Begleitservice

Eine meiner Aufgaben als Zivildienstleistender im Krankenhaus war es, Patienten zu Röntgen, Computertomographie, Ultraschall etc zu begleiten. In den meisten Fällen war das nötig, wenn der Patient sich alleine nur mühsam oder unsicher [oder gar nicht] fortbewegen konnte oder die Gefahr einer Irrwanderung inerhalb des riesigen Krankenhauskomplexes bestand.

Diese bestand immer. Meine ersten Wochen als Zivildienstleistender waren ein navigatorischen Greuel. Auf meine Orientierungsfähigkeiten war noch nie sonderlich Verlaß gewesen, doch die Ratschläge der wegweisenden Schwestern taten ihr Übriges, um mich komplett zu verwirren. Schließlich waren die meisten genannten Wegziele seit Jahren schon nicht mehr nicht dort anzutreffen, wo sie nach Meinung der Wegweisenden hätten sein sollen. Unterwegs irgendeine weißbekittelte Gestalt zu fragen, war zum einen einigermaßen respektlos [Ich war nur Drecks-Zivi, und bei meinem Gegegnüber konnte sich womöglich gar um einen Chefarzt oder Professor – oder beides – handeln…] zum anderen aber auch erstaunlich erfolglos.

Die wenigsten Krankenhausangestellten wußten tatsächlich wo das Röntgen war, wo ich neue weiße Wäsche bekam, wohin man sich wenden mußte, wenn man diesem oder jenem Arzt etwas zu überreichen hatte.

Ich fragte mich durch – andere Zivis halfen weiter -, suchte, probierte, riet. So viel hatte ich nicht zu tun, als daß ich nicht das ganze Gebäude allmählich durchstöbern konnte. Tatsächlich schlenderte ich eines Tages gelassen den Hauptgang entlang, als mir meine vorgesetzte Oberschwester über den Weg lief, mich herumschlendern sah und verbissen fragte:
„Sie haben wohl nichts zu tun, oder wie?“

Ich hatte tatsächlich nichts zu tun, wenn man von einem Gang zur Apotheke absah, nach dessen Rückkehr mir Langweile drohte. Doch ich schwieg, zeigte auf die Apotheke. Zuzugeben, daß man nichts zu tun habe, konnte desaströs enden.
„Naja, denn…“, giftete die Oberschwester und eilte von dannen. Sie hatte es immer eilig. War immer gestreßt. Und sie konnte mich nicht leiden.

Dazu gab es auch allen Grund; schließlich neigt ein gelangweilter 18Jähriger in einem zehngeschössigen Bauwerk schon einmal dazu, sämtliche Knöpfe im Fahrstuhl zu drücken, bevor er hastig aussteigt – und gerade noch sieht, wie die Oberschwester diesen Fahrstuhl betritt und ihm einen mißtrauischen Blick zuwirft, der später in eine unangenehme Unterredung münden sollte…

Einer der unangenehmsten Wege, die ich innerhalb des Krankenhauskomplexes zu erledigen hatte, war der Auftrag, eine beleibte Frau aus arabischen Landen zum Röntgen zu bringen. Diese verstand zwar kein einziges Wort Deutsch, war aber immer sehr freundlich gewesen und hatte ständig versucht, allen Krankenschwestern, Ärzten und Zivis ihre nicht unbedingt wohlschmeckenden Kekse anzudrehen.

Der Weg zum Röntgen dauerte seine Zeit. Ging ich alleine, konnte ich mit etwa drei bis fünf Minuten Fußmarsch rechnen – ohne Berücksichtigung der Auf-Den-Fahrstuhl-Wartedauer. Mit Patienten dauerte der Weg natürlich wesentlich länger; denn diejenigen, die ihn in gleicher Geschwindigkeit wie ich zurücklegen konnten [und davon gab es glücklichereise genug], waren auf meine Begleitung nicht angewiesen. Der Rest brauchte eben eine Weile.

Die Araberin ging langsam, gemächlich. Das hätte mich nicht weiter gestört, wäre sie nicht in ihren Traditionen und Bräuchen verhangen gewesen, die ihr befahlen, aufzwangen, hinter einem Mann [und sei er noch so jung] hinterherlaufen zu müssen, Abstand zu wahren.
Zuerst begriff ich nicht. Ich ging los, doch sie rührte sich nicht, kam erst allmählich nach. Sie bewegte sich langsam; doch wenn ich anhielt, um sie aufholen zu lassen, blieb auch sie stehen.

