Menschen 14

Ich erkannte ihn schon von weitem. Er stand an der selben Ecke wie damals, schaute mich mit dem selben flehentlichen Blick an.

Sein Mund formte Worte. Er war unrasiert; sein Haar trotz Pomade würst. In der Hand hielt er einen Zettel, ein karierter Fetzen, auf dem in großer Handschrift Zahlen geschrieben standen. ‚Zwei Telefonnummern.‘, vermutete ich.

Ich hörte ihn nicht, als er mich ansprach. Die Musik aus meinen Kopfhörern übertönte seine Worte. Ich hielt inne, und er wartete stumm, bis ich die Kopfhörer aus den Ohren gezogen hatte.
Dann fragte er nochmal:
„Do you speak English?“

Ich seufzte innerlich, verdrehte insgeheim die Augen. Er erkannte mich nicht.
„Yes.“, antwortete ich kurz und knapp und wußte, was kommen würde.

„You have a telephone?“
„No. Sorry.“, log ich.
Ich fragte mich, wie oft der Mann an dieser Straßenecke stand und Menschen um die Möglichkeit zu telefonieren anbettelte. Ich fragte mich, ob das seine Masche war, um an Geld zu kommen, ob er absichtlich falsche Nummern wählte, um dann etwas Telefonierkleingeld zu erbetteln. Ich fragte mich, ob der Zettel in seiner Hand nicht nur Alibi war, nur ein Teil seiner Lüge.

Ich hatte nicht damit gerechnet, daß er nicht aufgeben würde.
„You have … ?“
Ihm fehlten die Worte, doch seine Geste war eindeutig. Er wünschte Kleingeld. Für das nächste Münztelefon oder so. Ich seufzte ein zweites Mal innerlich.
Natürlich hatte ich Kleingeld. Zu einer weiteren Lüge war ich nicht imstande.

Es war heiß. Mein Rucksack war schwer, und ich hatte den gesamten Weg vom Bahnhof laufen müssen. Der Henkel des Beutels in meiner rechten Hand war unter seiner Last gerissen, das Tragen eine Qual. Auch das Einrad in meiner linken Hand wurde allmählich schwer; und ich sehnte mich einzig und allein danach, nach Hause zu kommen, alle Lasten abzuwerfen und etwas Kühles zu trinken.

Trotzdem gab ich nach, legte meine Sachen auf die Straße, kramte in meinem Rucksack nach dem Portemonaie.
„How much do you want?“, fragte ich, „50 Cent?“
„One.“, war die Antwort. Ein Euro.

Ein mögliches „Nein.“ war längts in der Hitze der Nachmittagssonne geschmolzen. Matt überreichte ich ihm den Euro.
‚Ein Telefonat wäre billiger gewesen.‘, dachte ich, doch glaubte mir nicht. Er hätte sowieso wieder niemanden erreicht, mich danach um Kleingeld gebeten.

Der Mann bedankte sich, freundlich, lächelnd, und ging, winkte, als er noch einmal zurücksah. Vielleicht suchte er nun tatsächlich ein Münztelefon, wählte die Numemrn auf seinem Zettel. Ich beschloß, das zu glauben, beschloß zu glauben, daß er die Wahrheit gesagt hatte, setzte meinen Rucksack wieder auf, ergriff den kaputten Beutel, das Einrad und schleppte mich mühsam nach Hause.

‚Warum nur‘, fragte ich mich, ‚bin ich immer wieder das Ziel Freundlichkeit und Kleingeld erflehender Menschen? Wirke ich wohlhabend? Oder gar vertrauenswürdig?“
Innerlich lächelnd schüttelte ich mit dem Kopf.
‚Nein. Bestimmt nicht.‘

Menschen 13

Der Krach in meinen Ohren degradiert die Welt zum Stummfilm. Menschenlippen formen Laute, die mich nicht erreichen. Ich sehe das falsche Lächeln einer Großmutter als Antwort auf das Gestammel ihres Enkelkindes. Es taucht auf, huscht über ihr Antlitz und verschwindet wieder hinter einer faltigen Steinmiene.

