden Jacke hüpfte und genau in Urus Abendbrotresten landete.
‚Immerhin eine weiche Landung!‘, dachte Olaf, doch antwortete: „Irgendwohin. Das Schicksal zeigt den Weg.“ Diesen Satz hatte er sich lange vorher überlegt. Er klang gut, fand Olaf. Am liebsten würde er ihn einfach niederschreiben, aber…
„Ich begleite dich.“, meinte Uru, „Zumindest ein bißchen.“
Der Kugelschreiber hüpfte glücklich auf und ab, war er doch so auf den ersten Metern seines Wagnisses nicht allein.
‚So bin ich auf den ersten Metern meines Wagnisses wenigstens nicht allein.‘, dachte er, und gemeinsam gingen und hüpften sie los.
Zuerst hüpfte Olaf wie wild voran, übersprang dank guter Kugelschreiberfeder sogar größte Kiesel, doch mußte bald einsehen, daß Kugelschreiber nicht für dauerhafte Fortbewegung geschaffen waren. Ihm ging die Puste aus. Außerdem bewegte sich Uru nur schwerfällig über den Boden, krabbelte langsam hinter ihm her, als hätte sie alle Zeit der Welt.
„Schnell, schnell!“, rief Olaf, sprang zwei-, dreimal nach oben, war bereits erneut außer Atem und keuchte: „Wir … haben doch … nicht alle … Zeit der Welt!“
„O doch.“, brummte Uru freundlich und krabbelte in gleichem Tempo weiter. „Das Auswandern braucht keine Eile, nur ein Ziel.“
Aber Olaf hörte sie nicht; schon war er wieder vorausgehüpft, weiter und weiter dem Unbekannten entgegen.
Nach einer kurzen Weile jedoch wurden seine Sprünge immer kleiner und kleiner, und er beschloß, eine Pause einzulegen. An einem hölzernen Pfahl wuchs ein Grasbüschel, das verlockend weich wirkte. Er setzte sich und wartete auf Uru, die aussah, als könne sie in ihrer Langsamkeit noch tagelang weiterwandern.
„Du siehst aus, als könntest du noch tagelang weiterwandern.“, rief Olaf, als Uru sich näherte. „Ich jedoch brauche schon jetzt eine Pause.“
„Innehalten ist weise.“, brummte Uru und knabberte verzückt an dem weichen Gras, auf dem Olaf hockte.
„Mmmhh… Mwo mwillst du eigentlich hin?“, fragte sie, einen Grashalm zerkauend. „Welches Ziel strebst du an?“
„Ich … äh … weiß es nicht…“, stotterte Olaf und wunderte sich. Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht. „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“, sagte er und versuchte nun verzweifelt, ein Ziel zu ersinnen.
„Ohne Ziel ist eine Reise nur eine Flucht. Mit Ziel jedoch der Anbeginn von Neuem.“, erklärte Uru und wandte sich einem Löwenzahnblatt zu, das sich ihr in grüner Köstlichkeit entgegenreckte.
„Ich … äh … ich ..“, antwortete Olaf unsicher.
„Schau:“, meinte Uru und hob den Kopf. „Über uns befindet sich ein Wegweiser. Welcher Weg gefällt dir am besten?“
Olaf sah auf und erkannte, daß am oberen Ende des Holzpfahls, an den er sich lehnte, mehrere Tafeln angebracht worden waren. Er hüpfte ein paar Schritte zurück, um sie besser erkennen zu können: Es waren Pfeile, die in verschiedene Richtungen zeigte – und zu jedem Pfeil gehörten seltsame Zeichen.
„Das ist … Schrift!“, wußte Olaf und versuchte zu entziffern, was auf den Tafeln geschrieben stand.
„Und?“, fragte Uru, die sich behäbigen Leibes zu ihm gesellt hatte. „Wohin willst du?“
„Ich weiß es nicht.“, stammelte Olaf. Seine Stimme war kaum lauter als ein Mäusepieps.
Doch Uru hatte gute Ohren. „Du weißt es nicht?“, wunderte sie sich.