Wir kamen kaum voran. Schließlich war es meine Aufgabe, die Frau zum Röntgen zu begleiten, nicht wie ein albernes, berädertes hölzernes Kinderspielzeug hinter mir her dackeln zu lassen. Ich hatte den Auftrag, sie zu führen, ihr, wenn nötig, behilflich zu sein.
Doch sie lief hinter mir, langsam. Immer wieder sah ich mich um, lächelte ihr aufmunternd zu. Doch sie sah mich nicht an, ging weiter und weiter, achtete immer auf den Abstand zwischen uns.

Wenn ich um eine Ecke bog, kam sie mir erst nach, wenn sie sicher sein konnte, daß ich weitergegangen war und nicht auf der anderen Seite wartete. Wenn ich jemanden traf, den ich kannte und mit ihm ein paar Worte wechselte, blieb sie stehen, als gehörte sie nicht zu mir, und ich mußte immer wieder zurückschauen, um mich zu vergewissern, daß sei noch hinter mir war.

Ich glaube, daß ich – noch nicht einmal, wenn ich [gegen die Arbeitsauflangen verstoßend] allein ein gefülltes Krankenbett durch die Gänge karrte – noch nie derart lange für den Weg von der Station zum Röntgen gebraucht habe.
Zum Glück sollte ich die Frau nur abliefern, nicht auf sie warten und sie – vorerst – nicht abholen.

Ich hatte mehr als eine halbe Stunde sinnlos vertrödelt, einzig mit Warten, Schauen und langsamem Gehen.
‚Gute Leistung.‘, dachte ich, meldete mich auf Station ab, ging mit meinem Zivi-Kumpel erst einmal eine geschlagene Stunde lang Essen, wohnte dann noch dem ausgiebigen Kaffekränzchen der Schwestern bei und durfte mich dann umziehen, durfte nach Hause gehen.

Auf dem Heimweg jedoch fühlte ich immer wieder den Drang in mir, mich umzudrehen, glaubte einen Schatten hinter mir gesehen zu haben, der mir unaufhörlich, in stetig gleichem Abstand folgte…

Gesammelte Weisheiten

Um mir die Mühe zu ersparen, Einzelkopien anzufertigen, gebe ich hier einfach eine Auflistung aller in meinem alten Weblog gesammelten „Weisheiten“ preis.

plötzlich begriff ich, daß ich nur hier war, um woanders sein zu wollen…
[04.02.2005]

vielleicht ist all dies vergebens gelebte zeit, in der ich nicht in deinem herzen weile…
[06.02.2005]

erwartete worte sind immer zu wenig…
[20.02.2005]

Ich bin kein Pseudo. Ich tu nur so.
[09.03.2005]

„Wenns am schönsten ist, soll man gähnen.“
[Die wahrscheinlich beste Antwort auf die einem willkürlichen Gähnen folgende Frage, ob einem langweilig sei, obwohl einem überhaupt nicht langweilig ist.]
[23.03.2005]

Verlorenes gefunden
Auf Fetzen der Vergangenheit fand ich mein Verlorensein.

[30.03.2005]

Der von mir genutzte Duschkopf speit Wasser aus insgesamt 44 Löchern, die in drei konzentrischen Kreisen zu 8, 16 und 20 Löchern angeordnet sind.
[01.04.2005]

Cocktails ohne Alkohol sind wie Bratwürste aus Tofu.
[04.04.2005]

An Scheißtagen treffe ich auch nur Scheißleute.
[08.04.2005]

Umzug der Vergangenheiten

Der Umzug von myblog.de/morast zu morast.twoday.net gestaltet sich aufgrund des mir eigenen Perfektionismus als einigermaßen aufwändig, bin ich doch willens, mein altes Weblog [Noch immer bin ich mir über das Geschlecht des Wortes „Weblog“ im Unklaren…] nahezu komplett zu übernehmen, was im ersten Moment wenig sinnvoll klingt, weil niemand sich für dreihundert veraltete Einträge interessieren wird, doch für mich insofern Bedeutung hat, als daß unter diesen dreihundert Einträgen viele sind, die mir zusagen, mich bewegen oder mich bewegten. Sie einfach zurückzulassen [Na gut; sie sind auch irgendwo auf meiner Festplatte gespeichert…] gliche einem Verrat am eigenen Schaffen.

