Wie man einen Brief verschickt

Es erwies sich als äußerst unbequem, auf einer mit Geld gefüllten Hosentasche zu sitzen. Nach einem Bäckerbesuch hatte ich das Wechselgeld, ein Fünf-Euro-Schein und diverse Münzen, unbedacht einfach in den üblicherweise als „Arschtasche“ bezeichneten Teil meiner Hose gestopft und saß nun drachengleich auf meinem Miniaturschatz. Jedoch schon nach kurzer Zeit befreite ich mich von dem unförmigen Metall- und Papierhaufen und saß – immerhin noch fürstlich – im Chefsessel, während der Drachenschatz auf meinem Schreibtisch liegend eines neuen Drachen harrte.

18.34 Uhr realisierte ich, über noch exakt 26 Minuten Zeit zu verfügen, um zur Hauptpost zu gelangen und dort einen bedeutsamen Briefumschlag in Obhut zu geben. Ich klaubte Schlüssel und Musikabspielgerät vom Regal, stopfte den Umschlag in meinen Rucksack, eilte die Treppen hinunter, schwang mich auf mein Rad und radelte mit hoher Geschwindigkeit, mich den üppigen Windböen widersetzend, zur Post. Beim Absteigen entdeckte ich ein bekanntes aber nicht gemochtes Gesicht, dessen Besitzer ebenfalls in Begriff war, von seinem Rad zu steigen, und machte mir einen Spaß daraus, das „Vom-Rad-Absteigen-Es-Gegen-Den-Bauzaun-Lehnen-Und-Ordnungsgemäß-Abschließen“-Wettrennen zu gewinnen.

Ich reihte mich in die Schlange der am Postschalter Wartenden und freute mich über die acht Minuten, die mir noch bis zur Filialschließung verblieben waren. Plötzlich fiel es mir ein: Das Geld! Es lag noch immer auf dem Schreibtisch! Und mein Portemonaie war ansonsten nahezu leer!

„Scheiße!“, murmelte ich, reihte mich wieder aus, untersuchte den Inhalt meiner Geldbörse, doch fand nur ein paar 5-Cent-Stücke. Da die Post keine EC-Karten zu akzeptieren pflegte, mußte ich mich zwischen den zwei mir bekannten, in relativer Nähe liegenden Sparkassengeldautomaten zu entscheiden. Als die Wahl zugunsten des links von mir, im Allee-Center befindlichen ausgefallen war, hatte ich bereits das Rad vom Schloß befreit und saß im Sattel.

Ich hatte keine Uhr um, und mein Handy herauszukramen, hätte zuviel Zeit in Anspruch genommen. Also konnte ich nur hoffen, daß mir eine ausreichend große Minutenanzahl geblieben war, um rechtzeitig zurückkehren zu können. Ich sprintete, spürte den Schweiß auf meinem Rücken, sprang vom Rad und schloß es an. Nicht richtig, nur so, daß es den Anschein erweckte, angeschlossen zu sein. Die Sekunden, die mir für das Aufschließen erspart sein würden, würde ich bestimmt gebrauchen können.

Ich stürmte ins Allee-Center, durch die Menschenmassen, wich den Einkaufenden aus, nutzte jede Kleinstlücke, um schneller voranzukommen, stand plötzlich vor dem Automaten, stopfte die EC-Karte hinein, hämmerte meine Geheimnummer in die Tasten.
Normalerweise hebe ich immer 30 Euro ein, ein Betrag, den ich gesondert einzutippen habe. Heute wollte ich eine Ausnahme machen, gleich 50 Euro wählen und so wertvolle Zeit sparen.
Ich drückte daneben, erwischte den 200 Euro-Knopf, ärgerte mich kurz, daß es bei derart hohen Beträgen keine gesonderte Abfrage gab, zuckte mit den Schultern, verstaute Geld und Karte, rannte durch das Allee-Center zurück, darauf achtend, auf dem glänzenden Boden nicht auszurutschen, riß das Schloß vom Fahrrad, sprintete zur Post zurück, sprang ab und warf das Schloß ins Radgestänge. Die wenigen Stufen zur Eingangstür nahm ich mit einmal. Atemlos kam ich an, wartete ungeduldig darauf, daß der Lichtschrankensensor mich bemerkte, mir die Tür öffnete.