„Ich … Ich kann nicht lesen.“, gab der Kugelschreiber Olaf kleinlaut zu und wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Doch der Boden war fest und steinern, und Uru antwortete mitfühlend: Du bist ein Kugelschreiber und kannst nicht lesen? Du Ärmster! Und kannst du denn schreiben?“
Olaf schüttelte traurig mit dem Kopf. Eine schwarze Träne kullerte aus seinen Augen.
„Uiuiui.“, murmelte Uru, „Ein Kugelschreiber, der nicht weiß, was er schreibt…“
Olaf wäre am liebsten weggelaufen. Schon wieder. Diesmal aber ohne die Schildkörte Uru. Allein. Irgendwohin. Egal, was die Pfeile dort oben am Ende des Pfahls bedeuteten.
Doch er war noch immer ein wenig außer Puste und würde nicht weit kommen, ohne alsbald eine weitere Pause einlegen zu müssen. Außerdem war Uru die einzige Freundin, die er hatte…
„Lauf nicht weg, Olaf.“, unterbrach Uru seine Gedanken, als hätte sie erahnt, was in Olafs Kopf geschah. „Überall gibt es Schilder und Tafeln. Und jedesmal wirst du dich neu entscheiden müssen, wohin du gehst. Wäre es da nicht besser zu wissen. was auf den Schildern geschrieben steht?“
Olaf nickte. Nur ein bißchen, denn er wollte nicht, daß sich eine weitere Träne aus seinen Augen löste.
„Ich bringe dir Lesen und Schreiben bei.“, sagte Uru mit einem Lächeln in der Stimme. „Es ist nicht einfach und wir ein paar Tage dauern. Doch du bist ein gescheites kerlchen und kannst das schaffen.“
Olaf blickte überrascht auf. Hatte er sich verhört?
„Nein, hast du nicht.“, sagte Uru, die tatsächlich Gedanken lesen konnte.
Und so geschah, was sonst nur in Märchen geschieht: Olaf lernte lesen und schreiben und begriff hnun, was sein Besitzer in – mittlerweile lesbaren – Zeichen auf Zettelchen und Zettel notierte.
„Er ist ein Poet.“, staunte Olaf und erzählte der Schildkröte abends von den Gedichten und Geschichten, die er geschrieben und gelesen hatte. Und manchmal, wenn er einen besonders weisen Gedanken in sich spürte, lenkte er die Hand des Poeten in die richtigen Bahnen:
Das Ziel jeder Reise sei Wissen.
Morning Pages II
Schon immer war ich der Ansicht, daß das Erwachen selbst in frühester Stunde eine angenehme Angelegenheit ist. Ich mag es nicht, dem Schlaf entrissen zu werden, mag es nicht, übermüdet das Haupt erheben zu müssen, mag es nicht, die wohlig weichen Federn zu verlassen, doch liebe es, einen neuen Tag zu beginnen, liebe es zu duschen, liebe es zu frühstücken, liebe es, mich umzudrehen und ein zerknittertes Dornröschen wachzuküssen. Und ich liebe es, mich direkt nach dem Aufstehen an den Schreibtisch zu setzen, mein Notizbuch aufzuschlagen und einfach draufloszuschreiben, irgendetwas, das mir gerade durch den Schädel surrt.
Zuweilen denke ich bereits im Erwachen darüber nach, was ich schreiben werde, formuliere ganze Sätze, die ich festzuhalten gedenke. Doch im nächsten Augenblick sind sie vergessen und müssen neuen Wortansammlungen Platz machen, die Zeile um Zeile mein Büchlein füllen.
Unlängst fiel es mir scher zu schreiben. Mit unguter Laune behaftet mußte ich Wort für Wort aus mir herausquälen, bis ich begann, eine längst begonnene Geschichte schemenhaft weiterzuführen. Plötzlich flogen die Sätze nur so an mir vorbei, und ich beschloß, in Bälde, bei entsprechender Laune einen Versuch zu wagen: Ich wollte, umrankt von morgendlicher Trägheit, eine kleine Geschichte schreiben.