Nicht alles, was ich schreibe, denke, kreiere ist wunderschön, lesenswert, perfekt; doch das soll es auch nicht, bin ich doch nur Mensch, nur ich. Doch fand ich beim Importieren einiger „älterer“ [die ältesten sind vom Januar 2005] Texte, die mich dazu einluden zu verweilen, noch einmal zu lesen und in Eigengedanken zu schwelgen.

Schließlich wirken diese eigenen Gedanken, aus dem Blickwinkel der Gegenwart betrachtet anders, fremdartig, als wären sie von anderem verfaßt worden – aber doch noch immer bekannt und nahegehend genug, um zu ergreifen, um Gedanken und Gefühle zu erwecken, um zu berühren, zu erinnern, um zu weiterem Denken zu bewegen.

Ich verliebe mich kurz in meine Zeilentrauer, in mein Wörterlachen, in ein früheres Abbild meiner Selbst, das Ich genug ist, um in meinem heutigen Dasein wiedererkannt zu werden, das mir gleicht bis aufs Detail – und doch abseits steht, ein wenig fremd wirkt.

War ich das, der so dachte? Denke ich noch immer so? Fühle ich noch immer so? Wäre ich imstande, heute, jetzt, ähnlich Bewegendes zu verfassen, ähnlich Schönes/Schlechtes/tragisches/Mitleiderregendes/Langweiliges/…?

Ich glaube nicht; ich glaube nicht, daß ich imstande bin, mich selbst zu kopieren. Doch das ist weniger Ausdruck einer persönlichen Weiterentwicklung [die aber auch stattgefunden haben kann] als vielmehr der Beweis, daß das Schreiben dem Moment entspringt, dem eigenen Inneren, dem Seelenleben, der augenblicklichen Gefühlsslage. In anderen Augenblicken denke ich anders, forme ich andere Worte zu anderen Sätzen, lächle anders, weine anders, bin anders.

Meine Vergangenheit sonnt sich in der Wärme meiner Rückblicke; und mich überkommt das Wissen, daß ich nichts zurücklassen darf, was nicht des Zurücklassens würdig ist.

Viel zu tun; doch ich freue mich darüber, lauert doch hinter allem ein fremdbekanntes Ich, Wortwelten des Gewesenen und trotzdem noch immer Gültigen…

Mailkontakt

Heute verfaßte ich folgende Mail und verschickte sie an drei Emailadressen.

Sei gegrüßt, ehrenwerte A.

Ich könnte sagen (oder besser: schreiben), es nervt, doch das trifft es
nicht. Schließlich nervt es keineswegs, sondern amüsiert mich eher; einzig
die bisherige Ergebnislosigkeit stört mich ein wenig.

Ich fange am besten von vorne an.
Ich heiße Morast und kenne M, der dir hoffentlich ein Begriff
ist [wenn nicht, bin ich vermutlich an der falschen Adresse gelandet – mal
wieder].
Jener M berichtete mir von dir, gab zwar überaus positive, allerdings
auch relativ wenige Worte von sich.
Jener M fragte mich, ob ich daran interessiert sei, dich
kennenzulernen.
Jener M behauptete, einst mit dir sogar auf meiner Heimseite
herumgestöbert, ja sogar ein paar Worte über meine Wenigkeit verloren zu
haben.

Leider war jener M am Tage dieses Dialoges … äh … nicht mehr ganz
bei der Sache, weswegen er, als er mir deine Mailadresse gab, einen
klitzekleinen Fehler hineinbastelte, meiner Ansicht nach ein E vergaß.
Zu Hause angekommen überlegte ich nicht lange und schrieb einfach an beide
– „falsche“ und „richtige“ – Adressen ein paar freundliche Zeilen.
Sofort erhielt ich Antwort – eine Fehlermeldung; die von M
aufgeschriebene Adresse war inexistent.
Die korrigierte Variante mit dem zusätzlichen E allerdings produzierte
niemals eine Antwort.

Ich gab mich damit zufrieden; schließlich konnte dein Interesse aus
verschiedensten Gründen ja durchaus gleich Null sein. Eines Tages jedoch
wurde mir durch eine dritte Person zugetragen, daß M sich bei der
Angabe deiner Mailadresse vertan habe. Nicht gmx sei der Provider, sondern
aol.