Doch nichts geschah. Ich trat einen Schritt zurück, wieder vor. Nichts geschah. Ich winkte dem Sensor zu. Nichts. Ich blickte durch die Glastür und erkannte geschäftig wirkende Postfrauen, die bereits ihre Schalter verlassen hatten und sich anderen Arbeiten als der Kundenabfertigung widmeten. Ich war zu spät.

Das konnte nicht sein! Alle Uhren, die ich auf dem Weg zur Post gesehen hatte, waren der Meinung gewesen, daß mir noch zwei Minuten zur Verfügung gestanden hatten. Und selbst jetzt, als ich keuchend vor der unbeweglichen Tür stand, meinte mein Handy, daß ich noch eine Minute Zeit hätte, bis die Filiale ihre Pforten schlösse.

Ich hatte nicht einmal mehr genügend Luft, um zu fluchen, geschweige denn, um mich lautstark zu empören, stand nur herum, unwissend, was nun mit mir anzufangen sei. Allmählich sammelte ich mich, ging nach draußen.

Der Briefmarkenautomat! Mit ihm könnte ich den bedeutsamen Brief zwar nicht per Einschreiben versenden, aber immerhin wäre es mir durch ihn möglich, überhaupt etwas zu versenden. Heute noch. Schließlich zeigten die herumhängenden Briefkästen an, daß die „Nachtleerung“ gegen 20.30 Uhr erfolgen würde. Mit etwas Glück würde der Brief vielleicht doch schon am morgigen Tag ankommen.

Ich schöpfte wieder Hoffnung. Mich beruhigend holte ich das Portemonaie hervor. Natürlich besaß ich kein Münzgeld, nur Scheine, die der Automat nicht akzeptierte. Mist.
Außerdem hatte ich keine Ahnung, was mein Brief denn kosten würde.

Ich betätigte den Knopf „Porto-Info“ am Briefmarkenautomaten; dort würde ich zumindest dieses Problem lösen können.
Zunächst mußte ich das Briefformat wählen; immerhin kannte ich ungefähr die Maße eines C4-Umschlags und war imstande, das richtige auszuwählen. Doch schon die nächste Frage ließ mich rätseln: Wie dick war mein Brief? Weniger als ein Zentimeter? Vielleicht. Wenn man ihn zusammendrückte. Ich war mir nicht sicher. 1 bis 2 Zentimeter? Könnte sein… Ich entschied mich dafür.
Als nächstes begehrte der Automat zu erfahren, wieviel mein Brief denn wog. Ich spürte erneut die Wut in mir aufkochen. Ich stand nur vor diesem dämlichen Automaten, weil die Post nicht bis zur letzten Minute aufgeblieben war und hatte bestimmt nicht die Zeit gehabt, den Brief auf der Küchenwaage auszumessen! Ganz abgesehen davon, daß ich überhaupt keine Küchenwaage besitze! Und Grammwerte zu schätzen, bin ich keineswegs imstande.

Ich entschied mich für „unter 500 Gramm“, sollte 1,45 Euro zahlen, drückte „zurück“, wählte „500 bis 1000[?] Gramm“, sollte nun 2,20 Euro zahlen. Na gut, seufzte ich und überlegte.
Lohnte es sich, zu einer naheliegenden Kneipe zu radeln, dort einen Geldschein wechseln zu lassen, zurückzufahren und dem Markenautomat das fällige Porto zu entlocken, wenn ich doch dabei auf das eigentlich gewünschte Einschreiben verzichten mußte und noch nicht einmal genau wußte, welche Briefmarke den Umschlag zieren mußte und auch nicht geklärt war, ob die vermeintliche Nachtleerung ein Ankommen des Briefes am morgigen Tag ermöglichen würde?
Oder erklärte ich alle Hetzerei für vergebens, ergab mich meinem Schicksal und kam am folgenden Tag – rechtzeitig, diesmal – zurück?

