Der morgendliche Wurm im Ohr 20

Die von mir bewohnte WG ist verhältnismäßig groß. Das muß sie auch sein, beherbergt sie doch schließlich fünf Studenten zuzüglich diverser spontan oder regelmäßig auftauchender Gäste. Die Größe und die WG-gerechte Anorndung der Zimmer bringt es mit sich, daß der Korridor, von dem die einzelnen Zimmer abzweigen, wie ein Schlauch durch die gesamte Wohnung führt. Das wiederum hat zur Folge, daß die Wohnungstürklingel nur für die Bewohner der ersten zwei, drei Räumlichkeiten hörbar ist – natürlich unter der Voraussetzung, daß keiner von ihnen sich gerade dezibelintensiven Klängen widmet, was aber durchaus zuweilen geschieht.

Um arglose Klingler nicht stundenlang ungehört vor der Außentür stehen zu lassen, installierten wir eine Art Klingelverlängerung, eine lautstarke Hupe, die kraftvoll in den Flurgang dröhnt, sobald die Klingel betätigt wird. Das System funktioniert erstaunlich gut und besitzt nur einen einzigen Haken: Es ist laut, immens laut, zumindest, wenn man sich gerade neben der Hupe befindet, wenn diese losgeht – oder wenn man durch sie aus dem Schlaf gerissen wird.

6.23 Uhr. Es klingelt. Es hupt. Noch einmal. Nochmal. Wieder und wieder.
Durch den Krach aus der Tiefschlafphase herausgezerrt, stehe ich auf, mürrisch, werfe mir ein paar Kleidungsstücke über und eile verdrossen zur Gegensprechanlage, um den sadistischen Dauerklingler zur Rede zu stellen.
Auf dem Gang begegnet mir meien Mitbewohnerin, die der Lärm ebenfalls aus den Federn gerissen hatte.
„Ich glaub‘, es hackt!“, meint sie.
Neben der Klingel steht schon Mitbewohner 1, der Bewohner des eingangstürnächsten Zimmers, ratlos, aber scheinbar schon eine Weile wach:
„Ich habe schon versucht ranzugehen…“
Ich hebe den Hörer der Gegensprechnanlage ab, vernehme nichts.
„Ja!“, rufe ich hinein, hörbar schlechtgelaunt.
Keine Reaktion.

Ich stapfe in mein Zimmer zurück, suche meine Brille, werfe mir ein weiteres Kleidungsstück über und stürme dann die 103 Stufen nach unten, um dem bösartigen, vermutlich fliehenden Klingler noch zu begegnen.
Ich reiße die Haustür auf, doch draußen ist niemand.
Auch als ich mich umsehe, entdecke ich niemanden Verdächtiges. Kein Notfall, keine alarmierende Feuerwehr, auch keine wegrennenden Schulkinder, kein befreundeter Spontanbesucher. Nichts.
Mit Runzelfalten auf der Stirn steige ich die 103 Stufen wieder hinauf, schließe die Tür und verkrieche mich ins Bett.

An tiefen Schlaf ist jedoch nicht mehr zu denken – ich schlummere dahin. 9 Uhr wollte ich spätestens aufstehen.

Doch kurz nach 7 Uhr vernehme ich ein erneutes, lautes Tröten, langanhaltend diesmal. Keine Klingel, begreife ich sofort. Das kommt von draußen. Nach etwa einer halben Minute ist es vorbei.
Aber ich bin wach. In der Küche höre ich meinen Mitbewohner rumoren und frage mich, ob man denn wirklich morgens um sieben abwaschen muß. Von draußen dringt Baulärm herein, rückwärtsfahrende und stetig brummende und piepende Kieslaster, Bodenbeben verursachende Wegplättungsmaschinen, die Rufe unbeschäftigter Bauarbeiter. Irgendwo im Haus bohrt jemand. Unaufhörlich.
‚Ich sollte wohl aufstehen.‘, denke ich müde und schleppe mich unter die Dusche.

In meinem Kopf jedoch erkingt ein angenehmes Lied, ein morgendlicher Wurm im Ohr, der meine Laune immerhin zu retten vermag:

Samsas Traum – „Der Wald Der Vergessenen Puppen“

Wieso drang über Nacht die Angst in unsere Geschichte ein?
Wie konnte ein Mensch, schön wie Du,
Innerlich nur so hässlich sein?