Mir gegenüber sitzen zwei ältere Frauen. Ein Fahrkartenkontrolleur kommt vorbei, besieht sich die Tickets, zieht seines Weges. Die linke der beiden schmunzelt verschmitzt. Allein ihr Mund sagt mir, daß ihr Ticket nicht gültig war, ja, daß sie stolz darauf ist, betrogen zu haben.

Die Blicke ihrer Freundin werden derweil von dem Mann neben mir, beziehungsweise von dessen Hund, angezogen. Es ist ein riesiges, dickes, aber schönes Tier, das zum Streicheln einzuladen scheint. Die ältere Dame ist verzückt. Ihre Mundwinkel gleiten nach oben, und ihre Augen leuchten. Würde sie reden, wären ihre Worte niemals so intensiv, so hingerissen wie der Ausdruck auf ihrem Gesicht.

Schräg gegenüber sitzt eine junge Frau, Anfang zwanzig vielleicht. Sie redet mit ihrem Begleiter. Sie hat geweint oder setzt gerade an, Tränen zu vergießen. Ich starre sie an, empfinde Mitleid, würde gern erfahren, was der Grund für ihre Trauer ist. Sie wird sich meines Blickes bewußt und schaut zurück. Ihre Gesichtszüge glätten sich.

Sie hat nicht geweint, wollte vermutlich noch nicht einmal weinen, hat nur so ausgesehen, als wäre sie den Tränen nah, war schlichtweg in ihre Rede vertieft.

‚Erstaunlich, daß ich mich so sehr täuschte.“, wundere ich mich und beobachte erfreut, wie sie zu lächeln beginnt.

Menschen 12

Inmitten eines Einkaufcenters vernehme ich einen nervigen Handy-Klingelton. Ich drehe mich um und sehe einen älterer Mann sein Mobiltelfon zücken. Er selbst entspricht dem typischen Rentner-Klischee, trägt eine alte Lederjacke, die sich über sein Bierbäuchlein wölbt, eine getönte Brille und einen Opa-Hut auf ergrautem Haar. Er telefoniert, und ich bekomme Gelegenheit, das Handy in seiner Hand zu betrachten: Ein älteres Modell von Nokia, allerdings knallig grün, und ein quietschgelber Tweety grinst mir entgegen…
Das hätte ich nun wirklich nicht erwartet.

Menschen 11

An einer Straßenecke steht ein Mann, beleibt, die ergrauenden Haare mit Pomade nach hinten gekämmt. Ich halte Abstand, den Kontakt meidend. Er ist keine Gefahr, begreife ich, doch will auch selbst keine darstellen.

Der Mann ruft mich: „Hey!“
Seine Stimme ist kraftlos, nicht fordernd, eher bittend. Ich wende mich ihm zu.
„Do you speak English?“, fragt er mich.
„Yes I do.“ Mittlerweile bin ich bei ihm angelangt.

Er wünscht zu telefonieren, besitzt aber kein Telefon. Ich betrachte ihn, bin bereit, Vertrauen zu schenken, krame nach meinem Handy, entsperre die Tasten, reiche es ihm. Das Handy ist alt und wertlos. Das Guthaben nahezu aufgebraucht. Ich habe keine Angst vor einem Verlust. Keine Angst vor ihm.

Der Mann lächelt nicht, wirkt ratlos. Seine braune Haut wirkt im Dunkel der Nacht noch finsterer. ‚Vielleicht ist er Inder.‘, mutmaße ich.

Mühevoll tippt er die gewünschte Nummer ein, jede einzelne Ziffer in dialektgefärbtem Englisch aufsagend. Als er fertiggetippt hat, zeigt er mir die Telefonnummer, bevor er anruft. Ich winke ab.

Er erreicht niemanden, nur eine Mailbox.
„Wrong Number?“, frage ich.
Er schüttelt mit dem Kopf, probiert es nochmal. Diesmal ist die Nummer länger. Doch wieder erfolglos. Er gibt mir das Handy zurück, wirkt noch trauriger als zuvor, fragt mich nach Kleingeld, damit er es zu späterem Zeitpunkt nochmal probieren kann.

