Menschen 21: Geflüstert, gefaltet, verloren

Hinter mir stehen zwei Frauen an der Kassenschlange: Mutter und Tochter. Die Tochter, die selbst längst Mutter ist, zählt ihre Weihnachtseinkäufe auf, erklärt, wer warum welche Geschenke erhalten wird. Plötzlich senkt sie ihre Stimme:
„Der Bademantel hat nur acht Euro gekostet.“
Es war fast, als schämte sie sich ihres Preisbewußtseins, als wäre es verpönt, Sonderangebote zu nutzen.

Im Elektrofachmarkt beobachte ich einen Mann, der versucht, mit einer Verkäuferin zu flirten, indem er das vor ihr stehende „Sie hören gerade“-Album von Xavier Naidoo in die Hand nimmt, auseinanderfaltet und betrachtet, während sie begeisterte Kommentarfluten über die Musik in seine Richtung entläßt. Als der Wortschwall verebbt, versucht der Mann vergeblich, das Album wieder ordnungsgemäß zusammenzufalten, schafft es auch nach mehreren Anläufen nicht, den Anfangszustand wiederherzustellen, knickt es dann so, daß es in seinen Augen richtig aussieht, und verabschiedet sich. Mitleidig betrachte ich das Ergebnis seiner Bemühungen: schmerzhaft falsch gefaltet und verdreht – im Namen der Liebe..

An der Tür der Straßenbahn steht ein kleines Mädchen mit rosa Schal und weißer Wollmütze. Es starrt mit großen Augen zu mir herauf, schenkt mir ihr vollstes Interesse. Die Bahn hält, und das Mädchen steigt an der Hand ihrer Mutter aus. Ihre Blicke lassen mich nicht los, betrachten mich bewundernd, fragend. Auch ich trete ins Freie, sehe ihr nach. Im Haltestellenmenschgewimmel verliert sie mich, und während ihre Mutter sie eilig hinter sich herzieht, streifen ihre Blicke durch die Gegend, auf der Suche nach mir, der nicht weiß, warum.

[Im Hintergrund: Janus – „Winterreise“]

Ohrensausen

Männer, deren wollene Wintermützen absichtlich oberhalb der eigenen Ohren enden, empfinde ich als befremdlich. Nicht nur, daß es befremdlich aussieht, begegnet man einem solchen Mützenträgerexemplar, da zuerst stets der Eindruck entsteht, der Betreffende hätte nicht genug Zeit gehabt, sich ordentlich anzukleiden, nein, ich stehe dann stets sprungbereit da, um wegen der ständig drohenden Runterfallgefahr notfalls die zu Boden stürzende Kopfbedeckung im Fluge erhaschen zu können.

Wenn eisige Winde meinen Schädel umwirbeln, sind es bei mir die Ohren, die bedeckt werden sollen, jene Ohren, welche bei erwähnten Männern verhindern sollen, daß die wärmende Kopfkleidung weiter nach unten, ins eigene Antlitz, rutscht.

Zu gern würde ich etwas sagen, auf die Mütze zeigen und bekanntgeben, daß da etwas nicht stimmt, daß die armen Ohren ebenfalls des Schutzes bedürfen – doch ich schweige und erinnere mich daran, daß ich selbst so lang wie möglich auf eine Mütze oder ähnliches zu verzichen versuche, albernen Vorstellungen von Eigenästhetik folgend.

[Im Hintergrund: Janus – „Winterreise“]

Der störende Fetzen

Ich beobachtete diesen Mann nun schon mehrere Minuten lang. Er war mir unsympathisch, und ich fragte mich, warum. Hin und wieder tauchte er auf, dort, in dem Hauseingang auf der anderen Straßenseite, trug stets eine paar, fünf oder sechs, Holzblöcke unter dem Arm, verlud sie auf einen vergitterten Anhänger.

Woher kamen die Holzklötze, fragte ich mich. Ich hielt es für unwahrscheinlich, daß dort irgendwo auf dem Innenhof ein nun gefällter Baum stand, dessen hölzerner Leib in handliche Stücke zerlegt worden war. Bäume waren eine geschützte Seltenheit, hier, mitten in der Stadt. Also hatte irgendwer irgendwer aus irgendeinem Grund diese Holzblöcke, die der unsympathsicher Mann nun anch außen brachte, ins Innere gebracht. Warum nur?
Gab es hier Kamine? Das wäre mir neu gewesen.

