FFFfF: In den Sommermonaten

Natürlich werden dringende Notwendigkeiten erst im letzten Moment erledigt. Daher bin ich noch wach und kann schon den neuen Comic veröffentlichen.
Das Projekt „Morast zeichnet mehrere Comics täglich, um seinem Urlaub vorzugreifen“ (kurz: MzmCtusUv) ist noch immer in Arbeit, vermag aber schon erste Minimalerfolge aufweisen. Ich bin diesbezüglich guter Hoffnung.
Sollte mir aber aus irgendeinem Grund nicht gelingen, ausreichend Material vorzuarbeiten, werde ich die hhelenden Werke anschließend mit Sicherheit nachliefern. Der tägliche Comic wird also ein solcher bleiben, selbst wenn es an täglicher Veröffentlichung mangeln sollte.
Doch im Moment ist vieles gut, also besteht kein Grund zu Sorge.

Und so.


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P.S: Ja, ich bin mir dessen bewußt, daß die letzten beiden Comictitel nicht unbedingt kreativitätsintensiv waren.
P.P.S: Nein, die Parallie der beiden Titel war nicht beabsichtigt.

[Im Hintergrund: Agathodaimon – „Serpent’s Embrace“]

Jenseits von Marlboro-Country

Ich habe noch nie geraucht. Noch nicht einmal an einer Zigarette gezogen. Zumindest nicht an einer echten. Aber Schokoloaden- und Kaugummizigaretten zählen nicht.

Mein Vater war starker Raucher und sehr darauf erpicht, daß wir, seine Kinder, niemals „mit diesem Scheiß“ anfangen würden. Obgleich Jugendliche dazu neigen, den Vorgaben der Eltern entgegenzuwirken, rebellierte ich diesbezüglich nie. Ja, ich verspürte noch nicht einmal einen Drang zur Rebellion. In meinen Augen wirkte man nicht cool oder lässig, sondern nur dumm, wenn man als Jugendlicher mit Zigarette im Mund herumlief. Rauchende in meinem Alter, egal ob 12 oder 17, waren für mich damals der Inbegriff dessen, was ich heute „pseudo“ nennen würde: Menschen, die versuchen, mit sinnlosem und nicht durchdachtem Gebaren, einen bestimmten, für mich fragwürdigen, Status zu erreichen.
Ich wollte cool sein, klar – doch das Rauchen gehörte niemals zum angestrebten Coolness-Bild.

Ich war überrascht, als eine Freundin mit dem Rauchen begann – weil es ihre Freundinnen taten. Sie notierte sich Nikotin- und Kondensat-Werte aller verfügbaren Marken in ein kleines Heftchen und rauchte die Sorte mit den niedrigsten zahlen. Irgendwann hörte sie auf, und ich war stolz auf sie. In gleichem Maße war ich enttäuscht, als sie wieder anfing.

Einmal verstand ich, warum Menschen rauchen. Ich träumte mich mit Zigarette im Mund und fühlte mich losgelöst von den üblichen Negativ-Gefühlen, die das Rauchen betrafen. Und ich verspürte mehr: Ich begriff, was es heißt zu rauchen, warum Menschen motiviert sind, sich glimmende Pflanzenreste in den Mund zu stopfen und dessen Abgase zu inhalieren.
Dann wachte ich auf, und das Wissen verschwand. Nur eine Ahnung blieb zurück, die Ahnung, daß ich einst wußte, was Rauchen bedeutet.

Gelegenheit anzufangen gab es genug. Doch ich hatte keinen Bedarf. Ich sah nicht, was der Zigarettenkonsum mir Positives bringen konnte und ließ es. Außerdem hatte ich genug andere schlechte Angewohnheiten – ein Blick auf meine Fingernägel bewies dies -, die nicht durch weitere ergänzt werden brauchten.

Ich habe bis heute Menschen nicht verstanden, die rauchen. Natürlich sehe ich, daß es ihnen Freude bringt oder daß Raucher untereinander viel schneller ins Gespräch kommen können. Die Frage nach Feuer oder einer Zigarette oder nach einer gemeinsamen Raucherpause genügt, um soziale Kontakte zu knüpfen. In einer Kneipe oder Diskothek steht ein Raucher niemals mit leeren Händen da, ist irgendwie beschäftigt und sei es nur mit dreckiger Luft.

