Plötzlich berühmt

Wenn ich nichts zu tun, die entsprechenden Geld- und Zeitreserven im Gepäck und ausreichend viele Verbindungen [„connections“] hätte, würde ich gerne etwas total Verrücktes tun, etwas, mit dem mein Antlitz plötzlich in allen verfügbaren Medien vertreten und mein Name bei google die Sucherergebnisllisten unzähliger Wörter anführen würde.

Das jedoch ist wahrlich nicht einfach. Irgendwo in den Vereinigten Staaten bastelt ein Mann 25.000 Glühbirnen zusammen, kombiniert sie mit weihnachtlicher Musik, die er mit einem UKW-Sender auf vorbeifahrende Autos strahlt, und sorgt mit seinem überfestlich beleuchteten, im Takt blinkenden Haus für mediale Begeisterung und abstrus hohe Downloadraten seiner Heim-Videos.

Das nachzumachen ist mir allerdings viel zu aufwendig, muß ich gestehen. Am einfachsten wäre es wohl, Unmengen von Geld zu besitzen und für einen Tag einen beliebten Radiosender zu kaufen. Dort würde ich dann Ende November zwei Tage lang nichts weiter spielen als Wham mit „Last Christmas“ in Dauerrotation, immer wieder unterbrochen durch Sprüche wie „Ich liiiiiiiebe diesen Song!“, „Der Weihnachtsklassiker schlechthin.“, „Fröhliche Weihnachten. Hohoho!“ oder „Es ist erstaunlich, daß ein Lied, das mit Weihnachten absolut nichts zu tun hat – wenn man davon absieht, daß der Herzensbruch ausgerechnet an diesem Datum erfolgte – jedes Jahr erneut rauf und runter gespielt wird.“ Vielleicht würde ich aber auch die Sprüche weglassen. Die stören schließlich die schöne Musik.
Nach ein paar Tagen würde ich dann den Radiosender wieder verkaufen und mir von dem Geld einen der Sender einheimsen, zu dem mittlerweile alle Radiohörenden geflüchtet sind. „Last Christmas“ in Dauerrotation hielt ich an dieser Stelle für eine akzeptable Programmverschönerung.

Problematisch dabei ist nicht nur, daß die Leute mich nicht hassen werden, weil sie mich gar nicht kennen. Sie werden nur in den nächsten Jahren, wenn wieder einmal „Last Christmas“ aus den Radioboxen dudelt, sich erinnern:
„Weißt du noch, als 2005 nichts anderes kam als Wham?“
„Ja, seitdem liiiiiiiiebe ich diesen Song.“
Doch das Medium Radio hat den Nachteil, daß das eigene Gesicht nicht auftaucht. Und wie sollen mich die Leute auf der Straße ansprechen und nach Autogrammen oder Wham-CDs fragen [oder mit alten Autoradios auf mich werfen], wenn sie gar nicht wissen, wer ich bin?

Fernsehen bietet demnach mehr Möglichkeiten; allerdings nur Sendungen mit Millionenpublikum. „Wetten dass…“ wäre eine gute Möglichkeit, sich selbst berühmt und unvergeßlich zu machen, Leider sind Herrn Gottschalks Gäste oft bereits bekannt genug, um sich zum einen bei ihm anbiedern zu müssen, weil ja das eigene Image nicht beschädigt werden darf, und um zum andern darauf verzichten zu können, mit irgendwelchen Albernheiten Millionen Blicke auf sich zu ziehen [was nicht heißt, daß sie nicht trotzdem sinnlosen Albrnheiten vor der Kamera frönen würden].

Trotzdem wäre es nett, wäre ich beispielsweise als Gast eingeladen, die Antwort auf jede aus Herrn Gottschalks unaufhörlich plapperndem Mund entrinnende Frage mit den Worten einzuleiten: „Ich verachte ihre Sendung zwar, aber…“. Allerdings haftet dieser Aktion etwas Weltverbesserndes an, eine Maßnahme gegen die medialen Selbstbeweihräucherungslobhudeleien oder so. Besser wäre etwas absolut Dummes, Nutzloses.

Beispielsweise könnte ich mich mit einer Wette in die Sendung einschleichen, daß ich imstande sei, die oben liegenden, zufällig erwürfelten Augenzahlen von zehn Würfeln ohne Tasten oder Raten und mit verbundenen Augen zu erkennen. Im Augenblick des Wettbeginns würde ein guter Freund im Publikum einen epileptischen Anfall vortäuschen, Herrn Gottschaltk und einen Teil des Publikums ablenken, während ich, ohne auf die zahlreichen, auf mich gerichteten Kameras zu achten, mit absolut übertriebener Unauffälligkeit [unschuldiges Pfeifen ist dabei nicht unwichtig] entweder die blickdichte Brille abnehme und mir die Augenzahlen merke oder einfach präparierte Würfel mit mir bekannten Augenzahlen aus meiner Tasche ziehe und die anderen in selbiger verschwinden lasse.
Wenn dann jemand empört „Der betrügt ja!“ schreit, werde ich bis zuletzt alles abstreiten und eloquent mit einem „Neeeeiiiin, ihr seid alle doof.“ kontern.

Ich gebe zu, der Plan muß noch einmal überarrbeitet werden, ist noch nicht extrem genug. Aber ein guter Ansatz, denke ich.

Ein Millionenpublikum ist schwer zu erreichen. Denn entweder muß man in irgendetwas überirdisch gut sein oder etwas Überdämliches machen, beispielsweise vor laufender Kamera seinen Schniedelwutz mit Benzin übergießen und anzünden. Oder man braucht irgendwelche Deppen, die einen hochpushen, obgleich man selbst nichts vermag. Ich weiß nicht, ob ich in irgendetwas überirdisch gut bin, bezweifle es aber. Mich mit brachialer Dummheit zu befassen, mag ich allerdings auch nicht, insbesondere, wenn es schmerzt. Und leider gibt es auch schon viel zu viele hochgepushte Nichtskönner in den Medien, sp daß ich, würde ich ähnlich an die Oberfläche medialer Aufmerksamkeit gelangen, gar nicht auffiele, sondern nur einer von unzähligen Tokio Hotels wäre.

Es ist nicht einfach, plötzlich berühmt zu werden, stelle ich fest. Und irgendwie will ich es auch nicht mehr.

[Im Hintergrund: Graveworm – „Fear Of The Dark“]