Guten Morgen.

Traumkokolores

Nicht häufig kann ich mich an meine Träume erinnern. Jedoch die von letzter Nacht sind mir noch immer im Gedächnis.

Der erste handelte von einer Art Prüfung. Die Prüflinge mußten anstehen, um irgendwann geprüft werden zu können. Unglaublich, wieviele Studenten neben, vor und hinter mir anstanden. Es bildeten sich riesige Menschenschlangen. Diese wurden abgefertigt wie auf einem Flughafen. Mit Schaltern, Drehtüren und so weiter…

Der zweite Traum war recht wunderlich. Ich träumte von Frau Kokolores, besser gesagt: von ihrem Weblog.
Ich entsinne mich noch genau des Headerbildes: Ein Leuchtturm auf blauem Grund. Eine simple, comicartige Zeichnung.
Der neueste Eintrag des Weblogs beinhaltete eine endlose Auflistung von Fotos, auf denen Tassen zu sehen waren. Allesamt mit verschiedenen Leuchtturmmotiven [Ich erinnere mich auch an beigefarbene…]. Frau Kokolores hatte diese vielen Leuchtturmmotivkaffeetassen zum Geburtstag bekommen, freute sich nun darüber wie ein kariertes Honigkuchenpferd und bedankte sich recht artig bei allen Schenkenden.
Scheinbar war sie versessen auf Kaffeetassen mit Leuchtturmmotiv.

Was hatte das nur zu bedeuten…?

Über Liebe, Abhängig- und Unvollständigkeit

Liebe ist kein Triumphzug
Sie ist nur ein schwaches
Halleluja.
“ [Janus]

Ein Faktor innerhalb der Liebe, dem ich bisher wenig Beachtung schenkte, ist die Abhängigkeit. Ich meine nicht die Liebe als Sucht, sondern die Abhängigkeit vom Objekt der eigenen Liebe.

Die Freundin meines Mitbewohners war unlängst in Irland – für acht Monate. Im Herbst wird Sie für weitere acht Monate nach Wales reisen. Diese Ferne würde mich vermutlich zerfetzen. Ich bin der Ansicht, daß Liebe jedes Hindernis zu überwinden vermag [wie romantisch…], und glaube, daß auch hier nach den Monaten der Trennung die Liebe in neualten Blüten erstrahlen wird. Acht Monate sind ein kurzer Zeitraum im Angesicht einer ewig währenden gemeinsamen Zukunft [woran Liebende nunmal zu glauben pflegen]…

Warum aber fährt Sie fort? Warum läßt Sie einen Wartenden zurück, der vermutlich nicht anderes kann, als wegen Seiner Studien hier zu bleiben? Warum verharrt Sie nicht im Alltäglichen?

Ich kenne die beiden, ihre Beziehung, und freue mich für Sie, die Fortfahrende, leide zugleich mit ihnen beiden ob ihrer anstehenden Trennung. Doch Er neigt zu Gewohnheiten, zur Stagnation, zu Prinzipien in jeder Lebenslage, neigt dazu, Sie vergessen zu lassen, wie wichtig Sie für Ihn ist. Und das ist Sie zweifelsohne. Zwar wagt Er selten eine zärtliche Berührung, einen Kuß, eine Umarmung, doch bemüht Er sich, Ihr jeden Weg zu erleichtern, Ihr mit allen, einer Öffentlichkeit aussetzbaren Mitteln zu zeigen, wieviel Sie Ihm bedeutet.

Ich bin mir nicht im Klaren über ihre Zweisamkeiten, doch sicher darüber, daß viele Gewohnheiten in das Leben der beiden eingezogen sind, aus denen auszubrechen sich zuweilen lohnen würde.
Vielleicht flieht Sie tatsächlich, nicht für immer, nur für ein paar Momente, um Ihre Beziehung anschließend noch höher schätzen gelernt zu haben, um die Alltäglichkeiten wieder zu lieben.

Alltäglichkeiten werden in jeder Beziehung auftreten, werden zwei Menschen unbewußt aneinander fesseln. Davor fürchte ich mich nicht. Doch Furcht überkommt mich in dem Augenblick, in dem sich herausstellt, daß außer Alltag nichts verblieb.