Ich habe kein Portemonaie dabei, versuche, dmich zu erklären, doch weiß nicht, wie ich „Portemonaie“ übersetzen soll. Ich krame wieder in den Taschen meines Rucksacks, finde ein paar Fünf-Cent-Stücke, zeige sie ihm, bedaure, nicht mehr dabei zu haben.
Er zählt, nimmt das Geld.
„It’s enough.“, meint er und bedankt sich mehrere Male.

Ich verstaue mein Handy wieder im Rucksack und gehe weiter, in eine andere Richtung als er, drehe mich noch einmal um, sehe ihm hinterher.

Fremd in Deutschland. Allein. Ohne Geld und Telefon. Auf die Großherzigkeit anderer angewiesen. Ich wünschte, ich hätte ihm wirklich helfen können…

Menschen 10

Eine Rentnerin auf einem Fahrrad, mit dem üblichen Fahrradkorb hinter sich, die sich eine Steigung hinaufquält und dabei vor Anstrengung das Gesicht verzieht, ihre schiefen Zähne zeigt. Als ich vorbeifahre, wird sie sich ihrer Grimasse bewußt und versteckt ihre entblößten Zähne wieder, normalisiert ihr Gesicht und schaut mich unschuldig an.

Der Fahrradweg ist schmal. Mir kommt eine junge Frau entgegen, auf der falschen Straßenseite fahrend. Das stört mich nicht weiter; ich halte mich so weit wie möglich rechts. Die junge Frau jedoch hat genau denselben Teil des Fahrradweges für sich erachtet. Im letzten Augenblick mache ich einen Schlenker und weiche ihr aus, verwundert darüber, daß sie nicht nur auf der [von ihr aus gesehen] linken Straßenseite fuhr, sondern sich auch noch auf dem Weg [von ihr aus gesehen] links orientierte.
Dann wird mir bewußt, daß das Rechts-Fahr-Gebot nur eine von unzähligen Regeln darstellt, die mir von kleinauf eingetrichtert wurden, daß ich vollgestopft bin mit Vorschriften, die jeder für normal erachtet, deren Beachtung aber nicht immer zwingend notwenig ist.
Heimlich lächle ich über die – vermutlich unbewußte – Anarchistin.

Auf der neugebauten Sternbrücke schlendern zwei Mittvierziger entlang, beide mit Bierbauch und Schnaubart verziert. Einer von ihnen bleibt stehen, mustert die blauen Stahlträger der Brücke argwöhnisch, klopft prüfend darauf und murmelt:
„Was das alles wieder gekostet hat…“

Menschen 9

Aus der Drogerie tritt ein Mann, achtet nicht auf den Weg, nicht auf die Umgebung. Seine ganze Konzentration gilt dem Päckchen, das er in der Hand trägt, das er nun sorgsam öffnet: Entwickelte Fotos. Vorsichtig holt er die Bilder aus ihrer Verpackung, betrachtet sie, nimmt sich Zeit für jedes einzelne, beschaut die Motive, beschaut scheinbar jedes Detail. Dann fängt er an zu schmunzeln, zu grinsen. Zu lachen.
Ich gehe vorbei, er sieht auf und lacht mir ins Gesicht, ausgelassen, fröhlich.
Ich lache auch, innerlich, wünsche mir einen Photoapparat, um diesen Augenblick festzuhalten und immer wieder neu in stilles Gelächter ausbrechen zu können.