Ich begreife Raucher so wenig, daß ich niemals daran denken würde, in meiner Wohnung einen Platz zu schaffen, an dem Gäste rauchen können. Eine fünfstündige Autofahrt würde ich vermutlich absolvieren, ohne an die armen Raucher auf der Rückbank zu denken, die irgendwann zu betteln beginnen.

Bis heute sehe ich keinen Grund, mit dem Rauchen zu beginnen. Die erwähnten Kontaktvorteile kann ich verschmerzen. In Streßsituationen gibt es genügend Möglichkeiten, mich zu beschäftigen, ohne daß es einer Zigarette bedarf. Auch nach dem Sex. Langeweile ist mir fern. Das Warten an Haltestellen überbrücke ich mit Beobachtungen, mit Zeichnungen, mit Musik, mit Büchern – oder einfach mit Warten.

Es gab eine Zeit, da trug ich zuweilen Streichhölzer oder Feuerzeuge mit mir herum; nicht, weil ich zündeln wollte, sondern nur, um bereit zu sein, falls irgendwer irgrendwann mich nach Feuer fragt. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals feuergebend nutzvoll gewesen zu sein und weiß nur, daß ich diese Eigenart irgendwann eingestellt haben muß. Ich besitze heute mehrere Feuerzeuge – die meisten sind Geschenke von Marlboro -, doch weiß nicht, ob auch nur eines von ihnen wirklich funktioniert. Irgendwo liegen Streichholzschachteln herum, um Kerzen zu entzünden, doch ich bin mir nicht sicher, ob sie noch befüllt sind.

Mein Freund G rauchte früher. Als ich nach Magdeburg kam, war eine der ersten Lokationen, die wir aufsuchten, das Alex, ein Schuppen, in dem es damals wohl die Baguettes besonders toll waren, auch wenn vorwiegend Prollvolk sich dort aufhielt.
Eine Marlboro-Werbetante trat an unseren Tisch, und mir wurden Zeichen gegeben, ich solle die Frage, ob ich Raucher sei, bejahen. Ich sagte „Ja.“ und erhielt neben einem Kugelschreiber auch eine Schachtel Marlboro, die ich sofort an den erfreuten G weitergab. Anscheinend hinterließ ich der Marlboro-Tante auch meine Adresse, denn in jedem Sommer bekomme ich ein Feuerzeug oder eine Tube Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 40 zugeschickt. Ich freue mich darüber, obwohl ich niemals Marlboro rauchen werde.

Mit einem anderen Freund in anderer Lokalität wollte ich das Spielchen wiederholen. Eine Davidoff-Tante trat an unseren Tisch und fragte. Ich bejahte, und sogleich erhielten wir jeder eine Schachtel Zigaretten – und eine einzelne, zum Sofortrauchen. Ich erstarrte. Rauchen? Ich hatte noch nie an einer Zigarette gezogen und bestimmt nicht vor, hier und jetzt damit anzufangen!
In jenem Augenblick kam mein Essen. Ich entschuldigte mich bei der Davidoff-Tante, legte die Zigarette beiseite und aß. Die Zigarettenschachtel trug ich mehrere Tage mit mir herum, bis ich in Halle von einem der üblichen Bettelnden angesprochen wurden: Ob ich nicht mal eine Zigarette hätte. Ich verschenkte die Schachtel und erntete ein Gesicht voller Verwunderung.

G hörte irgendwann mit Rauchen auf. Einfach so. Ich staunte und konnte – mit gewissem Stolz – anderen von ihm berichten, dem es gelungen war, sich der Sucht ohne Schwierigkeiten zu entziehen. Als seine Freundin sich von G trennte, fing er wieder an. G raucht bis heute, doch wenn ihm das Geld fehlt, läßt er es sein. Tagelang. Ich frage nach dem Grund, warum er es nötig hat, trotzdem weiterzurauchen, und er weicht mir aus. Vielleicht weil es keine Antwort gibt.