Für Ihn, den Zurückbleibenden, stellt sich noch ein weiteres Problem dar: Ein fester Teil Seines Hier und Jetzt nimmt Abstand, verweilt in der Ferne [und ist dort mit Interessantem, Neuem konfrontiert und voerst abgelenkt…]. Sein Verlorensein ist unabdingbar, ein Verlorensein in einer Welt, die nur noch aus Ihm selbst besteht.

Und das ist es, was ich mit Abhängigkeit meine. Hat man einmal tiefe, innige Liebe im eigenen Herzen entdeckt, so ist das Fehlen dieser einer Unvollständigkeit gleichzusetzen, die zwangsläufig zu Unbehagen führt. Erfahren zu haben, was Liebe bewirkt, was sie bedeutet, läßt ihre Abwesenheit schmerzen, als hätte das eigene Leben eine Bereicherung erfahren, deren anschließendes Fehlen aber ein Loch, eine namenlose Leere bedeutet.
Liebe ist ein Luxus, den man nach dessen Gewinn nicht mehr missen möchte.

Dazu gehören auch die Alltäglichkeiten.
Diese erwecken das Bewußtsein der Gegenwart der Liebe, werden schließlich untrennbar mit ihr verbunden. Die gemeinsamen Gewöhnlichkeiten stellen also trotz ihrer Profanität etwas Besonderes dar, da sie zum Symbol der Liebe und deren Tiefe geworden sind.
Fehlt nun durch Trennung auch jene unbedeutende Alltäglichkeit, bekommt der Liebende die Abhängigkeit von Liebe, von mit Liebe verbundenen Gewohnheiten zu spüren, führt die gleiche Leere wie jener, dessen Existenz der Liebe völlig beraubt wurde.

Liebe, selbst wenn sie noch nicht in gemeinsame Alltäglichkeiten ausarten konnte, bedeutet Abhängigkeit. Denn selbst der frisch Verliebte sehnt sich nach Zeichen, nach Bestätigung und vermag sich ohne Symbole, welche die Gegenwart der Liebe verifizieren, nicht wirklich glücklich zu fühlen.

Jeodch bin ich nicht so vermessen, diese Abhängigkeit als etwas grundlegend Negatives zu erachten, ist es auch sie nur ein Symbol für eine Schönheit, die jeglicher Beschreibung trotzt, für ein Empfinden, dem wohl die höchste aller Bedeutungen zukommt.

[Im Hintergrund: Nine Inch Nails – „With Teeth“]

Eindringlinge

Da mir die Vorstellung gefiel, inmitten von Vogelgezwitscher und Sonnenschein den eigenen Gedanken hinterherzuhorchen, hatte ich mir ein wunderschönes Plätzchen am Elbufer ausgesucht, an dem ich es mir gemütlich machte. Ich zückte mein kleines Notizbuch, einen funktionsfähigen Kugelschreiber und schrieb munter drauflos, sinnierte über Liebe, über Abhängig- und Unvollständigkeit. Hin und wieder klackerten hinter mir ein paar Nordic Walker den Kiesweg entlang, unterhielten sich zu laut, übertönten sogar das Dröhnen des tschechischen Lastschiffs, das langsam vorbeikroch. Ich schrieb, hielt inne, schrieb weiter, hörte mich im Kopf die eigenen Worte dozierend verlesen, lächelte bei diesem Gedanken, lächelte ob meiner guten Laune und der angenehmen Umgebung.

Dann hörte ich Stimmen.
Die Zeit war wie im Flug vergangen; eine Stunde lang hatte ich nur dagesessen, geschrieben und zuweilen selig auf die Elbe gestarrt. Doch nun hörte ich Stimmen. Sie kamen rasch näher.
‚Die werden doch nicht…‘, dachte ich.
„Da sind schon Leute.“, hörte ich.
‚Leute?‘, dachte ich und erwiderte das begrüßende Kopfnicken der Neuankömmlinge so freundlich, wie es jemand vermochte, der soeben aus tiefsten Gedanken gerissen worden war und nun keine Möglichkeit mehr sah, dorthin zurückzukehren.

Die beiden Störenden hielten sich an den Händen, tauschten intensive Blicke. Ich hatte wohl ihren romantischen Stammplatz belegt. Das jedoch störte sie nicht; sie entfalten eine karierte Kuscheldecke, ließen sich darauf nieder und kuschelten sich eng aneinander, begannen, sich zu küssen, zu streicheln.

