Ich war gerade auf dem Weg zur S-Bahn, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung bemerkte. Ich schaute hin, doch sah nichts. Ein paar Schritte später glaubte ich erneut, eine Bewegung wahrzunehmen, diesmal vor mir. Ich sah genauer hin und entdeckte eine Nacktschnecke, die gerade hinter einer Hauswand verschwand.
„Hey!“, rief ich. Die Schnecke drehte sich um und richtete ihre Fühler auf mich.
„Ja?“, fragte sie.
Es war eine dicke, fast schon als riesig zu bezeichnende Nacktschnecke, deren helles Grau durchaus hübsch anzusehen war.
„Bist du gerade gerannt?“, fragte ich vorsichtig, denn ich war mir nicht sicher, was genau ich eigentlich gesehen hatte.
„Ich? Nö.“, antwortete die Nacktschnecke, doch Schnecken sind unglaublich schlechte Lügner, und ich durchschaute sie sofort. Außerdem war sie noch immer außer Atem.
„Du bist gar keine Nacktschnecke, oder?“, vermutete ich.
Die Nacktschnecke errötete. Ertappt!
„Ich bin eine Weinbergschnecke.“, erklärte die Nichtnacktschnecke. „Allerdings habe ich mein Haus vergessen.“
„Ui.“, sagte ich, denn obgleich ich sehr vergesslich bin, gelang es mir noch nie, mein Haus zu vergessen. Jedoch besitze ich auch keins.
„Und nun flitze ich gerade zurück, um mein Haus zu holen, bevor mich jemand sieht.“ Die Schnecke blickte an. „Ich will sozusagen nach Hause.“
Sie lächelte müde. Anscheinend hatte sie gerade einen Scherz gemacht.
„Ich muss jetzt los.“, sagte sie, und in Sekundenschnelle war sie viereinhalb Meter davongeeilt.
„Warte kurz!“, rief ich hinterher und sprintete zu ihr hin. „Sind Schnecken normalerweise nicht unglaublich langsam?“
Die Schnecke lachte, und zum ersten Mal klang sie tatsächlich fröhlich.
„Ja, sind wir.“, sagte sie, und bevor ich zwinkern konnte, war sie verschwunden.
Kategorie: begegnungen
Begegnungen 57: Blaumeise
Auf einem Ast saß eine Blaumeise und flötete ein Lied. Dieses kam mir seltsam bekannt vor, also blieb ich stehen und lauschte.
„Hey.“, sagte ich nach einer Weile. „Ist das nicht von Vivaldi?“
Die Blaumeise schüttelte mit dem Kopf und pfiff weiter, als hätte es meine Unterbrechung nie gegeben. Wunderschön klang es, und obgleich ich noch zu müde war, um zu lächeln, spürte ich, wie sich meine Mundwinkel auseinander bewegten und in meine Zähnen das Bedürfnis erwachte, fröhlich zwischen meinen Lippen hindurchzublitzen.
Ich lauschte andächtig, versank im ruhigen und zugleich fesselnden Takt des Meisenliedes und versuchte mich daran zu erinnern, warum mir dieses bezaubernde Musikstück so bekannt vorkam.
„Chopin?“, fragte ich nach anderthalb Minuten. „Ist das von Chopin?“
Die Meise schüttelte abermals mit dem Köpfchen und flötete weiter, fast noch süßer und traumhafter als zuvor. Chopin war falsch, erkannte nun auch ich, doch ich fühlte, dass ich nahe an der Lösung war.
„Schubert?“, fragte ich vorsichtig, und die Meise pfiff, als hätte ich nichts gesagt.
„Mozart?“
„Händel?“
Ich seufzte. Alles falsch.
Die Meise tirillierte ihr Lied und ich hörte zu. Wunderschön klang es, und ich hätte mich in den Tönen verloren, wenn da nicht diese bohrende Frage gewesen wäre.
Ich begann wahllos Namen aufzuzählen:
„Beethoven? Bach? Haydn? Telemann? Wagner? Mendelssohn? Berlioz? Tschaikowski? Rachmaninov? Liszt? Brahms?“
Die Meise schüttelte fröhlich ihr winziges Köpfchen und fuhr fort, die Welt mit erquickenden Klang zu streicheln.
Mich durchzuckte ein Gedanke.
„Scooter?“, fragte ich. „Ist das Werk von Scooter?“
Die Blaumeise grinste und flog davon
Begegnungen 56: Regenwurm
Ich lief gerade an der Bushaltestelle vorbei, als ich einen Regenwurm entdeckte. Er hatte sich soeben aus der Erde herausgearbeitet und sah mich nun fragend an.