Der Mann kam zurück, warf unwillig seine hölzerne Last auf den Anhänger, sah sich nicht um, ging zum Eingang zurück.

Er bemerkte etwas. Auf dem Boden des Hausflures lag ein Fetzen, ein kleines Stück Papier, das sich durch Wind und Wetter hierhin verirrt hatte und nun die glänzende Reinheit des Hausflurs und somit das Sauberkeitsempfinden des Unsympathen störte. Wie konnte ein solch winziges Stück Papier es wagen, sich auffällig in den Weg zu legen, dorthin, wo jeder Hausbewohner, jeder Besucher, ein Blick darauf zu werfen, die fehlende Sauberkeit zu bemängeln vermochte? Es mußte beseitigt werden. Umgehend.

Der unsympathische Mann scharrte mit seinem rechten Schuh über den Boden, bewegte das Papier ein bißchen, trat mehrere Male nach, schleifte es mühevoll in Richtung des Ausgangs, in Richtung Straße. Einfacher wäre es gewesen, sich zu bücken und das Papierstückchen aufzuheben. Doch diese Arbeit schien ihm, der schwere Holzklötze aus dem Hausinneren auf seinen Anhänger verfrachtet hatte, zu aufwendig.

Ein paar Sekunden und mehrere kreiselnde Fußbewegungen später erhob sich der Fetzen endlich, trudelte ein paar Zentimeter in die Höhe, bekam einen Schubs vom unsympathischen Mann und flatterte lautlos aus dem Hauseingang hinaus. Er landete auf dem Fußweg, wo er sich zu Kaugummipapier und Hundekot gesellte. Noch immer lag er jedem eintretenden Hausbewohner im Weg, in Sichtweite, verunzierte mit seiner Müllhaftigkeit den Zugang zum Hausinneren.

Doch dem Mann schien das egal zu sein. Schließlich lag der Fetzen nicht länger im privaten Bereich des Hausflurs, sondern auf dem öffentlichen Fußweg. Das, was allen gehörte, interessierte ihn nicht. Das Eigene mußte rein bleiben, das war wichtig.
Zufrieden mit seinem Werk, zufrieden mit der noch nicht einmal einen Meter Weite erreichenden Deposition eines unbedeutenden Papierfetzens verschwand der unsympathische Mann erneut im nun bereinigten Hauseingang.

Sanct Gregorii

Als ich heute heimwärts ging, winkte mir von der anderen Straßenseite eine ältere Frau, mit einem türkisfarbenen Baumwollpullover und Leggings ziemlich witterungsoptimistisch bekleidet. Ihr Winken war fordernd, nicht verzweifelt, nicht hilflos, aber auch nicht unhöflich. Sie schien zu wissen, was sie wollte, und sie schien offensichtlich mich zu meinen, kam mir sogar ein paar Schritte entgegen.

Ich eilte über das Kopfsteinpflaster zu ihr und bevor ich meine fragende Miene in ebensolche Worte wandeln konnte, sprach sie mich an. Ihre Augen waren groß und ringuntermalt. Sie mußte zu mir aufsehen, und sofort spürte ich Mitgefühl in mir keimen, den Wunsch, ihr helfen zu wollen.
„Jungchen, wo bin ich denn hier?“

Schon war ich drauf und dran vom nebenan stehenden Schild den Straßennamen, der sich meiner Kenntnis verbarg, zu entlocken, da sprach sie weiter, konkretisierte ihre Anfrage:
„Bin ich denn hier in Magdeburg.“

O ja, das war sie: Mitten in Magdeburg, genauer: in Stadtfeld, zentrumsnah und direkt vor dem Altenheim „Sanct Gregorii“ stehend, in dem sie vermutlich hauste.
„Ja.“, antwortete ich sanft. „Ja, durchaus.“

Sie nickte, schien zu verstehen, doch ihre Augen drückten Verzweiflung aus.
„Ach Mensch, ich wollte doch nach Osterwedding. Jetzt habe ich gar kein Geld für den Bus. Da muß ich wohl nochmal hoch.“
„Das müssen sie.“, bestätigte ich sie, in der Hoffnung, daß im Inneren des Seniorenheims pflegefreudige Schwestern sich ihrer annehmen würden

Es erschien mir rätselhaft, wie sie gleichzeitig begreifen konnte, daß zum Busfahren eine Fahrkarte und für diese Geld nötig war, daß sie derzeit kein Geld dabei hatte, es aber „oben“ besorgen könne, aber nicht zu wissen schien, daß sie keineswegs in Osterwedding verweilte.
„Herzlichen Dank.“, verabschiedete sie mich sehr freundlich und ging auf den Haupteingang des „Sanct Gregorii“ zu.