Ich sah weg, wollte nicht länger hier sein, versuchte vergeblich, mich unsichtbar zu machen. Noch ein paar abschließende Worte träufelten aus meinem Geist aufs Papier, bis ich es nicht mehr aushielt.

Ich habe nichts gegen Liebe, gönnen jedem Liebenden das persönliche Glück, freue mich gar, wenn Paare ihre tiefe Zuneigung zueinander zum Ausdruck bringen. Doch mich stört es, wenn mir derartige Liebesbekenntnisse aufgedrängt werden, ohne daß ich ihnen angehöre, wenn ich meiner kleinen Eigenwelt entrissen werde, um in den Strudel einer fremden zu geraten, deren Teil ich nicht sein möchte, nicht sein sollte. Mich stört es, wenn ich mich an scheinbar wohligem Platz plötzlich überflüssig fühle, wenn mir deutlich gemacht wird, daß ich, in dessen heimliches Reich andere eingebrochen waren, auf einmal als Eindringling gelte, obwohl ich nichts weiter gesucht hatte als stille Abgeschiedenheit und die Stimme meiner eigenen Gedanken.

Die Stimme war verstummt, durch fremde ersetzt worden.
Ich klappte mein Notizbuch zu, zog die Schuhe an, stieg auf mein Rad und raste von dannen…

Generationsgedanken

Mitten in der Nacht erwachte ich, von abstrusen Gedanken geplagt. Einer davon lautete derart:

Da es im allgemeinen üblich ist, Dinge und Personen bestimmten Schubladen zuzuordnen, sollte das doch ebenso mit Personengruppen funktionieren, die nichts weiter verbindet als die zufällige Gleichheit des Geburtszeitraumes.

Es wurden bereits mehrfach Versuche unternommen, Generationen zu benennen, albernen Überschriften unterzuordnen, als wären alle im selben Zeitraum Geborenen unverwechselbar gleich, mit den gleichen politischen und sozialen Umständen aufgewachsen und hätten demnach allesamt dasselbe erlebt und zu erzählen.
‚Generation Golf‘ und ‚Generation iPod‘ stellen solche Versuche dar.

Doch das ist noch steigerbar.
Auch muß man sich nicht die Mühe machen, kreative Ideen fließen zu lassen und alle einer Generation Angehörigen bestimmten Produkten oder Werten zuzuordnen.

Einfacher wäre es doch, durchzunumerieren oder besser: durchzualphabetisieren.
Irgendwann beginnt man mit „A“, bezeichnet wahllos eine Generation als „Generation A“ und nennt die danach folgende „B“, die darauffolgende „C“ usw.

Bleibt die Frage, wo man beginnen sollte, da es irgendwie vor jeder Generation schon einmal eine gegeben haben muß. Das alte Huhn-oder-Ei-Problem.

DIe Lösung ist einfach:
Ich möchte, daß meine Generation mit „D“ klassifiziert wird.
Ich bin ein Teil der D-Generation.

[Im Hintergrund: Tool – „Aenima“]

Keine Zeit

Als Reaktion auf einen Weblogeintrag bei Irgend Link kamen mir folgende Worte in den Sinn:

Ich urlaubte schon dreimal auf der Insel Kreta. Ich würde gern behaupten, ich verweilte abseits touristischer Einflüsse, aber das wäre eine Lüge. Aber ich war in einem Dorf, wo keine Monsterhotels standen und nur zwei Souvenirläden existierten.
Ich bewunderte in diesen Urlauben immer wieder die griechische Gelassenheit, die Ruhe, mit der sie alle ihre Tätigkeiten angehen. Das färbte sich ab.

Zumeist hielt die Abfärbung nicht lange. Kaum war ich in heimtliche Lande zurückkehrt und ein paar Tage der Hektik anderer ausgesetzt gewesen, verlor ich alle aufersehnte Gelassenheit, alle Ruhe.
Nun aber, nachdem ich drei Mal dort verweilte, nachdem ich mein Grundstudium längst hinter mir ließ und mich immer wieder frage, ob mein Weg denn der richtige sei und beruhigt feststelle, zu keiner Lösung kommen zu können, bemerke ich die Gelassenheit in mir.