„Entschuldigen Sie.“, begann er, und seine Stimme klang erstaunlich brummbärig und unregenwurmig. „Können Sie mir sagen, wann es regnet?“
Ich schaute auf meinen Arm. Seit Jahren trug ich keine Armbanduhr mehr, doch die Gewohnheit war geblieben und hatte letztlich dazu geführt, dass ich mir manchmal die Armbehaarung zu Uhrenzeigern modellierte, um mich an die guten alten Zeiten zu erinnern.
Dann schaute ich in den Himmel. Die Sonne schien, und weit und breit weigerten sich die Wolken, die Szenerie zu betreten.
„Donnerstag.“, antwortete ich schulterzuckend.
„Donnerstag?“, brummte der Regenwurm. „Sind Sie sich da sicher?“
Ich nickte. „Donnerstag. Hat Frau Heinze gesagt.“
Frau Heinze war meine Nachbarin, und immer wenn ein Wetterumschwung drohte, juckte ihr linker Zeigefinger.
„Frau Heinze?“, fragte der Regenwurm mit tiefer Stimme.
„Frau Heinze ist meine Nachbarin, und immer wenn ein Wetterumschwung droht, juckt ihr linker Zeigefinger.“, erklärte ich.
„Ach.“, sagte der Regenwurm brummend.
„Außerdem hat sie die merkwürdige Angewohnheit, täglich ihre vierunddreißig Rosenbeete zu gießen. Bei jedem Wetter.“
Der Regenwurm sah mich interessiert an.
„Auch im Winter.“, ergänzte ich.
„Frau Heinze scheint eine sehr sympathische Frau zu sein.“, brummte der Regenwurm nach kurzem Überlegen. „Ich sollte sie mal besuchen.“
Ich nickte. „Das ist eine ausgezeichnete Idee. Aber seien Sie vorsichtig.“
Der Regenwurm blickte mich fragend an.
„Frau Heinze hat Angst vor Bären.“
Der Regenwurm räusperte sich.
„Das sollte kein Problem darstellen.“, piepste er und verschwand in der Erde.
Begegnungen 55: Kreuzung
Ich wollte gerade die Strecke überqueren, als ich die Schnecke sah.
Sie kam von rechts, hatte also Vorfahrt. Ich hielt an und stieg vom Rad. Die Schnecke bewegte sich nicht.
Ich wartete. Die Schnecke bewegte sich nicht.
Ich wartete noch ein bisschen. Die Schnecke hatte eindeutig Vorfahrt. Sie kam schließlich von rechts.
Sie bewegte sich nicht.
‚Wahrscheinlich ist sie nur sehr langsam.‘, dachte ich.
Die Schnecke bewegte sich nicht.
‚Sehr sehr langsam.‘, korrigierte ich mich in Gedanken.
Die Schnecke bewegte sich nicht.
‚Andererseits‘, überlegte ich, ‚besteht die Schnecke hauptsächlich aus einem Haus. Und Häuser haben üblicherweise keine Vorfahrt.‘
Ich schaute die Schnecke an. Sie schien sich ein paar Millimeter vorwärts bewegt zu haben. Aber ich war mir nicht sicher.
‚Ich fahr jetzt einfach.‘, dachte ich und stieg auf mein Rad.
Die Schnecke bewegte sich nicht.
„Ich fahr jetzt einfach.“, sagte ich vorsichtshalber, falls es sich die Schnecke noch einmal überlegen sollte.
Die Schnecke bewegte sich nicht.
Ich radelte über die Kreuzung, an der Schnecke vorbei – und wich im letzten Moment einem Frosch aus,
„Ey.“, quakte der Frosch. „Ich hatte Grün!“
Ich nickte einsichtig und wartete, bis der Frosch vorbeigehüpft war.
Begegnungen 54: Grashalm
Ich hatte gerade die Straße überquert, da begegnete ich eine Grashalm. Nun mag es nichts besonderes sein, einem Grashalm zu begegnen, doch dieser war anders. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht.
„Hallo.“, grüßte ich ihn vorsichtig, und der Grashalm wippte mir freundlich zu. „Hallo.“
„Du bist ein Grashalm?“, fragte ich, und Unsicherheit quoll mir aus jeder Silbe.
„Äh… genau.“, meinte der Grashalm. Er log, das hörte ich sofort. Lügende Grashalme erkenne ich aus zweieinhalb Metern Entfernung.
„Du lügst!“, rief ich.
