Mörder

„Geht es dir gut?“, fragte ich leise. Die Frage erübrigte sich selbstverständlich. Die Maus war tot, und selbst wenn sie noch gelebt hätte, hätte sie vermutlich nicht geantwortet. Dennoch, ungeachtet der Unsinnigkeit meines Tuns, ungeachtet dessen, dass ich mit einem äußerst zweidimensionalen und äußerst leblosen Nagetier sprach, fragte ich noch einmal „Geht es dir gut?“.
Die noch immer tote Maus zog es vor, weiterhin zu schweigen, und eine Träne kroch meine Wange hinab. „Ich werde dich rächen!“, schluchzte ich. „Ich werde den Übeltäter finden und zur Strecke bringen!“ Ich hatte sie nicht gekannt, die Maus, die ihr kleines, wertvolles Leben auf dem Asphalt ausgehaucht hatte, doch ich war nicht länger bereit wegzusehen, nicht länger willens, derartiges weiterhin geschehen zu lassen.
„Ich werde dich rächen!“, stieß ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und stand auf. Der Baseballschläger schmiegte sich angenehm an meine Handfläche. Ich sah mich um. Die Straße war voller Autos, und unter ihnen gab es einen Mörder.
‚Nur eine Frage der zeit, bis ich dich finde.‘, dachte ich wütend, schwang den Baseballschläger und begann mein Werk.

Ein Wildschwein!

„Ich hätte gern ein Wildschwein!“, rief Elvira und nahm sich eine weitere Lakritzstange. Elvira hasste Lakritzstangen, und so war es nicht verwunderlich, dass sie angewidert auf die Süßigkeit in ihrer Hand blickte und diese dann – für ein achtjähriges Mädchen erstaunlich kraftvoll – aus dem Fenster warf.
„Das war bereits die fünfte.“, dokumentierte ich milde.
„Lakritzstangen sind Iiieh!“, meinte Elvira und hatte Recht. Lakritzstangen waren eklig. Eklig genug, um immer wieder welche zu kaufen und sie anschließend angewidert wegzuwerfen. Das hatten sie nun davon, diese widerlichen Dinger!
„Ein Wildschwein!“, wiederholte Elvira und ihre Stimme nahm einen quengelnden Tonfall an.
„Was willst du denn mit einem Wildschwein?“, fragte ich sanft. „Die sind doch immer so … wild.“ Ein schlagkräftigeres Argument gegen ein Wildschweinhaustier fiel mir auf die Schnelle nicht ein.
„Von wegen ‚wild‘.“, meinte Elvira. „Meerschweine sind ja auch nicht ‚mehr‘, sondern eigentlich ziemlich klein. Also ‚weniger‘.“
„Meerschweine heißen Meerschweine wegen des Meeres.“, erklärte ich.
„Aber Meerschweine sind kein Meer. Sie sind noch nicht einmal nass!“, rief Elvira. „Also sind Wildschweine auch nicht wild!“
„Aber Meerschweine können nass werden…“, konterte ich schwach, doch Elvira unterbrach mich sofort.
„Nur, wenn jemand sie nass spritzt. Und das ist Tierquälerei!“
„Oder wenn sie sich bepullern.“
Elvira stutzte. „Wenn sie sich bepullern?“
„Ja, wenn sie sich bepullern, werden Meerschweine nass. Also ‚meerig‘.“
„Du meinst also“, fragte Elvira zögerlich, „dass Meerschweine manchmal meerig sind?“
„Ja.“, antwortete ich und führte den Gedanken fort, bevor sie widersprechen konnte. „Und wenn Meerschweine meerig sein können, können Wildschweine auch wild sein.“
„Wenn sie sich bepullern?“, meinte Elvira.
„Wenn sie sich bepullern.“, sagte ich nickend und warf eine Lakritzstange aus dem Fenster.

Fiffi

„Fiffi!“, rief das Herrchen. „Fiffi, komm her!“

‚Fiffi!’, dachte Fiffi und schnaubte leise. ‚Wie blöd muss man eigentlich sein, um einen ausgewachsenen Tyrannosaurus Rex „Fiffi“ zu nennen? Und warum muss man sich überhaupt einen Dinosaurier als Haustier halten? Und ihn dann noch mit einem derart lächerlichen Namen strafen…?’