‚Nun gut.‘, dachte ich, und schrieb eine weitere Mail an die nun aber
richtige Adresse. Eine Fehlermeldung folgte sofort. Ich gab auf, fragte
M per mail um Rat.
Allerdings wußte ich nicht, daß M mittlerweile keinen Internetzugang
mehr hatte, demnach meine fragenden Sätze nicht lesen konnte.

Letzten Samstag traf ich ihn durch Zufall wieder. Und prompt fragte ich
ihn nach der Mailadresse.
Er konnte sich wieder nicht so recht an die wirklich zutreffende
Mailadresse entsinnen, korrigierte seine bisher gemachten Angaben minimal
und überließ es mehr oder weniger mir, die richtige herauszufinden.
Er scwürde mir eine SMS schreiben, meinte er. Doch bis heute erhielt ich
nichts und glaube auch, daß nichts mehr kommen wird.

Leider besitze ich keine seiner Telefonnummern, um nachzufragen; werde
aber, sollte dieser Versuch wieder fehlschlagen, mir die Mühe machen, die
Nummer über Dritte in Erfahrung zu bringen, um dann zu ihm Kontakt
aufzunehmen und zu hoffen, daß er dann die richtige Mailadresse zu
diktieren vermag.

Ich glaube, daß all das sicherlich einfacher zu lösen gewesen wäre und
weiß noch nicht, inwieweit diese Geschichte, die – wenn ich mir den obigen
Text betrachte – doch schon recht umfangreich geworden ist, positiv
verlaufen wird, doch bin neugierig und amüsiert genug, um das Beste zu
hoffen.

Ein Teil dieser Hoffnung beinhaltet, daß du, so du dich mit diesen Worten
irgendwie angesprochen fühlen solltest, mir eine kleine Antwort zukommen
läßt.

Ich bin gespannt…

Morast

Sofort nach dem Abschicken der Zeilen erhielt ich drei Fehlermeldungen…

Nutzlosigkeiten

Meine Angst ist nutzlos.
Das Wissen von der Nutzlosigkeit meiner Angst ist nutzlos.
Das Wissen von der Nutzlosigkeit des Wissens von der Nutzlosigkeit meiner Angst ist nutzlos.

Vakuum

der Stille deinen Namen schenkend
der Leere
die im Arm mir schwelt
ein Wattehauch aus Möglichkeiten
vorbei
vergebens
unbeseelt

dein Wortflüster heimlich suchend
trinkend
was im Geiste quellt
im Tanze deinem Fehlen folgend
dem Augenblick
der dich enthält

der Stille deinen Namen schenkend
‚Verbleib!‘
sehnt blasses Ich-Gesicht
ein Zitterfinger sucht Berührung
die leere Form
erkennt mich nicht.

www.bluthand.de

Unter Federn

Tageslicht entweicht in Schatten
Formen geben sich in Grau
ein Gedicht liegt auf den Lippen
lächelnd schweigt das wahre Wort.

Blindheit tobt auf Tränenaugen
Silhouettentanz im Kopf:
ferne Nähe spürt mein Lächeln
lockt ein Flüsterlicht hervor.

Tief geschlossen alle Blicke
Innenpforte öffnet sich
‚Halt mich fest‘
dein zartes Wispern
als das Träumen mich verschlingt.

www.bluthand.de

The Return of the Yellow Zettel

‚Ich werde den gelben Zettel wieder an den Monitor kleben.‘, denke ich mir.

‚“NO!“ soll er schreien, wenn ich mich mit den Weiten des Internets abzulenken versuche.‘
Ein guter Gedanke. Ich krame den Zettel unter einem Berg unbdeutenden Krimskrams hervor, befühle die Klebefläche.
Sinnlos. Sie klebt nicht mehr.

Haftnotizzettel verfügen prinzipiell nur über eine geringe Klebkraft, dessen bin ich mir bewußt. Doch meine scheinen mit einem Minumum an Haftbarkeit auskommen zu wollen. Benachrichtige ich meine Mitbewohnerin mittels derartiger Klebenotizen über einen ihr entgangenen Anruf, kann ich damit rechnen, daß der Zettel wenige Minuten nach dem Befestigen an der Tür auf dem Boden zu finden ist – mit der Schrift nach unten natürlich, damit man nicht auf den Gedanken kommt nachzulesen, was denn darauf geschrieben steht.