‚Was für ein seltsamer Name, Sanct Gregorii.‘, dachte ich und drehte mich nach ein paar Schritten zu der alten Frau um.
Sie stand noch immer vor dem Eingang, und ich befürchtete, sie würde es sich anders überlegen. Als ich kurz darauf wieder zurückschaute, war sie verschwunden.

[Im Hintergrund: Sevendust – „Next“]

Menschen 20: Sitzkissenersatz

Und dann war da noch die alte Frau, die auf der Bierkastenreihe vor mir saß, die, Bequemlichkeit suchend, ein Buch zwischen das harte Plastik und ihren breiten, in schwarzen Stoff gehüllten Hintern geklemmt hatte und vergnügt der Lesung lauschte, der auch ich Aufmerksamkeit schenken wollte, wäre da nicht das Buch unter ihrem Hintern gewesen, das mich immer wieder ablenkte, meine Blicke auf sich zog.

Warum mußte sie auch ausgerechnet Mirjam Münteferings Lesbenroman „Das Gegenteil von Schokolade“ auswählen…?

[Im Hintergrund: Depeche Mode – „Playing The Angel“]

Menschen 19: Ei, ei, ei, was seh ich da…

In der Nähe des straßenbahnverkehrstechnisch überfluteten Alten Markts entdecke ich ein älteres Paar. „Älter“ ist maßlos untertrieben, haben doch die beiden die amtliche Grenze zum Rentnerdasein längst überschritten.
‚Zwei alte Leute. Wahrscheinlich verheiratet.‘, denke ich, „Nichts Außergewöhnliches.“

Doch dann schaue ich zwischen sie, schaue auf seine rechte und ihre linke Hand – und lächle. Das Rentnerpaar hält Händchen, als wären sie frisch verliebt, als wären sie Jugendliche, die aller Welt ihre Liebe, ihre Zusammengehörigkeit demonstrieren wollen.

Ich lächle, als ich bemerke, wie sie in alle Richtungen schauen, sich fragend, welche Straßenbahn die richtige sei, sich in ihrer Verwirrung noch fester aneinander klammernd, Schutz suchend in der Nähe des anderen.

Zu gern hätte ich sie über die Geschichte ihrer Liebe befragt. Doch ich traute mich nicht, wagte nicht, dieses Beisammensein mit meiner Anwesenheit zu stören, ging weiter, noch immer lächelnd.

[Im Hintergrund: Vanitas – „Das Leben ein Traum“]

Menschen 18: Zweite Blicke

‚Wie alt mag er sein?‘, frage ich mich und schätze ihn auf 25. Vielleicht auch ein oder zwei Jahre älter. Lange Haare zieren sein Antlitz. Er scheint stolz auf sie zu sein, hat sie mit einem Pomadeprodukt glatt an sein Haupt gepreßt. Lässig fletzt er auf dem Straßenbahnsitz herum, versucht, möglichst locker, cool zu wirken.
Doch seine Metallgestellbrille wirkt hoffnungslos veraltet und seine pomadenhaarumrankten und erstaunlich ausgeprägten Geheimratsecken zerstören jegliche Gesichtsattraktivität und sämtliche Easyness-Bemühungen.

An der Straßenbahntür steht ein Mädel, vielleicht zwanzig Jahre alt. ‚>Drall< wäre ein gutes Wort, um sie beschreiben.‘, denke ich und beschaue die gut gebräunte Haut ihres Bauches, die unter ihrem Oberteil herausschaut. Sie wirkt attraktiv, aber zugleich ziemlich dumm.
Doch in ihrer Hand trägt sie ein dickes Buch, in das sie vor wenigen Augenblicken noch vertieft war.
‚Vielleicht ist sie doch nicht so dumm.‘, überlege ich und freue mich über meinen Irrtum.

Menschen 17: Begegnung mit einem Jungen

Es sind Sommerferien.

Das begreife ich spätestens, als ich bemerke, daß sich in der gesamten McDonalds-Filiale nur noch ein einziger, freier Tisch befindet, an dem ich mich platzieren kann – inmitten des Raumes. Normalerweise bevorzuge ich, irgendwo am Rand zu sitzen, den Rest der Welt in Augenschein nehmen zu können, unbeobachteter Beobachter zu sein.