Fiffi war wütend. Seit mehreren Minuten versuchte das Herrchen mit penetranter Geduld, ihn zu dressieren, ihn, den König der Dinosaurier, zu erziehen, als wäre er ein rosa Schoßhündchen.

‚Dem zeig ich’s!’, dachte Fiffi und stapfte schnaubend auf das Herrchen zu. ‚Den werd ich fressen!’

‚Fiffi!’, rief das Herrchen noch einmal, doch dann lachte er. ‚Fiffi!, dachte er, ‚Was für ein bescheuerter Name für einen Regenwurm!’ Vergnügt steckte er die Hände in die Manteltaschen und ging nach Hause.

Ohne Termin

Ich hatte keinen Termin, brauchte allerdings auch keinen. Alles, was ich von meiner Hausärztin wollte, war eine Überweisung. Und die wollte ich noch nicht einmal von meiner Hausärztin, sondern von der im Empfangsbereich sitzenden Schwester, der Sprechstundenhilfe, die nun mal das Bürokratische abzuwickeln und die zahlreichen 10-Euro-Scheine in Empfang zu nehmen pflegte. Ich hatte keinen Termin, denn für das Ausstellen einer Überweisung, deren Aufwandsmaximum beim arztseitigen Unterschreiben liegt, benötigt man keinen Termin. Dennoch war es noch früher Morgen, als ich bei der Arztpraxis vorfuhr. Man konnte ja nie wissen.

Und tatsächlich: Es begann bereits. Die ältere Dame, an der ich eben noch vorbeigefahren war, nutzte die Zeit, die ich zum Anschließen meines Fahrrads brauchte, um mit einer für Trippelschritte erstaunlich hohen Geschwindigkeit an mir vorbeizueilen und kraftvoll, fast triumphierend, den Arztpraxis-Klingelknopf zu betätigen. Daraufhin geschah nichts – außer dass die Frau an der Klinke rüttelte, fest entschlossen, die Tür notfalls aus den Angeln zu reißen, wenn sie sich nicht freiwillig ergab. In meinem Kopf flehte die Tür bereits um Erbarmen, als die Omi abließ und mit großer Wucht ein zweites Mal auf den Klingelknopf drückte. Ein Moment der Stille. Nichts passierte. Erneutes Rütteln. Die Tür ging auf.

Ohne den Mann, der auf seinem Weg nach draußen die Tür geöffnet hatte, die Gelegenheit zu geben, ins Freie zu treten, sauste die Omi an ihm vorbei und auf die Arztpraxis zu. Die Verblüffung des Türöffners hielt lange genug an, dass auch ich vorbeiflitzen konnte, und so befand ich mich wenige Augenblicke später in der Arztpraxis, murmelte ein „Morgen.“ in die Runde, das mit gleichartiger Euphorie zurückgenuschelt wurde: „Mrgn.“

Meine Vordrängler-Omi, der ich mittlerweile wachsende Sympathien entgegenbrachte, klammerte sich bereits an den Tresen. Das Sprechstundenhilfe-Vorzimmer war nicht besetzt, doch würde es sicherlich jeden Moment werden. Und dann war es wichtig, die eigene Position gesichert zu wissen.

Es klingelte. Die Sprechstundenhilfe ließ sich nicht blicken und ohne zu zögern oder sich um die fragwürdige Rechtmäßigkeit ihres Tuns zu kümmern, betätigte die ältere Dame den Tür-Öffnungs-Knopf. Ich schaute wohl fragend, denn sie sah zu mir auf und sagte: „Das habe ich schon öfter gemacht.“ Ich glaubte Stolz aus ihren Augen blitzen zu sehen und lächelte ihr zu.
Als es ein weiteres Mal klingelte und sie ein weiteres Mal auf den entsprechenden Knopf drückte, hielt ich es bereits für normal.

Nach einer Weile des Wartens trat die Sprechstundenhilfe ein und betätigte sie zunächst den Türöffner. Unnötigerweise zwar, aber es war schön, dass sie überhaupt reagierte. Die ältere Frau erklärte ihr Anliegen, zeigte Zettel und Karten vor, und ich sah und hörte weg. Es fällt schwer, diskret zu sein, wenn man weniger als einen halben Meter hinter jemandem steht, doch ich versuchte mein Möglichstes.