Ich trage keine Uhr. Zu terminlichen Verpflichtungen versuche ich selbstverständlich pünktlich zu sein, doch lasse es mir nich nehmen, vorher in Ruhe zu lesen oder zu frühstücken. Es gibt keinen Grund, sich über einen verpaßten Bus zu ärgern oder mit dem Auto waghalsig durch die Innenstadt zu düsen – nur um fünf Minuten eher vor dem heimischen Fernseher sitzen und Sendungen wie „Die Burg“ schauen zu können.

Es ist das Wissen, daß alles seinen Weg gehen wird, daß es keinen falschen Weg geben kann, einfach weil das eigene Leben nur über einen Weg verfügt und keine Möglichkeit besteht, zurückzugehen und anders zu wählen oder zu schauen, was bei anderen Daseinsvarianten herausgekommen wäre.

Ich will nicht behaupten, daß deswegen alles prinzipiell richtig ist; aber ich habe aufgehört, mich um vieles zu grämen.
Beispielsweise studiere ich ein Fach, das zwar interessant ist, aber mich zuweilen nervt und zweifeln läßt, ob ich in späterer Berufswelt mich mit derartigem auseinandersetzen möchte. Ich beschäftige mich mit anderem, nebenbei, und freue mich darüber, in Zukunft, wenn ich mein Studium abgeschlossen haben werde, nicht nur einen [den geradlinigen], sondern unzählige Wege vor meinen Füßen liegen zu sehen. Und jeder ist irgendwie der Richtige.

Das nimmt mir zuweilen viele Ängste und schenkt eine Ruhe, die mir das Gefühl gibt, von der Welt um mich herum abgeschottet zu sein, in Eigenzeit eingeschlossen, die langsamer verläuft, doch mehr Platz hat für mich selbst…

Und noch während ich das schreibe, rennt meine Mitbewohnerin mehrmals hektisch an meinem Zimmer vorbei. ‚Keine Zeit!‘, murmelt sie, als ich sie verwundert anblicke…

Straßenbahnerlebnisse 6

Ich stieg aus.

In Indien ist es nicht üblich, den eigenen Kindern beizubringen, daß man zuerst die Leute aus der Bahn herauszulassen habe, bevor man selbst einsteigt. In Deutschland schon. Ob das gut ist oder nicht, weiß ich nicht.

Festzustellen war jedoch, daß sich, als ich versuchte, aus der Straßenbahn auszusteigen, mich mit einer vielköpfigen Menschenmasse konfrontiert sah, die in kompletter Form in die Bahn hineinzugelangen versuchte. Dabei war wichtig, dem Nebenmann keinen Zentimeter Platz zu gönnen; vielleicht wäre er sonst derjenige, der den letzten freien, guten Sitzplatz vor der eigenen Nase wegschnappte.

Die Masse drängte hinein; ich wollte hinaus, stand schon der Tür, doch gleichzeitig auch vor einem nahezu undurchdringlichen Hindernis. Der Menschenleiberpulk wurde angeführt von einer ganz in Schwarz gekleideten, beleibten jungen Dame, die ihre Handtasche wie einen Schild vor sich hielt. Auch die Handtasche war schwarz. Allerdings hatte sich der Designer der Tasche wohl gedacht, daß Schwarz allein wenig Stil mit sich bringe und etwas Buntes, Glitzerndes, Witziges, Frisches, Peppiges hinzugefügt werden müßte. Und so funkelten auf der Tasche in riesigen pinkfarbenen Glitzerbuchstaben die Worte „PINK BAG“. Ich schaute hin, wunderte mich, schaute nochmal. Tatsächlich; die Tasche war noch immer schwarz, tiefschwarz, und einzig die alberne Glitzerbuchstaben verfügte über eine Pinkfärbung.

‚Haha!‘, wollte ich denken, als die Menschenmasse über mich hereinbrach, mich überrollte, mich in die Bahn zurückdrängte, auf die freien Sitzgelegenheiten quoll, hastete, als gäbe es nichts Wichtigeres.

Ich floh, eilte durch den Wagon nach hinten, zur letzten Tür, stieg aus, frei, unbelästigt, unbehelligt, ohne Platznot, mit dem Bild einer schwarzen Handtasche im Kopf, die von sich behauptete, pink zu sein.

Mit mir zusammen stieg eine ältere Frau aus, welche die Sechzig schon überschritten hatte. Ihre letzten Worte an den gerade verabschiedeten, scheinbar befreundeten Fahrgast waren:
„Ich schreib dir ne Mail.“

Verdutzt blieb ich stehen, sah der grauhaarigen Dame nach und bemerkte nicht, wie sich hinter mir die Türen schlossen und die Straßenbahn davonfuhr.

