Begegnungen 13: Fahrrad

Mitten auf dem Gehweg fand ich ein altes Damenrad. Ich hatte Mitleid und richtete es auf.
„Danke.“, sagte das Fahrrad leise, als ich es an den Wegesrand schob.
Es quietschte unerträglich laut, und schmerzverzerrt verzog ich das Gesicht.
„Deswegen kann mich keiner leiden.“, seufzte das Damenrad. „Weil ich so schrecklich quietsche.“
Ich nickte.
„Du musst einfach nur mal richtig geschmiert werden.“, schlug ich vor. „Dann klingst du wieder wie neu.“
Das Damenrad schüttelte mit dem Lenker. Es quietschte.
„Ich möchte nicht geschmiert werden. Ich will damit nichts zu tun haben.“
„Wieso?“, fragte ich neugierig.
„Ich wurde schon einmal bestochen.“, erklärte das Rad traurig. „Und danach hatte ich zwei platte Reifen.“
„Oje.“,meinte ich und streichelte sanft über den Fahrradsattel.
Die Vorderlampe flackerte vergnügt auf.
„Das gefällt dir wohl?“, fragte ich, und streichelte das Fahrrad weiter. Am Rahmen, am Gepäckträger, am Lenker, an den Reifen. Dann an den Gelenken, an den Achsen, an der Fahrradkette. Und immer wieder, wenn ich mir sicher war, dass das Fahrrad nicht hinsah, träufelte ich bisschen Fahrradfett auf meine Streichelhand und verteilte es gleichmäßig an den nötigen Stellen.
Die Fahrradlampen leuchteten vor Vergnügen. Offensichtlich war das Damenrad lange nicht mehr gestreichelt worden.
„Ich muss jetzt weiter.“, sagte ich nach einer Weile. „War schön, dich kennengelernt zu haben.“
„Danke.“, sagte das Damenrad und rollte mir verabschiedend ein paar Meter hinterher. Dass es nicht länger quietschte, bemerkte es erst später.

Begegnungen 12: Schmetterling

Unter einem Baum sah ich einen Schmetterling.
„Ein Schmetterling!“, rief ich vergnügt, denn zu so früher Stunde hatte ich bisher noch keinen Schmetterling gesehen.
Der Schmetterling flatterte kurz mit klitzekleinen weißen Flügelchen und ließ sich dann elegant auf einem taubedeckten Grashalm nieder.
„Guten Morgen, lieber Schmetterling.“, grüßte ich ihn fröhlich, und der Schmetterling antwortete. Seine Stimme war leise, sanft, wie ein Windhauch, und beinahe hätte ich sie überhört.
„Ich bin kein Schmetterling.“, flüsterte der Schmetterling so lautlos, wie es wahrscheinlich nur Schmetterlinge, so flüsternd, dass selbst das Wippen des Grashalms mehr Geräusch zu machen schien.
„Du bist kein Schmetterling?“, fragte ich, und der klitzekleine Schmetterling schüttelte sein winziges Köpfchen.
„‚Schmettern‘ ist so ein hartes, unfreundliches Wort.“, wisperte der Schmetterling, der keiner war.“‚Schmettern‘ klingt so gewaltvoll, so … unpassend.“
Ich blickte ihn verständnisvoll an.
„Ich mag Schmusen lieber als Schmettern.“, erklärte das Flügelwesen mit zerbrechlicher Stimme.
Ich lächelte, als ich verstand
„Dann bist du ein Schmusling?“ fragte ich.
Der Schmusling nickte und flatterte federleicht davon.

Begegnungen 11: Terrasse

Von meiner Terrasse vernahm ich ein leises Seufzen. Neugierig schaute ich hinaus. Auf einem der beiden Liegestühle lag ein wurzelkleiner Fluffelpinguin und schnarchte honigleise.
„Huch.“, entfuhr es mir.
„Huhu.“, sagte der Fluffelpinguin, doch schnarchte weiter.
„Du schläfst ja.“, sagte ich, zugegebenermaßen nicht unbedingt vor Intelligenz brillierend.
„Stimmt.“, meinte der Fluffelpinguin, und wie er so dalag, verspürte ich den Wunsch, sein flauschiges Federfell zu berühren.
„Kein Problem.“, sagte der Pinguin, der trotz geschlossener Augen mein Verlangen bemerkt hatte. „Wir Fluffelpinguine schlafen tief und fest.“
„Und ihr redet im Schlaf.“, stellte ich fest, während ich das Pinguinchen im Nacken kraulte und ihm einige herzerwärmende Gurrlaute entlockte.
„Stimmt.“, sagte der Pinguin und gurrte noch ein wenig lauter.
So verblieben wir eine Weile, hockend und liegend, streichelnd und gurrend, schmunzelnd und schlafend.
„Ich wusste gar nicht, dass Fluffelpinguine reden können.“, meinte ich ein paar Minuten später.
„Können wir auch nicht.“, sagte der Pinguin und lächelte. „Nur im Schlaf.“
„Ach so.“, sagte ich und streichelte weiter.

Begegnungen 10: Wiese

Während ich über die Wiese lief, vernahm ich plötzlich ein Geräusch. „Quakquak“, tönte es, leise und piepsig.
‚Ein Frosch!‘, dachte ich ‚Ein winziger Frosch!‘ und wollte bereits damit ebginnen, den winzigen Frosch zu suchen, auf dass ich ihn nicht versehentlich zertrete. Doch Frösche im gras zu finden, ist bekanntermaßen nahezu unmöglich; also gab ich auf, bevor ich überhaupt begonnen hatte.

„Quakquak.“, hörte ich, und diesmal war ich mir sicher, dass es kein Frosch war. ‚Eine Ente!‘, dachte ich, ‚Ein winziges Entlein!‘ Begeistert begann ich zu suchen. Eine Ente konnte ja wohl nicht so schwer zu finden sein – es sei denn natürlich, sie war grün und fröschförmig.