Bevor die Sprechstundenhilfe die Omi auffordern konnte, im Wartezimmer Platz zu nehmen, war sie bereits davongeeilt und hatte einen Stuhl besetzt. Ich grinste, wandte mich der Sprechstundenhilfe zu und berichtete von meinem Wunsch nach einer Überweisung. Hinter mir warteten mittlerweile sechs oder sieben Menschen, und ich freute mich darüber, so zeitig eingetroffen zu sein. Außerdem freute ich mich darüber, ihnen einen Gefallen tun zu können, indem ich möglichst wenig Aufwand verursachte. Ungefragt hatte ich nämlich sowohl Chipkarte als auch einen Zehn-Euro-Schein aus meiner Tasche geangelt und auf dem Tresen platziert. Und nur wenige Augenblicke später war der Überweisungsschein ausgedruckt, und die Karte verweilte zusammen mit einer Quittung wieder in meiner Tasche.

‚Dann kann ich ja gehen.’, dachte ich und wollte mich bereits bedanken, als die Sprechstundenhilfe meinte: „Die Frau Doktor muss noch unterschreiben. Nehmen Sie doch solange im Wartezimmer Platz.“

Ich seufzte. Hätte ich Wartezeiten eingeplant, wäre ich mit einem Buch angerückt. Kurz überlegte ich, ob ich mir den Spiegel greifen sollte, der zwischen Bild-Zeitungen und Klatschzeitschriften noch ertragbar schien, doch entschied mich dagegen. Sicher würde ich nur wenige Minuten warten, da bedurfte es keines Börsencrashobamamccainypsilanti-Artikels, um Zeit zu vernichten. Ich setzte mich und versuchte, mir einen Comic auszudenken.

„Wollen Sie?“, wurde ich von links gefragt und erkannte sogleich meine sympathische Vordränglerin. Sie reichte mir den Sportteil ihrer Bild-Zeitung. „Nein, danke.“, antwortete ich lächelnd, jede Bemerkung über die Ekelhaftigkeit ihrer Lektüre vermeidend. Ihr anbietender Arm wich nicht. „Ich hab’s nicht so mit Sport. Und außerdem dauert’s bei mir sowieso nur ein paar Augenblicke. Das lohnt sich gar nicht.“
„Ach so.“, meinte sie und steckte den Papiermüll weg. „Ich dachte nur, weil ihr jungen Männer doch …“

Ich konnte mich nicht entscheiden. Waren ihre Sympathiewerte nun gesunken, weil sie – wie offensichtlich alle anderen Wartenden – Bild las, oder sollte ich sie aufgrund ihrer Freundlichkeit noch mehr mögen? Ich entschied mich für letzteres und dachte wieder an meinen Comic.

Gerade, als sich mir gegenüber eine Frau niederlies und mich verblüffte, indem sie ein Buch aufschlug, trat die Ärztin ins Wartezimmer. „Herr Morast?“, fragte sie, den Überweisungsschein hoch haltend. Ich stand auf, nahm ihr den gewünschten Zettel ab, bedankte mich und ging.

Eine Elefantengeschichte (mit Happy End)

Der Elefant stand in Onkel Rudolfs Wohnzimmer und nieste. Er hatte sich erkältet, weil der Winter nahte und Onkel Rudolf dazu neigte, unbedingt bei offenem Fenster schlafen zu wollen. Außerdem war Onkel Rudolf vergesslich, und wenn er einmal ein Fenster geöffnet hatte, konnte man davon ausgehen, dass er vergessen würde, es wieder zu schließen.

‚Elefanten‘, dachte der Elefant, der keinen Namen besaß, weil Onkel Rudolf vergessen hatte, ihm einen zu schenken, ‚Elefanten leben normalerweise in wärmeren Gefilden.‘ Dann seufzte der Elefant und korrigierte die Rechtschreibfehler auf seinem Ohr.

Onkel Rudolfs Vergesslichkeit war nicht neu, hatte sich über die Jahre jedoch gesteigert. Bis ihm eines Tages eine geniale Idee kam: Elefanten besitzen angeblich ein gutes Gedächtnis. Wie wäre es, sich einen Elefanten ins Zimmer zu stellen, der sich an alles erinnert, was er selbst, also Onkel Rudolf, vergessen würde? Wie wäre es, das eigene Gedächtnis outzusourcen?