Und das tat ich. An jenem Morgen, als plötzlich jeder verfügbare Kugelschreiber entschwunden war, schrieb ich die Geschichte von Olaf, dem schwarzen Kugelschreiber. Doch Zwänge setzte ich mir nicht. Es spielte keine Rolle, daß die Geschichte keine Welten bewegte, es spielte keine Rolle, daß ich am darauffolgenden Tag erneut Tagebuchähnliches verfaßte.
Und schon bald folgte eine Geschichte über Theodor, den einäugigen Kaiserpinguin. Und eine über James Dean, in Schwarz-Weiß. Dann wieder Tagebucheinträge.
Ich befürchte kein Stocken der Worte, fürchte mich nicht davor, nur Mittelmaß niederzuschreiben oder gar Sinnfreies. Denn tatsächlich freue ich mich, begeistere mich täglich neu:
Das Niedergeschriebene ist imstande, das Chaos in meinem Schädel zu sortieren. Bereits in frühesten Stunden habe ich darüber nachgedacht, wie denn der Tag verlaufen könnte – und festgestellt, daß das größte Schrecknis nur in meinem Kopf derart immens ist. Bereits in den frühesten Morgenstunden habe ich mich mit absurden Fantasieerlebnissen erheitert, den Tag mit einem Lächeln gestartet. Bereits in frühesten Morgenstunden habe ich etwas vollbracht, das mir Freude und Stolz bereitet.
Und hin und wieder schlüpfe ich noch einmal kurz unter die kuschlige Decke, wärme meinen erkalteten Leib und freue mich darüber, daß ein neuer Morgen begann.
Aus und an
Wenn ich mein dreckiges Shirt aus- und ein sauberes anziehe – ist das dann Stoffwechsel?
Morning Pages
Gestern begann ich, sogenannte „Morning Pages“ anzufertigen. Ich hatte davon gehört, und obgleich ich keines kreativen Schubs bedurfte, erachtete ich den Grundgedanken für einen guten:
Wach auf und schreibe, was dir einfällt.
Da ich keinerlei Probleme damit habe, aus dem Stehgreif draufloszukritzeln, ja sogar Gefallen daran finde, begann ich – und stand alsbald vor dem ersten Problem: Wann soll ich aufhören?
Früher behauptete ich gerne, daß es mir leicht fiele, eine komplette A4-Seite mit der Erläuterung des Umstands, daß ich nicht weiß, worüber ich schreiben soll, zu befüllen. Demenstprechend sah ich nicht die übliche Sorge [„Worüber soll ich denn seitenlang schreiben?“] auf mich zurasen, sondern die Unsicherheit bezüglich des geeigneten Aufhörzeitpunktes. Gestern beschrieb ich zwei A4-Blätter, kariert, zweizeilig, beidseitig. Dann kaufte ich mir eine Art Notizbüchlein, A5, kariert, und beschrieb heute fast fünf Seiten, ebenfalls zweizeilig.
Eine Recherche ergab, daß man drei Seiten beschreiben möge. Möglichst handschriftlich. Aber nirgendwo steht, wie groß die Blätter sein sollen oder wie weit die Linien auseinander. Spielt wohl keine Rolle. Daher wird es wohl von geringer Tragik sein, daß ich – mit Unwissenheit behaftet – etwas mehr niederschrieb als erforderlich.
Morning Pages stellen eine Art Kreativitätstechnik dar, eine Fingerübung für das Schreiben an sich, aber auch eine Möglichkeit, Ideen zu finden, ohne sie wirklich zu suchen. Das Geschriebene soll möglichst aus dem Bauch heraus kommen – ein Grund, warum ich mich trotz hieroglyphenartigem Schriftbild für Notizblock und Kugelschreiber entschied.
Angeblich wird man zunächst damit beginnen, die eigene Müdigkeit oder das Hungergefühl zu bemängeln, das sich während des Schreibens bemerkbar macht, und dann erst allmählich zu Innerem finden, zu Worten, die man gehört und noch nicht verarbeitet hat, zu Gedanken, die längst auf der Lauer lagen oder neu durch den Schädel schwirren.