Abgehetzt und grimmig betrete ich die Apotheke. Es ist kurz vor acht am Samstag Abend, kurz vor Ladenschluß. Bevor ich den Atem für Worte finde, lächelt mich die Apothekerin freundlich an:
„Wollen Sie ein Glas Wasser?“
Ich schaue erstaunt, vergesse meinen Unmut, schüttle zögernd mit dem Kopf:
„Bin … nur … recht schnell … gefahren … Danke …“, keuche ich.
„Sie hätten sich doch Zeit lassen können. Wir haben doch noch zehn Minuten auf.“
Ihr Lächeln steckt an.
„Ich wußte ja nicht … wollte noch … brauchte noch was Eßbares … für morgen.“
Sie läßt nicht locker.
„Ich kann Ihnen ein paar Bonbons anbieten.“
Dankend lehne ich ab, grinse von einem Ohr zu anderen.
‚Warum‘, frage ich mich, als ich die Apotheke wieder verlasse, ’sind Menschen viel freundlicher, wenn ich schlechte Laune habe…?‘

Menschen 8

Es regnet. Vor dem Magdeburger Allee-Center entdecke ich ein blindes Mädchen. Sie trägt einen Blindenstock in der Hand, benutzt ihn aber nicht, erhält Führung von einem anderen Mädchen, einer Freundin vielleicht. Die beiden meiden die automatische Drehtür, betreten das Einkaufscenter durch den „normalen“ Seiteneingang.
Im Inneren sehe ich eine Rollstuhlfahrerin. Sie steht vor der Drehtür und rührt sich nicht. Bevor ich einen Gedanken fassen kann, begibt sich das führende Mädchen zusammen mit ihrer blinden Begleiterin zu der Frau im Rollstuhl:
„Brauchen Sie Hilfe mit der Tür?“
„Ach nein, ich komme schon klar.“, antwortet sie, dankbar für die Aufmerksamkeit, „Nur meine Kapuze…“.
Während die hilfbereite Blindenführerin vorsichtig die Kapuze über den Kopf der Dame stülpt, frage ich mich, ob einer von uns „normalen“ Menschen auf den Gedanken gekommen wäre, der Rollstuhlfahrerin Unterstützung anzubieten.
‚Die wenigsten.‘, denke ich und seufze leise.

Ampelmenschen

In Gedanken versunken nähere ich mich der Ampel. Rot. Ich bleibe stehen, grüble. Weitere Wartende gesellen sich zu mir.
Nach einer Weile sehe ich auf. Kein Auto weit und breit. Wie auch? Die Ampel steht inmitten einer Baustelle.
Warum also warte ich? Weil ich unbewußt einem Automatismus frönte? Weil ich gut erzogen bin?
Warum warten die anderen? Weil sie nicht sehen, daß hier keine Autos fahren? Weil sie einer Art Herdentrieb folgen und stehenbleiben, wenn andere auch stehenbleiben? Weil sie als gesetzestreue Deutsche rote Ampeln auch respektieren, wenn sie sinnlos sind?
Ich schüttle die Gedanken ab. Die Ampel leuchtet noch immer in warnendem Rot. Egal. Ich gehe. Die Herdentriebler bleiben stehen.
Als ich die Kreuzung längst hinter mir gelassen habe, drehe ich mich neugierig noch einmal um, sehe, daß sich nun endlich auch die anderen in Bewegung setzen.
Die Ampel leuchtet grün.

Menschen 7

Würde man den bedrohlich wirkenden Mann vor mir seines lächerlichen langhaarimitierenden Kopftuches, seiner auffälligen Armeetarnhosen, seiner unsauberen Springerstiefel und seiner augenverbergenden Sonnenbrille berauben und ihn mit bedeutungslos-normaler Standardkleidung bestücken, bemerkte ich ihn womöglich gar nicht mehr oder sähe in ihm nur ein dürres, kränkliches Wesen, dem weniger Respekt als Mitleid gezollt werden sollte…

Als diente er einzig und allein der Klischeeverifikation nimmt ein Student mit langem Haar und stilgerechter Finsterkleidung inmitten eines Wartezimmers voller unbequemer, aber bunter Holzstühle auf dem einzig schwarzen Platz.

Menschen 6

Die Fläche der Fahrstuhlkabine umfaßt etwa 1,5 x 2 Meter. Ich steige ein, grüße höflich das ältere Ehepaar, das sich bereits in der Kabine befindet. Sie beginnt zu reden. Sie flüstert, unendlich leise, die heilige Fahrstuhlstille nicht verletzen wollend. Er brummt zustimmend.
Ich verstehe jedes Wort.