Gedacht, getan. Knapp zwei Wochen später stand ein wunderschöner afrikanischer Elefant in Rudolfs Wohnzimmer. Eigentlich hatte Onkel Rudolf ihn ins Arbeitszimmer stellen wollen, aber aus irgendeinem Grund war ihm das entfallen. Außerdem passte die graue Faltenhaut des Elefant gut zur lindgrünen Wohnzimmertapete.

Anfangs war alles gut. Onkel Rudolf sagte irgendetwas, und der Elefant merkte es sich. Onkel Rudolf bekam einen Arzttermin, der Elefant merkte ihn sich. Onkel Rudolf beschloss, am nächsten Morgen zeitig aufzustehen, und der Elefant … nun ja, ihr wisst Bescheid. Blöd war nur, dass Onkel Rudolf vergessen hatte, Elefantisch zu lernen. Genauer gesagt hatte er vergessen, dass Elefanten zwar Menschisch verstehen, aber nicht sprechen können. Also merkte sich der Elefant allerhand Sachen, gab sie aber nicht wieder preis.

„Der Elefant ist ja zu gar nicht nütze!“, schimpfte Onkel Rudolf, und der Elefant weinte. Onkel Rudolf war kein böser Mensch, und so entschuldigte er sich höflich beim Elefanten. „Dann benutze ich dich eben als Tafel. Genug Platz ist ja.“

Gesagt, getan. Onkel Rudolf nahm seinen Elefanthaut-Beschreibstift, den er zufälligerweise in seiner Hemdtasche fand, und begann, fortan seine Termine auf den Körper des Elefanten zu krakeln. Auf die Ohren, auf den dicken Po, ja sogar auf die Stoßzähne. ‚Das kitzelt!‘, dachte der Elefant vergnügt, wenn Onkel Rudolf wieder eine wichtige Notiz machte, und freute sich seines Daseins.

Eine Zeitlang ging alles gut. Der Elefant, der nicht nur Menschisch verstehen, sondern auch lesen konnte, stupste den vergesslichen Onkel Rudolf hin und wieder an und deutete mit seinem Rüssel auf irgendeine Stelle seines wuchtigen Körpers: „17 Uhr Zahnarzt“, „Elefantenfutter kaufen“ oder „Haare kämmen.“. Und – schwupps – erinnerte sich Onkel Rudolf und ging zum Zahnarzt, in den Elefantenfuttersupermarkt oder zum nächstbesten Haarekämmer.

Leider war Onkel Rudolf wirklich vergesslich. Es fing damit an, dass er vergaß, am Morgen die Fenster zu schließen. Als nächstes vergaß er, sich Dinge, die er nicht vergessen wollte, aufzuschreiben. Der Elefant half, so gut er kann, indem er sich einfach selbst beschrieb. Doch dann vergaß Onkel Rudolf, dass er einen Elefanten besaß. „Was machst du denn hier?“, fragte er, wenn er mal wieder gegen den im Wohnzimmer stehenden Elefanten rannte – und hatte im nächsten Augenblick sowohl seine Frage als auch den Elefanten vergessen.

Und so stand der vergessene, aber nicht vergessliche Elefant in Onkel Rudolfs Wohnzimmer und nieste. ‚So kann das nicht weitergehen!‘, dachte er. ‚Ich muss etwas unternehmen!‘ Er grübelte und grübelte, doch als Onkel Rudolf nach Hause kam, war ihm immer noch nichts eingefallen. Onkel Rudolf schien es eilig zu haben, denn wie ein Berserker stürmte er in die Wohnung, rannte in die Küche, dann ins Bad und anschließend ins Wohnzimmer. Genauer gesagt gegen den Elefanten. Noch genauer gesagt mitten in dessen dicken, nicht unbedingt wohlriechenden Po.

„Iiieh!“, empörte er sich, befreite sich vom Elefantenhinterteil und sah zum Elefanten auf. „Was machst du denn …“, begann er, doch zuckte dann mit den Schultern und lächelte. Der Elefant wunderte sich: Hatte Onkel Rudolf nicht eigentlich vergessen, wie man lächelte? Doch es gab noch mehr zu wundern, denn Onkel Rudolf meinte plötzlich: „Ich habe dir ja noch gar keinen Namen gegeben! Wie konnte ich nur?! Am besten, ich nenne dich Peter!“

Der Elefant trompeterte vor Vergnügen. Onkel Rudolf hatte offensichtlich völlig vergessen, dass er vergesslich war. Was für ein wundervoller Name! Was für ein wundervoller Tag!