Doch geschenkten Haftnotizzetteln schaut man nicht auf die Klebefläche, weswegen ich mich erbarme, ihm, dem erwähnten „NO!“-Zettel, ein zweites Leben zu gewähren, ihn noch einmal an den Monitor zu kleben – und sei es mittels haftunterstützendem Klebestreifen.

Mein Klebestreifen scheint übrigens mit meinen Haftnotizzetteln verwandt zu sein, ist doch die Bezeichnung „Klebe“streifen ein wenig zu euphemistisch. Ich würde behaupten, der Klebestreifen [Mir ist zu Ohren gekommen, daß nur wir ehemalige DDR-Bürger das Wort „Klebestreifen“ benutzen, während es woanders „Tesa-Film“ oder sonstwie heißt – selbst wenn es sich nicht um ein Produkt der Firma Tesa handelt…] haftet etwa so gut wie ein normaler Haftnotizzettel. Wenn überhaupt.

‚Das sollte ausreichen.‘, denke ich und freue mich darüber, mir das Lernen mit eiserner Gewalt aufzwingen zu wollen – schließlich ist es mittlweile nötig, derart zu agieren.

Ich beginne zu wühlen. Das Kuddelmuddel auf meinem Schreibtisch verweigert sich jeder ordnenden Struktur; doch das soll mich nicht von meinem Klebestreifenspenderauffindvorhaben abhalten, soll mich nicht davon zurückhalten, endlich einigermaßen diszipliniert zu lernen. Ich wühle, schiebe Hefter beiseite, den Koran, Federtaschen, Gläser, eine halbvolle [wie optimistisch…] Cola-Flasche, das Telefon, eine Fernbedienung, Lineale, Zeichnungen, Briefumschläge, Kalender, Aufkleber, Telefonrechnungen, Folien, Disketten, Lesezeichen, …

Kein Klebestreifen. Mist.

Ich suche an anderer Stelle in meinem Zimmer. Finde nichts. Nirgendwo. Setze mich verzweifelt wieer vor den Rechner.

‚Was ist das nur für eine Welt,‘, frage ich mich, ‚in der fehlender Klebestreifen Entscheidungsgewalt über das Bestehen bedeutsamer Prüfungen und somit über mein Studium und mein weiteres Leben besitzt…?‘

Von brennenden Giraffen, schlechter Musik und rosafarbenen Deppen

Nachdem man um Mitternacht am Magdeburger Bahnhof anläßlich einer Dalí-Ausstellung acht Giraffen zu Klängen von Pink Floyd [„Shine On You Crazy Diamond“ (Live-Version)]“ in Brand gesetzt worden waren und ich mich an den Reflexionen der Flammen in sämtlichen Scheiben und dem dadurch entstehenden Eindruck einer zu angenehmen Klängen brennenden Welt erfreut hatte, fuhren wir kurz zu C, um seiner Verzweiflung über den zu vermutenden Verlust seiner EC-Karte zusätzlich Nahrung zu geben. Ohne seine Karte gefunden zu haben, begaben wir uns in die lokale Schwarzmusikdiskothek, die Factory, die Cs Motivationslosigkeit mittels „Synthetic Pleasures“ verschwindne lassen sollte.

Doch die Musik war schlecht, so schlecht, daß ich binnen weniger Lieder [welch euphemistische Bezeichnung für diese monoton basslastige Krachklangstücke!] am Tiefpunkt meiner Laune angelangt war und infolge dessen sontan beschloß, mich zu mir völlig unbekannten Stücken zu bewegen, unabhängig von Gefallen oder Nichtgefallen. Doch die Monotonie ließ noch nicht einmal ein bewegungsintensives Ausleben lernstreß- und lärmbedingter Unlaunen zu, vermochte nicht wirklich aufheiternd zu wirken, sondern zog mich tiefer in einen Strudel aus Stirnfurchen und innerem Unmut.

Ich floh, floh in den „Club“, wie die zweite Tanzfläche genannt wurde, wo „Goth’n’Hard“ oder ähnliches angesagt war und vorerst nur alberner Batcave gespielt wurde, zu dem niemand seine Füße schwang und nur die Plattenauflegerin vergnügt ihren teilrasierten Schädel bewegte. In späteren Momenten wechselten die Klänge zu hartmetallischer Bösmusik, und ich war einigermaßen froh, nicht nur mit irgendeinem, flüchtig beannten Metaller zu kommunizieren

„Was warn das?“
„Hypocrisy.“
„Ach so.“
„Das dritte Lied von der neuen Scheibe.“
„Und was ist das? Kommt mir bekannt vor.“
„Keine Ahnung. Haggard vielleicht.“
„Nee, Dimmu Borgir.“
„Von der neuen Scheibe, oder?“

, sondern auch mehrere [zwei] mir bekannte Song vernehmen zu können, die ich zwar nicht unbedingt mochte, aber immerhin dazu einluden, mein Haupthaar ausreichend zu schütteln.