Wenn ich Menschen erzähle, daß ich noch nie an einer Zigarette zog, dann ernte ich zuweilen ungläubige Blicke. Immer jedoch höre ich davon, daß das gut sei, obwohl ich erwartete, für „uncool“ oder ähnliches gehalten zu werden.
Doch Nichtrauchen ist nicht „uncool“, war es vielleicht noch nie. Nichtrauchen wird erst „uncool“, wenn man es offensiv betreibt, andere von seinen Ansichten überzeugen will, künstlich hustet, wenn in der Nähe jemand eine Zigarette entzündet.

Ich mag keinen Qualm, hasse es gar, in großer Hitze verrauchte Luft atmen zu müssen, bloß weil der Fußgänger vor mir mit Zigarette unterwegs sein möchte. Und kalter Rauch in Kleidungen ist ohnehin abscheulich. Doch ich enthalte mich irgendwelcher echauffierten Belehrungen. Unter Freunden lasse ich hin und wieder eine spitze Bemerkung fallen oder erwähne mit ironischem Unterton, daß Rauchen die Gesundheit gefährdet. Zu abgestumpft jedoch sind sie gegenüber kritischen Worten, um dem hinter dem Witz steckenden Ernst auch nur geringste Beachtung zu zollen.

Auf der Straße entdecke ich Menschen, die sich plötzlich eine Zigarette entzünden. Natürlich kann ich nicht in deren Inneres blicken, sehe nicht den Wunsch nach zigarettistischer Gemütlichkeit, der plötzlich erwacht, oder die Sucht ihr Recht verlangen. Und doch versuche ich die Motivation zu erhaschen, die hinter dem Entzünden der Zigarette steht. Warum ausgerechnet jetzt, wo niemand – außer mir – dieser Person zusieht? Warum jetzt und nicht zehn Schritte zuvor?
Es gibt keinen offensichtlichen Grund, und es ärgert mich, daß ich das Rauchen nicht zu begreifen vermag.

Rauchen ist sinnlos. Das ist keine Belehrung, keine vom Bundesministerium für Gesundheit propagandierte Weisheit, sondern nur eine Feststellung, die ich für mich traf. Ich sehe mich außerstande, im Rauchen einen Sinn zu finden. Doch meine Neugierde ist bei weitem nicht groß genug, um selbst probieren, „mal ziehen“, zu wollen, nicht groß genug, um tatsächlich Teil zu werden. Außenstehend fröne ich meiner Neugierde, nicht auf den Geschmack, nicht auf das Rauchen an sich, sondern auf das, was dahinter steckt, auf die Motivation.

Vermutlich werde ich sterben, ohne „es“ erfahren zu haben, ohne zu wissen, was es bedeutet zu rauchen.

Ich sehe mich als Opa in einem abgewetzten Sessel sitzen und meinen Enkeln voller Stolz davon berichten, daß ich niemals das Interesse verspürte zu rauchen, daß ich niemals an einer Zigarette zog – und daß ich diese Entscheidung niemals bereute.
„Jaja“, werden meine Enkel dann maulen, „das hast du uns schon Hundert Mal erzählt.“ Und dann werden sie gehen und sich eine Zigarette anzünden.

FFFfF: Der kleine Käfer

Den heutigen Comic mag ich sehr gern. Ich wollte schon lange mal so etwas machen, doch fehlte mir immer die Idee. Ich gebe zu, daß der Grundgedanke des Krakelns nicht neu ist; dennoch paßt das hier alles ganz gut.
Auf jeden Fall muß ich immer wieder schmunzeln.

Dies ist übrigens der erste Comic, der als Endergebnis zum größten Teil aus Bleistiftlinien besteht.

Und so.


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FFFfF: Das beste Mittel

Nun habe ich es also geschafft: Mein Vorsprung, mein Puffer, ist mal wieder aufgebraucht. Mit dem heutigen Tage.
Ja, gut, ich habe noch Zeit, bis der Tag zuende ist, unzählige Comics zu zeichnen. Dennoch bin ich von mir selber enttäuscht. Aber nur ein bißchen.

Und so.


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[Im Hintergrund: Riger – „Gjallar“]

Zeichnungen

Ich zeichne.