In der nächstgelegenen Kneipe wurde ich verdächtigt, das gewechselte Geld für Zigaretten zu benötigen. ‚Haha!‘, dachte ich und erklärte, daß der Briefmarkenautomat keine Geldscheine akzeptieren würde. Und nicht nur das: Kaum war ich zurück am Automaten, entdeckte ich in der rechten oberen Bildschirmecke eine kleine Meldung, daß der Automat sich jeder Art von Bargeld verweigerte. Einzig die Geldkarte sei als Bezahlungsmittel zulässig. Selbst wenn meine EC-Karte einen solchen überflüssigen Geldkartenchip besessen hätte, wäre ich vermutlich nicht zurück zur Sparkasse geradelt, um diesen aufzuladen.

Glücklicherweise existierte im Postfoyer ein zweiter Briefmarkenautomat, einer, der sogar mein mühsam erworbenes Kleingeld zu akzeptieren bereit war, inklusive der 5-Cent-Stücke, die noch in meinem Portemonaie verweilten. Ich konnte die vermutlich erforderlichen 2,20 Euro tatsächlich passend zahlen und brauchte mich nicht über eine 80-Cent-Briefmarke als Wechselgeld ärgern.

Ich ging wieder ins Freie, begab mich zum Briefkasten, holte den Umschlag aus dem Rucksack und beklebte ihn mit meiner neuen Briefmarke. Stolz betrachtete ich mein Werk und schickte mich an, den Brief in den dafür vorgesehenen Schlitz zu werfen.
Doch dieser war zu klein! Mein Umschlag, mein Maxi-Brief [so lautete die Porto-Info-Bezeichnung des Markenautomaten], war zu groß, zu breit, für den schmalen Einfwurfschacht!

Bei dem Briefkasten handelte es sich um ein historisches Exemplar, das zwar gelb war, sich aber ansonsten äußerlich von „normalen“ Briefkästen komplett unterschied. Denn damals, als man ihn erbaute, hatte man darauf Wert gelegt, das Äußere des gelben Kastens an den gotischen Bau der Post anzupassen. Damals, so schien es, war es nicht üblich gewesen, Briefe größerer Ausmaße zu befördern, so daß der Briefkasten keines, für C4-Umschläge geeigneten Einwurfschachtes bedurfte.

Ich seufzte und sah mich um. Nur wenige Meter entfernt entdeckte ich einen modernen Briefkasten, auf den ich zusteuerte, den Brief wie eine drohende Waffe vor mich haltend. Der Briefkasten ergab sich: Sein Schlitz war breit genug, um meinen Umschlag zu fassen.
Lächelnd blickte ich in das Dunkel des Kastens, in dem soeben mein bedeutsamer Brief verschwunden war, und atmete auf.

‚Mission erfüllt.‘, dachte ich erleichtert und radelte gemächlich nach Hause.

[Im Hintergrund: Blind Guardian – „A Twist In The Myth“ — Ich bin begeistert!]

6 Gedanken zu „Wie man einen Brief verschickt“

  1. stinkt!
    Und so…
    Danke für die kurzweilige und amüsante Beschreibung eines doch eigentlich banalen und alltäglichen Vorgangs 😀

  2. Wie…deine Post hat erst 3 Minuten vor offiziellem Öffnungszeitende zu gemacht? Glückspilz…bei uns schließen sie manchmal schon 20 Minuten vorher die Türen…Ex-Beamte…schrecklich…

  3. REPLY:
    Da das nicht das erste Mal ist, daß ich einen Brief auf den letzten Drücker verschicken wollte, kann ich soogar sagen, daß die Post sonst stets bis zu letzten Minute geöffnet hatte – und ich noch immer freundlich bedient wurde.

  4. Als Krönung der Sache fehlt ja jetzt nur noch, dass der Brief in ein paar Tagen in deinem Briefkasten liegt. Mit einem gelben Zettelchen drauf, dass das Porto nicht stimmt und dass du noch Nachporto draufpeppen musst…
    Toll geschrieben, ich musste so lachen…

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