Und so wechselte ich den gesamten Abend zwischen mir unbekannter und oft mißfallender Gitarrenmusik und monoton stampfender Rumsbumsklänge, floh von einem Raum in den anderen, stetig hoffend, „auf der anderen Seite“ mit Angenehmerem erfreut zu werden, floh von einer Schlechtmusik zur nächsten, hüpfte zuweilen über irgendeine Tanzfläche und bemühte mich, meine beiden Begleiter nicht völlig zu vernachlässigen.

Die Zeit verging; Lied für Lied prasselte auf meinen Schädel nieder. Auf einer Leinwand bewegte sich eine Ansammlung inhaltsloser und widerlich unästhetischer 3D-Animations-Filme und vor uns ein in erstaunlich enge, weiße Klamotten gespreßtes, übergewichtiges Hiphoptussiimitiat, das sich alle Mühe gab, ihren aus den Kleidern quellenden Leib möglichst sexy in Bewegung zu setzen.

Ich wollte nicht gehen. Eigenillusionen und unzerstörbare Hoffnungen waren schon immer dbeutsamer Teil von mir und überzeugten mich auch heute wieder, daß das nächste Lied mein favoristiertes sein würde.
Meine Begleiter jedoch sahen auf ihre Handy-Uhren, mindestens ebenso mißmutig wie ich, hatten sich bereits zu einigermaßen interessanten Rumbsbumsklängen bewegt, doch auch noch keine „Erfüllung“ finden können. Es wurde Zeit zu gehen.
„Noch zwei Lieder.“, meinte A.

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hoffte zwar, doch wußte andererseits auch, daß mein Hoffen auf Gutmusik vergeblich sein würde. Einen letzten versuch wagend floh ich in den „Club“, verweilte wenige Augenblicke, wartete das neue Lied ab und wich erneut enttäuscht. Nun war auch ich bereit zu gehen.
Es war halb vier, als wir heimkehrten, wenig begeistert vom erlebten Schwarzdiskoabend.
Um zehn sollte der Wecker klingeln. Ich hatte zu lernen.

Kurz nach neun rief meine Mami an, hatte Probleme mit ihrem von der Telekom eingerichteten Telefonanschluß, mit der Eumex. Ich konnte nicht weiterhelfen, war noch zu verpeilt, zu gedankenlos, kroch aus dem Bett und begab mich unter die belebende Dusche.
Ein problemlösender Gedanke kroch durch meinen Kopf. Langsam wurde ich wach.
‚Es ist noch viel zu früh.‘, dachte ich und freute mich – blieb doch so mehr effektive Lernzeit für mich.

Weitere Telefonate ereigneten sich, führten zu einer Klärung. Meine Mami hatte in dem Kabelgewirr zwei Enden zueinander geordnet, die nicht zusammengehörten und daraus ein Problem konstruiert, das keines war.

Minuten später. Das Telefon klingelt erneut.
Mein Bruder war bei meiner Mami eingetroffen, kümmerte sich sorgend um die Eumex. Sie funktioniert noch immer nicht, schien defekt, denn trotz scheinbar korrekter Anschlüsse an NTBA und Stromnetz weigerte sich die grüne Diode „T-ISDN“ aufzuleuchten. Ich war ratlos, vermochte am Telefon keine Ferndiagnosen zu erstellen, legte auf.

Eneutes Telefonklingeln.
„Alles in Ordnung.“, sagte mein Bruder, “ Die Telekom ist ein räudiger Drecksverein!“
Das war maßlos untertrieben, hatte doch der Telekom-Installateur den Stromnetzanschluß der Eumex einfach in einen Modem-Anschluß gesteckt. Depp!
Nun schien aber alles zu funkionieren.
„Na hoffentlich.“, meinte ich.

Die Hefter und Bücher lugten zu mir herüber, als wollten sie mir ihre Dringlichkeit verkünden. Ich wandte mich ab und stopfte genüßlich das restliche Frühstück in mich hinein.