Nicht sitzt mehr

Das Magdeburger Einkaufsparadies Allee-Center zelebriert derzeit sein zehnjähries Bestehen mit der Thematik „Casino“. Dazu wurden vorab Spielgutscheine verteilt, die jetzt eingelöst werden können. Die Gänge sind bevölkert mit Schauspielern, die wohl reich, schön und adelig sein sollen, überall gibt es Glücksräder, Spieltische, Automaten und Gewinnversprechungen. Als Glücksspielvermeider laufe ich mit von Herzen kommendem Desinteresse an dem ganzen Trubel vorbei. doch kann mich plötzlich eines Lächelns nicht erwehren: Denn ausgerechnet dort, wo sich bis vor kurzem eine Reihe von massierfähigen Sesseln befunden hatte, genau dort, wo sich Einkaufende Rast suchend niedergelassen und wo sie aufatmend pausiert hatten, genau dort befindet sich jetzt die Bank.

Rupert

Rupert lehnte sich zurück und schaltete das Radio an. Denn genau das war es, was er jetzt brauchte: Eine Tasse heißen Pfefferminztee und ein wenig entpannende Musik aus dem Äther.

Doch anstelle angenehmer Klänge vernahm Rupert nur die monotone Stimme des Nachrichtensprechers: „… dass Manfred S. imstande sei, allein mittels seines Zeigefingers UKW-Radioprogramme zu empfangen…“

„So ein Unsinn!“, empörte sich Rupert und schaltete seinen Daumen aus.

Ein älteres Ehepaar

An irgendeiner Haltestelle in Magdeburg sitzend warte ich auf die Straßenbahn. Angeblich verbringt man fünf Jahre seines Lebens allein mit Warten, und ich beschließe, mein Warten nicht als Warten, sondern als Lesen zu definieren. Ich sitze also lesend an irgendeiner Haltestelle in Magdeburg, als sich ein älteres Ehepaar zu mir gesellt. Sie unterhalten sich, beziehungsweise sie imitieren eine Unterhaltung, denn in Wirklichkeit lästern sie. Ich weiß nicht, um wen es geht, doch als eine dicke Frau an uns vorbeiläuft, deren Antlitz große Ähnlichkeiten mit dem Jabba the Hutts aufweist, schweigen sie kurz, lassen sie passieren, blicken ihr hinterher und reden dann weiter. Ich höre etwas von Scheidung und denke „Schhhhh…!“, denn ihr Versuch zu flüstern ist tatsächlich nur ein Versuch. Insbesondere der ältere Herr mit seiner tiefen Brummstimme scheint außerstande zu sein, dezibelarme Worte von sich zu geben, ist sich jedoch dessen nicht bewusst. Die dicke Frau verzieht das ohnehin verzogene Gesicht noch ein wenig mehr und geht wie zufällig noch ein paar Schritte weiter. Das ältere Ehepaar lässt sich nicht irritieren. Scheidung, jaja, Scheidung. Ja, die ist geschieden. Ich lese.

Zwar bin ich Freund des Straßenbahnfahrens, aber Haltestellen mag ich nicht. Ich mag nicht die stählernen Bänke, die niemals bequem und meistens zu kalt sind, mag nicht die rauchenden Mitwartenden, mag nicht, immer wieder aufzusehen, ob denn meine Bahn bereits eingetroffen ist. Diese Haltestelle ist besonders schlimm, denn ihr Blickfeld ist immens. Ohne große Schwierigkeiten kann ich eine Straßenbahn erkennen, wenn sie noch zwei Haltestellen von mir entfernt ist. Wenn ich also keine Straßenbahn sehe, heißt das, dass ich mich nicht nur ein bisschen, sondern noch eine geraume Weile zu gedulden habe. Das stört mich, und ich wehre mich gegen die Versuchung, hin und wieder die Gleise nach einer sich nähernden Bahn zu prüfen. Ich presse meine Blicke in mein Buch und versuche, die Außenwelt draußen zu lassen.