In Anbetracht dessen, daß ich einen täglichen Comic veröffentliche, kann ich sogar mit gutem Recht behaupten, häufig zu zeichnen. Es fällt mir dabei leicht zuzugeben, daß die erwähnten Comics nicht das NonPlusUltra darstellen, auch inhaltlich, aber insbesondere meine zeichnerischen Fähigkeiten betreffend.
Doch dahinter steckt Absicht. Ich weiß, daß ich zu mehr imstande bin, als Kugeln zu Figuren zu türmen und ihnen Kulleraugen zu verpassen. [Allerdings kann ich nicht umhin zuzugeben, daß ich Kulleraugenfiguren liebe.]

Ich zeichne nicht nur häufig, sondern auch gerne. Vermutlich geht das miteinander einher.
Jedoch fällt es mir schwer zu beurteilen, ob ich auch gut zeichne.

Zeichnen bedeutet für mich die Suche nach der richtigen Linie. In meinem Kopf befindet sich ein Bild, und häufig bin ich nicht imstande, es nachzuzeichnen. Ich probiere, gehe ich Kompromisse ein, wandle Fehler zu Beabsichtigtem und sehe dahinter noch immer, was es eigentlich werden sollte. Zuweilen gelingt es mir, durch Zufall etwas besseres als das Gedachte zu schaffen. Doch selbst dann kann ich nicht stolz sein, ist es doch nicht mein Werk, sondern nur eine freundliche Fügung, daß mein Stift die richtigere Linie fand.

Hinzu kommt der ewige Drang nach Perfektionismus. Selbst eine gelungene Zeichnung enthält noch Unmengen an Fehlern, die für mich unübersehbar entstellend wirken. Doch das Laienauge sieht nicht, erkennt nicht das Detail, nur das Gesamtwerk und erachtet es für gut. Oder für gut genug. Oder vergleicht es mit den eigenen Fähigkeiten und kommt zu dem Schluß, daß es gut sein muß, weil man selbst nicht imstande wäre, Ähnliches zu schaffen.

Doch derlei überzeugt mich nicht. Ich kann nicht sagen, was genau ich hören möchte, wie die richtige Kritik aussieht, jene, die mich anspricht, doch bezweifle, daß es mir hilft – so arrogant es klingt – mit Schlechterem verglichen zu werden.
Es gibt Menschen, die kein Blatt vor den Mund nehmen und mir sagen, was mißfällt, die an meine Zeichnungen gewöhnt sind und ersehen können, daß hier und dort etwas nicht stimmt. Manchmal freue ich mich, das zu hören, fühle mich bestätigt, wiegle ab, sage „Ich weiß…“ und belasse es dabei. Nicht selten jedoch fühle ich mich angegriffen, über mein Werk verletzt, als hätte jemand einen Teil meiner Existenz in Frage gestellt. Ein großes, empörtes „Aber…“ liegt auf meinen Lippen, bevor es mir gelungen ist, die Kritik überhaupt zu überdenken.

Meistens schweige ich, und Stunden später, in ruhiger Minute kommen mir die kritisierenden Argumente in den Kopf. Nun endlich kann ich antworten, abwägen, zustimmen oder ablehnen. Es ist zu spät, das weiß ich, doch die Kritik ging nicht an mir vorbei.
Und wieder sehe ich meine Grenzen: Zu diesem oder jenem bin ich überhaupt nicht imstande. Die Kritik ist berechtigt und unberechtigt zu gleich.

Meine Grenzen. Zu oft stoße ich auf sie, wenn ich versuche, Linien zu zeichnen, Perspektiven aus meinen Gedanken nachzuahmen. Einst träumte ich, wie man ein bestimmtes Bild zu zeichnen habe, konnte dem zeichenstift folgen, mir jedes Detail in Ruhe betrachten. Ich wußte plötzlich.
Als ich erwachte, entschwand das Wissen, das Bild, hinterließ nur Leere.