Der Grashalm erbraunte. Eigentlich errötete er, doch in Anbetracht des vielen Chlorophylls war es ihm nur möglich zu erbraunen. Es sah aus, als wäre er plötzlich um Jahre gealtert, und seufzte.
„Ich gebe es zu: ich bin kein Grashalm. Ich bin ein Löwenzahnblatt, das sich als Grashalm tarnt.“
Ich schaute mir den Grashalm noch einmal genauer an. Ein Löwenzahnblatt war er also. Aha.
„Glaub ich nicht.“, sagte ich.
Der Grashalm, der eigentlich ein Löwenzahnblatt war, seufzte erneut.
„Na gut.“, meinte er. „Ich gebe es zu. Aber sag es nicht weiter.“
Ich lauschte gespannt.
„Ich bin in Wirklichkeit ein Grashalm. Ein Grashalm, der sich als Löwenzahnblatt tarnt, das sich als Grashalm tarnt.“
Ich nickte. Das klang plausibel.
„Das klingt plausibel.“, sagte ich und verabschiedete mich.
Begegnungen 53: Böe
Als ich auf das Rad stieg, blies mir eine Windböe ins Gesicht.
„Ey!“, sagte ich. „Könntest du das bitte unterlassen?“
„Aber das ist mein Job.“, wisperte die Windböe.
„Mir ins Gesicht zu wehen?“
„Wehen im Allgemeinen.“, erklärte die Windböe. „Unabhängig von Orten.“
„Ach.“, sagte ich und überlegte.
Die Böe wehte fleißig herum und zerzauste mein Haar.
„Wenn dein Job aus Wehen besteht“, begann ich nach einer Weile. „Solltest du dich dann nicht um hochschwangere Frauen kümmern?“
Ich hatte noch nie Luft nicken sehen, doch die Böe tat es. Dann war es ruhig.
Ich lächelte und fuhr los. Ohne Gegenwind.
Begegnungen 52: Marienkäfer
Am Wegesrand saß ein Marienkäfer. Er hatte unter einem Blatt Schutz vor dem Regen gesucht und lugte nun, da der Himmel sich allmählich lichtete, vorsichtig darunter hervor.
„Hallo!“, begrüßte ich ihn, denn ich bin ein höflicher Mensch.
„Äh… Hallo.“, antwortete der Marienkäfert etwas zerstreut. „Ich habe keine Zeit zu plaudern. Muss jetzt los.“
Und schon hatte er seine Flügelchen ausgebreitet und war losgeflogen. Dort, wo er eben noch gesessen hatte, blieben nur sechs schwarze Krümel zurück.
„Krümel?“, wunderte ich mich und besah sie genauer.
„Punkte!“, erkannte ich und rief dem Marienkäfer hinterher: „Du hast deine Punkte vergessen!“
Wenige Augenblicke später saß der Marienkäfer erneut unter dem Blatt. Hastig sammelte er seine Punkte ein.
„Dankedanke.“, sagte er. „Ich bin in letzter Zeit so vergesslich.“
„Keine Ursache.“, wehrte ich ab.
„Jetzt muss ich aber los.“, meinte der Marienkäfer und breitete seine Flügelchen aus. Doch er blieb stehen und regte sich nicht.
Nach einer Weile des lautlosen Stillstehens fragte ich vorsichtig: „Wolltest du nicht losfliegen?“
„Bin ich doch längst.“, sagte der Marienkäfer, stutze und blickte an sich hinab. „Ich habe allerdings meinen gesamten Körper vergessen.“
Er schaute mich entschuldigend an und lächelte unsicher. „Ich bin in letzter Zeit so vergesslich.“
„Warte mal.“, sagte ich und kramte in meiner Innentasche. „Der hilft gegen Vergesslichkeit.“, sagte ich und reichte dem Marienkäfer einen siebten Punkt.
Der Marienkäfer war sichtlich entzückt. „Danke!“, freute er sich, und der Punkt sah großartig an ihm aus.
„Nun muss ich aber los.“, sagte der Marienkäfer, breitete die Flügelchen aus und flog davon.
„Allerdings weiß ich nicht mehr, wohin.“, hörte ich noch, dann war er verschwunden.
Begegnungen 51: Wohnungstür
Ich hatte gerade die Dusche verlassen, als es klingelte. Hastig wickelte ich den Duschvorhang um meinen triefenden Leib und rannte zur Tür. Bevor ich ankam, klingelte es erneut. „Jaja!“, rief ich und betätigte den Haustüröffnungsknopf. Dann riss ich die Wohnungstür auf und trat hinaus.
Draußen stand ein Triceratops und kaute auf meiner Zeitung herum. Seine drei Hörner zeigten in meine Richtung, und beinahe wäre ich hineingerannt.