Doch mir bleibt keine Alternative; ich lasse mich nieder, krame mein Buch aus dem Rucksack und verstecke mich dahinter, lese, während ich die geschmacklich wenig beeindruckenden, aber immerhin vorübergehend sättigenden Komponenten meiner Mahlzeit in mich hineinschaufle.

Als sich die Nahrungsaufnahmeprozedur einem Ende nähert, stehen plötzlich vom Nebentisch zwei Personen auf, die mein Interesse auf sich ziehen: Eine ältere, relativ unscheinbare Frau, die ich auf Ende Dreißig schätze und ein vielleicht dreizehnjärhiger Junge, dem seine Krankheit, besser: sein Defekt, sofort anzusehen ist. Er hat Trisomie 21, auch als Mongoloismus oder Down-Syndrom bekannt.

Neugierig betrachte ich ihn. Er schaut zurück. Ich bemühe mich, nicht mitleidig, nicht abwertend zu blicken – nur offen, interessiert.

Seine Mutter geht an mir vorbei, bringt ihr Tablett weg. Der Junge folgt, geht ohne Zögern auf mich zu und streckt mir seine Hand entgegen:
„Hi!“

Für einen Augenblick bin ich verdutzt, dann freue ich mich, daß es die linke Hand ist, die er mir reicht, da meine rechte mit Nahrungsmittelimitaten vollgestopft ist. Lächelnd schlage ich ein:
„Hallo.“

Seine Hand ist warm und weich, fühlt sich durchaus angenehm, normal, an.
„Hi.“, sagt er nochmal, grinst, zieht seine Hand zurück und schaut mich an.
„Hat’s geschmeckt?“ frage ich ihn. Er nickt, grinst wieder vergnügt und reibt sich woglig den Bauch. Die Mutter sieht ihn an, offensichtlich wenig begeistert.

„Tschüß.“, verabschiedet sich der Junge.
„Tschüß.“, antworte ich herzlich.

Und während ich den beiden nachsehe, entdecke ich an einem anderen Tisch eine Frau, die ihren normalgeratenen Sohn geistesabwesend streichelt, als wolle sie sich vergewissern, ja bedanken, daß er nicht behindert sei.

Menschen 16

Die blinde Frau mir gegenüber schließt die Augen. Plötzlich sieht sie normal aus, nicht länger fern dieser Welt.

Ihre Ohren sind bedeckt von altmodischen Kopfhörern. Verwundert betrachte ich sie, ist doch nun nicht nur durch ihr fehlendes Augenlicht, sondenr auch durch die betäubten Hörsinne von der Wirklichkeit abgetrennt, weilt sie doch nun vollends irgendwo in der Unerreichbarkeit – und wirkt sie doch nun näher, greifbarer als noch zuvor.

Menschen 15

Nachdem ich in der Drogerie der älteren, stark geschminkten Dame mit ihrer hochtoupierten Weißhaarfrisur freundlicherweise an der Kassenschlange vorgelassen hatte, ohne daß diese die Tat mittels eines freundlichen Wortes, eines winzigen Lächelns oder auch nur eines einzigen Blickes in meine Richtung gwürdigt hätte, konnte ich nicht umhin, als das Innere ihres Einkaufswagens zu begutachten: Eine Flasche Wein, eine Kerze, eine Karte.

„In tiefster Trauer und Anteilnahme.“, war auf der Karte zu lesen.
Moment! „Trauer und Anteilnahme“?

Ich blickte zu der Dame, deren helle Kleidung keinen Aufschluß über mögliche Trauer gab, deren Miene Desinteresse und Unmut über den auszuführenden Einkauf zeigte. Ich blickte in ihren Einkaufswagen und begriff: Eine schlichte Karte und eine Flasche Merlot für die Kondolenz und eine moderne, aber neutrale, in Grüntönen gehaltene Kerze für das Grab – ein optimales und vor allen Dingen preisgünstiges Rossmann-Universal-Trauerpaket.

Ich gebe zu, Verbitterung beschlich mich bei diesem Gedanken. Aber weder Wein noch Trauerkarten sollten nebenbei in einer Drogerie erstanden werden, bekommt doch dadurch der Anlaß, der Tod eines bekannten Menschen, einen Anstrich von Gewöhnlichkeit, von Alltäglichkeit verpaßt, als wäre – bloß weil immer wieder Menschen sterben – der Tod eines einzelnen nichts besonderes mehr und könne mit dem Rossmann-Universal-Trauerpaket einfach beiseite gewischt werden.