Ich übersprang den ersten Schritt. Über Müdigkeit schrieb ich nur auf der Metaebene, nämlich indem ich erwähnte, daß ich nicht beabsichtigte, über Müdigkeit zu schreiben. Und bereits heute, am zweiten Tag der Morning Pages [Ich muß mir dringend einen anderen Namen einfallen lassen, zum einen, weil ich die Deutsche Sprache favorisiere, und zum anderen, weil ich ständig geneigt bin, die Kakelei als „Mourning Pages“ zu bezeichnen…] wurde mir bewußt, daß dieses Geschreibe nichts wirklich Innovatives birgt. Ich schreibe Tagebuch, wie ich früher bereits Tagebuch schrieb [Ich war nie einer von jenen, die über das Wetter oder Tagesereignisse schrieben, sondern befaßte mich vorwiegend mit meinen eigenen Gedanken und Ansichten zu Erlebtem und Erdachtem…]. Mehr nicht.
Aus irgendeinem Grund hatte ich erwartet, es würde anders sein, ich würde zu anderen Ansichten gelangen, neue Einfälle würden mir durch das Hirn sprudeln und der Tag würde mit Lösungen beginnen, nicht mit Problemen. Doch ich schreibe über Sorgen, hinterfrage mich, suche Antworten – die ich jedoch wiederum nur mit Fragzeichen bestückt ausformulieren kann. Ich schreibe über das Tagebuch an sich, über meine Erwartungen und Erfahrungen.
Ich hatte von mir selbst mehr Tiefe erwartet, glaube ich.
Die Erwartungshaltung ist natürlich illusorisch. Von niemandem darf verlangt werden, noch vor dem Aufstehen die Probleme der Welt gelöst und sich zu kreativen Höheflügen aufgeschwungen zu haben. Hinzu kommt, daß ich erst zwei Tage lang schreibe, daß also die weitere Entwicklung dieses Journals [Ein besseres Wort!] überhaupt nicht absehbar ist.
Vielleicht werde ich über Träume schreiben, die mich über Nacht fanden, vielleicht kleine Geschichten, die mich amüsieren, vielleicht werde ich Anekdoten des gestrigen Tages erwähnen, vielleicht…
Insgeheim ersehne ich den Tag, an dem ich erst einmal den gesamten Seelenmüll heruntergeschrieben haben werde, an dem ich mich zu wiederholen beginne, wenn ich schon wieder denselben Gedanken nachjage. Denn dann bin ich bereit für den nächsten Schritt, hoffe ich – wie auch immer dieser Schritt aussehen wird.
Tatsächlich scheint der Inhalt des Geschriebenen aber keine große Bedeutung zu haben, und es wird geraten, daß Menschen, die ihre Niederschrift nicht von anderen gelesen wissen möchten, erst schreiben, dann zerreißen sollen. Mir jedoch ist der Inhalt wichtig; auch wenn ich nicht weiß, für wen ich schreibe, möchte ich doch nicht nutzlos vor mich hinschwafeln. Selbst wenn es niemandem anderen etwas bringen wird: Mir selbst mögen die Morning Pages nützen. Nicht nur, um meine Schreibfertigkeiten zu entwickeln, sondern auch, um mich der Inhalte zu erfreuen.
Das führt zur nächsten Frage: Für wen schreibe ich? Diese Frage ist nahezu unbeantwortbar. Im Augenblick störte ich mich nicht an fremden Blicken in meinem Geschriebsel. Doch es wird der Tag kommen, an dem das Niedergeschriebene anderen vorenthalten werden möge, weil selbiges doch eine Spur zu persönlich, zu leicht mißbrauchbar, ist. Vielleicht entschied ich mich auch deswegen für die handgeschriebene Variante – obwohl Getipptes [falls Brauchbares dabei herausspringt] natürlich leichter von mir selbst weiterzuverwerten wäre. Denn vor Handgeschriebenem schreckt die Neugierde anderer doch oft genug noch zurück, und auch meine Unschön-Schreibschrift hat abschreckenden Charakter.