Ich suchte. Suchte. Suche. Fand nichts.

„Quak.“, vernahm ich plötzlich, direkt vor meinen Füßen, doch nirgends war eine Ente zu sehen.
Noch nicht einmal eine Feder sah ich. Nur eine winzige kleine Blume.

„Quak.“, sagte die Blume leise. „Quakquak.“

Ich beugte mich zu ihr hinab.
„Wieso quakst du denn?“, fragte ich die Blume.
„Weil ich ein Gänseblümchen bin.“, piepste die Blume.
„Ein Gänseblümchen?“, fragte ich erstaunt, und das Blümchen wippte bestätigend mit ihrem weißen Blütenkopf.
„Aber du klingst eher wie eine Ente.“, sagte ich vorsichtig, und das Gänseblümchen seufzte.
„Ich weiß.“, sagte es. „Doch ich habe keine Ahnung, was für ein Geräusch eine Gans macht.“
Ich dachte kurz nach.
„Ich weiß es auch nicht.“, gab ich zu.
Das Gänseblümchen nickte traurig.

Wir schwiegen, und ich versuchte, mich daran zu erinnern, ws für Geräusche Gänse von sich gaben.
„Ich glaube“, sagte ich nach einer Weile. „dass das Wichtigste an Gänsen nicht ihr Geschnatter ist.“
Das Gänseblümchen horchte auf.
„Das Wichtigste an Gänsen ist, dass sie weiß, weich und äußerst hübsch sind.“
Ich lächelte zum Blümchen hinab.
„Und DAS bist du.“, sagte ich und ging weiter.

Begegnungen 09: Hamster

An der U-Bahn-Haltestelle traf ich auf einen Goldhamster. Er fror ein bisschen, also setzte ich ihn ihn unaufgefordert in meine Jackentasche. Er schaute zunächst verdutzt, doch als immer mehr Wärme durch sein weiches Fell drang, schloß er zufrieden die Augen. „Danke.“, sagte er, und wenn Hamster lächeln könnten, hätte er es wohl getan.
„Gern geschehen.“, sagte ich und beließ den kleinen Nager in seinem genussvollen Schweigen.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragte er mich nach einer Weile, und ich nannte ihm meinen Namen.
„Und du?“
Der Hamster sah mich empört an. „Das sieht man doch!“
„Peter?“, fragte ich vorsichtig, doch der Hamster schüttelte mit dem Kopf.
„Sehe ich aus wie ein Peter?“
„Nein.“, gab ich zu. „Eher wie ein Fridolin.“
„Hihi.“, kicherte der kleine Goldhamster. „Knapp daneben.“
„Herrmann? Herrmann Hamster?“
„Nö.“
„Gustav? Gustav Goldhämsterchen?“
„Nö.“
„Joachim? Siegfried? Jens?“
„Nein, nein und nochmal nein.“, antwortete der Hamster und kicherte erneut. „Du denkst in eine völlig falsche Richtung. ich bin nämlich ein Mädchen!“
„Also Fabian?“
„Richtig.“, kicherte der Hamster, hüpfte aus meiner Jackentasche und lief in die U-Bahn.

Begegnungen 08: Narzisse

Gerade, als ich die Stufen zur S-Bahn-Haltestelle hinuntergehen, entdeckte ich eine Narzisse. Es war eine kleine Narzisse, nicht kümmerlich, nur in Anbetracht der winterlichen Temperaturen noch nicht zu voller Pracht entfaltet.
„Wie schön.“, rief ich aus, denn das trübe, allesverschlingende Grau, das diese Jahreszeit mit sich herumträgt, mochte ich schon seit Tagen nicht mehr.
„Eine Narzisse!“, rief ich aus und bewunderte das liebliche Grün des Stengels und das erwachende Gelb der noch verschlossenen Blüte.
Der Blütenkopf regte sich.
„Ich bin keine Narzisse!“, sagte die Narzisse, und ihre Stimme klang hell und fast süßlich.
„Nicht?“, fragte ich, zugegebenermaßen nicht sehr eloquent, und beugte mich zum dem kleinen Pflänzchen herunter.
„Nein. Ich bin keine Narzisse.“, sagte die Narzisse, die behauptete, keine zu sein.
„Aber du siehst so aus.“, entgegnete ich, meine mangelhaften floralen Kenntnisse zusammenkratzend.
„Mag sein.“, antwortete die Blume. „Doch Narziss war jene Sagengestalt, die sich beim Blick in einen Teich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Damit möchte ich nichts zu tun haben.“
„Aber was bist du dann?“, fragte ich die Narzisse, die sich weigerte, eine zu sein.
„Eine Osterglocke.“
„Sind Osterglocken nicht einfach nur gelbe Narzissen?“, fragte ich.
Die Pflanze schwieg.
„Ich bin eine Osterglocke.“, wiederholte sie dann, und hätte sie Füße besessen, so hätte sie vermutlich trotzig auf den Boden gestampft.
„Aber Ostern ist doch erst in fünf Wochen!“, meinte ich.
„Trotzdem.“, sagte sie und verschränkte die beiden zarten Blätter.
„Gut.“, gab ich nach. „Du bist eine Osterglocke.“
Die Narzisse, die eine Osterglocke war, nickte, und plötzlich vernahm ich ein leises Klingeln, wie von winzigen Glöckchen, die sanft und zärtlich den Frühling einläuteten.
„Du bist tatsächlich eine Osterglocke!“, rief ich erstaunt, und die Osterglocke nickte wieder, klingelte wieder.
„Wie schön!“, freute ich mich, und ging lächelnd davon.