Das Wort des Tages 14

Das Wort des heutigen Tages sei
Geifer.

Bevor ich die geifernden Stimmen aus dem imaginären Publikum vernehme, die sich darüber auslassen, wie eklig dieses Wort doch sei, biete ich eine kleine Erklärung an:

Ich wohne im Dachgeschoß. Dächer verfügen über die zuweilen unerfreuliche Eigenschaft, sich in den oberen Regionen eines Bauwerkes aufhalten zu wollen, weswegen meine Etage nur über inexistente Fahrstühle oder unzählige Treppenstufen erreichbar ist.

Einhundertunddrei. 103. Das ist die Zahl der Stufen, die ich täglich mehrfach begehe. Hoch und runter. Runter und hoch.

Wenn ich mich beeile, schaffe ich es, in weniger als zwei Minuten den Müll runterzubringen. Wenn ich aber einen schlechten Tag erwische, benötige ich deutlich länger, krieche die einzelnen Stufen herauf, schleiche mühevoll an von der Putzfrau übersehenen Einkaufszettelfetzen und unter das Geländer geklebten, durchgekauten Hubbabubba-Kaugummis vorbei, ärgere mich über den gehässigen Feuermelder, der mir anzeigt, daß ich noch zwei weitere Etagen, also vierzig unüberwindbare Stufen, zu erklimmen habe.

Heute war kein schlechter Tag, doch meine Mitbewohnerin begleitete mich, vom Mensaessen gesättigt und mit innerer Trägheit überflutet. Den Wohnungstürschlüssel in der rechten Hand haltend [Ich hatte meinen versehentlich vergessen.] schlich sie die Stufen hinauf, bei jedem Treppenabsatz aufstöhnend.
Ich hatte genug Zeit, nebenbei den prozentualen Anteil bereits hinter uns gebrachter Stufen zu dem noch zu besteigender im Kopf ins Verhältnis zu setzen und mit allerlei Zahlen zu jonglieren, die Namensschilder der unter uns Wohnenden intensiv zu betrachten, den orangfarbenen Kaugummi einer gründlichen Musterung zu unterziehen und die Dreckkrümel auf dem Boden zu zählen.

„Was ist DAS!?“, fragte meine Mitbewohnerin angewidert und deutete auf einen schwarzen Fleck am Boden.
Im ersten Augenblick hielt ich es für Schmutz, für irgendeine organische Flüssigkeit, die sich nach mehreren Tagen in eine feste, schwarze Substanz verwandelt hatte.

„Ein Brandfleck?“, mutmaßte meine Mitbewohnerin.
Ich gab ihr recht, denn tatsächlich sah der schwarze Fleck aus, als wäre er eingebrannt worden. Nun ja, nicht ganz, eher, als wäre das Linoleum der Treppenstufe kurz Zeit großer Hitze ausgesetzt gewesen – allerdings nur an dieser einen Stelle, deren Durchmesser vielleicht drei Zentimeter betrug.

‚Säure!‘, dachte ich plötzlich, stellte mir vor, wie ein verrückter Wissenschaftler mittels einer Pinzette ein paar Tropfen hochkonzentrierter Schwefelsäure auf den Boden träufelte und wohlig sabbernd die vom verkohlten Linoleum aufsteigenden Dämpfe inhalierte.

Moment. Sabber? Säure? Da war doch was!?
Na klar: Aliens!

Und nun war alles klar.
Kein Brand, keine verderbliche Flüssigkeit, kein verrückter Wissenschaftler hatte zur Entstehung des mysteriösen schwarzen Flecks beigetragen. Nur ein riesiges, häßliches, von Sigourney Weaver verschontes Alienmonstrum, das im Treppenhaus heimlich arglosen Mietern aufgelauert und dabei seinen ätzenden Geifer auf irgendeiner der 103 Stufen verteilt hatte…

Und schon setzte sich das Wort Geifer in meinen Schädel und verleitete mich zu der Feststellung, daß es nicht nur einen interessanten und ungewohnten Klang besaß, sondern unbedingt zum Wort des Tages gekürt werden sollte.

Allerdings werde ich wohl in der nächsten Zeit nicht mehr Rad fahren. Wer weiß, was sich im Fahrradkeller versteckt…