Für wen schreibe ich also? Für ein zukünftiges Ich? Für das heutige Ich, das Freude am Schreiben findet, das es liebt, mit Worten zu spielen und die Gedanken durch Niederschrift zu ordnen? Für Nachfahren, die mit den Memoiren des semiberühmten Comiczeichners, viel Geld zu erwirtschaften gedenken? Für zukünftige Texte, die aus der Krakelei in die Morning Pages entstehen könnten? Ich weiß es nicht, doch gefällt mir diese Unwissenheit.
Denn jedes präzisere Ziel, jedes potentielle Publikum schränkt ein, läßt den Fluß stocken. Ich will nicht darüber nachdenken müssen, was ich schreibe, und ob das Geschriebene irgendwem zusagt. Das Morgendliche Journal soll frei sein von Zwängen – abgesehen natürlich von dem, aufzustehen und loszuschreiben. Selbst die Seitenanzahl soll keinen Zwang darstellen: Drei A5-Seiten sind schnell bekritzelt, alles Übrige ist optional. Und sollten keine erheiternden Geschichten, keine amüsanten Anekdoten, keine tiefsinnigen Gedanken, keine absurden Träume, keine Weltverbesserungsvorschläge und keine Selbstmotivationstexte die Seiten füllen, sondern nur ewig gleiches, uninteressantes, belangloses Geschwafel, so werde ich doch nicht aufhören, mich nicht zu einer Thematik zwingen.
Das „Aus-Dem-Bauch-Heraus“ hat oberste Priorität.
Und eines ist tatsächlich festzustellen. Das morgendliche Schreiben erfreut. Nicht nur, weil das schreibende Hinübergleiten ins Erwachen ein sehr angenehmes ist, nicht nur, weil die Niederschrift die Gedanken ordnet und das Gefühl vermittelt, den Tag mit einer gewissen Struktur, mit einer Sinnhaftigkeit, zu beginnen, sondern auch, weil ich nach mehreren Sätzen plötzlich den Drang verspüre, etwas zu schaffen, etwas zu leisten, den Tag zu nutzen. Gleichzeitig weiß ich nach befüllten dreiodermehr Seiten, daß ich schon etwas geschafft, erledigt habe, daß ich noch nicht einmal richtig erwachte und bereits etwas vollbrachte.
Allein dafür lohnt es sich, die Morning Pages, die sicherlich nichts Weltbewegendes, nichts Atemberaubend-Besonderes, nichts Innovatives, darstellen, weiterzuführen und mich jeden Morgen erneut mit meinem Schreiben zu erfreuen…
[Im Hintergrund: Meat Loaf – „Bat Out of Hell III – The Monster Is Loose“]
Auf der Seite der Guten
Eigentlich ist es einfach:
Ich bin eine große Firma, erfinde etwas Ungutes, das jeden ärgert, sich aber irgendwie dennoch durchsetzt. Wenn allmählich die kritischen Stimmen leiser werden und sich Gewöhnung breit macht, dann setze ich mich mit einer anderen Firma zusammen, die derzeit mit positivem Öffentlichkeitsbild behaftet ist, beschließe spontan, meine Ungut-Erfindung zu reduzieren – gegen Aufpreis natürlich. Ich werde kein Wort des Bedauerns äußern, sondern das zu bezahlende Weglassen des eigentlich Unnötigen als etwas völlig Neues präsentieren.
Und dann werde ich als Held, als Vorreiter einer neuen Ära, gefeiert, lobgepriesen und bewundert ob meines Freiheit vorantreibenden Schaffens. Plötzlich stehe ich nicht nur im öffentlichen, verkaufsfördernden Gesprächsmittelpunkt, sondern auch auf der Seite der Guten – und kann ruhigen Gewissens auf frisch gestopften Geldsäcken einschlafen…
Zu verbotenem Gruße
Wenn ich mich mit Freunden und Bekannten zu einer Gruppe sammelte, um die rechten Hände zu verbotenem Gruße gen Himmel zu strecken und lauthals „Sieg Heil!“ zu rufen – hätten wir dann heilende Hände…?
Balkonien
„Ich hätte gerne eine Wohnung mit Erker.“
„Mit Erkan?“
„Und mit Balkan!“
Meine Black-Sabbath-Frisur
„Deine Haare sind paranoid.“
„…?“
„Total gespalten.“