Ich habe aufgehört, meine Grenzen zu beachten. Wenn ich eine Zeichnung anfertigen soll, eine Beschreibung erhalte, kann ich bereits erahnen, wie ich das Werk beginnen werde, sehe bereits die Skizze in mir. Und ich erahne, was machbar ist, wozu ich imstande sein werde.
Längst jedoch habe ich aufgehört, Einhalt zu gebieten, wenn ich glaube, nicht fähig zu sein, wenn ich merke, daß mein Können überschritten wird. „Ich werde es versuchen..“, antworte ich dann lächelnd und beschwichtigend und frage mich, ob es gelingen wird, mich zu erweitern, mich zu überbieten.

Das Ergebnis überzeugt mich nur in den seltensten Fällen. Selbst wenn alles in orndung zu sein scheint, selbst wenn der Auftraggeber zu Lob bereits ist, weiß ich, was besser hätte sein müssen, wo meine Schwachstellen liegen, daß ich die zeichnung vermutlich überarbeiten sollte, bestünde nicht die Gefahr, alle bereits gefundenen Linien wieder zu verlieren.
Das Endwerk ist ein Komromiß, und der fehlende Perfektionismus betrübt mich.

Mittlerweile darf ich eine Bezahlung verlangen. Ich weiß nicht, was ich wert bin, was meine Linien wert sind, doch ich darf mich hinstellen und darauf warten, daß ein fertiger Auftrag belohnt wird.
„Du kannst etwas, das niemand anderes kann. Verlange entsprechend.“, wird mir gesagt, und ich nicke nur.

Ich bin nichts Besonderes, denke ich, kann nichts Besonderes. Ich glaube zu wissen, daß hinter den meisten meiner Zeichnungen weniger Talent als Übung steht. Mit ausreichend Geduld und Anleitung gelänge es sicherlich, nicht minder fähige Zeichner zu kreiieren.

Natürlich kann ich nicht abstreiten, über einen eigenen Stil zu verfügen. Ich bin erfreut, wenn jemand Zeichnungen von mir erkennt, ohne daß ich sie sonderlich kennzeichnete, ohne daß sie mit mir in verbindung zu stehen scheinen, wenn ich darauf angesprochen werde.
Doch was ist ein eigener Stil wert?
Was ist eine Zeichnung wert?

Als ich einer Firma mitteilen sollte, wieviel ich für meine Zeichnungen verlange, erdachte ich mir eine Stundenlohnzahl, die ich nett fand. Sie war, meiner Ansicht nach, maßlos übertrieben, bedachte ich, was ich als Kaufhallenaushilfe für schwere körperliche Arbeit bekommen hatte und wieviel Vergnügen dagegen mir die zeichnerei bereitet.
Als ich jedoch mich bei Wissenden erkundigte, meinten sie, ich verlange zu wenig. Ich erhöhte die Zahl und kam mir wie ein Betrüger vor.

Einmal saß ich an einer Zeichnung zehn Minuten und durfte genug Geld verlangen, um mit einer 6-Stunden-Schicht in erwähnter Kaufhalle gleichzuziehen. Auf einen Stundenlohn hochgerechnet ergab sich eine Zahl, die mich den Schädel schütteln ließ.
Das konnte ich doch nicht dürfen.

„Verkauf dich nicht unter Wert.“
Ich schmunzle traurig über diesen Satz. Sicherlich, ich kann zeichnen. Nicht perfekt, aber ganz gut. Wahrscheinlich sogar gut genug, um ausreichend dafür bezahlt zu werden. Doch ich weiß nicht, was „ausreichend“ ist, wenn die Arbeit kaum Mühe bereit, ja Freude bringt. Ich weiß nicht, was „ausreichend“ ist, wenn ich jeden Fehler sehe, den ich hinterließ, jedes Detail, das vom Erdachten abweicht.

Ich weiß nicht, was ich wert bin. Es gibt Tausende besserer Zeichner. Überall. Sie verfügen über andere Fähigkeiten, über einen anderen Stil, einen anderen Humor. Doch was sind sie wert?

Es ist schwer, sich selbst einzuschätzen. Noch schwerer ist es jedoch, sich selbst, sein eigenes Schaffen in Zahlen, in Geldbeträgen, ausdrücken zu müssen. Bin ich gut genug?, frage ich mich immer wieder und finde keine Antwort.