Als eine Bahn sich nähert, beginnt die Diskussion. „Die nützt uns nichts.“ „Nein, die biegt doch ab.“ „Nee, die fährt doch da lang.“ „Wir nehmen die nächste.“ „Die hier bringt uns ja gar nichts.“ Die beiden Rentner sind derselben Meinung, doch ihr Tonfall lässt das nicht erahnen. Gespannt erwarte ich eine Eskalation des „Streits“, aber als die Bahn unbestiegen davonfährt, schweigt das Paar. Schließlich ist auch die Jabba-Frau verschwunden. Der Mann setzt eine Miene auf, die zeigt, dass er sowieso die ganze Zeit Recht gehabt hat und dennoch großmütig die Meinung seiner Frau akzeptiert. Die Frau starrt in die Richtung, aus der die nächste Bahn kommen wird.

„Ist sie das?“, höre ich sie nach einer Weile fragen. „Ja. Nee.“, antwortet ihr Mann und versucht, die Straßenbahn in der Ferne zu orten. Der Himmel ist grau, und die Bahn ebenso. „Die erkennt man ja gar nicht.“, beschwert sich der Mann. „Normalerweise sind die hell.“, fällt die Frau in denselben Meckertonfall ein. „Bei dem Wetter sieht man die überhaupt nicht.“, ergänzt der Mann, und ich seufze innerlich.

Als die graue Straßenbahn an der Haltestelle einfährt, ist sie ziemlich gut sichtbar. Gut genug jedenfalls, um einzusteigen.

Die Welt war blau und lachte

Der folgende Text passt stilistisch in die Rubrik „Morning Pages“, formal allerdings nicht. Trotzdem.

Die Welt war blau und lachte.

Natürlich war die Welt nicht wirklich blau, doch ein kurzer Besuch in einem der unzähligen Souvenirläden hatte die Welt verändert. Felix grinste. Die Welt verändert. Wie das klang. Dabei hatte er sich nur eine Sonnenbrille besorgt. Eine billige Sonnenbrille mit blauen Gläsern. Weder sonderlich hübsch noch sonderlich nutzvoll. Und doch…

Felix lachte. Wenn Felix lachte, hatte es für ihn stets den Anschein, als hielte die Welt kurz inne. Als lachte sie mit ihm.
Die Welt war blau und lachte.

Felix stieg auf sein rostiges Damenrad und fuhr die Strandpromenade entlang. Es war Zeit gewesen, dachte er, während er durch blaue Gläser auf das blaue Meer blickte, den klaren, blauen Himmel betrachtete, während er sich zwischen den herumschlendernden Menschen hindurchschlängelte, als hätte er sein Lebtag dafür geübt. Hin und wieder schenkte man ihm einen verwunderten Blick, doch hier in der Touristenhochburg war man Absonderlichkeiten gewöhnt. Auch blaue Sonnenbrillen.

Felix fuhr weiter. Sein Fahrrad quietschte, doch er verschwendete keinen Gedanken an eine Reparatur. Er hatte ihn sich verdient, seinen Urlaub. Wen kümmerte da ein klappriges Fahrrad? Und überhaupt: Monochromatisch betrachtet waren die zahlreichen Rostflecken an Rahmen und Kette, an Lenker und Zahnrädern nur sonderbare Blüten blauer Merkwürdigkeit. Felix lachte erneut. Durch die Brille betrachtet wirkte die Welt in ihren Blauschattierungen noch fremder, noch neuer, noch vielseitiger als ohnehin schon. Wie angenehm es sein würde, in den nächsten Tagen, Wochen, durch die Straßen zu streifen und jedes noch so blaue Detail zu betrachten, neu zu entdecken. Blaue Menschen, blaue Häuser, blauer Sand.

Irgendwo erklangen Rufe. „Da ist er ja!“ Stimmen näherten sich. „Da, auf dem Damenrad!“
Felix sah sich um. Der Direktor!

Felix trat in die Pedale. Schneller, schneller! Sein klapperndes, quietschendes Rad raste durch die verschreckt beiseite springenden Menschengruppen. „Platz da!“ wollte er rufen, doch seinem Mund entsprangen nur unverständliche Laute. Die Sonnenbrille glitt von seinem unörmigen Schädel und zerbrach auf dem Asphalt. Felix schenkte ihr keine Beachtung. Die Welt war bunt, und Felix strampelte, als ginge es um sein Leben, trat in die Pedalen, brachte Meter für Meter zwischen sich und seine Verfolger.

Für einen Zirkusaffen war er ziemlich schnell.


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