„Guten Morgen.“, grüßte der Dinosaurier, der eigentlich längst ausgestorben sein müsste. „Ich wurde beauftragt, Ihnen mitzuteilen, dass sie im Gegensatz zu anderen Tagen am heutigen keinerlei merkwürdige Begegnungen erleben werden.“
„Aha.“, sagte sich, denn um diese Uhrzeit bin ich nur selten imstande, mehr als zwei Silben aneinanderzureihen.
Der Dinosaurier nickte. „Außerdem sei erwähnt, dass ihnen auch jeglicher anderer Hinsicht nichts Aufregendes passieren wird.“ Der Triceratops drehte sich um und lief die drei Stufen zur Haustür hinab. Er war schon fast draußen, als ich noch einmal zurückblickte. „Abgesehen natürlich davon, dass sie ohne Kleidung vor verschlossener Wohnungstür stehen werden.“
„Verschlossen…?“, wollte ich fragen, da fiel die Tür hinter mir zu.
„Mist.“, sagte ich. Ich atmete tief durch und klingelte. Konnte ja nicht schaden. Einmal. Zweimal.
„Keiner da.“, rief der Triceratops von innen und kicherte.
Begegnungen 50: Kapuzineräffchen
Als ich durch den Park lief, begegnete ich einem Kapuzineräffchen. Es wollte gerade eine Buche hinaufklettern und schaute mich, als es meine Schritte vernahm, neugierig an.
„Hallo Kapuzineräffchen!“, grüßte ich fröhlich und wäre am liebsten zum Äffchen gerannt, um sein niedliches Gesichtchen zu küssen. Es sah mich verdutzt an.
„Hallo Kapuzineräffchen!“, grüßte ich noch einmal und winkte. Seine Äuglein funkelten und seine winziges Näschen glänzte ein wenig. Vielleicht vor Freude.
„Hallo Kapuzineräffchen!“, grüßte ich ein drittes Mal und grinste über das ganze Gesicht.
„Ich bin kein Kapuzineräffchen!“, rief das Kapuzineräffchen und versuchte, mich böse anzusehen. Doch Kapuzineräffchen sind selbst dann noch drollig, wenn sie einen böse anstarren. Ich kicherte.
Das Kapuzineräffchen tat zwei Schritte auf mich zu und wiederholte dann: „Ich bin kein Kapuzineräffchen!“ Die Kapuzineräffchenohren wackelten aufgeregt. „Ich bin ein Meerschweinchen!“
Nun war ich verdutzt. Ein Meerschweinchen? Damit hatte ich nicht gerechnet.
„Ich bin ein Meerschweinchen!“, rief das Kapuzineräffchen, das keines war, trompetete kurz mit seinem Rüssel und stampfte davon.
Begegnungen 49: Anzug
Ich betrachtete mich im Spiegel. Zupfte am Jacket. Es passte wie angegossen. Und selbst die Anzughose fühlte sich nun, nachdem ich sie in die Reinigung gegeben hatte, wieder an, als wäre sie maßgeschneidert. Nur die Fliege saß nicht richtig.
Ich seufzte, schaute noch einmal in den Spiegel, schüttelte mit dem Kopf. Nein, so konnte ich mich nicht auf die Straße wagen. Sicherlich war das nur ein kleines unwichtiges Detail, doch der Perfektionist in mir wollte es richtig haben. Richtig richtig.
Ich schaute auf die Fliege. Sie gefiel mir. Ich hatte sie bereits gemocht, als ich sie geschenkt bekam. Andere hätten vielleicht verwundert gefragt, was sie mit einer Fliege sollten. Ich hingegen wusste, dass sie zu mir passte. Nicht nur zu meinem Anzug, sondern tatsächlich zu mir. Eine Fliege war … klassisch.
Doch sie saß nicht richtig.
Ich blickte in den Spiegel. Legte den Kopf schief. Starrte die Fliege an.
„Setzt dich richtig hin!“, sagte ich zu ihr. Sie flatterte kurz mit den Flügeln und brummte missmutig.
„Los!“, sagte ich.
Die Fliege setzte sich richtig hin.
„Du weißt doch, dass du Rückenschmerzen bekommst, wenn du nicht gerade sitzt.“, meinte ich zu ihr in versöhnlicherem Tonfall.
Die Fliege nickte betreten.
„Ich hab dich lieb, kleine Fliege.“, sagte ich zu dem Flügelwesen auf meiner Schulter, strich meine Krawatte ein letztes Mal glatt und ging los.