Was kostet eine Linie?

FFFfF: Erfrischung

Es ist warm. Zeit für eine Erfrischung.

Dies ist übrigens der 290. Comic. Derartige runde Zahlen werfen immer Fragen auf. Eine davon könnte lauten: Was passiert bei der 300?
Nichts, vermute ich. Nun gut, es wird wie immer einen Comic geben. Aber ich weiß jetzt noch nicht, was in ihm geschehen wird. Oder ob es noch Feuerwerk und mit Schokoladensenf gefüllte Berlinerpfannkuchenkrapfen geben wird.
Ist vielleicht auch besser so.

Und so.


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[Im Hintergrund: Marilyn Manson – „Holywood – in the shadow of the valley of death“ — Ich weiß leider noch nicht, ob ich das jetzt hören möchte…]

Und dann war da noch …

… der Punker [„Wir sind viele und überall.“ stand auf seiner Weste und ließ mich darüber sinnieren, wie lahm dieser Spruch doch ist.], der mit seinem Billigmountainbike vor der Drogerie wendete, sich ein paar der draußen stehenden Pakete Küchenrollen bzw Klopapier schnappte und gemütlich davonradelte, beide Lenkerseiten mit Beute bestückt, ohne von irgendjemandem bemerkt zu werden.

… die Schwalbe, die sich erdreistete, in das Zehnquadratmeterzimmer meines Mitbewohners zu fliegen, sich im schmalen Spalt zwischen Bett und Fenster verirrte und erst mit einem übergeworfenen T-Shirt aus ihrer mißlichen Lage befreit und dem Himmel zurückgeschenkt werden konnte.

… das Minitaturinsektenvolk, das sich aus unerfindlichen Gründen [Das Fenster war offen, doch kein Locklicht leuchtete.] an der Zimmerdecke, direkt über meiner Matratze, angesiedelt hatte und von mir erst durch ein feines, aber penetrantes Sirren in meinem Ohr bemerkt wurde. Selbiges stammte allerdings von einer alsbald leblosen Mücke, die mit ihrem Ableben ein gutes Vorbild für das Fliegenvolk bildete, das ich mit einer Probepackung Axe-Deospray von meiner Decke vertrieb. Jedoch mußte ich, um selbst überleben zu können, das Zimmer für zehn Minuten verlassen und warten, bis sich der perverse Deo-Gestank verzogen hatte.

… die Straßenbahn, die sich wesentlich schneller als ich der Haltestelle näherte und mich dadurch beinahe verpaßte, hätte ich nicht meine FlipFlops in die Hand genommen und mich zu einem Barfuß-Sprint auf Beton bequemt, währenddessen ich plötzlich verwundert feststellte, eigentlich viel schneller laufen zu können und noch einmal beschleunigte. Als Ergebnis freuten sich meine Kleider über den hohen Schweißfluß und die Fahrtkartenkontrolleure über meinen fehlenden Studentenausweis und das somit fällige Bußgeld.

FFFfF: Anscheinend

Argh. Eiegtnlich wollte ich ja fleißig vorarbeiten. Aber irgendwie bin ich nicht dazu imstande. Nicht, weil ich nicht genug Ideen habe, sondern weil ich mich nicht zwei Mal am Tag hinsetzen, in die Stille hineinhorchen und den Kaspereien aus meinem Kopf lauschen kann. Zuviel gibt es, das mich unbedingt ablenken muß: Musik, Bücher, Arbeit … und sogar zuweilen Fußball.

Immerhin habe ich den morgigen Comic bereits fertig und den übermorgigen im Kopf. Wenn mir jetzt noch einer einfiele, so könnte ich das Halbfinalspiel heute Abend sinnvoll nutzen…

Und so.


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[Im Hintergrund: Soilwork]

Aktionismus

Die bedrückende Überlegung, zu einem Klischee mutiert zu sein, Zusehen-und-Meckern anstelle notwendigen Aktionismus‘, läßt in mir die Frage reifen, ob es notwendig ist, Dingen, die mir miß- oder auffallen, in Richtung Besserung nachzuhelfen, wenn sich trotz mehrmaliger Versuche anderer keine solche einstellt, und ob ich mich bei Nichttat hinter einer regionalen Zuständigkeitsmauer [„Darum brauch ich mich nicht kümmern. Gehört ja nicht mir. Irgendwer wird schon zuständig sein.“] verstecke, um aus meinem Schlupfwinkel heraus zusätzliche Beobachtungen durchzuführen und weiterhin Kritikworte zu formulieren. Die Alternative, ungehemmte Tat allen offensichtlich-fadenscheinigen Widrigkeiten zum Trotz, lockt natürlich nicht; Arbeit steckt in ihr und die Gefahr, beim Einrennen der Zuständigkeitsmauer irgendjemandem Mauersteine vor dessen Revierdenken zu schleudern und entsprechenden Unmut zu erwirken. Und dann die allseits beliebte „Ich kann mich doch nicht um alles kümmern.“-Formulierung auf dein eigenen Lippen zu finden und sich zu fragen, ob sie nicht auch auf den Lippen anderer, bisher mit Mißtrauen Betrachteter Klischeeverkörperer liegt. Die Alternative zwischen Tun und Nichtstun liegt eindeutig im Nichtstun, denn die Überlegung, welche Aktivität wohl die geeignete sei, führt zur Inaktivität, hinter der zu verstecken sich lohnt. Vermutlich sollte ich, um künftiger Untätigkeitskritik aus dem Weg zu gehen, meine amüsierten Beobachtungsbeschreibungen einstellen und die Augen verschließen vor dem, was niemand sehen will. Und wieder ein Klischee: Anstatt mehr Energie in Analysen als in Maßnahmen zu stopfen einer gesunden Portion Nichtsehen zu frönen, in trauter Zweisamkeit mit der Zuständigkeitsmauer. Vielleicht jedoch ist es notwendig, eben jene Mauer einzurennen, den ersten Stein und weitere zu werfen, auf daß ansteckender Aktionismus die Welt befülle und statt blinder Ignoranz oder lästerndem Gejammer die Umgebungsungutheiten bereinigt werden mögen. Als gutes Beispiel voranzueilen, um durch sichtbare Tat einem positiven Schneeballeffekt zu frönen und zuschauen zu dürfen, wie die Welle des Gutmenschentum die Vorgärten und Kleinkriegsschauplätze überrollt und eine Art Minimalparadies auf Erden kreiert. Doch gute Vorbilder ziehen selten Nachahmer mit sich. Einzig Bewunderer werden kreiert – und jene, die auch im Gutmensch-Sein Negativkritikpotential finden und sich meckernd hinter ihrer persönlichen Zuständigkeitsmauer verbergen. Aktionismus erwartet Belohnung; allein die Tat ist nicht Ruhm genug. Denn allein die Tat gebärt Fragen nach dem Warum [nicht zuletzt betreffend die Zerstörung der eigenen Zuständigkeitsmauer] und die kommende Verantwortung, die Tat wiederholen zu müssen, die eigenen Schultern mit künftiger Verantwortung beladen zu haben, die einst irgendwem anders gehörte. Mit der Last des Müssens bestückt jedoch fehlt dem Aktionismus jeder Reiz; Normalität, nein: Pflicht, wird, was vorher freiwillige Anteilnahme war, bis die Last zur Totalträgheit mutiert und jede Tat blockiert. Das eigene Gutmenschtum schweigt, weil es nach dem Wandel zur Normalität längst keines mehr ist, und schaut desinteressiert zu, wenn der unfreiwillig auferlegten Pflicht alsbald nur unzureichend nachgegangen wird und letztlich das verkümmert, was eigentlich gerettet werden sollte. Doch an der nächsten Ecke wartet schon der nächste Enthusiast darauf, die eigene Zuständigkeitsmauer einzurennen und das Verkümmernde zu bewahren, Aktionismus zu verbreiten und mit der eigenen Gutmenschaktivität den gängigen Klischees zu entfliehen und allen anderen ein leuchtendes, initiierendes Vorbild zu sein…

[Es lebe die Kryptik.]
[Im Hintergrund: Die Apokalyptischen Reiter]